3.12 Der Künstler



Kapitel 12: Die Vision

Mit meinen Fäusten hämmerte ich an die Tür. „Hallo? Hört mich jemand? Lasst mich raus!“ Doch niemand reagierte. Ich war gefangen. Eine dumpfes Summen ertönte, dass von einer Stimme abgelöst wurde und eine der Wände des Raumes begann plötzlich hell zu leuchten. „Mit dem heutigen Tag ... beginnt euer Leben. … Ihr hattet 14 Jahre Zeit, … um groß zu werden … und das Leben zu erlernen. … Ihr wisst nun, … was ihr zum Überleben benötigt … und auf was ihr verzichten könnt. … Irgendwann … liegt es in euren Händen … dafür zu sorgen, … dass wir Menschen … bestehen bleiben. … Doch … es liegt in seinem Ermessen … wem diese Aufgabe zugetragen wird … und wem ein vorheriges Ableben vorbestimmt ist. … Schon bald … wird euer Schicksal … auf seinem Papier geschrieben stehen.“ Die Wand fungierte wie ein Bildschirm. Ich konnte Deonthes sehen, wie er hinter dem Pult stand, ich sah viele Kinder und ich sah... mich. Das Bild wechselte. Ich sah meine Mutter, zumindest die Frau, die ich immer dafür gehalten hatte, in der Küche unseres Hauses stehen. „Mom, Dad, ich bin zu Hause.“ hörte ich meine eigene Stimme sagen, während ich dabei zusah, wie ich unser Haus durch die Hintertür betrat. „Wie war dein erster Tag, Liebes?“, fragte meine Mutter. „Der Lehrer sagte, ich sei ein Outsider“, antwortete ich ihr. Das Bild wurde unklar, als würden sich Wolken davorschieben, während das letzte Wort sich wie ein Echo immer und immer wieder wiederholte. Dann wurde der Raum wieder dunkel und still. Ich erinnerte mich an jenen Tag. Jener Tag hat mein Leben bedeutend verändert. Jener Tag war der Anfang meiner Reise, der Grund warum ich nun hier war.
Es wir Zeit, Beatrice.“, ertönte eine sanfte Stimme, die ich zuvor noch nie gehört hatte. Der Boden begann zu beben, ich fiel zu Boden und fühlte mich plötzlich schwer. Das Beben fand ein Ende und die Tür öffnete sich einen Spalt. Ich erhob mich vom Boden, ging dem einfallenden Licht entgegen und öffnete die Tür vorsichtig. Ich war nicht mehr im Haus, durch das ich den Raum betreten hatte. Stattdessen befand ich mich in einem beinahe runden Raum, der lichtdurchflutet und rundum verglast war, die Tür durch die ich gekommen war, bildete die Ausnahme. Der Raum, in den ich gesperrt wurde, schien ein Aufzug gewesen zu sein. Ich sah mich um. In der Mitte des Raumes stand ein runder Tisch, auf dem ein Buch, eine Feder und ein Messer lagen. Links und rechts von mir standen zwei Wachleuchte und am anderen Ende des Raumes stand ein Mann, der mir den Rücken zugekehrt hatte. War das der Künstler? Sollte ich die Wachen überwältigen und ihn angreifen? Ich riskierte es, schlug dem einen Wachmann meinen Ellenbogen ins Gesicht, während ich dem anderen in die Kniekehle trat, um ihn zu Boden zu bringen. Sie versuchten sich zu wehren, doch ich konnte sie gezielt entwaffnen und zu Boden schlagen. Innerhalb von Sekunden baute ich deren Maschinengewehre komplett auseinander und machte sie somit vorerst unbrauchbar. Dann lief ich mit vollem Tempo auf den Mann zu, fest entschlossen, ihn anzugreifen. Als ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, drehte er sich plötzlich um und richtete eine Pistole auf meinen Kopf. Ich blieb sofort stehen. „So dankst du mir also für meine Gastfreundschaft, Beatrice“, scherzte der Mann mit einem verschmitzten Lächeln. „Ich will dir wirklich nichts Böses und ich bin mir sicher, dass du bevor du mich töten willst, einige Fragen hast.“ Er lachte. „Das ist unfair, ich weiß ja, dass ich Recht habe. Bitte nimm Platz.“ Verwirrt schaute ich mich um und nahm dann auf dem Stuhl Platz, der plötzlich hinter mir stand. „Atemberaubende Aussicht, nicht wahr? Wir sind so weit von ihnen entfernt und doch kann ich alle fünf Sektoren sehen, jeden in einer anderen Richtung. Und obwohl der Turm in ihrer Mitte steht, wird es nie jemandem gelingen, diesen Turm zufällig zu finden. Wer versucht, den Turm am Horizont zu erreichen, wird ewig laufen, sich ihm aber niemals nähern. Siehst du die verglasten Wolkenkratzer von Sektor fünf? Oder hier...