Remember those eyes



 „Jedes Märchen beginnt mit 'Es war einmal...', aber das ist kein Märchen“, sagte Jan und nahm meine Hand. Jan war seit langer Zeit mein bester Freund. Er hatte sonst niemanden, weil er der Ansicht war, dass niemand ihn verstehen könnte. Jan kam letztes Jahr auf meine Schule und wurde mein neuer Sitznachbar, sodass wir ins Gespräch kamen. Als wir uns dann besser kennenlernten, merkte ich sofort, dass irgendwas an ihm komisch war. Er war nicht so wie die anderen Jungs, die lachten und Witze machten. Immer wenn ich ihn sah, sah er nachdenklich und traurig aus, doch jedes Mal wenn ich ihn fragte, drehte er sich weg und sagte, dass alles in Ordnung sei.

Ein ganzes Jahr ging es so. Egal wie viel Zeit ich mit Jan verbrachte und egal wie sehr ich merkte, dass ihn irgendetwas bedrückte, jedes Mal sagte er, es sei alles in Ordnung. Je besser ich Jan kennenlernte desto mehr tat es mir weh, ihm nicht helfen zu können, während ich sah, wie traurig er war. In all der Zeit, die wir uns nun kennen, habe ich ihn nicht einmal lächeln sehen. Der Grund warum Jan und ich uns so gut verstanden, war der, dass wir quasi auf einer Wellenlänge waren – wir beide liebten Jungs.
 Ich blickte in die blauen Augen von Jan und sah, wie sie glänzten, bevor sich eine Träne aus ihnen löste. Behutsam wischte ich ihm die Träne aus dem Gesicht und nahm ihn in den Arm. „Es tut mir Leid, Lucas.“, fuhr Jan fort und ich fragte besorgt: „Was tut dir Leid, Spatz?“ Jan begann zu weinen und ich drückte ihn sanft an mich. Er legte seinen Kopf auf meine Schulter und drückte mich. „Es tut mir Leid, dass ich dich belogen habe.“, er schluchzte, „All die Zeit habe ich gesagt, es ist nichts... Das war gelogen.“ Ich streichelte ihm über den Rücken und beruhigte ihn: „Das ist schon okay, Jan.“ Er beruhigte sich etwas. „Ich wünschte, Lucas, meine Geschichte wäre auch ein Märchen... frei erfunden und ohne Wahrheit... Und obwohl dies kein Märchen ist, kann ich die Geschichte dennoch mit 'Es war einmal' beginnen...“ Gespannt wartete ich darauf, was er mir zu sagen hatte.


 Es war einmal ein Junge. Sein Name war Jan... Um ehrlich zu sein, handelt es sich dabei um mich. Seit mir klar ist, dass ich Jungs liebe, ist in meinem Leben so viel passiert, über das ich nie mit jemandem reden konnte. Anfangs haben meine Eltern nicht verstanden, wie ich auf Jungs stehen kann. Sie haben sich die Schuld daran gegeben, haben geglaubt, sie hätten in meiner Erziehung versagt. Doch das änderte sich ganz schnell. Meine Mutter begann beinahe ununterbrochen auf mich einzureden und mein Vater schlug mich, wenn Mama zur Arbeit war. Aus Angst versteckte ich die blauen Flecken, sodass Mom sie nicht zu Gesicht bekam... Sie hat sie nie gesehen. Je mehr Freunden ich davon erzählte, desto mehr Freunde wandten sich von mir ab. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass diese Menschen nie meine Freunde waren. An meiner Schule kam es häufig zu Übergriffen auf mich. Man nahm mir meine Schulsachen weg, versteckte meine Hausaufgaben, sperrte mich auf dem Klo ein oder schubste mich zu Boden. 

