Warum sagt man eigentlich ...



Tagtäglich begegnen uns viele Redewendungen, die zu unserem Sprachgebrauch gehören, ohne dass wir sie hinterfragen. Aber warum gibt man sich die Kante, wenn man sich betrinkt oder warum wünscht man sich Hals- und Beinbruch?

Redewendung: Hals- und Beinbruch

Vor einer Prüfung oder einer Herausforderung (zum Beispiel einem sportlichen Wettkampf oder einer Theateraufführung) wünscht man "Hals- und Beinbruch". Damit wünscht man dem anderen lediglich gutes Gelingen und keine schweren Körperbrüche. Ursprünglich stammt die Redewendung aus dem Jiddischen. Jiddisch ist eine rund tausend Jahre alte Sprache, die in weiten Teilen Europas von Juden gesprochen und geschrieben wurde. Ursprünglich hieß die Redewendung  "Hazloche und Broche", was sich etwas wie "Hals und Bruch" anhört. Tatsächlich heißt Hazloche jedoch Glück und Broche bedeutet Segen. Die Wörter der Redewendung wurden ins Deutsche übertragen, der jiddische Sinn wurde jedoch beibehalten.

Redewendung: Alles in Butter

Diese Redewendung stammt aus dem Mittelalter und ist heutzutage gleichbedeutend mit "Alles in Ordnung". Im Mittelalter wurde Transportgut noch mit Kutschen transportiert. Besonders Glasmanufakturen aus Italien hatten auf ihrem Weg durch die Alpen eine steinige und holprige Fahrt. Als Stoßdämpfer verwendete man Butter. In Fässer gegossen diente Butter als ideale Schutzhülle, die Gläser wurden in ihr eingeschmolzen und blieben so unbeschädigt, selbst wenn einmal ein Fass von der Kutsche fiel.

Redewendung: Das kann kein Schwein lesen

Auch diese Redewendung findet seinen Ursprung im Mittelalter. Zu dieser Zeit konnten nur äußerst wenige Leute lesen. Briefe und Schriftstücke mussten von Gelehrten gelesen werden. Eine dieser Gelehrtenfamilien hörte auf den Namen Swyn. Sie kam ursprünglich aus Schleswig und half den Bauern in der Umgebung beim Lesen und Schreiben von Briefen. Doch auch im Mittelalter gab es Schreiberlinge, dessen Schrift man einfach nicht lesen konnte. »Datt kann keen Swyn lesen«, sagten die Menschen dann. Im Hochdeutschen heißt das: »Das kann kein Schwein lesen.«

Redewendung: Sich die Kante geben

Viele Menschen geben sich auf Partys die Kante. Das bedeutet, dass sie etwas mehr trinken, als der Durst von ihnen fordert. Heutzutage trinkt man aus Flaschen, Gläsern und Dosen. Früher wurde jedoch aus Kannen getrunken. Die Menschen gaben sich also die Kanne mit alkoholischen Getränken, bis sie vollkommen betrunken waren. Über die Jahre wurde aus dem Wort "Kanne" dann das Wort "Kante", wie es sich bis heute gehalten hat.

Redewendung: Ich habe einen Ohrwurm

Wem tagelang ein Lied im Kopf herumschwirrt, der hat ihn wohl - den Ohrwurm. Die Redewendung kommt von den sogenannten Ohrenkneifern, die bestimmt jeder schon einmal gesehen hat. In der späten Antike wurden diese Insekten getrocknet und zerrieben und als Heilpulver gegen Ohrenkrankheiten verwendet, woraus sich der Begriff "Ohrwurm" entwickelte. Diese Praxis geriet irgendwann in Vergessenheit oder wurde widerlegt, der Begriff blieb jedoch erhalten. Durch falsche Überlieferungen entwickelte sich der Glauben, dass die "Ohrwürmer" durch die Ohren ins Gehirn kriechen und dort nicht wieder rauskommen. Das ist zwar nicht wahr, spiegelt aber wieder, wie ein musikalischer Ohrwurm zu verstehen ist: er gelangt über das Ohr ins Gehirn und setzt sich fest.

Redewendung: Ist mir Wurst

Die Redensart stammt natürlich von den Metzgern. Früher gab es noch keine Vorschriften, was in die Wurst darf und was nicht und so füllten die Metzger zerkleinerte Fleischabfälle in die Hüllen aus Leber, Magen oder Darm. Ihnen war es vollkommen egal, was sie in ihre Wurst mischen.
Eine andere Theorie bezieht sich auf die beiden Enden einer Wurst, die sich ziemlich ähnlich sehen. Dem Verbraucher ist es auch hier eher egal, in welches Ende er zuerst beißt. Genau das drückt diese Redewendung aus: »Ist mir egal.«

Redewendung: 08/15

Überzeugt uns etwas nicht vollständig, weil es vollkommen gewöhnlich oder nicht besonders ist, dann sagen wir ganz selbstverständlich »08/15«. Seinen Ursprung findet dieser Begriff im ersten Weltkrieg. 08/15 war die Bezeichnung für das Maschinengewehr der deutschen Soldaten. Die ersten beiden Ziffern stehen für das Jahr 08, also 1908, in dem das Gewehr produziert war. Die 15 steht für das Kriegsjahr 1915, in dem die zweite Modellreihe produziert wurde, die zwar neuer, aber nicht effizienter war. Bereits im zweiten Weltkrieg galt dieser Begriff deshalb für alles Alte und Überholte.

