Frisch auf dem Müll

Kurz vor Weihnachten widme ich mich einem Thema, das mich schon eine Zeit lang beschäftigt. Allein in Deutschland werden jährlich mehr als 15 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll geworfen. Viele Lebensmittel landen bereits in der Tonne, bevor der Verbraucher sie auch nur gesehen hat: Jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel, jede zweite Tomate, jedes fünfte Brot.
Die Warenpalette in den Supermärkten ist gigantisch. Von früh bis spät muss frisches Brot angeboten werden. Welke Salatblätter, eine eingerissene Kartoffel oder einen eingedellten Apfel werden wir wohl nicht finden, denn solche landen ohne Weiteres auf dem Müll - obwohl sie noch genießbar sind. Würden wir einen Blick in die Müllcontainer der größten Supermärkte werfen, würde uns wohl das Herz stehen bleiben. Denn das Essen, das wir allein in Europa wegwerfen, obwohl es noch genießbar ist, würde ausreichen, um alle Hungernden dieser Welt zweimal zu sättigen - und das sind knapp eine Milliarde Menschen.



Warum landen so viele Lebensmittel auf dem Müll?
Schon unmittelbar nach der Ernte werden viele Lebensmittel aussortiert. Der Grund: Sie erfüllen nicht das Schönheitsideal und entsprechen nicht den Vorstellungen der Verbraucher. Hat eine Kartoffel einen Riss oder eine seltsame Form, will sie niemand mehr haben. Hat ein Würstchen an einem Ende einen zu großen Knoten, landet sie nicht mehr in den Regalen. Hat eine Banane zu viele braune Stellen, wird sie sofort aus den Regalen geholt. Hat eine Tomate nicht das richtige Rot, wird sie gar nicht erst an den Supermarkt geliefert. Bis zu einem gewissen Toleranzgrad werden solche Lebensmittel zwar noch weiterverarbeitet, Tomaten, die nicht ganz die richtige Farbe haben, werden für die Tomatensauce auf Tiefkühlpizzas verwendet, trotzdem landen viel zu viele Nahrungsmittel auf dem Müll.
Ein weiterer Grund ist die Überproduktion. Kauft ein Supermarkt zu viele Waren und kann diese nicht vollständig verkaufen, wird der Rest weggeschmissen. Welche Auswirkungen das hat, werden wir später sehen.
Fleisch und Milchprodukte wie Joghurt werden meist schon vor Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums bzw. Verbrauchsdatums aussortiert und auch Brot, Obst und Gemüse landen auf dem Müll, bevor sie auch nur ansatzweise Makel aufweisen. In anderen Ländern ist das nicht anders. "Unsere Produkte haben maximal zwei verschiedene Haltbarkeitsdaten, so können wir es leichter kontrollieren.Wenn neue Waren kommen, nehmen wir die Waren mit dem vorletzten Datum heraus und werfen sie weg. So können wir sicher sein, das wir keine abgelaufene Ware im Regal vergessen", sagte ein Filialleiter eines japanischen Supermarktes in dem Film "Taste the waste".
Einen großen Teil machen jedoch die 82 Kilogramm aus, die jeder Bundesbürger jährlich in den Hausmüll wirft. 44% davon sind Gemüse und Obst, 20% Back- und Teigwaren, 12% Speisereste, 8% Milchprodukte, 7% Getränke, 6% Fisch und Fleisch und 3% Süßigkeiten. Tatsächlich werfen wir die meisten Lebensmittel weg, weil sie nicht mehr gut und appetitlich erscheinen oder einfach nicht mehr ansehnlich ist. Nicht selten ist es so, dass man bereits beim Einkaufen mehr Sachen einkauft, als man tatsächlich braucht, etwa weil bestimmte Dinge im Sonderangebot sind oder weil man nicht genau weiß, wann man das nächste mal in den Supermarkt kommt. Einen weiteren Einfluss spielt auch die richtige Lagerung. Verschiedene Lebensmittel stellen verschiedene Bedingungen, um möglichst lange, haltbar gelagert zu werden.



