Es – Wovor hast Du Angst?

Stephen King spielt in „Es“ mit unserer Psyche – und der Angst.

 

In der US-amerikanischen Stadt Derry verschwinden immer wieder Menschen. Als eines Tages auch der sechsjährige Georgie verschwindet, während er mit einem Papierboot im Regen spielt, das sein Bruder Bill für ihn gebaut hat, macht dieser sich schwere Vorwürfe. Gemeinsam mit seinen Freunden Mike, Ben, Beverly, Stan, Richie und Eddie versucht er das Verschwinden seines Bruders und weiterer Menschen aus Derry aufzuklären, wobei jeder der Freunde ihre ganz eigene Erfahrung mit Pennywise machen. Schnell wird klar, dass die Kreatur, die die schlimmsten Alpträume der Menschen verkörpert, mit dem Verschwinden der Menschen zusammenhängt und es nun auch auf die Freunde abgesehen hat. Gemeinsam stellen sie sich ihrer Angst und dem monströsen Clown Pennywise, um das Verschwinden des kleinen Georgies zu rächen.

Der Film

„Es“ ist bereits die zweite Verfilmung des zweiteiligen Horror-Thrillers, der auf dem gleichnamigen Roman von Stephen King basiert. Bereits 1990 erschien die erste Verfilmung des nur vier Jahre zuvor in Deutschland veröffentlichten Romans.

Die Neuverfilmung von Andrés Muschietti läuft seit dem 28. September in den deutschen Kinos und spielt mit unseren schlimmsten Ängsten. Denn Es, der zwar meist in der Form des gruseligen Clowns Pennywise auftritt, ist in der Lage die Gestalt unserer größten Angst anzunehmen. Wäre Pennywise nicht so schrecklich monströs geschminkt, würde man vielleicht das Gesicht dahinter erkennen. Bill Skarsgård kennt man etwa aus „Die Bestimmung – Allegiant“. Regisseur Muschietti bewies bereits mit „Mama“, dass er Potential für Horror-Filme hat. Der Trailer der Neuverfilmung stellte nach gerade einmal 24 Stunden einen neuen Weltrekord auf: Mit rund 197 Millionen Aufrufen in nur 24 Stunden wurde kein Trailer am ersten Tag häufiger aufgerufen.

Kein Wunder, denn Pennywise wird seit der ersten Verfilmung immer wieder als Personifikation der Angst gehandhabt und wird diesem Titel würdig. Erschreckende Elemente spicken den gesamten Film bis zum Ende und werden künstlerisch in eine narrative Handlung eingebaut. Das Intro orientiert sich dabei recht originalgetreu an der ersten Verfilmung und ruft bereits damit eine nostalgische Wirkung hervor, die im Film durch regelmäßigen Vergangenheitsbezug aufgegriffen wird. Auch im Roman sind regelmäßige Zeitsprünge zwischen den 50ern und den 80er Jahren wesentlicher Teil der Rhetorik. Derartige Sprünge lässt Muschietti in seiner Kinoversion ersatzlos wegfallen.

Aber ich habe auch ein paar kritische Bemerkungen: Eine Szene, in der das Badezimmer geputzt wird, muss nicht so lang gezogen werden. Mir fehlte ein wenig der Horror. Denn die wenigen Schreckmomente im Film, wurden durch die ansonsten sehr harmonische Geschichte schnell wett gemacht.

Buch und Ende der Neuverfilmung verraten es bereits: Es wird noch einen zweiten Teil geben. In der Vorlage wird zunächst ein homosexueller Mann ermordet, dann Verschwinden erneut Kinder. Auf die Freunde aus Derry wartet ein weiteres Abenteuer.

Wovor hast Du Angst?

Stephen Kings „Es“ spielt mit der Angst. Obwohl es ein Horror-Thriller ist, fand ich den Film wahnsinnig interessant. King charakterisiert wahnsinnig viele Persönlichkeiten in Derry. Georgies Bruder Bill stottert. Mike ist schwarz, Ben übergewichtig. Beverly lebt in armen Verhältnissen. Stan ist Jude, Richie hyperaktiv und trägt eine Brille und Eddie ist klein.

Dann gibt es noch Henry und seine Freunde, waschechte Prügelknaben, die sich immer die kleineren und Schwächeren als Opfer aussuchen. Beverlys Vater misshandelt sie regelmäßig und Eddies Mutter versucht, ihn kränklich zu behüten. Mir fällt auf: Erwachsene werden in dieser Story fast immer als Böse dargestellt – ein Grund warum sich Es beinahe ausschließlich nach Kindern umsieht?

Übrig bleibt eben jenes Es, dessen Persönlichkeit man nicht eindeutig beschreiben kann. Obwohl er meist in der Person des Clowns Pennywise auftritt, beweist er immer wieder, dass er auch andere Gestalten annehmen kann. Doch warum tritt er meist in Gestalt eines Clowns auf? Warum fürchten sich so viele Menschen vor Clowns?

Stephen Kings Spiel mit der Angst

Es verkörpert die Ängste der Menschen, nimmt aber am häufigsten die Gestalt des Clowns Pennywise an. Die Angst vor Clowns nennt man Coulrophobie. Und obwohl Clowns etwa im Zirkus als Witzfigur auftreten, gehört diese Angst zu den zehn häufigsten Phobien der Menschen. Sie sind eine irreale Gestalt, die in der Realität noch dazu – in der Regel – nicht einfach auf der Straße herumlaufen oder uns in den eigenen vier Wänden auflauern wie etwa Spinnen. Woher kommt diese panische Angst?

