Warum fliehen Flüchtlinge eigentlich zu uns?



Sie werden politisch verfolgt oder leben in einem Kriegsgebiet? Dann kommen Sie nach Deutschland. Hier werden Sie diskriminiert, Opfer von Hass- und Gewaltangriffen und Ihre Unterkunft wird abgebrannt. Ich bin kein Nazi, aber... 


Wo sie leben, werden sie politisch verfolgt, es herrscht Krieg. Vielleicht wurde ihr Haus zerstört, ihre Familie getötet. Dann kommen sie zu uns, ohne zu wissen, was sie hier erwartet. "Die wollen doch nur unser Geld." und "Die sind doch alle kriminell!" - typische Reaktionen gegen neuankommende Flüchtlinge. Sie alle könnten sich sicherlich schöneres vorstellen, als in ein fremdes Land zu gehen, nicht arbeiten zu dürfen, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Noch dazu leben sie bei Gastgebern, die ihre Situation nicht verstehen KÖNNEN, die die Unterkünfte abbrennen, sie schlagen und hassen. Über 500 Angriffe verzeichnete die Polizei bereits in diesem Jahr, das sind mehr als im Vorjahr - traurige Wahrheit. Körperliche Angriffe auf Asylsuchende, Beleidigungen, fremdenfeindliche Demonstrationen und Brandstiftungen sind die Regel. Dabei zeichnen sich deutliche Tendenzen ab: Gewaltangriffe auf Flüchtlinge werden häufiger im Osten der Bundesrepublik verzeichnet, der Westen verzeichnet eher Brandanschläge auf deren Unterkünfte. 20 Demonstrationen gegen Asylunterkünfte gab es dieses Jahr allein in der Bundeshauptstadt.

Grund für den Fremdenhass sind Vorurteile


"Flüchtlinge sind ungebildet, kriminell und werden vom Staat verwöhnt", heißt es oft aus Mündern der Bundesbürger. Sie wollen keine Flüchtlinge, haben wir schließlich genug eigene Probleme in Deutschland. "Sollen sie doch in reiche Öl-Länder gehen und nicht hierher, in ein Land mit Billionen von Euro Schulden", sagte eine ältere Dame auf einer Demonstration gegenüber dem Fernsehen. Natürlich sind wir in Deutschland nicht frei von Problemen. Wir haben Obdachlose, denn in Deutschland hat nicht jeder ein Recht auf eine Wohnung - traurig, wenn man bedenkt, dass für Flüchtlinge sofort neue Unterkünfte gebaut werden, während Deutsche auf der Straße stehen. Wir haben Menschen, die zur Tafel müssen, weil sie nicht genug Geld verdienen, um sich einen Monat lang zu versorgen. 

Deutschland erwartet in diesem Jahr 800.000 Asylbewerber, Zahlen, die so manche Bundesbürger verärgern und offenbar Grund genug sind, Asylunterkünfte anzuzünden. Doch der Ärger der Bevölkerung ist nicht unbedingt nachvollziehbar. Oft heißt es, Asylbewerber würden uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Ein Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt jedoch, dass es dieses Jahr etwa 170.000 Arbeitsplätze mehr als noch im Vorjahr gibt. Damit steigt die Zahl der Erwerbstätigen auf knapp 43 Millionen, Tendenz weiter steigend. Weiterhin gibt es knapp 600.000 offene Stellen, die bei den Arbeitsagenturen gemeldet sind - ebenfalls mehr als im letzten Jahr. Das garantiert zwar noch immer nicht, dass in jeder Region ein Arbeitsplatz zu haben ist, doch die Bedingungen sind so günstig wie nie zuvor - trotz Flüchtlinge.

"Flüchtlinge bekommen Geld, obwohl sie nicht arbeiten." Flüchtlinge fliehen vor Krieg und Verfolgung und haben hierzulande Anspruch auf eine Unterbringung in einer Erstaufnahmeeinrichtung, so sieht es das Asylrecht im Sozialstaat Deutschland vor. "Die leben auf unsere Kosten!", heißt es dann, doch das tun Deutsche auch. 2,85 Millionen Arbeitslose gibt es etwa 2015 in Deutschland, 2,85 Millionen Menschen, die Arbeitslosengeld oder Hartz IV erhalten, obwohl Arbeitsplätze vorhanden wären. Essen, Artikel des täglichen Bedarfs und Kleidung erhalten Flüchtlinge über Sachleistungen. Hinzu kommen 143 Euro im Monat für eine Einzelperson, 126 Euro für Partner, für Kinder kommen je nach Alter noch zwischen 82 und 90 Euro hinzu. 
Später wohnen Asylbewerber in Gemeinschaftsunterkünften, statt Sachleistungen gibt es nun Geld für Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs. Alleinstehende erhalten dann 143 Euro + 216 Euro, für Partner und Kinder kommen zwischen 133 und 194 Euro hinzu.
Das (359 Euro für Alleinstehende + Unterkunft) ist weniger als Hartz IV (410 Euro für Alleinstehende + Unterkunft), noch weniger dürfte es jedoch nicht sein, um das Einkommen nicht unter das Existenzminimum zu senken.