“ Er deutete in eine andere Richtung. „Die Hochhäuser von Sektor 4. Dort vorne sehen wir die dichten Straßen von Sektor 3. Oder auf der anderen Seite... die riesigen Felder von Sektor 1. Und hinter dir sieht man die Fabrikschornsteine von Sektor 2. Verwunderlich wie das alles funktioniert, oder? Sicher hat dir die Aussicht die Sprache verschlagen, aber bitte, stell deine Fragen.“ Ich schaute nach draußen. „Wie...“ wollte ich eine Frage beginnen. Der Mann zog einen Zettel und einen Stift aus seiner Hosentasche und und begann, etwas zu zeichnen. „Das hier hat nichts mit Magie zu tun, Beatrice. Trotzdem steht der Turm in der Mitte eines Pentagramms. Das hier ist das Zentrum jeglicher Macht. Von hier über ich den Einfluss auf das System aus.“ Er zeigte mir seine Skizze, in der er die fünf Sektoren zu einem Pentagramm verbunden hatte. Der Turm stand genau in der Mitte.
Warum...“ Wieder ließ er mich meine Frage nicht beenden. Er entgegnete: „Menschen mordeten, Menschen stahlen, Menschen zerstörten und man ließ es geschehen, man sah einfach nur zu. Es blühten einst Blumen in tausenden Farben, die Luft war erfüllt vom Zwitschern der Vögel, doch nun ist alles dürr und still. Die Welt verkam. Der Mensch kam und nahm sich, was er gebrauchen konnte: Rohstoffe, Boden. Irgendwann kam es, wie es kommen musste... Es gab Streit, Krieg und das Ende der Menschheit stand bevor. Dieser Planet gehört nicht den Menschen, er gehörte ihnen nie, doch offensichtlich bin ich der einzige, der das versteht. Als man mir diese Aufgabe anvertraute, beschloss ich, der Natur das zurückzugeben, was der Mensch ihr einst genommen hatte. Ohne mich würde der Mensch allein über die Erde herrschen und sie und sich und alles Leben vernichten. Deshalb ist dieses System die einzige Möglichkeit, eine Notwendigkeit. Anders funktioniert es nicht.“ Er wurde zornig. „Begleite mich“, bat er mich und ging an mir vorbei. Seine Waffe hatte er weggesteckt, doch ich wollte zunächst Antworten, weshalb ich ihm ruhig folgte. Wir gingen zu der Tür, durch die ich hier reingekommen war und standen plötzlich wieder im Flur des Hauses. Ich fragte nicht weiter. Mit langsamen Schritten, die Hände hinter dem Rücken haltend, ging er den Flur entlang. Ich folgte ihm und bemerkte dabei die vielen kleinen Narben, die er an seiner Hand und dem Unterarm hatte. Wir blieben vor der alten Holztür stehen, die Poppy nicht hat öffnen dürfen. Er öffnete die Tür und wartete, bis ich an ihm vorbei ging. Eine Treppe führte unter das Haus. Etwas misstrauisch aber doch entschlossen ging ich Stufe für Stufe die Treppe hinab. Ein kleiner Raum bildete das erste Untergeschoss. Hier standen drei Kerzen vor einer Wand, an der drei Fotos hingen. Ich stellte mich davor und schaute die Bilder an. Das erste Bild zeigte eine junge Frau, die freundlich lächelte. Das zweite Bild zeigte einen gleichalten Mann in einer Uniform, die aber nicht aus der heutigen Zeit stammte. Das dritte Bild zeigte ein junges Mädchen neben einem Hund. Sie sah sympathisch aus und trug ein schönes Sommerkleid. „Das ist meine Familie. Meine Mutter, mein Vater und meine Schwester. Sie starben während des Krieges. Mein Vater war Soldat, kämpfte für die Armee. Als die feindlichen Truppen in unser Dorf einmaschierten, löste er sich von seiner Truppe, um meine Familie auf unserem Hof zu beschützen. Gib mir deine Hände. Ich möchte dir etwas zeigen.“ Der Mann hielt mir seine Hände entgegen und etwas verwundert legte ich meine Hände auf seine. Ich schloss meine Augen und fand mich plötzlich an einem vollkommen anderem Ort wieder.

