3.2 Der Künstler



















Kapitel 2 - Die Welt, in der wir leben

Ich dachte noch lange über diesen Blick nach, versuchte ihn zu interpretieren. Die Versuche warfen neue Fragen auf. Weiß der Künstler von diesem Gespräch? Er muss es wissen, oder? Eigentlich müsste er doch veranlasst haben, dass Deonthes mir das erzählt. Wie funktioniert das alles? Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Fragen kamen auf. Ich nahm mir vor, zu Hause meine Eltern zu fragen. Ich benutzte Schleichwege, um von der Akademie nach Hause zu gelangen. Entlang der Hauptstraße fühlte ich mich nicht sicher. Manchmal patrouillieren Hubschrauber über dem Sektor. Ich habe nie verstanden warum. Ich schiebe einen Zaunpfahl beiseite und schlüpfe durch das Loch, um in unseren Innenhof zu gelangen und durch die Hintertür das Haus zu betreten. An der Vordertür wäre es zu gefährlich. „Mom, Dad, ich bin zu Hause“, rief ich. Meine Mutter stand am Herd, mein Vater saß am Tisch, ins Lesen seiner Zeitung vertieft. „Wie war dein erster Tag, Liebes?“, fragte meine Mutter. „Der Lehrer sagte, ich sei ein Outsider.“ Mein Vater ließ vor Schreck die Zeitung fallen, warf meiner Mutter einen raschen Blick zu. Diese nahm den Topf von der Kochplatte, schaute dann zur Tür heraus, schloss sie und ließ die Jalousien runter. „Komm mit, Bea!“ Mein Vater stand auf, nahm meinen Arm und zog mich hinter sich her, Mutter folgte uns.
Wir gingen in den Keller, Mom machte die Tür hinter uns zu und sperrte sie mit dem Schlüssel ab. „Was ist los? Ich bekomme Angst.“- „Setz dich, Bea“, entgegnete mein Vater. Ich setzte mich auf den Stuhl. Meine Eltern gingen aufgebracht im Raum auf und ab. „Erzähl uns alles, das ist wichtig, verstehst du? Du musst uns alles ganz genau erzählen und darfst nichts vergessen.“ Verwirrt schaute ich die beiden abwechselnd an, bevor ich anfing von meinem heutigen Tag zu erzählen.
Zunächst wurden wir von einer seltsamen Gestalt einen langen, dunklen Gang entlang gescheucht.“ - „Was war das für eine Gestalt?“ - „Sie war seltsam gekleidet, ein Gewand oder so mit einer Kapuze. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, erst als wir in den Raum mussten. Sie hatte graue, ausdruckslose, beinahe leere Augen und eine riesige Narbe, die über das komplette Gesicht verlief. Offensichtlich war es eine Frau, obwohl sie einen festen Griff hatte.“ - „Sie hat dich berührt?“ - „Sie hat mich am Arm gepackt und in den Raum gestoßen. Ist das schlimm?“ - „Wohl eher normal“, scherzte mein Vater, doch Mom ermahnte ihn: „Gerrit, es ist ernst!“ Sie schauten mich wieder an. „Ich erschauderte, als ich der Gestalt in die Augen sah, dann sperrte sie uns in den Raum.“ - „Weiter, weiter!“ - „Was war das für eine Gestalt, Dad?“ Mein Vater hielt inne, warf meiner Mom einen Blick zu. „Mom?“, wendete ich mich an sie. „Bea, später ist genug Zeit für Fragen, wir müssen erst alles wissen.“
Ich erzählte den Rest der Geschichte, dass ich keinen Stuhl bekam, wie genervt ich anfangs von Deonthes Erzählweise war und dass Deonthes mich zum Schluss sprechen wollte. Sie unterbrachen mich ständig durch Fragen nach Details. Als ich fertig war, schauten sich die beiden an. „Schluss damit!“, sagte ich wütend und erhob mich von meinem Stuhl. „Denkt ihr, ich weiß nicht, was ihr hier treibt? Ihr könnt eure Gedanken lesen und redet so miteinander. Charly aus der Nachbarschaft hat mir das erzählt. Dass man bei der Hochzeit ein Ritual abhalten kann, um sich miteinander zu verbinden. So kann man miteinander reden, ohne dass andere es hören. Ohne dass ER es hört!“
