[10] Was nimmt uns mit?



"Es gibt Tage, an denen gibt es nichts zu lachen", sagte Stefan Raab völlig richtig nach dem Flugzeugabsturz in Frankreich. Ein Ereignis, das sicher nicht nur mich nachdenklich machte. Aber warum nehmen uns eigentlich einige Dinge stärker mit als andere?


Die Nachricht von einer abgestürzten Germanwings-Maschine im Süden Frankreichs stimmt uns nachdenklich und schockiert uns. Es ist gerade einmal wenige Tage her, beschäftigt uns noch immer und dennoch muss das Leben weiter gehen. Wir gehen ganz normal zur Arbeit, gehen einkaufen, sicherlich buchen Menschen jetzt gerade einen Flug. Die mehr als schrecklichen Vorkommnisse habe ich hier aufgeführt. Um diesbezüglich auf dem neuesten Stand zu bleiben, habe ich mich auch in den Sozialen Netzwerken umgehört. Neben Beileidsbekundungen fand ich auf Twitter folgende Äußerungen:


Daraufhin habe ich mir die Frage gestellt, warum uns genau dieses Ereignis so sehr mitnimmt. Eine solch umfangreiche Resonanz habe ich etwa beim Abschuss des Flugzeuges über der Ukraine oder bei dem Verschwinden des malaysischen Flugzeuges nicht beobachtet. Obwohl die Erklärung dafür beinahe selbstverständlich erscheint, wollte ich es genauer wissen. Da meine Recherche im Internet jedoch nicht sonderlich erfolgreich war, richtete ich mich per Mail an die Sozialpsychologin Prof. Dr. Juliane Degner von der Universität Hamburg.

Warum scheint uns der Absturz der Germanwings-Maschine mehr mitzunehmen als beispielsweise das Verschwinden der MalaysiaAirlines-Maschine?

Degner: "Der Grund ist zum einen in der intensiveren Berichterstattung - z.B. die Dauersendung der Tagesschau - vor allem aber durch die direkte Zugehörigkeit der Fluggesellschaft und vieler Passagiere zur Eigengruppe 'deutsch'. Diese subjektive Nähe macht es dem Individuum schwerer, sich von diesem Unfall zu distanzieren, sie impliziert auch leichter, dass einem selbst das passieren könnte. Diese subtile Erinnerung daran, dass man selbst sterblich ist und potentiell in einem Unglück umkommen könnte, triggert eine Menge kognitiver und emotionaler Bewältigungsprozesse."

Wichtig ist also die Berichterstattung durch die Medien. Wenn ich mich richtig erinnere, war beispielsweise der Abschuss der Malaysischen Maschine nicht einmal in einer Dauersendung thematisiert. Mögliche Ursache: Das Ereignis fand in einer Region statt, die durch die Medien bereits als Krisenregion bekannt ist.
Ich kann mir gut vorstellen, dass der Abschuss der Malasischen Maschine in Malaysia eine Dauersendung erhielt. Der Absturz der Germanwings-Maschine - mit der Germanwings als deutsche Fluggesellschaft - wird in Deutschland hingegen stärker thematisiert worden sein als beispielsweise in Malaysia.  "Die Zugehörigkeit zur Eigengruppe 'deutsch'" wie Deger sie nennt, gekoppelt mit der hohen Anzahl der Opfer und der Tatsache, dass Kinder und Babys an Bord waren, was wir wiederum nur durch die intensive Berichterstattung der Medien erfahren haben, nimmt uns zum einen deutlich stärker mit, sorgt aber zum anderen auch dafür, dass uns etwas ähnliches passieren könnte.

Dass dieses Verhalten völlig normal ist, weiß Prof. Dr. phil. Jürgen Hoyer, Professor für Klinische Psychologie und behaviorale Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden. Gedanken, die etwa durch die intensive Berichterstattung in uns ausgelöst werden, würden zu einer abneigenden Haltung führen. Wir bewerten das Fliegen plötzlich als besonders gefährlich. Die Folgen seien körperliche Begleiterscheinungen. Wir versuchen, die Kontrolle über etwas zu erlangen, oder wir vermeiden es. Da es recht schwer sein dürfte, die Kontrolle über das Fliegen zu bekommen, wäre die logische Schlussfolgerung, dass viele Menschen (zumindest vorübergehend) nicht mehr in ein Flugzeug steigen werden.

