Social Media vs. Real Life



Vom "Sie" auf Twitter und dem "Was ist Real Life?".


Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, Google+... würde ich sie alle auflisten, säße ich morgen noch hier. Während ich mich noch daran erinnere, wie sich mein Modem ins Internet einwählt und ich meiner Mutter deshalb das Telefonieren unmöglich machte, platzt die Vielfalt heute aus allen Nähten. Smartphones und Internetflatrates lassen uns immer und überall online sein, sobald etwas auf der Welt passiert, erfahren wir es online. Wir gehen nicht mehr zu unseren Freunden und klingeln, wir rufen nicht mehr an, um uns zu verabreden - wozu auch? Sprachnachricht bei Whatsapp, eine oder zwei Zeilen geschrieben und schon sitzen wir im Bus, um uns in der Stadt zu treffen - mit dabei: Das Smartphone.

Und wenn wir schon an der Bushaltestelle stehen und das Smartphone rausholen, um zu gucken, wie spät es ist, können wir - wo wir das Ding schon einmal in der Hand haben - gleich noch einen Blick auf Facebook werfen. Ahh. Lisa ist wieder Single, Paul ist auch in der Stadt und Mark hat ein neues Auto. Und was sagt Twitter? Schon wieder 13 Nachrichten bei Whatsapp. Trauriger Smiley? Was hat sie denn? Dem Busfahrer zeigen wir nur kurz das Ticket, dann setzen wir uns wortlos irgendwo hin, wo noch niemand sitzt.

Neulich saß ich im Bus neben einer alten Dame. Während ich so tat, als hätte ich ein Real Life, stöberte ich auf dem Smartphone bei Twitter. Dabei bemerkte ich sehr wohl die fragenden Blicke, die die alte Dame immer wieder auf meinen Display warf. "Ist das nicht dieses Twitter?", stellte sie irgendwann die Frage und entschuldigte sich im nächsten Moment dafür, dass sie ständig auf mein Handy geschaut hatte. Nachdem die Dame ausgestiegen war, kam ein Kommilitone auf mich zu und fragte mich, ob es mich nicht störe, wenn jemand im Bus auf mein Handy schaut. "Nein, wieso denn? Kann doch sowieso jeder lesen."

Wir sind die Ersten im Hörsaal und setzen uns irgendwo hin. Die Reihen füllen sich, die freien Plätze sind immer in den Mitten der Reihen - bloß nicht zu nah an den anderen Studenten sitzen, man könnte ja jemanden kennen lernen. Im Internet geht das ganz einfach. "Freundschaftsanfrage senden" oder "Folgen", vielleicht kurz eine Nachricht schreiben. Auf Twitter, Facebook und Co ist das ganz einfach. Das Lustige ist: Wenn ich durch meine Twitter-Timeline scrolle, sehe ich immer wieder einige Menschen, zu denen ich sagen kann: "Von dir habe ich letztens etwas gelesen." - Man kennt sich hier.

Es ist schon erschreckend wie vertraut uns das alles plötzlich ist. Das Internet weiß so viel von uns, wer sich schon einmal gegooglet hat, weiß, wovon ich reden. Über das Internet kann man nicht nur miteinander kommunizieren, man kann Bilder versenden, Videos, Musik. Wir werden international, dank der Smileys können wir sogar Emotionen ausdrücken, ohne unseren Gesprächspartner zu sehen. Wir verwandeln Gestik und Mimik in kleine, gelbe Dinger und - und das ist das Verrückte daran - werden verstanden, international.

Gefahren - online wie offline


Während wir den Gefahren im Real Life täglich ausgesetzt sind - und dessen sind wir uns völlig bewusst -, begegnen uns online Gefahren, denen wir nicht gewachsen sind. Trends folgen. "Ice Bucket Challenge? Da muss ich dabei sein!" Dass es dabei eigentlich um eine tödliche Krankheit ging, haben viele nicht bedacht. Kursiert irgendetwas Neues im Netz, möchte jeder plötzlich dabei sein. Auch offline findet man derartiges Verhalten wieder. Gruppenzwang und Nachläufer gehören zu jeder Clique dazu. Immer erreichbar. *Pling* Eine neue Nachricht, schnell nachsehen, antworten. Wie schnell das geht, wollte ich auch wissen. Um das herauszufinden, schrieb ich zufällig ausgewählte Personen bei Whatsapp, Facebook und Twitter an.