Anders als bei der Fachkräfteeinwanderung spielt die Qualifikation der Flüchtlinge beim Asylverfahren keine Rolle, weshalb es keine amtliche Statistik über den Bildungsstand der Flüchtlinge gibt. Es weise jedoch, so Kommunalpolitiker, nichts darauf hin, dass Flüchtlinge weniger gebildet sind, als Deutsche. Insbesondere Syrer seien oft gut gebildet und besonders integrationswillig. "Flüchtlinge sind ungebildet!" lässt sich also - wenn auch mit Vorsicht - dementieren: Nicht alle Asylbewerber sind so integrationswillig, einige können kaum oder gar nicht Deutsch. Ein Vorteil der Flüchtlinge: Etwa ein Viertel der Asylsuchenden im letzten Jahr war zwischen 16 und 25 Jahre alt. Menschen in diesem Alter fällt es im Zweifel besonders leicht, eine neue Sprache zu lernen und sich für einen Beruf zu qualifizieren.

"Die sind doch alle kriminell." Eine subjektive Meinung, die sich nicht statistisch belegen lasse. In Bremen und Berlin, so teilte die Polizei mit, könne man keine erhöhte Kriminalität in Bezug zu Flüchtlingen setzen. Im sächsischen Heidenau ist dies anders. Das liegt jedoch weniger an den Flüchtlingen als an den ausländerfeindlichen Deutschen.

Was kostet ein Flüchtling?


Fehlende Fachkräfte, demographischer Wandel - das sind die Argumente, mit denen die Zuwanderung von Flüchtlingen gerechtfertigt wird. Doch ehe der Arzt aus Syrien eine Darm-OP durchführen darf, muss er erstmal Deutsch lernen. Denn wer wäre bereit, sich von jemandem aufschneiden zu lassen, mit dem er sich nicht einmal verständigen kann? Die Betreuung eines minderjährigen Flüchtlings kostet etwa 60.000 Euro jährlich - das überschreitet das Einkommen vieler Fachkräfte bei Weitem. Dabei erhält der Jugendliche nur ein kleines Taschengeld, der Rest wird verwendet, um Container anzumieten oder die sozialen Netzwerke zu bezahlen, die sich um die Betreuung der Jugendlichen kümmern. Rund zehn Milliarden Euro könnten so allein in diesem Jahr anfallen. Kein Wunder also, dass auch die Regierung möglichst schnell diejenigen loswerden möchte, von denen sie kein Nutzen haben. Albanien, Kosovo und Montenegro sollen nur zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden, um eine möglichst schnelle Abschiebung zu rechtfertigen. Denn der Plan des SPD-Politikers Burkhard Lischka, der auf die steigenden Steuereinnahmen setzt, geht nur selten auf. "Wer bleiben darf, die Sprache lernt und Arbeit findet, verdient eigenes Geld und wird Steuerzahler." 

Zurück zur Anfangsaussage: Wer sagt, wir hätten genug eigene Probleme, der hat durchaus nicht Unrecht. Doch für eine Vielzahl der Probleme sind wir selbst verantwortlich. Viele Deutsche sind nicht offen für neue Kulturen, werden deshalb gewalttätig, werfen aber gleichzeitig den Asylsuchenden vor, sie seien kriminell. Wir Deutschen würden niemals etwas Böses tun, nicht wahr? Schließlich steht in den Verbrechensmeldungen immer, die Täter wären südländischer Abstammung. Vor Kurzem war in der Zeitung zu lesen, dass drei Teenager einen Obdachlosen anzündeten und ihn mit einem Hammer schlugen. 2011 zündete ein Rentner einen Obdachlosen an. Wir haben tatsächlich Probleme, aber die sollten wir in den eigenen Reihen suchen.
Flüchtlinge haben es nicht leicht. Oft ist ihre Flucht teuer und lebensgefährlich. Die Boote gehen im Mittelmeer unter oder sie ersticken in einem Transporter, in dem sie eingeschleust werden sollen. So geschehen in Österreich, wo vor Kurzem über 70 Flüchtlinge tot in einem Kühl-LKW gefunden wurden.

"Das Boot ist voll..."


