2.6 Das Rendezvous

 „Was ist passiert, Anna?“ - „Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir müssen uns schnell mit dieser Jolina Urbanow unterhalten!“ Sie kam mit schnellen Schritten auf mich zu. „Halt, halt, halt!“, sagte ich und hielt sie an ihrem Arm fest. „Bevor wir diese Jo verhören, möchte ich wissen, wer das eben am Telefon gewesen ist und was so schreckliches passiert ist.“ Anna Sterling blieb stehen, sodass ich ihren Arm loslassen konnte, dann schaute sie mich an und nahm meine Hände. „Das war einer der Kollegen, die Jonathan Gane in die Haftanstalt bringen sollten. Sie wissen selbst nicht, wie er es geschafft hat, aber er hat sie überwältigt und ist entkommen. Sie haben seine Spur verloren.“
Fassungslos schaute ich in ihre Augen. Wie konnte das passieren? Wie kann das sein? „Ich will ehrlich sein, Sasha. Ich denke, dass deine Tochter nun in ernsthafter Gefahr ist. Gane weiß, dass wir ihm dichter auf den Fersen sind, als ihm lieb ist. Wir müssen schnell mit dieser Jolina sprechen!“ Ich erkannte, dass Anna recht hatte. Wir verließen ihr Büro und gingen den Flur entlang zum Verhörraum. Ein Agent bewachte die Tür, als er uns sah, ging er jedoch. Wir betraten das Zimmer. Jolina Urbanow saß auf dem Stuhl und hatte sich eine Zigarette angezündet. Der Aschenbecher und der Geruch nach Rauch verrieten, dass es nicht ihre erste Zigarette war, die sie rauchte, seitdem sie hier ist. Sie raucht eine Zigarette nach der anderen. Sie ist nervös. Sie weiß etwas. Sie hat deine Tochter. Anna nahm Platz und ich stellte mich hinter ihren Stuhl. Wir warteten einen Moment, bevor wir anfingen. „Mrs. Urbanow, machen Sie bitte die Zigarette aus.“, forderte ich sie freundlich auf. Die Frau nahm einen letzten Zug und drückte die Zigarette dann im Aschenbecher aus, ehe sie den Rauch langsam in den Raum pustete. „Mrs. Urbanow“, begann ich das Gespräch, wurde jedoch sofort unterbrochen. „Bitte“, warf sie mit ihrem russischen Akzent ein und ihre Stimme klang viel sicherer als noch vorhin vor der Haustür, „nennen Sie mich Jolina.“ Anna warf mir einen skeptischen Blick zu. „Also gut, Jolina. Wir haben Sie beim Haus von Mr. Jonathan Gane gefunden. Was haben Sie dort getan?“ Jolina Urbanow schlug ein Bein über das andere und lehnte sich läßig gegen die Stuhllehne. „Ich wollte dort putzen. Das tue ich jedes Mal wenn ich dort bin.“ Sie lügt. Sie weiß etwas. Sie hat deine Tochter. „Mrs. Urbanow“, fuhr Anna fort, wurde aber unterbrochen: „Sagen Sie Jolina zu mir. Mrs. Urbanow ist meine Großmutter gewesen.“ - „Mir wäre es lieber“, warf Anna ein, „wenn wir bei Mrs. Urbanow bleiben würden. Sehen Sie. Wir haben diese Briefe auf dem Rechner von Gane gefunden. Adressiert sind sie an eine gewisse Jo. Und kurze Zeit später treffen wir Sie an, Mrs. Urbanow. Komischerweise tragen Sie dieses 'Jo' auch im Namen. Wenn Sie mich fragen, ist das kein Zufall.