ESC 2014 - musikalischer Kulturaustausch oder Schauplatz internationaler Politik?

















Beim Finale des Eurovision Song Contests wird Russland ausgebuht. Nicht nur der musikalische Beitrag auch die Botschafterin, die die Punkte aus Russland verkündet, erhalten Buh-Rufe.

Es gibt Dinge, die einfach mal gesagt werden müssen, bisher unausgesprochene Gedanken, die darauf warten, geteilt zu werden. Der Eurovision Song Contest ist ein internationaler Wettbewerb, bei dem es um das Singen von eigenen Songs geht. Seit 1956 wird der Wettbewerb jährlich in der Europäischen Rundfunkunion ausgetragen, jedes teilnehmende Land entsendet jährlich ein Lied zum Song Contest. Die Regeln dafür sind ganz einfach:



Ausgerechnet gegen diese letzte Regel wurde in diesem Jahr jedoch vermehrt verstoßen. Der Eurovision Song Contest war geprägt von Weltpolitik. Bereits im Halbfinale erhielten die beiden Schwestern aus Russland Pfiffe und Buhrufe, als die Entscheidung am Dienstagabend verkündet wurde. Aufgrund der aktuellen Ukraine-Politik ist Russland zuletzt weltweit unangenehm aufgefallen und wird international kritisiert. Die ukrainische Sängerin Maria Yaremchuk, die mit ihrem Song "Tick Tock" das diesjährige Finale am Samstag eröffnete, sagte nach dem Wettbewerb: "Alles, was ich hier mache, mache ich für die Menschen in der Ukraine. Ich stand nicht alleine auf der Bühne. Hinter mir standen 46 Millionen Ukrainer." Eines hebte sie in dem Gespräch besonders hervor: "Es gibt so viele Dinge, die wichtiger sind als Politik. Eurovision ist der beste Weg um Menschen zu vereinen - durch die Musik."




Die beiden Tolmachevy Schwester, die mit ihrem Song "Shine" Russland repräsentierten, wurden Opfer der Meinungen zu Russlands Politik. Die Krise zwischen Russland und der Ukraine zog ihre Schatten bis nach Kopenhagen. Auch als die Punktevergabe aus Russland kam, erfüllten Buh-Rufe die Halle. Der Beitrag der beiden Russinnen war dabei nicht einmal schlecht. Meiner Meinung nach waren die Buh-Rufe völlig ungerechtfertigt. Ich denke, dass es bei diesem Wettbewerb vorallem um eines gehen sollte: Die Musik. Ich sehe diesen Wettbewerb als internationalen Kulturaustausch auf musikalische Art und da haben Politik und auch die Meinungen der Zuschauer zur Politik nichts zu suchen.




Die beiden Schwestern ließen sich jedoch nicht unterkriegen. Glücklich bedankten sie sich nach der Show für die Unterstützung aller Fans. Immerhin vier Punkte erhielten die Schwestern auch aus der Ukraine. Während die Ukraine für ihren Song 7 Punkte aus Russland bekam, erfreuten sich die Fans auf Twitter einer ganz anderen Sache. Diese feierten nicht nur die erfolgreichen Auftritte sondern auch den übertragenden Sender Danmarks Radio (DR), der für die Kameraeinstellungen zuständig war. Dieser blendete kurz vor dem Ende des russischen Beitrages eine der Regenbogenfahnen ein, die im Publikum geschwenkt wurden. Ganz nach den Liedzeilen des russischen Duos: "Sending out a message out above, telling the world to show some love". Die Meinungen zu dieser Aktion waren auch auf Twitter umstritten.

