Hatten wir früher eine bessere Zukunft?

Früher war alles besser - sogar die Zukunft. Oder?

„Früher war alles besser!“ – Je älter wir werden, desto häufiger verwenden wir diesen Satz. In der Psychologie nennt man dieses Phänomen Verklärung der Vergangenheit (nach Dr. Julia Shaw). Man erinnert sich eher an die positiven Dinge der Vergangenheit, die negativen Erinnerungen verblassen und werden häufig vernachlässigt. Auch die Geschäftswelt und das Marketing setzen immer mehr auf diesen Nostalgie-Effekt: Plattenspieler und Vinylplatten erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Mit der Frage, ob früher alles besser war, beschäftigt sich auch der Blog-Award der Initiative Schau Hin!

Hatten wir eine bessere Kindheit? Hatten wir besseres Spielzeug oder einen besseren Umgang mit Medien?

Mediennutzung früher

In der Grundschule hatte ich kein Handy, sondern eine Telefonkarte, mit der ich in einer Telefonzelle meine Eltern anrufen konnte, wenn einmal etwas war.

Mein erstes eigenes Handy hatte noch eine Antenne, ein grünes Pixel-Display und spielte 16-Bit-Melodien. Man konnte Telefonieren, SMS schreiben, eigene Klingeltöne komponieren und Snake spielen.

Einen eigenen Computer hatte ich erst viel später, den Computer meiner Mutter durfte ich nicht einmal täglich nutzen. Um ins sehr langsame Internet zu gehen, musste sich das Modem einwählen, telefonieren ging dann nicht mehr.

Medien meiner Kindheit waren der Kassettenrekorder, der MP3-Player, der Gameboy und der Fernseher, die PlayStation und das Keyboard.

Meine Kindheit lief eher typisch ab: Ich spielte mit Freunden, las Bücher und machte Sport und Musik. Die Studie Jugend, Internet, (Multi-)Media (kurz: JIM) beschäftigt sich seit 1998 mit dem Medienverhalten von Jugendlichen. 2006 verfügten demnach 92% der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren über ein eigenes Handy. Bei der Medienbeschäftigung in der Freizeit spielte es jedoch keine Rolle, da man zumeist nur damit telefonieren konnte.

Erst mit der Ära der Smartphones ab etwa 2007 startete die Jugend in ein neues Zeitalter der Mediennutzung. Zwar wurden 2007 immer noch zwei Drittel der Handykosten von Jugendlichen über PrePaid im Voraus bezahlt, das Handy – vielmehr das Smartphone – ist jedoch schon fest im Alltag verankert. Mein erstes Touchscreen-Handy war das LG KP500, das im Oktober 2008 erschien. Es kostete keine 200 Euro.

Der Autor

Früher und heute – Wer will das beurteilen?

Kevin Ruser

Angehender Lehrer

Als Baujahr ’94 bin ich noch vor der Generation YOLO geboren, habe im Sandkasten gespielt, Freunde an der Tür gefragt, ob sie Zeit haben und mich mit dem Modem ins Internet einwählen müssen.

Als angehender Lehrer unterrichte ich die Jugendlichen, die man als Generation YOLO bezeichnet und alle darauffolgenden Generationen, unterstütze und beobachte sie beim Aufwachsen und beschäftige mich tagtäglich mit Kindern und Jugendlichen und ihrem Umgang mit Medien.

Auch im Jahr 2007 führte der Fernseher die Mediennutzung bei Jugendlichen an. Wie in den Jahren zuvor verlor er jedoch immer mehr Relevanz an das Handy, den Computer und das Internet. Um einen Vergleich zwischen dem „Früher“ und dem „Heute“ ziehen zu können, möchte ich nun die Mediennutzung von früher (2007) mit der Mediennutzung heute (2017) vergleichen:

Jugendliche (12-19 Jahre)

Medienverfügbarkeit in Zahlen (2007)

Quelle: JIM 2007

1 %
haben ein Handy.
1 %
haben einen Computer oder Laptop.
1 %
nutzen das Internet.

Mediennutzung heute

Das Smartphone ist ein echter Allrounder und hat Fernseher und PC längst vom Spitzenplatz verdrängt. Jeder 10. Dreijährige besitzt bereits ein eigenes Smartphone, Kinder werden immer häufiger mit Smartphone und Tablet beschäftigt, laufen mit gesenktem Kopf durch die Straßen und halten das Smartphone in jeder freien Minute in den Händen. Dieses Verhalten führte zu Wortschöpfungen wie „Smombie“ und ist zum Wermutstropfen der älteren Generation geworden. „Nun leg doch mal das Handy weg!“, hört man dann.

Man kann jedoch nicht pauschalisieren, dass sich die Jugend verändert hat. Vielmehr hat sich in erster Linie das Handy verändert. Das Gerät, mit dem man einst nur telefonieren und simsen konnte, ist nun Musikplayer, Fotogallerie, Spielekonsole, Mediathek, Organizer und Informationsquelle in einem. Viele zumeist analoge Objekte sind nun in einem digitalen Gerät zusammengefasst. Auch die Nutzungsdauer der Geräte hat damit immens zugenommen – die Ansprüche an die Geräte wachsen stetig: Bessere Kamera, größerer Speicher, stärkerer Akku, … Neue Geräte kosten gern einmal rund 1.000,- Euro.

Jugendliche (12-19 Jahre)

Medienverfügbarkeit in Zahlen (2017)

Quelle: JIM 2017

1 %
haben ein Smartphone.
1 %
haben einen Computer oder Laptop.
1 %
nutzen das Internet.

War früher alles besser?

Früher verbrachten Kinder und Jugendliche weniger Zeit mit digitalen Medien – der Fokus lag ganz deutlich auf non-medialen Freizeitbeschäftigungen. Kinder verbrachten mehr Zeit draußen, unternahmen mehr mit Freunden und mit der Familie. Wir bauten Sandburgen, spielten Verstecken – auch mit der Familie – fuhren in den Tierpark. Um uns mit Freunden zu verabreden, gingen wir zu deren Tür und klingelten. Die Kindheit war natürlicher, kommunikativer, non-medialer und kreativer.

Heute schreibt man Freunden eine Nachricht – oft sogar, wenn sie im selben Raum sitzen. Das Smartphone ist zum Alltagsbegleiter geworden, nimmt anderen Geräten immer mehr Aufgaben ab. Eltern beschäftigen Kinder lieber mit dem Smartphone als sich mit ihren Kindern auseinanderzusetzen, über mögliche Gefahren, die damit einhergehen, machen sich nicht alle Eltern Gedanken. Die Kindheit ist technischer, medialer, unpersönlicher und unaufmerksamer geworden.

Die Herausforderungen sind heute andere, denn Zeiten ändern sich...

Deswegen ist heutzutage jedoch nicht alles schlechter als damals. Zeiten ändern sich und bringen neue Herausforderungen mit sich. So müssen Kinder und Jugendliche heutzutage lernen, sicher und kompetent mit dem Smartphone umzugehen. Medienkompetenz sollte wesentlicher Bestandteil der Bildung und der Erziehung sein, die Kinder und Jugendliche heutzutage erhalten. Denn trotz all der Potentiale, die das Smartphone mitbringt, birgt es auch Gefahren, über die man sich im Klaren sein muss. Das Wissen über diese Medien zu vermitteln, ist Aufgabe der Eltern und der Lehrer. Diese müssen sich dieser Aufgabe jedoch bewusst sein – Lehrer benötigen entsprechendes Wissen. Eltern benötigen zudem die Bereitschaft, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und diese Kompetenz gemeinsam mit ihren Kindern zu erarbeiten. Verantwortungsvoller Umgang mit dem Smartphone bedeutet jedoch nicht, dass Kinder und Eltern unabhängig voneinander das Smartphone nutzen.

Früher gab es diese Herausforderungen nicht. Die Gefahren, die mit dem Internet einhergingen, kannten wir früher nicht – wir sind ihnen nie begegnet. Doch auch heutzutage setzen sich die wenigsten mit den Gefahren des Internets und des Smartphones auseinander: Diesbezüglich fehlt also die wesentliche Veränderung. Doch waren wir früher verantwortungsbewusster?

Ich behaupte: Nein! Wir liefen durch das Unterholz, ohne uns Gedanken über Zecken zu machen. Wir kletterten auf Bäume, ohne uns zu sorgen, zu stürzen. Die Herausforderungen sind heute andere, denn Zeiten ändern sich. Und eines Tages wird auch die Generation YOLO rückblickend behaupten: Früher war alles besser.

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