“ Anna Sterling öffnete eine Mappe und legte der Verdächtigen die ausgedruckten Briefe vor. Diese nahm völlig ruhig einen nach dem anderen in die Hand und las sie in aller Ruhe durch. Fein säuberlich legte sie die Briefe wieder auf den Tisch und lehnte sich erneut in den Stuhl. „Und Sie wollen mir jetzt also erzählen, dass ich Jo bin? Hören Sie mal zu. Ich lese diese Briefe zum allerersten Mal. Soll ich Ihnen etwas Arbeit abnehmen? Diese Briefe beginnen mit 'Hallo Jo', nicht mit 'Liebe Jo'. Woher wollen Sie wissen, dass damit eine Frau gemeint ist? Vielleicht ist ja auch ein Mann gemeint. John oder Jonathan. Denken Sie doch mal darüber nach. Und richten Sie dem Polizisten aus, dass mir das mit seiner Tochter Leid tut. Es ist eine tragische Geschichte, aber ich habe sie gerade zum ersten Mal gelesen oder davon gehört.“ Sie lügt. Sie will von sich ablenken. Sie hat deine Tochter. „Wenn Sie erlauben, würde ich nun gerne gehen“, Mrs. Urbanow stand auf und legte sich ihre Jacke über den Arm. „Setzen Sie sich“, forderte Anna auf, doch die Verdächtige reagierte nicht und ging langsam am Tisch vorbei. Ich ballte eine Faust und schlug auf den Tisch. Voller Wut brüllte ich sie an: „Sie sollen sich hinsetzen!“ Jolina Urbanow war sichtlich erschrocken und auch Anna schaute mich verwundert an. Die Frau stämmte ihre Hände auf den Tisch und sah mir tief in die Augen. „Sie befinden sich auf dem Holzweg. Ich bin mir sicher, dass der Polizist möchte, dass seine Tochter schnell gefunden wird. Mit mir verschwenden Sie Ihre Zeit.“ Sie nahm wieder Platz. „Mrs. Urbanow, mein Kollege meint es nicht so. Sie müssen wissen, dass es sich hierbei um seine Tochter handelt. Er ist der betroffene Agent und das geht ihm sehr nahe.“ Die Frau zeigte Verständnis und ich entschuldigte mich widerwillig bei ihr. „Sasha, kann ich dich kurz sprechen?“, Agent Sterling orderte mich nach draußen. Vor der Tür angekommen, fing sie an, auf mich einzureden. „Du musst dich wirklich zusammenreißen. Ich glaube der Frau auch nicht, aber sie wird uns nichts sagen, selbst wenn sie etwas weiß.“ - „Was schlägst du vor, Anna?“ Sie überlegte eine kurze Zeit und schien dann, eine Idee zu haben. „Wir observieren ihr Haus. Wenn Gane wirklich geflohen ist und etwas damit zu tun hat, wird Gane früher oder später bei ihr auftauchen. Sollte er es nicht tun, sondern untertauchen, werden wir ihr Haus durchsuchen. Mrs. Urbanow behalten wir hier, damit sie Gane nicht warnen kann.“ Ich nickte zustimmend und fügte dann hinzu: „Die Observation sollen aber Kollegen durchführen. Ich habe noch eine andere Idee und schließlich haben wir heute Abend ein Rendezvous.“ Anna lächelte und winkte dann einen Kollegen zu uns. „Passt du bitte auf sie auf? Sie muss hier bleiben und darf unter keinen Umständen telefonieren.“ Während der Agent sich auf den Stuhl vor dem Verhörraum postierte, gingen Anna und ich den Gang entlang zu Director Franklins Büro. Wir meldeten uns bei seiner Sekretärin an und mussten einen Moment Platz nehmen, bevor er uns hereinbat.