Die wenigen echten Freunde die ich hatte, musste ich schon bald verlassen. Mein Vater hatte einen neuen Job gefunden, sodass wir umziehen mussten und ich die wenigen Freunde, die ich hatte, zurücklassen musste. Eingeschüchtert von meiner Vergangenheit hatte ich auf der neuen Schule Angst, neue Menschen kennenzulernen, und dass ich auf Jungs stehe, hielt ich geheim. Irgendwann lernte ich einen Jungen kennen. Sein Name war Nico und ich beneidete ihn, weil er mit einer Einstellung lebte, die ich beneidete. Auch er liebte Jungs und ging damit wahnsinnig offen um. Er lebte nach dem Motto: Wem ich nicht in den Kram passe, der soll sich verpissen. Oft beneidete ich ihn um diese Lebensweise. Nach und nach merkte ich, wie locker die Menschen auf der Schule mit seiner Sexualität umgingen und so entschloss ich, mich ebenfalls zu outen. Obwohl alle Mitschüler dies locker aufnahmen und einige es sogar cool fanden, passte meinen Eltern meine Entscheidung gar nicht. Sie schämten sich für mich und als sie merkten, dass mir Nico wichtig geworden war, verboten sie mir den Kontakt zu ihm. Doch da wir einander echt gern hatten, brachen wir dieses Verbot und trafen uns mehr oder weniger heimlich. Es dauerte nicht lange, bis wir uns ineinander verliebten. Niemals werde ich sein Lächeln vergessen und diese leuchtenden, grünen Augen. Seine Augen ließen mich träumen, sie waren wie das Tor zu einer anderen Welt – seiner Welt. Wenn ich ihm in die Augen sah, vergaß ich den Stress mit meiner Familie, vergaß ich meine Vergangenheit. Er war mein allererster Freund und es fühlte sich so verdammt richtig an, sodass ich mir schnell sicher war, dass er der eine für mich war. Wir wurden zum Vorzeigepärchen an unserer Schule. Viele – auch Heterosexuelle – beneideten uns um unser Glück.



 Jan seufzte. „Es tut richtig gut, endlich darüber zu reden. Danke, dass du mir zu hörst, du bist ein echter Freund.“, sagte er. Dann fuhr er fort.



 Irgendwann waren wir in der Stadt spazieren. Wir waren so glücklich miteinander und liefen Hand in Hand durch die Einkaufsstraße – vielleicht ein klein wenig leichtsinnig. Irgendwann fing ich an, darüber nachzudenken, wie wohl meine Eltern darauf reagieren würden. Neugierig und erwartungsvoll, aber auch ein bisschen ängstlich beschloss ich, Nico am Abend mit nach Hause zu nehmen. Die Lage daheim hatte sich nach den vergangenen drei Monaten wieder soweit beruhigt, dass ich der Meinung war, es wagen zu können. Am Abend standen wir vor meinem Haus. Nico war etwas skeptisch und zögerte. Ich nahm ihm die Angst, küsste ihn und führte ihn dann zur Tür. Ich nahm seine Hand und wir klingelten. Mama öffnete die Tür. Als sie Nico sah, verschwand ihr Lächeln augenblicklich. „Was hatten wir dir gesagt?“, fragte sie aufgebracht. Von ihrem Geschrei angelockt, kam mein Vater zur Tür. „Du widersetzt dich unseren Regeln?“, brüllte er mich an. Nico zuckte ein wenig zusammen und wich einen Schritt zurück. „Wir lieben uns.“, verteidigte ich uns. Meine Eltern schauten fassungslos. „Komm rein!“, sagte mein Vater streng zu mir und schaute dann zu Nico, „Und du siehst zu, dass du weg kommst.“ - „Ich komme gleich.“, erwiderte ich und ging mit Nico ein paar Meter weiter weg. „Es tut mir Leid, Schatz.“, entschuldigte ich mich. Ich schämte mich für meine Eltern. „Ist schon in Ordnung, Hase. Irgendwann werden sie verstehen, dass du glücklich bist und dann werden sie dich unterstützen.“ Wir verabschiedeten uns mit einem Kuss voneinander, bevor ich ins Haus ging. Wider Erwarten bekam ich keine Predigt sondern wurde mit einem Schweigen und einem bösen Blick in mein Zimmer verwiesen. Nico und ich ließen uns nicht unterkriegen und führten unsere Beziehung fort. 

