3.13 Der Künstler




Kapitel 13 - Der Künstler

Bitte nimm wieder Platz“, sagte der Künstler. Ich wurde misstrauisch, setzte mich aber dennoch auf den Stuhl, der hinter mir erschienen war. „Weißt du, was das schöne an einer Geschichte ist, die man selbst schreibt, Beatrice?“ Er legte eine kurze Pause ein und ich schaute ihn erwartungsvoll an. „Das schöne daran ist, dass man sie selbst schreibt. Man kann sie nach Belieben verändern. Das hier ist meine Geschichte. Ich bin der Autor. Er drückte sich einige Tropfen Blut aus der Hand, tauchte die Feder ein, blätterte im Buch wenige Seiten zurück und begann etwas zu schreiben. Ich wurde neugierig, wollte aufstehen, doch so sehr ich mich bemühte, es gelang mir nicht. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. „Was haben Sie...“ Abermals wurde ich unterbrochen. „Ich habe die Geschichte geändert. Ich hoffe, das Essen hat dir geschmeckt.“ Ich verstand. Er hatte mich vergiftet. „Sie sind ein...“, begann ich zu brüllen und wurde wieder unterbrochen. „Wir wollen doch nicht ausfallend werden, junge Dame.“ Er lachte. „Deine leiblichen Eltern werden gleich hier sein. Schade nur, dass sie nicht lange bleiben werden.“ ich schaute ihn fragend an, doch ohne weiter darauf einzugehen, ging er zur Tür und verschwand aus meinem Blickfeld. Gefühlte fünf Minuten später hörte ich Schritte. „Beatrice, darf ich dir deine Eltern vorstellen? Das sind Genevieve und Dominic, deine leiblichen Eltern.“ Die Frau trat zuerst in mein Blickfeld. Sie sah mir sehr ähnlich. Sie kniete sich vor mich und legte ihre Hände auf meine Wangen. Ohne ein Wort zu sagen, schaute sie mir tief in die Augen, gab mir einen Kuss auf die Stirn und stand dann auf. „Wir haben so viel nachzuholen, mein Kind.“, sagte sie weinend. Jemand legte seine Hand auf meine Schulter. Ein warmes Gefühl machte sich in mir breit. „Leider werden Sie dazu keine Gelegenheit mehr haben.“, ertönte die Stimme des Künstlers hinter mir. Meine Mutter schaute erschrocken, dann hörte ich einen Knall. Ein Schuss löste sich und traf meine Mutter in den Bauch. Ein weiterer Schuss ertönte und neben mir fiel mein Vater zu Boden. Eine Träne lief über meine Wange. Sie kitzelte mich, doch ich konnte mich nicht regen. Mir gelang es auch nicht mehr, ein Wort zu sagen. Der Künstler schritt an mir vorbei. Er zog einen Stuhl hinter sich her, den er vor mich aufstellte. Dann setzte er sich.