„Wie kann ich Ihnen helfen, Agents?“ - „Wie kommen Sie darauf, dass Sie uns helfen können?“, scherzte ich, doch er behielt sein ernstes Gesicht. „Sir, wir möchten eine Observation für das Haus unserer Verdächtigen anordnen.“ In kurzen Sätzen erzählten wir ihm von Jolina Urbanow. Als wir fertig waren, starrte er uns fragend an. „Warum wünschen Sie diese Observation? Ist Ihnen die Verdächtige aus dem Verhörraum entflohen?“ Hilfesuchend schaute ich Anna an und bemerkte, dass sie genau so hilfslos zurückblickte. „Nein, Sir.“ Wir zögerten, ehe ich die Initiative ergriff: „Mrs. Urbanow sitzt nach wie vor im Verhörraum. Dort wird sie auch bleiben. Jedoch ist Jonathan Gane entkommen. Er hat die Agents überwältigt und ist geflohen. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass Sie davon noch nicht in Kenntnis gesetzt wurden.“ Seine Mine wurde grimmig und er griff zum Telefon. „Lydia? Rufen Sie die Agenten zusammen, die mit dem Gefangenentransport von Jonathan Gane beauftragt waren. Ich möchte sie allesamt in meinem Büro sehen.“ Lydia war seine Sekretärin, die im Vorzimmer die weniger wichtigen Aufträge des Directors durchführte und ihm tatkräftig unter die Arme griff. Im Kollegium munkelte man häufig, dass die beiden eine Affäre gehabt hätten, Beweise gibt es dafür jedoch nicht. „Fahren Sie fort, Walker!“, er schien schlechte Laune bekommen zu haben. „Wir haben den Verdacht, er könnte meine Tochter bei dieser Jolina untergebracht haben und hätte deshalb nun einen Grund, sie zu Hause aufusuchen.“ Director Franklin nickte verständnisvoll. „Das klingt plausibel. Agent Sterling wird Sie begleiten. Postieren Sie sich vor dem Haus.“ - „Es ist so, Sir...“, ich schluckte etwas verängstigt vor der schlechten Laune des Directors, „dass wir lieber andere Agenten vor dem Haus postieren würden. Ersteinmal würde Gane Agent Sterling und mich sofort erkennen und außerdem würde ich mit Agent Sterling lieber einer anderen Spur nachgehen.“ Seine grimmige Mine wandelte sich zu einem interessierten Blick und auch Anna schaute mich neugierig an, sodass ich guten Gewissens mein Ass aus dem Ärmel schütteln konnte. „Heute Vormittag wurde Enrico Gane auf dem West Village Friedhof begraben. Ich bin mir sicher, dass sein Bruder davon weiß und das Grab besuchen wird. Dort erwischen wir ihn.“ - „In Ordnung. Suchen Sie sich zwei Agenten, die die Observation des Hauses übernehmen und unterrichten Sie mich, sobald es neue Erkenntnisse gibt.“ - „Machen wir, Sir.“

Anna und ich saßen im Auto und fuhren nach West Village. „Ich wäre nie darauf gekommen, auf dem Friedhof zu suchen. Cleveres Kerlchen“, lobte Anna mich. „Ich denke in alle Richtungen. Es geht schließlich um meine Tochter.“ - „Hast du dann heute Abend überhaupt die Nerven, mit mir Essen zu gehen?“ - „Irgendwann müssen wir ja auch mal essen und schlafen. Währenddessen übernehmen andere Agents die Suche. Noch bin ich nicht so besessen, dass ich Tag und Nacht suchen muss. Ich habe da Vertrauen in unsere Agents.“ - „Abgesehen von denen, die Gane haben entkommen lassen.“ - „In meinen Augen trifft diese Männer keine Schuld, Anna. Gane hat sogar Director Franklin überwältigen können. Wir hätten es wissen müssen.“ - „Dort vorn müssen wir abfahren“, Anna deutete auf die Ausfahrt und ich setzte den Blinker.
Wir hielten auf dem Parkplatz vor dem Friedhof und schaltete den Motor aus. Ich war froh, dass es nur ein dienstlicher Besuch auf dem Friedhof war.

Es regnete. Das Wetter spiegelte meine Gefühle wieder. An diesem Tag waren viele Menschen gekommen. Freunde, Familie, aber auch Menschen, die ich nur flüchtig kannte, Menschen aus Sophies Leben. Unsere gemeinsame Tochter Helen hatte ich zu einer Pflegemutter gegeben. Sie sollte nicht dabei sein. Dafür war sie zu jung. Wir standen auf einer Rasenfläche, hatten die Regenschirme aufgespannt. Die Stimmung war gedrückt, das Prasseln des Regens auf den Schirmen untermalte die Worte des Pfarrers, der vor uns stand und redete. Ich hörte ihm zwar zu, war in Gedanken aber abwesend.
