3.3 Der Künstler


















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Zweites Kapitel

Kapitel 3 - Das System

2016, Leipzig – Es herrschte Krieg. Schüsse, Explosionen, Bombenalarm. Es stürzten Häuser ein, es stürzten Flugzeuge ab, es explodierten Autos, es starben Menschen. Schon wieder eine Bombe. Man erkannte die Welt nicht mehr wieder. Man hatte keine Zeit, um über die Ursachen des Krieges nachzudenken. Es war ein schlimmer Krieg. Noch einige Jahre zuvor hatte man gesagt, man wäre dem Weltfrieden wieder einen Schritt näher. Alles leere Worte.
Wir versteckten uns im Keller, meine Freundin Linda, meine Mutter und ich. Mein Vater kämpfte draußen.
So richtig wusste niemand, warum man kämpfte. Es gab keinen Sinn dahinter, doch der Frieden war so instabil, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen war, bis ein winziger Funke eine gewaltige Explosion auslöste. Es gab einen lauten Knall, die Wände bebten und wir hielten uns die Ohren zu. Wir schrien und hatten panische Angst, doch meine Mutter beruhigte uns. Das Beben nahm kein Ende. Meine Mutter machte uns klar, dass wir das Haus verlassen müssten. Wir warteten einen ruhigen Moment ab, stürmten die Treppe hinauf, hinaus ins Freie.
Ein Großteil der Stadt lag in Trümmern. Linda hielt sich die Augen zu. Die Straße bot ein Bild des Schreckens. Fahrzeuge waren komplett ausgebrannt, Häuser eingestürzt oder schwer beschädigt, Menschen lagen überall, regungslos, tot. Ein paar Soldaten unseres Landes liefen an uns vorbei und verschwanden an der nächsten Kreuzung. Wir liefen die Straße entlang, kletterten über die Trümmer, sprangen über die Krater, die die Bomben in die Straße gerissen hatten, wichen den Leichen aus. Und obwohl es ein so schrecklicher Anblick war, wurde jeder leblose Körper für eine Sekunde von uns gemustert, um zu prüfen, ob es ein Bekannter war. Man sah viele bekannte Gesichter, Menschen aus der Nachbarschaft, die fliehen wollten, es aber nicht geschafft hatten.
Die Bomber drehten ab, verschwanden vom Himmel über unserer Stadt. Wieder eine Explosion. Wir drückten uns an die Mauer einer Ruine, um in Deckung zu gehen, liefen wenige Sekunden später weiter.
Meine Mutter packte uns an den Armen. „Halt!“, sagte sie und drückte uns an die Wand. Vorsichtig schaute sie um die Ecke. Sie winkte uns und wir liefen weiter. Aus der Ferne kam ein Donnern immer näher. Am Horizont erschienen neue Bomber. „Nur noch ein Stückchen“, schrie sie uns an. Kampfjets zischten über unseren Köpfen hinweg, den Bombern entgegen. Endlich erreichten wir den Bunker. Er wurde von Soldaten unseres Landes bewacht. Sie ließen uns eintreten. Es waren nicht viele Menschen, die hier versammelt waren und ich konnte mich nicht entscheiden, ob das Bild im Inneren des Bunkers trauriger war als das der Stadt.
Kinder mit Kriegsverletzungen lagen auf Krankenbetten, waren voller Blut. Sie wurden versorgt, an ihren Betten standen, Eltern, Geschwister oder Freunde. An anderen Betten stand niemand. Uns ging es den Umständen entsprechend gut. Meine Mutter versuchte zu helfen, kümmerte sich um die Kinder, die niemanden mehr hatten. Linda und ich sanken weinend zu Boden.

Es vergingen Minuten, Stunden, Tage. Der Krieg forderte seine Opfer. Über Radio und Funk bekam man immer neue Informationen, neue Todeszahlen, Kapitulationen. Städte wurden dem Erdboden gleich gemacht, ganze Staaten ausgelöscht. Irgendwann wurden die Sender eingestellt. Wir waren hier drin, der Krieg war dort draußen.

