2.7 Die Lage spitzt sich zu

Da ich in dieser Nacht nicht mehr schlafen konnte, war ich bereits früher als üblich im Büro. Als Director Franklin am Morgen ins Büro kam, ging er zunächst mit einem verwunderten Blick an mir vorbei, drehte sich dann jedoch um und schaute mich an. „Okay Walker, was machen Sie hier? Gefällt Ihnen Ihr zu Hause nicht?“ Ungewöhnlicherweise schien der Director an diesem Morgen gute Laune zu haben, dennoch konnte ich über seinen Witz nicht lachen. „Hören Sie, Sir. Agent Sterling und ich waren gestern gemeinsam essen. Mitten in der Nacht erhielt ich eine Nachricht auf mein Handy. Sie war von Gane. Das Gute ist, dass meine Tochter noch lebt, denn er hat geschrieben, dass sie zur gleichen Zeit wie wir gegessen hat. Die schlechte Nachricht ist, dass Gane uns im Restaurant beobachtet hat. Er war dort und Anna und ich haben nichts bemerkt. Unmittelbar nach der Nachricht habe ich Anna aus dem Schlaf geklingelt.“ - „Habe ich meinen Namen gehört?“, Agent Sterling kam mit einem munteren Lächeln ins Büro. „Walker erzählte mir nur gerade von Ihrem Rendezvous und der Nachricht von Gane, der im selben Restaurant wie Sie unbemerkt speisen konnte. Möchten Sie die Geschichte weitererzählen, Sterling?“ - „Lieber nicht, Sir. Ich kann mich kaum noch an den Anruf von Sasha erinnern, schließlich hat er mich mitten in der Nacht geweckt“, entgegnete Anna. „Wenn Sie erlauben, fahre ich fort“, ergriff ich wieder das Wort, „Anna war sehr verschlafen und ging kaum auf meine Aussagen ein, sodass wir beschlossen, heute im Büro darüber zu reden. Schlafen konnte ich nach dieser Nachricht jedenfalls nicht mehr, weshalb ich direkt ins Büro gefahren bin und versucht habe, das Handy zu orten.“ - „Hatten Sie Erfolg?“ - „Leider nicht, Sir. Das Handy wurde nach dieser Nachricht ausgeschaltet. Allerdings konnte ich den Standort des Handys zum Zeitpunkt der Nachricht zurückverfolgen. Sie wurde aus der Nähe des Restaurants versendet, was allerdings nur bestätigt, dass er wirklich in dem Restaurant war.“ - „Also kommen wir nicht weiter?“ Ich schüttelte den Kopf. „Wie gehen wir weiter vor?“ - „Ich denke, dass es einige Anlaufstellen gibt, die wir unbedingt überwachen sollten. Das Grab des Bruders, die Wohnung von dieser Jolina, sein eigenes Haus, vielleicht auch noch das Haus, in dem wir Sie gefunden haben, Director. Außerdem schrieb er in einem seiner Briefe, dass er etwas in Maracaibo gefunden habe, was er und diese Jo schon lange suchen würden. Wir sollten auf jeden Fall die Flughäfen in der Nähe kontrollieren, ob Gane sich nach Maracaibo absetzen möchte.“ - „Ihren Ehrgeiz in aller Ehre, aber wie stellen Sie sich das vor? Ich kann nicht das komplette FBI nur hinter diesen Fall hängen. Es gibt auch noch andere Fälle in dieser Stadt, die die Klärung durch das FBI bedürfen.“ Er stellt sich quer. Er will dir nicht helfen. Ihm ist das Leben deiner Tochter egal. Er will sie sterben lassen. Ihm sind die anderen Fälle wichtiger. Einfache Morde an einfachen Menschen. Menschen, die keiner kennt, die von keiner Wichtigkeit für das FBI sind. Es folgte eine kurze Pause, bevor der Director fortfuhr und so einen Wutausbruch meinerseits unterband: „Verstehen Sie mich nicht falsch, Walker. Es ist von enormer Wichtigkeit, dass wir Ihre Tochter finden und Gane endlich festnehmen und ich bin bereit, Sie so gut es geht auch persönlich zu unterstützen, aber wir können nicht alle Agents hinter einen Fall stellen. Ich werde kurz in meinem Büro telefonieren, werde