Es begann mit einer High-School-Liebe wie in typischen Teeniefilmen. Sie, das Mädchen von den Cheerleadern, und ich, der Sportler, den sie anfeurte, gingen miteinader aus, lernten einander kennen, verliebten uns ineinander. Wir unternahmen viel gemeinsam, lernten sogar gemeinsam für die Schule und machten unseren Abschluss. Unmittelbar nach unserem Schulabschluss, zogen wir in unsere erste gemeinsame Wohnung. Schon zwei Jahre später, entschieden wir uns, zu heiraten. Sophie und ich heirateten sehr früh. Wir hatten nie daran gezweifelt, dass wir füreinander bestimmt sind. Wir waren erst zwei Jahre verheiratet, als Gott uns eine gemeinsame Tochter schenkte – Helen. Viele Freunde beneideten uns um unser frühes Glück. Ich entschied mich, zum FBI zu gehen. Es war ungewöhnlich, bereits so früh in einer Bundesbehörde zu arbeiten, aber bei einem Praktikum war der Director auf mein Talent aufmerksam geworden und schickte mich in eine Spezialeinheit. Sophie kümmerte sich währenddessen um den Haushalt und ihren Babybauch. Immer wieder kamen Freunde zu Besuch, nur um uns Glück zu wünschen. Ich erinnere mich an Sophies Lachen, immer wenn jemand seine Hand auf ihren Babybauch legte, und an die vielen Glückwünsche unserer Freunde. Freunde, die auch an diesem Tag alle beisammen waren.
Tränen rollten über meine Wangen. Nichts ungewöhnliches, stellte ich fest, als ich mich umsah.
Sophie starb bei Helens Geburt. Die Ärzte hätten wirklich alles versucht, konnten sie aber nicht mehr retten. Unsere gemeinsame Tochter, von der wir vorher geträumt haben, konnte ihre Mutter nie kennenlernen.
Der Pfarrer hatte seine Trauerrede beendet und forderte mich auf vorzutreten. Auch Sophies Eltern traten vor. Wir stellten uns an den Sarg, ein jeder bekam eine Blume in die Hand und durfte Sophie diese in den Sarg legen. All die Verwandten, Freunde und Bekannten, traten nun an den Sarg, um mir und Sophies Familie ihr Beileid auszusprechen und sich in aller Ruhe von Sophie zu verabschieden. Nachdem alle wieder hinter mir standen, drehte ich mich zu ihnen um. „Sophie ist viel zu früh aus dem Leben geschieden“, sagte ich und weinte. Ich versuchte klare Gedanken zu fassen. „Wir träumten von einem großen Haus. Einem gemeinsamen Kind. Wir träumten vom Gemeinsam-alt-werden. Von den vielen Abenden, die wir gemeinsam an Helens Bett verbracht hätten, um ihr vorzulesen. Von den vielen Kindergeburtstagen, die wir mit ihr feiern würden. Wir träumten von dem Tag, an dem sie auf uns zukommt und sich ein Pony wünscht, seitdem das Ultraschallbild gezeigt hat, dass es ein Mädchen werden würde.Wir träumten von unserer großen Weltreise, ein Traum, den wir seit unserer Jugend hatten, von den ersten Zähnen bei Helen oder ihr strahlendes Lächeln, wenn ein Freund der Familie als Weihnachtsmann verkleidet am Weihnachtsabend in unser Wohnzimmer kommt. Ich werde nie verstehen, warum Gott uns eine Tochter schenkt und nur einen Augenblick später das Leben ihrer Mutter nimmt. Es gibt viele Dinge, die wohl keiner von uns je verstehen wird, Dinge, die wir hinterfragen müssen. Aber eines werde ich niemals in Frage stellen... Dass ich Sophie nie im Leben vergessen werde.“ Ich drehte mich zu Sophie um und legte noch eine letzte Blume in den Sarg.
Anschließend wurde der Sarg verschlossen. Ein letztes Mal sah ich ihr Gesicht, bevor der Deckel geschlossen wurde. Ich trat zurück, der Sarg wurde angehoben und in das Grab herabgelassen. Ein Moment der Trauer. Ein Abschied auf unbestimmte Zeit. Nicht nur mich berührte dieser Moment. Es war der schwerste Abschied, den man im Leben nehmen muss. Nicht wie der Abschied, wenn die Mutter am Abend nach Hause fährt, oder man seine Freunde für eine Weile nicht sieht, weil sie in den Urlaub fahren. Ein Abschied, für den Rest des Lebens, ohne auch nur die Möglichkeit offenzuhalten, sich wiederzusehen, weil man es sich so sehr wünscht. Ein Moment, den jeder irgendwann im Leben mindestens einmal durchleben muss und ein Moment, der selbst wenn man ihn fünf- oder zehnmal durchlebt, jedes Mal schmerzhaft und traurig sein wird. Ein Moment, den man niemals vergessen kann.