Irgendwann kamen Soldaten in den Bunker, doch es waren nicht die unseren. Sie waren bewaffnet, doch sie schossen nicht auf uns. Wir alle hatten Angst. Während ein paar von ihnen die Leichen aus dem Bunker schafften – einige der verletzten Kinder waren ihren Verletzungen erlegen – bewachten uns die übrigen Soldaten. Wir saßen zusammengekauert an einer Wand, die Soldaten standen vor uns, niemand redete. Man hörte ein Schluchzen, daraufhin wieder Stille. Endlich trat ein Soldat hervor und begann uns zu erklären, dass der Krieg beendet sei. Er wäre ein Kämpfer für den Frieden, der in der neuen Welt für Sicherheit sorgen würde.
Ich verstand nicht. Was meinte er mit „neue Welt“? Er entfaltete ein Stück Papier und fing an, zu lesen. „Krieg, Gefahr, Angst und Zerstörung. Die Menschheit war dabei, sich selbst zu vernichten. Bomben, Salven, Nuklear-, Bio- und Chemiewaffen wurden eingesetzt, um Menschen zu vernichten. Um zu verhindern, dass sich die Menschheit auslöscht, wurde in der letzten Nacht ein neues System erschaffen. Menschen aller Altersklassen werden in den Süden gebracht, um dort in einer Welt zu leben, die dem Krieg trotzdem konnte. Ab dem morgigen Tag werden sie die Grundsätze des neuen Systems gelehrt, lernen die neue Welt kennen. Diese neue Welt ist in fünf sogenannte Sektoren unterteilt. Sie stehen für Luxus, Wohlstand, Sicherheit, Geborgenheit und Überleben. Wer sich im neuen System bewährt, wird all dies erhalten, wer nicht...“ Er knüllte das Papier in seiner Hand und warf es zu Boden. „Geht hinaus, nehmt Abschied von den Verstorbenen. Wir sehen uns in einer Stunde wieder, ihr werdet dann abgeholt. Wer nicht rechtzeitig ist, bleibt in dieser verlorenen Welt zurück.“
Die Soldaten traten beiseite. Von Angst erfüllt und nur mit großer Überwindung standen nach und nach immer mehr Menschen auf, gingen an den Soldaten vorbei, verließen den Bunker. Irgendwann konnten auch wir uns überwinden. Wir kamen ins Freie, mussten unsere Augen zukneifen, geblendet vom gleißenden Sonnenlicht. Die Toten, ein jeder für sich, lagen in einer Reihe am Straßenrand nebeneinander. Man hatte ihre Hände gefaltet, ihre Augen geschlossen. Es schien, als würden sie friedlich schlafen – für einen kleinen Moment. Die Menschen, die aus dem Bunker kamen, gingen zum Anfang der Reihe, gingen sie langsam und mit Bedacht entlang, weinend und voller Entsetzen. Von Zeit zu Zeit sah man eine Frau weinend vor einem toten Körper zu Boden sinken – vor dem Körper eines Bekannten. Voller Angst machten auch wir uns auf den Weg. Langsam, Schritt für Schritt, gingen wir die Reihe entlang. Und obwohl es ein so schrecklicher Anblick war, verspürte man Erleichterung, solange man niemanden sah, den man kannte. Wir kamen weit voran. Ich sah Frauen, die vor ihren verstorbenen Männern weinten. Ich sah Kinder, die vor ihrem verstorbenen Vater auf dem Boden kauerten. Plötzlich schrie meine Mutter auf, noch bevor ich aufschauen konnte, hielt sie mir die Augen zu. Sofort ahnte ich, was sie gesehen hatte. Eine Träne löste sich aus meinen Augen, ich griff nach der Hand meiner Freundin, packte sie ganz fest und dachte darüber nach, wann ich meinen Vater das letzte Mal lebendig gesehen hatte. Meine Mutter führte mich ein Stück weiter, bevor sie langsam ihre Hand von meinen Augen nahm. „Dreh dich nicht um, hörst du?“ Ich gehorchte. Wir gingen weiter, sahen Nachbarn, Bekannte und Kinder dort liegen. Als wir am Ende der Reihe angekommen waren, waren wir dankbar, dass wir überlebt hatten. Wir waren dankbar für das neue System, das uns den Frieden brachte.

Wir wurden anschließend in einen Bus gesetzt. Man war freundlich zu uns. Wir fuhren eine ganze Weile, vorbei an zerstörten Städten, mussten sogar die Route ändern, weil die Autobahn beschädigt war. Irgendwann schlossen wir zu einer Kolonne auf. Es wurden immer mehr Busse, die offensichtlich alle dasselbe Ziel hatten. Doch uns kamen auch Busse entgegen, fuhren in eine andere Richtung. Man erklärte uns, dass wir nun in den zweiten Sektor gefahren werden. Wir konnten mit der Bezeichnung nicht sonderlich viel anfangen. Man sagte uns nicht, in welche Stadt wir gefahren wurden, aber das war uns egal. Die Busse wurden langsamer. Wir passierten ein riesiges Tor, das hinter dem letzten Bus geschlossen wurde. Wir hielten an einem großen Platz, stiegen aus und wurden von den Leuten aus den anderen Bussen freundlich begrüßt.
Man erzählte uns, dass wir fortan hier leben, arbeiten und wohnen würden. Uns würde es nicht an Nahrung und nicht an Wasser mangeln, wir hätten Strom und sogar einen Fernseher. Gleichzeitig wurden wir gebeten, am morgigen Tag in der Akademie zu erscheinen. „Jedem von euch winkt ein vollkommen neues Schicksal!“, sagte einer der Soldaten lobend. Die Busse verschwanden. Die Soldaten gingen an das Tor, die Mauer, den Zaun, brachten uns in unsere Häuser, zeigten uns die Akademie. Es war zwar nicht wie in Leipzig, aber es war ohne Zweifel besser als der Tod.

