Hambacher Forst: Klimaschutz geht anders

Der Hambacher Forst bei Köln wird seit Jahren von Aktivisten besetzt, die gegen die Rodung des Waldes durch RWE protestieren.

Vor mehr als fünf Jahren zogen Menschen die erste Plattform in die Bäume des Hambacher Forstes bei Köln, um ihn zu besetzen und so gegen die drohende Rodung zu protestieren. Einst erstreckte sich der Hambacher Forst, auch Bürgewald genannt, über mehr als 4.000 Hektar. Inzwischen ist der Wald bis auf eine Fläche von 200 Hektar abgeholt worden. Der Energiekonzern RWE plant, den Wald auf weniger als 100 Hektar zu roden, um Braunkohle abzubauen. Um dies zu verhindern, wurden mehr als 30 Baumhäuser errichtet, es fanden eine Menge Proteste statt, die in den letzten Wochen vermehrt in den Nachrichten zu sehen waren – erst kürzlich verstarb ein Journalist, der im Hambacher Forst von einem Baum stürzte. RWE kündigte bereits an, die Rodung dennoch fortsetzen zu wollen.

Braunkohlevorkommen in der niederrheinischen Bucht

Vor 40 Jahren – 1978 – wurde der Braunkohletagebau Hambach in der niederrheinischen Bucht erschlossen. Seitdem entsteht hier „das größte Loch Europas“, in dem Bagger auf einer Fläche von 86 Quadratkilometern bis zu 450 Meter in die Tiefe vordringen, um Braunkohle abzubauen. Der Energiekonzern RWE, der hier die Kohle fördert, plant den Abbau von 2,4 Milliarden Tonnen Kohle bis zum Jahr 2040. Damit ist der Tagebau der größte des gesamten Rheinlandes.

1978 wurde das Braunkohlevorkommen Hambach neu erschlossen. Dafür mussten zunächst 2,2 Milliarden Quadratmeter Abraum verkippt werden. Es entstand ein künstliches Mittelgebirge – die Sophienhöhe, die auf einer Fläche von 10 Quadratkilometern eine Höhe von über 280 Metern über dem Meeresspiegel erreicht. Auf der anderen Seite entsteht durch den Abbau ein 4.000 Hektar großes Loch mit einer Tiefe von bis zu 250 Metern, das nach Ende des Abbaus ein Restsee werden soll.

 

Der Hambacher Forst unter Naturschutz

Der Hambacher Forst ist Lebensraum für seltene und geschützte Tierarten wie die Bechsteinfledermaus, den Springfrosch, die Haselmaus oder den Mittelspecht. Ihr Lebensraum, ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten sind gemäß EU-Richtlinie vor Beschädigung und Zerstörung geschützt. Bis Ende 2015 wurden deshalb bereits 11.484 Hektar Fläche rekultiviert.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) fand jedoch heraus, dass trotz Rekultivierung die Lebensräume der gefährdeten Tierarten zurückgehen. Demnach würde ein Fortschreiten des Braunkohleabbaus beispielsweise den Mittelspecht und die Bechsteinfledermaus binnen 20 bis 25 Jahren ausrotten. 

 

Da insbesondere die Bechsteinfledermaus auf Altwälder angewiesen ist, da sie in Baumhöhlen nistet, sieht der Plan RWEs vor, die Fledermaus auf die umliegenden – noch übrig gebliebenen – Altwälder umzusiedeln. Langfristig sollen die rekultivierten Gebiete und eine Umstrukturierung der umliegenden Weide- und Ackerflächen zum Lebensraum der Tiere hinzukommen. Landwirte und Pächter werden von RWE für den Verlust entschädigt und erhalten Ausgleichszahlungen.

Aufgrund von Naturschutzgesetzen ist eine Rodung von Wäldern nur in der Zeit vom 1. Oktober bis zum 1. März erlaubt – anschließend beginnt die Brutzeit vieler Vögel. Die sogenannte Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) und die EG-Vogelschutzrichtlinie, verpflichten das Bundesland NRW im Grunde genommen dazu, den Bestand dieser gefährdeten Arten mit allen erforderlichen Maßnahmen zu schützen.

