3.7 Der Künstler


















Du kennst die Vorgeschichte noch nicht? Klicke hier!

Kapitel 7 - Bea sieht Rot



Mein Weg führte an der Akademie vorbei und ich schaute mir das Gebäude im Vorübergehen an. Meine Eltern erzählten mir oft, was sie damals gelernt hatten – nicht an der Akademie, sondern an der Schule, die sie vor dem Krieg besuchten. Die Akademie lehrte uns nichts von alledem. Wir lernten weder lesen noch schreiben, lernten das Rechnen nicht, das Zeichnen nicht, selbst die heimischen Tiere lernen wir nur kennen, wenn wir ihnen zufällig begegnen. Lesen und Schreiben mussten wir zu Hause lernen, auch das Rechnen brachte man sich in den Familien bei. Zu Hause lernte man für das Leben und in der Akademie lernte man, damit man dem System nicht widerspricht. „Das ist doch total bekloppt“, dachte ich, als ich die Akademie hinter mir ließ. Ich bog in eine kleine Seitenstraße ein und erreichte das Haus, in dem Grace und Deonthes lebten. Es stach etwas aus der Menge hervor, den Garten säumten Dekofiguren und Gartenzwerge, die etwas Farbe in das sonst so triste Bild der Stadt brachten, doch die Lackfarbe blätterte bereits an vielen Stellen ab. Ich ging zur Tür, an der ein selbstgebastelter Traumfänger hing. Ich wollte gerade klingeln, als die Tür aufging und Grace mich begrüßte. „Ich hab dich bereits gehört, als du das Grundstück betreten hast. Du hast einen schleichenden aber entschlossenen Gang, das merke ich.“ Ich fand es wirklich seltsam, was Grace aus meiner Gangart interpretieren konnte, aber sie hatte Recht. Sie winkte mich rein, ich betrat das Haus und schloss die Tür hinter mir. Wir setzten uns ins Wohnzimmer. „Was treibt dich her?“, sie schaute mich neugierig an. „Du kennst doch Severin, oder? Er ist weg. Ins Grenzland geflohen. Seine Freundin war eine Profilerin.“ - „Moment. Du weißt von den Profilern?“ - „Ja, Severins Vater hat mir alles erzählt.“ - „Du bist 14, oder?“ - „Ja, aber was soll die Frage?“ - „Bea, was ich dir jetzt erzähle ist echt wichtig.“ Ich verstand nicht warum, aber es machte mich ängstlich, dass sie mich nicht zu Wort kommen ließ.
„Ich war auch einmal eine Outsiderin. Als ich mit 18 meinem Profiler begegnete, entschied ich mich für das System, weil ich Angst hatte, dass ich mein Leben verlieren könnte. Es ist eine harte Entscheidung, sich zwischen dem Leben und der Freiheit entscheiden zu müssen. Natürlich entscheidest du dich nicht wirklich, schließlich lebst du auch außerhalb der Mauern noch, zumindest wenn du es soweit schaffst. Mir war die Flucht zu riskant, ich hatte Angst um mein Leben und um das von Deonthes. Es ist schon häufiger vorgekommen, dass Familienangehörige gefangen genommen wurden, nachdem jemand ausgebrochen ist. Den Outsidern entgeht das nicht. Der Künstler erhofft sich, einen Outsider so zur Aufgabe zu bewegen, nicht selten mit Erfolg. Du verspürst gerade Angst, oder? Bevor ich fortfahre, darfst du mir all deine Fragen stellen.“
Ich musste lange überlegen. Nicht, weil mir keine Frage einfiel, sondern weil ich nicht wusste, mit welcher Frage ich anfangen sollte. Ich entschied mich. „Warum dürfen die Outsider zunächst nichts von den Profilern wissen?“ - „Sie sollen ihre Entscheidung unbeeinflusst treffen. Wissen sie von diesem Test, kann es sein, dass sie versuchen, zu täuschen, indem sie nur vorgeben, für das System zu sein.“ - „Welche Auswirkungen hat es, dass ich von den Profilern weiß?“ - „Im Moment keine, zumindest nicht für dich. Der Vater von Severin ist in Gefahr und das weiß er sicherlich auch. Bei dir läuft man erst in 4 Jahren die Gefahr, dass du den Test täuschst. Profiler besitzen die Fähigkeit, deine Träume zu manipulieren. Sie können dir Angst einjagen, deine Hoffnung zerstören, alles, um dich zum System zurückzuführen. Deshalb wirst du in Zukunft häufiger von Albträumen heimgesucht werden.“ - „So wie letzte Nacht“, fügte ich hinzu. Grace sah mich interessiert an und ich schilderte ihr meinen letzten Traum.
