Streiten – So geht es richtig

Schuldzuweisungen, Beleidigungen, aggressives Auftreten – Das sind Kennzeichen eines Streits. Ein Streit ist für alle Betroffenen oftmals verletzend, doch das wird einem erst bewusst, wenn es bereits zu spät ist. Um das zukünftig zu verhindern, stelle ich euch den Fairen Streit vor.

Ein Streit ist nicht selten mit Wut verbunden. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir in Wutsituationen anders reagieren, als es für uns typisch ist. Erinnern wir uns einfach einmal, wie wir reagiert haben, wenn wir uns mit unseren Geschwistern gestritten haben. Oft spielte man sich gegenseitig hoch, wurde wütend und fing dann an, sich zu beleidigen, bevor im nächsten Moment die Tür zugeknallt wurde. Erst dann wurde uns häufig bewusst, was zuvor passiert war, und dass wir unsere Geschwister mit dem, was wir gerade gesagt haben, verletzt haben könnten.

Die folgenden Tipps können also im Alltag helfen, nicht nur im Streit mit den Geschwistern oder Eltern, sondern insbesondere für den Fall, dass man sich einmal mit dem Partner streitet. Denn in festen Bindungen ist es häufig so, dass immer wieder Themen aufkommen, die für einen Streit sorgen. Für Außenstehende sind dies meist belanglose Dinge. Doch gerade für Beziehungspartner ist es wichtig, dass man sich hin und wieder streitet, denn Streit klärt wichtige Bedürfnisse beider Seiten und schafft das Problem aus der Welt. Dabei kommt es auf das Wie an, denn falsch streiten kann sehr verletzend sein.

Im Hier und Jetzt streiten

Ich habe es selbst schon häufig erlebt, dass in einem Streit zusätzlich Streitpunkte aus der Vergangenheit aufgegriffen werden. Im Streit geht es also nicht mehr um das aktuelle Problem, sondern auch um die unzähligen anderen Male, wo dieses Thema einen Streit ausgelöst hat. „Geht das schon wieder los?„, „Das sagst du jedes Mal.„, „Immer lässt du die leere Verpackung hier stehen.“ oder „Nie räumst du dein Geschirr in die Spülmaschine.“ sind Verallgemeinerungen, die dem aktuellen Problem, viele weitere Probleme aus der Vergangenheit hinzuziehen. Letztendlich sorgt man damit dafür, dass man sich selbst hochgehen lässt.
Man sollte die aktuelle Situation betrachten, ohne die Vergangenheit einzubeziehen.

Die rosa-rote Brille ablegen und den Mund aufmachen

Das Gefühl der frischen Verliebtheit ist wunderschön und man wünscht sich, dieses möglichst lange aufrecht zu erhalten. Durch die rosa-rote Brille scheint der Partner perfekt zu sein, seine Makel sind liebenswerte Eigenheiten, Schwächen weist er nicht auf und jegliche Kritik an ihm findet keinen Grund. Die Psychologin Dr. Nina Heinrichs weiß jedoch: „Eines Tages sind wir gezwungen, auch negative Gefühle anzusprechen“ (Quelle: focus). Doch genau das beherrschen die wenigsten, zumindest wenn es um die eigene Beziehung geht. Denn hier fallen Ängste ins Gewicht, die uns beeinflussen. Zum einen die Verlustangst, zum anderen die Angst, den Sachen, indem wir sie ansprechen, erst Gewicht zu verleihen.

Es ist also wichtig, auch negative Gefühle rechtzeitig anzusprechen, um einen Eskalation zu verhindern.
Auch wenn er es manchmal behauptet, dein Partner kann deine Gedanken nicht lesen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass du Dinge ansprichst, die dich stören, damit sie nicht in einen späteren Streit überraschend hinzugezogen werden.