Die Altwaldbestände mit hohem Totholzanteil des Hambacher Forstes sind ideal als Lebensraum dieser teilweise sehr gefährdeten Lebewesen geeignet. Obwohl der Wald ohne Ausnahme den Kriterien der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie entspricht, wurde die Waldfläche auf dem geplanten Tagebau-Gebiet nicht als Natura2000-Gebiet an die Europäische Kommission gemelde – somit kein Naturschutzgebiet. Auf diese Art und Weise machte die nordrheinwestfälische Landesregierung den Weg für die Zerstörung des Waldes für die Gewinnung von Braunkohle frei.

Braunkohle statt Wald - geht so Klimaschutz?

Der Hambacher Forst ist der größte Stieleichen-Hainbuchen-Wald Deutschlands und somit ein wichtiger CO2-Speicher.

Eine Buche, 120 Jahre alt, 35 Meter hoch, absorbiert im Laufe ihres Lebens rund 3,5 Tonnen Kohlenstoffdioxid. Eine Eiche hingegen, 100 Jahre alt, speichert bereits 5 Tonnen CO2.

Damit sind Wälder neben den Ozeanen gigantische CO2-Speicher auf unserem Planeten. Mit ihrer Rodung wird jedoch nicht nur die Speicherkapazität weltweit verringert, das bisher gespeicherte Kohlenstoffdioxid wird wieder freigesetzt.

Durch die Aufforstung von Ausgleichsgebieten soll zwar langfristig diese Menge an Emissionen wieder eingespart werden, der rekultivierte Wald benötigt jedoch Hunderte von Jahren, ehe die Bäume dieselbe Menge CO2 absorbiert haben, wie die aktuell bestehenden Altwälder.

Der Strom in Deutschland wird noch immer aus 40% Kohlekraft gewonnen – dabei sind Kohlekraftwerke die größten CO2-Emittenten weltweit. Von den 326,5 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid, die laut Bundesumweltamt im Jahr 2016 in der Energiewirtschaft ausgestoßen wurden, kommen 256,3 Millionen Tonnen aus Kohlekraft. Das sind 78,5% der CO2-Emissionen aus der Energiewirtschaft. Um allein den CO2-Ausstoß aus Kohlekraftwerken in Deutschland mit Wäldern zu kompensieren, bräuchten wir mehr als 51 Millionen der oben beschriebenen Eichen.

40%
Kohle
39%
Erneuerbare Energien
13%
Kernenergie
8%
Erdgas

Strommix in Deutschland, 2017. Quelle: Fraunhofer ISE.

Was ist mit dem Kohleausstieg?

Die Energiegewinnung aus Kohle verursacht in Deutschland rund 80% der Emissionen im Energiesektor. Kohlekraftwerke gelten deshalb nicht nur in Deutschland als zentraler Ansatzpunkt, um die Emissionreduzierung der Klimaziele zu erreichen. Die Klimaschutzziele, die Deutschland sich selbst bis 2020 gesetzt hat, wird es um Weiten verfehlen – der angekündigte Kohleausstieg bleibt bisher aus.

Wenig verwunderlich ist es deshalb, wenn Menschen unter dem Slogan „Hambi bleibt!“ gegen die Rodung des Hambacher Forstes zur Gewinnung von Braunkohle protestieren. Doch ist dieser Ansatz wirklich zu Ende gedacht? 40% des Stroms kommen derzeit aus Kohlekraft. Würde man alle Kohlekraftwerke schlagartig abschalten, müssten wir mit einem Versorgungsengpass rechnen, denn de facto sind Kohlekraftwerke deutlich effizienter als Wind- oder Solarkraftanlagen. Je nach Größe produziert ein Kohlkraftwerk schon einmal mehr als 10 Terawattstunden pro Jahr – ein modernes Windkraftwerk hingegen vier bis sieben Gigawattstunden.

Das könnten wir nun so stehenlassen: Wir fördern Braunkohle, um weiterhin mit Strom aus fossilen Energiequellen versorgt werden zu können. Fakt ist aber auch, dass in Europa mit Strom gehandelt wird – Deutschland hat ein Exportsaldo von 60,2 Terawattstunden im Jahr 2017 erzielt. Zum Vergleich: In der gesamten Stadt Hamburg wurden im Jahr 2017 gerade einmal 12,1 Terawattstunden Strom verbraucht.

