Das Monster in mir


Welches Kind hat nicht Angst vor Geistern und Monstern im Kleiderschrank?
Wie jedes Kind durchlebte auch ich jeden Abend diese Angst, ein Monster würde sich im Kleiderschrank verstecken. Wie oft hatte mir nicht meine Mutter erzählt, dass es keine Monster geben würde. Tag für Tag öffnete sie immer wenn ich schon im Bett lag meinen Kleiderschrank und schaute nur für mich nach, ob da auch wirklich kein Monster im Schrank versteckt war. Das ist eben der Vorteil, wenn man ein Einzelkind ist. Man kann die volle elterliche Liebe genießen. Und dies habe ich in vollen Zügen getan. Tag für Tag lag ich abends im Bett und immer schaute meine Mutter für mich in den Kleiderschrank, damit ich beruhigt schlafen konnte. Bevor sie jedoch die Tür hinter sich schloss, sagte sie an jedem Abend: "Merke dir endlich Ricky, es gibt keine Monster."
Irgendwann kam ich aus dem Alter raus, in dem ich an Monster, Geister und Hexen glaubte.
Irgendwann wurde ich größer, wurde älter, kam in die Pubertät, entwickelte mein eigenes Leben. Ich lernte meinen ersten Freund kennen, Sein Name war Sam. Meine Mutter konnte ihn nicht leiden, das merkte ich gleich. Sie wollte mir jeglichen Kontakt mit ihm verbieten, jedoch widersetzte ich mich ihr. Oft gab es deswegen Streit und ich verließ das Haus mit einem Zuknallen der Tür. Sam war ein Romantiker. Er sah gut aus und war neben seiner netten, liebevollen Art innerlich noch immer ein Kind. Und genau das war es, was mir so an ihm gefiel. An jenem Tag, an dem ich die Tür so fest zugeschlagen habe, dass all die Pusteblumen, die vor unserem Haus standen, wild durch die Gegend gewirbelt wurden und die Pollen sich mir in den Weg setzten, an jenem Tag, an dem ich auf Grund dieser vielen Pusteblumenpollen vor unserer Haustür niesen musste, deswegen für einen Moment die Kontrolle über meinen Körper verlor und über Papas schönsten Gartenzwerg stolperte, der unter einem lauten Klirren zerbrach, veränderte sich schlagartig mein Leben. Auch wenn ich bis heute nicht genau weiß, wodran es liegt, nehme ich an, dass es an den vielen Pusteblumen gelegen haben muss, denn eine andere Erklärung habe ich nie gefunden.
Sam lud mich zu sich ein, hatte ein wunderschönes Candlelight-Dinner auf seinem Balkon vorbereitet. Es sollte besonders schön werden, weil in dieser Nacht Vollmond war. Als ich an der Tür klingelte, ahnte ich noch nicht, was in dieser Nacht passieren würde. Er führte mich durch das Wohnzimmer in die Küche, wo er mir meine Augen verband. Seine Eltern waren nicht zu Hause. Es war still im Haus. Er nahm meine Hand und führte mich durch das Haus.
Wir gingen die Treppe hinauf und betraten den Balkon. Der Wind blies mir ins Gesicht. Wir blieben stehen. Es war einen Moment still. Plötzlich spürte ich seine Lippen auf meinen.
Ich zuckte erschrocken zusammen, doch dann erwiderte ich seine Küsse. Anschließend nahm er mir die Augenbinde ab. Vor uns stand ein Tisch, ordentlich gedeckt. In der Mitte stand eine Kerze und an den Enden standen sich zwei Stühle gegenüber. Der volle Mond war bereits aufgegangen. Es war mittlerweile halb zehn. Er bat mich, mich zu setzen, was ich auch, ohne ihm zu widersprechen, tat. Wir aßen gemütlich zusammen, redeten miteinander, lachten gemeinsam. Die Zeit verging wie im Flug und ehe man sich versah, war es kurz vor zwölf. Der Mond stand nun genau über dem See, an dem Sams Haus stand. Er stand auf und ging zu dem Geländer des Balkons. Ich folgte ihm und wir schauten gemeinsam auf den See hinaus. Der Mond spiegelte sich auf dem stillen Wasser. Es war windstill. Man hörte die Standuhr im Wohnzimmer Mitternacht schlagen. "Ist es nicht wunderschön?", fragte Sam mich, "Fast so schön wie du." Ich lächelte. Sam nahm meine Hand und wendete sich zu mir. Auch ich wandte mich ihm zu. Sein Unterkiefer klappte runter, und er stolperte ein paar Schritte zurück. "Was hast du denn?", sagte ich und erkannte meine eigene Stimme nicht wieder. Leicht verwundert machte ich einen Schritt auf ihn zu, doch er machte fliehend zwei weitere Schritte zurück. Was war passiert? Ich griff in meine Jackentasche, holte meinen Schminkspiegel heraus und schaute hinein. Ich musste schreien und ließ den Spiegel fallen.
In diesem Spiegel hatte ich nicht mich gesehen. Was ich gesehen hatte, war ein haariges Monster - grüne Augen, lange, graue Haare... Hässlich. "Sam...", sagte ich, "Ich habe mich in dich verliebt." Und mit dieser Stimme klang dieser Satz schon fast wieder komisch. "Du... bist ein Monster!", stotterte Sam, machte noch einen Schritt zurück und fiel. Er stürzte über das Geländer des Balkons. Ich machte einen Satz, blickte hinunter. Reglos lag er am Boden.
