3.9 Der Künstler


















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Kapitel 9 - Die Heimreise

Grace wich allen weiteren Fragen aus. Sie wollte mir nicht erzählen, was sie damit gemeint hatte. Wir kamen an eine Feuerstelle und setzten uns auf einen Baumstamm ans Feuer. „Weißt du, Bea. Es ist kein Zufall, dass wir uns getroffen haben. Und es war sicher kein Zufall, dass du so leicht aus dem Sektor entkommen konntest. Ich hatte mit einem längeren Kampf gerechnet, aber es war überraschend einfach. Ich glaube, dass der Künstler wollte, dass du entkommst.“ Grace nahm einen Stock und begann im Feuer rumzustochern. Funken stiegen auf. „Wie kommst du darauf? Was soll das alles bedeuten?“ - „Ich weiß es nicht. Ich kann es dir nicht sagen.“ Ich stand von dem Baumstamm auf, in mir brodelte es, ich wurde plötzlich wütend. „Wieso machst du solche Andeutungen? Was weißt du? Wieso kannst du mir nichts sagen?“ Grace schmiss den Stock ins Feuer. „Wenn du dich nicht beruhigst, sage ich dir gar nichts.“ Ich entschuldigte mich. Solche Wutausbrüche waren nicht typisch für mich. Während ich Grace erwartungsvoll ansah, setzte ich mich wieder. „Ich muss dich enttäuschen, Beatrice. Ich weiß wirklich nicht mehr. Es sind alles nur Vermutungen. Aber ich denke, ich weiß, wer dir mehr sagen kann.“ In meinem Kopf schwirrten die unterschiedlichsten Personen umher. Meinte sie vielleicht Deonthes?
Ich lernte Deonthes an meinem ersten Schultag kennen. Bisher konnte er alle meine Fragen beantworten. Er schien ein weiser Mann zu sein, wusste wirklich viel über das System und hatte viel mit Grace zu tun, schließlich waren sie verwandt. Oder meinte sie eventuell Severin?
Severin war der erste Outsider, den ich kennenlernte. Er kam ebenfalls aus meinem Sektor und flüchtete relativ bald, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Durch Severin lernte ich auch die Profiler kennen. Grausame Gestalten, die mir Albträume bereiteten und letztlich war es Severins Vater, der mich dazu bewegte, schon vor meinem 18. Geburtstag das System zu verlassen. Severin ist ein freundlicher Junge. Weil er der erste andere Outsider war, den ich kennenlernte, wuchs er mir sehr schnell ans Herz. Er war wie ich und verstand mich. Die letzten vier Jahre saßen wir häufig beisamen. Grace hatte sich die Zeit nie für mich genommen. Ständig war sie unterwegs, entwickelte neue Trainingspläne und unterhielt sich mit Mike.
Vielleicht war es Mike...Mike war einige Jahre älter als ich. Er kam wenige Tage nach Grace und mir im Dorf an. Da wir häufig miteinander trainierten, freundeten wir uns an. So erfuhr ich, dass er aus Sektor 5 kam und Grace schon von ihren Exkursionen kannte. Da die beiden jedoch nie die Zeit hatten, sich besser kennenzulernen, nutzten sie die Gelegenheit im Dorf. Die beiden verbrachten sehr viel Zeit miteinander. Ich lernte Mike als schüchternen Jungen kennen. Er schien verängstigt zu sein, eine Eigenschaft, die man sich im Training abgewöhnen musste. Erst letztens habe ich die beiden laut streiten hören. Ich meine sogar, meinen Namen gehört zu haben. Aber warum sollte Mike etwas über mich wissen? Wir haben uns erst im Dorf kennengelernt. „Wer ist es?“ - „Es wird dir nicht gefallen.“ Sie drehte sich zu mir und nahm meine Hände, schaute mir vertraut in die Augen, doch dann drehte sie sich wieder weg. „Ich kann das nicht.“ Meine Hände schlossen sich fest um die ihren, ich hatte beinahe Angst, ihr wehzutun. „Ich bitte dich, Grace. Wenn du etwas weißt, dann sag es mir doch bitte.“ Obwohl sie mir den Rücken zuwandte, sah ich, wie eine Träne sich ihren Weg über ihr Gesicht bahnte. Das Feuer reflektierte sich darin, ließ sie förmlich aufblinken. „Ich kann das nicht, Bea. Ich bringe das nicht übers Herz.“ - „Ist schon gut“, sagte eine dritte Stimme plötzlich. Es war Severin, der nun zu uns kam. „Beatrice, du wirst morgen jemanden kennenlernen, der dir eventuell helfen kann. Sein Name ist Kiro. Er ist zwar kein Outsider, aber er ist beruflich im Grenzland unterwegs. Er ist einer der Boten, die zwischen den Sektoren fahren und Waren liefern. Er wird an der Straße mit seinem Wagen warten und Grace und dich mit in den Sektor nehmen. Da wir im Grenzland sind, wird der Künstler davon nichts mitkriegen. Der Wagen wird bis zum Lagerhaus fahren. Kiro gibt euch dann ein Zeichen, dann könnt ihr aus eurem Versteck kommen. Das ist der Weg, wie Grace wieder in den Sektor kam, nachdem sie schon einmal hier war. Der Künstler reagiert nicht darauf. Deonthes sagte, im Buch werden nur Flecken stehen, sodass der Künstler zwar auf euch aufmerksam wird, jedoch nicht dagegen vorgehen kann, weil er nicht weiß, wer ihr seid.“ - „Ich soll zurück in meinen Sektor?“ Severin setzte sich zu uns. „Es ist nicht dauerhaft. Am selben Abend werdet ihr den Sektor auf den selben Weg wieder verlassen.“ Ich drehte mich zu Severin. „Was soll ich in Sektor 2?“ Ich bemerkte, dass Grace hinter mir aufstand. Severin schaute zu ihr und auch ich drehte mich zu ihr um. Sie ging am Feuer auf und ab und wischte sich einige Tränen aus dem Gesicht. „Du sollst nach Hause. Zu deinen Eltern“, entgegnete sie. Ich verstand nicht ganz und schaute mich fragend um. Grace wischte sich abermals durchs Gesicht und atmete tief ein. „Meine Eltern?!“ Ich sprang vom Baumstamm auf und lief auf Grace zu. Wieder war ich von Wut erfüllt. Ich wollte auf sie losgehen, holte zum Schlag aus, doch sie wehrte den Schlag ab und warf mich zu Boden. „Was sollte das denn?“, erkundigte Severin sich, als er zu mir kam und mir aufhalf. Ich antwortete nicht, ging sofort zu Grace und entschuldigte mich. Sie sagte nichts dazu. „Ich denke, ich gehe nun besser.“ Niemand sagte etwas dazu, sodass ich zurück ins Dorf ging. Doch ich wollte nicht in meine Hütte, stattdessen suchte ich Mike auf.
Ich klopfte an die Tür seiner Hütte. Da Licht brannte, nahm ich an, dass er zu Hause war. Als ich klopfte, dauert es nicht lange, bis die Tür geöffnet wurde. Es war Mike. Ich drückte ihn sofort wieder in die Hütte und stieß die Tür zu. „Was weißt du? Du hast mit Grace gestritten und ich habe meinen Namen in eurem Gespräch gehört. Worüber habt ihr geredet?“