Von der Du-Botschaft zur Ich-Botschaft

Wird ein Mensch kritisiert, neigt er dazu, auf diesen Angriff zu reagieren – er holt automatisch zum Gegenschlag aus. Anstatt die Kritik zu kontern, sollte man zunächst über die Kritik nachdenken, denn vielleicht entspricht sie ja der Wahrheit, auch wenn es nicht nett formuliert wurde. „Kritik zu äußern, die den anderen in die Ecke drängt, provoziert geradezu zum Gegenangriff“, so Heinrichs. Möchte man tatsächlich etwas an seinem Partner kritisieren, so kann ein einfacher Trick dabei helfen, eine Eskalation zu verhindern:

Erst loben, dann kritisieren

Wenn es zu Äußerungen kommt, geht es viel häufiger um das Wie, denn oft wird in einem Streitgespräch gar nicht deutlich, worum es eigentlich geht. Stellen wir uns folgende Situation vor:

Der Mann kommt verspätet von der Arbeit.
Seine Frau: „Ständig kommst du zu spät von der Arbeit, du fühlst dich im Büro wohl besser als bei mir.
Mit diesem einfachen Satz hat sie jedoch den Grundbaustein für eine Auseinandersetzung gelegt, denn sie klagt ihren Gesprächspartner an und macht ihm einen Vorwurf.
Der Mann fühlt sich in die Ecke gedrängt und versucht sich zu rechtfertigen.
Ich habe auf der Arbeit eben viel zu viel zu tun, da bleibt eben weniger Zeit übrig.
Die Frau: „Dir ist deine Arbeit dann wohl wichtiger als ich!

Mit jedem Satz wird die Situation komplexer, die Frau steigert sich in die Situation herein und wird wütend, der Mann fühlt sich angegriffen und reagiert dementsprechend, es kommt zum Streit.
Dass seine Frau einfach nur Angst bekommen hat, dass sie ihm nicht mehr wichtig sein könnte, hat der Mann gar nicht realisiert – wie denn auch, wenn die Frau es nicht anspricht.
Der Trick: Zunächst überlegen, was in einem selbst vorgeht, um den anderen die eigenen Situation zu erklären. Auch wenn es häufig schwer ist, im Streit eine Selbst-Mitteilung zu verfassen, wirkt diese wahre Wunder. Auch Kommunikationspsychologen empfehlen die Verwendung von Ich-Botschaften. Sie sind zum einen weniger verletzend, zum anderen nicht beleidigend. Man bleibt bei sich, statt dem anderen eine „reinzudonnern“.
Die Frau hätte also sagen müssen: „Wenn du so wenig Zeit für mich hast, bekomme ich Angst, ich könnte dir nicht mehr so wichtig sein.“ Denn wenn alle Probleme, Ängste und Sorgen ausgesprochen sind, kann man gemeinsam an einer Lösung arbeiten.

Einen kühlen Kopf bewahren

Gerade in längeren Beziehungen wird der Umgangston immer schroffer. Insbesondere in Streitsituationen werden die Partner dann zunehmend feindselig und verächtlich.  Die Folge: Man verletzt sich gegenseitig, beleidigt sich oder kränkt den anderen. Insbesondere wenn man seinen Partner gut kennt, sollte man vorsichtig sein, um seine Schwachpunkte nicht im Streit gegen ihn auszuspielen. Am meisten verletzt uns sowas, von der Person, die uns am nächsten steht. „Wenn dieses Verhaltensmuster auftritt, ist eine Trennung sehr wahrscheinlich“, weiß die Psychologin. Man sollte seinem Partner also stets mit Achtsamkeit und Respekt gegenübertreten, damit die Beziehung langfristig funktioniert.

Aktives Zuhören

Möchte man sich in Streitsituationen aussprechen, kann es trotzdem passieren, dass es beim Zuhörer zu Missverständnissen kommt. „Aktiv zuhören“ bedeutet, dass man mit eigenen Worten wiedergibt, was man verstanden hat, um Missverständnisse zu verhindern. Außerdem zeigt das dem Partner, dass man Interesse an der Konfliktlösung hat und tatsächlich zuhört. Man sollte in der Zusammenfassung insbesondere die Gefühle des anderen spiegeln. Dies ist aber gerade dann schwierig, wenn der Partner diese nicht selbst benennt, sondern nur durch Stimme, Körperhaltung, Mimik oder Gestik zum Ausdruck bringt.

