3.1 Der Künstler

Kapitel 1 - Die Akademie

2041, Irgendwo im Süden Europas -
„Los, dort entlang!“, scheuchte uns eine unfreundliche Gestalt einen dunklen Gang entlang. Wir waren eine Gruppe von 20 Personen, allesamt Kinder, die von einer Gestalt in einem langen Gewand aus der Wartehalle abgeholt wurden. „Ein bisschen schneller“, mahnte sie und stieß mich weiter nach vorn. Wir gingen durch einen langen, schwach beleuchteten Korridor, versetzt befanden sich Türen auf beiden Seiten, die jedoch alle geschlossen waren. „Halt!“ Das Wort wurde ewig in die Länge gezogen, wir blieben stehen und die Gestalt zog langsam an uns vorbei und öffnete eine Tür auf der linken Seite. Sie forderte uns auf, hineinzugehen und wir folgten ihren Anweisungen. Ich war die letzte auf dem Gang und schaute der Gestalt in ihr markantes Gesicht, das im schwachen Licht nur schwer zu erkennen war. Eine Narbe verlief über das komplette Gesicht, ihre Augen schienen leer zu sein. Ich erkannte, dass es eine Frau war. Sie schaute mir in die Augen und ich erschauderte. Ihre Hand griff nach meinem Arm und sie zerrte mich in den Raum, stieß mich zu Boden und sperrte die Tür von außen wieder ab. Es wurde still.
Aus der Dunkelheit ertönte eine ruhige Stimme: „Mit dem heutigen Tag ... beginnt euer Leben. … Ihr hattet 14 Jahre Zeit, … um groß zu werden … und das Leben zu erlernen. … Ihr wisst nun, … was ihr zum Überleben benötigt … und auf was ihr verzichten könnt. … Irgendwann … liegt es in euren Händen … dafür zu sorgen, … dass wir Menschen … bestehen bleiben. … Doch … es liegt in seinem Ermessen … wem diese Aufgabe zugetragen wird … und wem ein vorheriges Ableben vorbestimmt ist. … Schon bald … wird euer Schicksal … auf seinem Papier geschrieben stehen.“
Ein schwaches Licht erhellte den Raum. Die anderen Kinder und ich richteten unsere Blicke zur Lichtquelle. Es war ein kleines, freischwebendes Stückchen Licht, das über einem Pult schwebte. Hinter dem Pult stand ein alter Mann. Durch seine Brille musterte er uns. „Nehmt Platz.“ Suchend schweiften unsere Blicke durch den Raum, bis wir ein paar Stühle fanden. Wir drängten uns zu den Stühlen, die anderen Kindern setzten sich hin. Ich fand als einzige keinen Platz. „Mädchen, … komm nach vorn und erzähle uns, wer du bist.“ Er sprach nun fließend. Vermutlich diente sein Ausdruck der Einprägsamkeit. Ich zögerte, blickte den Mann hinter dem Pult an und schaute zu Boden. „Hab keine Angst“, ermutigte er mich, „stell dich uns vor.“
Ich zögerte und trat dann vor die Gruppe. „Mein Name...“, begann ich zu stammeln, „Mein Name ist...“ - „Das genügt“, unterbrach mich der alte Mann, „Dort vorne steht ein Stuhl. Setze dich zu den anderen.“ Er wies mit seiner Hand in eine Ecke, in der ich einen Stuhl sah, der jedoch vorher noch nicht dort gestanden hatte. Ich gesellte mich zu den anderen, den Blick gebannt auf die Gestalt hinter dem Pult. „Willkommen... an der Academiae... ratio servandi... Der Akademie... zur Wahrung des Systems. … Lasst mich... erzählen.“, er atmete schwer, seufzte und begann dann zu erzählen.
Einst... wurde die Welt... durch Krieg erschüttert..., die Menschheit... gegeneinander aufgebracht..., die Ordnung... zerstört... Dieser Krieg... war anders... anders als jeder Krieg zuvor... Um das Fortbestehen... der Menschheit gewährleisten zu können, wurde die Welt... in ein System geordnet... Der Krieg... war beendet. … Um fortan... den Frieden auf der Welt... zu erhalten... wurde ein Verantwortlicher... auserwählt... - Der Künstler... Seine Aufgabe ist es..., jegliche Form... von Aufstand,... Unruhen,... und Konflikten,... zu verhindern...“