Ich eilte durch das Haus hinunter zu seinem Körper, hob seinen Oberkörper an. Er zeigte keinerlei Reaktion. Ich ließ ihn zurück, lief davon. Irgendwo hin, wo mich niemand mehr finden konnte. Hinaus in die Dunkelheit. Am nächsten Morgen war alles wieder normal. Ich war wieder dasselbe Mädchen wie ich es immer gewesen bin. Alles war wie immer, nur dass ich Sam nicht mehr erreichen konnte. Ich rief ihn an. Seine Mutter meldete sich. Sie weinte und erklärte mir in aller Kürze, was passiert war. Entsetzt legte ich auf. Ich hatte Sam getötet.
Verstört kam ich nach Hause, zog die Tür leise hinter mir zu, schleppte mich in mein Zimmer und fiel in mein Bett. Als am Abend meine Mutter von der Arbeit nach Hause kam und mein Zimmer betrat, lag ich verstört in meinem Bett. Sie schaute mich an. "Geht es dir nicht gut, meine Kleine?" Doch ich konnte nicht antworten, starrte nur ängstlich auf meinen Kleiderschrank. Meine Mutter lachte, trat zu mir ans Bett und setzte sich. Auch ich setzte mich auf und nahm sie in den Arm. Nach einer Weile ließ ich sie wieder los und legte mich wieder hin. Sie stand auf, ging zu meinem Kleiderschrank und schaute hinein. "Siehst du? In deinem Schrank ist immer noch nichts. Es gibt keine Monster!", sagte sie und schloss dann hinter sich die Tür. "Doch. Die gibt es!", sagte ich und mir liefen Tränen an den Wangen hinunter, als ich dann endlich einschlief.
In dieser Nacht blieb alles, wie es sich gehörte – Keine Verwandlung, kein hässliches Monster.
Ich schlief die ganze Nacht ruhig durch, bis mich am Morgen mein Wecker weckte. In meinen Träumen war ich gerade mit Sam auf ein Hotelzimmer in Madrid gegangen, doch das Dröhnen meines Weckers riss mich aus meinen Träumen und brachte mich von jetzt auf gleich wieder in die harte Realität. Sam war nicht mehr am Leben. Ich hatte ihn getötet. Draußen war es noch dunkel. Eigentlich müsste ich in die Schule, aber ich wollte nicht. Ich schaltete meinen nervigen Wecker aus und drehte mich um. Noch bevor ich meine Augen schließen konnte, kam meine Mutter hinein. „Ricky, du musst aufstehen! Es ist Schule! Sam wartet sicher schon auf dich.“
Als sie seinen Namen sagte, schossen mir Tränen ins Gesicht, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ihr den Rücken zugewandt, setzte ich mich in meinem Bett auf. Erst als sie die Zimmertür hinter sich schloss, stand ich auf und trottete zu meinem Schrank. Ich nahm mir ein paar frische Sachen aus dem Schrank und schlenderte dann, immer noch müde, ins Badezimmer.
Nachdem ich geduscht hatte und angezogen war, rief meine Mutter mich zum Frühstück. Mein Vater saß bereits am Frühstückstisch, schlürfte seinen Kaffee und las seine Zeitung. „Guten Morgen, Ricky.“, sagte er und blickte von seinem Käseblatt auf, „Hast du gut geschlafen.“ Ich brummte nur und er schien dies als Zustimmung zu sehen. Jedenfalls schaute er wieder auf die meiner Meinung nach viel zu kleine Schrift seiner Zeitung. Meine Mutter setzte sich an den Tisch und auch ich gesellte mich zu ihnen. Papa legte seine Zeitung weg und nahm sich ein Brötchen. „Reichst du mir die Butter, Schatz?“, sagte er zu meiner Mutter. Diese griff nach der Butter und reichte sie ihm herüber. Dann gab er ihr einen Kuss. Innerlich stapelte sich schon wieder der Schmerz an. Es schmerzte beinahe unerträglich. Doch auch dieses Mal ließ ich mir nichts anmerken. Ich aß mein Brötchen trocken – ohne Butter und Käse.
Dann wollte ich so schnell wie möglich raus. Raus aus dem Haus, weg von hier! Einfach nur in die Schule. Ich glaube, ich habe mir noch niemals in meinem Leben gewünscht, in die Schule zu gehen. Aber dieses eine Mal tat ich genau das! Ich wollte in die Schule. Meine Mutter packte ihre Aktentasche und verließ dann mit mir das Haus. Sie fuhr mich zu Schule.
Im Unterricht blieb der Platz neben mir leer. Sam war nicht da – anders hätte ich es nicht erwartet. Niemand außer mir wusste den Grund, denn es scheint so, als hätte seine Mutter die Lehrer noch nicht informiert. In der Pause kam Leslie zu mir. Sie war eine gute Freundin von Sam und wollte sich natürlich nur nach seinem Wohlbefinden erkundigen. „Hast du irgendwas von Sam gehört? Ist er vielleicht krank?“ - „Ich weiß es nicht.“, sagte ich und ließ den Kopf hängen. „Ist alles okay?“, sie schaute mich besorgt an. Ich log und nickte. Wieder spürte ich deutlich wie der Schmerz in mir wuchs. Wieder spürte ich ein starkes Stechen von Schuldgefühlen.
Der Unterricht war zu Ende. Ich wollte nicht nach Hause. Ich hatte die ganze letzte Unterrichtsstunde nachgedacht. Und ich wollte mich stellen. Schließlich hatte ich den Tod meines Freundes zu verantworten. Ich ging zur örtlichen Polizeistation.
Ich hatte ihnen alles geschildert – wirklich alles. Auch, dass ich aussah wie ein Monster. Und natürlich, natürlich hatten sie mir nicht geglaubt. Im Gegenteil! Sie hielten mich für verrückt und riefen bei meiner Mutter an.


