3.5 Der Künstler



Die komplette Geschichte 


Kapitel 5 - Die Geschichten der Grace Black



„Guten Morgen“, begrüßte Deonthes uns, „wie ihr sicherlich bemerkt habt, sind die Helikopter wieder unterwegs, um für Sicherheit zu sorgen. Nicht aber, weil ihr wieder durch Sektor 2 laufen sollt, sondern weil wir diesen Sektor heute verlassen werden und Kinder eines anderen Sektors diesen heute besuchen werden, so sieht es der Lehrplan vor. Wir werden mit einem Bus fahren und noch bevor die Sonne untergeht zurück sein. Darf ich euch für diesen Zweck meine Enkelin Grace vorstellen?“ - „Ich denke, ich stelle mich kurz selber vor“, übernahm sie das Wort. Grace war höchstens Anfang 20 und hatte langes, leicht welliges, schwarzes Haar. Ihre Haut schien blass, aber ich konnte nicht unterscheiden, ob sie es tatsächlich war, oder ob das nur durch das schwierige Licht so aussah. Sie war modern gekleidet und ihre Augen leuchteten im schwachen Licht. „Mein Name ist Grace, ich werde aufgrund meiner schwarzen Haare immer Grace Black genannt, es reicht aber, wenn ihr Grace sagt. Ich bin 22 Jahre alt und werde euch heute begleiten.“ Deonthes schmunzelte und schaute dann in die Gruppe. „Wir werden uns zuerst Sektor 1 ansehen. Jeder von euch erhält einen Lageplan mit wichtigen Informationen zu unterschiedlichen Stationen, die ihr in diesem Sektor ansteuern könnt. Wichtig ist, dass ihr stets mindestens zu zweit herumlauft. Leider ist Felicia heute krank, sodass ihr nur 19 Kinder seid, aber ich bin sicher, dass Grace auch bei jemandem mitgehen kann. Bildet bitte schnell Zweiergruppen, der Bus wartet schon vor der Akademie.“
Wie erwartet, war ich die einzige, die allein blieb, weshalb Grace sich zu mir gesellte, bevor wir zum Bus gingen. Ich setzte mich an Fenster, Grace setzte sich rechts neben mich. Als alle im Bus waren, wurden die Türen geschlossen und der Bus fuhr los. Ich schaute aus dem Fenster, während wir vom großen Platz rollten. An der Straße standen Severin und seine Freundin. Severin sah mich und winkte mir, seine Freundin lächelte, Deonthes Stimme erklang. „Wie ihr sicher wisst, ist Sektor 1 agrarisch geprägt. Er steht für das Überleben. Nicht nur für das Überleben innerhalb des Sektors, sondern auch für unser Überleben – die nötigsten Lebensmittel kommen aus Sektor 1. Um Sektor 1 erreichen zu können, müssen wir eine ganze Weile durch das Grenzland fahren, eine Fahrt, die nicht ganz ungefährlich ist. Deshalb wird am Tor unseres Sektors eine Wache zusteigen, die uns auf der Fahrt begleitet und beschützt.“ Der Bus wurde langsamer und wir hielten am Tor. Als die Tür aufging, stieg eine bewaffnete Wache ein. Sie ging einmal durch den Bus, schaute in jede Sitzreihe und ging dann wieder nach vorne. „In Ordnung, es kann losgehen“, gab er seinen Kollegen draußen zu wissen. Die Bustür wurde geschlossen und wenige Augenblicke später ging das Tor auf, sodass wir losfahren konnten.
