3.6 Der Künstler


















Du kennst die Vorgeschichte nicht? Lies dir hier die komplette Geschichte durch!

Kapitel 6 - Die Profilerin

Liebe Bea,
heute hast du dir Sektor 1 angesehen. Ich bin mir sicher, dass du langsam verstehen wirst, wieso man gegen das System vorgehen muss. Das Überleben, das einem in Sektor 1 versichert wird, ist eine Qual, ein reines Glücksspiel, eine Laune des Künstlers. Die Geborgenheit in Sektor 2 ist ein Schein, ein Mittel zum Zweck. Die Sicherheit in Sektor 3 ist eine Rückversicherung, ein weiterer Schachzug im Plan des Künstlers. Der Wohlstand in Sektor 4... eine nette Geste mit dem selben Ziel. Und all der Luxus in Sektor 5 ist reine Bestechung. Der Künstler bewertet nicht die Leistung, er handelt nicht gerecht, er spielt nicht fair. Es wird der Tag kommen, an dem ich verschwinde, Sektor 2 den Rücken kehre, die anderen suche.
Auch du wirst eines Tages verstehen, worauf es ankommt, und dass das Leben in diesem System nicht dem Leben entspricht, das ein jeder Mensch zu leben verdient hat. Doch bei dir wird diese Erkenntnis noch eine Weile dauern, egal, wie viel ich dir erzähle. Es sind und bleiben nur einmal Erzählungen. Ein argentinischer Autor sagte einmal, man erzähle Kindern Geschichten, damit sie einschliefen, und Erwachsenen erzähle man Geschichten, damit sie aufwachten. Eine Geschichte, egal ob ich sie dir erzähle oder deine engsten Freunde oder deine Eltern, wird immer eine Geschichte bleiben, bis du mit eigenen Augen siehst oder am eigenen Leib erfährst, was sie dir erzählte. Es gibt noch viel für dich zu sehen, viel zu entdecken und zu erleben, bis du merkst, wie falsch das alles ist. Nimm dir die Zeit, dann sehen wir uns eines Tages auch dort draußen wieder. Wir hören voneinander, Severin.


Ich schaute noch einen Augenblick auf das vollgeschriebene Papier, legte es dann beiseite und stürmte aus meinem Zimmer, die Treppe hinunter und zur Tür. „Wo möchtest du hin, junges Fräulein?“, mein Vater machte einen Satz und stand ebenfalls im Flur. „Ich muss noch einmal los. Zu Severin. Es ist wichtig. Er schätzt mich falsch ein“, schilderte ich empört. Mein Vater schaute mich mit skeptischem Blick über seine Brille hinweg an, willigte dann aber ein und ließ mich gehen. Die Sonne war bereits vom Himmel verschwunden, nur am Horizont ragten noch einige letzte Strahlen in den Himmel und färbten ihn orange-rot, während von der anderen Seite die Nacht einbrach. Ich lief die Straße entlang und erreichte schließlich das Haus, in dem Severin mit seinem Vater lebte. Ich klopfte an der Tür und wenige Augenblicke später wurde mir geöffnet. Es war Severins Vater. „Guten Abend. Mein Name ist Bea, ich bin eine Freundin von Severin. Ist er zu Hause?“ Severins Vater musterte mich mit seinem Blick, bevor er auf meine Frage reagierte. „Du scheinst ein nettes Mädchen zu sein, höflich bist du, obwohl du noch so jung bist.“ Er überlegte kurz, schaute mir ins Gesicht und fuhr dann fort: „Dein erstes Jahr an der Akademie, also bist du 14. Woher kennst du Severin?“ - „Wir haben uns in der Akademie gesehen und schreiben uns Briefe.“ Sein Blick änderte sich, er schaute zunächst verwundert, dann verschreckt. „Ich weiß, was du bist, kleines Mädchen.“ - „Hören Sie, ich möchte wirklich nicht unhöflich erscheinen, aber ich muss Severin sprechen. Ist er da?“ Der Mann schwieg erneut. „Er ist da. Doch er wollte schlafen. Er sagte, ihm sei einiges klar geworden, über das er sich den Kopf zerbrechen müsse.“ Ich wendete meinen Blick ab und überlegte. „Könnten Sie ihm morgen früh sagen, dass ich hier war, dass ich empört war, weil er mich unterschätzt und dass er sich dringend bei mir melden soll?“ Sein Vater nickte. „Gute Nacht, kleines Mädchen“, verabschiedete er sich und schloss die Tür, ehe ich etwas erwidern konnte. Ich drehte mich um und ging auf die Straße, schaute dann noch einmal zurück zum Haus und blieb stehen. Das Fenster im ersten Stock stand offen. Ich könnte ihn rufen, ihn aufwecken und dann mit ihm reden. Oder ich warte bis morgen und rede dann mit ihm. Ich entschied mich für Letzteres und ging wieder nach Hause, wo ich ins Bett fiel. Ich erinnerte mich an die tragische Geschichte mit Severins Mutter und überlegte mir, was ich ihm morgen sagen könnte. Und obwohl ich nicht müde war, dauerte es nicht lange, bis ich einschlief.