Auch im Straßenverkehr sterben viele Menschen. Dennoch nimmt uns ein Verkehrsunfall nicht so sehr mit wie der Flugzeugabsturz. Auch spielt die Berichterstattung wieder eine große Rolle. Ein schwerer Verkehrsunfall wird immer noch nicht in einer Dauersendung thematisiert. Der Grund: Bei einem Verkehrsunfall sterben häufig nicht so viele Menschen auf einmal wie bei einem Flugzeugabsturz. Außerdem gehören Verkehrsunfälle (leider) bereits zum Alltag. Wir scheinen uns der Gefahr bewusst zu sein, dennoch nimmt sie uns nicht so sehr mit.
In den von Hoyer beschriebenen Abläufen kann man dieses Verhalten an zwei Punkten festmachen. Erstens: Das Autofahren wird nach diesen Gedanken nicht als gefährlich beurteilt, sodass die Kette bereits am Anfang unterbrochen wird. Oder zweitens: Wir sehen uns in der Lage, die Kontrolle über den Verkehr zu kriegen, da wir selbst am Steuer des Fahrzeuges sitzen.

Letztendlich bleibt es Kopfsache, ob uns etwas mitnimmt und wie stark es uns traurig macht.

Wie lässt sich das auf das Projekt [10] übertragen?

Es ist bereits durchgeschimmert, dass auch in meinem Buch Ängste eine große Rolle spielen. Alexander hat einen nicht ungefährlichen Beruf, schließlich macht er sich auf die Suche nach einem Serienkiller. Seine Freundin Julie kämpft täglich mit der Angst, dass ihm etwas passieren könnte. Dass diese Angst nicht ganz unbegründet ist, werden die beiden spätestens dann bemerken, wenn Alexander Thompson selbst in die Fänge des Serienkillers gerät.

Quellen: Hoyer, J.; Beesdo, K.; Becker, E.S. (2007): Ratgeber Generalisierte Angststörung: Informationen für Betroffene und Angehörige. 


Auch interessant:


Ein Krimi entsteht - Alles rund um das Projekt [10]

Der Absturz der Germanwings-Maschine - Wie sicher ist das Fliegen?

Kommentare:

  1. Mich nimmt es vor allem auch mit, weil diese Leute mit in den Tod gerissen wurden. Klar stürzen Flugzeuge auch so ab, aufgrund technischer Fehler oder irgendwelcher anderer (nicht Menschen gesteuerter) Einflüsse. Dieses Risiko fliegt immer mit, egal in welches Flugzeug man einsteigt, es kann immer der letzte Flug sein! Hier, bei diesem Ereignis hätte es aber nicht passieren müssen. Hier hat bewusst eine Person für sich alleine beschlossen, "ich sterbe heute" und hat sich nicht um die anderen Leute im Flugzeug geschert und alle mitgerissen. DAS ist das schlimmste daran! Und weil es so nah ist und so traurige Schicksale beinhaltet (wie die Schulklasse). Einfach nur schlimm! Unfälle passieren, aber das war kein Unfall, das war bewusst gewollt!
    PS: Das Interview war interessant!

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  2. Ich bin grad mit dem Arbeitsauto gefahren, als im Radio über das unglück berichtet wurde. Ich war echt geschockt und gerade, weil so viele Kinder gestorben sind, hat es mich echt mitgenommen. (Mit ist das egal ob es Deutsche oder andere sind) Menschen sind Menschen.
    Das sowas überhaupt passiert und vorallem aus welchen Gründen, finde ich hart.
    Man weiß nie, was dem Typen geritten hat und welchen Schalter es gerade in seinem Kopf umgelegt hat. Schade ist nur, dass er so viele unschuldige mit hinnein gezogen hat.

    Ich bin ja sowie so ein Mensch, dem vieles echt nah geht. Sei es ein Unfall, ein Brand bei dem jemand ums leben kommt oder eben sowas.

    Gruß

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  3. Erstmal vielen Dank für deinen Kommentar, habe mich wirklich sehr gefreut.
    Resonanz von einem Mann ist auch mal sehr gut :)!
    Ich finde deinen blog wirklich sehr interessant, die kritische Sichtweise die du hast und wie du sie ausdrückst spricht mich sehr an!

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  4. Deine Sichtweite gefällt mir :) Toll geschrieben

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  5. Hört es sich grausam an, wenn ich sage das ich dieses Unglück nicht als wirklich... mitreisend empfunden habe? Ganz im Gegeteil! Es hat mich sogar richtig sauer gemacht ab einen bestimmten Zeitpunkt.
    Es ist schlimm. Es ist grausam und mir tun die Angehörigen sehr leit, die diese Tage überstehen müssen. Niemand sollte sowas erleben! Wirklich niemand... Das steht außer zweifel. Aber die Presse und die dauer Beschallung war und ist schrecklich!
    Es tut mir leid.. aber nur weil in dem Flugzeug eine anzahl von Deutschen saß, macht es mich nicht trauriger, als würde genau das gleiche in XY passieren. Eine Woche vor diesem Absturz hat die USA ein Passagierflugzeug über den Persischen Golf abgeschossen. Und man hört rein gar nichts darüber. Obwohl es so viele Menschen sind, wie bei dem Unglück nun.
    In Kenia werden Studenten erschossen.. und man hört es einen Tag für 4 Minuten...

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