Pokémon aus der Sicht eines Erwachsenen



Pokémon füllte wohl nicht nur meine Kindheit. Doch wie sieht ein Erwachsener Pokémon? Die geographische Welt der Pokémon


Pokémon ist ein Phänomen, das mich als Kind fesselte. Obwohl jede Generation im Prinzip identisch gestaltet war, fesselte mich jede Edition aufs Neue. Immer und immer wieder schlüpfte ich in die Rolle des zehnjährigen Teenagers, der im Auftrag der Wissenschaft in die weite Welt geschickt wird, um alle Pokémon zu entdecken. Abgesehen davon, dass dieses Verhalten nicht nur verantwortungslos sondern rechtlich stark eingegrenzt sein dürfte, sehen wir einfach darüber hinweg, dass wir (zumindest in einigen Editionen) hin und wieder einen Anruf unserer Mutter kriegen, die das ganze auch noch unterstützt.

Lustig ist: Wenn man einmal darüber nachdenkt, kann man hinter dem Prinzip der Pokémon-Spiele nicht nur einen abenteuerlustigen Teenager sehen, sondern beispielsweise auch einen Touristen aus geographischer Sicht.

Ein Junge will die Welt entdecken - ein Szenario, das mir nur allzu bekannt ist. Er reist von Stadt zu Stadt und sammelt Pokémon, die nur an gewissen Orten leben, sowie Orden, die typisch für eine bestimmte Stadt sind. Und obwohl der kleine Teenager nicht in Hotels schläft (er schläft nämlich gar nicht regelmäßig, wenn man diesen Gesichtspunkt einmal verfolgen will), könnte man ihn als Tourist beschreiben. Tourismus ist nämlich nicht nur ein Wirtschaftssektor sondern auch ein Handlungsmuster und ich würde wetten, dass sich jeder von euch in Folgendem wiederfinden kann.

Die Reise durch die Pokémon-Welt


"Tourimus" leitet sich von der "Grand Tour" ab, einer Reise, die europäische Adlige zu jener Zeit nach der Berufsausbildung angetreten sind. Sie diente meist einer Weiterbildung und zur Formung des Charakters durch Kommunikation und Kooperation. Heutzutage könnte man die "Grand Tour" mit "work&travel" vergleichen. Einem Prinzip, das man auf die Story in den Pokémon-Spielen anwenden könnte, wenn der Teenager nicht noch zu jung zum Arbeiten wäre - arbeiten tut er trotzdem, angestellt bei einem von vielen Professoren, die sich mit den kleinen, putzigen Monstern beschäftigen.

Doch sind wir nicht die einzigen, die durch die Pokémon-Welt reisen. Egal ob Schwimmer, Radfahrer, Familien oder Wanderer, wir treffen auf Bekannte und Fremde, die sich ebenfalls durch die Welt bewegen. So entstand auch in der realen Welt nach und nach der Massentourismus, der mit Hilfe neuer Verkehrsmittel wie Eisenbahn, Flugzeug und Schiff neue Gebiete touristisch erschloss. 

Auf unserer Reise durch die Welt der Pokémon lernen unsere Pokémon irgendwann Fliegen und Surfer, sodass wir uns über das Wasser und durch die Luft bewegen können. Durch das Reisen bilden wir unsere eigene touristische Identität.

Wenn ihr das Geld dafür hättet, würdet ihr euch eher einen Luxusurlaub, etwa auf den Malediven, gönnen. Hätte aber jeder die Möglichkeit, derartig Urlaub zu machen, wäre dieses Ziel weniger attraktiv für uns.

John Urry beschreibt in seinem Buch "The tourist gaze" von 1992 immer dorthin fahren, wo es etwas zu sehen gibt. Wir wollen Aussichten und Orte sehen, sind auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen und Besonderen. Ein Motiv, das auch den Teenager in den Pokémon-Episoden antreiben könnte, immer weiter zu ziehen, der Champ der Poké-Liga zu werden, etwas Besonderes zu sein. 

Zurück in die reale Welt: Stellt euch vor, ihr seid zum ersten Mal in Paris. Was wollt ihr dort sehen? Den Eiffelturm? Den Triumphbogen? Das Musée du Louvre? Die Notre Dame? Vielleicht noch über die Champs-Elysées? Dann bewegt ihr euch über eine der Ameisenstraßen, wie sie in der Tourismusgeographie genannt werden. Man sieht immer dieselben Menschen, klappert bestehende Bedeutungsmuster ab - "must see's". Stellt euch nun vor, ihr kehrt ein zweites Mal nach Paris zurück? Lauft ihr dann über die eben benannten Ameisenstraßen? Oder interessieren euch dann eher die Dinge, die ihr noch nicht gesehen habt?

Wir haben, wenn wir verreisen, zwar einen sehr intensiven, aber doch einen oberflächlichen Blick. Wir wollen möglichst viel sehen, machen Fotos von Objekten, von denen es schon zig Fotos gibt und würden niemals um den Eiffelturm laufen, um ihn einmal von jeder Seite gesehen zu haben. Wichtig ist, dass wir ihn gesehen haben.

In der Welt der Pokémon treten wir in die Fußstapfen von Hunderten von Trainern, die die Arenaleiter besiegten, um einen Orden zu erhalten. Wir treten gegen andere Trainer an, wollen der "Allerbeste" sein und werden dadurch zu einem Touristen im geographischen Sinne.

Doch einmal abgesehen davon, dass man Pokémon aus den Sichten verschiedener Wissenschaftler beleuchten könnte und die Editionen so manch unlogische Inhalte an Kinder vermitteln, so möchte ich an dieser Stelle einmal zusammenfassen, wie ich Pokémon als Erwachsener wahrnehme:

Ganz genau so, wie zuvor. Ja, ich oute mich: Pokémon macht mir immer noch Spaß. Wieso sollte ich auf etwas verzichten, was mir Spaß macht? Ich höre doch in zehn Jahren auch nicht auf, Pizza zu essen, weil ich älter geworden bin!

Mit dem heutigen Beitrag wollte ich euch einmal zeigen, dass man unterschiedlich auf die Dinge in der Welt blicken kann und euch gleichzeitig das Thema "Tourismus" etwas näherbringen, das Teil meines Studiums ist.

Könnt ihr euch darin wiederfinden?

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