2.8 Das perfekte Verbrechen

Ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch und griff nach dem Telefon. Nach kurzem Überlegen
wählte ich die Nummer von Helens Tagesmutter und wartete. „Hallo, Sasha hier. Gut, dass ich dich
erreiche. Ich hatte es bereits öfters versucht, aber konnte dich nie erreichen. Weshalb ich eigentlich
anrufe... Ich wollte dir mitteilen, dass ich weiß, wo Helen ist. Ich werde sie befreien, sodass sie bald
wieder zu dir kann. … Ja, es freut mich auch. … Ich melde mich dann nochmal. Bis dann“, so
beendete ich das Gespräch wieder und legte den Hörer auf. Dann griff ich zur Maus und ließ sie
über den Desktop huschen. Mit einem Doppelklick auf ein Icon öffnete ich ein Programm. Es war
ein Programm, mit dem man Anrufprotokolle und Handynutzungsdaten abfangen kann. Parallel
dazu schaute ich auf mein Handy und tippte die Nummer ein, von der Gane mir die Nachrichten
geschickt hatte. Da es sich um ein Prepaid-Handy handelte, konnte man keinen Käufernamen
feststellen, da dieser nur beim Abschluss von Mobilfunkverträgen protokolliert werden muss. Ich
überflog die Protokollliste und fand die Nachrichten an meine eigene Handynummer wieder. Ich
suchte etwas weiter und stieß auf ein längeres Telefonat vom Vorabend. Ich klickte die angerufene
Nummer an und ließ sie somit durch ein Suchprogramm laufen. Es dauerte nur wenige Sekunden,
bis sich mein Verdacht bestätigte und ein Treffer gelandet wurde. Das Piepen, das den Treffer
signalisierte trat in den Hintergrund, und obwohl ich diesen Verdacht bereits hatte, war ich vom
Ergebnis überrascht. „Jetzt macht alles einen Sinn“, sagte ich mir. Fast alles. Ich führte ein weiteres Telefonat und erhielt wenig später eine E-Mail. Sie enthielt die Passagierlisten für alle Flüge nach Maracaibo. Es dauerte nicht lange, bis ich den Namen Jonas Gain auf der Passagierliste fand. Ich
durchsuchte die Liste nach weiteren Namen und wurde bald fündig. Es tauchten zwei weibliche
Passagiere auf, die ebenfalls den Nachnamen Gain trugen. Nun überprüfte ich auch Ganes bekannte
Handynummer. Auch dort tauchte vermehrt die Nummer auf, die mich so stutzig machte. Du hast
keine Zeit zu verlieren.
Aufgebracht stürmte ich in das Büro des Directors, Lydia hatte mich diesmal nicht zurückhalten
können. „Sir, ich muss Sie bitten, mir kurzzeitig eine höhere Sicherheitseinstufung zu geben.“ -
„Erklären Sie mir auch, wofür sie diese benötigen?“ - „Natürlich, Sir. Ich habe gerade die
Anrufprotokolle des Handys überprüft, von dem die Nachrichten an mich kamen. Anschließend
habe ich diese mit den Anrufprotokollen von Ganes bekanntem Handy verglichen. Eine Nummer
taucht bei beiden Handys auffallend oft auf.“ - „Spannen Sie mich nicht auf die Folter? Wem gehört
die Nummer und warum brauchen Sie eine höhere Sicherheitsfreigabe?“ - „Die Nummer wurde
einem Mobilfunkhandy zugeordnet, das zu einem Beamten einer Bundesbehörde gehört. Ich
brauche Akteneinsicht in die Dienstakte, um ein weiteres Indiz zu bestätigen.“ - „Sagen Sie mir, um
wen es geht, ich besorge Ihnen die entsprechende Akte, das dauert keine zehn Minuten.“ - „Vielen
Dank, Sir.“

Meine Erwartungen wurden übertroffen, nur zwei Minuten später lag die Akte vor mir, Director
Franklin stand hinter mir und schaute mir über die Schulter. Nach einem tiefen Atemzug öffnete ich
die Akte und blätterte die entscheidende Seite auf. Wie erwartet fand ich die Bestätigung. „Sir,