Gewonnen hat den Eurovision Song Contest letztendlich Österreich. Der Travestiesänger Tom Neuwirth, der international unter dem Namen Conchita Wurst bekannt wurde, überzeugte mit dem der Ballade "Rise like a phoenix", die mich persönlich sehr stark an einen James Bond Song erinnert. Im Finale trat Conchita mit Vollbart auf. Die Meinungen dazu waren sehr unterschiedlich. Nach der Show gab es zunächst auch aus Russland positives Feedback. Der russische Sänger Filipp Kirkorow sagte am Sonntag im russischen Staatsfernsehen: "Ob er einen Bart hat oder keinen Bart, ob er Mann ist oder Frau - das ist unwichtig, es ist ein Wettbewerb und das Lied ist sehr schön." Doch wenig später meldete sich unter anderem auch Vize-Regierungschef Dmitri Rogosin zu Wort: "Das Ergebnis zeit die Anhänger der europäischen Integration und was sie dabei erwartet - Mädchen mit Bart." Ein nationalistischer Abgeordneter Russlands sagte Europa sogar den Untergang voraus. "Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas. Dort gibt es keine Männer und Frauen mehr, sondern stattdessen ein Es. Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt. Es wieder freizugeben, war ein Fehler. Wir hätten dort bleiben sollen." Auch die katholische Kirche schaute dem Auftritt des Transvestiten skeptisch entgegen. Die Übertragung des ESC mit einem Transvestiten sei eindeutige Propaganda für Homosexualität und geistliche Verderbnis.

Die Drag-Queen Conchita Wurst hoffe sehr, dass ihr Auftritt auch politisch verstanden wurde, gab sie der Presse in Wien zu wissen, als sie nach dem Contest Hause reiste. Zuvor hatte sie nach der Verkündung des österreichischen Sieges gesagt: "This night is dedicated to everyone who believes in peace and freedom. We're unstoppable." In einem Interview gab sie zu wissen: "Es war nicht nur ein Sieg für mich, sondern ein Sieg für alle Menschen, die an eine Zukunft glauben, die ohne Ausgrenzung und Diskriminierung funktionieren kann." Unter anderem sei dies ein Signal an den russischen Präsident Putin gewesen. Sie betonte aber, dass es nicht das Land sei, das sie kritisiere, sondern nur eine Haltung. Auch in Russland gäbe es Ecken, in denen sie sehr willkommen sei. Diese Botschaft schien in Europa gut anzukommen. Insgesamt 290 Punkte erhielt Österreich für diesen Auftritt.




Ich muss ehrlicherweise sagen, dass mir die Performance auf der ESC-Bühne besser gefallen hat, als die im offiziellen Video. Die Flammendarstellungen und der Nebel haben einfach besser zum Song gepasst, als eine Badewanne voller Rosenblätter. Einen Kommentar unter diesem Video möchte ich besonders hervorheben.


Dass die Ergebnisse am Ende immer in irgendeiner Form politisch beeinflusst sind und sich Nachbarstaaten in der Regel die Punkte um die Ohren hauen, ist aus den letzten Jahren bekannt. Ich finde, dass dies in diesem Jahr weniger der Fall gewesen ist. Dennoch ist der Eurovision Song Contest Austragungsort internationaler Politik geworden. Dabei möchte ich weniger den Auftritt und das Auftreten von Conchita sondern viel mehr die Buh-Rufe aus dem Publikum kritisieren. Der russische Beitrag war meiner Meinung nach sogar besser als unser eigener. Auf der Bühne stand nicht Putin, den Song hat auch nicht Putin geschrieben und der Auftritt hatte genauso wenig mit Putin oder seiner Politik zu tun. Ich frage mich wirklich, ob man sich mehr dafür schämen sollte, wenn man nicht ganz tolerant gegenüber Frauen mit Bärten ist, oder wenn man meint, hirnlos seine Meinung äußern und seine Launen an zwei Mädchen auslassen zu müssen, die nicht einmal ansatzweise etwas mit der russischen Politik zu tun haben. Wenn ihr ein Problem mit der russischen Politik habt - und dafür gebe ich euch mein vollstes Verständnis - dann demonstriert meinetwegen vor der russischen Botschaft oder fahrt nach Russland, macht ein bisschen Tumult vor dem Kreml und lasst euch wegsperren, aber macht nicht den Eurovision Song Contest zum Austragungsort internationaler Politik. Oder erwartet ihr etwa, dass die NATO nächstes Jahr über die Bühne fliegt und diese während des russischen Auftritts wegbombt?
Ein Schlusswort für die, die - meiner Meinung ebenfalls zu Recht - nicht ganz nachvollziehen können, dass der Österreicher als Frau mit Bart auftritt. Ich gestehe, dass auch ich das etwas gewöhnungsbedürftig finde, aber ich bin sicher, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen niemals abfällig oder sogar handgreiflich gegenüber solchen Menschen werden würde. Ich kann mich dem Kommentar von YouTube nur voll und ganz anschließen. Es ist ein schönes Lied, es ist eine schöne Stimme. Wir kennen den Menschen nicht und sollten deshalb nicht über ihn urteilen. Ich bin mir sicher, dass der Mensch dahinter nett sein kann und dass sich viele von euch, die sich über das Auftreten aufregen, mit ihm verstehen würden, wenn er euch als Junge gegenübertritt.

