Ihr denkt, ihr könntet Deutsch?



Die meisten von uns sprechen die deutsche Sprache jeden Tag, seit dem Spracherwerb. Dennoch beherrscht keiner von uns Deutsch.


Sprechen, Schreiben und Lesen - das sind die Grundfunktionen der Sprache. Und obwohl jeder von uns behaupten würde, dass er diese Grundfunktionen beherrscht, stößt jeder irgendwo an seine Grenzen.

Lesen


Beim Lesen leistet das Gehirn Erstaunliches. Dnen owhbol die Bchubstaen in deeism Staz vderhrt snid, kann das Gehirn ihn lesen - ein Kind könnte das nicht. Ein wesentlicher Bestandteil des Lesens ist das Textverstehen.
Kinder nehmen Wörter als Bilder wahr - sie erkennen ein Wort so, wie wir einen Baum erkennen: Allein am Äußeren. Erst später erlernen sie das Lesen, 
Später erkennen Kinder Wörter anhand auffälliger Buchstaben. So sticht etwa das X in "Hexe" besonders hervor. Sieht ein Kind das Wort "Taxi", liest es oft Hexe. Beim Schreiben kommt es so zum Verdrehen oder Weglassen von Buchstaben.
Im nächsten Schritt lernen Kinder, Buchstaben einem Laut zuzuordnen. Dann lesen sie Buchstabe für Buchstabe, Laut für Laut. Beim Lesenlernen in der Grundschule legen Kinder deshalb oftmals den Finger auf den Text, um Buchstabe für Buchstabe schneller ablesen zu können.
Das anschließende silbische Lesen beinhaltet die häufigsten Silben und Buchstabenkombinationen. 
Erst im letzten Schritt wird das Lesen automatisiert. Beim Lesen längerer Texte kommt es dann immer wieder vor, dass wir ein Wort beim Lesen mit einem anderen vertauschen, ohne dass der Sinn sich verändert.

Beispiel 1: Das Bild oben steht für ein deutsches Wort, das vermutlich jeder von euch kennt. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass kaum einer erkennen kann, welches Wort gemeint ist. Wir können die Buchstaben zwar lesen, wissen sie aber keinem Wort zuzuordnen. Wir kommen später hierauf zurück.

Beispiel 2: In der Regel haben wir im Erwachsenenalter die Phase des automatisierten Lesens erreicht.Wir erkennen die Wörter, wie bereits gezeigt, ohne dass die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge stehen müssen.

(aus: H.-W. Huneke/W. Steinig: Deutsch als Fremdsprache. Eine Einführung. Berlin 1997, 94)
Links sehen wir eine Zeitungsanzeige, sie enthält Text, kyrillische Buchstaben. Wir können die Zeichen voneinander unterscheiden, können sie jedoch nicht lesen, wenn wir nicht zufällig Russisch sprechen.

Betrachten wir die Anzeige etwas genauer, erkennen wir die Zahlen "757" und "737", sowie die Angabe von Uhrzeiten.

Ohne den Text lesen zu können, verstehen wir, dass es sich hierbei offensichtlich um ein Flugticket oder eine Werbeanzeige einer Fluggesellschaft handeln muss. Es geht um einen Flug der Airline TRANSAERO von Moskau nach St. Petersburg und zurück, die Modellbezeichnungen der Boeing haben wir erkannt. Um einen Text zu verstehen, muss man ihn also nicht lesen können.


Zurück zum ersten Beispiel:

Wir können festhalten, dass es schwierig ist, aus der Buchstabenkombination O O O I E ein Wort zu erkennen. Sehen wir aber LKMTV, ist es um einiges einfacher, ein Wort zu erkennen. Schnell wird uns bewusst, dass auch die erste Buchstabenkombination dasselbe Wort beschreibt. Allein anhand von Vokalen ist es jedoch deutlich schwieriger, das Wort "Lokomotive" zu erkennen. Das liegt zum einen daran, dass die Anzahl der möglichen Vokale deutlich geringer ist, als die der Konsonanten, zum anderen sind die Silbenanfänge im Deutschen meist durch einen Konsonanten bestimmt.


Schreiben


Das Schreiben lernen wir ebenfalls in der Schule. Während Goethe vor einiger Zeit ein Wort auf einer Seite in zwei verschiedenen Schreibweisen veröffentlichte, lernen wir das Schreiben nach vorgegebener Rechtschreibung.

So wissen wir, das wir "Wald" mit d schreiben, obwohl wir eigentlich ein <t> sprechen. Und wir wissen, dass wir "die Wahl" mit h, "der Wal" jedoch ohne schreiben, obwohl wir beides gleich aussprechen. Eine weibliche Heldin ist eine "Heroin", gleichzeitig ist "Heroin" eine Droge.