Wir werfen bares Geld in die Tonne. Denn nur weil ein Joghurt das Mindesthaltbarkeitsdatum um einen Tag überschritten hat, heißt das nicht, dass er nicht mehr genießbar ist.

Welche Auswirkungen hat unsere Wegwerfgesellschaft?
Was wir zumeist nicht bedenken, wenn wir Lebensmittel wegwerfen, sind die virtuellen Ressourcen, die dieses Produkt enthält. "Virtuell" bedeutet in diesem Fall nicht, dass diese Ressourcen gar nicht wirklich existieren, sondern dass sie verwendet werden, ohne dass man sie im Nachhinein im fertigen Produkt bemerkt. Auf einen Kilogramm Äpfel kommen beispielsweise 700 Liter Wasser, die zur Produktion - in diesem Fall für die Bewässerung - genutzt wurden. Hinzu kommt eine Menge an Energie, die für die Ernte und den Transport verwendet wurde. Mit jedem Kilogramm Rindfleisch werfen wir 15.000 Liter Wasser weg, das zum Tränken oder für die Herstellung des Kraftfutters verwendet wurde.



Die Landwirtschaft verschlingt einen gewaltigen Teil an Energie und Wasser. Zudem belasten Dünger und Pestizide zunehmend die Umwelt und zerstören langfristig den Boden, wodurch Monokulturen entstehen, da andere Güter nicht mehr genug Nährstoffe im Boden finden. In anderen Ländern wird außerdem Regenwald für zusätzliche Weideflächen gerodet. Mehr als ein Drittel der globalen Treibhausgase entsteht durch die Landwirtschaft. Zudem wurde unnötig produziert, unnötig transportiert und die entsorgten Lebensmittel müssen auch wieder abtransportiert werden, was zusätzliche Energie verbraucht. Würden die Supermärkte die Lebensmittelabfälle, die sich nicht vermeiden lassen, möglichst sinnvoll verwerten - etwa als Kompost oder zur Energieerzeugung in Biogasanlagen -, könnte man den verheerenden Auswirkungen auf das Weltklima zumindest etwas entgegenwirken. Stattdessen landen die Lebensmittel auf gigantischen Müllbergen, wo zusätzlich Treibhausgase wie Methan entstehen.
Neben ökologischen Folgen birgt diese Verschwendung noch weitere Probleme. Nicht selten werden wir Lebensmittel noch ungeöffnet in den Müll. Zwar wird keiner der Hungernden unmittelbar satt, wenn wir zu Hause mehr  Achtsamkeit beim Umgang mit Nahrung verwenden, statt sie wegzuwerfen, aber ist es nicht der Respekt vor Mitmenschen und das ethische Gewissen, das uns geradezu verpflichtet, sorgsam mit unseren Lebensmitteln umzugehen? Außerdem profitieren auch wir davon, denn nicht nur Angebot und Nachfrage bestimmen die Lebensmittelpreise. Kauft ein Supermarkt die Waren ein, bezahlt er dafür. Dieses Geld deckt er durch Verkäufe an die Konsumenten. Bezahlt hat der Supermarkt jedoch auch die Waren, die niemand mehr kaufen kann, weil sie auf dem Müll landen. Bezahlen müssen wir Verbraucher trotzdem, denn der Supermarkt setzt diese Kosten den verkauften Produkten zusätzlich auf.

