Was feiert man eigentlich beim CSD?

Noch bis zum 16. September wird in Deutschland der CSD gefeiert.

 

CSD – Das ist nicht nur die Abkürzung für den Alten Serbischen Dinar, der weniger als einen Cent wert ist, sondern steht auch für den Christopher Street Day. 2017 finden insgesamt 112 Veranstaltungen statt. (Hier findet ihr eine Tabelle mit allen Terminen!)

Was ist der Christopher Street Day?

Homosexuelle wurden nicht nur im Nationalsozialismus geächtet und verfolgt. Im New York der 1960er Jahre führten Polizisten regelmäßig Razzien in Schwulenbars durch, die meistens sehr gewaltsam abliefen. Wer sich in einer Bar mit angeblich schwulem Hintergrund befand, wurde angeklagt oder öffentlich bloß gestellt. Dabei wurde insbesondere gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle vorgegangen.

1969 trafen die Polizisten erstmal auf gewaltsamen Widerstand. Ziel der Demonstration war eine Schwulenbar in der Christopher Street. Die Gäste lehnten sich gegen die Beleidigungen und die Diskriminierung auf. Aus Solidarität zu den Schwulen und Lesben entstand so der erste mehrtägige Christopher Street Day. Erstmal wurde in der Öffentlichkeit für die Toleranz gegenüber Homosexuellen gekämpft. Seitdem findet ein Straßenzug jährlich am letzten Juni-Wochenende in New York statt und bildet so das Vorbild für den Christopher Street Day.

Der Christopher Street Day in Deutschland

In Deutschland waren Handlungen zwischen Männern lange Zeit unter Strafe gestellt. Der Paragraph 175 wurde 1969 gelockert, da noch immer der verschärfte Paragraph der Nationalsozialisten galt. Im Jahr 1969 wurden noch 50.000 auf Grundlage des Paragraphen verurteilt.

Obwohl der weltweit erste Christopher Street Day international große Wellen schlug, fanden die ersten CSD-Umzüge in Deutschland 1979 – 10 Jahre nach dem Aufstand in New York – statt. Aus Angst vor sozialer Ächtung gingen die gerade einmal 400 Teilnehmer des ersten CSD in Berlin teilweise vermummt auf die Straße. „Gay Pride“ wurde als Motto für den Christopher Street Day in Deutschland übernommen. Mit den Sprüchen „Schwule raus aus Euren Löchern, alleine werdet ihr verknöchern“ und „Lesben erhebt Euch und die Welt erlebt Euch“ wurden Menschen zur Teilnahme aufgerufen.

Nach der Wiedervereinigung schnellten die Besucherzahlen in die Höhe. Mit der Abschaffung des Paragraphen 175 gab es 1994 besonderen Grund zu feiern. Mehr als 15.000 Besucher kamen zum CSD in Berlin.

Zur Jahrtausendwende wurden die sogenannten Europrides oder Worldprides ins Leben gerufen. Sie finden jährlich in ausgewählten Großstädten statt und ziehen ein Millionenpublikum an. So werden sie zum Aushängeschild der Homosexualität.

Mittlerweile ist die kleine Versammlung von damals zu einer bunten, schillernden Demonstration geworden, die ein Zeichen für die Rechte von Homosexuellen setzen möchte. Doch in den bunten Partys mit Verkleidungen, viel Farbe und nackten Oberkörpern gerät die ursprüngliche politische Botschaft mehr und mehr in den Hintergrund. Berlin, Köln und Hamburg veranstalten heutzutage mit mehr als einer Million Besuchern die größten Veranstaltungen in Deutschland.

 

Medien zeigen lieber Paradiesvögel als Aktivisten

Oft kritisieren Menschen die übertriebene Freizügigkeit bei den Christopher Street Day Umzügen, beäugen Männer in Lack und Leder oder in Frauenkleidern kritisch und betrachten auch gleichgeschlechtliche Knutschereien höchstens verachtend. Klaus Jetz, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland findet dies normal. „Beim Karneval in Rio sind die Menschen auch nur leicht bekleidet und niemand regt sich auf.“ Außerdem finde der CSD im Sommer statt. Zudem kritisiert er die Berichterstattung der Medien, die lieber schrille oder halbnackte Paradiesvögel als den politischen Aktivisten mit seiner Parole zeigten.

Verstehen muss man dies wie ein Plädoyer, die politische Botschaft, um die es noch immer beim Christopher Street Day gehen soll, nicht zu vergessen. Im Jahr 2009 wurde auf den meisten Veranstaltungen beispielsweise eine entsprechende Erweiterung in Kapitel 3 des Grundgesetzes gefordert. Das Diskriminierungsverbot schütze zwar Geschlecht, Abstammung, Rasse, Religion und Sprache, lasse jedoch Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung außer Acht. Auch die Lebenspartnerschaft sei lange Thema gewesen, mit dem Beschluss der Ehe für Alle in diesem Jahr gibt es deshalb einen weiteren Grund zu feiern.

Die öffentliche Wahrnehmung scheint allerdings stark vom ursprünglichen Sinn des Christopher Street Days abzuweichen, was beinahe schon schockierend ist. Ob mittlerweile viele Homosexuelle den CSD als Saufgelage und Speeddating für die schnelle Nummer sehen, wird wohl deren Geheimnis bleiben.

Dass der ursprünglich politische Hintergrund jedoch noch nicht ganz vergessen ist, zeigt sich an den Ständen einiger Parteien, die auf verschiedenen Veranstaltungen zu finden sind. Übrigens: Auch heterosexuelle Menschen sind auf dem Christopher Street Day gern gesehen. Denn dort geht es vor Allem um eines: Solidarität. Und die kann man auch zeigen, wenn man nicht homosexuell ist.


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Quellen: planet-wissen.de, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

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8 Gedanken zu „Was feiert man eigentlich beim CSD?

    1. Habe ich glatt vergessen, war aber auch schon etwas spät (siehe Rechtschreibfehler und vergessene Wörter)!

      Natürlich herzlichen Dank an Kevin für seinen Artikel.

      Und heute ist CSD in Bremen – der erste seit 24 Jahren!

  1. »Paradiesvögel«, Transvestiten, Exhibitionisten, Transsexuelle, »Spanner«, Lederkerle, Masters & Slaves, Homoehe, Adoptionsrecht, Todesstrafe für Schwule … CSD-Aktionen weltweit zeigen viele Aspekte sexueller Identität und Diskriminierung. Nicht all dies ist auf nicht-Heterosexuelle beschränkt, aber während einerseits konventionelle Überzeugungen dabei in Frage gestellt werden, werden andererseits seit einiger Zeit vor allem tradierte Clichés wie Monogamie als das zu erreichende Ziel der Gleichstellung hervorgehoben.

    > Homosexuelle wurden nicht nur im Nationalsozialismus geächtet und verfolgt.

    Die Nazis hatten kein Privileg auf die Schwulenverfolgung, und vielleicht war es der zwischen SA und SS – oder dass Röhm schwul war –, der am Ende dazu führte, dass Schwule auf der Hassliste der Nazis landeten.

    Anders als im romanischen Rechtssystem war im germanischen (männliche) Homosexualität strafbewehrt. Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 schlug sich dies im §175 des Strafgesetzbuches nieder. Mit Ulrichs am Ende des 19. Jahrhunderts und Hirschfeld zu Zeiten der Weimarer Republik gab es Bestrebungen, die Sonderbehandlung männlicher Sexuakität abzuschaffen.

    Der Schwulenparagraf wurde von den Nazis verschäft und um den Paragraphen 175a (besonders schwere Fälle, was auch immer damit gemeint war) erweitert und dies galt in der BRD bis 1969 – und wurde auch angewandt. Die DDR kehrte mehr oder weniger zu der vor-Nazi-Fassung zurück, beschränkte die Verfolgung 1968 auf Sex zwischen Voll- und Minderjährigen (unabhängig vom Geschlecht, §151 StGB DDR) und schaffte die Sonderbehandlung Homosexueller 1988 ganz ab. (Die Einstellung der Öffentlichkeit und der Umgang der Behörden mit Homosexualität steht auf einem andern Blatt!)

    Die BRD zog 1969 und 1973 teilweise nach. Nach der Vereinigung 1990 galten de facto unterschiedliche Rechtsgrundsätze in den alten und neuen Bundesländern, bis dann 1994, jedenfalls im Sexualstrafrecht, die Gleichstellung homo- und heterosexueller Kontakte erfolgte.

    > Ziel der Demonstration war eine Schwulenbar in der Christopher Street.

    Wohl eher Ziel einer Razzia. Die Bar hieß Stonewall Inn, die Demos wurden unter dem Namen Stonewall Riots bekannt, und dieser Name taucht nach wie vor immer wieder auf.

    > am letzten Juli-Wochenende

    Juni. Die Stonewall Riots fanden in der Nacht vom 28. zum 29.Juni statt.

    > gingen die gerade einmal 400 Teilnehmer des ersten CSD in Berlin

    Berlin hatte im Kalten Krieg natürlich eine Sonderstellung, aber war mit seiner Gay Pride Parade nicht alleine. 1979 gab es in Frankfurt (Main) (»Homolulu«) und Bremen (»Schwuler Karneval«) ähnliche Veranstaltungen.

    > und auch gleichgeschlechtliche Knutschereien werden von einigen Menschen höchstens verachtend betrachtet

    Aber gerade darum geht es doch! Warum dürfen Heten überall rumknutschen, wie sie wollen, aber zwei Frauen oder zwei Männer werden scheel angesehen, selbst wenn sie sich nur ein Küsschen zur Begrüßung geben?!

    Natürlich gibt es bei einem CSD-Umzug die Pardiesvögel, auf die die Medien (leider fast ausschließlich) ihr Augenmerk richten, und die politische Kundgebung, die (nicht nur) in den Medien zu kurz kommt. Aber ein wichtiger Aspekt eines CSD-Umzugs ist doch, dass sie denen, die sich unsicher sind, ihre sexuelle Identität offen zu zeigen, eine Umgebung bieten, in der sie sich quasi öffentlich verhalten können, wie es ihnen gefällt, ohne Wertungen der (unmittelbaren) Umgebung befürchten zu müssen, ohne sich dabei im »safe space« irgendwelcher Szene-Locations zu befinden ( – und wer in der »Szene« unterwegs ist, weiß, dass auch dort nicht jede/r überall willkommen ist!).

    1. Hallo Wilhelm,

      vielen Dank für Deinen sehr umfangreichen und ergänzenden Kommentar!
      Natürlich hast Du Recht und es gab auch ähnliche Veranstaltungen in anderen Städten, da es hier jedoch um den CSD geht, habe ich mich auf den direkten „Nachfolger“ in der Hauptstadt fokussiert. Und natürlich stimmt es auch, dass nicht jede/r überall willkommen ist, es ging mir jedoch darum, aufzuzeigen, dass auch Heterosexuelle gern auf dem CSD gesehen werden. Dass man dort keine Rechts-Anhänger oder andere Homophobe sehen möchte, ist denke ich selbstverständlich.

      1. Dafür nich, wie man hier zu sagen pfelgt. Als inzwischen gut eingebürgerter Wahlbremer musste ich natürlich auf den Schwulen Karneval hinweisen, auch wenn ich selber nicht dabei war. 😉

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