#AboutApril: Die nackte Wahrheit.

Im #AboutApril hattet ihr die Möglichkeit, völlig anonym Fragen zu stellen.

Im ersten Beitrag dieses Monats habe ich bereits viele Fragen beantwortet, die mich im Rahmen dieser Aktion erreicht haben. Nun geht es in die zweite Runde, denn es gab da noch ein paar Fragen, die ich am Ende des letzten Beitrages bereits angedeutet habe. Fragen, die wirklich sehr intim sind und allesamt anonym gestellt wurden. Um euch einen Überblick über die Fragen zu verschaffen, habe ich die prägnantesten bereits im Beitragsbild verwendet.

 

Die Fragen…

  • Bist du beschnitten?
  • Wie oft onanierst du?
  • Bist du bi?
  • Bist du gay?
  • Wann hattest du das letzte Mal Geschlechtsverkehr?
  • Hast du Sexspielzeug?
  • Wie erklärst du dein Sexleben?

 

Mir stellt sich nach dem Lesen dieser Fragen jedoch vorallem eine Frage: Was stimmt nicht mit denjenigen, die solche Fragen stellen?! Natürlich habe ich die Möglichkeit gegeben, anonym Fragen zu stellen, um mich besser kennenzulernen. Ich wüsste aber nicht, was die Beantwortung dieser Fragen bringen sollte, um mich besser kennenzulernen? Was bringt denjenigen das Wissen, das sie hier erfragen? Was fangen sie mit diesen Informationen an, wenn sie sie hätten? Und wenn es sie offenbar so sehr interessiert: Warum fragen sie dann anonym und nicht persönlich?

 

Wenn alle Hüllen fallen…

Erinnern wir uns kurz an den G20-Gipfel in Hamburg. Mitten in Deutschland brennen Autos, Großdemonstrationen werden mit Wasserwerfern der Polizei aufgelöst, maskierte werfen mit Steinen und Flaschen nach Polizisten und plündern Supermärkte. Ermöglicht wird all dies durch eine Maske, durch Vermummung. Das Versammlungsgesetz verbietet in §17a die Vermummung bei Demonstrationen:

„(2) Es ist auch verboten,

  1. an derartigen Veranstaltungen in einer Aufmachung, die geeignet und den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern, teilzunehmen oder den Weg zu derartigen Veranstaltungen in einer solchen Aufmachung zurückzulegen,
  2.        bei derartigen Veranstaltungen oder auf dem Weg dorthin Gegenstände mit sich zu führen, die geeignet und den                 Umständen nach dazu bestimmt sind, die Feststellung der Identität zu verhindern.“

– §17a VersG

Die Feststellung der Identität ist meiner Meinung nach zu jedem Zeitpunkt zwingend erforderlich, weil nur durch die Möglichkeit der Strafverfolgung auch zweifelsfrei alle Regeln beachtet werden. Im Internet ist dies jedoch nicht immer gegeben. Insbesondere in sozialen Netzwerken erfolgt oftmals keine Verifizierung der eigenen Identität. Mitglieder operieren anonym, können sogar problemlos die Identität einer anderen Person einnehmen. Die Anonymität im Netz ermöglicht Cybermobbing, Beleidigung, Belästigung, Volksverhetzung und Straftaten. Denn letztendlich führt sie dazu, dass Menschen eine Maske tragen und dadurch alle Hemmungen fallen. Die oben gestellten Fragen beweisen genau das!

 

Anonymität nimmt uns die Identität, das Vertrauen und die Hemmungen.

Meinungsfreiheit hin oder her – wer sich hinter der Anonymität versteckt, legt keinen Wert darauf, seine Meinung zu äußern, sondern will meistens nur eins: Ärger machen. Während Facebook zwar großen Wert darauf legt, einen realen Namen anzugeben, dieser aber nicht stimmen muss, ist es bei Twitter ohne weiteres möglich, hinter anonymen Nicknamen zu verschwinden. Selbst größere Twitterer oder auch YouTuber sind unter ihrem Alias bekannt, von vielen kenne ich den richtigen Namen nicht einmal – obwohl sie beinahe eine kleine Berühmtheit im Netzwerk sind.

