[10] Im Angesicht des Todes



Menschen definieren sich über ihre Beziehungen zu Eltern, Partnern, Kindern und Freunden. Doch wie verkraften wir den Verlust einer geliebten Person?


In meiner Geschichte "10" wird der Protagonist Alexander Thompson mehr als einmal mit dem Verlust nahestehender Personen konfrontiert. Menschen definieren sich über ihre Beziehungen zu anderen und so bricht für Alexander Thompson jedes Mal eine Welt zusammen. Die Psychotherapeutin Verona Kast schreibt, dass der Verlust eines geliebten Menschen uns in unserem Weltbild erschüttert. Wir beginnen, einen Verlust zu bedauern, fangen an, zu trauern. Indem wir diesen Verlust seelisch verarbeiten, wandeln wir uns. Wir werden selbstbewusster, treffen andere Entscheidungen und setzen neue Prioritäten. 

Die Trauerarbeit kann man (zumindest in der Theorie) in vier wesentliche Phasen einteilen. Hier richte ich mich nach dem Modell der Schweizerin Verona Kast.

Erste Phase: Schockzustand

Zuerst sind wir über den Verlust geschockt. In dieser Phase beginnen wir, den Verlust aktiv zu leugnen, oder den Verlust nicht wahrhaben zu wollen. Oftmals dauert der Schockzustand nur wenige Stunden, maximal ein paar Tage. Herzrasen, Schlaflosigkeit, körperliche Unruhe, Schwitzen und Unwohlsein sind typische Reaktionen eines solchen Schocks. Der Schock ist häufig der Grundbaustein für eine posttraumatische Belastungsstörung.

Zweite Phase: Emotionsausbruch

Starke Gefühlsausbrüche sind ein völlig normaler Bestandteil der Trauerarbeit. Trauer, Verlustschmerz, Einsamkeit, Wut und Zorn, Angst, Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen sorgen oft für starke emotionale Schmerzen. Das Sicherheitsgefühl geht verloren und die intensiven Gefühlsausbrüche können Freundschaften und Beziehungen erschüttern. Im Extremfall verändern sich Menschen in dieser Phase ins Negative und werden aufgrund ihrer starken Schuldgefühle von Freunden zunehmend gemieden. Man unterscheidet hierbei zwischen der Überlebensschuld, also Schuldgefühlen, weil es einen geliebten Menschen getroffen hat und nicht einen selbst, und der Zuschauerschuld, also Schuldgefühlen, die aufkommen, weil man zwar anwesend war, den Verlust aber in keiner Weise verhindern konnte. Schuldgefühle können dabei zu Depressionen bis hin zum Suizidgedanken führen.

Dritte Phase: Verarbeitung oder Erlebnisaktivierung

Es wird versucht, die Beziehung zu der verlorenen Person wieder stärker zu spüren. Der Trauernde besucht beispielsweise Orte, die er mit der verlorenen Person verbindet, Fotos werden angesehen oder Erinnerungen werden sich wieder ins Gedächtnis gerufen. Im Idealfall verarbeitet man in dieser Phase im inneren Dialog offene Fragen, die man mit der verlorenen Person hatte, um somit Hindernisse beim Fortschritt der Trauerarbeit zu überwinden. Idealerweise hat man sich am Ende dieser Phase innerlich mit der Person versöhnt, sodass keine Spannungen mehr bestehen und man loslassen kann. Der Verlust wird jetzt bewusst wahrgenommen.
Im Extremfall kann dieser Verarbeitungsprozess, der im Kopf stattfindet, aber auch dazu führen, dass man mit dem Verlorenen in einer Art Traumwelt weiterlebt, weiterhin den Tisch für die Person deckt oder sich sogar mit ihr unterhält. Der trauernde Mensch löst sich in diesem Fall von der übrigen Welt und der Wirklichkeit und kann in dieser Phase gefangen bleiben.

Vierte Phase: Akzeptanz und Neuanfang

Gelingt es, die dritte Phase erfolgreich zu verlassen, so akzeptiert man den Verlust und lässt die verlorene Person zu einer inneren Figur werden, die nicht mehr im realen Leben vorhanden ist. Der Bezug zur Realität und zu anderen Personen wird wieder aktiv gestaltet. Die Erfahrung, dass man einen solch schweren Verlust verarbeiten und bewältigen konnte, ist ein wichtiger Bestandteil der Trauerarbeit. Es wurde erkannt, dass Verluste zum Leben dazugehören und dass man sie bewältigen kann.

Kritik am Phasenmodell der Trauer

Das Vierphasenmodell der Trauer entstand in den 1970er Jahren. In den vergangenen 40 Jahren hat sich jedoch vieles weiterentwickelt und neuste psychologische Erkenntnisse sind noch nicht im Modell enthalten. Obwohl das Modell nicht statisch verstanden werden soll, wird davon ausgegangen, dass diese Phasen von jedem Trauernden durchlaufen werden müssen. Derartige Trauermodelle sind empirisch jedoch nur gering untermauert und es ist mittlerweile nachgewiesen, dass die meisten Menschen individuell mit ihrer Trauer umgehen. 

Das Konzept des Loslassens scheint jedoch in vielen Trauermodellen ein wesentlicher Bestandteil zu sein. Loslassen entspricht in der Regel aber dem exakten Gegenteil von dem, was die Trauernden innerlich fühlen. Oft wollen sie die Liebe zu einer verlorenen Person nicht loslassen, sondern im Herzen weitertragen. Experten empfehlen daher, die Trauerarbeit in Beziehungsarbeit umzubenennen, da es nicht darum geht, endgültig loszulassen, sondern eine neue Art der Beziehung zu der verlorenen Person aufzubauen. 