Sein Blick musterte mich. Dann rollte er seinen Kopf, als würde er seinen Hals dehnen, und schaute mich wieder an. Aus seinen Augen waren jegliche Farben verschwunden. Sie waren komplett weiß. „Das System lebt, weil Menschen wie du es am Leben halten. Menschen, die Teil eines Plans sind. Menschen wie die bettelnde Dame in Sektor 1. Menschen wie Grace, Deonthes, Linda und Gerrit. Menschen wie Genevieve und Dominic. Manche Menschen müssen leiden. Manche Menschen müssen sich opfern, um das System am leben zu halten. Manche Menschen müssen sterben. Die gute Nachricht ist, dass du in die Geschichte eingehen wirst. Die schlechte Nachricht ist, dass all dein Streben umsonst war. Du wirst das System nicht brechen.“ Er erhob sich von dem Stuhl und ging zu dem kleinen Tisch und schnitt sich erneut in die Hand, um etwas ins Buch zu schreiben. Dann nahm er das Buch in die Hand und setzte sich wieder auf den Stuhl vor mich. Ich bemerkte, dass langsam das Gefühl in meinen Körper wiederkehrte. „Sie sind ein Mörder. Sie töten Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken“, versuchte ich mit meinen noch tauben Lippen zu sagen. „Ich töte nicht. Ich belebe dieses System. Du wirst nicht als Heldin gefeiert werden. Dein Tod wird nicht dafür sorgen, dass sich noch mehr Menschen entschließen, sich gegen mich zu stellen. Dein Tod wird nicht dafür sorgen, dass mehr Menschen das System hinterfragen.“ Er klang entschlossen und überzeugt. „Ich werde nicht sterben. Ich bin die Auserwählte. Mir ist es bestimmt, etwas zu ändern. Es ist mein Schicksal das System zu beenden. So sagt es die Prophezeiung“, rechtfertigte ich mich. Er lachte spöttisch. „Prophezeiungen gibt es seit Ewigkeiten. Sie sind ein Zeichen für Verzweiflung. Sie werden geschaffen, um Hoffnung zu schenken und haben keine weitere Bedeutung. Outsider haben sich die Prophezeiung ausgedacht. Sie brauchten Hoffnung. Sie brauchten etwas, was sie antreibt. Also schufen sie eine Prophezeiung, die ihnen zukünftig Hoffnung schenkte.“ - „Ich bin eine Outsiderin und wenn ich es bis hierher geschafft habe, werden auch andere Outsider das schaffen.“ Er rieb sich nachdenklich das Kinn., ehe er nachdrücklich erklärte: „Man hat dir erzählt, du seist etwas Besonderes. Man hat dir erzählt, du seist eine Outsiderin, du würdest nicht in das System passen. Man hat dir erzählt, du wärst anders, hättest die Möglichkeit, dich frei zu entfalten. Man hat dich ermuntert, dich gegen das System zu sträuben. Dir wurde erzählt, du seist die Auserwählte, die, die etwas ändern kann. Man sagte dir, du würdest mir eines Tages gegenüberstehen und da bist du. Doch du wirst nichts ändern. Das alles war eine Lüge. Du bist ein Lüge. Du bist Teil eines Plans.“ Fassungslos schaute ich ihn an, während er im Buch blätterte. Dann hielt er mir das Buch vor die Augen und ich begann zu lesen. Ich erinnerte mich an die Szene. Es war mein erster Tag in der Akademie, als die Inanima mich in den Raum stieß. Ich las und entdeckte meinen Namen – er stand im Buch. Der Künstler blätterte weiter und zeigte mir weitere Textstellen, in denen mein Name auftauchte, unter anderem auch die Textstellen, die ich in der Projektion im Aufzug gesehen hatte. „Wärst du eine Outsiderin, stünde hier nicht dein Name. Wärst du eine Outsiderin, wäre hier ein einfacher Fleck. Siehst du hier einen Fleck? Du bist keine Outsiderin. Du bist Teil eines Plans. Dein Opfer wird die Menschen verängstigen. Dein Tod wird die Menschen daran erinnern, wie wichtig es ist, dem System zu folgen. Linda, Gerrit, Deonthes, sie alle waren Teil des Plans. Im Grenzland hatte ich keinen Einfluss auf dich, nicht zuletzt, weil du unter den Outsidern lebtest.“ Der Künstler zeigte mir einige Seiten in seinem Buch, auf denen sehr viele Tintenflecke zu sehen waren. „Deshalb war es besonders wichtig, dass ich dir schon vorher die Sehnsucht einpflanzte. Du durftest Linda und Gerrit nicht vergessen. Du musstest Sehnsucht nach ihnen haben. Als du Sektor zwei erneut besuchtest, pflanzte ich dir den Plan ein. Denkst du ernsthaft, dass du selbstständig auf die leichtsinnige Idee gekommen wärst, dich von einer Patrouille einfangen zu lassen? Glaubst du ernsthaft, dass sie dich zu mir gebracht hätten, wenn ich es nicht von vornherein so gewollt hätte? Sie hätten dich sofort getötet, wenn du nicht meinen Plan verfolgt hättest. Du kannst nichts verändern. Ich gebe zu, du hast einen starken Charakter. Es war nicht immer einfach, dich zu lenken und ich konnte nicht unterbinden, dass du tatsächlich Hass auf das System bekamst. Umso erfreulicher finde ich es, dass du nichts daran ändern kannst.“