Hinter dieser Angst steht eine ganz andere Angst: Die Angst vor Fremden. Sie ist es, die uns im Dunkeln das Fürchten lehrt und die uns vor Spinnen zurückschrecken lässt, weil sie andersartig sind, sich anders bewegen. Und sie ist die Ursache für unsere Angst vor Clowns. Aufgrund von Verkleidung und Schminke schränkt ein Clown eine wichtige Fähigkeit des Menschen ein: Das Einschätzen. Wir erkennen nicht, wer oder was sich hinter Kostüm und Schminke verbirgt, sodass es uns schwer fällt, die Situation einzuschätzen.

Bereits vor Jahrtausenden war genau diese Fähigkeit wichtig für das Überleben der Menschen. Geht von dem Gegenüber eine Gefahr aus? Fehlt uns diese Einschätzung, fürchten wir uns – eben vor einer möglichen Gefahr.

Gestärkt wird diese Angst durch einen weiteren Faktor. Eine Studie der University of Sheffield zeigt, dass die Mehrheit der Kinder zwischen 4 und 16 Jahren Clowns eher gruselig als lustig finden. In der Jugend beginnen Menschen, Filme zu schauen, die Clowns als Bösewichte darstellen. Egal, ob den Joker in „Batman“ oder Pennywise in Stephen Kings „Es“ – Clowns sind, trotz aufgemalten Grinsen – alles andere als lustig.

Eben dieses Phänomen beschreibt auch der sogenannte Uncanny-Valley-Effekt. Figuren, die zwar menschenähnlich sind, die aber durch Abweichungen als „nicht normal“ identifiziert werden, erzeugen bei uns eine Art Abneigung. Dies machten sich viele zu Nutzen und erschufen Frankenstein, Graf Dracula oder gruselige Clowns.

Horror-Clowns in der Realität

2016 spielte man auf der gesamten Welt mit dieser Angst. In den Nachrichten und auch hier auf diesem Blog konnte man von „Horror-Clowns“ lesen, die Menschen erschreckten, sie aber auch ausraubten und Straftaten begangen. Schon erscheint ein gruseliger Clown gar nicht mehr so abwegig.

Doch auch Horror-Clown Pennywise ist nicht allein Stephen Kings Fantasie entsprungen. Pennywise entspricht einem realen Serienmörder, der in den 1970er Jahren unter dem Namen Pogo der Clown mordete.

John Wayne Gacy trat häufiger in selbstgenähten Clowns-Kostümen auf Straßenfesten auf und erhielt die längste Haftstrafe, die jemals über einen Serienmörder verhängt wurde – 21 mal lebenslänglich. Er erhielt zudem 12 mal die Todesstrafe, die nach einer 16-jährigen Haft im Mai 1994 vollzogen wurde. Nach der Hinrichtung durch Injektion entnahm man ihm sein Gehirn und untersuchte es. Es wies keinerlei Anzeichen einer psychische Störung auf.

Und plötzlich sieht man Clowns mit ganz anderen Augen. Apropos Augen: In der gesamten Neuverfilmung von „Es“, blinzelt Pennywise nur ein einziges Mal – als er dem kleinen Georgie weismachen will, dass er keine bösen Absichten verfolgt – ein kleines Detail, das – zumindest dem Uncanny-Valley-Effekt zufolge, Pennywise etwas gruseliger erscheinen lässt.

 


Quellen: galileo.de, filmstarts.de, kino.de

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2 Gedanken zu „Es – Wovor hast Du Angst?

  1. Ich mag die Erstverfilmung sehr gerne, auch wenn ich mich bei den meisten gruseligen Szenen immer hinter einem Kissen verstecken musste! Pennywise hat doch schon etwas beängstigendes und ich würde ihm nicht bei Tag oder noch schlimmer bei Nacht begegnen wollen 🙂 Die Neuverfilmung habe ich bisher leider nicht gesehen, will ich aber unbedingt noch nachholen! Spätestens, wenn man sie bei Netflix oder Prime schauen kann!

    Meine Ängste? Ich habe eine große Abscheu gegen Spinnen – ich weiß, die sind viel kleiner als ich, aber ich kann sie einfach nicht leiden! Genauso wie Nadeln, die mich stechen wollen oder Höhen! Furchtbar! 🙂

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Hallo Jana,

      bei der Neuverfilmung habe ich nur zwischendurch ein paar Mal erschrocken, diese „Angst“ verschwand aber immer wieder, sodass die Neuverfilmung gar nicht wirklich als Horrorfilm durchgehen kann.

      Spinnen finde ich auch eklig. Ich war vor Kurzem im Horror-Maislabyrinth, wo echte Schauspieler dann Erschrecker spielen. Zu Beginn wurde man nach seiner Angst gefragt und ich hatte Angst, dass man dann quasi genau bei dieser Angst drangenommen wird, um eine Aufgabe zu lösen. Ich hab deshalb bewusst Feuer gesagt und siehe da: Der erste „Raum“ behandelte die Angst vor Spinnen.

      Beste Grüße
      Kevin

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