wenn Sie erlauben, würde ich gerne umgehend nach Maracaibo aufbrechen.“ - „Das kann ich
verstehen. Zwar ist mir nach dieser Erkenntnis etwas mulmig geworden, aber ich weiß, dass ich Sie
niemals daran hindern könnte, zu fliegen. Ich muss Sie belehren, dass es auch Ihnen als Agent
untersagt ist, Waffen jeglicher Art an Bord eines Flugzeuges zu bringen oder auf diesen Weg ins
Ausland zu transportieren. In diesem kurzen Zeitraum war es nicht möglich, eine Sondergenehmigung zu erhalten, sodass Sie Ihre eigene Waffe in den Staaten lassen müssen. Die Kollegen in Maracaibo werden sie vollständig ausrüsten.“ - „In Ordnung, Sir.“ - „Walker, eine Bitte hätte ich noch. Abgesehen von der Schwere dieses Verbrechens denken Sie bitte daran, dass es sich um einen Polizeibeamten handelt, der Gane unterstützt. Auch wenn es um Ihre Tochter geht, möchte ich Sie bitten, in jeder Situation professionell zu handeln, vermeiden Sie Blutvergießen, wenn es sich vermeiden lässt und behalten Sie im Hinterkopf, dass Polizeibeamte bestens im Umgang einer Schusswaffe ausgebildet sind. Fordern Sie Ihr Glück nicht heraus, passen Sie auf sich auf und kommen Sie unversehrt zurück. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise, Walker, und viel Erfolg.“ Ich bedankte mich beim Director, ging dann in mein Büro, um meine Waffe in meinen Schreibtisch zu sperren und meine Sachen zu packen, bevor ich nach Hause fuhr, um mir eine Tasche zu packen. Ich nahm ein Taxi zum Flughafen, da ich keine Hoffnung auf einen freien Parkplatz hatte. Der nächste Flieger nach Maracaibo startete in 45 Minuten. Ich kriege euch.

Der Flug dauerte nicht sonderlich lange und verlief ohne bemerkenswerte Turbulenzen. Auch wenn
die Landung eher unsanft war, war ich froh, endlich angekommen zu sein. Am Terminal wurde ich
von den ausländischen Kollegen empfangen. Mit einem Fahrzeug, in das ich in den Staaten niemals
einsteigen würde, gelangten wir zum Hauptquartier. Dort sollte ich die ausländischen Agenten in
den Fall einweihen und die Aufgaben verteilen, bevor ich ausgerüstet wurde.
Ein älterer Polizist saß an seinem Schreibtisch und beobachtete mich. Auch als ich ihn anschaute,
wendete er seinen Blick nicht von mir ab, sodass wir ins Gespräch kamen. „Hallo, ich bin Sasha
Walker aus den Vereinigten Staaten“, stellte ich mich vor. „Ich weiß“, entgegnete der Polizist,
„Mein Name ist Vargas. Ihr Director und ich hatten telefoniert, aber ich bin schon vorher auf Ihren
Fall aufmerksam geworden. Mir wurde ein Fall übertragen, der im unmittelbaren Zusammenhang
mit Ihrem Fall zu stehen scheint. Ich bin mir sicher, dass Sie bereits von dem Missbrauch wissen,
wo die Gane-Zwillinge und eine unbekannte dritte die Opfer waren. Wir haben einen Hinweis
darauf bekommen, dass wir den Täter im Oasis Club finden können. Als wir erfuhren, dass einer
Ihrer Straftäter sich ebenfalls an diesem Ort befindet, haben wir unsere Einheiten zurückgezogen,
um auf Sie zu warten. Ich denke, wir sollten keine Zeit verlieren. Es hört sich so an, als würde
dieser Gane die Sache ernst meinen. Ich spreche wohl für uns beide, wenn ich sage, dass er keine
Sekunde zögern würde, den Verdächtigen zu erschießen. Wie skrupellos dieser Mann ist, hat er in
der Vergangenheit oft genug gezeigt. Lassen Sie uns also unverzüglich losfahren.“ Ohne lange zu
reden, stimmte ich zu und wir gingen mit unserem Team zum Wagen. Vargas setzte sich ans Steuer
und wir fuhren los.