Es wurde anstrengend, ihm zuzuhören. Ich schaute mich im Raum um und bemerkte, dass ich die einzige war, die ihre Blicke von ihm löste. Er räusperte sich und ich blickte ihn verlegen wieder an.
In den 20 Jahren bis heute, überwachte er die Menschheit, überarbeitete und perfektionierte das System, um Krieg, Aufstand und Konflikte zu verhindern. Das kann allerdings nur funktionieren, wenn er bestimmen kann, was auf der Welt passiert. Mit Sicherheit hat jeder von euch schon einmal den großen Turm am Horizont gesehen. Dort lebt er – der Künstler. Nicht viele hatten bisher das Glück, ihn einmal vor sich zu sehen. Der Turm wird streng bewacht.
Der Künstler ist in der Lage, das Schicksal der Menschen zu verändern. Dafür schreibt er den Namen einer Person auf ein Stück Pergament und schreibt die gewünschte Veränderung hinzu.
Damit nur wenige einen voreiligen Tod erleiden müssen, besucht ihr diese Akademie. Hier lehren wir euch, im Sinne des Künstlers zu handeln. Nicht häufig, aber doch immer wieder, werden Menschen geboren, die immun gegen die Macht des Künstlers sind. Es gelingt manchmal, solche Menschen in das System einzugliedern, weshalb auch sie vorerst an dieser Akademie unterrichtet werden. Man nennt diese Personen 'Outsider'. Gelingt es nicht einen Outsider bis zu seinem 18. Geburtstag in das System einzugliedern, werden sie gewaltsam aus dem System entfernt. Im Laufe der Zeit gelang es jedoch immer mehr Outsidern zu fliehen, bevor sie aus dem System entfernt werden konnten. Sie flohen an einen weit entfernten Ort, an dem sie nicht länger unter dem Schutz des Künstlers stehen und sind auf sich allein gestellt. Um eine drohende Gefahr einzudämmen, werden immer wieder Friedenstruppen losgeschickt, um die Outsider zu bezwingen. Doch die Suchen verliefen erfolglos.
Das System, in dem wir leben, ist nicht mehr wie die Welt vor 20 Jahren. Die Anzahl der Erdenbewohner ist drastisch zurückgegangen, ganze Kontinente verkommen, sind unbewohnt. Der Künstler gibt sie der Natur zurück. Ihr habt das Glück den einzigen Kontinent zu besiedeln, auf dem es noch Menschen gibt. Unterteilt ist dieser Kontinent in verschiedene Wohlstandsgebiete, sogenannte Sektoren. Insgesamt sind es fünf Stück. Gefallt ihr dem Künstler und handelt ganz in seinem Interesse, steigt ihr womöglich auf und habt die Möglichkeit im Luxus und Wohlstand zu leben. Missfallt ihr ihm, werdet ihr womöglich bis auf das Nötigste beraubt und müsst um euer Überleben kämpfen, wenn ihr überhaupt überleben dürft.
Sicher haben eure Eltern euch von dieser Akademie erzählt. Sie ist die einzige Akademie in Sektor drei und eine von insgesamt fünf Akademien. Jeder Sektor hat eine Akademie, die sich zur Aufgabe setzt, euch zu lehren, im System zu leben, ohne ihm zu schaden. Damit ihr nach und nach über das System informiert werdet, gilt es, euch das gesamte Wissen des Systems nahezubringen. Es ist ausgesprochen wichtig, dass ihr den Unterricht besucht. Zunächst werden wir uns mit den Sektoren befassen. Da ihr in Sektor 2 lebt, werden wir morgen mit diesem Sektor anfangen. Bis dahin möchte ich, dass ihr rausgeht und euch diesen Sektor genau anseht. Sorgt dafür, dass ihr nicht nur eure eigene Siedlung seht.
Ich habe jedoch noch einen gut gemeinten Rat. Versucht nicht, den Sektor zu verlassen. Zwischen den einzelnen Sektoren liegt das Grenzland. Dort ist es gefährlich und ihr würdet keine zwei Stunden dort überleben, sollte es euch gelingen, die Grenze zu überqueren.
Ihr dürft nun gehen. Alle...“, sein Blick schweifte durch den Raum, „außer dir.“ Er schaute mich an. Aus der schwebenden Lichtkugel löste sich ein kleines Lichtlein, das die Tür beleuchtete. Die anderen Kinder verließen den Raum, der letzte schloss die Tür und die kleine Lichtkugel erlosch.

