Digitalisiertes Deutschland – Ein Armutszeugnis

Die digitale Infrastruktur Deutschlands ist ein Armuts-zeugnis für dieses Land.

Es war jene Pressekonferenz im Juni 2013, US-Präsident Obama war gerade zu Besuch in Berlin, da sagte Kanzlerin Merkel: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Ein Zitat, für das die Kanzlerin viel Spott von den sogenannten Digital Natives erntet, die das Internet schon längst entdeckt hatten. Kein Wunder, schließlich ist das Internet noch älter als ich. Schließlich gibt es das öffentlich zugängliche Internet bereits seit August ’91.

Dennoch hat sich seitdem nicht wirklich etwas getan. Funklöcher und schlechtes Netz prägen auch nach über 25 Jahren noch immer das deutsche Bundesgebiet – Folgen der miserablen digitalen Infrastruktur des Landes. Und das, obwohl sich das Land als postindustrielles Land mit einer der höchsten Entwicklungen weltweit bezeichnet. Laut Human Development Report der Vereinten Nationen befindet sich Deutschland weltweit auf Platz 4 der menschlichen Entwicklung – hinter Norwegen, Australien und der Schweiz.

Im Ranking der digitalen Wettbewerbsfähigkeit, das vom IMD World Competitiveness Center aufgestellt wurde, steht Deutschland jedoch nur auf Platz 15, noch hinter Ländern wie Israel und Taiwan. Dabei ist die mobile Internetverbindung so wichtig wie nie zuvor. Die Europäische Kommission fand heraus, dass im Jahr 2016 in 69% der europäischen Haushalte mindestens eine Person mit mobilem Internetzugang lebte. 2014 waren es nur 48%, die Tendenz steigt also. Deutschland lag laut Publikation der Europäischen Kommission im Jahr 2016 mit 68% sogar noch unter dem EU-Durchschnitt.

Nun ist die Frage: Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Nutzen weniger Leute als im EU-Schnitt mobiles Internet, weil die digitale Infrastruktur des Landes nicht flächendeckend ausgebaut ist? Oder wird diese nicht ausgebaut, weil weniger als drei Viertel eine mobile Internetverbindung nutzen?

 

Deutschland als postindustrielles Land

Den Entwicklungsstand eines Landes kann man an vielerlei Faktoren messen: Ökonomische und ökologische Merkmale, demographische und gesundheitliche Merkmale sowie soziokulturelle und politische Merkmale. In der Wissenschaft werden verschiedene Methoden verwendet, um den Entwicklungsstand von Ländern einzuschätzen.

Der Human Development Index

Eine der am meist verbreitetsten Methoden zur Einteilung der Entwicklung ist der Human Development Index (kurz: HDI). Er gilt als Wohlstandsindikator und bildet den ökonomischen Entwicklungsstand, den Bildungsstand und den Gesundheitszustand eines Landes ab. Dafür bedient er sich des Bruttoinlandsprodukts per Kopf, der Alphabetisierungsrate, sowie der Lebenserwartung. Der maximal zu erreichende HDI-Wert liegt dabei bei 1, der aber in der Realität nicht vorkommt.

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Niedrig entwickelte Länder weisen einen HDI von <0,550 auf. Sie gelten in vielerlei Aspekten als unterentwickelt und nicht industrialisiert. Länder wie Syrien, Tansania, der Sudan, Afghanistan und die Zentralafrikanische Republik gehören zu dieser Kategorie, die häufig als „Dritte Welt“ oder sogar „Vierte Welt“ bezeichnet werden. 

Merkmale der Unterentwicklung sind häufig eine hohe Geburtenrate und ein damit verbundenes, schnelles Bevölkerungswachstum bei fehlender Bildung und Alphabetisierung und mangelhaftem Sanitärzugang. Durch ein fehlendes Gesundheitssystem gibt es eine hohe Kindersterblichkeit und eine eher geringe Lebenserwartung.

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf stammt zum Großteil aus dem landwirtschaftlichen Sektor.

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Die Länder der mittleren Entwicklung umfassen neben Pakistan, Indien auch Indonesien, Irak und Ägypten und somit Länder, die anfangen, eine Industrie auszubilden oder von ausländischen Direktinvestitionen profitieren und so wachsen können. Häufig sind sie deshalb günstiges Touristenziel (z.B. Ägypten) oder produzieren günstige Textilien (z.B. Indien). 

Das Bruttoinlandsprodukt stammt größtenteils aus der produzierenden Industrie (Textilien, …). Geprägt sind diese Länder weiterhin von hoher Arbeitslosigkeit, eine unzureichende Infrastruktur und ein starkes Zentrum-Peripherie-Gefälle. Diesen Entwicklungsstand zeichnet ein HDI zwischen 0,550 und 0,7 aus.

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Der weltweite HDI-Durchschnitt liegt bei 0,717 und fällt damit in die Kategorie der High Developed Countries. Mit einem HDI zwischen 0,7 und 0,8 gehören Länder wie die Malediven, Tunesien, China, die Türkei, die Ukraine und Bulgarien in diese Kategorie.
Sie bilden eine umfangreiche Industrie aus und produzieren häufig bei einem geringen Lohnniveau, sodass Exportprodukte zu Dumpingspreisen auf den Weltmarkt gelangen. So konnte sich „Made in China“ weltweit etablieren.
Länder wie diese befinden sich im wirtschaftlichen Aufschwung und verzeichnen ein schnelles Wirtschaftswachstum, aber auch hohe CO2-Emissionen.
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Länder mit einem HDI >0,8 sind beispielsweise Russland, die Vereinigten Staaten von Amerika, Deutschland, Norwegen und viele weitere Länder der nördlichen Hemisphäre. Norwegen liegt an der Spitze mit einem HDI-Wert von 0,949. Die Länder mit sehr hoher menschlicher Entwicklung haben der produzierenden Industrie häufig bereits den Rücken zugekehrt und sich auf hochwertige, weiterverarbeitende Industrien und Dienstleistungen spezialisiert. 

Während die Länder mit geringer Entwicklung Investitionen erhalten, sind diese Länder zumeist die Geber von Entwicklungshilfen. 

Entwicklungsstände

Weitaus geläufiger sind Termini wie „Globaler Süden“ und „Entwicklungsland“. Auch in der deutschen Entwicklungspolitik sind „Entwicklungsland“, „Schwellenland“ und „Industrieland“ gängige Bezeichnungen, die aufgrund des Mangels an deutschen Entsprechungen zu englischen Begriffen entstanden sind.

Entwicklungsländer entsprechen den englischen Bezeichnungen „Less developed Countries“ und „Least Developed Countries“ und ist in der deutschen Entwicklungspolitik das entsprechende Pendant hierzu, da man „Länder mit geringer Entwicklung“ als zu umständlich empfand.

Entwicklungsländer sind überwiegend landwirtschaftlich geprägt und weisen einen messbar niedrigeren Lebensstandard auf.

Ein Schwellenland weist deutliche industrialisierende Züge auf und wird deshalb von den Entwicklungsländern abgegrenzt. Auch dies wird in der englischen Entsprechung „Newly Industrializing Countries“ deutlicher. Schwellenländer übertreten die Schwelle zur Industrialisierung und erlangen – zumindest in der Wirtschaftsstufentheorie nach Rostow – anschließend ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt durch die Exporte von höherwertigen Industriegütern.

Zur Abgrenzung gibt es nun noch eine dritte Kategorie: Das Industrieland. Das industrielle Wachstum hat diesen Ländern den wirtschaftlichen Aufschwung verschafft. Viele (ehemalige) Industrieländer sind inzwischen nicht mehr so stark industriell geprägt wie in ihrer Vergangenheit. Modernisierung und der industrielle Wandel haben die Länder weiterentwickelt.

Kritik an den Theorien

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Nun kommt meine geographische Ader zum Vorschein. Denn die Entwicklungstheorien – egal, ob nach HDI oder anderen Faktoren – sind durchaus kritisch zu betrachten. Einschätzungen diesbezüglich können niemals rein objektiv geschehen, da „Entwicklung“ stets eine subjektive Einschätzung der „entwickelten“ Länder ist. Zwar wurden etwa beobachtbare Merkmale festgemacht, Entwicklung ist jedoch ein Faktor, den man niemals messen kann – auch weil die Faktoren, die zu ihrer Berechnung führen sollen sehr unterschiedlich interpretiert werden. Woran misst man Entwicklung?

Grundsätzlich wird Entwicklung definiert als Veränderung des Zustands. In diesem Falle also die Veränderung des Standes eines Landes zu einem vermeintlich besseren Stand. Demnach könnte Entwicklung nie abgeschlossen sein, weil man nicht weiß, was „maximale Entwicklung“ überhaupt bedeutet. Folglich könnte kein Land dieser Welt jemals den HDI von 1 erreichen, sodass sich Norwegen im Grunde genommen nicht mehr soweit entwickeln kann wie etwa Tansania.

Zudem ist die Einteilung in „Entwicklungs-“ , „Schwellen-“ und „Industrieland“ nicht mehr zeitgemäß, da viele ehemalige Industrieländer inzwischen kaum noch industriell geprägt sind. In Deutschland macht das produzierende Gewerbe nur noch rund ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts aus. Fachleute sprechen deshalb immer Häufiger von Deutschland als Post-Industrieland.

Deutschlands digitale Infrastruktur

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Damit kommen wir zurück zum eigentlichen Thema. Obwohl Deutschland mit einem – kritisch zu betrachtenden – HDI von 0,926 auf Platz 4 der Weltrangliste steht, sind europäische Nachbarn deutlich weiter, was etwa den Ausbau des Breitbandinternets anbelangt. Zwar steht ist das Thema Digitalisierung seit Jahren Teil der politischen Agenda, eine flächendeckende, einwandfreie Internetverbindung gibt es in Deutschland jedoch immer noch nicht. Das Ergebnis: Keine oder eine kaum nutzbare „EDGE“-Verbindung, sobald man die Ballungszentren verlässt, oder 16k-DSL Internet am Rande der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein, weil keine Breitbandkabelverbindung vorhanden ist.

Dass man das Thema durchaus ernst nimmt, soll der Koalitionsvertrag zeigen, denn SPD und Union haben das Thema Digitalisierung erneut aufgenommen. „Wir gestalten den Weg in die Gigabit-Gesellschaft mit höchster Priorität“, heißt es im Koalitionsvertrag, zudem gäbe es das Ziel, „eine flächendeckende digitale Infrastruktur von Weltklasse“ zu erschaffen. Das gesetzte Ziel ist bis 2025 zu erreichen – ein durchaus cleverer Zug, wenn die nächste Regierung die Schuld auf die Vorgänger abwälzen kann. Nichtsdestotrotz ein beachtliches Ziel, wenn man bedenkt, das zur Zeit nur etwa ein Drittel der ländlichen Gemeinden von mehr als 50Mbit/s profitiert, wie der TÜV im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur ermittelte.

Gigabit-Geschwindigkeiten sind Geschwindigkeiten von 1.000 Mbit/s. Geschwindigkeiten, die mit Glasfasernetz durchaus erreicht werden können. Auch LTE(4G)-Verbindungen können theoretisch bereits in Gigabit-Geschwindigkeiten surfen. Der deutsche Schnitt ist davon jedoch weit entfernt. Speedtest.net hat ein globales Ranking erstellt, in dem Deutschland lediglich Platz 45 in der mobilen Internetgeschwindigkeit erreicht. So sind es durchschnittlich 27,95Mbit/s im Download – weit entfernt von einer Gigabit-Gesellschaft. Aber: Noch vor einem Jahr lag der deutsche Durchschnitt bei 23,17Mbit/s, eine Tendenz ist also da.

Ein Armutszeugnis unserer Entwicklung

Diese Tendenz ist jedoch keine, die ich als „Entwicklung“ bezeichnen würde. Bedenkt man einmal, dass die Digitalisierung seit mehreren Jahren geplant ist. Bereits im Koalitionsvertrag von 2013 wurde von Deutschland als „Digitales Wachstumsland Nr. 1 in Europa“ gesprochen. Dass das bisher nicht so wirklich geklappt hat, zeigt abermals das Rating von Speedtest.net, das Deutschland nur auf Platz 45 zeigt. Kein Wunder also, dass die Europäische Kommission Deutschland 2016 in die Kategorie der am schlechtesten versorgten Länder Europa einteilte, wo es Platz 28 von 32 belegte. Herzlichen Glückwunsch.

Deutschland, das sonst als so fortschrittliches Land gilt, weist in puncto Digitalisierung ein großes Manko auf. Und während unsere Staatsministerin für Digitales Dorothee Bär von fliegenden Taxis träumt und Deutschland damit an der Zukunft kratzen lässt, frage ich mich, wann Deutschland endlich im Jahr 2018 ankommt.

Meiner Meinung nach ist es ein Armutszeugnis für ein „so fortschrittliches, post-industrielles Land“, wenn ich im Zug sitze und nicht einmal einfache Textnachrichten über das Internet versendet werden können. Und erneut kommt die Frage auf, woran man Entwicklung in diesem Fall gemessen hat.

 

Quellen: IMD World Competitiveness Center: IMD World Digital Competitiveness Ranking 2017, Europäische Kommission: Elektronische Kommunikation und digitaler Binnenmarkt (2016), faz.net, handelsblatt.de, United Nations Development Report

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