If I were a boy – geboren im falschen Körper

„Ich merkte, dass etwas nicht mit mir stimmte.“ Jerome erzählt, wie er vom Mädchen zum Jungen wird.

Wenn ein Mensch im falschen Körper geboren wird

 

Ich bin am 12.02.1992 als Tamara-Daniela Jerome auf die Welt gekommen. Meiner Mutter ist schon früh aufgefallen, dass ich anders bin als andere Mädchen. Ich wollte von Anfang an keine Kleider anziehen; Puppen haben oder mit Barbies spielen. Ich habe einen Bruder, der 4 Jahre älter ist als ich – mit seinen Sachen wollte ich immer spielen. Meine Mutter dachte sich aber nicht viel dabei und dachte, es sei normal. An meinem dritten Geburtstag bekam ich eine Puppe. Ich habe sie gehasst und nicht einmal ausgepackt. Ich wollte nur Autos haben, mehr nicht. Wenig später haben sich meine Eltern scheiden lassen. Ich kam in den Kindergarten, hab mich jeden Tag gewehrt die Sachen anzuziehen, die meine Mutter mir gab – durchgekommen bin ich leider nie damit. Ich hab meiner Mutter sehr die Nerven geraubt, das ging bereits am Morgen los, jeden Tag aufs Neue, bis ich in die 1. Klasse kam. Als ich in der ersten Klasse war, bin ich jedes Mal vor der Schule zu meinem Vater gefahren und habe mich umgezogen, weil er mir das gekauft hat, was ich wollte. Und bevor ich nach der Schule nach Hause gegangen bin, habe ich wieder die Sachen angezogen, die meine Mutter mir gegeben hat. Irgendwann ist sie aber dahintergekommen und ist mit mir zu einen Kinderpsychologen gegangen. Der meinte dann, dass sich meine Mutter keine Gedanken machen solle und einfach mich entscheiden lassen solle, was ich anziehen möchte. Er meinte auch, dass es eine Phase sei und wieder vorbei gehe. Meine Mutter nahm den Ratschlag an und ich habe meine „Jungsklamotten“ bekommen. Von diesem Zeitpunkt an war ich eigentlich ganz glücklich.

Irgendwann habe ich mich aber nicht mehr mit meinen langen Haaren wohlgefühlt und habe sie mir einfach abgeschnitten. Ich habe ziemlich viel Ärger bekommen, aber meine Mutter konnte nichts mehr daran ändern und ist mit mir zum Friseur gegangen, um zu retten, was zu retten war. Ich hab mich natürlich sehr gefreut, ganz im Gegensatz zu meiner Mutter. Es folgte wieder eine Zeit, in der ich eigentlich ganz glücklich war. Ich hatte meine Klamotten und meine Haare wie ich sie wollte. Aber als ich am nächsten Tag in die Schule ging, wurde ich ausgelacht und ziemlich gemobbt, hatte keine Freunde mehr, gar nichts. Ich habe allein Fußball gespielt, bin allein ins Freibad gegangen und hab mich als Junge ausgegeben und bin auch immer damit durchgekommen. Als ich dann auf die Hauptschule kam, merkte ich, dass etwas nicht mit meinem Körper stimmte. Ich veränderte mich, ich bekam Brüste. Ich habe wieder alles an mir gehasst, ich wollte mir die Brüste abschneiden und habe angefangen, mich zu ritzen. Mein Wunsch war, Brustkrebs zu bekommen, damit sie wegkommen. Die Hauptschule war noch schlimmer als die Volksschule. Die anderen Schüler meinten, ich sei ein Zwitter, beleidigten mich, mobbten mich. Als ich 15 war, habe ich im Internet recherchiert, was es sein könnte, warum ich mich so anders fühle. Dann bin ich auf das Thema „Transsexualität“ gekommen. Ich habe mir alles genau durchgelesen, gelesen, was ich machen muss, was man alles braucht und dass man 18 Jahre alt sein muss, damit man Testosteron ohne die Erlaubnis der Eltern bekommt. Ich habe mich dann meiner Mutter anvertraut und sie war sehr gespannt und interessiert. Aber sie hat gesagt, sie werde es nicht unterschreiben, weil sie nicht Schuld sein will, wenn es doch nur eine Phase gewesen sein sollte. Damals hab ich sie dafür gehasst, heute verstehe ich es.

Ich habe dann angefangen, meine Brüste abzubinden und meine Stimme zu ändern, habe mich überall als Jerome vorgestellt. Keiner hat etwas bemerkt, ich habe eigentlich in 2 Welten gelebt. Im Internet war ich ein Junge und in der echten Welt ein unzufriedenes Mädchen. Als dann endlich mein 18 Geburtstag kam, war mein erster Weg zu einer Beratungsstelle namens YoungTrans. Die haben mir sehr schnell helfen können. Mit denen habe ich alles besprochen, meine ganze Geschichte erzählt. Dann bekam ich die Nummer für die Psychologin. Für die Namensänderung habe ich einen Test machen müssen. Ich war wirklich sehr nervös.
Nach 2 Wochen hab ich Post bekommen. Mit diesem Briefl bin ich dann zum Standesamt gegangen und habe zuerst nur mein Geschlecht ändern können, habe dann eine neue Geburtsurkunde bekommen, auf der „Geschlecht männlich“ stand, der Vorname war weiterhin weiblich. Danach habe ich erst meinen Vornamen ändern können. Ich musste einen Bescheid vom Amt vorlegen, habe mich beim Amt darum gekümmert und drei Wochen später hatte ich den Bescheid in der Hand, bin damit gleich wieder zum Standesamt gegangen und hab den Rest ändern lassen. Anschließend bin ich wieder zu YoungTrans gegangen, die haben mir die Nummer für die Hormonberatung und die Operation gegeben. Die Therapeutin hat mir Fragen gestellt und alles aufgeschrieben, als wir fertig waren hab ich gefragt, wie es jetzt weiter gehen würde und sie meinte, dass man normalerweise ein paar Sitzungen brauche, aber ich sie so überzeugt habe, dass ich mir in 2 Wochen den Befund abholen kann.

Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Als ich denn Befund in der Hand hielt, hab ich mir gleich einen Termin im Landeskrankenhaus in der Steiermark ausgemacht. 2 Wochen später bin ich dann dort hingefahren und mir wurde Blut abgenommen. Dort habe ich dann endlich mein Testosteron-Gel mit 50mg bekommen. Nach 6 Monaten Hormonen musste ich zur Kontrolle ins Krankenhaus gehen. Es hatte sich nicht viel verändert bei mir, die Stimme ist vielleicht ein bisschen tiefer geworden. Mir wurde geraten, auf die Spritze mit 1000mg umzusteigen. Das habe ich auch gemacht. Dann hat sich alles sehr schnell verändert. Ich bekam Haare am Bauch, meine Beinbehaarung ist auch mehr geworden und Bartwuchs kam dann auch. Mein nächster Schritt war einen Termin für die Operation auszumachen. Man muss mindestens ein Jahr lang Testosteron einnehmen, ehe man diese Operation vornehmen konnte. Ich war wirklich sehr glücklich. Leider dauert das alles sehr lange, aber schlussendlich hab ich meinen OP-Termin am 20.10.2015.
Ich hatte zwar nie Probleme und meine Familie ist und steht immer hinter mir, von den Freunden, die ich damals hatte, ist nur einer geblieben. Dafür habe ich viele neue Leute kennengelernt, die mich mögen, wie ich bin, und mich unterstützen, bei dem, was mich noch erwartet.    >> Jerome, 23

Was ist Transsexualität?

Wer transsexuell ist, fühlt sich im eigenen Körper unwohl. Sie haben den Wunsch, ein Leben im anderen Geschlecht zu führen und haben wie Jerome das Bedürfnis, ihr Äußeres dementsprechend zu verändern. Das heißt nicht automatisch, dass sie lesbisch oder schwul sind und bedeutet auch nicht, dass sie dies aus Lust am Verkleiden tun. Biologisch ist ihr Geschlecht zwar festgesetzt, die sichtbaren Geschlechtsmerkmale stimmen aber nicht mit den Hormonen überein.
Der Begriff Transsexualität erweckt dabei den Eindruck, es handele sich um ein sexuelles Problem. Dabei geht es Betroffenen nicht um Sex, sondern um Identität. Um dies zu verdeutlichen, wurde der Begriff Transidente eingeführt.

Auch wenn Transsexualität nach Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch immer zu den „Störungen der Geschlechtsidentität“ gezählt wird, gilt sie nicht als Krankheit. Da Außenstehende dies jedoch oftmals anders sehen, geraten Betroffene schnell in eine Krise und suchen sich therapeutische Unterstützung. Wie auch bei Jerome sind Depressionen und Verzweiflung die Folge. Transidenten haben häufig bereits als Kind das Gefühl, in den falschen Körper hineingeboren geworden zu sein. Da sich der Körper gerade während der Pubertät stark verändert, wollen sich Betroffene so schnell wie möglich operieren lassen. Seit 1995 haben in Deutschland rund 15.000 Menschen per Gerichtsentscheid ihre geschlechtliche Identität geändert.

Warum ist man transsexuell?

Biologie und Psychologie versuchen dies seit Jahren zu erforschen. Während Psychologen darauf setzen, dass derartige Veränderungen auf Trennungsängste aus der eigenen Kindheit, einer zu behütenden Mutter oder einen abwesenden Vater zurückzuführen sind, gibt es in der Biologie drei Erklärungsansätze:
Im Gehirn: Der Sexualforscher Harry Benjamin beschäftigte sich bereits um 1950  mit Transsexuellen. Er hielt Transsexualität nicht für eine psychische Störung, sondern sah die Ursachen im Körper. Gemeinsam mit Neurobiologen machte er sich auf die Suche nach einer Art „Geschlechtsidentitätszentrum“ im Gehirn. Ein kleiner Nervenknoten im Zwischenhirn sollte demnach für die geschlechtliche Identität verantwortlich sein. Bei Männern sei dieser Knoten regelmäßig größer als bei Frauen. Nach dem Tod von sechs Mann-zu-Frau-Transsexuellen untersuchte man diese Zellbündel und fand heraus, dass diese eher weibliche Strukturen aufwiesen. Da jedoch die Ergebnisse von sechs Personen nicht repräsentativ waren, wurde die Studie 1995 fallengelassen.
In den Hormonen: Hormonexperten sind hingegen der Überzeugung, Transsexualität sei auf ein Ungleichgewicht der Geschlechtshormone in der vorgeburtlichen Phase zurückzuführen. Professor Günter Karl Stalla vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie, glaubt nun, einen Beweis für diese Hypothese gefunden zu haben. Er stellte fest, dass bei Männern der Ringfinger etwas größer ist als der Zeigefinger, während bei Frauen beide Finger etwa gleichgroß sind. Er führt dies auf das männliche Geschlechtshormon Testosteron zurück. Bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen beobachtete er, dass die Fingerlänge der von heterosexuellen Frauen entsprach. Dementsprechend werden Betroffene bereits im Embryonalstadium einem veränderten Hormongehalt ausgesetzt. Bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen sei beispielsweise ein geringerer Testosterongehalt in der vorgeburtlichen Phase ausschlaggebend für weibliches Geschlechtsempfinden im Gehirn. Andere Studien bestätigten diese Annahme jedoch nicht. Das Knochenwachstum sei nicht allein auf Geschlechtshormone zurückzuführen.
In den Genen: Im Erbgut von Mann-zu-Frau-Transidenten fanden australische Wissenschaftler 2008 sogar ein Gen, dem sie entsprechende Eigenschaften zusprachen. Es handelte sich um ein überlanges Gen, an dem besonders viele Testosteron-Rezeptoren ausgebildet wurden. Die Anzahl der Rezeptoren bestimmt, ob das Geschlechtshormon im Körper eine Veränderung steuern kann oder nicht. Mehr Rezeptoren bedeuten demnach einen geringeren Einfluss. Die transsexuelle Neigung werde so bereits beim Fötus begünstigt. Untersuchungen zeigten jedoch, dass dieses überlange Gen nicht bei jedem Betroffenen auftaucht.
Letztendlich bleibt also weiterhin umstritten, welche Ursachen Transsexualität haben könnte.

Der Weg zur Geschlechtsangleichung

1. Das Alter: Die Zeit drängt und bringt insbesondere Ärzte in einen Zwiespalt. Depressionen aufgrund der Identitätskrise stehen der Pubertät entgegen, einer Phase, in der Entscheidungen nicht immer endgültig sein müssen. Während Hormontherapien bereits bei 12-Jährigen mit Einwilligung der Eltern angesetzt werden können, darf eine Operation (außer in Ausnahmefällen) erst mit Eintritt der Volljährigkeit stattfinden.
2. Die Therapie: Hormontherapie und Geschlechtsumwandlung sind an mehrjährige therapeutische Begleitung gebunden. Während früher versucht wurde, Betroffenen diese Haltung auszureden, werden sie heutzutage bei ihrer Entscheidung unterstützt und begleitet. Hier werden Erwartungen besprochen und die Lebbarkeit der neuen Rolle überprüft.
3. Die Hormone: Betroffene sehen diesen Weg nicht als Umwandlung, sondern als Anpassung. Während Mann-zu-Frau-Transidenten das weibliche Geschlechtshormon Östrogen zu sich nehmen müssen, erhalten Frau-zu-Mann-Transidenten Testosteron. Durch die künstliche Zufuhr des jeweils anderen Geschlechtshormons sendet der Körper Signale aus, die eigene Hormonproduktion zu unterbinden. Die jeweils anderen Hormone erhalten im Körper ein Übergewicht. Bei Männern schrumpfen die Hoden, die Spermaproduktion wird eingestellt, die Lust auf Sex versiegt und es bilden sich weibliche Brüste. Bartwuchs und die tiefe Stimme bleiben jedoch unverändert. Bei Frauen setzen die von Jerome beschriebenen Effekte ein.
4. Die Operation: Trotz Hormone werden die Brüste bei Männern nie die gewünschte Größe erreichen, sodass eine Implantation erforderlich wird. Andersherum wird bei Frauen das Brustgewebe entfernt. Auch Gebärmutter und Eierstöcke werden entfernt. Erst im nächsten Schritt geht es darum, ein männliches Glied zu erschaffen. Die einfachste Methode ist die sogenannte Meatoidenplastik, bei der die durch das Testosteron vergrößerte Klitoris zum Glied umgeformt wird. Das Ergebnis sieht zwar erstaunlich echt aus, wird aber häufig als zu klein empfunden. In der wesentlich schwierigeren Methode dauert deutlich länger und besteht aus mehreren Operationen. Künstliche Schwellkörper mit eingebauter Pumpe im Hodensack ermöglichen eine Erektion.
Bei Männern können die Barthaare nur durch Epilation entfernt werden. Die Nadelelektro-Epilation zerstört die Haarwurzeln und kann so ein Bartwachstum eindämmen. Dieses Verfahren ist jedoch sehr zeitaufwändig. Bei der Laser-Epilation werden die Barthaare zwar wesentlich schneller entfernt, der Effekt hält jedoch nicht dauerhaft an. Die Geschlechtsorgane können durch chirurgische Eingriffe verändert werden. Der Eingriff läuft jedoch nicht immer komplikationslos ab, Betroffene sind ihr Leben lang auf Hormone angewiesen. Hoden und Hodensack werden zunächst entfernt, dann wird der Penis aus seiner Schafthaut gelöst und ein Raum für die Vagina geformt. Mit der Haut vom Schaft und Hodensack werden Scheide und Schamlippen ausgekleidet. Die Eichel bleibt erhalten ud fungiert als Klitoris. Betroffene müssen ihre Vagina regelmäßig mit einem Vibrator dehnen. Etwa zwei Monate nach dem Eingriff erfolgen noch einige kosmetische Korrekturen.
Die vollständige Angleichung des Geschlechts dauert also nicht nur extrem lange, sondern kann auch sehr kostspielig sein. Von der Krankenkasse wird dies nicht immer übernommen. Das Bundessozialgericht hat beschlossen, dass die Krankenkassen nur zur Übernahme der Kosten verpflichtet sind, wenn ein Leid nachgewiesen werden kann, der Krankheitswert annimmt. Die Diagnose „Transsexualität“, die auch von Gutachtern gestellt werden kann, reicht den Krankenkassen oftmals nicht. Dies steht jedoch heftig in der Kritik. Krankenkassen sollten, so Kritiker, auch ohne entstehenden Leidensdruck die Kosten für eine Angleichung übernehmen.
Quelle: stern.de
 

 

3 Gedanken zu „If I were a boy – geboren im falschen Körper

  1. Hallo Kevin!

    du hast wieder einen sehr guten Artikel verfasst. Ich finde es gut, dass du mit deinen Artikeln zur Trans- bzw. Homosexualität versuchst die Menschen wachzurütteln, wie diskriminierend sie sich manchmal verhalten. 🙂 Hoffentlich bekommst du die Menschen wachgerüttelt, bei manchen hat man allerdings den Eindruck sie hätten ein starkes Schlafmittel eingenommen. 🙁

    Bis bald mal wieder!
    PAS

  2. den Artikel verlinke ich erstmal meinem transexuellen Kumpel 😉
    Übrigens: In dem Abschnitt "Warum ist man transsexuell- in den Hormonen" kannst du bei dem Satz "…dass die Fingerlänge der von heterosexuellen Frauen entsprach" das heterosexuell besser weglassen. Wenn du sagen willst, dass es sich um Frauen handelt, bei denen gefühltes und körperliches Geschlecht zusammenpasst, kannst du "Cis-Frau" sagen…. Oder hab ich den Abschnitt falsch verstanden 😀

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