Du brauchst keine Angst haben, ich will dir nichts Böses.“, beruhigte mich der alte Mann hinter dem Pult. Er trat einen Schritt zurück und kam zu mir. Wenn er nicht hinter dem Pult stand, wirkte er viel kleiner, was mir wieder ein wenig die Angst nahm. „Dein Name ist Beatrice, richtig?“ Ich nickte zustimmend. „Ich würde dir gern erklären, warum du anfangs keinen Stuhl hattest. Diese Akademie ist nicht einfach nur ein düsteres Gebäude. Nenne es Zauber oder Fluch, nenne es wie du möchtest. Die Akademie erkennt die Menschen. Du hast am Anfang keinen Stuhl erhalten, weil du ein Outsider bist. Der Künstler hat keinerlei Einfluss auf dich. Du bist an dieser Akademie, weil er Hoffnung hat, dies ändern zu können. Die anderen Personen an dieser Akademie sind nicht besonders freundlich zu Outsidern. Sie verachten sie und würden niemals ein freundliches Wort mit ihnen wechseln.“ - „Warum sind Sie anders?“, unterbrach ich ihn. Er atmete tief durch.
Mein Name ist Deonthes. Wie du unschwer erkennen kannst, bin ich Professor an dieser Akademie. Und wie du ebenfalls sehen kannst, lebte ich schon lange bevor das System aufgebaut wurde.“ Ich musste mir mein Kichern verkneifen. Es gelang mir, ohne dass Deonthes etwas merkte. „Damals wurde ich von Gesandten des Künstlers gelehrt. Wir alle wurden gelehrt, wie ihr heute, obwohl wir viel älter waren. Deshalb war es umso schwerer, uns in das System einzugliedern. An meinem ersten Tag an der Akademie standen viele Personen ohne Stuhl im Klassenraum. Der Künstler erkannte die große Gefahr, die von diesen Menschen ausging, er wusste, dass es aufgrund ihres hohen Alters schwer werden würde, diese Menschen in das System einzugliedern. Viele von ihnen wurden sofort hingerichtet. Auch ich stand an diesem Tag ohne Stuhl in dem Raum. Ich war ein Outsider, doch ich war bereit, mich dem Willen des Künstlers bedingungslos zu beugen. Das ist der Grund, warum ich überlebt habe.
Eines Tages, kleines Mädchen, wirst du vor eine schwere Entscheidung gestellt. Bis dahin musst du an dieser Akademie belehrt werden, wie jeder andere. Es ist ausgesprochen wichtig, dass du den Unterricht besuchst. Du wirst viel lernen, was du für dein späteres Leben benötigst, egal, wie du dich entscheiden wirst. Du solltest nun gehen. Auch innerhalb der Akademie kann es gefährlich werden, wenn du allein herumläufst.“ Ich stand von meinem Stuhl auf. Erneut wurde die Tür beleuchtet und Deonthes ging wieder hinter das Pult. Ich öffnete die Tür, verließ den Raum und drehte mich noch einmal um. Deonthes schaute mich an. Selbst im schwachen Licht, konnte ich seine Augen gut erkennen. Das Licht im Raum ging aus, es wurde dunkel darin. Ich schloss die Tür, ging den langen düsteren Gang entlang und dachte über den Ausdruck in seinen Augen nach. Sicher war ich mir nicht, aber ich meine in seinen Augen einen Schimmer von Hoffnung gesehen zu haben.


Fortsetzung folgt...

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen