3.8 Der Künstler



Kapitel 8 - Das Dorf

2045, Grenzland – Vier Jahre waren vergangen. Vier Jahre, in denen ich zittern musste, Angst hatte. Gestern war mein 18. Geburtstag, der Tag, an dem ich mich hätte entscheiden müssen. Doch ich hatte mich schon viel früher entschieden. Gegen das System und somit gegen meine Familie. Grace hatte mir bei der Flucht geholfen. Wir hatten damals nicht viel Zeit. Ich durfte meinen Eltern nichts verraten, durfte nicht nach Hause zurück, um mich zu verabschieden, durfte keine Sachen mitnehmen. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Flucht. Als wäre es erst gestern gewesen...

2041 – Es dauerte eine Weile, bis ich Grace überreden konnte, mir zu helfen. Sie ging in den Keller und kam wenige Augenblicke später mit einem Köcher, Pfeilen, einem Bogen und einem silbernen Dolch zurück. Die Mitte des Dolches zierte ein blauer, klarer Edelstein, ein Saphir. „Das wird nicht einfach, Bea. Jeder Outsider, der in deinem Alter versuchte, aus dem System zu entkommen, wurde gestellt und entfernt. Du weißt, was das bedeutet.“ Ich nickte. „Du darfst niemandem von deinem Vorhaben erzählen. Du darfst nicht mehr nach Hause zurückkehren. Du darfst nichts mitnehmen und wir müssen sofort los.“ Widerwillig nickte ich. Wir verließen das Haus, schlichen uns durch Innenhöfe bis zur Grenze. Das Surren des Zauns, durch den Strom floss, machte mich noch nervöser. Wir näherten uns dem Tor. „Wir haben nur diese eine Chance, Bea.“ Grace atmete entschlossen durch und schaute sich um. Ein Truck näherte sich von außerhalb des Sektors und kam zum Stehen. Nach einiger Zeit wurde das Tor geöffnet und Grace sprang aus dem Versteck vor. Sie verschoss einen Pfeil nach dem anderen und ich sah, wie die Wachen zu Boden fielen, ohne auch nur die Möglichkeit zu haben, sich zu wehren. Gekonnt arbeitete sie sich vorwärts und ich folgte ihr in sicherer Entfernung. Eine weitere Wache überwältigte sie im Nahkampf, bevor wir durch das Tor liefen. In dem Moment, in dem wir das Tor passierten, heulten Sirenen auf – Alarm. „Lauf, Bea!“, befahl mir Grace und ich lief die Straße entlang. Sie blieb immer weiter zurück und hielt mir den Rücken frei.
Irgendwann erreichte ich den Wald. Ich hatte mich nicht mehr umgedreht und beschloss, die Straße nun zu verlassen. Ich lief geradewegs in den Wald, versuchte möglichst viel Abstand zur Straße zu gewinnen. Erst jetzt legte ich eine Pause ein und stützte mich erschöpft an einen Baum. „Wir haben es geschafft, Grace. Wir sind entkommen.“ Als ich aufschaute, bemerkte ich, dass ich allein war. Grace war nirgends zu sehen. Meine Versuche, sie zu finden, blieben erfolglos, sodass ich das Suchen schnell aufgab.

2045 – Wenig später griffen andere Outsider mich auf, die mich hierher brachten. Severin beruhigte mich und sagte das Grace schon sehr gut auf sich aufpassen könne. Tatsächlich tauchte auch sie in der Nacht in dem kleinen Dorf auf, wo man mich hingebracht hatte.
Die Outsider hatten sich vor einer Ewigkeit ein kleines Dorf im Grenzland eingerichtet, um sich vor dem Künstler zu verstecken. Mit der Zeit wuchs das Dorf immer weiter, sodass es mich wunderte, dass noch niemand es zufällig entdeckt hatte. In den vergangenen vier Jahren brachte man mir alles bei, was ich können musste, um in der Wildnis zu überleben. Man lehrte mich das Jagen, das Angeln und das Häuten. Immer wieder gab es Mutproben zu bestehen, die mich gegen die Wildnis und sämtliche Gefahren abhärten sollten. Wer kein Blut sehen konnte, hatte hier draußen wirklich ein Problem. Grace und Severin brachten mir das Kämpfen bei, mit dem Schwert, dem Dolch, mit Pfeil und Bogen und unbewaffnet. Man zeigte mir, welche Früchte und Pilze ich essen konnte und welche giftig waren. Das Training dauerte vier Jahre, war anstrengend und ließ mich meine zurückgelassenen Eltern fast vergessen - fast.
Eines Abends saßen Severin und ich gemeinsam an einem Brunnen. „Es ist nicht einfach, alles zurückzulassen, oder? Mir fiel es auch nicht leicht, meinen Vater zurückzulassen, wo er doch der einzige ist, den ich noch hatte.“ Ich legte meinen Arm um ihn. „Severin...“, begann ich meinen Satz, „Der Grund, warum ich mich schon damals entschlossen habe, nicht länger in Sektor 2 zu bleiben, ist...“ Er schaute mich aufmerksam an, was es mir ungemein erschwerte, ihm zu sagen, was ich zu sagen versuchte. „Der Grund war dein Vater. Ich war nach deinem Verschwinden bei ihm, wir haben uns unterhalten, kurz bevor ich zu Grace gegangen bin. Auf dem Rückweg stand euer Haus in Flammen. Dein Vater hatte mir alles über die Profiler erzählt.“ Severin brach in Tränen aus. Ich tröstete ihn. „Siehst du, wie er über Leben und Tod bestimmt? Das ist eine Gabe, die einzig und allein Gott zustehen sollte. Das ist der Grund, warum wir kämpfen sollten. Doch bisher blieben alle Versuche der Outsider erfolglos. Noch nie hat es jemand geschafft, bis zum Künstler vorzudringen. Bisher fehlte der richtige Plan. Doch nun bist du hier, Bea. Das Mädchen aus der Prophezeiung.“ Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Wenn es darauf ankommt, werden wir kämpfen. Dafür trainieren wir dich.“ - „Wo ihr gerade davon redet... Es wird Zeit, zu trainieren“, unterbrach Grace uns.
Severin und ich standen auf und folgten Grace durch das Dorf, das überwiegend aus Holzhäusern gebaut wurde. Trainiert werden durfte nur außerhalb des Dorfes, sodass wir auch die Holzpalisaden passieren mussten. Auf dem Übungsplatz trainierten auch andere Outsider. Große, durchtrainierte Männer durchschlugen ganze Holzblöcke, warfen Baumstämme oder kletterten auf die höchsten Bäume und sportliche Frauen schossen Äpfel über mehrere Hundert Meter Entfernung, liefen um die Wette oder rangen auf einer kleinen Plattform. „Ich glaube, du hast lange genug trainiert, um dich ebenfalls im Ring zu beweisen. Du wirst gegen mich kämpfen“ Ich schaute ihn an, ehe ich begriff, dass er nicht scherzte. Wir stiegen in den Ring, Grace beobachtete unseren Kampf von außerhalb. Severin hielt sich nicht zurück und ich musste einige schmerzhafte Schläge einstecken, bevor ich ein Muster in seinen Angriffen entdeckte und diesen gekonnt auswich. Ich wehrte seine Schläge ab und konterte diese, ging nach und nach in die Offensive über. Es dauerte nicht lange, dann konnte ich Severin zu Boden werfen. Grace applaudierte mir. „Du hast viel gelernt, aber wir müssen noch ein wenig an deiner Deckung arbeiten. Aber für heute sind wir fertig. Komm, Bea.“ Gemeinsam mit Grace ging ich in das Dorf zurück. Es war das erste Mal seit vier Jahren, dass ich die Gelegenheit hatte, mich ungestört mit ihr zu unterhalten. „Was denken meine Eltern eigentlich? Wissen sie irgendetwas?“ - „Ich wusste, dass du sie nicht vergessen würdest. Deonthes hat ihnen erzählt, dass du an einem Austauschprogramm teilnimmst und für einige Zeit in einem anderen Sektor leben wirst. Zunächst haben Sie das geglaubt, aber vier Jahre sind eine lange Zeit. Ich war seitdem nicht mehr im Sektor. Ich weiß nicht, was deine Eltern mittlerweile denken“, erklärte sie. „Auf unserer Flucht warst du plötzlich verschwunden. Ich dachte, man hätte dich gefangen. Aber du bist so gut ausgebildet. Ich habe dich kämpfen sehen und nach all meinem Training erkenne ich deinen Kampfstil wieder. Es ist der Kampfstil der Outsider. Du bist nicht zum ersten Mal hier, oder?“ Grace seufzte. 
Du hast Recht. Ich bin nicht zum ersten Mal hier draußen. Auch Deonthes war schon einmal hier. Ich kann dir unmöglich die ganze Geschichte erzählen. Sagen wir so... Ich bezahle einen hohen Preis dafür.“

Fortsetzung folgt...

Kommentare:

  1. Freue mich immer wieder, wenn wieder ein neuer Teil des Künstlers online ist. Fiebere jedes Mal dem nächsten Teil entgegen!

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    1. Du glaubst gar nicht, wie sehr mich das freut. Diesmal ist es leider nur ein kurzer Teil geworden. Aber nachdem ich meine schriftlichen Abiturprüfungen nun hinter mir habe, werde ich wieder mehr schreiben! :)

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