Wie aber wird folgendes Beispiel geschrieben?
Zum Mitnehmen oder zum...

   ... hier essen ?
   ... Hieressen ?
   ... hier Essen ?

Zwar hat jeder diesen Satz schon einmal gehört, schreiben können wir ihn jedoch nicht.

Das zeigt auch die Umfrage, die ich diesbezüglich auf Twitter gestartet habe.

Wer in der Schule aufgepasst hat, müsste wissen, dass Antwort A falsch ist,
"Zum" enthält einen Artikel, es ist nämlich die komprimierte Form von "zu dem". Der Artikel weist darauf hin, dass etwas nominalisiert wird - irgendetwas muss also in jedem Fall groß geschrieben werden.

Getrennt- oder Zusammenschreibung?

"essen" ist ein Verb, "hier" ein Adverb. Vorweg: Die Schreibung mit Bindestrich ist in diesem Fall ebenfalls möglich: Hier-Essen. In diesem Fall werden beide Wörter groß geschrieben. 
"Hier" als attributiv verwendetes Adverb, das sich auf das Verb "essen" bezieht. Infolgedessen wird die gesamte Konstruktion substantiviert. Hieressen ist somit laut Duden - Richtiges und gutes Deutsch die korrekte Schreibweise.

Die Schreibweise hier Essen müsste voraussetzen, dass "hier" weiterhin als selbstständiges Adverb steht. Dieses müsste sich dann auf das Nomen "Essen" beziehen. Laut PONS  Die große Grammatik Deutsch steht ein Adverb, das sich auf ein Nomen bezieht und dieses genauer erläutert, jedoch hinter dem Nomen (Beispiel: Die Tür links führt ins Bad). Vor einem Nomen können demnach nur Adverben stehen, die adjektivisch verwendet werden. Diese müssten dann jedoch deklinierbar sein, in diesem Fall also dem Dativ Singular folgen. "Hier" kann nicht dekliniert werden und ist deshalb als Bestandteil des Verbs anzusehen. Dies entspricht den §§37 und 57 des Regelwerks zur deutschen Rechtschreibung.

Über genau dieses Beispiel haben die Germanistikstudenten an der Uni stundenlang diskutiert. Der Grund: Wir wissen nicht, wie man den Ausdruck schreibt, weil er nie geschrieben wird - es handelt sich um eine mündliche Formulierung.

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Kommentare:

  1. Hallo Kevin,
    das war ja mal wieder ein richtig spannender Beitrag zum Thema Sprache! Warum habe ich den erst jetzt entdeckt?

    Sobald ich die Konsonanten gesehen hatte, kam ich auch auf Lokomotive! Bei "oooie" hatte ich zwar überlegt, aber hatte keine Idee. In der alten Sprache der Ägypter wurden doch auch nur Konsonanten niedergeschrieben. Und ich glaube, es gibt auch heutzutage noch Konsonantensprachen.

    Den russischen Text könnte ich zumindest vorlesen, aber nicht mehr übersetzen! Hab zuviel Vokabular vergessen! Aber da stehen ganz viele Städtenamen drin! Unter anderem auch Berlin und London!

    Übrigens habe ich noch was dazu gelernt! Die Sache, wie Kinder lesen lernen war echt spannend! Ich habe ja auch einige Kinder auf der Arbeit, die erraten auch immer Wörter, die gar nicht dastehen! Das "Hexe"-"Taxi"-Beispiel trifft auf diese Kinder so ähnlich zu!

    Ich werde gleich noch stöbern gehen, ob ich noch ähnliche Beiträge finde!
    Liebe Grüße
    Jana

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  2. Hahaha, sehr genial mit dem Titelbild! Ich habe erst an "Ossie" gedacht, dass es wohlmöglich andersartige S' sein könnten. Wenn wir schonmal beim Thema Rechtschreibung sind: Wie schreibt man eigentlich den Plural eines Buchstaben?!

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    1. Ohne lang zu überlegen, würde wohl jeder den Plural eines einzelnen Buchstaben mit einem angehängten -s schreiben. Die Frage ist, wie es dann bei S oder X und auch Ws, Vs und Qs sähen meiner Meinung nach sehr komisch aus. Im Duden steht übrigens: "das A, des A, die A", was darauf schließen lässt, dass der Plural einzelner Buchstaben ohne -s gebildet wird.
      In der Germanistik würden wir sagen, dass der Plural mit einem Nullallomorph gebildet wird, es kommt also keine Endung hinzu (vgl.: der Lehrer - die Lehrer")

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