Man sollte im Gespräch auch den Blickkontakt halten. Nicht nur, weil es besonders höflich ist, wenn man demjenigen, mit dem man spricht, in die Augen sieht, sondern weil es auch ein weiteres Zeichen von Interesse ist. Man sollte sich dabei jedoch möglichst kurz fassen und keine Ratschläge oder Bewertungen einbringen. Zum Schluss sollte man fragen, ob man das so richtig verstanden hat.

Win-Win-Situationen durch Kooperation

Es muss nicht immer einen Gewinner und einen Verlierer geben. In einem Experiment habe ich Schüler der 6. Klasse eine Minute lang Armdrücken machen lassen. Sie sollten dabei ihre Siege zählen und erhielten für jeden Sieg jeweils einen Smartie. Unterhalten durften sich die Schüler während dieser Zeit nicht. Man konnte Konkurrenzverhalten beobachten. Jeder versuchte möglichst oft gegen den anderen zu gewinnen, um möglichst viele Smarties zu erhalten, was zeigt, dass jeder zunächst egoistisch handelt.
Ich ließ die Schüler überlegen, wie beide gleich viele Smarties bekommen hätten und wiederholte das Experiment. Durch Kooperation wurde aus dem Armdrücken ein wildes Hin-und-Her-Winken der Hände, sodass am Ende beide Schüler gleich viele Smarties bekamen.

Im Streit ist dies häufig ähnlich. Die Streitenden wollen sich selbst als Gewinner hervorheben. „Ich sehe es richtig, du siehst es falsch.„, „Ich befehle, du gehorchst.“ oder „Ich bin o.k., du bist k.o.“ sind typische Einstellungen im Streit. Dabei geht es darum, auch die Situation des anderen zu verstehen und eben nicht egoistisch zu handeln.

Fairer Streit

Es kann also funktionieren, das faire Streiten. Die folgenden (zusammengefassten) Tipps helfen, in zukünftigen Streitsituationen einen Verlierer zu vermeiden:

  • Gefühle äußern, aber nicht verletzen (keine Beleidigungen)
  • Ich-Botschaften statt Du-Botschaften
  • keine Verallgemeinerungen
  • aktiv zuhören und ausreden lassen
  • Kompromisse suchen
  • Respekt vor dem anderen haben
  • offen Probleme ansprechen
  • ruhig mal Zeit geben
  • auch mal entschuldigen

Streit kann verletzend sein, doch wenn man ihn fair führt, ist er das nicht – im Gegenteil. Streiten hilft die Sichtweise des Gegenüber einzusehen. Es ist völlig in Ordnung, wenn ihr erst einmal etwas Bedenkzeit braucht, nachdem ihr euch gestritten habt. Gerade dann ist es jedoch wichtig, auch über das eigene Handeln nachzudenken und sich gegebenenfalls zu entschuldigen.

Es ist wichtig, dass beide Partner beim Thema bleiben, da der Streit sonst nicht gelöst werden kann. Auch das ewige Aufschieben eines Konflikts ist für die Beziehung nicht sehr förderlich. Es ist wichtig, dass beide Parteien zu einer Konfliktlösung bereit sind. Wenn eine Partei Lösungsvorschläge bringt, gehen diese oftmals nur auf die eigene Zufriedenheit ein. Deshalb ist es wichtiger, zunächst seine Bedürfnisse zu äußern und anschließend gemeinsam einen Lösungsvorschlag zu formulieren.
Manchmal lässt sich ein richtiger Streit nicht vermeiden, dann ist es zu spät für jede Notbremse und für die Vernunft. Doch auch dann sollte man sich im Nachhinein darüber unterhalten, um zukünftig eine Sorge weniger mit sich tragen zu müssen.

5 Gedanken zu „Streiten – So geht es richtig

  1. Stimmt, das ist echt interessant. Ich bin Streitschlichter an meiner Schule und komme deshalb ziemlich häufig mit solchen Situationen in Kontakt. Es gibt sogar extra Fachtage, an denen wir diese Regeln den anderen Schülern vorstellen. Wie man in den Konflikten danach jedoch merkt, haben viele ihre Wut nicht im Griff und halten sich nicht an die Regeln.

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