Ihnen Unterstützung für die Observationen beschaffen und Lydia damit beauftragen, Fotos von Gane an die Flughäfen und Bahnhöfe hinauszuschicken. Ich werde an andere Behörden die Dringlichkeit dieses Falles weitergeben, sodass die Fahndung wirklich oberste Priorität bei allen freien Einheiten der Stadt bekommen wird. Ich möchte, dass Sie, Agent Walker, die Hintergründe von Ganes Leben noch einmal durchforsten. Er beschreibt in seinen Briefen irgendein Ereignis, das ihn anscheinend sehr geprägt hat. Finden Sie alles hierüber heraus.“ Sofort zeigte Anna Sterling Einwände. „Sir, soll ich das nicht eher übernehmen? Ich meine... Agent Walker ist Agent einer Spezialeinheit und ist im Außeneinsatz sicher besser aufgehoben. Außerdem liegt es sicher in seinem Interesse, aktiv an der Suche nach Gane teilzunehmen.“ - „Ihre Argumente sind gerechtfertigt, Sterling. Aber ich möchte, dass Sie mich begleiten. Wir werden uns noch einmal mit Mrs. Urbanow unterhalten und ich möchte, dass es in diesem Gespräch auch eine Frau als Ansprechpartnerin gibt. Da Sie bereits bestens mit dem Fall vertraut sind und Mrs. Urbanow Sie bereits kennt, bietet sich dies hervorragend an.“ Murrend stimmte Anna Sterling ihm zu und ich kam endlich zu Wort: „Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden, was die Observationen und das Verhör angeht, Sir.“ - „Selbstverständlich. Und Sie informieren mich, sobald Sie etwas gefunden haben, Walker.“ Der Director ging in sein Büro und Anna blieb mit mir zurück. Sie schaute mich an. „Sasha, es war ein wirklich schöner Abend gestern. Mich ärgert es, dass wir Gane nicht bemerkt haben, obwohl er im selben Restaurant war. Ich bin mir sicher, dass dich das noch viel mehr ärgert, aber du solltest dir keine Vorwürfe machen.“„Du solltest dir keine Vorwürfe machen, Schatz. Du kannst doch auch nichts dafür, dass der Konditor seinen Terminplan durcheinander gebracht hat. Natürlich wird es stressig, wenn wir die Hochzeitstorte erst kurz vor Eintreffen der Gäste abholen müssen, aber wir schaffen das.“ Sophie nahm meine Hände und lächelte mir ermutigend zu. „Du hast Recht. Wir schaffen das!“
Es war der Tag unserer Trauung und der Konditor hat seine Termine durcheinandergebracht, sodass wir unsere Hochzeitstorte nicht zum vereinbarten Zeitpunkt abholen konnten. „Weißt du, wie wir nun vorgehen? Wir rufen beim Floristen an, ob er den Strauß bereits vorher fertigstellen kann, sodass wir die entstandene Lücke einfach füllen.“ Dies war einer der Gründe, warum ich mir sicher war, dass ich mit Sophie die richtige Frau heiraten würde – ihre Spontaneität und ihren Optimismus, die Kraft aus allem immer das Beste zu machen. Sie nahm ihr Handy und wählte die Nummer des Floristen, bevor sie mir das Telefon in die Hand drückte. „Ich muss noch meine Haare waschen, bevor es losgeht“, entschuldigte sie sich und verschwand. „Guten Tag, hier ist Sasha Walker. Meine Frau Sophie hatte ihren Brautstrauß bei Ihnen in Auftrag gegeben und wir sollen den heute abholen. Durch einen doofen Zufall verschieben sich die Termine bei uns etwas und ich wollte Sie fragen, ob Sie es schaffen würden, den Strauß schon in einer Stunde fertiggestellt zu haben? - Wirklich? Das ist super! Dann holen wir den Strauß in einer Stunde bei Ihnen ab. Vielen Dank!“ Sophie kam mit einem Handtuch um den Kopf gewickelt aus dem Bad und schaute mich fragend an. Ich brauchte nur zu nicken, um ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ein wunderschönes Lächeln...