„Wir durchqueren jetzt das Grenzland, um von unserem Sektor, Sektor 2, zu Sektor 1 zu gelangen. Das Grenzland wird von Tieren bewohnt und wurde vom Künstler der Natur wiedergegeben. Man sagt, dass die Outsider, die aus ihrem Sektor geflohen sind, irgendwo im Grenzland eine Siedlung errichtet haben und seitdem dort leben. Der Künstler hat schon häufiger Suchtrupps losgeschickt, doch wenn sie zurückkamen, dann ohne Ergebnisse. Im Grenzland ist die Macht des Künstlers im Vergleich zu den Sektoren sehr gering, sodass schwer für ihn ist, die Truppen zu verfolgen und so eventuell die Outsider zu lokalisieren. Das Grenzland birgt jedoch noch mehr Gefahren. Hier leben wilde Tiere, Tiere, die man wohl in keinem der Sektoren je gesehen hat. Es gibt steile Abhänge, alte Bäume, die umstürzen, reißende Ströme. Man ist dem Wetter ohne Schutz ausgeliefert, weshalb es nicht ratsam ist, seinen Sektor freiwillig zu verlassen. An vielen Stellen wurde mittlerweile mit Aufforstungsprogrammen angefangen, um der Natur auch die letzten verlassenen Städte zurückzugeben. Die Welt hier draußen ist nicht unberührt. Menschen haben vor dem großen Krieg überall gewohnt, doch mittlerweile ist es gelungen, weite Teile des Grenzlandes wieder der Natur anzuvertrauen.“
Ich beobachtete die anderen Kinder. Sie starrten gebannt aus dem Fenster. Grace schien zu schlafen, weshalb auch ich mich entschied, während der Fahrt aus dem Fenster zu schauen. Die Straße war von Bäumen umschlungen, die nur wenig Licht durchließen. Egal wo man hinsah, man schaute in einen endlosen Wald. Hin und wieder sah man einige Tiere zwischen den Bäumen entlang springen. Der Bus wurde langsamer. „Wenn ihr dort hinten nach rechts schaut, seht ihr einige Rehe. Sie leben hauptsächlich in Wäldern. Nur die männlichen Tiere tragen auf dem Kopf ein Geweih, mit dem sie zum einen ihr Revier markieren und verteidigen, zum anderen um ihr Weibchen kämpfen. Die kleineren Tiere, die dort vorn auf der rechten Seite kommen, sind Hasen. Man erkennt sie an ihren langen Ohren, die man Löffel nennt. Und auf der linken Seite, wenn wir an die Bäume schauen, sehen wir zwei Eichhörnchen, die fangen spielen. Dank ihrer Krallen können sie wunderbar an und auf den Bäumen klettern und ihr langer, buschiger Schwanz hilft ihnen, das Gewicht zu verlagern oder ihren Sprung zu lenken, wenn sie von einem Baum zum anderen springen.“
Wir fuhren noch eine ganze Weile, ehe der Bus wieder langsamen wurde. Wir hielten vor einem Tor, der Wachmann stand auf und verließ den Bus. Es dauerte etwa eine Minute, ehe das Tor aufgemacht wurde und der Bus passieren durfte. Wir hielten auf einem großen Platz und durften aussteigen, bekamen dabei jeder einen Lageplan und erhielten eine Zeit, wann wir uns wiedertreffen würden, um zurückzufahren. Grace kam zu mir und lächelte mich an. Die anderen strömten in alle möglichen Richtungen davon. „Wo möchtest du hingehen?“, wollte Grace von mir wissen. „Du warst schon öfters hier, oder?“ Sie nickte. „Zeigst du mir alles, was man hier gesehen haben muss?“ Sie stimmte zu und wir gingen los. „Wie du sicher weißt, ist Sektor 1 der flächenmäßig größte Sektor. Das liegt natürlich auch daran, dass zwischen den ganzen Häusern irgendwo Platz sein muss, um die Nahrungsmittel anzubauen. Du wirst im Laufe der Zeit merken, dass die unterschiedlichen Sektoren ganz unterschiedliche Klimaten angehören. Nur weil dieser Sektor agrarisch geprägt ist, heißt das übrigens nicht, dass nirgends anders Landwirtschaft betrieben wird. Zitrusfrüchte wie Orangen oder Zitronen werden nicht hier angebaut. Es gibt eine Menge zu entdecken und ich denke, wir sollten das Dorf hier auch verlassen, damit du alles siehst. Ich erinnere mich so gern daran. Als ich 6 Jahre alt war, lebte ich bei meinen Großeltern, weil