Als ich nach Hause kam, stand sie bereits im Flur. Ihre Arme hatte sie in die Hüften gestämmt. „Ricky. Ich habe 2 Anrufe bekommen. Einen von der Polizei. Sie sagten, du seist verrückt geworden und sie sagten auch, dass es das beste wäre, dich in Behandlung zu stecken. Und der zweite Anruf...“, sie hielt inne und nahm mich in den Arm.
Dann erzählte sie mir, dass die Eltern von Sam angerufen hatten, um sie über den Tod von Sam zu informieren. Mir wurde schwarz vor Augen. Im nächsten Moment brach ich zusammen.
Als ich meine Augen langsam wieder öffnen konnte, lag ich in einem Bett. Ich war ins Krankenhaus gebracht worden. Meine Mutter stand neben dem Bett, in dem ich lag und hatte als würde sie beten ihre Hände gefaltet. „Ricky! Gott sei Dank!“, sagte sie, als sie sah, dass ich meine Augen öffnete und schaute mich erleichtert an. Sie erzählte mir, dass ich fast 2 Wochen im Koma gelegen hatte.
Es war abends – Neumond. Meine Mutter musste gehen. Die Besuchszeit war zu Ende. Kaum hatte sie das Licht ausgemacht und die Tür geschlossen, spürte ich, wie sich mein Körper veränderte. Ich stieg aus dem Bett und taumelte zu dem Spiegel, der sich im Zimmer befand. Schon wieder! Ich war wieder das hässliche Monster, das Sam getötet hatte. In mir wuchs Hass. Starker Hass! Dieses Monster hatte Sam getötet. Und nun würde ich mich dafür an diesem Monster rächen.
Ich ging zum Fenster, öffnete es und sprang mit einem Satz auf das Fensterbrett. Es ging bestimmt 15 Meter in die Tiefe. Unmöglich diesen Sprung zu überleben, dachte ich mir. Ich ließ mich einfach so nach vorne fallen. Gleich hätte ich mich an Sams Mörder gerächt, gleich wäre auch sein Mörder tot. Erst als der Boden nur noch einige Meter von mir entfernt war, fiel mir ein, dass ich in diesem Monster steckte und dass meine Seele nun in dem Körper dieses Monsters sterben würde.
Doch zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät.