Wer so denkt, der zeigt nicht nur, dass er kein Herz besitzt, sondern beweist auch, dass er keinen Verstand hat. Zwar geht es Deutschland wirtschaftlich noch vergleichsweise gut, doch wir haben Konjunkturprobleme und es wird zunehmend schwieriger, unseren Wohlstandslevel zu halten. Was die Wirtschaft braucht, sind Menschen, die anpacken - nicht den nächsten Migranten an der Gurgel, sondern in der Wirtschaft! Wird die Zuwanderung gut organisiert - und darüber kann man aktuell wirklich streiten -, kann sie ein großes Geschenk sein. Wir sollten sie deshalb nicht als Problem, sondern als Chance sehen. Deutschland kämpft mit dem demographischen Wandel, wird älter, schwächer, träge. Zuwanderung kann sich auszahlen - für uns und für die Flüchtlinge, das zeigen ökonomische Studien. Doch damit das funktioniert, muss der Staat clever handeln. Es reicht nicht, Unterkünfte bereitzustellen. Wir brauchen eine durchdachte Asyl-, Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik, wir brauchen eine durchdachte Entwicklungspolitik. Diese gäbe es in Deutschland nur in Ansätzen, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Damit sich etwas ändern kann, sei zunächst ein Umdenken bei den Bürgern erforderlich. Migranten werden diskriminiert, privat, sogar auf dem Arbeitsmarkt - das hält eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) fest. Dieses Denken führt dazu, dass viele Migranten als Belastung angesehen werden. Politiker, so die Süddeutsche, seien immer nur so gut, wie die Menschen, die sie wählten. Ein Umdenken müsse also bei den Bürgern beginnen.
All die Fremdenhasser, die Asylgegner, euch will ich sehen, wenn hier Krieg herrscht, ihr verfolgt werdet. Kommt ihr mal in ein anderes Land und werdet bedroht, geschlagen, schaut zu wie eure Unterkunft niederbrennt. Und wer dann noch sagt "Ich bin kein Nazi, aber..." der hat in den vergangenen hundert Jahren deutscher Geschichte nichts dazu gelernt.

Quellen: welt.de, faz.net, zeit.de, sueddeutsche.de

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Kommentare:

  1. Sehr gut geschrieben und auf den Punkt gebracht. Vor allem gut mit Fakten und Zahlen belegt. Wenn man sich mit der Thematik nicht so umfangreich beschäftigt, schwappt man immer in diesem Meer von Halbwissen und kommt halt zu solchen ungerechtfertigten Denkweisen und Vorurteilen. Ich habe gestern Abend erst einen Bericht über eine syrische Familie gesehen, die Frau Apothekerin, der Mann Architekt (wenn ich mich recht erinnere), zwei kleine Kinder und eins war unterwegs. Hatten alles in Syrien, eine wunderschön eingerichtete neue Wohnung, aber sie lassen alles zurück, riskieren ihr Leben, um ein friedliches Leben in einem anderen Land zu finden. Das Baby im Bauch hat sie auf der Flucht verloren ... der Tod reist auf der Flucht leider immer mit und nicht jeder kommt an seinem Ziel an! Einfach nur traurig, wenn man dann sieht, wie manche Bürger reagieren, man denke da nur an die ganzen angezündeten Heime, den spuckenden Typen in der U-Bahn usw. Zum Glück sieht die Mehrheit das anders, hat Herz und hilft!

    Schön, dass du das Thema aufgegriffen hast, ich glaube, es war ein Vorschlag von einer Bloggerin :)
    Liebe Grüße
    Jana

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  2. Hey Kev,

    sehr schicker und sachlicher Beitrag, dickes Kompliment für deine Recherchen :)
    Was mich an dieser Stelle am Meisten stört, ist die Tatsachen, das mit dieser ganzen Flüchtlingsthematik eigentlich ein anderes Thema in den Hintergrund gedrängt wird und keiner mitbekommt, was da grad durchgedrückt wird, ohne das jemand Notiz davon nimmt.

    Das Thema TTIP-Abkommen! Es steht kurz vor der Unterzeichnung und keiner von denen, die sich bei Bekanntwerden aufgeregt hatten, sagt mehr was. Warum? Weil sie grad alle mit dem 'Flüchtlingsproblem' abgelenkt werden!!

    Auch find ich gut, das du in deinem Beitrag den Begriff "Sozialstaat" erwähnst, ist im Grunde ja auch richtig, aber den Titel Sozialstaat hat sich Deutschland quasi unfreiwillig abgestoßen. Durch die schleichende Umwandlung des Sozialstaates in eine Kapitalismuslobby, ist jeder Ansatz von sozialem und demokratischen Denken fast schon im Keim erstickt worden. Die paar, die sich wirklich noch auf soziale und demokratische Werte konzentrieren, sterben langsam aus. :(
    Traurig genug und leider viel zu wahr. Ich bin selbst eher ein Vertreter der Mitte-Links-Politik, aber mit den Veränderungen der letzten Monate und Jahre driftet selbst mein Denken immer mehr in die Linkspolitik ab, da selbst der eigentlich kämpferische (zumindest in der Zeit vor Schröder) sozialdemokratische Flügel immer weiter Richtung Lobbyismus und Kapitalismus abdriftet :( Sehr zum Ärgernis so vieler Anhänger der einst so starken Mitte-Links-Bewegung. Nun wie dem auch sei, es wird auf lange Sicht daraus hinaus laufen, das sich zwar immer mehr Unmut breit macht, aber immer weniger Mut zum Kampf aufkommt, die Menschen wettern und schimpfen, werfen Sprüche, teils ohne Ansatz von Sinn, aber wenn es darauf ankommt, mal in einen friedlichen Kampf zu gehen (vgl. Montagsdemos), dann bleiben alle brav in ihrem Kämmerlein und jammern vor sich hin. Man hat ja Angst und das zum größten Teil zu Unrecht. Und das k...t mich so an, das ich schon oft den Gedanken hatte, das man sich für die deutsche Staatsbürgerschaft, fast schon schämen muss :(

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