Anna lächelte mir zu und ging dann ebenfalls, sodass ich meiner Aufgabe nachgehen konnte. Ich setze mich an den Computer und begann nach dem Namen Jonathan Gane zu recherchieren. Ich fand viele Artikel über den aktuellen Fall, vom Serienkiller Jonathan Gane, vom Psychokiller Jonathan Gane, vom Vergewaltiger und Entführer Jonathan Gane. Artikel, die Jonathan Gane als einen Gamer darstellen, der mit den Bundesbehörden ein Spiel treibt. Ein Artikel stellte sogar die Frage, ob Jonathan Gane der „neue Staatsfeind Nummer 1“ werden könnte. Kann er nicht. Er ist es schon - zumindest für mich. Oft wurde auch mein Name genannt. Jedoch wurde ich immer als der gute Agent dargestellt, der seinen Bruder und Komplizen Enrico zur Strecke gebracht hat. Dass ich dabei ein Baby getötet habe, wird mit keinem Wort erwähnt. „Du sollst dir keine Vorwürfe machen“, hallte es durch meinen Kopf. Sophie hatte mich immer ermutigt. Sie war ein optimistischer Mensch, der nie die Hoffnung aufgab. Dass sie bei der Geburt unserer Tochter sterben würde, daran hat sie wahrscheinlich nicht einmal während der Geburt gedacht. Ich wünschte, ich hätte ihren Optimismus. Er würde mir die Kraft geben, nach vorne zu sehen, objektiv zu bleiben und die Hoffnung zu behalten, dass ich Helen irgendwann wiedersehen könnte.
Ich forschte weiter, suchte aus Interesse nach dem Namen Enrico Gane. Im Gegensatz zu seinem Bruder wurde ihm nur selten die Schuld an den Vergewaltigungen zugesprochen. Es schien als würde man die Schuld nach seinem Tod einfach seinem Bruder in die Schuhe schieben.
Ich verallgemeinerte meine Suche und suchte nach dem Namen Gane. Es waren viele Artikel über die Vergewaltigungen dabei, eine Website von einer Aktiengesellschaft und dem Leader einer Rockband. Beim Überfliegen der Artikelübersicht stieß ich plötzlich auf eine Patientenakte aus einem Krankenhaus, die jedoch schon mehrere Jahrzehnte alt ist. Sie weckte mein Interesse, weshalb ich sie öffnete und las.


Es war bereits später Nachmittag, der Tag war wie im Flug vergangen. Immer wieder hatte ich bei den Kollegen angerufen, um mir Ergebnisse über die Observationen zu holen, ohne Erfolg.