Ich lag wach im Bett, konnte nicht mehr schlafen. Es war dunkel, draußen und in meinem Zimmer. Obwohl mein Fenster geschlossen war, konnte ich einige Hunde in der Nachbarschaft bellen hören. Irgendetwas schien sie zu beunruhigen. Ich wollte aufstehen, um aus dem Fenster zu sehen, als mir auffiel, dass ich mich nicht bewegen konnte. Ich wollte um Hilfe rufen, doch ich brachte keinen Laut heraus. Ich richtete meinen Blick auf die Tür und bekam plötzlich Angst, dass wieder bewaffnete Männer hereinkamen. Es wurde ruhig, die Hunde beruhigten sich. Ich behielt die Tür dennoch im Auge. Unter der Tür blitzte es auf und warf für eine Sekunde einen hellen Schimmer in mein Zimmer. Ich zitterte. Ich wollte mir die Augen reiben, um sicherzugehen, dass ich mich nicht irrte, doch meine Arme schienen schwer wie Stahl zu sein, sodass ich sie nicht anheben konnte. Deshalb blinzelte ich ein paar Mal. Mir wurde bewusst: Ich täuschte mich nicht. Unter der Tür drang langsam immer mehr Rauch hindurch. Ich bekam Panik, hyperventilierte, während sich der Rauch wie ein Nebelschleier in meinem Zimmer verteilte und den kompletten Boden bedeckte. Ich wollte die Augen schließen, aus Angst vor dem, was als nächstes passierte, entschied mich dann jedoch dagegen, um nicht überrascht zu werden. Es blitzte abermals unter der Tür hindurch und die Tür öffnete sich langsam, Zentimeter um Zentimeter. Angstschweiß stand in meinem Gesicht und ich war mit Sicherheit so blass, dass man mich für tot gehalten hätte. Eine Gestalt befand sich in der Tür, sie berührte nicht den Boden, was mir noch mehr Angst machte. Zuerst hielt ich sie für eine Inanima, bis mir auffiel, dass sie kein schwarzes Gewand sondern ein weißes Kleid trug und der Kopf war nicht von einer dunklen Kapuze verhüllt, sondern trug langes, weißes Haar, das sich leicht bewegte, als würde es im Wind wehen. Schwebend kam sie in mein Zimmer, von Nebel umgeben, der sie zu tragen schien. Sie schaute mich an und ich konnte ihre blutunterlaufenen Augen erkennen, als es abermals aufblitzte. Sie befand sich nur wenige Meter von meinem Bett entfernt und starrte mich ebenso an, wie ich sie anstarrte. Plötzlich streckte sie die Arme zu den Seiten aus, ihre Haare stellten sich in alle Richtungen auf, als würden sie schwerelos im Raum schweben und die Gestalt riss ihren Mund auf, gab einen schrillen, ohrenbetäubenden Schrei von sich.