Kommentare:

  1. Allein Homosexualität und Geistliche Verderbnis in Zusammenhang zu bringen finde ich ja mal krass. Ich finde eher gegen Homosexualität zu sein und geistliche Verderbnis sind näher aneinander. Ich feiere es auf jeden Fall, dass ein Transvestit den Contest gewonnen hat, es ist doch schon mal der erste Schritt zur Toleranz oder?
    Das mit der Regenbogen Flagge im Auftritt der Russen finde ich ja auch sehr witzig, da für lässt sich der Sender auf jeden Fall feiern.
    Über das mit der Politik kann ich allerdings nichts sagen, ich habe den Song Contest nicht angeschaut und bisher erst deine Meinung gelesen, diese klingt allerdings einleuchtend. Es ist wirklich nicht fair seine Meinung über Putin an zwei russischen Sängerinnen auszulassen.
    Liebe Grüße, Eva

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    1. Gut, dass es noch mehr gibt, die meiner Meinung sind. Finde das auch wirklich unfair den beiden Sängerinnen gegenüber. Aber sie haben sich nicht einkriegen lassen und immerhin den 7. Platz ergattert.

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  2. Ich finde die Buh-Rufe gegenüber den russischen Sängerinnen auch sehr ungerecht. Zum einen können die beiden nun wirklich nichts dafür und zum anderen finde ich es generell unfair Russland gegenüber. In den Medien wird nur negativ über Russland berichtet, was auch nicht grade objektiv ist, aber zurück zum ESC: Ich finde es ein tolles Zeichen, dass Conchita sogar aus sehr konservativen Ländern viele Punkte bekommen hat. Das zeigt, dass die Einstellung der Menschen oft eine andere ist als die der Politik oder die irgendwelcher Repräsentanten!
    Für mich war der Auftritt und das Ergebnis ein Zeichen von Tolleranz in Europa.

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    1. Genau so sehe ich das auch und der Rest von Europa offensichtlich auch. Abgesehen davon war der Auftritt wirklich um Längen besser als beispielsweise der polnische Beitrag.