Der Oasis Club war gut und bunt beleuchtet und nicht zu übersehen. Wir parkten den Wagen etwas
abseits in einer Seitenstraße und gingen die restlichen 100 Meter zu Fuß. Schon jetzt teilten wir uns
auf, um möglichst jeden möglichen Fluchtweg im Auge zu haben. Vargas und ich betraten das
Gebäude durch den Haupteingang. Sofort begann ich, die Location zu analysieren. „Eine Sitzecke
mit drei Doppelsitz-Sofas, zwei Sesseln und zwei Glasteetischen auf der rechten Seite, Säulen und
Pflanzen verzieren den Eingangsbereich, der Empfangstresen ist direkt vor uns, auf der linken Seite
befindet sich eine riesige Halle, die durch Treppen über drei Etagen reichte und die verschiedenen,
internationalen Restaurants beherbergt. Keine Spur von den Zielpersonen. Am Empfang stehen
zwei Hotelangestellte, ein Mann und eine Frau, beide etwa 30 Jahre alt. Die Lobby ist überwiegend
leer, die meisten Menschen scheinen derzeitig zu essen.“ Es gehörte zu meinem Job, genau zu
beobachten und es war unvermeidlich, dass ich mir Szenarien für die schlimmsten Situationen
ausmalte. Im Falle einer Schießerei könnte ich Deckung hinter den Säulen suchen. Der Weg durch
die offene Halle zu den Fahrstühlen ist ungeschützt. Vargas und ich erreichten das Personal am
Empfangstresen. „Entschuldigen Sie bitte? Wir sind von der Polizei und suchen einen Mr. Gain, der
hier ein Zimmer bewohnt.“ Unauffällig zeigte Vargas seine Polizeimarke vor, um uns auszuweisen.
Die Rezeptionistin tippte den Namen im Computer ein. „Wir haben nur eine Familie Gain. Sie
bewohnt die Family Suite im obersten Stockwerk. Soll ich Ihnen eine Schlüsselkarte aushändigen?“
- „Das wäre sehr freundlich von Ihnen“, sagte Vargas und raubte mir somit die letzte Möglichkeit,
an der Rezeption zu Wort zu kommen. Wir erhielten eine Schlüsselkarte und gingen durch die Halle
zu den Fahrstühlen.
Kurze Zeit später erreichten wir die oberste Etage und schauten uns um. Auf dem Gang war es ruhig
und wir suchten nach der richtigen Tür. Relativ zügig fanden wir die Tür und lauschten. Stumme
Hilferufe klangen leise durch die Tür, gefolgt von einem strengen „Sei still.“ Ich nickte Vargas zu,
wir öffneten die Tür und stürmten herein. Wir traten nur ein paar Meter in den Raum ein, der die
Form des Buchstaben T hatte. Die Vorhänge waren zugezogen und der Raum wurde nur durch die
Deckenlampe beleuchtet, ein riesiger Kronleuchter, der in der Mitte des Raumes stand. Etwas
dahinter stand Gane zwischen zwei Stühlen und hielt in jeder Hand eine Waffe. Eine Waffe richtete
er auf Helen, die auf dem einen Stuhl saß. Auf dem anderen Stuhl saß ein älterer Herr. Gane lachte.
„Ich habe Sie bereits erwartet, Mr. Walker. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie hier auftauchen
würden. Ich wusste, dass es keine 24 Stunden dauern würde, bis Sie hier auftauchen, sobald sie
wissen, dass Ihre Tochter hier ist. Da sind Sie nun und ich hatte Recht. Wie ich sehe, haben Sie
Verstärkung mitgebracht. Wollen Sie uns nicht einander vorstellen?“ - „Mein Name ist Vargas, ich
bin von der örtlichen Behörde und ermittle eigentlich in dem Fall, dem Sie gerade persönlich
nachgehen. Mr. Gane, wir ermitteln in Ihrem Fall. Wir kümmern uns um den Mann“, erklärte
Vargas. „Sie müssen sich nicht mehr um diesen Mann kümmern. Ich kümmere mich darum und um
Sie, Mr. Walker, kümmere ich mich auch. Wir wollen doch nicht, dass Ihrem Mädchen etwas
passiert, oder? Noch geht es ihr gut, aber damit das so bleibt, müssen Sie mir nun ein wenig
entgegenkommen.“ - „Ich kann das ganze innerhalb von Sekunden beenden. Ich jage Ihnen drei,
vier, fünf Schüsse in die Brust, wenn es sein muss das gesamte Magazin.“ Ich drohte ihm.