Mike zeigte keine Angst. Für einen Moment erfreute mich das. Er hatte dazu gelernt. Stattdessen war ich nun verängstigt. Ich erkannte mich nicht wieder. Derartige Wutausbrüche passten nicht zu mir. „Es ging um eure Heimreise, die ihr morgen antreten werdet. Um Graces Heimreisen im Allgemeinen“, erklärte Mike, „Was weißt du davon?“ Er bat mich Platz zu nehmen, ehe ich antworten konnte. „Ich habe selber erst vor einigen Augenblicken davon erfahren. Irgendein Kiro soll uns helfen, wieder in den Sektor zu kommen. Das hat er wohl schon häufiger getan. Aber sie sagte, sie würde einen hohen Preis dafür bezahlen. Was sie damit meinte, hat sie mir aber nicht erzählt. Beantworte jetzt bitte meine Frage.“ Er zögerte. „Ich weiß es. Und es gefällt mir ganz und gar nicht. Wir haben uns gestritten, weil sie wieder in den Sektor zurückkehrt. Das letzte Mal als sie von hier weggefahren ist, ist sie dort geblieben, hat sie mir erzählt. Außerdem gefällt mir der Preis nicht, den sie dafür bezahlen muss. Weißt du...“ Mike atmete durch. „Ich habe mich in Grace verknallt. Der Preis, den sie bezahlen muss, gefällt mir nicht. Wenn du schon einmal verliebt warst, kennst du das Gefühl vielleicht, die Person, die du liebst, in den Armen einer anderen Person zu wissen.“ Er fing an zu weinen und ich nahm ihn in den Arm. Ich verstand.