2041 - „Wir erhielten dann einen Crashkurs über dieses System. Da wir die erste Generation waren, die dieses System belebte, musste alles sehr schnell gehen, um uns einzugliedern. Wir hatten die freie Wahl – Outsider oder das System. Die meisten entschieden sich für das System. Die wenigen, die sich dagegen entschieden, verschwanden plötzlich ohne jede Spur. Man wollte uns weismachen, sie seien geflohen, doch daran glauben wir bis heute nicht.“ Ich war entsetzt von der Geschichte, die mein Vater erzählt hatte. Sie fühlte sich so real an. Meine Eltern schauten mich an, Dad nahm mich in den Arm. „Ihr habt euch für das System entschieden?“ Sie nickten. Ich atmete tief durch und versuchte, das Gehörte zu verdauen. „Wie entstehen Outsider? Warum gibt es sie und was macht sie so besonders?“, wollte ich wissen. Ich wollte wissen, wer ich tatsächlich bin. Das beschäftigte mich.
Wir wissen nichts darüber, wie und warum Outsider entstehen. Und wir können nur vermuten, was einen Outsider besonders macht. Outsider scheinen besonders frühreif und und gleichzeitig besonders einfühlsam zu sein. Ich verstehe selbst nicht genau, warum, aber irgendwie scheint diese Eigenschaft sie immun gegen den Willen des Künstlers zu machen. Diese Kinder haben ihr Schicksal selbst in der Hand. Entweder sie schließen sich dem System an, oder...“ Es klopfte. „Erwarten wir Besuch?“, ich war verwundert. Mein Vater schüttelte den Kopf und auch meine Mutter war ahnungslos. „Linda, nimm Bea. Ich öffne die Tür. Wenn nötig, flieht. Du kennst den Weg.“ Mum nahm mich an die Hand und ging mit mir zur Kellertür, während mein Vater die Tür öffnete. „Ahhh, Herr Nachbar.“, rief mein Vater – beinahe zu laut – und gab somit Entwarnung. Es war unser Nachbar, der sich nur ein wenig Zucker ausleihen wollte. Ein anstrengender Tag ging für mich zu Ende. Ich entschloss, ins Bett zu gehen. Als die Glocken der Kirche draußen Mitternacht schlugen, lag ich noch immer wach und versuchte, die vielen Informationen zu verarbeiten. Je länger ich nachdachte, desto mehr Fragen kamen auf. Fragen, die mir nur einer beantworten konnte – der Künstler.

 Fortsetzung folgt...

Ganz bestimmt sogar! Und DU hast die Möglichkeit, Teil der Geschichte zu werden und diese unter Umständen sogar aktiv zu beeinflussen. Es ist ganz einfach: Teile mir den Wunschnamen für deinen Charakter über das Kontaktformular mit! Dieses findest du am rechten Rand in der Sidebar. Gib bitte deine E-Mail-Adresse* an und schreibe deinen Charakternamen in das Textfeld. Die Angabe der E-Mail-Adresse ist notwendig, da du eine Antwortmail erhalten wirst, in der du einen kleinen Fragebogen zu deinem Charakter ausfüllen musst, damit ich diesen ganz nach deinen Vorstellungen einfügen kann.

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Kommentare:

  1. Vielen Dank, das Lied heißt Collide und ist von Jake Miller ;)

    Liebe Grüße
    http://jule-wonderland.blogspot.de/

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  2. Wow, das hast du toll geschrieben! Man kann sich richtig in den Protagonisten hineinversetzen und Respekt, dass du eine Kriegsszene so gut nachvollziehen kannst, obwohl du -hoffe ich doch- noch nie einen Krieg erlebt hast. Respekt und wirklich toll geschrieben!

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    1. Hey Eva,
      stimmt, einen Krieg habe ich noch nie erlebt und ich hoffe, dass das auch so bleiben wird (die Szene spielt 2016, also mal abwarten xP).
      Vielen Dank für das Lob!

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