[10] Das Böse in uns


Das Böse hat viele Gesichter. Der unscheinbare Nachbar könnte ein Massenmörder sein. Der freundliche Postbote ein Kinderschänder. Der Priester aus der Dorfkapelle ein Attentäter. Einige Menschen sind nicht die, für die sie sich ausgeben. Das Böse kann in jedem von uns zum Vorschein kommen.

 

Wird das Böse vererbt?

Untersucht man eine Raupe und wenig später den daraus entstandenen Schmetterling, so haben beide Tiere dieselbe DNA. Doch der Schmetterling liest andere Teile der DNA aus als die Raupe. Unser Körper liest die Reize aus der Umwelt aus und speichert entsprechende Informationen im Erbgut. Wird eine schwangere Frau geschlagen, angeschrien oder gerät in Stresssituationen, so schüttet sie Stresshormone aus. Diese Hormone erreichen auch das ungeborene Kind und wirken sich unmittelbar auf seine Entwicklung aus. Das Kind wird dann impulsiver und neigt in bestimmten Situationen gewaltsames Verhalten. Die Wissenschaft, die diese Art der Entwicklung von Mechanismen und Konsequenzen untersucht, nennt man Epigenetik. Sie setzt sich mit der Frage auseinander, welche Faktoren die Aktivität eines Gens und die Entwicklung einer Zelle beeinflussen und ob diese Veränderungen an nachfolgende Generationen vererbt werden. Noch vor unserer Geburt können wir also Veranlagungen vererbt bekommen, die für Gewalttäter typisch sind, ob diese beim Heranwachsen tatsächlich zum Vorschein kommen, ist jedoch unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Kann das Böse erlernt werden?

Vorbilder spielen eine besondere Rolle in der Entwicklung unseres Gewaltverhaltens. Blut beispielsweise kann schlimme Erinnerungen hervorrufen, an Schmerzen erinnern, einen Autounfall oder den Verlust einer geliebten Person. Blut kann aber auch positive Erinnerungen hervorrufen, an einen Triumph erinnern, eine erfolgreiche Jagd. Diese Veranlagung stammt noch aus Zeiten, in denen die Menschen noch Jagen mussten, um ihr Überleben zu sichern. Empfindet man Gewalt als lustvoll, führt dies zu einem rauschartigen Zustand, den man immer wieder herbeiführen möchte. Die Lust an Gewalt wird heutzutage normalerweise reguliert und etwa in Sportwettkämpfen ausgelebt. Um diese - in jedem von uns vorhandene - Veranlagung zu regulieren, muss man lernen, wie man damit korrekt umgehen muss. Dies geschieht in Lernprozessen, die man in der Psychologie als Modelllernen bezeichnet. Dabei imitiert man ein Vorbild und lernt durch positive Verstärkung wie Lob und Anerkennung, die Verknüpfungen im neuronalen Netz hervorrufen. So werden bestimmte Handlungen mit positiven Erfahrungen verknüpft. Je weniger Wertschätzung man im bisherigen Leben erhalten hat, desto eher neigt man dazu, sich einer Gruppe anzuschließen, in der man positiv aufgenommen wird. In sogenannten Akzeptanzprozessen versuchen die Mitglieder untereinander Akzente zu setzen, um Anerkennung zu erhalten. Neigen Gruppenmitglieder zu aggressivem Verhalten und trifft das innerhalb der Gruppe auf Anerkennung, geht dieses Verhalten auch auf andere Gruppenmitglieder über. Im neuronalen Netz bilden sich aufgrund der Anerkennung weitere positive Verknüpfungen. Das Gewissen tritt dabei in den Hintergrund. Verantwortung muss nicht länger allein getragen werden und kann auf die gesamte Gruppe delegiert werden. Die einzelnen Gruppenmitglieder stärken sich dabei gegenseitig den Rücken.
Spaß an der Gewalt und die Verknüpfung mit positiven Erfahrungen, etwa durch die Ausschüttung von Adrenalin, versetzen die Gruppenmitglieder in einen Gewaltrausch. Vorbilder können also während der Kindheit und der weiteren Entwicklung dazu beitragen, dass man sich das Böse aneignet.
Ohne rassistisch klingen zu wollen, denn das bin ich echt nicht, erklärt dies auch das Verhalten vieler Migranten. Sie haben es oft besonders schwer, sich zu integrieren und stoßen deshalb nur selten auf Lob und Anerkennung. Eine Rechtfertigung für aggressives Verhalten und Gewaltbereitschaft darf das aber nicht sein.

