M wie Mein Kind im Netz

Heutzutage wachsen Kinder in einer digitalisierten Welt auf. Aber gibt das Eltern das Recht, Kinderfotos im Netz zu Posten?

Deutschland ist ein Datenschutz-Land. Beinahe paranoid schützen wir unsere Daten, kleben die Webcam am Laptop ab, ja posten nicht einmal Fotos, auf denen man unser Gesicht sieht. Auf der anderen Seite gibt es Eltern, die ihr Kind nahezu in den Sozialen Netzwerken präsentieren, ein Kinderfoto nach dem anderen hochladen – ob auf dem Fußboden krabbelnd mit Playmobilfigur im Mund oder splitterfasernackt im Plantschbecken. Das kann so doch nicht richtig sein, oder? Ein Dilemma zwischen den Freiheiten und dem Bestimmungsrecht der Eltern und den Rechten ihrer eigenen Kinder.

Der Stolz der Eltern

RitaE / Pixabay

Babys sind etwas Tolles, sind sie doch der Keim unserer Gesellschaft, der Teil, der die Menschheit fortbestehen lässt. Mama und Papa lieben ihr Baby und sind ganz besonders stolz darauf: Auf die erste Nacht, die durchgeschlafen wird, das erste Zähnchen, die ersten Schritte, das erste „Mama“ oder „Papa“. Eltern sind stolz auf die ersten Schwimmversuche im Plantschbecken, der erste Gang zum Töpfchen und das vollgeschmierte Gesicht. 

Eine Sekunde nicht nachgedacht, schon ist das Kinderfoto im Netz. Es wird geteilt, retweetet, von Suchmaschinen gelistet und in Online-Archiven gespeichert, heruntergeladen, ausgedruckt und vervielfältigt. Plötzlich weiß man gar nicht mehr, wo das eigene Foto gelandet ist und wer es alles sehen kann. Es dann noch endgültig aus dem Netz zu löschen, ist beinahe unmöglich.

 

Das Internet vergisst nie...

Zwar meinen die Eltern das überhaupt nicht böse, aber sie denken in diesem Moment auch nicht daran, was sie ihrem Kind in Zukunft vielleicht einmal antun. Einmal im Internet gelandet, ist es kaum noch möglich, das Bild komplett wieder aus diesem riesigen Daten-Ozean zu entfernen. Bilder entwickeln im Internet ein Eigenleben, entreißen sich deiner Kontrolle.
Klar, es ist wohl der SUPER-GAU, das Kinderfoto plötzlich auf irgendeiner anderen Website wiederzufinden, aber denken wir einmal etwas positiver. Mit dem Bild passiert zunächst einmal nichts. Es ist ein süßes Kinderfoto, das du nach zehn oder elf Jahren in den Tiefen deines Bilder-Ordners vergessen hast. Dein Kind geht inzwischen zur Schule, kommt in die Pubertät. Eine schwierige Zeit – auch für Eltern.

Zufällig ist der Vater eines Klassenkameraden mit dir auf Facebook befreundet. Und zufällig findet er ein Bild, wie dein Wonneproppen seine ersten Züge im Plantschbecken zieht – splitterfasernackt. Und wie es der Zufall so will, wird das Foto ein paar Tage später ausgedruckt mit in die Schule gebracht. Pubertierende Kinder können so grausam sein.

Dürfen Eltern rein rechtlich Bilder ihrer Kinder posten?

Eltern denken gar nicht über diese Frage nach. Sie sind erziehungsberechtigt. Sie können über den Aufenthalt des Kindes bestimmen. Sie bestimmen über den Umgang. Warum also nicht auch über den Verbleib der Bilder? Die Initiative „Schau Hin!“ beschäftigt sich in dieser Blogparade mit genau dieser Frage. Dürfen Eltern die Fotos ihrer Kinder einfach ins Internet stellen?

Damit greift die Initiative eine Frage auf, die seit einiger Zeit die Geister spaltet. Während die Einen beinahe im Minutentakt Bilder ihrer Kinder ins Internet stellen, fangen die Anderen beinahe im selben Rhythmus an, diese Bilder zu kritisieren. Zu Recht!

Auch Kleinkinder haben das Recht am eigenen Bild. Theoretisch...

