3.4 Der Künstler


















Die komplette Vorgeschichte

Kapitel 4 - Der Junge aus der Nachbarschaft

2041, Sektor 2 - Es war noch nachts, als ich aufwachte. Draußen war es noch dunkel, nur das schwache Licht der wenigen Straßenlaternen schimmerte in mein Zimmer. Ich schaute auf meine Uhr - 3:42 Uhr. Ich schloss die Augen wieder, atmete tief durch.

Ein lautes Geräusch riss mich aus meinen Träumen. Ich schreckte auf, saß kerzengerade auf meinem Bett. Ein Poltern. Ich starrte zur Tür. Es wurde ruhig. Ich wartete noch einen Moment, dann schaute ich auf die Uhr - 4:23 Uhr. Die Sonne ging gerade auf, die ersten Sonnenstrahlen fielen in mein Zimmer und färbten die leeren Wände angenehm rötlich. Etwas zerschepperte außerhalb meines Zimmers. Ich wollte gerade aufstehen, um nachzusehen, als die Tür aufging. Zwei bewaffnete Männer, komplett in grau gekleidet, betraten mein Zimmer. Ich müsse mitkommen, sagten sie. Mir blieb keine andere Wahl. Sie führten mich die Treppe hinunter. An der Eingangstür standen meine Mutter und mein Vater - sie beide schauten mich an, Mama weinte. "Dir wird nichts passieren, Bea. Vertrau mir!", ermunterte mich Dad. Auch ich weinte. Als ich an den beiden vorbeiging, nahm meine Mum meine Hand. Ich schaute zu ihr hinauf, ehe mich die Männer aus dem Haus führten. Vor unserer Tür stand ein Truck - grau, wie all die anderen Autos. Wir stiegen ein.
Während der Fahrt fuhren wir noch an vielen ähnlichen Trucks vorbei. Auch sie standen vor den Häusern, die Haustüren waren weit offen. Aus einigen kamen ebenfalls bewaffnete Männer mit Kindern in meinem Alter heraus. Wir fuhren nicht lange und kamen an einem großen Gebäude mitten in der Stadt an. Dort standen schon einige andere Kinder, sodass ich mich einfach hinzu stellte. Wir wurden in die große Eingangshalle geführt und man befahl uns, sich hinzusetzen, bis wir abgeholt werden. Die Männer dunkelten die Halle ab und verließen uns dann. Eine Gestalt in einem langen Gewand kam aus einer Tür auf uns zu. Ich erschauderte.

Meine Mum weckte mich. "Bea, du musst zur Akademie." Ich schaute sie an, warf dann einen Blick auf die Uhr. "Ich stehe gleich auf, Mum." - "Hast du gut geschlafen, mein Kind?" Ich schüttelte den Kopf. "Ich hab von gestern geträumt." Meine Mum nahm mich in den Arm. "Ich denke, das ist vollkommen normal. Sowas erlebt man nicht jeden Tag, aber jeder muss da durch." Ich nickte. "Mach dich fertig, Dad macht gerade Frühstück." Mum lächelte und verließ mein Zimmer. Ihr Lächeln hatte eine beruhigende Wirkung.
Ich kam hinunter, setzte mich zu meinen Eltern an den Frühstückstisch. Wir aßen gemeinsam, ehe ich mich auf den Weg zur Akademie machte.