2016 - „Kommt Kinder“, rief eine aufgebrachte Frau. Ich erkannte sie. Es war die Frau von dem Foto, das ich vor wenigen Augenblicken im Keller des Künstlers gesehen hatte. Ich versuchte auf sie zuzulaufen, doch meine Beine bewegten sich nicht. „Wo ist Papa?“, kam es aus meinem Mund. Es war die Stimme eines Jungen, der Worte sagte, die ich nicht sagen wollte. Ich rannte auf die Frau zu. Ich war nicht ich selbst. Ich war gefangen im Körper eines Jungen und hatte keine Kontrolle über ihn, als wäre ich Passagier, der in einem fremden Körper mitfährt. Wir liefen zur Scheune, ich hatte ein Mädchen an der Hand. Es war das Mädchen von dem dritten Foto. Auch der Hund folgte uns zur Scheune. Die Frau verschloss die Tür von innen. Ich spürte Angst. Es war ein komisches Gefühl, weil ich wusste, dass es nicht meine eigene Angst war. „Papa kommt gleich. Wir müssen durchhalten. Ich habe eben noch mit ihm telefoniert.“ Das Mädchen weinte und die Frau nahm mich und das Mädchen in den Arm, um uns zu beruhigen. Ich bemerkte, wie sie selbst immer wieder unsicher aus dem Fenster schaute.
Papa kommt!“, rief die Frau und öffnete die Tür wieder. Das Mädchen und ich schauten durch den Spalt nach draußen und sahen einen Mann auf uns zu rennen. Ein Schuss ließ uns zusammenzucken. Der Mann brach augenblicklich zusammen. Er wurde getroffen. Die Frau schlug schreiend die Tür zu und auch das Mädchen und der Junge schrien. „Ihr müsst euch verstecken, Kinder. Ihr müsst leise sein. Versteckt euch.“ Die Frau gab uns einen Kuss. Dann versteckten wir uns in der Scheune. Ich sah nicht, wo das Mädchen hinlief. Der Junge und somit auch ich lief zu einer Leiter, kletterte sie hinauf und stieß sie dann um. Er krabbelte zwischen zwei Heuballen, die hier oben verstaut waren. Etwas zerschmetterte. Es war die Holztür der Scheune. Man hörte Männer in einer anderen Sprache rufen. Dann hörte ich die Mutter sprechen. „Nur ich bin hier“, sagte sie. Sie flehte um ihr Leben. Der Junge jammerte leise. Ein weiterer Schuss ließ das Flehen der Mutter verstummen. Es schien, als würden sie die Scheune absuchen. Der Hund bellte ununterbrochen. „Sieh an. Ein kleines Mädchen“, hörte ich die Männer mit ausländischem Akzent sprechen. Sie hatten das Mädchen gefunden. Es fielen zwei weitere Schüsse. Der Hund bellte und knurrte. Eine weitere Männerstimme erschien im Gespräch. „Ist hier noch jemand?“ - „Ich glaube nicht. Nur dieser Köter.“ - „Lass ihn laufen. Der tut nichts zur Sache.“ Sie scheuchten den Hund davon, dann entfernten sich die Stimmen. Der Junge blieb noch viele Stunden in seinem Versteck, weinte still und leise vor sich hin. Erst als die Sonne unterging, wagte er sich aus dem Versteck. Da er die Leiter umgestoßen hatte, musste er nun vom Heuboden springen. Er verletzte sich dabei den Knöchel. Im schwachen Licht des Sonnenuntergangs sah er seine Mutter und seine Schwester leblos auf dem Boden liegen.