Kommentare:

  1. Ich muss ehrlich zugeben, dass die Geschichte Interessant ist. Mir hat sie auf jeden Fall gefallen!
    Auch diese Geschichte hat mich wieder gefesselt, dass ich nicht mehr davon los gekommen bin. Weiter so :)

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    1. Danke :)
      Das war die erste Geschichte, die ich überhaupt als eine solche für das Internet geschrieben hab... Gott ist das schon lange her. xD
      Das Dokument ist vom Juni 2011, bis zur Veröffentlichung auf meinem Blog ist die also ziemlich lange eingestaubt.

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  2. Wowowowow! Die Geschichte ist wahnsinnig fesselnd und schön, wenn auch traurig.
    Im letzten Absatz dachte ich die ganze Zeit: Tu es nicht, tu es nicht! Und hoffentlich überlebt sie es. Es ist traurig, dass sie zu spät erkannt hat, dass in dem Monster noch sie ist.

    Aber es ist doch immer so: Egal, wie schrecklich die Dinge sind, die man getan hat, egal, ob man von außen ein Monster ist, ist man innerlich noch immer ein Mensch, der gutes tun kann. Man kann sein Leben selbst in die Hand nehmen und Entscheidungen treffen. Man kann versuchen sein Leben zu ändern, anstatt es zu beenden...

    Ich merk schon, ich steigere mich da völlig rein =)

    Zu den Wald-Fotos: Das ist ein keiner Teil des Thüringer Waldes. Danke für den lieben Kommentar =D

    Liebe Grüße
    Luisa

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    1. Dann muss ich wohl mal nach Thüringen reisen, um den Märchenwald unter die Lupe zu nehmen :P

      Es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat! :) Falls du Verbesserungsvorschläge oder ähnliches für mich oder meinen Schreibstil hast, sag mir gerne Bescheid! :)

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  3. Wow... find ich echt gut *^*
    Werd mir auf jeden Fall auch noch Deine anderen durclesen :3
    Folge Dir nun -^.^-

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