Verdutzt schauten die beiden mich an. „Glaubst du eigentlich selbst, was du da sagst, Beatrice?“ - „Gerrit, lass es gut sein. Sie wird es sowieso erfahren.“ Mein Vater setzte sich. „Also stimmt es?“ Ich stämmte die Hände in meine Hüften. „Ich will wissen, wie das hier abläuft. Ich will wissen, wie dieses System funktioniert. Ich will wissen, warum ihr mich in den Keller gebracht habt. Ich habe so viele Fragen und ihr seid mir eine Erklärung schuldig. Ich habe 14 Jahre in dieser Welt gelebt, ohne zu wissen, was überhaupt los ist, dann kommt dieser Brief, ich werde von bewaffneten Männer zu Hause abgeholt, in die Akademie gebracht, von einer seltsamen Frau mit Narbe herumgeschubst und mir wird gesagt, dass ich ein Outsider bin, dass ich aus der Reihe tanze und sterben muss, wenn ich mich nicht eingliedere.“ Meine Eltern schwiegen. „Es ist eine lange Geschichte, Bea.“ - „Ich habe Zeit“, reagierte ich zickig. „Wenn ich mich nicht irre, hast du eine Aufgabe in der Akademie bekommen. Bitte erledige diese zuerst, schau dir den Sektor an, schaue dich um. Du brauchst die Hauptstraßen heute nicht zu meiden. Die Hubschrauber patrouillieren, es ist sicher draußen. Sieh dir alles in Ruhe an, aber rede am besten mit niemandem. Erzähle niemandem, dass du ein Outsider bist. Wenn du wieder da bist, werden wir dir all deine Fragen beantworten.“ Nach einiger Überlegung willigte ich ein.
Ich ging wieder hinaus, diesmal durch die Vordertür, und schaute mich um. Ich erinnerte mich an die Worte von Deonthes und überlegte, welches Ziel außerhalb der Siedlung ich suchen würde. Ich entschied, auf den Berg zu gehen, um mir von dort einen besseren Überblick zu verschaffen. Die Siedlungen waren nah beieinander und sahen sich sehr ähnlich. Einfache Häuser, nicht sonderlich auffällig. Überall, besonders am Fuße des Berges, waren Fabriken, Bergwerke, Baustellen. Das Stadtbild war durch Kräne gekennzeichnet, die weit über die Dächer der Häuser empor ragten. Am Horizont konnte man den Turm erkennen, indem der Künstler leben soll. Charly sagt, dass man den Turm aus jedem Sektor am Horizont sehe und ihn nur erreichen könnte, wenn man genau weiß, wo er zu finden ist. Unsere Stadt war relativ farblos. Grau, braun, schwarz. Immer wieder konnte ich Arbeiter in schmutzigen Klamotten das Bergwerk betreten sehen. Die Kräne bewegten sich nicht. Es wurde nicht gebaut. Der Sektor wurde durch einen meterhohen Zaun eingegrenzt, nur an wenigen Stellen wurde dieser durch Tore unterbrochen, vor denen jedoch bewaffnete Wachen standen. Ich beschloss, als nächstes an den Zaun zu gehen.
Ich hörte den Hochspannungsstrom durch den Zaun schießen. Es summte ununterbrochen. Ich blickte durch den Zaun, die triste Stadt im Rücken. Hinter dem Zaun lag eine weite Fläche, überwiegend grün. Zunächst nur Wiesen, dann Berge, die mit Wäldern bedeckt waren. Mich reizte der Gedanke, was hinter den Bergen liegen würde. Das Grün wirkte irgendwie beruhigend. Es war abwechslungsreich, etwas anderes im Vergleich zu unserer Stadt. Ich drehte mich wieder um, betrachtete die graubraunen Gebäude, den schwarzen Rauch, der aus den Schornsteinen der Fabrikgebäude stieg. Ist es wirklich erforderlich, dass ich durch die ganze Stadt gehe? Sieht doch eh alles gleich aus. Ich blieb dabei und machte mich auf den Heimweg. Ich ging an der größten Fabrik der Stadt vorbei und wagte einen Blick durch die riesigen Glasfenster. Arbeiter standen am Fließband, Maschinen gab es nur wenige in der Fabrik. Einige Aufseher gingen mit Schlagstöcken die Reihen entlang. Was ist das für eine Welt? Ich ging weiter, überquerte die Hauptstraße, auf der nur wenige Autor fuhren – farblose Autos.