Director Franklin kam in mein Büro. „Walker, haben Sie etwas gefunden?“ Triumphierend verkündete ich ihm meine Ergebnisse:
„Etwa 90% aller Artikel, die ich durchblättert habe handeln von den aktuellen Geschehnisse, die in unmittelbare Verbindung mit dem Namen Gane gebracht werden. Artikel, die von mehr oder weniger seriösen Presse- und Websiteagenturen kommen und dementsprechend viel hinzuerfinden. Dass bei meinem finalen Schuss ein Säugling ums Leben gekommen ist, wird jedoch auf keiner Seite erwähnt.“ - „Wenn Sie erlauben, sage ich kurz etwas dazu. Sie haben das Kind nicht gesehen und konnten nichts dafür, was letztendlich passiert ist. Sie haben eine Kollegin in Gefahr gesehen und das einzig richtige getan. Zweifeln Sie nicht daran, das könnte schwere Auswirkungen auf Ihre Karriere haben. Ein Freund von mir, ehemaliger Agent, fing auch irgendwann an, an der Richtigkeit seiner Taten zu zweifeln. Irgendwann empfand er es als falsch, Menschen zu erschießen, selbst wenn es aus Notwehr war. Er nutzte seine Waffe nur noch als Druckmittel, um die Verbrecher zum Aufgeben zu zwingen, erschießen wollte er sie jedoch nicht mehr. Eines Tages kam es zu einem Feuergefecht, bei dem er absichtlich daneben schoss. Er wollte den Verbrecher einschüchtern, nicht etwa verletzen. Er hat mit diesem Vorgehen nicht nur sich selbst in Gefahr gebracht.“ - „Und anschließend wurde er suspendiert?“ - „Leider nicht. Er wurde in diesem Gefecht erschossen. Ich möchte nicht, dass sie irgendwann Probleme kriegen. Machen Sie sich keine Vorwürfe, Walker.“ Diese Worte ermutigten mich wieder und ich fuhr fort. „Zu diesen Artikeln kamen etwa 9% von Artikeln, die nichts mit unserem Gane zu tun hatte. Schließlich stieß ich auf eine Patientenakte. Sie ist schon etwas älter und dürfte somit aus Ganes Kindheit stammen. Es geht hier um Zwillinge mit dem Namen Gane. Sie wurden massiv vergewaltigt und dabei schwer verletzt. Ich habe mir die Fallakten von der Polizei besorgt. Wie es aussieht konnte der Täter nicht ermittelt werden. Es soll noch ein drittes Opfer gegeben haben, ein Mädchen, das aber weder in der Krankenakte noch in irgendeiner anderen Akte auftaucht. Man ging damals davon aus, dass das Mädchen dieses Verbrechen nicht überstanden hat, ihre Leiche konnte man jedoch auch nicht finden. Ich denke, dass man keine Leiche finden konnte, weil dieses Mädchen nicht tot ist. Die Gane-Zwillinge waren damals 15 Jahre alt, das vermisste Mädchen soll gerade einmal 6 Jahre alt gewesen sein. Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei um die in den Briefen genannte Jo handelt.“
- „Lassen Sie mich direkt anschließen. Die gesuchte Jo ist nicht die Jolina Urbanow, die in unserem Verhörraum sitzt. Wenn es stimmt, was sie vermuten, kann sie es gar nicht sein. Die Frau ist 25 Jahre alt. Wenn Gane vor 24 Jahren vergewaltigt worden ist, ist sie zu jung für das dritte Opfer. Außerdem erscheint sie mir viel zu selbstsicher, als dass sie irgendwann mal ein Vergewaltigungsopfer gewesen sein könnte. Außerdem ist sie erst vor wenigen Jahren in die Staaten gekommen und hat vorher in Osteuropa gelebt. Ich denke nicht, dass sie die gesuchte Jo sein kann. Tut mir Leid, Walker.“ Verzweiflung machte sich in mir breit. „Also sind wir wieder am Anfang?“ Ich schaute Director Franklin an und auch das letzte bisschen Hoffnung verschwand aus mir. „Ich rufe die Agents an, die Mrs. Urbanows Haus observieren. Die Observation kann abgebrochen werden. Das Grab und seine Häuser werden weiterhin überwacht. Gehen Sie nach Hause, Walker. Sie haben etwas Schlaf nachzuholen.“
Weil ich wusste, dass jeder Widerspruch zwecklos wäre, packte ich meine Sachen zusammen und fuhr nach Hause. Als ich mich aufs Bett legte, dauerte es nur Sekunden, bis ich einschlief.


