3.11 Der Künstler


















Die komplette Vorgeschichte findet ihr hier.

Kapitel 11 - Der Turm

Da ist eine!“, rief eine Patrouille, die gerade die Straße zwischen den Sektoren entlang ging. Sie liefen los und nahmen die Verfolgung auf, während ich die Flucht ergriff. Es war ein sonniger Tag, der Himmel war wolkenlos und es war angenehm warm. Ich lief davon, doch die Wachen folgten mir, sodass ich nicht das Dorf ansteuern konnte. Mein Weg führte mich durch den Wald und wir gelangten bald an einen schmalen Fluss, der sich zwischen den Bäumen entlang einen Weg suchte. Ich folgte dem Fluss stromaufwärts, immer tiefer in den Wald, und achtete darauf, dass die Wachen mir folgten. Sie jagten mich. Als ich an der Quelle des Flusses angelangt war, erhöhte ich mein Tempo, sodass ich beinahe entkommen konnte, als plötzlich ein lauter Knall durch den Wald schallte. Vögel flogen panisch davon, Wildtiere verschwanden im nächstbesten Versteck. Ich blieb stehen und hob meine Hände. Der Warnschuss hatte sein Ziel erreicht. Einen Augenblick später erreichten die Wachen mich. „Haben wir dich, du Miststück.“ Sie waren außer Atem und ich feixte, machte mich darüber lustig. Ein Wachmann verpasste mir eine Ohrfeige. „Dir wird das Lachen schon bald vergehen“, drohte er mir und schlug mich mit der Faust zu Boden. Ich wehrte mich nicht. Mir wurden Hand- und Fußfesseln angelegt und die Wachmänner führten mich zurück zur Straße. Auf dem Weg forderte einer der Wachmänner über ein Funkgerät einen Wagen an, um mich abzutransportieren. „Roger“, dröhnte es aus dem Funkgerät. Ich bemerkte den Geschmack von Blut. Es war mein eigenes, das aus meiner Nase lief. „Hör zu, Mädchen. Wir bringen dich zum Turm des Künstlers. Besser du sagst uns schon jetzt, wo das Dorf der Outsider ist, sonst wird es sehr schmerzhaft für dich“, drohte man mir.
Dort vorne ist die Straße. Mach jetzt ja keine Mätzchen, sonst verpass' ich dir noch eine. Klar?“ Ich nickte stumm und ließ mich zum Wagen führen. Eine der Wachen öffnete die Ladefläche und ich wurde hineingestoßen, wobei ich mir das Knie aufschlug. „Besser, du suchst dir etwas, um dich festzuhalten. Die Fahrt wird sehr ungemütlich“, lachte eine Wache. Still schaute ich mich um. Der Laderaum war leer. Die Tür wurde zugeschlagen und es wurde dunkel.