2045 – Ich öffnete meine Augen. Tränen liefen meine Wangen entlang und auch der Mann weinte. Er deutete auf die Treppe, die noch ein Stockwerk tiefer führte. Wortlos ging ich hinunter. Der Raum war deutlich größer als der Raum zuvor, die Wände waren voller Bilder. „Weißt du... Bilder erinnern an Dinge, die nicht mehr sind. Sie erinnern mich an die guten und schönen Zeiten und sorgen so dafür, dass ich mein Ziel vor Augen behalte. Ich bin nicht der Böse. Die Menschheit ist es. Ich verhindere, dass die Welt ausstirbt, dass der Mensch ihr das nimmt, was sie so einzigartig macht – das Leben. Opfer sind notwendig, um die Menschen daran zu erinnern, wofür sie leben und wofür sie stehen. Der Tod ist notwendig, um überhaupt zu leben. Gäbe es den Tod nicht, so gäbe es auch kein Leben. Es gäbe nichts, für das es sich zu leben lohnt, nichts, das uns antreibt. Die Welt würde anfangen, stillzustehen. Die Welt wurde nicht in ein System gesteckt, sie ist das System. Alles auf diesem Planeten geschieht aus einem Grund. Wir müssen uns dem Schicksal fügen, ob wir wollen oder nicht. Ich habe mir nicht ausgesucht, die Welt zu verändern. Ich habe mir nicht ausgesucht, über Menschen zu bestimmen, über Leben und Tod. Es ist mein Schicksal. Es war nie anders. Immer gab es Menschen, die nicht in das System passten. Menschen, die Gefahr bedeuteten. Nehmen wir als Beispiel Hitler, der sich nicht in die Demokratie eingliederte sondern eine Diktatur schuf. Und nun sind da die Outsider, die sich gegen das System sträuben.“ Wir gingen durch die Galerie und blieben vor einem Bild stehen. Das Bild zeigte einen Mann und eine junge Frau, die ein Baby in ihren Armen trug. „Das, liebe Beatrice, bist du. Das sind nicht Linda und Gerrit sondern deine leiblichen Eltern kurz nach deiner Geburt. Wir werden uns noch über deine Eltern unterhalten, aber nicht hier unten.“
Wir verließen den Keller und gingen zurück in den Turm. „Kurz nach deiner Geburt wurdest du Linda und Gerrit anvertraut. Sie sollten dich großziehen, dir all deine Fragen beantworten... Das ganze war Teil eines Plans. Deine leiblichen Eltern leben in Sektor 5. Ich versprach ihnen, dort leben zu dürfen, bis du mir eines Tages gegenüberstehst. In diesem Augenblick werden sie zurück in Sektor 2 gebracht. Aber zuerst möchte ich, dass du sie kennenlernst.“ Der Mann ging zu dem Tisch in der Mitte des Raumes und nahm das Messer in die Hand. Er stach sich damit in die Hand, Blut lief seine Hand entlang. Er tauschte das Messer gegen die Feder, tauchte sie in das Blut und schrieb mit dem Blut in das Buch. „Sie werden bald hier sein“, sagte der Mann, während er sich ein Tuch auf die Schnittwunde drückte, „Hast du noch weitere Fragen an mich?“ Ich überlegte. Mittlerweile verstand ich, warum er das System so führte, wie er es tat. Zwar würde ich das niemals tun, doch ich verstand ihn, was Fragen diesbezüglich beantwortete. „Eine einzige Frage habe ich noch. Was ist das für ein Plan, dessen Teil ich bin?“ Ein heimtückisches Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Künstlers aus.

Fortsetzung folgt...

1 Kommentar:

  1. Interessante Geschichte,
    Die Idee einen Fortsetzungsroman (bzw. Geschichte) zu schreiben gefällt mir.
    Bin mal gespannt wie es weiter geht.

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