Ich war spät dran, die anderen Kinder saßen schon in der Wartehalle. Heute waren es mehr als gestern. Wir schienen die jüngsten zu sein. Es waren viele ältere Kinder dort. Ich ging zu meiner Klasse. Komischerweise war es mir unangenehm, an den anderen Kindern vorbeizugehen. Seit dem gestrigen Tag wollte ich nicht unnötig auffallen - seitdem ich weiß, dass ich anders bin. Ich bemerkte einen älteren Jungen. In Gedanken versunken saß er auf einer Bank und schien zu träumen. Meine Schritte wurden kleiner, ich wurde immer langsamer und blieb schließlich stehen, schaute ihn an. Er bemerkte mich nicht. Ich wurde unsanft gestoßen und drehte mich empört um. Ich blickte in das vernarbte Gesicht einer Inanima, die mich weiter schubste, bis ich bei den anderen Kindern meiner Klasse war. Sie führte uns - wie gestern auch - den langen, düsteren Gang entlang, bis wir unseren Unterrichtsraum erreichten. Sie öffnete die Tür und wir gingen nacheinander in den Raum. Ich war die letzte und ging ebenfalls an ihr vorbei. Sie seufzte und schloss hinter mir die Tür. Deonthes stand hinter dem Pult, wartete bis wir uns gesetzt hatten und begann dann zu reden.
"Willkommen! Willkommen zu eurem nunmehr zweiten Tag an dieser Akademie. Ich freue mich, dass wir noch immer vollzählig sind." Er warf mir einen freundlichen Blick zu, bevor er sich wieder der kompletten Gruppe zuwandte. "Ich hoffe, ihr habt die Chance genutzt, euch in diesem Sektor umzusehen. Wir befinden uns in Sektor 2. Dieser Sektor steht für Geborgenheit. Es mangelt uns an nichts. Wir haben Nahrung, Wasser und sogar Autos. Wir haben alles, was wir für das Überleben brauchen. Dieser Sektor steht außerdem für den Bergbau und die Industrie. Dinge, die wir brauchen, Dinge, die andere Sektoren brauchen, Dinge, die der Künstler braucht... All das wird hier produziert. Sektor 1 steht für das Überleben. Die Arbeit dort hat sich auf die Land- und Forstwirtschaft und die Fischerei spezialisiert. Doch die Ernte aus Sektor 1 steht nicht allein den Arbeitern dort zu. Die gesamte Nahrung, die im System Umlauf findet, stammt aus Sektor 1. Deshalb ist Sektor 1 der größte Sektor im System. Die Menschen dort leben bescheiden, aber sie leben! Sektor 3 ist kleiner als unser Sektor..."
Deonthes ging alle Sektoren durch, erzählte Geschichten, in denen er die verschiedenen Sektoren besuchte, beschrieb sie und zeigte uns sogar Fotos von seinen Reisen. Irgendwann beendete er den Unterricht. Während alle anderen Kinder den Raum verließen, rief er mich zu sich. "Keiner - auch nicht deine Mitschüler - scheinen etwas nach außen getragen zu haben. Es kursieren jedenfalls noch keine Geschichten über das Outsidermädchen aus meiner Klasse. Ich kann mir vorstellen, wie es dir geht, nachdem sich dein Leben umgekrempelt hat. Du hast sicherlich schlecht geträumt, oder?" Ich nickte. Deonthes kramte in seiner Tasche und holte eine kleine Box hervor. Er öffnete sie und nahm ein paar grüne Blätter heraus. "Das sind Blätter der Passionsblume, eine Pflanze, die es in keinem Sektor gibt. Man findet sie im vereinzelt im Grenzland. Koch die Blätter abends mit heißem Wasser auf. Das nimmt die Angst und fördert einen guten Schlaf." Er drückte mir die Blätter in die Hand. "Ist das nicht..." - "Verboten?", vollendete er meinen Satz, "Ist es nicht. Du magst eine Outsiderin sein, aber in erster Linie bist du ein Kind des Systems, also darf ich dir helfen, wenn es dir nicht gut geht. Würde ich dich aktiv unterstützen, das System zu stürzen, wäre das etwas anderes. Letztendlich profitiere ich ja nur, wenn du ausgeschlafen in den Unterricht kommst." Er lächelte und verabschiedete sich dann von mir.

"Bea, hier ist ein Brief für dich", sagte meine Mutter, als ich das Haus durch den Hintereingang betrat. "Ein Brief? Ich habe noch nie einen Brief bekommen!" Ich freute mich und ging zu meiner Mutter, um ihr den Brief abzunehmen. Als ich auf meinem Zimmer war, öffnete ich den Umschlag und entnahm den Brief.

          Liebe Bea,
          ich habe dich schon häufiger in der Stadt getroffen, doch ich habe mich nie getraut, dich                     tatsächlich anzusprechen. Mir ist aufgefallen, dass du mich heute in der Akademie bemerkt
          hast. Tut mir Leid, dass dieses Wesen dich meinetwegen geschubst hat.
Es ist auffällig, wie sie
          mit dir umgeht. Inanimae waren noch nie sonderlich freundlich, aber derart unfreundlich sind
          sie nur zu einer Gruppe von Menschen. Ich denke, du bist eine Outsiderin.
          Wenn ich mich nicht irre, ist das dein erstes Jahr an der Akademie. Ich absolviere mittlerweile
          mein viertes und somit letztes Jahr. Ich wohne auch in deiner Siedlung, daher
          wundert es mich, dass du mich nicht früher schon bemerkt hast. Ich erinnere mich noch relativ
          genau an meinen ersten Schultag. Mit mir sind die Inanimae damals ähnlich umgegangen, doch
          für mich nimmt dieses Verhalten noch eine ganz andere Bedeutung ein. Wenn du mir antworten
         willst, leg deinen Brief am Abend in die Zeitungsrolle an eurem Haus. Ich hole ihn mir dann ab.