„Überlegen Sie sich das gut, Walker. Sobald Sie schießen, tu ich es auch. Und wenn ich es nicht tue,
tut es jemand anderes.“ - „Ihre Komplizin braucht sich nicht länger zu verstecken. Ich weiß doch
längst, wer sie ist.“ - „Das überrascht mich etwas, Mr. Walker“, erwiderte Gane, „Ich wusste, dass
Sie pfiffig sind, aber derart viel Grips, habe ich in Ihnen nicht vermutet. Verzeihen Sie mir, da habe
ich mich wohl geirrt.“ Eine Stimmer ertönte: „Respekt. Und ich dachte, ich könnte heute noch
jemanden überraschen. Um ehrlich zu sein, stehe ich aber hier, damit mich niemand treffen kann.
Dass niemand sieht, wer ich bin, ist ein angenehmer Nebeneffekt.“ Ich ging darauf ein: „Das
brauchen wir nicht zu sehen. Vargas, Ich und mein gesamtes Team weiß es bereits.“ Die Stimme
unterbrach mich: „Ich würde gern wissen, was mich verraten hat.“ Ein Schmunzeln zog sich über
mein Gesicht, dann begann ich zu erklären:
„Anfangs habe ich in die falsche Richtung gedacht. Ich habe nach jemandem gesucht, zu dem der
Name Jo passen würde. Diese Denkweise war auch der Grund dafür, dass ich die wesentlichen
Indizien übersehen habe, die letztendlich dazu führten, dass ich wusste, mit wem ich zu rechnen
habe. Zum Schluss bin ich darauf gestoßen, dass es wohl eine persönliche Bitte war, dass niemand
den vollständigen Namen nennt. Es wird Zeit mit offenen Karten zu spielen.
Du hast dich mir als Anna Sterling vorgestellt. Deiner Dienstakte konnte ich entnehmen, dass du
eigentlich Joanna Sterling heißt. Warum du dich selbst nur Anna nennst, bleibt ein Rätsel, aber
darum geht es hier auch nicht.“ Während ich erklärte waren meine Waffe und die von Vargas
ununterbrochen auf Gane gerichtet, da niemand Anna Sterling sehen konnte. Ich fuhr fort: „Beim
Überprüfen der Telefonverbindung sagtest du, es gäbe nichts auffälliges, um zu vertuschen, dass du
selbst ständig mit Gane telefoniert hast. Du sagtest, du hättest Gane in meinem Haus bemerkt und
dich unauffällig an meine Versen gehängt. Ich vermute, dass es in Wahrheit ein Teil des Plans war.
Gane sollte mich überwältigen und gefangen nehmen, in letzter Sekunde wurde ich gerettet, Gane
wird verhaftet, wird von dir an die Kollegen übergeben und bricht auf mysteriöse Art und Weise
aus. Vermutlich hast du ihm einen Schlüssel zugesteckt, der es ihm ermöglichte, sich zu befreien.