Viel weiter kamen wir auch in den nächsten Tagen nicht. Pünktlicher Arbeitsbeginn und rechtzeitiger Feierabend waren nur noch Richtlinien, an die sich kaum noch einer hielt, weder Agent Sterling, noch Director Franklin und ich schon gar nicht. Trotzdem tappten wir im Dunkeln, hatten keine Spur. Die Flughäfen waren schon genervt, weil jeden Tag mindestens zweimal per Anruf gefragt wurde, ob es etwas Verdächtiges geben würde – Nichts. Seitdem wir unsere Verdächtige Jolina Urbanow gehen lassen mussten, waren vier Tage ohne neue Erkenntnisse vergangen, die Observationen wurden abgebrochen, uns fehlte eine Spur. Das typische Entführergespräch, bei dem der Entführer anrief und ein Lösegeld oder andere Forderungen stellte, blieb aus, Gane blieb verschwunden, obwohl wir alles versuchten. Während Anna Sterling mit jeder Überstunde etwas mehr ihrem Urlaub entgegenfieberte, plagten mich Schuldgefühle und auch an ein weiteres Rendezvous mit Agent Sterling war im Moment nicht zu denken.
Die Tage vergingen schneller als mir lieb war. Jeder Tag ohne Lebenszeichen von meiner Tochter, nahm mir die Hoffnung, dass sie überhaupt noch lebte. Director Franklin hatte mittlerweile auch die Polizei von Maracaibo informiert und ein Bild von Gane an das in den Briefen genannte Hotel geschickt. Mittlerweile suchte man auch öffentlich und mit Unterstützung der Medien nach Gane – ohne Erfolg. Ein weiterer langer Tag nahm sein Ende. Director Franklin ging mit seinem Mantel über seinen Arm gelegt an meiner offenen Bürotür vorbei. Nur im Schein meiner Schreibtischlampe schaute ich mir Bilder von Helen an. Ihr erster Tag im Kindergarten, ihr Kindergeburtstag, als wir im Zoo waren und sie einen Elefanten streichelte. Bilder, die sie mit ihrer Tagesmutter zeigten. „Ihre Tagesmutter“, schreckte ich aus meinen Gedanken. „Walker, machen Sie Feierabend, ich gehe nun auch. Wir können morgen weitermachen.“ Ich machte mir schnell eine Notiz und schaltete dann meine Schreibtischlampe aus, um das Büro zu verlassen. Auch Anna schloss gerade ihre Bürotür ab, sodass wir drei gemeinsam zum Fahrstuhl gehen konnten. Während der Fahrstuhl nach unten fuhr, redeten wir kein Wort, nur der Director summte leise vor sich hin. PLING. Wir waren in der Lobby angekommen und stiegen aus dem Fahrstuhl. Es war ruhig, die Empfangsdame am Tresen lag in ihren Stuhl gelehnt und las ein Buch, das Licht war gedimmt. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie kalt der Marmorboden in der Lobby wirkte. Unsere Schritte schienen durch die Stille der Empfangshalle zu schallen, die Empfangsdame schaute kurz zu uns und wünschte uns eine gute Nacht, bevor die Stille wiederkehrte. Als wir auf halber Strecke zum Ausgang waren, durchbrach ein Klirren die Stille. Eines der riesigen Fenster zersplitterte, es gab einen Knall, plötzlich war überall Rauch. Die Empfangsdame schrie, Director Franklin, Anna und ich gingen auf dem Boden in Deckung. Auf einmal fielen Schüsse aus einer Maschinenpistole. Man hörte sie in die Wand einschlagen, hörte, wie manche Querschläger an der Wand abprallten. Wir hatten uns hinter den Säulen in Sicherheit gebracht. Ein Schuss traf die Säule, hinter der ich mich versteckte. Ich hörte, wie etwas von der Säule abbröckelte. Ich tastete nach meiner Waffe und griff ins Leere. Sie lag noch im Büro. Director Franklin hatte das Gegenfeuer eröffnet. Patronen fielen auf den Boden. Der Feueralarm im Gebäude ging los. Der Rauch verdünnte sich langsam. Die Schüsse der Maschinenpistolen verschwanden aus der Geräuschkulisse. Director Frankling gab noch zwei Schüsse ab, dann hörte auch er auf zu feuern. Man hörte das Aufheulen eines Motors, quietschende Reifen. PLING. Die Fahrstuhltür ging auf und einige schwerbewaffnete Agents kamen aus dem Fahrstuhl und sicherten die Lobby. „Sind alle wohlauf?