Am nächsten Morgen riss mich das Klopfen an meiner Tür aus dem Schlaf. Verschlafen taumelte ich zur Tür und öffnete sie. „Guten Morgen!“ Severin stand vor meiner Tür und strahlte mich an. Die Sonne ging gerade erst auf, der Himmel war rötlich gefärbt, die Wolken schienen lila zu sein. Es war noch sehr früh. Zu früh. „Fertig machen und antreten. Ihr wollt gleich los.“ Ich nickte und ließ die Tür wieder zufallen. Dann ging ich zu meinem Schrank und suchte mir passende Sachen. Ich stellte mich auf einen Kampf ein. Nur für den Notfall. Ich ging in die Dusche. Das Wasser wurde zunächst nicht richtig warm, nach ein paar Schlägen gegen den Boiler plötzlich kochend heiß. Der Tag begann super.
Fertig angezogen verließ ich meine Hütte. Grace und Severin warteten schon auf mich und obwohl ich mit Mike gerechnet hatte, war er nirgends zu sehen, um sich von mir oder Grace zu verabschieden – vielleicht, weil wir ohnehin am Abend wiederkommen würden. Wir verließen das Dorf und gingen etwa eine halbe Stunde durch den Wald zur Straße, wo der Transporter bereits auf uns wartete. „Hallo, ich bin Kiro“, stellte er sich mir vor, während er Grace mit einem Küsschen auf die Wange begrüßte. Severin verabschiedete sich und kehrte ins Dorf zurück. Währenddessen öffnete Kiro die Ladefläche und Grace und ich kletterten in den Transporter Wir gingen bis zur hintersten Wand und Grace öffnete eine kleine Klappe. „Eine doppelte Wand. Raffiniert!“, bemerkte ich, bevor ich durch die Klappe in den kleinen Raum kletterte. Grace kam mir nach und verschloss die Klappe, dann schlug Kiro die Tür zum Frachtraum zu und wenig später wurde der Motor gestartet.

Wir fuhren nicht sehr lange, aber die Fahrt war unbequem und ich stieß mir häufiger den Kopf. Zunächst hielten wir an der Grenze. Der Laderaum wurde geöffnet. Grace und ich mussten nun ganz still sein. Nach einer Minute wurde die Tür wieder geschlossen und wir durften passieren. Innerhalb des Sektors fuhren wir noch eine Weile. Es schien viel Verkehr zu sein. In den vergangen vier Jahren muss sich einiges geändert haben. Der Wagen rollte aus, blieb stehen. Der Motor wurde ausgeschaltet und Kiro stieg aus. Es wurde still. Die Zeit verstrich. Ich hatte keine Uhr, aber es müssen mehr als 20 Minuten gewesen sein. Endlich klopfte jemand von außen an die Wagenwand. Grace öffnete die Klappe und wir krochen heraus. „Lauf zum Haus deiner Eltern. Verhalte dich möglichst unauffällig, die Hubschrauber fliegen über den Sektor“, belehrte Grace mich beim Aussteigen. Ich beherzigte ihren Rat und verhielt mich unauffällig. Mein Weg führte an der Akademie vorbei und ich begriff, warum die Hubschrauber wieder über den Sektor flogen. Ich durchquerte die Stadt und bog in unsere Straße ein.
Von außen hatte sich unser Haus nur geringfügig verändert. Es sah ein wenig älter aus, die Wände waren schmutziger. Mir fielen die neuen Gardinen auf, die mit ihren knalligen Farben ins Auge stachen. Etwas zögernd betrat ich das Grundstück und trat an die Tür. Ich klopfte, weil ich im ersten Augenblick gar nicht daran gedacht hatte, die Klingel zu benutzen. Die Hütten im Dorf hatten keine Klingeln. Als niemand öffnete, klingelte ich doch. Ich wollte mich gerade umdrehen, um wieder zu gehen, als die Tür geöffnet wurde. „Ja bitte?“ Ich wandte mich wieder der Tür zu. „Beatrice.“ Meine Mutter war sichtlich überrascht. Sie trat vor die Tür und sah sich prüfend um, dann bat sie mich herein. „Gerrit, kommst du mal bitte?“ Sie schloss die Tür hinter uns und lotste mich in den Keller. Kurze Zeit später kam auch mein Dad die Treppen hinunter. Er hatte wohl genau so wenig wie meine Mom damit gerechnet, dass ich noch einmal nach Hause komme. „Du dürftest nicht hier sein. Du bringst uns alle in Gefahr.“ - „Keine Angst. Der Künstler weiß nichts von unserem Gespräch.“ Meine Eltern sahen sich an. „Ihr könnt es nicht lassen, oder?“ Verlegen entschuldigte sich meine Mutter. „Lass dich ansehen. Gut siehst du aus. Du bist groß geworden und so stark.“ Meine Eltern erzählten mir, wie es ihnen die letzten vier Jahre ergangen war. Wie sehr sie sich um mich sorgten und dass sie wussten, wo ich war, obwohl Deonthes ihnen etwas anderes erzählt hatte. Durch ihre Ehe gelang es ihnen, sich über ihre Gedanken zu unterhalten. Der Künstler hatte keinen Einblick in diese Gedanken, sodass sie niemals verdacht erregt hatten. Sie erzählten mir, dass sie die Briefe von Severin gefunden hatten, und als sie von dem Ausbruch und den verletzten Wachen am Tor hörten, wussten sie sofort, was los war. Ich entschuldigte mich vielmals, fing sogar an zu weinen und nahm die beiden in den Arm. Sie wiesen all meine Entschuldigungen zurück, sie hätten wohl genauso reagiert, gaben sie mir zu wissen.