Redewendung: Einen Frosch im Hals haben

Versagt die Stimme urplötzlich und man hat ein Kratzen im Hals, sagt man »Ich habe einen Frosch im Hals.« Zurückzuführen ist diese Redewendung auf eine Zyste, die sich unter der Zunge bildet, weil sich eine Drüse unter der Zunge verschließt. Speichel wird zwar weiterhin produziert, kann über die Drüse jedoch nicht mehr entweichen, sodass die Drüse zu wachsen beginnt. Irgendwann sieht die angeschwollene Drüse aus wie die Schallblase eines Frosches. Diese Art von Zysten wird von Ärzten deshalb "Ranula" (lat. ranula - kleiner Frosch) genannt. Hat man eine solche Krankheit, fällt das Sprechen und das Schlucken äußerst schwer. Die Redewendung bezieht sich heutzutage nur noch auf die Symptome und findet deshalb auch ohne Zyste ihren Gebrauch.

Redewendung: Vögeln

"Vögeln" wird umgangssprachlich als Synonym für den Geschlechtsverkehr verwendet. Diese Redewendung klingt zwar modern, ist aber schon uralt. Der Begriff stammt aus dem Mittelalter und kann über zwei verschiedene Theorien erklärt werden.
1. Die Adligen vergnügten sich ausgesprochen gerne im Freien. Da die Falkenjagd ungefährlich war, durften die Frauen die Männer begleiten. Dabei kam es auch zum Vergnügen miteinander. Die Jagd nach den Vögeln führte dann zum Vögeln.
2. Damen mit einem höheren sozialen Rang hielten damals einen Singvogel, zum Beispiel eine Amsel oder einen Finken. War der Ehemann aus dem Haus, stellten die Damen den Vogel ans Fenster. Dann wussten die Liebhaber, dass die Luft rein war, sodass er zu den Vögeln, also zum Vögeln, vorbeikommen konnte.

Redewendung: Jemanden überführen

Insbesondere für mich und meine neue Geschichte interessant zu wissen: Warum »überführt« man den Täter eigentlich? Überführen hat logischerweise etwas mit Führen zu tun. Mörder wurden im Mittelalter einen besonderen Weg entlang geführt. Gelang es nicht, ihm den Mord nachzuweisen, versuchte man mit der sogenannten Bar-Probe einen Beweis zu erlangen. Dafür führte man den Täter hinüber zur Bare mit der Leiche. Einem Aberglauben nach begann die Leiche nämlich erneut zu bluten, wenn der Täter neben ihr stand. An der Glaubwürdigkeit dieser Probe darf man gerne zweifeln. Wahrscheinlicher ist es, dass der Täter beim Anblick seiner Opfer Reue empfand und deshalb gestand. Das Hinüberführen war also im Mittelalter eine Methode, ein Geständnis zu erlangen, was noch heute das "Überführen" eines Straftäters bedeutet.

Das waren zehn Redewendungen, die sicher jeder schon einmal gehört oder sogar verwendet hat. Ich bin mir sicher, dass ihr heute wieder etwas gelernt habt und würde mich sehr freuen, wenn ihr mir auch eine Redewendung hinterlasst, die es dann in einem zweiten Teil zu klären gilt! :)


Kommentare:

  1. Was ist mit →jemanden von der Bettkante stoßen? Oder →mein lieber Scholli.

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  2. Hallo Kevin,

    ja, Du hast vollkommen Recht, ich habe wieder etwas hinzugelernt.
    Vor allem weiß ich jetzt wofür ein Falknerjagdschein alles gut sein kann. :P
    War also kein Fehler die Falknerprüfung abzulegen! ;)

    Als Redewendungen biete ich Dir aus meiner Antwort vom 29. Juni 2014 21:45 Uhr folgende an:

    - Warum kommen manche nicht auf einen "grünen Zweig"?
    - Warum wird im Grundbuch nach der Unterzeichnung des Kaufvertrages ein Vermerk eingetragen der "Auflassung" heißt?
    - Warum liegt dort der Hund begraben?

    Gerne kann ich Dir auch die Auflösung zukommen lassen.

    Freundliche Grüße
    Alexander

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  3. "Abgehen wie Schmitz Katze" und "Holland in Not" sind so Sätze, die mich mal interessieren würden.

    Liebe Grüße

    Ole

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  4. Haha, wie cool!
    Macht voll Spaß das zu lesen. :)
    Bei uns im Radio werden auch oft solche Redewendungen erklärt. Mag da immer total gerne zuhören.
    Aller liebste Grüße, Carina.

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  5. Warum ist Rache süß? Und warum ist man schlau wie ein Fuchs?

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  6. Huhu! :)

    Ich liebe Redewendungen und bin immer an ihren Erklärungen interessiert. Will ja schließlich wissen, was ich von mir geb ;)

    Mir ist übrigens aufgefallen, dass der Großteil unserer Sprichwörter aus dem Mittelalter stammen. Ob es in vielen Jahren Leute gibt, die unsre "normalen" Sätze auch als Sprichwörter verwenden? :D

    Lieber Gruß
    Annika

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    1. Das müssen wir abwarten. Die Sprache verändert sich ja in viele mögliche Richtungen. Das Wort "geil" stammt beispielsweise ursprünglich aus der Botanik und auch andere Wörter, die zur Zeit häufig von der Jugend benutzt werden, sind schon uralt und blühen neu auf!

      Mal gucken, wie sich das in Zukunft entwickelt! :D

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  7. Sehr coole Sammlung. Ich finde so etwas immer interessant :)
    Liebst Irina

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  8. Sprache ist so interessant! Geschichte auch! Und beides zusammen noch viel mehr! Ich lese sowas gern und wünsche mir mehr davon :)

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