Was ist ein Leben wert?

Ein haarsträubendes Gedankenexperiment.

Ein Mann überreicht dir für 24 Stunden einen Knopf und zeigt dir einen Koffer mit 1.000.000 Euro. Hier die Regeln:

  1. Drückst du den Knopf innerhalb der 24 Stunden, bekommst du das Geld.
  2. Du darfst in dieser Zeit mit niemandem darüber reden.
  3. Drückst du den Knopf, stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch, den du nicht kennst.

Wirst du den Knopf drücken?

Diese Umfrage habe ich auch auf Twitter gestartet – das Ergebnis hat mich, um ehrlich zu sein, schockiert. Mehr als 254 Menschen haben mit ihrer Entscheidung für eine Million Euro einen Menschen getötet. Begleitet wird dieses Ergebnis durch folgende Kommentare:


Hintergründe zum Experiment

Das Experiment habe natürlich nicht ich mir ausgedacht. Es entstammt aus dem Film „The Box – Du bist das Experiment“, der auf der Kurzgeschichte Button, Button von Richard Matheson basiert. Mitten in der Nacht klingelt es an der Tür von Norma Lewis (Cameron Diaz) und ihrem Mann. Ein Päckchen mit einem Knopf steht vor der Tür. Am Nachmittag erscheint ein seltsamer Mann, der die oben genannten Regeln aufstellt. Genau wie 254 Leute auf Twitter und vielleicht auch Du drückte sie den Knopf und erhielt dafür 1.000.000 Euro – im gleichen Moment stirbt eine Frau. Damit beginnen für Norma, ihren Mann und ihren Sohn Tage des Schreckens, der Schuldgefühle und der Sorgen – Geld macht eben doch nicht glücklich.


Dass es sich dabei um ein abgekartetes Experiment handelt, wird der Familie zu spät bewusst. Sie haben den Knopf gedrückt und müssen nun mit der blutigen Million und den Konsequenzen leben. Das Experiment bestätigt einmal mehr, dass Geld die Welt regiert. So verkaufen immer wieder Menschen das Leben einer fremden Person für eine Million Euro. Damit ist dies ein Experiment aus einer ganzen Reihe von psychologischen Experimenten, die Handlungen untersuchen, die im direkten Widerspruch zum Gewissen stehen.

Das Milgram-Experiment

Das in den 70er Jahren durchgeführte Milgram-Experiment umfasst einen Versuchsleiter, einen „Lehrer“ und einen „Schüler“. Der Versuchsleiter gibt Anweisungen dazu, dem Schüler Stromschläge zu verpassen, wenn dieser Falsch antwortet. Der Lehrer – die eigentliche Versuchsperson – musste diese Stromschläge mit Hilfe von Knöpfen ausüben und in ihrer Intensität steigern. Dafür erhielt die Versuchsperson zunächst einen elektrischen Schlag, um die Folge eines solchen Stromschlags zu vergegenwärtigen. Bei jeder Frage, die der Schüler nun nicht korrekt beantwortete, sollte ein Stromschlag gegeben werden, der stärker war als der vorherige.

Lediglich die Versuchsperson bekam einen einzigen Stromschlag. In Echt waren sowohl Versuchsleiter als auch Schüler Schauspieler, die nach vorher besprochenen Mustern handelten. Auf Anleitung des Versuchsleiters führten die Versuchspersonen das Experiment auch fort, als nach schmerzvollen Schreien des Schülers bei vermeintlich stärkeren Stromschlägen keinerlei Reaktion mehr kam. Der Psychologe Stanley Milgram führte dies zum Beispiel auf den Wunsch zurück, das freiwillig begonnene Experiment bis zum Ende durchzuführen und den Erwartungen der Wissenschaftler gerecht zu werden. Aber auch Gehorsam, welcher im Rahmen der Sozialisation erlernt wird, könnte als Erklärungsansatz herangezogen werden.

Das Stanford-Prison-Experiment

hsvbooth / Pixabay

1971 führte der US-amerikanische Psychologe Philip Zimbardo das Stanford-Prison-Experiment durch. 24 Studenten wurden ausgewählt und per Münzwurf zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt: Wärter und Häftlinge. Während die Häftlinge unterschreiben mussten, während des Experiments auf ihre Grundrechte zu verzichten, durften die Wärter ihre eigenen Regeln aufstellen, um im Gefängnis für Ordnung zu sorgen. Bereits nach wenigen Tagen riefen die Wärter die Häftlinge zu jeder Tages- und Nachtzeit aus dem Bett, ließen sie Liegestütze machen, nahmen Betten und Kleidung aus den Zellen und verwehrten den Häftlingen nach einem ersten Aufstand den nächtlichen Gang zur Toilette. Da das ursprünglich für 14 Tage angedachte Experiment drohte, in Schlägereien und Missbräuchen auszuarten, wurde es nach nur sechs Tagen abgebrochen.

Psychologen deuteten die Ergebnisse so: Aufgrund der Uniformität (Wächteruniform, Gefangenenuniform) und der fest zugeschriebenen Rollen, entstand ganz automatisch ein hierarchisches Machtgefälle. Während die Wärter ihre eigenen Regeln aufstellen durften, wurden den Gefangenen alle Grundrechte entzogen. Durch die Zuweisung fester Rollen seien die Menschen deindividualisiert worden. Da die Häftlinge nummeriert wurden und nicht bei Namen angesprochen wurden, entstand eine gewisse Anonymität, mit der die Bereitschaft für derartige (auch gewaltsame) Handlungen stieg.

 

Was ist ein Leben wert?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (GG §1,1)

Offenbar gilt das nicht für alle gleichermaßen. Das Recht auf Leben ist oberstes Prinzip der Menschenwürde – ein Menschenleben ist also streng genommen unbezahlbar. Dennoch sind 254 Menschen auf Twitter bereit gewesen, einen ihn unbekannten Menschen für 1.000.000 Euro zu töten. Warum? Das habe ich einen Experten gefragt:

„Allein aus der Tatsache heraus, dass der Mensch ein bindungsorientiertes Wesen ist. Wir nehmen Menschen nur bewusst wahr, wenn wir einen (emotionalen) Bezug zu ihnen haben. Evolutionsbedingt achten wir mehr auf uns selbst als auf andere. Deshalb empfinden wir ohne diese Bindungen viel weniger. Der Tod einer unbekannten Person interessiert uns deshalb viel weniger, als der Tod einer Person, die wir kennen und die Teil unseres sozialen Netzwerks war. Der Tod einer uns unbekannten Person, stellt für uns keinen Verlust dar – ihr Tod ist uns also gleichgültiger.“  »Samet Y., Psychologie an der Hochschule Fresenius München

Ist es also die mangelnde Empathiefähigkeit, die einen Menschen dazu befähigt, für eine Million Euro das Leben eines ihnen nicht bekannten Menschen zu beenden? Natürlich kann man nun argumentieren, dass man eventuell einen Sterbenskranken von seinem Leid erlöst oder die Welt vor einem Märtyrer bewahrt haben könnte… Ebenso gut könnte man aber einer Mutter das Kind genommen haben, zwei Kindern, vier und sechs Jahre alt, die Mutter, oder aber einem Liebenden den Partner.

Eine Million Euro reicher – was nun?

Doch auch der Glaube daran, auserwählt worden zu sein – rein zufällig – kann Menschen in einer solchen Lage dazu befähigen, den Knopf zu drücken. „Es hätte ja ebenso gut jemand anderes drücken können und dann wäre ich gestorben.“
Und genau so ist es. Egal, ob ihr am Anfang den Knopf gedrückt habt oder nicht, anschließend erhält den Knopf jemand, der euch nicht kennt. Im Film „The Box“ ist es übrigens so, dass die Person, die den Knopf gedrückt hat, stirbt, weil die Person, die den Knopf anschließend bekommt auch drückt. Habgier ist nicht umsonst eine Todsünde.

Solltet ihr euch auf Twitter oder zu Beginn dieses Beitrags also dafür entschieden haben, den Knopf zu drücken, kann ich euch nur gratulieren. Eure Habgier hat einen Menschen, den ihr nicht kennt, das Leben gekostet. Ihr habt nun eine Million Euro – blutig verdientes Geld, mit dem ihr euer eigenes Todesurteil unterschrieben habt. Denn von all den Befragten auf Twitter, hat sicher auch jemand den Knopf gedrückt, der euch nicht kennt.

 

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5 Gedanken zu „Was ist ein Leben wert?

  1. Der Artikel und die beiden Kommentare sind ja sehr eindeutig. Aber so klar sehe ich das nicht. Oder vielleicht sehe ich das in einer anderen Art klarer.
    Die erste Frage, die mir in den Kopf geschossen ist, als ich die Frage mit dem Knopf gelesen habe, war: „Wie viele Menschen kann ich mit 1 000 000 € retten?“ Wenn ich es in Hilfsorganisationen wie Oxfam, Brot für die Welt, oder ähnliche investiere. Oder wenn ich damit ein Medikament erforsche. Oder es in Geräte investiere, die Menschenleben retten können. Wie Cadus im Vortrag Hacking Disaster (https://media.ccc.de/v/34c3-9188-hacking_disaster) auf dem 34C3 zeigen, kann auch wenig Geld viel bewirken und viele Leben retten.

    Mein zweiter Gedanke war, ist es dafür gerechtfertigt ein Menschenleben zu opfern. Das ist eine spannende Frage. Gefühlt würde ich sagen: Nein, Menschen dürfen nie umgebracht werden, um jemand anderen zu retten. Andererseits andere Leben retten zu können ist gefühlt auch ein valides Vorgehen. Letztlich ist das Leben kein so hohes Gut, wie wir es manchmal darstellen. Todesstrafen sind zum Glück in vielen Ländern abgeschafft, Waffen werden trotzdem noch produziert, Soldaten ziehen in Kriege, wo es nicht immer um die Verteidigung von Menschenleben geht, sondern auch um Ressourcen und Macht. Und was hätten wir gemacht, wenn beim Atomunfall in Tschernobyl die Menschen nicht in die Strahlung geschickt worden wären, um den Reaktor zu verschließen? Da wurden explizit Menschenleben geopfert um andere zu retten.

    An das schlechte Gewissen habe ich nicht gedacht. Wenn ich den Knopf drücken würde, dann nur aus der Überzeugung heraus der Menschheit damit mehr zu helfen als zu schaden. Da ist das schlechte Gewissen natürlich auch nicht so groß. Aber mache ich überhaupt etwas falsch, wenn ich den Knopf drücke? Wenn mir jemand ein Messer oder eine Pistole in die Hand drücken würde, mit dem Auftrag eine bestimmte Person für 1 000 000€ umzubringen, hätte ich klar nein gesagt. Aber bringe ich jemanden in der gleichen Art um, wenn ich auf einen Knopf drücke? Dazu muss der Knopf ja etwas auslösen. Sagen wir, beim Drücken des Knopfes geht eine Lampe in einem anderen Raum an, wo dann ein Mann einen anderen Menschen erschießt. Dann würde nicht ich diesen Menschen erschießen, sondern derjenige, der den Abzug drückt. Ich würde „nur“ den Auftrag dazu erteilen. Das gibt mir eine Mitschuld, aber ist moralisch und juristisch durchaus ein großer Unterschied zum selbst erschießen. Etwas anders aber ähnlich ist es, wenn kein Mensch mehr dazwischen ist. Wenn z. B. der Mensch an einen Stuhl gefesselt ist und durch meinen Knopfdruck dann durch einen Stromschlag stirbt. Auch dann gibt es ja jemanden, der den Menschen an diesen Stuhl gefesselt hat.

    Diese Beispiele zeigen, dass es ein Gedankenexperiment ist. In der Realität wäre derjenige, der mir den Knopf bringt, bereits ein Verbrecher. Er beauftragt mich quasi gegen Geld einen Menschen umzubringen, ohne dass ich mir dabei die Hände schmutzig machen muss. Denn abgesehen vom finalen Todesstoß hat er schon alles vorbereitet und etwas gebaut, was einen Menschen auf Knopfdruck umbringen kann. Mit einem Verbrecher würde ich weder Geschäfte machen, noch ihm alles genau so glauben.

    Hinzu kämen in der Realität ja auch juristische zwänge. Es wird einem ja nicht garantiert, dass man dafür nicht irgendwann vor einem Gericht verurteilt wird. Es wurde auch nicht garantiert, dass ich durch das Drücken des Knopfes nicht selbst sterbe, oder vielleicht noch schlimmer, jemanden den ich besonders lieb habe. Wer garantiert mir denn, dass es eine mir vollkommen fremde Person ist?

    Was wäre wenn, Konstrukte sind an sich schon sehr abstrakt. Dann ist es auch noch ein Konstrukt, bei der so viele Umstände nicht definiert sind. Es wird damit sehr theoretisch, aber auch sehr schwierig sich in die Situation hinein zu versetzen. Das führt dazu, dass man leichtfertig irgendeine Antwort nimmt, ohne viel darüber nach zu denken. Man nimmt die Frage gar nicht so ernst. Vielleicht sogar so wenig ernst wie in „The Button“ (https://youtu.be/y7rzIwrEqpw).

    Kurz noch zu meiner ersten Idee. Natürlich kann man mit 1 000 000€ sehr vielen Menschen helfen. Es könnte aber auch sein, dass die Person die stirbt, in ihrem restlichen Leben noch 10 Millionen verdient hätte und davon 2 000 000€ gespendet hätte. Oder dass die Person die stirbt sonst später einen wichtigen Durchbruch in der Medizin erreicht hätte. Wenn ich wirklich vor diese Entscheidung gestellt werden würde, im Zweifelsfall würde ich einen dritten Weg nehmen: Denjenigen, der den Button bringt festhalten und verhaften lassen, den Menschen, der hätte sterben sollen, befreien und den verhafteten zu einer hohen Geldstrafe verklagen lassen, womit dann ganz vielen Menschen geholfen wird.

  2. Eigentlich sollte die Menschheit etwas gelernt haben. Gerade nach den beiden Weltkriegen und den Diskussionen um das Milgram-Experiment, die ich auch noch in den 70er und 80er Jahren mitbekommen habe.
    Diese ganze Aktion ist sowas von pervers.
    LG
    Sabienes

    1. Eigentlich… Leider haben dutzende Experimente ja das Gegenteil bewiesen…

      Ich erinnere mich da gerade an „Die Welle“, die ja durchaus auch zeigt, dass der Mensch nicht lernfähig ist, was so etwas anbelangt…

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