Was man dagegen tun kann?
Zunächst sollte man den Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum kennen. Wie bereits erwähnt ist das Mindesthaltbarkeitsdatum auf einem Joghurt keine festgelegte Grenze, bis wann der Joghurt genießbar ist. Vielmehr ist das Mindesthaltbarkeitsdatum eine Art Garantie, wie lange das Produkt unter den genannten Bedingungen auf jeden Fall genießbar ist. Anders ist dies beispielsweise bei Fleisch oder anderen Produkten, die nicht lange haltbar sind. Dort findet man ein Verfalls- oder Verbrauchsdatum. Dieses hingegen ist tatsächlich eine Grenze, die besagt, dass das Produkt nur vor diesem Datum genießbar ist. Nach Erreichen des Verfallsdatums sollte man das Produkt nicht mehr zu sich nehmen, da das Produkt verderblich ist und Bakterien Gifte freisetzen können, die für den Menschen gesundheitsschädlich sind.
Traue dich zudem auch mal, Obst mit leichten Macken zu kaufen, Nur weil eine Banane nicht mehr grün ist oder eine Kartoffel eine leichte Delle hat, ist sie nicht weniger genießbar. Im Notfall kannst du betroffene Stellen immer noch großzügig herausschneiden. Manche Supermärkte gewähren auf betroffene Artikel eigentlich immer Rabatt.
Auch bei der Einkaufsplanung kannst du Lebensmittel vor der Tonne retten. Schreibe dir eine Einkaufsliste oder mache dir einen Einkaufsplan für die kommende Woche, sodass du nur das einkaufst, was du wirklich benötigst. Wichtig ist auch, dass du die Lebensmittel zu Hause richtig lagerst. Obst und Gemüse gehören im Kühlschrank nach ganz unten, Brot hat im Kühlschrank jedoch nichts verloren. Damit du kein Lagerproblem bekommst oder die Hälfte wegschmeißt, kaufe realistische Mengen. Zudem kannst du einmal in der Woche ein Resteessen zubereiten.



Leider beobachte ich auch in meinem Haushalt immer wieder, das Lebensmittel auf dem Müll landen. Der häufigste Grund: Es wurde etwas eingekauft, was gar nicht in der Menge gebraucht wurde. Ernährungsexperten sagen zwar, dass man einige Lebensmittel auch noch essen kann, wenn die Oberfläche von Schimmel befallen ist - natürlich nachdem dieser großzügig entfernt wurde -, ich persönlich muss jedoch sagen, dass ich mich davor viel zu sehr ekel, als dass ich das Produkt weiterhin essen würde. Wir haben zu Hause einen Kühlschrankplan, der festlegt, wo welche Lebensmittel einsortiert werden müssen, denn die unterschiedlichen Kühlschrankfächer haben unterschiedliche Temperaturen und bieten so jedem Lebensmittel passende Gegebenheiten, um möglichst lange haltbar zu bleiben.
Weniger groß ist bei mir die Hemmschwelle bei kleinen Macken. Nur weil die Bananen nicht mehr frisch und grün sind oder die Kartoffeln eine etwas seltsame Form haben, statt ideal rund zu sein, sind diese Lebensmittel nicht weniger genießbar. Produkte können auch wenige Tage nach Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums noch verbraucht werden.

Kommentare:

  1. Wow, ich wusste ja, dass es viel ist, aber 15 Millionen Tonnen?! Wow. 82kg pro Kopf ist auch ne Zahl.. Wobei ich immer versuche darauf zu achten wenig weg zuwerfen und es auch meiner Familie einrede, aber irgendwie wird doch immer zu viel gekocht. Aber meistens frieren wir es ein, als so viel Müll gibt es gar nicht.
    Aber was du da mit den Schönheitsidealen von z.B. Gemüse ansprichst ist wohl war. Alles wird fünf mal in der Hand rumgedreht damit es auch ja keinen Markel hat. Und selbst an diesem markellosen Gemüse wird noch rumgeschnippelt. Meine Oma wirft zum beispiel die ersten beiden randreihen an Blättern von einem Kopfsalat aus Prinzip weg, auch wenn sie total gut sind. Finde ich Schwachsinn..
    Toller Post, finde ich gut, dass du darauf aufmerksam machst!

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    1. Vielen Dank für dein Feedback!
      Wenn du möchtest, wäre es super, wenn du in deinem Blog auf diesen Post verweist, um auch deine Leser darauf aufmerksam zu machen!