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  3. Ich hab den ESC leider gar nicht gesehen, aber ich ahbe mich shcon irgendwie gefreut dass Conchita gewonnen hat. (das lied erinnert mich übrigens auch extrem an einen james bond song :D) Ich finde es einfach großartig, dass die leute nicht so drauf waren sie auszubuhen oder nicht zu wählen wegen einem bart. und ich finde auch aussagen wie "die hat doch nur gewonnen weil sie anders ist" total unnötig. das lied war gut und läge e snur am anders sein, dann hätte es auch genauso gut sein können, dass sie genau deswegen NICHT angekommen wäre. Das mit den mädels aus russland habe ich bisher noch gar nicht mitbekommen, aber wenn sie wirklich ist ausgebuht wurde finde ich das schade. schließlich können die zwei ja nichts dafür, dass ihr land gerade sehr in der kritik steht. dasist dann doch etwas unfair =/ allerdings sind dann solche kommentare wie "das ist das ende europas" etc.pp. auch ziemlich daneben und auch nicht sonderlich gut durchdacht. das gibt den gegnern schließlich recht... generell stehe ich in diesem konflikt auf niemandes seite. ich denke es wird viel durch die medien verfälscht und russland als DAS BÖSE hingestellt... aber heilig ist putin auch nicht. der tut zwar für sein land viel, aber gerade deshalb ist es wirklich schade, dass man dort immernoch so schrecklich konservativ ist. dass macht ihn mir leider wieder total unsympathisch.... wobei man unsere politiker ja auch nicht gerade feiern kann... wie gesagt...da hat jeder sein päckchen zu tragen und jeder hat in einer gewissen weise "dreck am stecken". das ganze auf dem rücken der ESC-Teilnehmer auszutragen ist natürlich nicht sonderlich gut, aber schön finde ich den sieg von conchita wurst dennoch, da es eben ein gewisses zeichen setzt. (von der kirche fange ich lieber gar nicht erst an sonst reg ich mich nur auf... letztens noch nen furchtbaren bericht gesehn von leuten die homosexualität austrieben wollten mit beterei wie bei einem exorzismus....abartig.)
    danke dir wieder für den tollen beitrag! Von mir bekommst du natürlich wieder ein Daumen hoch dafür! <3

    lg
    Feary

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    1. Ich muss dir Recht geben. Viel wird durch die Medien verfälscht und Putin wird so als "Böser Junge" abgestempelt. Nachrichten von guten Ereignissen wären ja auch zu langweilig, deshalb lieber nur die schlimmer Sachen berichten und am besten maßlos übertreiben. Leider ist Homosexualität weltweit noch ein spezielles Thema. Dabei finde ich, dass homosexuelle Menschen nicht anders sind, als heterosexuelle Menschen, was du in deinem Beitrag zur Homosexualität sehr schön verdeutlicht hast. Und dass die Kirche wie immer verrückt spielt, ist wirklich nichts Neues mehr. Sollen die lieber versuchen, Grippeviren auszutreiben oder Krebskranke zu retten, statt sich damit unbeliebt zu machen.

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  4. Politische Meinung hin oder her, der Gewinner bzw die Gewinnerin des ESC hat verdient gewonnen und auch sicherlich eine etwas beeutendes erreicht. Es ist doch egal wie Leute sind oder was sie machen, hauptsache ist doch sie tuen es vom Herzen und mit Spaß. Das haben wir auch beim ESC gesehen und es wurde, wie ich finde, von allen akzeptiert und toleriert, das find ich super.

    MfG Wurm200
    http://wurm200.blogspot.de/

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  5. Ich finde es toll, dass er gewonnen hat. Auch das er dieses Statement setzt einfach nur großartig. Es ist doch völlig gleich ob man Hetero, Homo eine Frau oder ein Mann ist. Wir sind alle Menschen und einzig und alleine der Charakter zählt. Ich fand das Lied auch super.
    Ich mag ihn sehr und finde es toll, dass er so viele Fans hat. Auch Schauspieler und Musiker wie Lady Gaga finden ihn gut. Man sollte doch mittlerweile frei Leben können und nicht sich verstellen müssen nur weil einige kein bisschen Toleranz haben. An die Leute die immer noch gegen solche Menschen sind, fasst euch an die eigene Nase, es gibt Gesetze wir haben alle Rechte. Akzeptiert es und werdet offener, solche Länder die immer noch die Verbote aufstellen sollten endlich mal etwas tun, damit man frei Leben kann.

    Man hat ganz klar auch gesehen, dass die Politik eine Große Rolle spielt. Doch bei diesem Contest sollte einzig und allein die Musik im Vordergrund stehen.

    Alles liebe
    Michelle

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    1. Schön, dass es noch mehr Menschen gibt, die das so sehen wie ich. Toleranz ist ein Thema, das man definitiv mehr behandeln sollte, meiner Meinung nach auch in der Schule, denn Mobbing ist häufig nichts anderes als Intoleranz und das beginnt eben in der Schule.

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