„Ich bin aus einem bestimmten Grund hierher gekommen. Nicht etwa, weil ich Sehnsucht habe, denn ich muss zugeben, dass ich die nicht hatte. Mir geht es gut dort draußen. Ich fühle mich wohl, solange ich unter Gleichgesinnten bin und ich habe viel gelernt. Ich kann mich verteidigen, ich kann kämpfen und jagen. Ich wuchs heran und obwohl ich euch nie vergessen konnte, habe ich doch gelernt, ohne euch zu leben. Das musste ich, auch wenn es mir nicht leicht fiel. Vor vier Jahren wurde ich an der Akademie unterrichtet. Heute ist der Tag, an dem neue Kinder zum ersten Mal in die Akademie müssen. Mir tun die Kinder Leid, die in diese Akademie kommen, ohne zu wissen, was sie erwartet. Sie verstehen nicht, dass das System nicht dem Schutz der Menschheit dient, sondern sie in ihrer Handlungsfreiheit eingrenzt. Die Menschen in diesem System leben nicht. Sie werden gesteuert, als wären sie Marionetten. Und all die Kinder sind hilflos, ahnungslos, traumlos. Sie haben keine Träume, sie haben keine Möglichkeiten, sie haben keine Freiheiten. Es tut mir weh, nichts dagegen tun zu können. Ich bin heute hier, um einen weiteren Schritt in die richtige Richtung zu machen. Grace hat mir von einer Prophezeiung erzählt und von einer Verschwörung, einem Plan. Sie hat den Verdacht geäußert, ihr könntet etwas davon wissen. Deshalb bin ich hier. Ich möchte wissen, was ihr wisst.“ Meine Eltern sahen sich erneut an. „Denkt nicht einmal dran.“ Ich stieß den Stuhl um, auf dem ich saß. „Ich möchte von euch die Wahrheit wissen.“ Mein Vater stand auf. „Du solltest nun gehen, Beatrice. Du hast uns mit deinem Besuch alle in Gefahr gebracht.“ - „Ich werde nicht gehen, solange ich keine Antworten habe. Ich möchte die Wahrheit kennen. Die Wahrheit über mein Leben. Als ich noch ein Kind war, Mom, kamst du immer an mein Bett, hast mir Geschichten erzählt. Du hast mir all deine Liebe gegeben. Möchtest du mir sagen, du wärst nicht bereit, mir dieses eine Mal aus Liebe die Wahrheit zu sagen? Und möchtest du behaupten, Dad, du wärst nicht in der Lage, mir meine Angst zu nehmen, wie du es damals immer getan hast, als ich Angst vor den Monstern in meinem Schrank hatte?“ - „Du verstehst das nicht, Bea. Wir wollen es dir ja sagen, bei aller Liebe, aber es geht nicht.“ Meine Mutter stand ebenfalls auf und nahm mich in den Arm. Für einen Moment beruhigte mich das. „Bitte...“, äußerte ich beinahe flehend. „Wir setzen damit unser Leben aufs Spiel“, versuchte mein Vater sich zu entziehen. „Ich habe mein Leben auch für euch riskiert, um wieder hierherzukommen. Und ich würde es jeder Zeit wieder tun, um das eure zu retten. Ich möchte eines Tages dem Künstler gegenübertreten. Ich möchte uns befreien.“ - „Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie die Welt dann sein wird? Vielleicht führen wir wieder Kriege. Vielleicht zerstören wir die Menschheit.“ Ich befreite mich aus den Armen meiner Mutter und drehte mich zu meinem Vater. „Aber dann tun wir es zumindest aus freien Stücken, indem wir eigene Entscheidungen treffen.“ Mein Vater nahm wieder Platz. Er schwieg, schien wohl darüber nachzudenken. „Wir wissen selbst nicht sehr viel.“ - „Linda!“, mahnte mein Vater. Mom ließ sich nicht aufhalten. „Wir sind nur der Teil eines Planes. Uns wurde auch nicht viel erzählt. Es fällt mir nicht leicht, dir das zu erzählen, Beatrice. Uns wurde aufgetragen, dich aufzuziehen. Wir sollten dich großziehen und sollten dich auf deinem Weg begleiten. Wir sollten dafür sorgen, dass dir all deine Fragen beantwortet werden. Wir wussten schon als du noch ganz klein warst, dass du eines Tages anders sein wirst, dass du besonders sein wirst. Also nahmen wir dich. Wir zogen dich auf und als du Fragen hattest, beantworteten wir sie. Wir wussten, dass du eines Tages ins Grenzland flüchten würdest. All das wurde uns vorhergesagt. Wir kennen auch die Prophezeiung und wir wissen ganz genau, dass du das Mädchen aus der Prophezeiung bist.“ - „Woher wisst ihr das alles? Und wer hat euch beauftragt, mich auf diese Art und Weise großzuziehen?“ Ich verstand nicht ganz. Meine Mom schien das Gespräch sichtbar zu belasten. Sie setzte sich wieder, war beinahe schon kreidebleich. „Wir wissen nicht genau, wer das gewesen ist. Er brachte dich und...“ Schockiert hielt sie sich den Mund zu und erst, als ich über ihre Worte nachdachte, verstand ich, warum. „Soll das... Soll das heißen... Ihr seid gar nicht meine leiblichen Eltern?“ Die beiden sahen sich an. Sie taten es wieder. Schockiert, traurig und enttäuscht, aber immerhin etwas schlauer als zuvor, stand ich auf und lief davon. „Warte doch, Bea“, riefen die beiden mir nach, doch ich dachte nicht einmal daran.