Also haben wir offenbar doch mehr Strom als wir verbrauchen. Könnte man also nicht Kohlekraftwerke abstellen, die entsprechenden Überschuss erzeugen? Die Politik vertröstet uns. Wirtschaftsminister Altmaier plant die Halbierung der Kohleverstromung – bis 2030. Einen zügigeren Kohleausstieg lehnt der Minister ab. Aber warum?

Ein Kohlekraftwerk ist um ein Vielfaches effektiver als ein Windkraftwerk – regenerative Energie ist also teurer. Altmaier befürwortet den Kohleausstieg, wenn dieser sozialverträglich abläuft. Das bedeutet: Die Anzahl der Arbeitsplätze bleibt in den Regionen im Idealfall unverändert. Jeder Arbeitsplatz, der durch den Kohleausstieg verloren geht, muss also in den Erneuerbaren Energien erst einmal geschaffen werden.
Auch ein Platzproblem geht mit dem Umstieg auf Regenerative Energien einher: Windkraftanlagen haben einen gesetzlichen Mindestabstand zueinander und zu Wohngebäuden, sie nehmen also eine gigantische Fläche ein, ehe sie auch nur ansatzweise die gleiche Leistung wie ein Kohlekraftwerk erzielen. Einziger Vorteil: Die Fläche um die Windkraftwerke herum, kann zusätzlich wirtschaftlich genutzt werden – beim Kohleabbau ist das nicht ohne Weiteres möglich. Beispielsweise hat der Kohleabbau unter Tage in Essen dazu geführt, das ein gesamtes Dorf auf Boden steht, der im Grunde einsturzgefährdet ist. Seit Beginn des Tagebaus in der niederrheinischen Bucht wurden hier bereits mehr als 6.000 Hektar Landschaft zerstört.

 

Fazit: Energiewende? - Jaein.

Der Kohleausstieg ist unausweichlich. Allein in Deutschland könnten dadurch jährlich 859 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Dieser Schritt ist in Anbetracht des voranschreitenden Klimawandels unbedingt notwendig – kann jedoch unmöglich sofort vonstatten gehen – es sei denn, jemand bezahlt aus eigener Tasche 71,6 Milliarden Euro. Das ist der Preis, für die Maßnahmen, die für einen Kohleausstieg ergriffen werden müssten. Das kann unmöglich innerhalb der nächsten sechs Monate geschehen, sollte aber auch keinesfalls bis 2030 warten.

Ich bin mir leider sicher, dass Deutschland seine Klimaschutzziele um Längen verfehlen wird. Spätestens bis 2021 muss diesbezüglich einiges getan werden, denn dann treten die neuen EU-Emissionsregeln in Kraft, die strengere Grenzwerte bei Stickoxiden und Co vorschreiben. Das könnte der Todesstoß für Kohlekraftwerke sein, denn laut Schätzungen erfüllen rund 82% der Kohlekraftwerke in der Europäischen Union diese Anforderungen bis dato nicht. Die Entwicklung der Kohlekraft kann dann nur noch in zwei Richtungen gehen: Entweder es werden teure Filteranlagen nachgerüstet, um die Emissionen drastisch zu reduzieren oder entsprechende Kohlekraftwerke werden geschlossen. Eine aktuelle Studie prophezeit aufgrund der enormen Nachrüstungskosten und der unsicheren Situation der Kohle als Energieträge das Ende der größten Umweltsünder in der Europäischen Union.

Meiner Meinung nach muss die Energiewende auf zwei Wegen vonstatten gehen: 1. Die Politik muss den Kohleausstieg planen und durchführen. 2. Die Kunden müssen die Nachfrage nach Regenerativen Energien erhöhen, um der Politik Druck zu machen: Die Nachfrage reguliert das Angebot. Konkret für den Hambacher Forst bedeutet das: Weitere Investitionen in die Kohlekraft sind nicht nachhaltig gedacht – das Abholzen von Wäldern für das Gewinnen von Kohle ist alles andere aber nicht nachhaltig. Mit Klimaschutz hat das jedenfalls nichts zu tun.

Quellen: bund-nrw.de, umweltbundesamt.de, klimaratter.de, wwf.de, rwe.de

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