Ich war geschockt. Mein ganzes Leben war eine Lüge. Teil eines perfiden Plans. Ein Spiel, das er trieb, um sein System am Leben zu erhalten, um Macht auszuüben, Macht zu behalten. Ich entschloss mich, ihn anzugreifen, doch als ich von dem Stuhl aufstehen wollte, fiel ich zu Boden. „Sei nicht dumm, Beatrice. Denkst du, ich hätte damit nicht gerechnet?“ Er stand auf und trat mit seinem Fuß auf meine Hand. Schmerzerfüllt schrie ich auf. „Du bist keine Outsiderin. Du wirst nichts ändern. Du bist allein und hilflos.“ Ich begann, zu wimmern, weshalb er sich zu mir beugte. Leidend vor Schmerz flüsterte ich zu ihm: „Sie haben Recht. Ich werde nichts ändern. Und wenn sie es sagen, dann bin ich wohl auch keine Outsiderin. Aber dann bin ich genauso wenig dumm.“ Er schaute mich an und trotz des Schmerzes konnte ich lächeln. „Was soll das bedeuten?“ - „Wissen Sie das nicht? Steht das nicht in ihrem Buch?“ Er trat erschrocken einige Meter zurück und schaute in dem Buch nach. Einige Zeit verstrich, in der ich ihn beim Lesen beobachtete. Dann schlug er zornig das Buch zu und warf es auf den Tisch. „Was hat das zu bedeuten?“, brüllte er mich an. Ich grinste und schrie dann mit aller Kraft: „Ich bin nicht allein!“
Die Tür flog auf, einige der Fenster zersprangen, der Künstler schaute sich überrascht und erschrocken um, wollte fliehen, fand aber keinen Ausweg. Von allen Seiten stürmten Outsider in den Raum. Der Künstler griff in seine Tasche, in der er seine Waffe verstaut hatte. Noch bevor er die Waffe ziehen konnte, schnellte ein Pfeil auf den Mann zu und bohrte sich in seinen Bauch. Schlagartig führte er seine Hände zu dem Pfeil. Seine Augen wurden leer, sein Blick langsam starr und Blut lief aus seinem Mund. Er zog den Pfeil aus seinem Bauch, blickte auf den blutigen Pfeil, den er nun vor seiner Brust hielt, schaute dann zu Grace, die den Pfeil geschossen hatte und dann zu mir, ehe er leblos zu Boden fiel.
Grace eilte zu mir und kniete sich neben mich auf den Boden. Auch Severin kam zu uns und hob meinen Kopf an. Ich bündelte meine letzten Kräfte und zeigte auf das Buch, das auf dem Tisch lag. Grace lief zu dem Tisch, nahm Buch und Feder und ging dann zum Körper des Künstlers, um sein Blut benutzen zu können. Ich sah, wie sie etwas aus dem Buch ausstrich. Dann spürte ich meine Beine wieder, konnte mich wieder bewegen und spürte, wie ich wieder zu Kräften kam. Ich rappelte mich auf. Die Outsider im Raum standen um mich herum und jubelten. „Du hast dir ganz schön viel Zeit gelassen, junges Fräulein“, schimpfte Grace spaßhaft. Ich schmunzelte und nahm ihr dann das Buch und die Feder ab. Ich ging langsam auf die Körper meiner leiblichen Eltern zu. Zunächst kniete ich mich neben meine Mutter. Sie sah mir so ähnlich. Ich trauerte einen Augenblick und schloss mit meiner Hand ihre Augen, in denen noch immer einige Tränen standen. Dann hockte ich mich zu meinem Vater, schloss seine Augen und schaute ihn noch eine Weile an. Grace und Severin setzen sich zu mir. „Was ist hier passiert, Bea?“
Ich erklärte ihnen alles, erzählte, dass ich keine Outsiderin war, erzählte von seinem Plan und dass dies meine leiblichen Eltern waren. Ich erzählte, dass es mir gelang, die anderen Outsider herzulocken, weil er im Grenzland keinen Einfluss darauf hatte, wie ich den Plan, den er mir eingepflanzt hatte, umsetze. Dann erzählte mir Grace, wie die anderen Outsider uns von der Quelle des Flusses im Wald verfolgt hatten, wie es geplant war, wie sie dem Wagen folgten und auf das gut gesicherte Grundstück des Künstlers gelangten und wie sehr sich eine Dame im Schwesternkleid über diese Befreiung gefreut hatte. Severin fügte noch hinzu, wie lange sie auf mein Signal gewartet hatten, wie lange einige Outsider auf dem Dach des Turmes darauf gewartet hatten, endlich durch die Fenster stürmen zu dürfen.
Ich umarmte die beiden und bedankte mich bei allen anwesenden Outsidern. Dann nahm ich das Buch und die Feder in die Hand und ging zum Körper des Künstlers. „Was hast du vor, Bea?“, wollte Grace wissen. Ich drehte mich zu ihr um. „Ich werde zum Ghostwriter und schreibe dieses Buch zu Ende. Aber vorher möchte noch etwas probieren.“ Mit der verletzten Hand öffnete ich das Buch, mit der anderen tauchte ich die Feder in das Blut des Künstlers. Zuerst strich ich den Tod meiner Eltern aus dem Buch, die beiden abgegebenen Schüsse und dass sie überhaupt zum Turm bestellt wurden. Als ich mich umschaute, waren die Körper meiner Eltern verschwunden. Dort wo sie gelegen hatten, sah ich nun zwei große Tintenflecke. Ich lächelte. Langsam schwanden auch meine Erinnerungen an die beiden. Zwar wusste ich noch, dass Linda und Gerrit nicht meine leiblichen Eltern waren und dass meine leiblichen Eltern aber gerade auf dem Weg in meinen Heimatsektor waren, doch ich erinnerte mich nicht mehr an sie. Es war, als wären sie nie hier gewesen, als hätte ich sie nie gesehen. Erneut tauchte ich die Feder in das Blut, das aus dem Körper des Künstlers auf den Boden geflossen war. Ich setze die Feder an, schrieb ein einziges Wort, wartete dann einen Moment, damit das Wort trocknen konnte. „Lasst uns nach Hause gehen“, sagte ich zu meinen Freunden. Dann klappte ich das Buch zu.