Das ganze geschah, um mich noch ein wenig mehr zu demütigen, mich zu foltern, während ich um
das Leben meiner Tochter banne. Gane tauchte nicht am Grab seines Bruders auf, weil du ihn zuvor
gewarnt hast, ebenfalls ergaben die Observationen deshalb nichts. Ich weiß nicht, ob Gane wirklich
in dem Restaurant war, aber wissen, konnte er dieses Detail ebenfalls nur von dir. Als du mir von
deinem geplanten Urlaub in Venezuela erzählt hast, habe ich mir zunächst nichts gedacht, erst später
ist mir bewusst geworden, dass auch Maracaibo in Venezuela liegt. Helen war die ganze Zeit bei dir und ich bezweifle nicht, dass du dich um sie gekümmert hast. Jedenfalls war das der Grund, warum ich nicht mit zu dir durfte. Ausschlaggebend war jedoch etwas ganz anderes.“ Ich legte eine Pause ein und wartete auf die erwartete Frage. „Was denn?“ Ich schmunzelte wieder. „Gane wusste in seiner Nachricht an mich von deinem Urlaub. Über den Anschlag in unserer Lobby warst du wahrscheinlich genau so überrascht wie jeder andere. Du dachtest, du hättest dabei umkommen können, weshalb du noch am selben Abend mit Gane telefoniert hast, um ihn zur Rede zu stellen. Wie habt ihr euch das ganze vorgestellt? Dachtet ihr, ihr fliegt mit meiner Tochter nach Venezuela, legt einen Mann um und verschwindet dann in der weiten Welt? Ihr wusstet doch, dass ich euch auf den Versen sein würde, warum dieses Risiko? Anna... Würdest du wirklich auf Helen schießen? Und welchen Grund hättest du, auf diesen Mann zu schießen? Was interessiert euch an diesem Mann so sehr?“ - „Passen Sie gut auf, Mr. Walker. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Passen Sie bitte wirklich gut auf. Ich werde diese Geschichte nur ein einziges Mal erzählen.“

Ich war frische 14 Jahre alt. Meine Mutter hatte einen neuen Freund gefunden. 'Die Liebe ihres
Lebens' nannte sie ihn... wie jeden Kerl den sie fand. Mein erster Eindruck von diesem Mann war
positiv, er schien freundlich zu sein, schenkte uns eine Menge Aufmerksamkeit. Doch hinter dieser
Fassade verbarg sich ein teuflischer Mensch, das Böse in Person. Er schlug uns und unsere Mutter saß daneben und schaute zu, ohne einzugreifen. Ein Leben, vergleichbar mit einem Leben in der Hölle begann. Dieser Mann hatte selbst eine Tochter. Ich konnte nie seine Motive nachvollziehen,
aber er vergriff sich an seiner Tochter, die viel jünger war als Enrico und ich, vergriff sich
schließlich auch an uns und vergewaltigte uns. Jedes Mal wenn er unser Zimmer betrat, wussten
wir, was er vorhatte und jedes Mal wurde er brutaler. Er erzählte uns, es wäre seine Methode, um
uns auf das Leben vorzubereiten, uns abzuhärten und unsere Mutter tat, als würde sie nichts von
alledem mitbekommen. Der Fall wurde publik, aber der Mann wurde nie geschnappt. Sicherlich
interessiert es Sie, was in den Köpfen von Rico und mir vorging, warum wir die Frauen
vergewaltigt und getötet haben. Ich möchte versuchen, es Ihnen zu erklären, auch wenn Sie es
vermutlich nicht verstehen werden. All diese Frauen waren alleinerziehend. Sie hatten keinen Mann
an ihrer Seite und ein kleines Kind. Rico und ich hatten so einen Hass auf unsere Mutter. Es hat
lange gedauert, bis wir uns entschlossen haben, für Gerechtigkeit zu sorgen. Wir wollten uns an
unserer Mutter rächen. Doch da diese vor einigen Jahren verstarb, blieb uns nichts übrig, als uns
an anderen alleinerziehenden Müttern zu rächen, die denselben Fehler machen könnten. Wir
wollten den Kindern eine grausame Kindheit ersparen, wollten nicht, dass sie in den falschen