Liegt die Wurzel des Bösen im Gehirn?

Anders Breivik tötete 2011 fast 100 Menschen, ohne Reue für seine Tat zu empfinden. In der Neuropsychologie untersucht man den Zusammenhang zwischen den Hirnaktivitäten des neuronalen Systems und dem Verhalten. Mit bestimmten Gerätschaften ist es möglich, Hirnaktivitäten zu überwachen. In der präfrontalen Gehirnrinde gibt es Strukturen, die wie ein Aggressionswächter arbeiten und verhindern sollen, das bestimmte Reize weiterverarbeitet werden. Das Gehirn entscheidet hier, ob es sich um eine reale Bedrohung handelt. In manchen Fällen sind diese Funktionen jedoch abgeschaltet, sodass der Reiz ungehindert in weiter hinten liegende Hirnareale vordringen kann. Dann gelangen sie in den Hypothalamus. Er verbindet Nerven- und Hormonsystem. Er ist zuständig für die Entwicklung von Wut und Aggressionen. Faktoren wie Misshandlungen im Kindesalter können die präfrontale Gehirnrinde nachweislich und dauerhaft schädigen. In diesem Fall kann sich das gesamte Verhalten schlagartig verändern. Außerdem liegen im Gehirn sogenannte Spiegelneuronen, die es uns ermöglichen, die Emotionen von anderen Menschen zu spiegeln. Sie helfen uns, uns beispielsweise in das Leiden unseres Gegenüber hineinzuversetzen. Wir empfinden, was andere empfinden. Wissenschaftler vermuten darin den Grund, dass wir uns von einem Gähnen anstecken lassen, dass wir ohne nachzudenken zurück lächeln, wenn uns jemand anlächelt und sogar dass wir weinen, wenn wir einen traurigen Film schauen - wir empfinden mit. Bei Anders Breivik vermutet man eine Störung, die diese Fähigkeit außer Betrieb setzt, weshalb er bis heute kein Mitgefühl empfindet. Fehlfunktionen von Spiegelneutronen findet man besonders häufig bei Psychopathen. Zwar verstehen sie, was sie ihrem Opfer antun, dieser Gedanke löst jedoch keine Hemmungen bei ihnen aus.
Es ist also nicht allein die Vererbung sondern viel mehr ein Zusammenspiel aus Vererbung und Umwelt, das darüber entscheidet, wie gewaltbereit ein Mensch ist. Moral und Erziehung sind besonders wichtig, um diese Instinkte einzudämmen. Letztendlich liegt die Entscheidung, ob wir zu Gewalttätern werden, - ausgenommen von den Fällen, in denen eine Schädigung der entsprechenden Hirnareale vorliegt - immer noch bei uns.

Das Böse hat viele Gesichter!

Es ist ganz unterschiedlich wie diese aussehen. Man erkennt sie oftmals nicht auf den ersten Blick, auch nicht auf den Zweiten. Aus heiterem Himmel begehen Menschen, denen man so etwas niemals zugetraut hätte, schwerste Straftaten, vergewaltigen Menschen, töten Kinder. Das Böse steckt in jedem von uns und wenn es ausbricht, kann es niemand aufhalten. Im Rahmen seines Buches "The murderer next door" befragte David Buss 5000 Menschen aus sechs Kulturen. 88% der Menschen hätten demnach schon einmal Mordphantasien gehabt. Jeder kann zum Mörder werden. Genau einen solchen Menschen gilt es heute zu erschaffen. Für meine neue Geschichte benötige ich natürlich nicht nur einen Protagonisten oder eine Protagonistin. Ich benötige einen Bösewicht, das Böse in Person. Ihr dürft dem Bösewicht ein Gesicht oder vielmehr einen Charakter geben. Beachtet bitte, dass ihr dem Bösewicht nicht einander entgegengesetzte Eigenschaften geben solltet.