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  2. Ich finde das Thema sehr wichtig! Zum Einen verhungern uns täglich zu viele Menschen und zum Anderen haben wir ständig ein riesiges Abfallproblem. Es gab eine Zeit lang bei uns einen Laden (Fundgrube hieß der), wo man Lebensmittel mit nicht ganz heiler Verpackung oder die kurz vor dem Ablaufdatum waren günstig kaufen konnte. Ich finde die Idee echt gut, weil sich Ärmere dann günstiger Lebensmittel kaufen können und nicht alles gleich weggeschmissen wird!
    Ich denke aber am meisten Müll macht die Gastronomie, weil dort häufig alle Reste weggeschmissen werden und der Mülleimer am überlaufen ist.
    Finde es gut, dass du mal darüber schreibst, vielleicht regt das ja mal die Leute an darüber nachzudenken! :)
    Liebe Grüße.
    Daniel.

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    1. Solche Läden gibt es tatsächlich noch. Dort kann man dann quasi Nahrungsmittel-B-Waren kaufen, die kleinste Makel aufweisen (beispielsweise Würstchen mit zwei Knoten an einem Ende). Ist meiner Meinung nach eine gute Idee.
      In diesem Sinne finde ich auch die Auswahlkriterien total überbewertet. Wen interessiert es, ob die Kartoffel, die für die Tiefkühlpommes benutzt werden, schön rund sind?
      Mag ein heftiger Vergleich sein, aber Menschen werden ja auch nicht weggesperrt, nur weil sie einen Schönheitsfleck am Körper haben.

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  3. Es ist erschreckend zu lesen, das 82 Kg. Pro Kopf und Jahr einfach weggeworfen werden. Gerade zu Weinachten sollte man deswegen darauf achten, eine Einkaufsplanung zu machen und diese auch anzuwenden.

    Ich Persönlich achte eigentlich immer darauf, nicht zu viel einzukaufen. Da wir alle auch relativ viel auf der Arbeit sind, brauchen wir auch nur 2-3 Mal in der Woche für etwa 10.-€ einkaufen zu gehen. Da wird dann auch nichts weggeworfen.

    Ich erhoffe mir für das kommende Jahr, das die Zahl an weggeworfenen Lebensmitteln zumindest ein wenig zurück geht...

    In diesem Sinne, Schöne Festtage euch allen. :)

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    1. Ist doch ein guter Anfang! Wir müssten es nur hinkriegen, dass die anderen 82 Millionen Menschen in Deutschland auch mehr darauf achten. Das Problem wäre dann wiederum, dass zu viel in den Supermärkten liegen bleibt, weil nicht mehr genug gekauft wird. Über kurz oder lang, werden die dann auch geringere Mengen einkaufen, sodass die Produkte beim Produzenten in die Tonne fliegen, weil er zu viel angebaut hat... Man sollte das weiterhin kritisch betrachten.

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  4. Kennst du "Frisch und Gerettet" oder das Netzwerk im Netz wo man Essen tauschen kann?
    Bei "Frisch und Gerettet" geht es darum, dass die Menschen das noch gute Essen (und auch alle weiteren Produkte) aus den Mülltonnen "stehlen" und somit ohne Geld und ohne direkten Kontakt mit dem Konsum leben.
    Bei dem Netzwerk geht es ebenfalls darum weniger Essen wegzuwerfen. Man kann ins Netz einstellen welche Lebensmittel man zuhause hat und falls jemand Interesse hat kann sich dieser melden und du bekommst im Gegenzug eventuell was von seinen Lebensmittel oder verschenkst sie einfach.
    Für mehr Infos solltest du googlen. Ich hatte das Thema nur kurz im Philo Unterricht und das ist schon fast ein halbes Jahr her.
    Lieben Gruß :)

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    1. Kenne ich leider nicht, aber ich kann mich ja mal darüber informieren!
      Vielen Dank für den Hinweis :)

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