                                                                                                                                                     Severin




Ich musste mir den Brief ein zweites Mal durchlesen, weil es mich sehr verwunderte, dass er wusste, was ich bin. Ich folgerte, dass er ebenfalls ein Outsider sein musste und machte mich sofort daran, eine Antwort zu schreiben.



          Lieber Severin,
          ich schließe aus deiner Erfahrung, dass du ebenfalls ein Outsider sein musst. Meine Eltern
          haben mir davon erzählt, dass man sich nach seiner Zeit an der Akademie entscheiden muss,
          aber es gibt etwas, was sie mir diesbezüglich verheimlichen. Ich würde mich deshalb gerne
          mal mit dir unterhalten. Wäre es möglich, dass wir uns mal treffen? Ich habe eine Menge
          Fragen und hoffe, dass du mir diese beantworten kannst. Außerdem kann es ja nicht falsch
          sein, auch ältere Freunde in der Siedlung zu haben!

                                                                                                                                                           Bea

Ich legte den Brief in den Umschlag und ging dann hinunter in die Küche. "Mum? Deonthes hat mit Blätter der Passionsblume gegeben. Ich soll die in einem Tee trinken, damit ich besser schlafen kann." Meine Mum betrachtete die Blätter. "Schatz?", rief sie durch das Haus und wenige Augenblicke später kam mein Vater in die Küche. "Sieh mal. Das letzte mal als ich die Blätter einer Passionsblume gesehen habe, war ich bei dir und deiner Mutter." - "Oma?", fiel ich ihr ins Wort, "Ihr habt mir nie erzählt, was mit ihr passiert ist." Sie schauten sich an. "Ihr tut es schon wieder, oder?" - "Geh doch bitte in dein Zimmer, Liebes. Deine Mutter und ich müssen das erst besprechen, bevor wir dir etwas erzählen. Du musst doch sicher Hausaufgaben machen." Ich war etwas sauer, doch dann ging ich wieder in mein Zimmer. Die Aufgabe lautete: Zeichne ein Bild, das die Welt, in der wir leben wiederspiegelt.
Ich fing an, legte zunächst eine Skizze an und begann dann zu malen. Ich malte einen endlosen Wald, malte die Schönheit der Natur, einen Sonnenuntergang. Doch dann malte ich einen Zaun, der den Betrachter einsperrte, ihm keine Möglichkeit gab, der Natur nahe zu sein und ich malte einen Turm, weit weg am Horizont, und doch klar und deutlich zu erkennen.
Es war spät geworden. Das Malen hatte eine Menge Zeit beansprucht. Ich nahm den Brief, legte ihn wie verabredet in die Zeitungsrolle und trank dann meinen Tee zum Abendessen, bevor ich mich bettfertig machte.



Ich hatte tatsächlich besser geschlafen, stellte ich fest, als ich am Morgen geweckt wurde. "Guten Morgen, Prinzessin", weckte mich mein Vater, "hier ist ein Brief für dich." Sofort war ich hellwach, setzte mich auf und nahm meinem Vater den Brief aus der Hand. Er lachte und ging dann hinunter, um das Frühstück zu machen.

          Liebe Bea,
          wir sollten uns wirklich einmal treffen. Kennst du den Berg direkt am Zaun, von dem man den
          Turm am Horizont erkennen kann? Wir treffen uns, wenn die Sonne den Horizont berührt.