Obwohl Kleinkinder wohl kaum in der Lage sein dürften, dieses Recht auszuüben und sich noch nicht einmal über mögliche Konsequenzen im Klaren sein dürften, besitzen sie – rein rechtlich gesehen – das Recht am eigenen Bild. Das bedeutet, das Eltern die Kinderfotos ausschließlich dann ins Netz stellen dürfen, wenn die Person, die auf dem Foto gezeigt wird, ausdrücklich damit einverstanden ist (vgl. §§22 & 23 KunstUrhG). 

geralt / Pixabay

Aber: Weil Säuglinge und Kleinkinder eben noch nicht darüber entscheiden können, ob sie das Bild veröffentlichen wollen oder nicht, wird dieses Recht stellvertretend auf die Erziehungsberechtigten übertragen. Eltern dürfen also darüber entscheiden, ob das Kinderfoto im Internet veröffentlicht wird oder nicht. Erst ab einem Alter von mindestens sieben Jahren ist ein Kind dazu berechtigt, ebenfalls über die Veröffentlichung von Fotos zu bestimmen. Dann bedarf es bis zur Volljährigkeit sowohl die Einverständnis der Erziehungsberechtigten als auch die des abgebildeten Kindes.

Nach der Edathy-Affäre wurden jedoch noch weitere Gesetze verschärft, die hier Anwendung finden könnten:

§201a StGB: Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen

(1) Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer

1. von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, unbefugt eine Bildaufnahme herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt,

2. eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt,

3. eine durch eine Tat nach den Nummern 1 oder 2 hergestellte Bildaufnahme gebraucht oder einer dritten Person zugänglich macht oder

4. eine befugt hergestellte Bildaufnahme der in den Nummern 1 oder 2 bezeichneten Art wissentlich unbefugt einer dritten Person zugänglich macht und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt.

(2) Ebenso wird bestraft, wer unbefugt von einer anderen Person eine Bildaufnahme, die geeignet ist, dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden, einer dritten Person zugänglich macht.

(3) Mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine Bildaufnahme, die die Nacktheit einer anderen Person unter achtzehn Jahren zum Gegenstand hat,

1. herstellt oder anbietet, um sie einer dritten Person gegen Entgelt zu verschaffen, oder

2. sich oder einer dritten Person gegen Entgelt verschafft.

Gut gemeint, schlecht gemacht

Peinliche Kinderfotos, die von den Eltern ins Netz gestellt wurden, können also nicht nur rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, sondern dem eigenen Kind auch so richtig die Jugend versauen. Die Bilder werden insbesondere von heranwachsenden Teenagern in der Schule gern als Druckmittel und zum Mobbing verwendet und machen den ach so geliebten Kindern damit das Leben schwer.

Das war mit Sicherheit niemals und zu keinem Zeitpunkt die Absicht der Eltern, dennoch werden sie allein durch das Posten eines Kinderfotos womöglich zum Auslöser solcher Attacken. Zum Zeitpunkt des Bildes mögen die Bilder dem Kind nicht peinlich sein. Doch weil das Internet niemals vergisst, können eben diese Bilder das Kind in seiner Zukunft immer wieder einholen und so führen insbesondere die peinlichen, vermeintlich lustigen Fotos zum Desaster.

 

Auch die Privatsphäre-Einstellungen schützen das Bild nicht

Wer ernsthaft glaubt, nur die eigenen Follower würden das Bild sehen, wenn es im privaten Album hochgeladen wird, der irrt. Längst schwirrt das Foto irgendwo in den Weiten des Internets herum, unerreichbar für Eltern und das abgebildete Kind. Eines Tages wird das Kind auf grauenvolle Art und Weise an diesen vermeintlich lustigen Moment erinnert. Irgendwann wird das peinliche Kinderfoto auf den Tisch gelegt. In der Schule. Beim Vorstellungsgespräch.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle an alle Eltern appellieren. Behaltet insbesondere die peinlichen Fotos eurer Kinder für euch. Zeigt sie euren Freunden und Verwandten im Fotoalbum. Stellt euch stets die Frage: Hättet ihr gewollt, dass die ganze Welt solche Fotos von euch sieht?

Wir leben in einer digitalisierten Welt. Doch all die Kinder, die in dieser Welt aufwachsen, werden früh genug mit ihr in Berührung kommen. Ganz ohne peinliche Kinderfotos im Netz.


Quellen: klicksafe.de, ggr-law.com, schau-hin.info

1 Gedanke zu „M wie Mein Kind im Netz

  1. Lieber Kevin,

    habe grad über schauhin zu dir gefunden, weil du so viele Klicks hast. Hab dein Blog noch gar nicht gekannt.

    ich verstehe die ganze Aufregung wegen Kinderfotos im Netz und bin auch der Meinung, dass man seine privaten Bilder nicht öffentlich teilen sollte. Allerdings würde ich mir als Arbeitgeber ins eigene Fleisch schneiden, würde ich Kinderfotos meines Bewerbers auf den Tisch legen. Das wäre äußerst unseriös. Dass Geister gespaltet werden, ist irgendwie lustig. 😀

    Alles Gute für dein Lehramtsstudium. Da hast du ja noch einiges vor. 😀

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