Händen aufwachsen.“

„Was hat Anna damit zu tun?“, unterbrach ich ihn. „Ich wusste, dass Sie meine Geschichte nicht
verstehen würden. Dieser Mann ist Michael Sterling. Er ist Joannas Vater.“ Mit offenem Mund
stand ich in dem Zimmer und schaute Gane ungläubig an. „Jo konnte von uns am besten mit den
Geschehnissen umgehen. Sie war damals noch sehr klein, verarbeitete das Geschehene relativ
schnell und ohne Folgen. Dennoch war dies etwas, was uns für immer prägte und auch sie hatte
einen Hass auf ihren Vater entwickelt. Wir schworen uns Rache.“ - „Bei dem Einsatz, bei dem Ihr
Bruder ums Leben kam, war Anna anwesend. Warum war sie in diesem Fall beteiligt?“ - „Anna war
diejenige, die gewährleisten sollte, dass mein Bruder entkommt, ohne verhaftet zu werden. Unser
kleines Spiel, bei dem wir die Welt zu einem besseren Ort machen, sollte schließlich nicht jetzt
schon beendet sein“, erklärte Gane. Um vollständig zu verstehen, fragte ich weiter: „Warum hat sich
Anna eingemischt, was Helens Entführung anbelangt?“ Gane lachte spöttisch. „Mr. Walker,
verstehen Sie denn immer noch nicht? Sie hatte gar keine andere Wahl. Sie wollte ihren Vater
ebenso finden wie Rico und ich. Da ich jedoch der einzige war, der eine Spur zu diesem Mann
hatte, blieb ihr keine andere Wahl, als mir zu helfen, da ich mir quer stellte. Ich wollte zusätzlich
Rache an Ihnen, Mr. Walker. Und die will ich immer noch.“
Obwohl ich sie nicht sehen konnte, redete ich auf Anna ein: „Anna, würdest du wirklich auf Helen
schießen? Wir hatten ein Date, du hast gesagt, du würdest mich mögen. Würdest du wirklich
abdrücken?“ - „Fordere es nicht heraus, Sasha. Ich bin Agentin, du weißt, ich drücke ab, wenn ich
es will.“ Ich überlegte kurz. „Anna, du hast hier die ultimative Gelegenheit. Du kannst Gane
dingfest machen, kannst dich an deinem Vater rächen und wir vergessen die Entführung von Helen.
Du kannst hier als Heldin rausgehen oder als zweifache Mörderin.“ Jonathan Gane warf ihr einen
kurzen Blick zu, nickte dann und richtete seine Waffen auf Vargas und mich. „Denken Sie daran.
Wenn Sie auf mich schießen“, er sprach mit lauter Stimme, „ schießt Sterling auf ihren Vater und
die kleine Helen. Wollen Sie das?“ Erst jetzt wendete ich mich an Helen. „Geht es dir gut,
Prinzessin? Hat er dir etwas getan?“ Da ihr Mund mit Klebeband zugeklebt war, blieb ihr nichts
anderes übrig, als den Kopf zu schütteln. „Mr... - wie war noch der Name – Vegas?“ - „Mein Name
ist Vargas“ korrigierte er. „Achja. Mr. Vargas. Also dann, Mr. Vargas. Ich möchte Sie bitten, den
Raum zu verlassen. Wir wollen doch nicht, dass hier ein Unglück geschieht? Und Mr. Walker, Sie
wollten doch sicherlich gerade Ihre Waffe auf den Boden legen und Ihre Hände schön weit nach
oben halten, habe ich nicht Recht?“ Er nutzte seine Position vollkommen aus und genoss die Macht,
die er ausüben konnte. „Ich hätte noch eine Bitte, Mr. Gane. Könnten Sie bitte die Vorhänge
aufziehen, es ist doch recht dunkel hier.“ Ich warf Vargas einen unauffälligen Blick zu und sah ein
dezentes Nicken. „Halten Sie mich für dumm? Ihre Scharfschützen warten doch sicher schon auf
mich. Die Vorhänge bleiben...“ - „Jetzt!“, rief ich, Vargas feuerte ein paar Schüsse auf Gane,
während ich meine Waffe etwas hochzog und auf den Kronleuchter zielte, welcher unter großem
Lärm zu Boden fiel. Ich nutzte die Schreckenssekunde, sprintete vor und stieß die beiden Stühle
um, als sich weitere Schüsse lösten. Dann wurde es ruhig.