                                                                                                                                                      Severin







Der Tag in der Akademie verging schnell. Wir waren wieder die einzigen Schüler in der Wartehalle, was neue Fragen aufbrachte, die mir Severin hoffentlich beantworten konnte. Deonthes erzählte uns etwas über die Aufteilung der Sektoren, warum welcher Sektor welche Aufgabe hatte, und über die Geschichte dieser Akademie. Er wich dabei häufiger vom eigentlichen Thema ab, brachte seine eigene Lebensgeschichte mit ein und sagte, dass er die Bilder erst morgen sehen wolle. Auch der Nachmittag verging schneller als erwartet, sodass ich mich bald zum vereinbarten Treffpunkt aufmachte.
Severin war schon dort und wartete geduldig auf mich. Er begrüßte mich, betrachtete mich kurz und lächelte dann. "Sicher hast du viele Fragen", sagte er und sprach damit aus, was ich die ganze Zeit dachte. "Du bist auch ein Outsider, oder?" Er nickte. "Wie alt bist du?" - "Vor einigen Wochen 18 geworden." - "Das heißt, du musst dich bald entscheiden, oder?" - "Das stimmt wohl. Ich weiß selbst nicht besonders viel darüber, wie das abläuft. Es kann jederzeit passieren." - "Wie wirst du dich entscheiden?" - "Ich frage mich, was das für ein tolles System sein soll, indem die Menschen gezwungen werden, zu handeln. Die Menschen leben nach den Vorstellungen eines Mannes. Das hier ist kein Frieden, auch wenn es keinen Krieg gibt. Das hier ist eine Diktatur. Ich denke, jeder sollte die Möglichkeit haben, eigenständig über sein Leben zu entscheiden. Das ist der Grund, warum ich den Sektor verlassen werde, wenn ich vor die Wahl gestellt werde." - "Wir teilen diese Ansicht. Severin, bitte verzeih mir die vielen Fragen." Er lächelte. "Das ist vollkommen in Ordnung, Bea. Ich hatte damals auch viele Fragen." - "Warum waren heute nicht alle Schüler in der Akademie?" - "Du musst nur in der ersten Woche jeden Tag zur Akademie. Anschließend findet der Unterricht nur noch wöchentlich statt." - "Eine Frage habe ich noch. Du hast in dem Brief geschrieben, dass das Verhalten der Inanimae damals eine ganz besondere Bedeutung für dich eingenommen hat. Wie meinst du das?" Er holte tief Luft. Ihn schien diese Frage zu bedrücken. "Das tut mir Leid. Ich wollte dich nicht traurig machen", entschuldigte ich mich. "Schon okay", entgegnete er, "Meine Mutter entschloss sich als ich klein war, dem System den Rücken zu kehren. Sie wollte als eine der ersten Outsider ins Grenzland fliehen, schaffte es auch den Sektor zu verlassen, wurde dann aber wenig später erwischt. Ich lebe bei meinem Vater. Er erzählte mir die Geschichte und erwähnte einen Brief, den er wohl vom Künstler persönlich bekommen habe." Die Geschichte berührte mich und machte mich gleichzeitig neugierig. "Was stand in dem Brief?" - "Aufgrund seiner grenzenlosen Großzügigkeit habe sich der Künstler bereit erklärt, ihr das Leben weiterhin zu gewähren. Sie müsse sich jedoch vollkommen seinem Willen unterordnen. Ich schließe daraus, dass sie nun eine Inanima ist - eine von vielen."
Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, bevor unser Gespräch unterbrochen wurde. "Severin? Wo bist du schon wieder, Severin?" Eine weibliche Stimme erreichte uns vom Fuß des Berges. "Das ist meine Freundin Michelle. Wir sind seit meinem 18. Geburtstag ein Paar - lustiger Zufall, oder?" Ich lächelte verlegen. "Ich schreibe dir wieder, ich muss nun erstmal los." Er machte sich auf den Weg bergab. "Severin?", rief ich hinterher, "Der Künstler? Weiß er von diesem Gespräch?" - "Wenn du weiter so schreist, weiß er zumindest, dass wir uns getroffen haben." Er lachte und auch ich musste lachen. Ich drehte mich um, schaute durch den Zaun. Ich sah Berge, bedeckt von Bäumen. Ich sah die Natur, endlos und schön. Ich sah den Sonnenuntergang, warm und anmutig zugleich. Und ich sah den Turm, weit weg und doch so klar. Das alles konnte ich durch den Zaun sehen. Ich schloss die Augen für einen Moment und träumte von der Freiheit, von der weiten Welt, die dort draußen wartete - vielleicht völlig unberührt. Orte, die seit Jahren niemand mehr erblickt hatte. Ich öffnete die Augen wieder, blickte erneut durch den Zaun in die Ferne. Mir kam dieses Bild bekannt und vertraut vor. Es gleichte dem Bild, das ich gestern gemalt hatte.

Fortsetzung folgt...



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3. Es gibt jetzt einen kleinen Videotrailer für diese Geschichte! Vielen Dank an Phillip Parche!






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