Als ich am Lagerhaus ankam, wartete Grace bereits auf mich. Als sie gerade fragen wollte, warum ich weinte, kam Kiro dazu und sie verkniff sich die Frage. „Seid ihr soweit?“ Ich nickte und Grace stimmte ebenfalls zu, sodass wir kurz darauf wieder durch die Klappe in das kleine Versteck kletterten. Grace und ich nutzten die Gelegenheit, um miteinander zu sprechen. Mir war aufgefallen, dass auch sie etwas belastete, aber da ich wusste, was es war, sprach ich sie nicht drauf an. Ich erzählte ihr, was ich erfahren hatte, unterbrach das Gespräch kurz, als wir durch die Grenzkontrolle fuhren und war gerade fertig geworden, als der Wagen anhielt. Wir stiegen aus und ich bedankte mich bei Kiro, doch als er mir seine Hand geben wollte, wimmelte ich ihn ab. Grace schaute ihn nicht einmal an, als er an ihr vorbeiging, um wieder einzusteigen. Er startete den Motor und fuhr davon. Ich nahm Grace in den Arm. „Ich weiß Bescheid“, flüsterte ich und streichelte ihr beruhigend über den Rücken. „Ich fühle mich so schmutzig“, schluchzte sie, „ich möchte erst einmal duschen gehen.“ Ich konnte das nachvollziehen und dachte darüber nach, wie ich meinem Ziel einen Schritt näher kommen könnte, wie es mir gelingen könnte, dem Künstler endlich gegenüber zu treten. Grace befreite sich aus meiner Umarmung und wir entfernten uns langsam von der Straße. Es war sehr windig, der Himmel war von dunklen Wolken überzogen, die man im Sektor noch nicht gesehen hatte. Es begann zu donnern. „Wir sollten uns beeilen, Bea. Ein Sturm zieht auf.“

Fortsetzung folgt... 

Kommentare:

  1. Ich kenne deinen Blog ja jetzt nicht so und werde mich gleich auch noch ein wenig durchlesen, aber die Zeile hier, von der Geschichte, klingt sehr gut.
    Werde auch gleich mal auf die Gesammte Geschichte klicken und schauen, wie alles anfängt^^

    LG

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    1. Es freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt. :)

      Liebe Grüße

      Kevin

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  2. Klingt interessant, muss mir auch mal alles ansehen :)
    Alles liebe
    Michelle

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