10 Minuten und 38 Sekunden

betrug die durchschnittliche Zeit, die ich auf eine Antwort warten musste. Nur wenige brauchten länger als zehn Minuten zum Antworten. Rekordzeit nach oben: 61 Minute. Andere haben noch in derselben Minute geantwortet. Im Real Life funktioniert das nicht. Man kann ja nicht überall gleichzeitig sein. Kräfte messen. Wer hat die meisten Follower? Wer kriegt mehr Likes? Facebook und Co laden zu einem Wettkampf ein, der auch dem Real Life nicht fremd ist. Wer trägt die neusten Marken, wer hat das neuste Smartphone? Privatsphäre adé. Im Internet gibt es kein "privat". Wenn etwas einmal im Netz ist, dann bleibt es dort. Wir haben die Möglichkeit, uns darzustellen, wie wir gerne wären, entfernen uns immer weiter von der Authentizität. Gleichzeitig räumen wir einigen Diensten ein Nutzungsrecht unserer Daten ein. So werden Facebook und Whatsapp zum Beispiel berechtigt, unsere Fotos weiter zu verwenden. Und auch andere Daten können, einmal den Weg ins Internet gefunden, von jedem eingesehen und verwendet werden. Solange man im realen Leben nicht jedem seine Visitenkarte in die Hand drückt, passiert dies im Reallife nicht. Ein anderes Gesicht. Gleiches Foto, anderer Name, schon habe ich ein Fake-Profil erstellt. Niemand kann nachweisen, ob ich nun echt bin oder nicht. So kann man anderen Menschen schaden. Ob durch Mobbing oder indem man den Ruf ruiniert, im Internet geht das im Handumdrehen. Im realen Leben ist das zwar nicht unmöglich, ganz so einfach ist es jedoch auch nicht.

Zeitverlust


©Peter Derrfuss  / pixelio.de
Das größte Problem, das ich in Social Media sehe, ist jedoch die Zeit, die uns dabei geraubt wird. Ein Gespräch zu führen, dauert etwa bei Whatsapp viel länger, als etwa am Telefon oder bei Face-to-Face-Gesprächen. Besonders schlimm: Streitgespräche. Ich meine, es ist traurig genug, dass man Streitgespräche über ein Soziales Netzwerk führt, dass eine Diskussion dabei aber acht Stunden statt der üblichen zehn Minuten dauert, ist alles andere als schön. Auch beliebt: Stundenlange Gespräche über Whatsapp und Co. Wieso sollte man denn auch fünf Minuten telefonieren, wenn man denselben Stoff in fünf Stunden unregelmäßigen Hin und Her erledigen kann. Ein weiterer Nachteil ist wohl, dass man beim Tippen auf dem Smartphonedisplay oft keine Hand mehr frei hat. Etwas anderes nebenbei zu machen, während man sich online "unterhält", gestaltet sich also zunehmend schwierig.

Einer Studie zufolge greifen vier von fünf amerikanischen Facebooknutzern mindestens einmal im Monat über das Mobiltelefon auf Facebook zu. Immerhin noch drei von fünf besuchen Twitter mindestens einmal im Monat mobil. Bei 79% dieser Nutzer besteht die erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sie das jeweilige Netzwerk sogar mehrmals täglich besuchen. Weil die Anbieter genau auf diese Leute abzielen, sind Apps wie Facebook oder YouTube oft auf neuen Geräten vorinstalliert.

Wenn Social Media das reale Leben überholt


Übrigens ist auch das Bewerben auf einen neuen Job online möglich. Unternehmen setzen zunehmend auf Social Media, der Kundenservice wird auch online angeboten. Wenn hier jemand mit "Sie" angesprochen wird, finde ich das verständlich. Lese ich jedoch unter einem Post auf Twitter einen Kommentar, in dem sich meine Follower untereinander Siezen, finde ich das befremdlich. Das Internet ist weit, aber man muss sich ja nicht weiter von seinem Gesprächspartner distanzieren als unbedingt nötig. Im Social Web ist es völlig normal, sich untereinander zu Duzen. Das soll nicht unhöflich sein, sondern nur ein Gespräch "auf einer Augenhöhe" ermöglichen.

Ich würde mich niemals als Feind der Social Media sehen, schließlich nutze ich sie täglich. Aber ich mache mir regelmäßig Gedanken darüber, wie viel Zeit mir die Sozialen Netzwerke rauben, und wundere mich, wie vertraut das alles scheint, während das reale Leben immer fremder wird. Und dann bin ich doch etwas beruhigt, denn meistens mache ich mir diese Gedanken offline.

Quellen: t3n.de; Janson, S. (2011): Nackt im Netz.