Endlich kam ich zu Hause an. Mom und Dad saßen im Wohnzimmer. Sie schienen sich zu unterhalten, ohne zu reden – mal wieder. „Ich bin wieder da. Wollt ihr es mir jetzt sofort erzählen?“ Meine Mutter atmete durch, setzte sich aufs Sofa und bat mich zu ihr. Ich setzte mich dazu. „Stell mir deine Fragen, Süße.“ Ich überlegte kurz. „Die Hubschrauber, was machen die hier und warum sind die nicht immer da?“ - „Sie schützen euch. Sie kommen immer, wenn die Akademie ihren Schülern einen Auftrag im Sektor gibt, um zu gewährleisten, dass euch nichts passiert. Ihr seid die Zukunft des Sektors.“ - „Die Frau in der Akademie... Was ist sie?“ - „Eine Inanima. Sie ist nicht die einzige. Inanimae handeln ganz nach dem Willen des Künstlers, sie sind willenlos, seelenlos. Im Grunde leben sie nicht einmal mehr. Und doch bleiben sie auf der Erde, um den Künstler zu dienen, solange, bis er sie nicht mehr benötigt.“ - „Warum hat sie keine Seele mehr?“ - „Inanimae waren, so sagt man, einst Outsiders. Sie waren nicht bereit, sich dem Willen des Künstlers zu beugen, haben versucht zu fliehen, wurden aber erwischt. Man wollte sie hinrichten, doch einige von ihnen, erklärten sich bereit, dem Künstler zu dienen. Da man nach dem 18. Geburtstag sein Schicksal diesbezüglich nicht mehr ändern kann, wurden sie seelenlos gemacht. Sie haben keinen eigenen Willen mehr. Alles, was sie tun, steht im Buch des Künstlers. Da sie dich am Arm gepackt hat, stehst auch du nun in seinem Buch. So hat er bemerkt, dass du ein Outsider bist, was der Grund dafür ist, dass du keinen Stuhl bekommen hast. Der Künstler hat dieses Buch. Er braucht nicht einmal selbst zu schreiben, das passiert von allein. Er kann jedoch, und das tut er immer wieder, eingreifen und beliebig weiterschreiben. Deshalb kann es sein, dass manche Personen für einige Zeit unter seinem Bann stehen und in seinem Ermessen handeln. Den Rest der Zeit sind diese Menschen frei. In der Regel greift er dann ein, wenn er das System in Gefahr sieht.“ - „Welchen Zweck verfolgt er?“ - „Er will den Frieden bewahren.“ - „Ist das alles?“ - „Bea, du musst verstehen, dass auch wir nicht alles sagen können. Der Künstler würde sonst eingreifen.“ - „Ich will Antworten! Was sind Outsider, warum gibt es sie?“ - „Warum es sie gibt? Keine Ahnung. Es gibt sie in jedem Sektor. Sie leben zunächst wie alle anderen auch, bis sie entdeckt werden. Bis zu ihrem 18. Geburtstag leben die Kinder frei. Erst dann müssen sie sich entscheiden. Dann werden sie ge...“ - „Linda, pass auf was du sagst!“, unterbrach mein Vater sie. Mom nickte. „Entscheiden sich die Kinder gegen das System, werden sie gewaltsam entfernt. Immer mehr fliehen deswegen aus ihren Sektoren. Man weiß nicht genau, wo sie sich aufhalten und was genau sie tun.“ - „Ihr seid also keine Outsider?“ - „Nein, Bea. Nicht mehr.“ - „Und was ist das für ein Ritual, das bei eurer Hochzeit vollzogen wurde?“ - „Es gibt keine genauen Details. Mit der Ehe wird es den Ehepartnern ermöglicht, in den Gedanken miteinander zu reden, ohne dass der Künstler davon Kenntnis erlangt. Er weiß davon, kann aber offensichtlich nichts dagegen tun.“ - „Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es Dinge, über die ihr nicht reden dürft.“ - „Richtig, Bea. Wir dürfen nichts sagen, was das System in irgendeiner Weise gefährden könnte.“ - „Also dürft ihr nicht über das System reden?“ - „Wir dürfen unsere Tochter aufklären, so wie dein Lehrer es auch darf. Wir dürfen deine Fragen beantworten, dürfen dich aber nicht unterstützen, was das Leben im System angeht. Entscheidest du dich gegen das System, entscheidest du dich in gewisser Weise gegen uns.“ - „Das System... Wie funktioniert es? Ich habe in den Fabriken Wachmänner gesehen, mit Schlagstöcken.Warum sind die Sektoren getrennt? Wieso gibt es einen Elektrozaun um unseren Sektor, wieso werden die Tore bewacht und was ist im Grenzland?“ - „Ich übernehme, Linda. Du hast genug gesagt, was dich in sein Buch bringen könnte. Lass erst einmal mich reden.“ Mein Vater setzte sich zu uns. Gespannt wartete ich, was er zu sagen hatte.

Fortsetzung folgt...

1 Kommentar:

  1. Du hast einen schönen Schreibstil!
    Auch wenn es thematisch wirklich nicht meines ist bin ich gespannt darauf wie es weiter geht

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