Was ist traumatische Trauer?

Wird Trauer von einem traumatischen Ereignis überlagert, treten also Erinnerungsblitze - sogenannte Flashbacks - auf, so spricht man von traumatischer Trauer. Der Trauernde ist dann immer angespannt und reizbar und zeigt Vermeidungs- oder Wiederholungsverhalten.

Wie hängt das mit der Geschichte zusammen?

Den ersten Verlust einer nahestehenden Person erlebt Alexander Thompson bereits vor Beginn der Geschichte. Durch auftretende Flashbacks während der Geschichte wird der Leser Stück für Stück mit seiner Geschichte bekannt gemacht.
Die so wichtige Trauerarbeit versucht Alexander Thompson jedoch durch engagiertes Arbeiten zu verdrängen. Das Verdrängen führt jedoch zur ständigen Beeinträchtigung des aktuellen Falls. Die Zuschauerschuld nagt immer wieder an ihm. Es ist denkbar, dass Alexander Thompson seinen Beruf als Möglichkeit sieht, für den Verlust Vergeltung zu üben. Von dem Vierphasenmodell hat sich Alexander Thompson jedoch gelöst. Einer posttraumatischen Belastungsstörung kann er nicht mehr ausweichen.


Denkst du, dass Alexander Thompson seinen Beruf als Möglichkeit der Vergeltung nutzt?

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Kommentare:

  1. Interessantes Thema und da muss ich gleich an den Tod meines Opa denken :(
    Das war alles irgendwie seltsam.

    An den Tag als mein Opa starb, war ich in der Schule mit mit einmal hatte ich Fieber bekommen und wurde abgeholt. "Mir ging es echt sau schlecht".
    Als ich ich dann noch erfur, das mein Opa auf den Weg ins KH gestroben ist, war das für mich schlimmer, als für meinen Pa und seine Geschwister. Klar gab es tränen und trauer, aber ich stand meinem Opa am nähsten.
    Ich habe echt Wochen gebraucht, bis ich wieder normal war.

    Mein Opa ist jetzt ca. 10 Jahre Tod und ich kann es eigendlich bis heute nicht recht verkraften. In dieser Zeit sind noch andere Menschen von mir gegangen. Schwiegermama, Tante und viele Tiere. Ich beneide die Menschen, die mit sowas klar kommen und nach nur 2 Tage die Trauer auch schon wieder überwunden haben.

    Liebe Grüße
    PS: Ich mag deinen Blog wirklich sehr gerne und finde deine Themen immer wieder sehr interessant. Gerne würde ich deinen Blog auf meinen Vorstellen. Wenn du daran lust hast, würde ich mich freuen, wenn du dich bei mir meldest ;)


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  2. Hallo. :) Ich freu mich, dass du meinen Blog entdeckt hast! Jedoch freue ich mich viel weniger, dass bei dir grade soetwas passiert ist. Denn dies kann ich sehr gut verstehen...
    Mein kurzer Text, war auch in diese Richtung, dass gebrochene Versprechungen eine Liebesbeziehung zerstören können. Denn ohne Vertrauen, funktioniert keine Beziehung. Aber es kommt auch auf die Menschen an, wenn man über alles reden kann und auch nicht gleich wegen Kleinigkeiten ausrastet, sondern erwachsen die Sachen die einen stören klärt, dann könnte es doch wieder zur Besserung kommen. Denn wenn man eine ernsthaft Beziehung führt und einander liebt, dann gibt man sie nicht ohne Grund weg. Meiner Meinung nach kann man jedes Hindernis überstehen, denn wenn die Liebe so groß ist, wie ich es kenne, dann kann man alles überstehen. Doch dies kommt nunmal auf 2 Menschen an. Wenn einer mehr liebt als der andere, dann funktioniert sowas natürlich nicht. Dann ist es vorbei und für den einen ist es schlimmer als für den anderen.
    Soo... jetzt bin ich etwas weggeschweift.
    Da du etwas persöhnliches zu deiner Situation geschrieben hast, erzähl ich auch was von mir.
    Nachdem mein Ex eine andere geküsst hat, betrunken, war mein vertrauen zu ihm weg, aber ich habe ihm vergeben, da ich mir keine Welt ohne ihm Vorstellen konnte. Jedoch habe ich ihm verboten auf Partys ohne mich zu gehen und trinken ohne mich, damit sowas halt nicht nochmal passiert.
    Als er dann doch mal auf eine Party ging, hat er da eine kennengelernt, nüchtern, und mich dann wegen ihr verlassen.
    Das war schrecklich. Da wie gesagt, ich habe ihn sehr stark geliebt und das Herz gebrochen zu bekommen ist nicht einfach.

    Deinen Blog schaue ich mir später nochmal an, hab bis jetzt nur die "Der Autor" Seite gelesen, und da sind sehr interessante Details. :D

    Sorry für so einen langen Text...

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  3. Es ist eine schlimme Zeit, wenn ein geliebter Mensch für immer geht. Der Tod meiner einen Oma hatte mich auch sehr mitgenommen. Das war vor 17 Jahren, schon so lange her. Meine beiden Opas sind 2002 gestorben, als meine Tochter gerade unterwegs war. Ich finde es sehr schade, dass sie beide deshalb nicht mehr kennen lernen konnte. Ich erzähle ihr oft von ihnen und das hält sie ein wenig lebendig. Nun habe ich nur noch eine Oma und ich hoffe, sie bleibt uns noch lange erhalten!

    PS: Ich bin auf die Blogvorstellung gespannt!

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