„Sasha, du weinst ja.“, stellte Agent Sterling fest und riss mich aus meinen Gedanken. Sie war schon aus dem Wagen ausgestiegen und schaute nun verwundert durch die offene Tür, warum ich nicht ausstieg. „Tut mir Leid. Ich hab an Sophies Beerdigung gedacht.“ - „Das tut mir Leid, Sasha. Möchtest du im Wagen bleiben? Dann geh ich allein zum Grab“, bat sie mir entgegenkommend an. „Nein, ist schon in Ordnung. Ich komme mit.“ Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und stieg aus. Gemeinsam betraten wir den Friedhof, gerade als die Glockenuhr 18 Uhr schlug. Einige Menschen saßen vor den Gräbern. Sie weinten, legten Blumen auf das Grab und sprachen leise ihre Gebete. Ich versuchte, mich zu beherrschen, um nicht zu weinen. Am Grab von Enrico war niemand. „Meinst du, er kommt noch?“, fragte Anna mich. Ich warf einen Blick auf meine Uhr und entgegnete dann: „Wir haben noch ein bisschen. Wir halten uns hier in der Nähe auf. Wenn er kommt, schnappen wir ihn, wenn nicht, gehen wir.“ Sie nickte und wir trennten uns, gingen einige Grabreihen auseinander und behielten das besagte Grab im Auge.

Die Zeit verging schleppend. Irgendwann winkte ich Anna zu und brach die Aktion ab. „Wir haben keine Zeit mehr und es wird langsam dunkel. Ich denke nicht, dass er heute noch kommt. Lass uns gehen.“ Wir gingen zurück zum Auto und fuhren zurück in die Stadt, um dort wie versprochen gemeinsam zu essen.
Der Kellner nahm uns unsere Jacken ab und führte uns dann zu unserem Tisch. Auf dem Tisch stand eine Kerze, zwei Teller, neben denen Besteck lag, verschiedene Weingläser und eine Vase mit einer weißen Rose. Ich zog den Stuhl zurück, damit Anna Platz nehmen konnte und setzte mich dann ihr gegenüber. Man brachte uns die Karten und wir öffneten sie. Während ich mir relativ schnell sicher war, was ich essen würde, überlegte Anna eine ganze Weile, bevor sie die Karte zuklappte. Wir bestellten Getränke und unser Essen, bevor ich das Wort ergriff.
„Anna, du warst heute in deinem Büro irgendwie seltsam.“ - „Wundert dich das, nachdem ich erfahren habe, dass Gane entkommen ist?“ - „Nein, Nein. Noch vor dem Anruf. Was war da mit dir los? Du wirktest so nervös.“ Anna erinnerte sich zurück, ehe sie antwortete: „Weißt du Sasha... Ich will ehrlich zu dir sein. Ich war nervös. Mein letztes Rendezvous ist schon eine ganze Weile her. Ich habe seit Ewigkeiten kein Date mehr gehabt und die Tatsache, dass wir heute Abend ausgehen würden, hat mich einfach nervös gemacht.“ Ich schaute sie an. „Bist du dir sicher, dass das alles war? Du warst nur wegen unseres Treffens so nervös?“ - „Soll ich mich ernsthaft wiederholen?“ Ich schaute sie fragend an und sie erwiderte meinen Blick, bevor sie sagte: „Zweifeln Sie an meiner Glaubwürdigkeit, Mr. Walker?“ Wir lachten. Ein Kellner unterbrach unser Gespräch und schenkte uns einen Wein ein. „Weißt du, Anna, auch ich hatte seit Ewigkeiten kein Date mehr. Der Tod von Sophie hat mich so aus der Bahn geworfen, dass ich eine ganze Weile überhaupt gar keine Frauen mehr privat getroffen habe.“ Anna schaute mich an und ihr Blick verriet mir, dass sie mir nicht glaubte. „Sehr zum Ärgernis meiner Mutter“, fügte ich scherzend hinzu und brachte sie so zum lachen. Wir unterhielten uns eine Weile über Gott und die Welt, lachten viel gemeinsam, tranken den Wein und stellten die ein oder andere Gemeinsamkeit fest. Dann wurde das Essen serviert.