“, rief der Director, während er die Waffe zurücksteckte. Eine Frauenstimme erklang, doch es war nicht Annas: „Mir geht es den Umständen entsprechend gut.“ Es war die Dame vom Empfang, die sich vom Boden aufrappelte. „Ich bin auch okay“, ließ ich den Director wissen und wartete dann auf eine Antwort von Anna. „Und ich bin mit den Nerven am Ende“, ertönte ihre Stimme. Sie war unverletzt. „Sterling, Sie haben übermorgen ohnehin Urlaub, gönnen Sie sich diesen einen Tag noch etwas Ruhe. Walker, ich finde keine andere Erklärung für diesen kranken Anschlag. Ich denke, er galt Ihnen. Gane meint es ernst. Er will Ihr Leben. Ich möchte Ihnen die Mitarbeit an diesem Fall nicht nehmen, aber passen Sie gefälligst auf. Sie sehen, wozu der Kerl in der Lage ist. Morgen möchte ich Sie hier nicht sehen, verstanden?!“ Ich wollte mit Anna reden, doch als ich aufgestanden war, bemerkte ich, dass sie bereits verschwunden war.
Als ich zu Hause auf dem Bett lag, wählte ich Annas Nummer. Es war besetzt. Auch als ich es eine Stunde später versuchte, bekam ich kein Freizeichen. Ich zerbrach mir den Kopf über das, was der Director gesagt hatte. Ich stimmte zu, dass der Anschlag mir galt. Umso mehr beunruhigte es mich, dass er nicht versuchte zu verhandeln. Das Leben meiner Tochter gegen mein Leben zu tauschen. In diesem Moment zweifelte ich daran, dass sie noch leben würde. An diesem Abend weinte ich mich in den Schlaf.


Es war der nächste Morgen. Erst jetzt realisierte ich, was heute Nacht in der Empfangshalle des FBI passiert ist. Ich griff zu meinem Handy und wählte Annas Nummer, doch noch bevor ich anrief, legte ich das Handy zur Seite. Es fühlte sich falsch an, sie jetzt anzurufen, sodass ich entschloss, mich nicht von ihr zu verabschieden, bevor sie in den Urlaub flog. Plötzlich fiel mir wieder ein, was mir gestern im Büro noch eingefallen war. Ich nahm mein Handy wieder in die Hand und wählte die Nummer von Helens Tagesmutter. Auch nach mehreren Versuchen konnte ich niemanden erreichen.
Unerwartet klingelte mein Handy. Es war kein Anruf, nur eine Benachrichtigung. Ich empfing eine MMS, eine Nachricht, die ein Bild enthielt. Während das Bild heruntergeladen wurde, las ich den beistehenden Text.

Die Polizei hat auch schon mal bessere Arbeit geleistet. Die Herrschaften am Flughafen haben mich nur etwas doof angeschaut, fliegen durfte ich trotzdem. Was so ein gefälschter Pass und eine Verkleidung alles anrichten kann. Liebe Grüße aus Maracaibo, Jonas Gain alias Jonathan GaneDas Bild wurde angezeigt. Es zeigte den Oasis Club in Maracaibo. Fassungslos starrte ich auf das Display. Plötzlich kam noch eine Nachricht.Heute Nacht sollte übrigens niemand sterben. Ich wollte nur ein wenig Ablenkung schaffen, damit ich am frühen Morgen in aller Ruhe fliegen konnte. Grüßen Sie Agent Sterling, falls Sie sie vor ihrem Urlaub noch sehen. Und um die Frage zu beantworten, ob es ihrer Tochter gut geht: Noch geht es ihr gut. Aber noch habe ich sie auch nicht wiedergesehen. Ich habe hier noch etwas zu erledigen. Ich möchte anschließend gern mit Ihnen verhandeln. Machen Sie also keine Dummheiten.