 

Kommentare:

  1. Hallo,

    ich habe soeben mein Voting abgegeben.
    Sie sind nicht nur ein Roman- sondern auch ein Fachartikelautor. Gut recherchiert!

    MfG
    PAS

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  2. bin gespannt, ich kenne das Böse persönlich

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  3. Wow, wirkt sehr gut recherhiert. :D Auch wenn ich einige Schlüsse für zu einfach halte. Kinder von Frauen, die geschlagen wurden, werden agressiv? Da gibt es sicherlich Fälle. Vielleicht ist es auch die Mehrheit, bei der das zutrifft. Aber es ist nicht so absolut.

    "Ohne rassistisch klingen zu wollen, denn das bin ich echt nicht, erklärt dies auch das Verhalten vieler Migranten."
    Wer behauptet nicht rassistisch zu sein, ist es oft. So wie Leute die behaupten Kritikfähig zu sein es oft nicht sind. Deshalb überlasse immer anderen die Beurteilung, ob du es bist oder nicht. Wenn du nicht rassistisch bist, wird dein gegenüber es schon merken. Und in dem Fall wärst du ja auch nicht rassistisch, sondern ausländerfeindlich ;)

    Ich hätte aber gesagt, dass es Kindern aus Migrantenfamilien eher schwer fällt, ein gesundes Mittelmaß zwischen der eher konservativen, strengeren Erziehung der Eltern aus religiöseren Staaten und unserer offenen, toleranten Gesellschaft zu finden. Und beim Ausprobieren ihrer Grenzen eben nicht mehr auf ihre Eltern hören, aber niemanden haben, der ihnen sonst ihre Grenzen vermittelt.

    Was deinen Bösewicht angeht, ist das doch gerade spannend, wenn er positive und negative Seiten hat. So eintönige Bösewichte sind doch langweilig. Die Rolle von Snape in Harry Potter ist z. B. auch sehr interessant.

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    1. Stimmt. Snape spielt den strengen, bösen Lehrer, der Harry Potter auf den Kieker genommen hat. Sein Aussehen trägt das Übrige dazu bei. Letztendlich ist er jedoch genau das Gegenteil. Ein guter Freund, der immer nur das Beste für Harry wollte. Diese Entwicklung kann man in den Filmen sehr gut wahrnehmen.
      Mein Bösewicht wird wohl tatsächlich eine solche doppelte Persönlichkeit aufweisen, ich will aber nicht zu viel verraten! :)

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  4. irgendwie finde ich dein blogdesign total interessant. da kriegt man richtig lust noch weiter zu stöbern. wollt ich nur mal eben gesagt haben :)
    liebe grüße ♥
    http://stilllookingforhappiness.blogspot.de/

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    1. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! :)

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  5. Haha, hab das Böse in der Familie ^^

    Sehr interessanter Beitrag.
    Bin auf jeden Fall der Meinung, dass es erlernt werden kann.
    Wenn man sich die Bösewichte aus den Filmen als Vorbild nimmt.
    Aber auch mit dem Gruppenzwang, wenn es anfängt zu Mobben. Irgendwann bleibt es nicht mehr dabei und Schwupp, wird einer erschossen.
    Aber wie du schon im letzten Abschnitt sagtest, das Wort "Böse" hat viele Gesichter und daher auch viele Seiten

    LG

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  6. Sehr, sehr guter Post. Das
    Ich finde deinen Blog sehr interessant und schau jetzt öfters vorbei!

    Liebe Grüße
    Julia
    http://sinceamoment.blogspot.de/

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  7. Ich denke auch, einige Sachen liegen sicher in der Erziehung. Doch gibt es auch das böse, was scheinbar in manchen Menschen schlummert. Früher wurden auch ja auch mehr Kinder gehauen, da gehörte schlagen ja zur Erziehung, auch in der Schule, aber es gab ja nicht mehr Morde. Ich glaube da gibt es dann immer noch unterschiede in der Psyche, wir stark böse man wird.

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    1. Richtig, ich denke es hängt letztendlich vom Charakter des Menschen ab. Einen Funken Böses hat wohl jeder von uns in sich. Die Frage ist, ob man stark genug ist, um zu verhindern, dass der Funke ein Feuer entfacht.

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