Auch während des Essens unterhielten wir uns ein wenig, achteten dabei aber stets darauf, nicht mit vollem Mund zu reden. „Wenn du einmal Urlaub machen könntest, wo du willst, wo würdest du hinfliegen?“, fragte ich sie irgendwann aus Interesse. „Ich habe nächste Woche Urlaub. Es ist zwar kein Traumziel, aber ich fliege nach Venezuela. Ich würde viel lieber Europa entdecken, London, Paris, Rom, aber dank eines Zufalls muss ich mit Venezuela vorlieb nehmen. Könnte ich wirklich frei entscheiden und es bezahlen, würde ich tatsächlich nach Europa fliegen. Eine Freundin von mir hat mir so viel aus Europa erzählt. Es soll wirklich schön gewesen sein. Seitdem träume ich davon, auch irgendwann einmal nach Europa zu fliegen.“ Sie lächelte.
Ich beantwortete ihr die selbe Frage und wir unterhielten uns weiter. Irgendwann war das Essen aufgegessen, der Wein war leergetrunken und der Abend klang langsam ab. Wir bezahlten die Rechnung und verließen das Restaurant. „Wir sind ja nur mit einem Wagen gekommen, also fahre ich dich nach Hause, in Ordnung?“, fragte ich Anna. Sie nahm meine Hände und lächelte mich an, dann küssten wir uns. Es war ein langer, leidenschaftlicher Kuss, der in einen langen Blick überging. „Ich fahre dich nun nach Hause.“

Ich hielt vor ihrem Haus an. „Soll ich dich nach drinnen begleiten?“ Ich schaute sie erwartungsvoll an. Vielleicht war es der männliche Trieb, der seit langer Zeit die Oberhand über mich ergriff. Abermals nahm Anna meine Hände und gab mir einen Kuss. „Weißt du, Sasha, es war wirklich ein schöner Abend und ich muss zugeben, dass ich dich echt gern habe. Aber ich möchte nicht, dass du mit rein kommst. Nächstes Mal nimmst du mich einfach mit zu dir, in Ordnung?“ Ich zeigte Verständnis und entschuldigte mich verlegen. Sie gab mir noch einen Kuss und ging dann in ihre Wohnung. Ich wartete noch, bis sie ihre Tür geschlossen hatte und in der Wohnung das Licht anging, dann fuhr ich los.

Es war schon wieder früher morgen. Nachdem ich Anna abgesetzt hatte, bin ich heimgefahren und habe mich ins Bett gelegt. Seit Stunden liege ich nun wach im Bett und denke nach, versuche, die Gedanken zu diesem Fall zu ordnen, als mein Handy einen Benachrichtigungston von sich gab – eine SMS. Ich rappelte mich vom Bett auf, um mein Handy zu holen, das auf dem Schreibtisch lag und las die SMS.

Es war zuckersüß, wie Sie mit Agent Sterling bei Tisch saßen. Ich hoffe Sie haben Ihr Essen genossen. Beinahe zeitgleich hat auch Ihre Tochter zu essen bekommen. Aber ich bin sicher, sie hatte nur halb so viel Spaß an diesem Abend, wie Sie, Agent Walker. Deshalb hat es auch viel mehr Spaß gemacht, Ihnen im Restaurant zuzusehen. Ich bin sicher, dass wir bald wieder voneinander hören. Ich wünsche Ihnen noch eine Gute Nacht. Jonathan Gane


Sofort wählte ich Annas Nummer, es dauerte jedoch eine Weile, bis sie den Anruf entgegennahm. „Anna? Gane. Er war im Restaurant. Er hat uns beobachtet.“

Fortsetzung folgt....

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