Vargas holte eine Taschenlampe hervor 
und leuchtete auf Gane. Leblos lag er am Boden, er hatte 2 Einschusslöcher in der Herzgegend und ein weiteres Einschussloch in der Brust. Er leuchtete auf Anna Sterling. Sie hatte die Waffen fallengelassen und stand starr in der Ecke. Er fand eine Stehlampe, die er einschaltete und so das gesamte Zimmer erhellte. Ich schaute nach rechts und sah Mr. Sterling. Er rührte sich nicht und ich suchte nach seinem Puls. „Mach dir keine Hoffnung. Einschussloch genau zwischen den Augen“, Vargas deutete auf seinen Kopf. Von Angst erfüllt drehte ich zu Helen um. Tränen liefen aus ihren Augen. Vorsichtig entfernte ich das Klebeband von ihrem Mund und nahm sie in den Arm. Sie schluchzte. „Walker?“, Vargas machte mich auf die Wunde in Helens Bauch aufmerksam. Sie blutete stark. „Ruf einen Krankenwagen!“, brüllte ich Vargas an und er zückte sofort sein Handy, um Hilfe zu rufen. Währenddessen nahm ich eins Kissen, das ganz in der Nähe auf dem Sofa lag und drückte es auf die blutende Wunde. „Du musst ganz ruhig bleiben, Prinzessin. Papa ist bei dir. Ich passe auf dich auf. Es wird alles wieder gut.“ Sie legte ihre Hände auf meine, die das Kissen fest auf die Wunde pressten und schaute mich an. Auch ich weinte mittlerweile, doch sie begann mich anzulächeln. Dann sprach sie mit einer sehr schwach klingenden Stimme: „Weißt du, warum ich lache, Daddy?“ Sie wartete auf eine Antwort von mir. „Erzähl es mir...“ Sie zögerte eine Weile und fügte dann hinzu: „Du hast mal gesagt, du magst es, wenn Kinder lachen.“ Weitere Tränen lösten sich aus meinen Augen. „Gib nicht auf Prinzessin. Daddy ist bei dir. Es wird alles wieder gut.“ Ihr Lächeln ließ nach und weitere Tränen flossen über ihr Gesicht.

~ In der Gegenwart ~

Nun sitze ich hier. Ich sitze hier und streife durch die Vergangenheit. Ich erinnere mich an so viele
Momente, die ich mit Sophie geteilt habe, an so viele Abenteuer, die ich mit Helen bereits erlebt
hatte. Den Besuch im Zoo, auf dem Rummel, im Aquarium. Das erste Mal, dass sie am Strand war,
wie sie sich gefreut hat, als sie ihre erste Sandburg gebaut hatte. Ich erinnere mich an den Tag, wo
sie den kleinen Welpen ihrer Tagesmutter zum ersten Mal sah. Manchmal kam es mir so vor, als
wären es weit mehr als nur fünf Jahre gewesen, denn obwohl ich durch meinen Beruf nur begrenzte
Zeit für Helen hatte, haben wir bereits so viel erlebt.
Ich schwelge weiter in meinen Erinnerungen, folge ihnen, wohin sie mich führen und lande
schließlich bei dem Gespräch mit Anna Sterling.
Aufgebracht stürmte ich in den Raum, in dem Anna Sterling mit Gewissensbissen saß. „Du hast es
tatsächlich getan?! Du hast auf meine Tochter geschossen?!“, fuhr ich sie an, doch sie schwieg.
Mehr gibt es dort nicht. Anna wurde verhaftet und vom Dienst suspendiert, eine richterliche
Anhörung wird noch folgen. Ich gehe etwas weiter zurück, sehe Helen vor mir auf dem Boden
liegen, meine Hände mit aller Kraft auf das Kissen gepresst. Es dauerte nicht lange, bis ein
Sanitäterteam in das Zimmer stürmte und die Wunde behandelte. Helen habe eine Menge Blut
verloren und man müsse sie umgehend ins Krankenhaus fahren. Ich begleitete die Sanitäter und
warf Anna einen letzten bösen Blick zu.
Im Krankenhaus vergingen Stunden, ehe ich Helen wiedersehen konnte. Man sagte mir, dass sie ins
Koma gefallen sei und teilte mir mit, dass es nicht gut sei, wenn ich rund um die Uhr bei ihr wäre.