Dennoch: Wer nicht erkannt werden kann, hat weniger Hemmungen. Wer keine Angst vor negativen Konsequenzen haben muss – ganz gleich ob Strafverfolgung oder Schädigung des eigenen Ansehens -, traut sich mehr. Das kann durchaus positive Effekte haben. Wer nicht aufpassen muss, was er sagt, kann geradeaus sagen, was er denkt. Somit sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.
Gleichzeitig bedeutet das jedoch auch, keine Grenzen für geistigen Durchfall. Jeder äußert seine Meinung. Ob sie dabei konstruktiv zur Debatte beiträgt oder einfach nur Hass und Wut schüren soll, ist egal. Hauptsache raus damit. Was das mit Meinungsfreiheit zu tun haben soll, weiß ich nicht genau. Wer seine Meinung kundtun möchte, sollte dafür meiner Meinung nach auch mit seinem Namen geradestehen.

Denn Anonymität nimmt nicht nur die Hemmungen und die Identität der Nutzer. Anonymität nimmt auch die Ernsthaftigkeit, die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in andere Menschen und somit auch in die soziale Plattform. Wie vertrauenserweckend wäre bitte eine Person, deren Gesicht ihr nicht erkennen könnt, wenn diese euch nachts im Park entgegenkommt?

 

Wie anonym sind wir wirklich im Netz?

Erinnern wir uns an dieser Stelle einmal an die Amokfahrt von Münster am 7. April 2018. Es waren noch nicht einmal nähere Informationen bekannt, da fingen AfD-Politiker bereits an, einen Islamisten für die Tat zu verurteilen. Menschen, die dafür plädierten, zunächst bewiesene Erkenntnisse abzuwarten, wurden von anonymen Zwergen als „Gutmenschen“ abgetan. Wenig später wurde bekannt, dass der Fahrer ein psychisch kranker Deutscher war.

 


Nachdem ich diesen Tweet (nebenbei bemerkt unter meinem vollständigen Namen) auf Twitter geschrieben hatte, erreichte mich wenig später eine anonyme E-Mail.

 

 

 

Sehen wir an dieser Stelle einmal von den Rechtschreibfehlern ab, ist es auch hier die Anonymität des Internets, die Menschen scheinbar dazu befähigt, Dinge zu sagen, die sich – meiner Meinung nach – nicht gehören. In diesem Fall wurde mir und meiner Familie der Tod gewünscht.

Die Anonymität im Netz schützt die Identität der Personen zwar vor „einfachen“ Nutzern, vorm Internetprovider und/oder Behörden jedoch nicht. Im Gegenteil: Das Internet ist der unanonymste Raum überhaupt. Zwar gibt es kein Gesetz, dass Klarnamen im Netz vorschreibt, über die IP-Adresse kann der Nutzer jedoch dennoch eindeutig identifiziert und ermittelt werden.

 

Zurück zu den Ausgangsfragen…

Es bleibt mir ein Rätsel, was es Menschen bringen soll, solch prägnante Informationen über mich zu haben. Ich bin bei Weitem kein Unschuldsengel, aber warum fragt man solche Dinge anonym? Ich verstehe den Sinn dahinter nicht. Verstehe nicht, warum man so etwas über mich wissen möchte und wäre wirklich interessiert daran, WER so etwas von mir wissen möchte.

Halten wir also abschließend fest: Anonymität kann Grundlage für Kreativität sein, nimmt aber gleichzeitig Vertrauen und löst Hemmungen. Doch anonymes Verhalten muss in sozialen Netzwerken nicht mehr ungestraft bleiben. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz soll die Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken deutlich erleichtern und somit auch anonymen Nutzern ein wenig Einhalt gebieten. So sollen insbesondere anonyme Hetze und die Verbreitung von Fake News im Internet eingeschränkt werden.

Ich denke, es gibt Gründe, im Internet möglichst anonym auftreten zu wollen. Wer allerdings Wert darauf legt, seine Meinung zu äußern und ernst genommen zu werden, sollte sich vielleicht überlegen, ob er sein Gesicht dabei wirklich unter der Maske der Anonymität verbergen will. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht mit solchen Fragen gerechnet hatte. Aber letztendlich war der #AboutApril ein Experiment, das auf meinem Blog nicht nur dazu geführt hat, dass ihr mich besser kennenlernen könnt, sondern das auch die Problematik der Anonymität im Internet und damit eine langumstrittene Debatte aufgezeigt hat.


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1 Gedanke zu „#AboutApril: Die nackte Wahrheit.

  1. Ach Kevin, schade dass das ein so emotionaler Artikel geworden ist. Ich finde die Fragen nicht so schlimm, auf jeden Fall aber erwartbar. Und sie ermöglichen es ja auch dich besser kennen zu lernen.
    Ich hätte mich schon für die Antworten interessiert, auch wenn ich die Fragen nicht eingereicht habe (wobei, bei einer bin ich mir unsicher).
    Deiner Thematisierung der Anonymität muss ich widersprechen. Nach einigen Erfahrungsberichten die ich gehört habe, ist der Anteil der Menschen, die mit ihrem Klarnamen pöbeln, beleidigen oder mobben recht hoch. Auch die Identität von Stalkern ist oft bekannt. Das Problem ist im Internet ein anderes. Wenn du chattest hast du keinen Menschen vor dir. Deswegen ist es einfacher einen wütenden Beschwerdebrief zu schreiben, als das Anliegen persönlich vorzutragen.
    Anonymität hingegen finde ich wichtig und sollte im Internet noch mehr gelebt werden. Wenn ich in einem Restaurant essen gehe, muss ich meinen Namen nicht nennen. Wenn ich mit Freunden bei Facebook quatsche schon, warum eigentlich? Meine Freunde wissen doch wie ich heiße, warum muss Facebook das wissen? Anonymität ist auch wichtig für z. B. Whistle-blower und politisch verfolgte, insbesondere in Diktaturen. Aber auch, damit sich Menschen trauen, was sie unter Klarnamen nicht machen würden. Suchtberatung, Hilfsangebote gegen Mobbing oder bei ungewollten Schwangerschaften, AIDS Tests, …
    Es gibt viele Angebote, die einige Menschen nicht besuchen würden, wenn sie es nicht anonym nutzen könnten. Deswegen ist Anonymität (auch) im Netz wichtig und sollte stärker gefördert werden.

    Jetzt haben wir ja aber doch etwas über dich gelernt: Du bist nicht bereit über Sex in der Öffentlichkeit/im Internet zu reden. Solche Fragen sind nicht ungewöhnlich, wie gesagt, die werden ständig gestellt, anonym, pseudonym oder mit Namen. Es ist durchaus irgendwie ein Tabu Thema, aber ich glaube deshalb wird danach auch so oft gefragt. Jeder versucht sich ja einzuordnen. Dazu vergleichen wir uns mit anderen. Ob wir dicker, intelligenter, stylischer oder sonst wie hervor stechen. Wo sind wir gut und wo schlecht. Beim Sex ist das schwierig. Habe ich oft Sex, wenn ich zwei Mal im Monat mit jemandem schlafe? Woher soll ich das wissen, wenn ich nicht mit anderen darüber rede? Ich merke immer wieder in Gesprächen, dass viele Menschen unsicher werden, wenn es um Sex geht. Daher müssen wir mehr über Sex reden. Früher gab es auch mehr FKK. Das mag erstmal albern klingen, aber woher wissen wir denn, wie nackte Menschen aussehen? Wir sehen doch nackte sonst nur in der Werbung, in Filmen oder ähnlichem. Und da sind es meißt sehr trainierte, ggf. bearbeitete Körper. Wo bekommen wir denn da ein realistisches Bild, eine realistische Einschätzung unseres eigenen Körpers?
    Auch das mit dem Schwul oder Bi sein. YouTuber bekommen die Frage ob sie schwul sind wohl alle mal in den Kommentaren gestellt. Vielleicht hast du ja Schwule Leser, die gerne wüssten, oder da was bei dir geht, oder weibliche Leser, die ausschließen wollen, dass so ein gut aussehender Blogger nicht vom anderen Ufer ist. Eine Boyband ist der Frage mal gut ausgewichen. Die meinten sie würden das nicht sagen, weil sie keine der Fan Gruppen enttäuschen wollen. Und es gibt natürlich auch noch die Hater.
    Ich verstehe ja, dass du da nicht drüber reden willst. Ein wichtiges Thema ist Sex trotzdem. Wenn du dich dazu nicht äußern willst, hätte ich es konsequenter gefunden einfach zu sagen „das möchte ich nicht veröffentlichen“ oder „die Frage ist mir zu privat“. Das vergessen wir leicht, man muss auf Fragen nicht immer antworten.

    Ich denke die Menschen, die dir diese Fragen gestellt haben, waren ganz normal Menschen, mit denen alles in Ordnung ist. Sie haben das vielleicht gefragt, um sich selbst besser einzuordnen, um ihre Chancen bei dir auszuloten oder weil sie einfach neugierig waren. Nichts, worüber man sich aufregen müsste.

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