Auf der Fahrt wurde ich kräftig durchgeschüttelt. Ich konnte mich nirgends festhalten und jeder Versuch, mich irgendwie zu fixieren, scheiterte an der nächsten Erhebung. Nach einiger Zeit wurde die Fahrt angenehmer, die Straße schien nun befestigt zu sein und nach einer langen Fahrt kam der Wagen endlich zum Stillstand, der Motor wurde ausgeschaltet. Ich hörte das Knallen einer Tür, eine weitere Tür folgte. Dann wurde der Laderaum geöffnet. Zwei bewaffnete Wachen richteten ihre Waffen auf mich, wohl um sicherzugehen, dass ich nicht aus dem Laderaum springe und versuche, mich zu befreien. Ich stand auf und einer der Wachen reichte mir seinen Arm, um mir aus dem Wagen zu helfen. Als ich den Wagen verlassen hatte, musste ich mich übergeben. Erst dann fiel mir auf, wo ich gelandet war. Der Boden war ordentlich gepflastert, rundum zwitscherten Vögel. Der Wagen stand auf einem Parkplatz vor einer großen Mauer. Eine riesige Pforte ermöglichte den Durchgang. Ich schaute mich etwas weiter um. Das Licht der Sonne blendete mich stark, nachdem ich im Wagen nur im Dunkeln verbracht hatte. Einige hundert Meter hinter der Mauer ragte ein gigantischer Turm in die Höhe. Die Wachen begannen mich zu schubsen und führten mich zum Tor. Die Wachen klingelten und das Tor wurde einen Spalt geöffnet. „Ihren Ausweis und den Grund Ihres Besuchs, bitte“, forderte eine dunkle Männerstimme. Der Wachmann, der den Wagen gefahren hatte, reichte seinen Ausweis durch den Spalt und fügte flüsternd hinzu: „Lebendige Outsiderin zum Verhör gefangen genommen.“ Der Mann hinter dem Tor blickte auf und schielte suchend durch den Spalt, bis er mich sah. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen befahl er, das Tor zu öffnen.
Ein langer Weg führte zu dem Gebäude, aus dessen Mitte sich der Turm erstreckte. Links und rechts vom Weg befanden sich Grünflächen, ein Hindernisparcours, ein Schießstand – hier wurden die Wachen ausgebildet. Das Gebäude sah vornehm aus, der schwarze Turm, der daraus emporstieg, passte nicht dazu. „Geh, Mädchen!“, befahl der Wachmann und mit kleinen Schritten trat ich dem Gebäude entgegen.
Halt!“ Das Brüllen der Wache ließ mich zusammenzucken und ich blieb augenblicklich stehen. Ich stand nun vor der Treppe, die zur Veranda des Gebäudes führte. Es waren nur drei Stufen, doch mit den Fußfesseln war es schwierig für mich, diese zu bewältigen. „Helft ihr“, befahl die Wache und zwei andere Wachmänner halfen mir die Stufen hinauf. Vor der Tür blieben wir abermals stehen. „Junges Fräulein, du hast drei Stunden.“ Er klopfte an die Tür, welche augenblicklich geöffnet wurde, dann trat er zurück. Eine Frau kam heraus. Sie trug eine lange, hellblaue Schwesterntracht mit einer weißen Schürze und hatte gelocktes, blondes Haar, das von einem Häubchen zurückgehalten wurde. Sie legte ihren Arm um mich und führte mich in das Haus. Eine Wache folgte uns, der Rest blieb draußen zurück. Die Dame führte mich in in einen hellen Raum. Die riesigen, deckenhohen Fenster ließen viel Sonnenlicht einfallen. Eine lange Tafel füllte den Raum, gedeckt mit den besten Speisen, den leckersten Getränken, dem schönsten Obst, das ich je gesehen hatte und dem wohl frischesten Gemüse, das es auf diesem Planeten gab. Zuvor führte sie mich jedoch zu einem Hocker und bat mich, Platz zu nehmen, was ich ohne Widerrede tat. „Nehmen Sie ihr die Fesseln ab, sie wird sich nicht wehren“, ordnete sie an und kniete sich dann vor mich, um hinzuzufügen: „In und um dieses Gebäude laufen mehr Wachen, als du in deinem bisherigen Leben gesehen hast. Jeder Versuch, auszubrechen oder zu entkommen, würde dir mehr Schaden zufügen, als es Gutes tut. Ich will dir nichts Böses, ich gebe dir mein Wort.“ Ich schaute der Dame tief in die Augen und erkannte, dass sie die Wahrheit sagte. Die Wache nahm mir die Fesseln ab, während die Dame eine große Schüssel mit Wasser füllte. „Wie heißt du?“, erkundigte sie sich, während sie mit einem Lappen und dem Wasser behutsam mein Gesicht säuberte. „Beatrice“, entgegnete ich zurückhaltend. „Das ist ein schöner Name“, schmeichelte sie mir, „Ich bin Paula, aber alle nennen mich Poppy.“ Ich lächelte freundlich. Nachdem sie mein Gesicht und auch mein Knie gesäubert hatte, führte sie mich durch den Raum, bis wir vor zwei Türen stehen blieben. „Hinter der linken Tür findest du Kleider für dich. Wenn du etwas männlichere Kleidung vorziehen solltest, wirst du hinter der rechten Tür sicher fündig.“ Etwas zögernd näherte ich mich der linken Tür. Als ich meine Hand auf die Türklinke legte, drehte ich mich verunsichert zu Poppy um. Sich lächelte besänftigend und ich öffnete die Tür. Dahinter versteckte sich ein riesiges Ankleidezimmer. Wie in einem Traum fand man hier die schönsten und anmutigsten Kleider, die elegantesten und modernsten Outfits und die schönsten Schuhe. Jedes andere Mädchen hätte Jahre gebraucht, um hier ein passendes Kleidungsstück zu finden, doch durch meinen Sektor und das Leben im Dorf war ich Bescheidenheit gewohnt. Ich entschied mich für eine Hose und ein lockeres Oberteil, zog mich um und kehrte dann in den Saal zurück. „Sehr schön siehst du aus. Wenn du jetzt noch lächelst, würde ich dich für einen Engel halten“, lobte Poppy. Dieses Kompliment brachte mich zum Lächeln. „Sehr schön“, wiederholte sie. „Sicherlich hast du Hunger oder zumindest Durst. Du darfst dich bedienen. Entenbrust, Hähnchen oder ein Steak, Kartoffeln, Nudeln oder Reis, Erbsen, Bohnen oder Möhren, Kuchen, Pudding oder ein Tiramisu – du hast freie Auswahl.“ Die Auswahl war tatsächlich gewaltig und überwältigte mich, sodass mir die Tränen kamen.
Noch nie zuvor hatte ich so gut gegessen. Ich bedankte mich bei Poppy, doch sie war bescheiden und wies meinen Dank zurück. Es sei selbstverständlich, nachdem ich so viel durchgemacht hatte, sagte sie immer wieder. Poppy fragte mich, ob sie mir das Haus zeigen sollte und ich willigte ein. Es gab ein riesiges Aquarium, in dem die verschiedensten Fische schwammen, gefolgt von einem Terrarium voller Reptilien und Amphibien – Tiere, die ich nie zuvor gesehen hatte. Wir kamen in eine Kunsthalle, voll von Bildern, die den Krieg überlebt hatten. Der Künstler habe angefangen, die alten Kunstwerke zusammenzustellen, erklärte Poppy mir. Ich war begeistert. Wir übersprangen einen Raum. Eine dunkle, alte Holztür, die nicht zum Rest der Einrichtung passte. „Wieso gehen wir nicht in diesen Raum?“, wollte ich wissen. Poppy ließ den Kopf sinken. „Diesen Raum betritt nur der Künstler und niemand ohne seine Begleitung. Ich kann dir nicht sagen, was hinter der Tür ist. Es ist mir immer verboten gewesen, hineinzusehen.“ Es begann in meinen Fingern zu kribbeln, Neugierde machte sich breit, doch ich beherrschte mich. Wir betraten ein Musikzimmer. Unterschiedliche Instrumente standen in dem großen Raum verteilt. Nachdem Poppy mir erklärt hatte, was man mit ihnen machen konnte, wollte ich von ihr wissen, ob sie eines von ihnen spielen könne. Sie nickte und nahm hinter dem schwarzen Flügel Platz. Ihre Hände glitten über die Tasten und erzeugten so Klänge, die mich zum Nachdenken bewegten, mich zum Weinen berührten und mich zum Lachen zwangen. Als sie das Stück beendete, applaudierte ich und sie bedankte sich freundlich bei mir, ehe wir unsere Besichtigung fortsetzen. Die Zeit verstrich, die Besichtigung näherte sich dem Ende. „Die Zeit ist um“, stellte der Wachmann fest, der uns die ganze Zeit begleitet hatte. „Was bedeutet das?“, erkundigte ich mich. Poppy nahm meine Hände und hockte sich vor mich. „Das bedeutet, dass sich unsere Wege vorerst trennen. Du wirst in Kürze dem Künstler begegnen. Ich kann dir bei dieser Begegnung nicht beistehen. Ich wünsche dir alles Gute, Beatrice.“ Sie ließ meine Hände los und ging ohne sich umzudrehen davon, während die Wache mich an der Schulter festhielt. „Hier entlang“, forderte er mich auf und führte mich zu letzten Tür der Besichtigung. Er öffnete die Tür, hinter der sich ein kleiner, kalter Raum verbarg. Es gab keine Möbel und nur schwaches Licht. Noch während ich mich im Raum umsah, wurde die Tür zugestoßen und der Wachmann sperrte von außen ab. Dann ging das Licht aus.