So fand ich Zeit, Anna zur Rede zu stellen, doch das Gespräch war nicht sonderlich ergiebig. Sie
hüllte sich in Schweigen. In dem Moment, wo Anna von den Kollegen abgeführt wurde, um in die
Staaten ausgeliefert zu werden, hoffte ich, dass ich sie nie wieder sehen würde – zu ihrer Sicherheit.
Als ich zwei Tage später wieder ins Krankenhaus kam, um nach Helen zu sehen, verwehrte man mir
den Zugang zu ihrem Zimmer. Es habe sich etwas getan, sodass sie untersucht werden müsste. Ich
solle solange im Wartebereich Platz nehmen. Nun sitze ich hier. Ich sitze hier und streife durch die
Vergangenheit. Ich erinnere mich an so viele Momente, die ich mit Sophie geteilt habe, an so viele
Abenteuer, die ich mit Helen bereits erlebt hatte. Wir hatten bereits so viel erlebt. Das Klingeln
meines Handys lässt mich aus meinen Gedanken schrecken. Es ist mir etwas peinlich, dass mein
Handy im Krankenhaus klingelt, aber es lässt sich nun auch nicht mehr rückgängig machen – wie so
vieles im Leben. „Walker“, melde ich mich wie gewohnt und lauschte dem Anrufer. „Und da sind
Sie sich sicher?“ Ich wartete eine Reaktion ab. „Halb so schlimm. Jeder macht mal Fehler und ich
bin froh, dass es zumindest eine gute Nachricht heute gibt. Vielen Dank für Ihren Anruf. Auf
Wiederhören.“ Mit einem kleinen Lächeln beende ich das Gespräch. „Gute Neuigkeiten?“, fragt
eine vertraute Frauenstimme. Ich sehe mich um und mein Blick bleibt an der Frau hängen, die
neben mir steht. „Du hier?“, freue ich mich. „Ich habe versucht, dich anzurufen, aber in deinem
Büro hat niemand abgenommen, bis irgendwann der Director persönlich den Anruf entgegen nahm.
Er erzählte mir, was sich ereignet hatte und ich beschloss, mich sofort auf den Weg zu machen. Nun
ja, hier bin ich.“ Die vertraute Stimme gehört zu Elaina, Helens Tagesmutter. Sie nimmt neben mir
Platz und wir unterhalten uns eine Weile, bis ich ihr schließlich die eben erhaltenen Neuigkeiten
mitteile: „Das war der Arzt von Helen. Es muss einen Fehler gegeben haben, der aber erst jetzt
bemerkt wurde. Die Annahme, dass Helen an Leukämie erkrankt ist, hat sich als falsch
herausgestellt. Das plötzliche Nasenbluten und den Schwindelanfall schiebt der Arzt auf einen
plötzlichen Wachstumsschub, den Helen ja tatsächlich durchlebt hatte, du erinnerst dich?“ Das
Gespräch geht weiter. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt und vergessen, dass wir eigentlich
traurig und besorgt sein sollten – zumindest für eine Sekunde. Ein Arzt unterbricht unser Gespräch:
„Entschuldigen Sie, Mr. Walker? Ihre Tochter ist soeben aus dem Koma erwacht. Es geht ihr den
Umständen entsprechend gut, Sie können jetzt zu ihr.“

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Ein paar Tage später flogen Helen, Elaina und Sasha zurück nach New York City, wo Director Franklin sie bereits erwartete. Von da an führten sie wieder das gewohnte Leben, ohne Gane oder andere Fremde, die sich in ihr Familienleben einmischten. Nach nur einem Monat im Gefängnis, nahm Joanna Sterling sich das Leben. In einem Abschiedsbrief schrieb sie, dass sie die Schuldgefühle nicht mehr ertragen hätte. Es war das letzte Mal, dass ihr Name der Familie Walker zu Ohren kam. Elaina und Sasha lernten sich besser kennen und kamen sich langsam näher, bis Elaina schließlich bei Sasha und Helen einzog. Helen wuchs ohne weitere Beeinträchtigungen durch den Vorfall auf. Im Alter von 33 Jahren bekam Sasha mit Elaina ein zweites Kind. In Erinnerungen an Helens Mutter bekam das Mädchen den Namen Sophie.




*~* Ende *~*

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