Der Schrei wandelte sich nahtlos in meinen Schrei um. Ich saß senkrecht im Bett, die Sonne ging gerade auf. Meine Eltern stürmten in mein Zimmer. „Was ist los? Warum schreist du? So beruhige dich doch.“ Sie redeten beide auf mich ein und beruhigten mich schließlich. „Ich muss sofort zu Severin.“
Zwar taten sich meine Eltern schwer, mich in diesem Zustand gehen zu lassen, doch sie erlaubten es und so eilte ich wieder zu Severins Haus. Das Fenster im ersten Stock stand noch immer offen, ich lief zur Tür und klopfte. Wieder öffnete sein Vater. Er weinte. „Ich habe mich gefragt, wann du wohl hier auftauchen wirst, kleines Mädchen“, schluchzte er, „komm rein!“ Ich betrat das Haus. „Setz' dich doch“, bat er mir an, als wir im Wohnzimmer ankamen und deutete aufs Sofa. „Was ist passiert? Warum weinen Sie?“ Er war ganz aufgewühlt, setzte sich hin, stand wieder auf, setzte sich woanders hin. „Severin... Mein Severin...“ - „Was ist mit Severin?“ Er schluchzte. Oh Gott, mein Junge... Er ist weg. Er hat mir schließlich auch noch das letzte geraubt, was mir blieb. Erst nimmt er meine Frau, macht sie zu einer solchen Kreatur und nun raubt er mir meinen Jungen. Als ich heute morgen in sein Zimmer kam, um ihn zu wecken, da war er fort. Er schläft nie so lange, niemals. Das kam mir seltsam vor, deswegen schaute ich nach. Er war weg. Das Fenster war offen und mein Junge war weg.“ Man merkte ihm an, dass er aufgebracht war. Ich versuchte ihn zu beruhigen. „Vielleicht ist er nur zu Michelle gegangen. Sie wissen schon. Michelle ist seine Freundin.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein, nein!“ Er ging aufgelöst im Wohnzimmer auf und ab, schien über irgendetwas nachzudenken. „Hübsches, junges Ding“, sagte er und blieb mitten im Raum stehen. Seine aufgewühlte Stimme klang plötzlich viel ernster und entschlossen. „Hübsches, junges, blondes Ding, diese Michelle. So unschuldig, so lieb. Und doch ein solches Ding. Ein Miststück, diese Michelle. Ein blondes, junges Miststück.“ Er begann zu fluchen, wirkte beinahe wahnsinnig. „Was haben Sie gegen Michelle? Sie ist doch ein netter Mensch, oder?“ Er überlegte, zweifelte für einen Moment wohl an sich selbst, doch ergriff dann entschlossen das Wort: „Nett, das war sie. Das ist sie. Doch ein Mensch... keinesfalls. Vielleicht...“ Er überlegte, rannte aus dem Zimmer, stolperte die Treppen hinauf. Ich folgte ihm und fand ihn in Severins Zimmer, den Schreibtisch durchsuchend, ehe er sich auf den Nachttisch stürzte. „Da! Hier! Ich wusste es! Dieser raffinierte Junge. Das hat er von mir. Mein Junge. Oh...“ Er drehte sich zu mir um, war plötzlich ganz ruhig. In seiner Hand hielt er einen Brief. „Adressiert an dich, junges Fräulein.“ Severins Vater reichte mir den Brief und zunächst etwas zögernd, nahm ich den Brief aus seiner Hand, um ihn zu entfalten.