mein Vater den ganzen Tag in der Fabrik arbeiten musste und meine Mutter uns relativ früh verlassen hat. Sie ist eine der wenigen Menschen, die es bisher geschafft haben, von Sektor 2 in Sektor 3 aufzusteigen. Opa war morgens immer in der Akademie unterrichten und Oma und ich haben uns immer einen schönen Tag zu Hause gemacht. Sektor 2 wurde damals noch direkt versorgt. Wir bekamen frische Milch in Glasflaschen. Oma erzählte mir, dass es das vor dem System auch nicht gab, sondern dass es lange her ist, dass man Milch noch in Glasflaschen bekommen hat. Jeden Tag kamen ein paar LKW, die frische Milch und frische Eier brachten, frisch gebackenes Brot, Kartoffeln und Äpfel – alles frisch. Mit der Zeit änderte sich das. Milch gab es nur noch in Kartons, um sie länger haltbar zu machen, das Brot gibt es abgepackt und wer weiß, was sie mittlerweile alles in die Äpfel spritzen. Der Künstler hat früher versucht, das Leben angenehm und natürlich zu machen, doch die wachsende Bevölkerung im System hat ein Umdenken erforderlich gemacht.“
Ich hörte ihr zu, speicherte die Informationen und machte mir dazu Gedanken. Wir gingen über einen gepflasterten Platz, in dessen Mitte ein Brunnen war. „Sektor 1 steht für Überleben. Es fehlt ihnen an nichts, sie haben Wasser – ich denke das sauberste Wasser im ganzen System –, sie haben Nahrung – wohl auch das frischste Obst, das beste Brot –, aber sie müssen dafür arbeiten. Wasser gibt es im Brunnen, das Essen wächst frisch, überall um sie herum, es gibt mehr als genug davon. Man lebt hier quasi im modernen Mittelalter.“ Ich schaute mich um. An einer Hauswand am Rand des Platzes saß eine Frau, die sich eine Decke übergeworfen hatte. „Grace, was ist mit der Frau dort vorn?“ Grace schaute zu ihr herüber. „Das ist die Kehrseite der Medaille. Der pure Drang und das alleinige Streben nach Überleben hat nicht ausgereicht, um die Menschen dazu zu bewegen, zu arbeiten. Es gibt noch ähnliche Stationen, Menschen die leiden, damit die anderen sich davor schützen wollen. Diese Menschen fungieren wie ein Denkmal, das all die anderen Menschen daran erinnern soll, zu arbeiten, um nicht so enden zu müssen. Es gibt jedoch Menschen, die es weitaus schlimmer erwischt hat.“ - „Die Dame dort vorn, Grace, was ist mit ihr passiert?“ Grace blieb stehen und schaute zuerst mich an, dann an mir vorbei zu der Dame, die immer noch da saß und sich kaum regte. „Ich glaube, es ist knapp sechs Jahre her. Sie kamen, im Winter und nahmen der Dame all das, was sie brauchte, alles, was sie besaß.“ - „Wer kam?“, musste ich sie unterbrechen, um zu verstehen. „Truppen des Künstlers. Die Dame hatte sich geweigert, den ganzen Tag zu arbeiten, wenn sie im Endeffekt eh sterben müsse. Deshalb schickte der Künstler im Winter vor sechs Jahren einige Wachen hierher, um ihr alles zu nehmen, all ihr Geld, ihre Möbel, all ihr Hab und Gut, Erinnerungen in Form von Fotos und Tagebüchern, Dokumente, Kleidung, ihre Werkzeuge, sogar ihre Wohnung. Sie nahmen ihr alles und setzten die Frau auf die Straße. Sie ist bis jetzt über die Runden gekommen. Immer hatte jemand Mitleid, hat sie irgendwo schlafen lassen – und wenn es nur der Keller war. Als ich die Dame zum ersten Mal sah, war das jedoch in einer anderen Siedlung des Sektors. Sie scheint zu wandern, um nicht immer denselben Menschen zur Last zu fallen.“ Ich schaute voller Mitleid zu ihr rüber. „Komm mit, Grace!“ Ich ging zu der Dame, kramte in meiner Tasche und hielt der Frau dann etwas Geld hin. Sie schaute zu mir hinauf, nahm das Geld und hielt dankend ihre Hände um meine. Sie hatte Tränen in den Augen – wohl Freudentränen – und es machte mich irgendwie glücklich, ihr zu helfen.