Nachdem ich ihr von dem Traum erzählt und die Gestalt beschrieben hatte, sagte sie zunächst nichts dazu und forderte mich auf, meine weiteren Fragen zu stellen. „Du warst doch schon in allen Sektoren. Erzähl mir davon.“ - „Weißt du Bea, eigentlich gibt es da nicht viel zu erzählen. Sektor 1 hast du bereits gesehen, Sektor 2 kennst du auch. Sektor 3 ist eine normale Stadt mit Parkanlagen. Es gibt mehrstöckige Mehrfamilienhäuser, größere Straßen. Der Sektor steht für Sicherheit. Umso schlimmer ist es, dass selbst kleinste Vergehen hart bestraft werden. Es gibt öffentliche Prügelstrafen, wo Menschen nackt in den Park geschleppt werden, mit dem Bauch an einen Pfahl gefesselt und mit einer Peitsche geschlagen werden – kein schöner Anblick. Sektor 4 steht für Wohlstand. Die Menschen verdienen ihr Geld durch uns. Wir arbeiten für ihr Geld und sind gleichzeitig von ihnen abhängig. Und obwohl die Menschen genug Geld haben, dürfen sie nicht geizig sein. Geiz ist in dem Sektor eine Todsünde, kleinste Verbrechen werden hart bestraft, selbst eine einzige Lüge, hat schwere Folgen. Den Luxus in Sektor 5 kann man nicht ewig genießen. Die Menschen, die dort leben, geben ihr Wort, dass sie nach 10 Jahren im Luxus ihr Leben aufgeben, um dem Künstler als Wache zu dienen. Widerwillige Menschen werden zu Inanimae.“ Ich schaute sie mit großen Augen an und hörte aufmerksam zu. In mir begann es zu kochen, ich verspürte eine gewaltige Wut gegen den Künstler. „Warum macht er das? Was ist denn das für ein System, das den Frieden auf Kosten der Freiheit sichert? Was sind das für Menschen, die nur denken, sie würden frei entscheiden. Nichts als Maschinen. Ferngesteuert. Mich würde echt einmal interessieren, was in seinem Kopf vorgeht, dass er das System so hart führt. Dass er Menschen bestraft, um andere zu lehren. Die Welt ist nicht sicher, weil die Menschen friedlich sind, sondern weil sie Angst haben und unterdrückt werden.“ Grace stand auf und ging unruhig im Wohnzimmer auf und ab. Ich folgte ihr mit meinen Blicken und seufzte.
Grace setzte sich wieder zu mir und nahm meine Hände. Ihre Augen funkelten, waren feucht, als würde sie gleich weinen. „Was ist denn los, Grace? Ist alles in Ordnung?“ Eine Träne lief ihre Wange entlang. „Du hast Recht, Bea. Mit allem, was du sagst. Ich habe oft mit dem Gedanken gespielt, ins Grenzland zu flüchten, raus aus dieser Welt, aus diesem System, doch die Angst war zu groß. Weißt du wie schlecht es mir dabei geht, zu sehen wie immer neue Kinder in die Akademie gehen, um zu lernen, wie man sich in diesem System zu verhalten hat? Es ist schrecklich, zu sehen, wie die Kinder nicht nur ihrer Kindheit sondern auch ihrer Freiheit beraubt werden, gleichzeitig aber nichts dagegen tun zu können. Bea, du musst mir nun ganz genau zuhören. Es gibt eine Prophezeiung, die besagt, dass eines Tages ein Mädchen geboren wird, das anders ist. Ein Mädchen, dass dem Künstler irgendwann gegenüberstehen wird, um all das Leid zu beenden. Ein Mädchen, dass sich im jüngsten Alter gegen das System zur Wehr setzen möchte, das schnell versteht, dass dieses System nicht das ist, was es vorgibt zu sein. Deonthes und ich haben die Hoffnung, dass du dieses Mädchen bist. Wir haben oft darüber gesprochen, Deonthes scheint das in eurem ersten Gespräch bemerkt zu haben und ich habe es in Sektor 1 gemerkt, als wir uns unterhalten haben. Wir kennen einige Outsider, nicht zuletzt Severin. Sie folgen zwar dem Freiheitsgedanken, doch keiner ist so wie du. Du hast etwas besonderes an dir. Ich habe nur darauf gewartet, dass es zu diesem Augenblick kommt. Bea, ich glaube, dass du das Mädchen aus der Prophezeiung bist, dass du dafür bestimmt bist, dem System ein Ende zu setzen. Deshalb stehe ich hinter dir. Ich werde dir helfen, aus dem Sektor zu entkommen und werde mit dir ins Grenzland gehen, sobald du dazu bereit bist. Das kann nächste Woche sein oder in vier Jahren, ich bin bereit dazu. Aber Bea, tu mir einen Gefallen. Du darfst deinen Eltern nichts davon erzählen, du würdest sie nur in Gefahr bringen. Außerdem erfordert es eine Menge Mut, zu fliehen. Wir müssen uns vorher Gedanken machen, wie wir aus dem Sektor verschwinden. Zu zweit ist es schwierig, sich unter einem Transporter zu verstecken.“ Sie wischte sich die Tränen weg und schaute entschlossen. Ich blickte unsicher zu Boden. „Grace, ich muss mir das zunächst einmal durch den Kopf gehen lassen.“ Sie nickte und stand auf. Auch ich erhob mich und sie führte mich zur Tür. Wir verabschiedeten uns und ich machte mich auf den Weg nach Hause, zerbrach mir den Kopf.
Sirenen rissen mich aus meinen Gedanken und ich blickte von der Straße auf. Dichter, schwarzer Rauch stieg auf. Ich rannte ein Stück und als ich sah, wo der Rauch herkam, klappte meine Kinnlade herunter, Tränen schossen mir in die Augen. Augenblicklich drehte ich mich um und rannte zurück. Die Straße entlang, in die kleine Seitenstraße, durch den Vorgarten mit den Gartenzwergen und hämmerte wie wild an der Tür. Grace öffnete und war sichtlich erschrocken, dass ich so aufgewühlt war. Ich war etwas aus der Puste und schrie beinahe, als ich zu ihr sagte: „Es reicht! Wir gehen. Sofort!“

Fortsetzung folgt!

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen