Homosexualität in der Öffentlichkeit

Seit Oktober 2017 dürfen auch gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland heiraten - doch "normal" ist Homosexualität noch längst nicht.

Es war eine Gewissensentscheidung im Bundestag, die letztendlich in Deutschland zur „Homo-Ehe“ führte. Doch noch immer wird Homosexualität geächtet, in anderen Ländern der Welt noch stärker als bei uns. In Saudi-Arabien, im Sudan, Jemen, im Iran, im Irak, in Teilen Somalias, Nordnigeria und in Teilen von Syrien steht die Todesstrafe auf Homosexualität. In vielen Ländern Afrikas und Südwestasiens drohen langjährige Haftstrafen. Auch in Russland gilt seit einigen Jahren ein Propaganda-Gesetz, das Homosexualität in der Öffentlichkeit mit Haftstrafen bestraft.

Obwohl gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland inzwischen auch heiraten dürfen, sind sie noch immer nicht vollständig gleichgestellt, werden teilweise immer noch gesellschaftlich geächtet und nicht vollständig toleriert. Rassismus in Deutschland: Entweder er ist gegen Ausländer gerichtet oder gegen Homosexuelle.

Doch wir verzeichnen auch positive Meilensteine in Bezug auf Homosexualität in Deutschland und Europa. 2018 gibt es in Europa rund 240 Veranstaltungen des Christopher Street Days, 134 liegen davon noch vor uns (Alle Termine gibt’s hier).

Was ist der Christopher Street Day?

rena29 / Pixabay

Der Christopher Street Day (kurz: CSD) ist eine Demonstration für die Rechte von LGTBI – also Lesben, Schwulen, Trans-, Bi- und Intersexuellen – und gegen Diskriminierung und Beleidigung selbiger. Seinen Ursprung hat der CSD im New York der 1960er Jahre, wo Polizisten immer wieder Razzien in Schwulen- und Lesbenbars durchführten, die meisten gewaltsam abliefen.

1969 stießen die Polizisten erstmals auf gewaltsamen Widerstand. Ziel der Demonstration war eine Schwulenbar in der Christopher Street, die dem Christopher Street Day seinen Namen gab. Im selben Jahr wurden in Deutschland noch 50.000 Männer wegen Homosexualität verurteilt. Der Paragraph 175, ein Überbleibsel aus dem Nationalsozialismus, wurde dann gelockert. 1979 fand der erste CSD in Deutschland statt. An ihm nahmen gerade einmal 400 Teilnehmer in Berlin teil. 1994 wurde der §175 vollständig abgeschafft. Im selben Jahr nahmen rund 15.000 Menschen an der Parade in Berlin teil.

Homosexualität in den Medien

Beginnen wir hier einmal mit einem uralten Medium: Dem Buch. Genauer gesagt: Dem Buch der Bücher. Denn in der 

Bibel steht im 3. Buch Moses: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.“ Eine Auslegung, die früher durchaus Anwendung fand.

Inzwischen wird das Thema recht unterschiedlich beleuchtet. Es gibt viele, zum Teil auch echt gute, Filme, die das Thema Homosexualität behandeln:

  • Sommersturm, 2004
  • Brokeback Mountain, 2005
  • Freier Fall, 2013
  • Prayers for Bobby, 2009
  • Die Mitte der Welt, 2016

Die Filme zeigen jedoch auch: Homosexualität geht mit Problemen einher. Man muss sich verstecken, eckt in der Gesellschaft noch immer an. Man stößt auf Abscheu und Unverständnis. Nachrichten zeigen Homosexuelle häufig als schrille Paradiesvögel, bunt, mit Glitzer, nackter Haut und Schminke. So sind einige – doch längst nicht alle. Homosexuelle vögeln sich durch die Weltgeschichte, haben Geschlechtskrankheiten und übertragen diese, weil sie ungeschützten Sex haben. So sind einige – doch längst nicht alle.

Leider ist das das Bild, das häufig von Nachrichtensendungen, Sozialen Netzwerken und Zeitungen vermitteln wird. Die Aktivisten und all die wichtigen und wertvollen Nachrichten hinter dem CSD gehen oftmals im Trubel unter. Das ist der Grund, warum selbst unter Homosexuellen der Ursprung und die eigentliche Botschaft des CSDs nicht mehr immer bekannt ist. Laute Musik, bunte Paraden und Feiern, Saufen, Ficken wird häufig mit dem eigentlichen Sinn solcher Demonstrationen verwechselt.

Transsexualität ist eine Krankheit

Bis zum Jahr 1990 stand Homosexualität auf der Liste der psychischen Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Am 17. Mai 1990 entfernte die WHO Homosexualität von dieser Liste und prägte so den 17. Mai als internationalen Tag gegen Homophobie. Anders ist es jedoch bei Transsexualität und Transvestitismus. Die ICD-10 (Internationale Klassifizierung von Krankheiten) führt Transsexualität und Transvestitismus bei den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen auf.

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Störung der Geschlechtsidentität

 

F64.0 Transsexualismus

 Der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen.
 

 F64.1 Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechterrollen

Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung, um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben. Der Wunsch nach dauerhafter Geschlechtsumwandlung oder chirurgischer Korrektur besteht nicht; der Kleiderwechsel ist nicht von sexueller Erregung begleitet.
 
Quelle: icd-code.de

ICD-10

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Internationale Klassifikation psychischer Störungen

Für trans- und intergeschlechtliche Menschen bedeutet das in Deutschland, dass es keine rechtliche Anerkennung für ihre geschlechtliche Identität gibt. In Deutschland gibt es deshalb im Bezug auf Geschlechteridentität noch einiges zu tun. Insbesondere mit Blick auf eine gewisse Partei, die derzeit drittstärkste Kraft im Bundestag ist und sich nach einem Rückschritt zu Zeiten sehnt, in denen auch Homosexuelle verfolgt, weggesperrt und ermordet wurden.

Homophobie ist also keinesfalls ein vergangenes Problem. In den Köpfen sehr vieler Menschen sind Ekel und Abstoßung fest verankert. Umdenken lässt sich nun einmal leider nicht per Gesetz regeln.

Das Coming-Out ist nie zu Ende

Die Erfahrungen, die Homosexuelle, Transvestiten, Intersexuelle* beim Coming-Out erleben, sind auch in Deutschland sehr durchmischt. Nicht selten führt das Outing zur sozialen Verachtung und zur Abstoßung und Isolation. 

Abhängig ist dies auch davon, wo Betroffene leben, wie alt sie sind, welchen Stand sie in der Gesellschaft einnehmen, ob sie aus einer religiösen Familie kommen und welche anderen sozioökonomischen Hintergründe vorliegen.

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»Viele Leute denken ja, man hat sein Coming-Out und dann ist alles geklärt.

Die Wahrheit ist: Man outet sich JEDEN Tag und mit JEDEM Menschen, den man kennenlernt. Mit der Zeit wird das einfacher, klar. Aber es hört nie auf.«

norman

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@deinTherapeut via Twitter

Und während man in anderen Ländern verfolgt, verhaftet oder zu Tode verurteilt wird, wenn man sich outet, führt Homophobie auch in Deutschland noch immer zu Diskriminierung und sogar Gewalt. So wurden beispielsweise im Mai Männer in Berlin homophob beleidigt und mit Steinen beworfen. Im März wurde ein schwules Pärchen mit einem Messer attackiert – hier in Deutschland.

Auch der Bruch mit der eigenen Familie ist eine häufige Folge des Coming-Outs. Meiner Meinung nach nach körperlicher Gewalt eine der schlimmsten Folgen, dient die Familie doch normalerweise der Unterstützung und als Rückzugsort. Deshalb finde ich, dass die Politik hier noch einiges zu tun hat. Es wird immer gesagt, dass jeder Mensch vor dem Gesetz gleich ist, dennoch hat nicht jeder Mensch dieselben Rechte. Und dann kommt Anfang des Monats eine CDU-Politikerin aus Sachsen daher und fordert von Homosexuellen Dankbarkeit! Demnach sollten Homo-, Bi- und Transsexuelle „einfach mal dankbar sein“.

Wenige Tage später hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Homosexuellen um Vergebung gebeten. Nicht direkt im Bezug auf die Äußerungen der CDU-Politikerin Daniela Kuge (CDU), sonder mit Rückblick auf die deutsche Geschichte und die Diskriminierung und Verfolgung von Homosexuellen: „Der deutsche Staat hat all diesen Menschen schweres Leid zugefügt“, er bitte um Entschuldigung „für all das geschehene Leid und Unrecht und für das lange Schweigen, das darauf folgte“.

Fest steht jedoch: Es gibt noch viel zu tun. Solange es homophobe Gewalt gibt, Schwule beschimpft und verprügelt werden und ihre Identität verstecken müssen, ist Homosexualität alles, aber nicht „normal“.

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»Wir können uns nicht zufrieden zurücklehnen, wenn homophobe Beleidigungen heute wie selbstverständlich auf dem Schulhof zu hören sind.«

Frank-Walter Steinmeier

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Bundespräsident, Mai 2018

2 Gedanken zu „Homosexualität in der Öffentlichkeit

  1. Hey Kevin,
    auch wenn ich mit den einzelnen Punkten teilweise nicht ganz überein stimme, hast du es in meinen Augen sehr gut verstanden verschiedene Aspekte zusammen zu tragen und dadurch einen guten Rundumblick zu ermöglichen.

    Ich kenne mich mit der rechtlichen Seite von Transsexualität nicht besonders gut aus, aber wie PAS schon gesagt hat, ist es wichtig, dass Krankenkassen für solche Operationen zahlen. Hier ist das vielleicht auch eine Frage des Begriffs „Krankheit“, der ja auch bei Menschen mit Behinderungen sehr umstritten ist. Letztlich geht es darum Transidente Menschen nicht aus zu grenzen, sondern sie wie normale Menschen zu behandeln (das gilt natürlich für alle LGBT+-Gruppen). Aber Transidente Menschen leiden meist schon darunter dass ihr Körper nicht dem gefühlten Geschlecht entspricht. Dieses Leid kann man (denke ich) schon als Krankheit sehen, die man durch die geschlechtsangleichenden Operationen, Hormone und co mildern oder „heilen“ kann. In sofern ist nicht die Transidentität selbst die Krankheit, die behandelt wird, sondern die daraus ggf. resultierenden Probleme mit dem eigenen Körper.

    Wegen dem Bibelzitat aus Lev 18,22 (Lev 18,22 = 3. Buch Mose, Kapitel 18, Vers 22), da hast du dir ja eine besonders martialische Übersetzung heraus gesucht. Andere Übersetzungen formulieren das deutlich milder. Das Buch ist teil der jüdischen Thora und des christlichen alten Testamentes und enthält größtenteils Regeln für Priester. Es enthält unter anderem auch sehr absurde Regeln z. B. zur Bartpflege oder dass Stoffe nicht aus 2 unterschiedlichen Materialien sein dürfen (Polyester und Baumwolle mischen geht also danach auch nicht). Der Vers wird daher leider aus dem Kontext gerissen oft gegen homosexuelle verwendet. Die Evangelische Kirche hat aber beispielsweise eine viel offenere Haltung zur Homosexualität. Hier ist in vielen Landeskirchen in Deutschland selbst das Heiraten erlaubt, dass dann wie bei unterschiedlich geschlechtlichen Ehen ins Kirchenbuch eingetragen wird usw.

    Die einzige stelle im Islam, die sich gegen Homosexualität richtet ist übrigens die Geschichte von Lot bzw. von Sodom und Gomorra, die sich auch in der christlichen Bibel und jüdischen Thora wieder findet. Kurz erzählt passiert da folgendes: Lot hat Besuch von drei Engeln (in Form von Männern), die Menschen von Sodom und Gomorra kommen zu ihm um die Männer zu vergewaltigen. Lot sagt, „nein, das sind meine Gäste, vergewaltigt doch meine Töchter“. Die Leute sagen, „nein, rücke die Männer raus“. Gott zerstört die Städte, wegen ihrer Sünden, lässt Lot’s Familie aber entkommen. Danach schlafen Lot’s Töchter mit ihrem Vater und werden schwanger.
    Als wäre diese Geschichte nicht absurd genug, wurde die Geschichte so interpretiert, dass Männer, die mit Männern Sex haben, Sünder sind. Man hätte stattdessen auch interpretieren können, dass Männer, die Männer vergewaltigen Sünder sind, oder dass Männer, die Sex mit Engeln haben Sünder sind, oder dass Männer, die Engel vergewaltigen Sünder sind, aber das war wohl nicht naheliegend genug. Komisch ist dann aber irgendwie, dass es für Gott in der Geschichte okay zu sein scheint, wenn Frauen vergewaltigt werden, oder dass die Töchter mit ihrem Vater schlafen.

    Naja, lassen wir diese absurden Geschichten. Bei Religionsgemeinschaften ist jedenfalls auch noch einiges an Veränderung notwendig, dass diese toleranter werden. Gerade bei den katholischen, orthodoxen und freien Kirchen und vor Allem im Islam ist da noch viel zu tun. Aber selbst bei den Ev.-Luth. gibt es noch einiges zu tun. Ich habe gehört, dass es auch im Jugendtum solche und solche Strömungen gibt. Nicht nur die Gruppe der Atheisten steigt, auch die religiösen Menschen gehen kritischer mit ihrer Religion um. Insofern bin ich zuversichtlich, dass das Problem religiöser Engstirnigkeit über die Zeit abnehmen wird.

  2. Hallo Kevin,

    wie immer ein sehr informativer Artikel.

    Was den ICD-10 angeht, ist die Überschrift „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ sicherlich missverständlich bzw. unglücklich gewählt worden, denn eigentlich handelt es sich bei diesem Verzeichnis um eine Sammlung von Diagnoseschüsseln. Bestes Beispiel hierfür ist die Aufführung des Kapitels „Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett“. Hier findet sich unter O 080 die „Spontangeburt eines Einlings“, die sicherlich niemand als eine Krankheit ansieht.
    Allerdings wird es eine Neuerung im ICD-11 geben, die am 18.06.2018 veröffentlicht wurde und am 01.01.2022 in Kraft treten soll. Hier wird „Trans*“ nicht mehr als psychische Störung aufgeführt sondern erhält ein eigenes Kapitel „Conditions related to sexual health“. Die weiterhin geplante Aufführung im ICD-11 hat aber keine diskriminierenden Gründe, genausowenig wie jetzt im ICD-10.

    „Trans*“ als auch die „Spontangeburt eines Einlings“ wird in den ICDs aufgeführt, um einen Diagnoseschlüssel für die Abrechnung mit der Krankenversicherung zur Verfügung zu haben. Eine geschlechtsangleichende Operation wäre ohne den ICD-10-Schlüssel: F 64.0 nur für die finanziell Bessergestellten möglich, was dann zur Diskriminierung der finanziell schwächeren Personengruppe geführt hätte. Wie du siehst, ist nicht alles auf den ersten Blick negativ sondern wird von einigen Medien lediglich negativ dargestellt.

    Dennoch gebe ich dir recht, was die Akzeptanz dieser Personengruppen angeht, ist weiterhin noch viel Aufkärungsarbeit notwendig.

    Mit freundlichen Grüßen
    PAS

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