Liebe Bea,
verzeih mir, dass es nicht anders zu lösen war und ich so abrupt verschwinden musste. Ich wünschte, die Situation wäre eine andere gewesen und wir hätten uns zumindest noch ein letztes Mal sprechen können, ehe ich aus dem Sektor verschwinde. Wenn du diese Zeilen liest, kann ich davon ausgehen, dass du meinen Vater bereits kennengelernt hast. Außerdem kann ich mir dann sicher sein, dass ich dich unterschätzt habe. Wie du eventuell erahnen kannst, wissen die Erwachsenen weitaus mehr, als sie uns erzählen. Es gibt Dinge, die sie uns nicht erzählen dürfen, um das System nicht zu gefährden, doch nichts spricht dagegen, dass du es von einem anderen Outsider erfährst. Michelle und ich kamen wie gesagt an meinem 18. Geburtstag zusammen. Zunächst glaubte ich an einen glücklichen Zufall, doch jetzt weiß ich, dass das keinesfalls ein Zufall war. Sie ist etwas, das man im System eine Profilerin nennt. Sie werden geschickt, um junge Outsider zu testen, ob sie sich dem System anpassen werden oder sich dagegen stellen. Mein Vater hat sicher noch einige Informationen dazu, frag ihn nur einmal. Ich hatte keine andere Wahl, als zu verschwinden, denn beugen wollte ich mich nicht. Wenn du diese Zeilen liest, bin ich wahrscheinlich nicht mehr im Sektor. Es ist bedauerlich, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, mich persönlich von dir zu verabschieden. Du musst mir einen Gefallen tun. Du musst das Leben im Sektor weiterleben, egal, was du noch erfahren wirst. Gehe weiterhin zur Akademie, nehme an den Ausflügen teil, rede mit niemandem darüber, dass du alles weißt.
Ich verspreche dir, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden. Ein Abschied ist also streng genommen nicht einmal nötig gewesen. Severin.




Ich las den Brief, während Severins Vater mir über die Schultern guckte und mitlas. Als ich mich jedoch erwartungsvoll umdrehte, verzog er das Gesicht. „Sie kommen nicht drumherum, mir Rede und Antwort zu stehen.“ Er ließ sich auf Severins Bett sinken, seufzte und begann dann zu erzählen: „Weißt du, kleines Mädchen, Severin und ich leben seit Ewigkeiten allein. Seine Mutter versuchte damals ins Grenzland zu fliehen. Sie wurde kurze Zeit später gefasst. Nun ist mein Junge weg, auf dem Weg ins Grenzland. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich werde dir alles erzählen. Profiler haben die Aufgabe, Outsiders zu testen, um zu überprüfen, ob sie sich ins System eingliedern. Tun sie dies nicht, werden sie aus dem System entfernt. Michelle ist eine solche Profilerin. Profiler haben Fähigkeiten, die denen der Menschen überlegen sind. So ist es gewiss, dass sich der Outsider in den entsprechenden Profiler verliebt, selbst wenn er zu dem Zeitpunkt eine glückliche Beziehung führen sollte. Außerdem können sie bei möglichen Konkurrenten, aber auch beim entsprechenden Outsider für Wahnvorstellungen oder Albträume sorgen, um diese einzuschüchtern. Soweit ich weiß, machen diese Menschen das, um ewig zu leben. Der Künstler hält sie jung, sodass man sie wohl nicht mehr als Menschen bezeichnen kann. Auch du wirst eines Tages von einem Profiler getestet werden. Bis dahin musst du Severins Bitte nachgehen, weil du sonst den kompletten Sektor 2 gefährdest.“ Wir unterhielten uns noch eine Weile, ehe ich das Haus verließ. Ich hatte neues Wissen erlangt und so viele neue Fragen. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich zuerst nach Hause gehen sollte oder zu Deonthes und Grace, um mit ihnen zu reden. Ich entschied mich für die letztere Option. Als ich am Tor vorbeiging wurde dieses gerade geöffnet und ein Transporter verließ unseren Sektor, weshalb ich kurz stehen blieb. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkte ich, dass sich jemand unter dem Transporter festhielt. Ich zählte Eins und Eins zusammen und ging mit einem Lächeln im Gesicht weiter.

     Fortsetzung folgt...

Kommentare:

  1. Wow! Habe beim Lesen Gänsehaut bekommen!
    Bin gespannt wie es weitergeht!

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    1. Wow, das ehrt mich! :)
      Ich freue mich, wenn ich solche Reaktionen bei meinen Lesern hervorrufen kann! :)

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