Am Abend zuvor - „Vergiss es, Bea“, erwiderte Severin, nachdem ich ihm meinen Plan erklärt hatte, „Das ist viel zu gefährlich.“ Er sorgte sich um mich. „Wenn du mir nicht helfen willst, frage ich eben Grace.“ Ich begann zu diskutieren. Zwar verstand ich, dass ihm mein Plan nicht gefiel, deswegen aufgeben, wollte ich jedoch nicht. Ich war davon überzeugt, dass mein Plan funktionieren würde. Severin war empört und lief mir nach, als ich mich zu Grace begab. „Du bist wirklich verrückt, Beatrice. Da kannst du dich direkt an die Grenze stellen und dich umbringen lassen.“ - „Das bringt mich meinem Ziel aber kein bisschen näher“, antwortete ich und klopfte an die Tür. Grace öffnete. „Man hört euch beiden im ganzen Dorf brüllen. Hängt der Haussegen schief?“ Ich erklärte Grace meinen Plan und sie hörte aufmerksam zu, dann überlegte sie. „Vielleicht könnte ich dir noch helfen. Ich hoffe nur, es ist nicht zu kurzfristig.“ Sie ging in die Wohnung und griff zum Telefon. Sie war eine der wenigen Outsider, die Zugang zu einem Telefon hatten. Severin beruhigte sich langsam wieder und ein Telefonat später bat Grace uns herein. „Wir machen es so...“