Wir gingen weiter. „Grace, was gibt es hier noch für Menschen, die als Denkmäler fungieren?“ Sie atmete tief ein und seufzte dann. „Es gibt Menschen wie sie, denen alles genommen wurde, es gibt Menschen, die wurden schwer verletzt, Menschen, die plötzlich erkrankten, Menschen, die ihren Verstand verloren und es gibt jährlich einen Kampf in der Arena von Sektor 5. Dort kämpfen zwei Männer aus Sektor 1, um die Menschen dort zu vergnügen. Nur einer dieser beiden Männer kommt lebendig zurück.“ - „Nach welchen Kriterien werden all diese Menschen ausgewählt?“ - „Opa hat sich damit beschäftigt. Er sagte, die Menschen, die sich am meisten gegen das Arbeiten und das System sträuben, werden ausgewählt, um als solche Denkmäler zu fungieren. Je nach der Schwere ihres Vergehens, fällt die Bestrafung aus.“ Ich hatte genug gehört und wechselte das Thema.
Grace zeigte mir noch eine ganze Menge interessanter Dinge, eine Windmühle, eine Wassermühle, einen Stall, in dem Tiere lebten, die Pferde hießen. Ich hatte solche Tiere noch nie gesehen. Kühe, die auch in dem Stall standen, kannte ich hingegen von den Milchverpackungen.
Die Zeit verging viel zu schnell und Grace führte mich zurück zum Bus. Die Rückfahrt lief ähnlich ab wie die Hinfahrt. Wir hielten an, eine Wache stieg hinzu, Deonthes erzählte ein paar Sachen über die Geschichte von Sektor 1 und 2. Er hatte nicht zu viel versprochen, denn ehe die Sonne unterging, hielt der Bus schon wieder auf dem Platz vor der Akademie. Wir stiegen aus dem Bus und durften dann gehen. Ich blieb noch etwas und wartete, bis auch Grace aus dem Bus stieg. „Danke, dass du mir alles gezeigt hast.“ - „Gar kein Problem. Wir werden uns sicher noch häufiger sehen. Schönen Abend noch.“ Grace lächelte und ging dann zusammen mit Deonthes. Der Bus fuhr los und ich machte mich ebenfalls auf den Heimweg. Da noch immer Hubschrauber über die Häuser hinwegflogen, entschied ich mich, an der Hauptstraße entlangzugehen.
„Ich bin wieder zu Hause!“, rief ich, als ich durch die Tür kam. „Das Abendessen ist gleich fertig, Bea“, hörte ich Mum aus der Küche sagen. „Ich geh solange hoch in mein Zimmer, ruft mich bitte, wenn das Essen fertig ist.“ Meine Mutter willigte ein und ich ging die Treppe hinauf. Auf halber Strecke, rief mein Vater plötzlich nach mir. Ich blieb stehen und drehte mich um. „Hier ist übrigens ein Brief für dich, Bea.“ Er kam an den Fuß der Treppe und reichte mir den Brief. Ich bedankte mich und verschwand in meinem Zimmer. Ich begutachtete den Umschlag und fand schnell heraus: Der Brief war von Severin.


Fortsetzung folgt...

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Kommentare:

  1. Ich hab dich getaggt ;) http://fearless-art.blogspot.de/2014/02/liebster-award-discover-new-blogs.html

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    1. Hey,
      vielen Dank fürs Taggen, ich werd's die Tage umsetzen.
      Darf ich kurz fragen, wie du auf meinen Blog gekommen bist? :)

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