Gegen die Anweisungen des Directors zog ich mich an und fuhr doch ins Büro. Während etwa 20 Menschen in der Empfangshalle aufräumten und die Schäden reparierten, stand ich unruhig im Fahrstuhl. PLING. Die Tür ging auf und ich ging mit schnellen Schritten zum Büro des Directors. Im Warteraum saß Lydia am Schreibtisch und durchblätterte einige Akten. Als ich die Tür aufstieß schaute sie mich an. „Guten Morgen“, grüßte sie mich, doch als ich geradewegs auf die Tür zum Büro zu ging, sprang sie von ihrem Stuhl auf und versperrte mir den Weg. „Haben Sie einen Termin?“ - „Nein, aber neue Erkenntnisse.“ - „Ich melde Sie an, bitte nehmen Sie einen Moment Platz.“ Sie zeigte auf das Sofa, auf dem ich Platz nehmen sollte. Nur widerwillig tat ich, was sie sagte. Sie drückte die Kurzwahltaste auf dem Telefon und meldete mich beim Director an. Anschließend durfte ich hinein.
„Director Frankling, bevor sie auf mich einreden, weil ich nicht hier sein sollte, hören Sie mir bitte zu. Gane hat sich bei mir gemeldet. Er ist bereits in Maracaibo und wie es aussieht, ist auch diese Jo auf dem Weg zu ihm und mit ihr meine Tochter. Er hat sich eine falsche Identität zugelegt und ich denke, dass für Jo und meine Tochter dasselbe gilt. Ich habe mich in der Empfangshalle umgesehen. Die Schüsse waren viel zu hoch angesetzt. Selbst wenn wir nicht in Deckung gegangen wären, wären die Kugeln über unsere Köpfe hinweg gegangen. Man wollte uns nicht verletzen, nur beschäftigen.“ - „Sie verwundern mich immer wieder, Walker. Lassen Sie uns nicht lange schwafeln. Was haben Sie vor?“ - „Gane ist bereit zu verhandeln. Ich werde ebenfalls nach Maracaibo fliegen und mir dort ein Team von Agenten zusammenstellen. Ich möchte mich persönlich um die Sache kümmern. Zuvor möchte ich allerdings einer anderen Spur nachgehen. Es ist nur ein Verdacht und es mag etwas weit hergeholt sein, aber es beschäftigt mich, sodass ich der Spur gern nachgehen würde.“ - „Tun Sie, was immer nötig ist, Walker. Ich telefoniere mit den Kollegen in Maracaibo und kündige Sie an.“ Ich bedankte mich bei dem Director und verließ dann, mit einem Fünkchen neugewonnener Hoffnung sein Büro.

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Seid ihr dem Täter auch auf der Spur? Wenn ihr den Fall bereits durchschaut habt, habt ihr die Möglichkeit, das Storyfinale schon vor Veröffentlichung zu lesen. Ihr müsst dafür nur den Täter entlarven. Schreibt in 3 oder 4 Sätzen, wer diese/r Jo sein könnte, wo sie oder er Helen versteckt gehalten hat und findet in der bisherigen Geschichte Indizien dafür. Sendet euren begründeten Verdacht über das Kontaktformular (ihr findet es rechts in der Navigationsleiste) und vergesst nicht, eure E-Mail Adresse anzugeben, und mit etwas Glück könnt ihr das Storyfinale schon vor allen anderen lesen!
Viel Glück! 

Kommentare:

  1. Also ich hab noch keinen Plan....will aber weiterlesen :-)

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    1. Du kannst ja noch ein bisschen überlegen. Bis zum Wochenende hast du noch Zeit! :P

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