Eines Nachmittags, als wir wieder Hand in Hand durch die Stadt spazierten, begegneten wir abermals meinen Eltern. Als mein Vater uns entdeckte, kam er wutentbrannt auf uns zu. „Jetzt reicht es. Du wirst diesen Jungen nie mehr sehen, hast du mich verstanden?!“ Er brüllte uns an und holte mit seiner Hand aus, um uns zu schlagen, aber Mama packte seinen Arm. Abermals mussten Nico und ich uns vorzeitig verabschieden, doch diesmal blieb auch der Kuss aus. Am nächsten Tag fehlte Nico in der Schule und auch auf meine Anrufe reagierte er nicht. Erst am Abend meldete er sich bei mir. „Es tut mir Leid, Schatz.“, er weinte. „Deine Eltern haben mich angerufen. Sie sagten, wenn ich heute zur Schule gehe, tun sie dir weh. Sie möchten nicht, dass wir weiterhin Kontakt haben. Sie sagten, sie würden dir dann wehtun.“ Geschockt hörte ich Nico zu, wie er seine Geschichte erzählte. Nach einem dreistündigen Telefonat verabschiedeten wir uns und gingen schlafen. Nachdem ich am Frühstückstisch kein Wort mit meinen Eltern gewechselt hatte, ging ich zur Schule, wo ich von Nico schon erwartet wurde. Ich blickte in seine wunderschönen Augen und bemerkte, dass sie etwas rot waren. Er hatte viel geweint. Wochen vergingen und immer wieder hörte ich davon, dass meine Eltern Drohanrufe bei Nico gemacht hätten. Ich entschloss mich, es nicht bei ihnen anzusprechen, weil ich wusste, dass es nichts bringen würde. Ich erinnere mich an den folgenden Tag noch, als wäre er erst gestern gewesen. Morgens in der Schule hielten Nico und ich Händchen, küssten uns viel und immer wieder sah ich in seine Augen, um den Stress um uns herum zu vergessen. Er hatte die schönsten Augen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt je gesehen hatte. Nach der Schule klingelte sein Handy. Er ging ran. Nachdem er drei Minuten lang nur zugehört hat, legte er auf und zitterte. „Es waren deine Eltern.“, sagte er. Er begann zu weinen. Eine Träne lief seine Wange herab. Es reichte mir. Ich beschloss nach Hause zu gehen und mit meinen Eltern zu reden. Ich küsste ihn. Das Gefühl von Liebe durchströmte meinen Körper und ich musste lächeln. Ich sah in seine funkelnden Augen.



 Jan lächelte. Es war das erste Mal, dass ich ihn lächeln sah. „Weißt du was, Lucas? Ich habe nie wirklich jemanden gefunden, der mir dieses Gefühl wieder geben konnte. Bis heute...“ Er streichelte über meine Wange und küsste mich. Dann fuhr er fort...



 Ich wollte nur kurz nach Hause, mit ihnen reden. Dann wollten Nico und ich uns wieder treffen. Wir wohnten in zwei verschiedene Richtungen von der Schule aus. Ich ging zu meinem Fahrrad und fuhr nach Hause, während er an der Schule stehen blieb. Das Gespräch dauerte nicht lang, nach 20 Minuten saß ich wieder auf meinem Fahrrad und fuhr in Richtung Nicos Haus. Als ich an der Schule vorbeifuhr, bemerkte ich die vielen Polizeifahrzeuge und den Krankenwagen. Aus Neugierde stieg ich vom Rad ab und fragte einen Polizisten, was denn passiert sei. Nach einigen Versuchen seinerseits sich meinen Fragen zu entziehen, erzählte er mir, dass sich ein Junge vom Dach der Schule gestürzt hatte... Fassungslos schaute ich zu dem leblosen Körper, den ich erst jetzt am Boden liegend bemerkte. Es war Nico. Sofort brach ich in Tränen aus. Ich erinnerte mich an den Kuss zurück, der erst 30 Minuten zurück lag und wie ich noch in seine Augen schaute. Ich realisierte schmerzhaft, dass es das letzte Mal gewesen war. In Gedanken versunken und voller Wut fuhr ich nach Hause. „Ihr habt ihn umgebracht! Ihr habt ihn in den Tod getrieben!“, ging ich auf meine Eltern los, bevor ich hinter der knallenden Tür in meinem Zimmer verschwand. Gedankenverloren lag ich in meinem Bett. Ich wollte mir Musik auf meinem Handy anmachen. Erst jetzt bemerkte ich die Nachricht von Nico auf dem Handy. „Lieber Jan. Ich weiß, dass du enttäuscht sein wirst, aber ich habe es nicht mehr ausgehalten. Ich dachte immer, die Liebe zu dir wäre stärker, als der Hass deiner Eltern, aber ich habe mich geirrt. Es tut mir Leid. Ich liebe dich. Nico“ Ich brach in Tränen aus.