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Kommentare:

  1. Die IcebucketChallenge sehe ich noch als das kleinste Übel, was diese Challenges anbelangt. Ich finde es gut, wenn Leute dazu animiert werden, für eine schlimme Krankheit zu spenden, Sorgen machen würde ich mir eher um die, die 'nen Kasten Bier "exen", weil sie dazu "nominiert" wurden.
    Wenn mir im Bus jemand aufs Handy starrt, kann ich das aber auch nicht haben. Wenn ich mit jemandem zB auf Whatsapp schreibe und er mir was privates "erzählt" hat, weil man sich nicht oft sieht etc, dann läuft das ganze zwar über's Internet und durch Hacken könnten es auch andere lesen - aber erstmal geht es ja nur mich und die andere Person etwas an, nicht die Leute, die im Bus neben mir sitzen.
    Bei Twitter wäre mir das eigentlich auch noch egal, da schreibe ich mit niemandem privat, da ist alles öffentlich.

    Sehr schöner Post übrigens ;-)
    LG,
    Alexandra von growing-in-self-confidence.blogspot.de

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  2. Ja das Internet und besonders Social Media haben uns viel genommen von den Dingen die sonst ohne Interessant war. Wer schaut sich denn im Zug nach die Landschaft an? Wer spricht noch mit anderen Leuten? Das hast du ja angesprochen, in der Vorlesung ist es recht schwer mit anderen in Kontakt zu kommen, da alle in der Pause ersteinmal mit Ihrem Handy beschäftigt sind, ich möchte mich da gar nicht aussnehmen. Handy los Bars sind da schon ein segen. Man unterhält sich, und unterhält sich, isst und trinkt und unterhält sich, aber das Handy ist halt aus.

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    1. Ich schaue mir im Zug gerne die Landschaft an, während ich mich übers Smartphone mit Podcasts beschallen lasse. Da habe ich früher, als ich in Zügen noch gelesen habe, viel weniger von mitbekommen. Allerdings ist die Landschaft auf meinem täglichen Arbeitsweg nicht so spannend, da sie viel aus Tunnel besteht und sich nicht jeden Tag etwas ändert.

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  3. Die Technik hat sich in den paar Jahren so sehr verändert. Ich erinnere mich auch noch an die Tage, als ich meinen Eltern die Telefonleitung mit meinem Modem blockierte, damals mehr für mein Internet bezahlte als heutzutage, wo man daueronline ist. Ich habe mich lange gegen ein Smartphone gesträubt, dachte immer, dann bin ich noch mehr online, als so schon von zu Hause aus und es hat sich bewahrheitet. Kaum sitzt man im Bus, schaut man nach Emails oder neuen Fb-Nachrichten ... furchtbar :) Ich denke schon, dass uns das alles viel Zeit stielt und Whatsapp ist ganz nett und praktisch, aber manchmal nervt mich das Tippen auch, wenn man es sprachlich viel schneller umsetzen könnte!
    Schönes Thema und wieder gut geschrieben!
    Liebe Grüße
    Jana

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  4. Ich verstehe das irgendwie nicht, dass man rund um die Uhr on sein muss.

    Mein Handy hat zwar Internet und Go. Aber ich nutzte dieses gerade mal für mein geliebtes Mape^^. Den ohne den, würde ich mich oft verfahren. Ansonsten bin ich kaum on, außer wenn ich dann doch mal frei habe, dann nutze ich die Zeit dann auch mal aus.

    Twitter habe ich gleich gar nicht und Google+ und FB nutzte ich eigentlich Hauptsächlich für meinen Blog. Mir ist das Leben viel zu wertvoll, um dieses online zu verschwenden und das sollte die meisten auch mal verstehen.

    Hab ne Freundin, die ist rund um die Uhr on. Kann ich leider nicht nachvollziehen und mir wäre das Persönlich zu langweilig. Durch eine bekannte weiß ich auch, dass viele Schüler wären der Schulzeit auch nur on sind... kaum zu glauben, dass es die Schule/Lehrer so mitmachen. Mich würde das total nerven.

    Dein Text ist sehr gut geschrieben und viele, sollte sich mal darüber den Kopf machen.
    Liebe Grüße

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    1. Was heißt denn heute schon "on sein"? In Zeiten, wo man sich mit dem Modem eingewählt und pro Minute gezahlt hat, war das etwas ganz anderes. Da war "on sein" natürlich ein besonderer Status. Heute heißt das im Zweifelsfall, dass man sein Smartphone eingeschaltet hat, ob man es nutzt oder nicht.

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