Fortsetzung folgt...

Kommentare:

  1. Hallo Kevin..
    Also erst einmal, finde ich ja deine Idee, deine Geschichte auf einen Blog zu bringen 1A und für mich was ganz neues. Inzwischen kenne ich alle anderen Teile ja schon und war auch auf das nächste Kapitel sehr gespannt.

    Es geht sehr Spannend weiter und ich mag deinen Schreibstil sehr.
    Du hast das Talent dazu und ich bin froh, dass du dies mit uns teilst.

    Freu mich schon auf das nächste Kapitel.
    Liebe Grüße

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    1. Danke für deinen lieben Kommentar, Nicole. Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefällt und du dir die Zeit genommen hast, sie komplett zu lesen. Leider muss ich dir auch sagen, dass die Geschichte auf ihr Ende zu läuft. Die letzten Zeilen sind bereits getippt und warten nur darauf, endlich veröffentlicht zu werden. Es wird noch zwei Fortsetzungen geben. Die erste wird am Freitag veröffentlicht und das Finale werde ich am 04.06. veröffentlichen! :)
      Auch für die Zeit danach habe ich mir schon einige Gedanken gemacht. Weil ich aber nicht zu viel verraten möchte, bleibt das vorerst ein Geheimnis! :)

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  2. heeey (:
    Ich finde deine Idee auch echt mega cool, deine Geschichte in kapitel gestückelt auf einem Blog zu veröffentlichen.
    Und ich muss sagen, du hast echt einen guten schreibstil! (: gefällt mir echt sehr.
    Da bin ich auch mal echt gespannt wie 's ausgeht, das wird ja dann whs nicht mehr so lange dauern (;
    liebste grüße, Lisa

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  3. sehr interessant, ich mag deinen schreibstil :)

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