Kommentare:

  1. Antworten
    1. Danke! :)
      Ich wette, damit hat sicher niemand gerechnet! :D

      Löschen
  2. Oh nein, wie kannst du nur schon ein Ende haben :(
    Aber echt gutes Ende.
    Toller Schreibstiel und vorallem, wars spannend..

    Schreibst du den jetzt eine neue?
    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Natürlich wird es eine neue Geschichte geben. Diese werde ich jedoch nicht auf meinem Blog veröffentlichen. Weil ich euch jedoch nicht vollständig ausschließen möchte, werde ich immer wieder Posts veröffentlichen, in denen ihr direkten Einfluss auf die Geschichte haben könnt. Achte diesbezüglich auf Posts mit dem Label "[10]".
      Die fertige Geschichte möchte ich dann bei einem Verlag einschicken. Ich möchte also tatsächlich mal versuchen, einen Roman zu schreiben. :)

      "Der Künstler" möchte ich zudem noch einmal überarbeiten. Die "neue" Version soll dann als kostenloses eBook erhältlich sein! :)

      Löschen
  3. Lässt sich gut lesen, ich mag den Schreibstil.
    Mag ich sehr gern :-)

    Liebe Grüße
    Julia
    http://sinceamoment.blogspot.de/

    AntwortenLöschen