 Jan schenkte mir ein Lächeln, während er in seinen Erinnerungen blieb. Ich weinte. Die Geschichte berührte mich sehr. Es wunderte mich, dass er nicht weinte.



 In der Nacht wachte ich auf. Ich bemerkte dichten Rauch, der durch den Spalt unter der Tür in mein Zimmer drang. Panisch sprang ich aus meinem Bett. Ich wollte aus meinem Zimmer heraus, doch als ich die Tür öffnen wollte, merkte ich, wie heiß sie war. Ich war gefangen. Gefangen in den Flammen. Der Rauch wurde immer dichter und ich bekam kaum noch Luft. Ich wollte zum Fenster, doch bevor ich es erreichen konnte, fiel ich zu Boden und verlor das Bewusstsein. Ich wachte im Krankenhaus wieder auf. Der Arzt erzählte mir, dass ich eine Rauchvergiftung erlitten habe und dass meine Eltern im Gegensatz zu mir nicht mehr aus dem Feuer gerettet werden konnten. Auch wenn ich etwas geschockt war, musste ich über diese Tatsache nicht weinen. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, sollte ich zu meiner Oma ziehen. Sie wohnte weiter weg, sodass ich mich in den Zug saß und hier her kam. Auf der Zugfahrt hatte ich genug Zeit, mich an alles zu erinnern. Ich erinnerte mich an unseren ersten Kuss, das Gefühl der Schmetterlinge, die mich in meinem Bauch kitzelten. Ich erinnerte mich an seine wunderschönen Augen. Und ich erinnerte mich an sein Lächeln, das so ansteckend war, dass ich auch lächeln musste.



 „Ich habe ein Jahr lang an nichts anderes gedacht.“ Er streichelte über meine Wange. „Ein Jahr lang war ich traurig, weil ich diese Augen vermisst habe...“ Dann sah er mir in die Augen. „Er hatte dieselben Augen wie du.“


~ Ende ~



Diese Geschichte ist mein Beitrag im Kampf gegen Homophobie. Respekt und Toleranz sind Grundvoraussetzungen für eine funktionierende Gesellschaft, um das einzusehen, muss man nicht selbst schwul oder lesbisch sein. Man muss keiner Minderheit angehören, um zu verstehen, wie sich Betroffene fühlen. Jeder wünscht sich selbst, akzeptiert zu werden, dann sollte auch ein jeder bereit sein, andere zu akzeptieren. Auch homosexuelle Menschen sind Menschen, wie Du und Ich. Auch sie wollen bloß akzeptiert werden. Ich akzeptiere alternative Lebensweisen und toleriere Lesben und Schwule.
~ Kevin

Kommentare:

  1. Deine Geschichte hat mich zum Schluss sehr berührt. Sie ist traurig aber doch irgendwie schön.

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  2. wirklich super geschrieben *-*
    das thema homophobie beschäftigt mich auch selber im alltag und es ist wirklich schön wenn sich auch andere dagegen ausprechen.
    danke (:

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    1. Freut mich, dass die Geschichte dir gefällt. Ich finde, das musste einfach mal gesagt werden! :)

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