Kann man spurlos verschwinden?

Nahezu immer und überall lassen sich unsere Aktivitäten überwachen. Kann man sich dieser Kontrolle entziehen und quasi unsichtbar werden?

Dieser Beitrag wurde recycled.

Er erschien erstmal am 01. März 2016 und hat nun ein neues Layout erhalten.
Internet und Telefon – digitale Fingerabdrücke, die anderen die Möglichkeiten geben, unser Tun und Handeln nachzuvollziehen. Hinzu kommen Kameras, beispielsweise an öffentlichen Gebäuden, Supermärkten, Tankstellen oder in der Verkehrsüberwachung. So entsteht die Möglichkeit, einen Menschen zu verfolgen, ihn zu kontrollieren und zu überwachen. Allein in den USA werden wöchentlich mehr als 4 Milliarden Stunden Bildmaterial aufgezeichnet. Besteht die Möglichkeit, unterzutauchen?
 

Wer verschwinden möchte, muss auch seine Spuren verwischen. Was zunächst nicht sonderlich kompliziert klingt, erweist sich als eine schwierige Aufgabe. In den USA wird jeder Mensch durchschnittlich in 200 Datenbanken geführt und auch wir Deutschen werden oft in irgendwelchen Systemen aufgeführt. Konten müssen aufgelöst, E-Mails gelöscht und sämtliche Verbindungen (etwa über das Smartphone oder den Computer) gekappt werden. Persönliche Fotos und Dokumente müssen vernichtet werden. Eine Übung, die nicht unbedingt leicht fällt, die aber laut Sicherheitsexperten ein wichtiger Schritt ist, um unterzutauchen. Diese raten übrigens auch, sich nicht sofort von sozialen Netzwerken wie Facebook und Co zu löschen, sondern sie zur Desinformation zu nutzen.

Das Handy muss weg!

Wer verschwinden will, muss lernen, auf sein Handy zu verzichten. Denn dieses ist wie ein riesiges Leuchtschild, das dich immer auszeichnet und uns so unübersehbar erscheinen lässt. So lässt sich jeder Schritt im Leben verfolgen. Ein Prepaidhandy, von dem nur du die Nummer kennst, könnte Abhilfe schaffen. Doch trotzdem kann jedes Handy als Mikrofon missbraucht werden. Um auch das zu verhindern, solltest du den Akku entfernen, um auf Nummer Sicher zu gehen.

 
Auf dem Weg in ein neues Leben musst du lernen, alte Gewohnheiten abzulegen. Das Spiel deiner Lieblingsfußballmannschaft darfst du nicht mehr besuchen, auch Autofahren wird schwierig. Neuere Autos haben nicht nur einen eingebauten Sender, mit dem die Navigation funktioniert, es ist über das Mikrofon sogar in der Lage und zu belauschen. Kartenzahlung ist nicht mehr möglich, du musst alles in bar bezahlen. Statt in Restaurants solltest du „To Go“ bestellen, damit sämtliches Geschirr, dass deine Fingerabdrücke trägt, anschließend weggeworfen wird. Sonnenbrille und Cap sind gute Möglichkeiten, um den Kameras aus dem Weg zu gehen. Wer untertauchen will, muss immer einen Schritt vorausdenken und wachsam bleiben.
 

Wenn das Anonymbleiben funktioniert, wird es Zeit, sesshaft zu werden. Denn auch das Geld wird ohne Arbeit irgendwann knapp. Während Großstädte viele Überwachungskameras aufweisen, sind Dörfer zu intim – jeder kennt hier jeden. Eine Stadt mit einer guten Infrastruktur, allem was man braucht und einem geringem Risiko, Bekannte zu treffen wäre ideal. Dafür muss aber ein neuer Name her – eine neue Identität, ein neuer Job.

Tatsächliches Untertauchen, das Starten in ein neues Leben, ist also gar nicht mal so einfach, insbesondere, wenn man sich auch vor der Regierung verbergen will… oder?

30 Jahre verschwunden...

Die Deutsche Petra P. verschwand 31 Jahre von der Bildfläche. Man hielt sie für tot, in Wahrheit lebte sie unter einem anderen Namen in Düsseldorf weiter. Arztbesuche wurden bar bezahlt, Kontakt zu alten Bekannten gemieden. Wir sehen, es ist auch in Deutschland möglich, unterzutauchen. Wer diesen schwierigen Weg nicht allein gehen will, holt sich Hilfe bei Frank M. Ahearn. Der New Yorker hat es sich zum Beruf gemacht, die Spuren derer zu verwischen, die von der Bildfläche verschwinden wollen. 

Ursprünglich half er der US-Regierung und dem FBI dabei, die Spuren eben solcher Menschen aufzuspüren – jetzt hilft er, sie zu verwischen. In den USA verschwinden jährlich zwischen 500.000 und 800.000 Menschen, von denen nur ein sehr geringer Teil Opfer eines Verbrechens wird. In Deutschland verschwinden jedes Jahr rund 100.000 Menschen. Doch nur drei Prozent von denen bleiben länger als ein Jahr verschwunden.

Warum sollte man sein Leben aufgeben?

Männer würden meist aus finanziellen Gründen verschwinden, sagt Ahearn, bei Frauen seien es emotionale Gründe wie Angst. Er habe einst eine Kundin gehabt, eine erfolgreiche Anwältin aus New York, die aus Angst vor dem Terror eines ehemaligen Mandanten ihre Karriere, Freunde und Familie aufgab. 

Seinen Namen kann man übrigens auch in Deutschland ändern. Dies geht zwar nur aus bestimmten Gründen und ist mit Kosten verbunden, ist aber völlig legal möglich. Anonym vor der Behörde wäre man dann jedoch nicht mehr. Wieso sollte man also seinen Namen ändern? Und wer macht das schon? Schließlich kennen wir niemanden, der seinen Namen schon einmal geändert hat, oder?

 
Als Herbert Ernst Karl Frahm, geboren 1912 in Lübeck, 1934 nach Norwegen ging, nahm er dort nicht nur die norwegische Staatsangehörigkeit an, sondern legte sich auch einen Decknamen zu. Er begann ein Geschichtsstudium in Oslo und engagierte sich politisch. Erst 1945 kehrte er nach Deutschland zurück und erhielt 1948 wieder die deutsche Staatsbürgerschaft. Den Decknamen, den er sich 1934 zugelegt hatte, trug er ab 1947 dauerhaft, 1949 ließ er sich den Namen anerkennen und wurde Abgeordneter im Ersten Deutschen Bundestag. Nicht nur das: Er war Berliner Bürgermeister und kandidierte 1961 sogar als Bundeskanzler, verlor aber gegen Konrad Adenauer. Diesen Tag bezeichnet er als „den bislang schwärzesten Tag seiner Amtszeit“. 1969 gründete er gegen den Willen von Helmut Schmidt eine Koalition mit der FDP und wurde im Oktober zum vierten Bundeskanzler der BRD gewählt. Er war nicht nur ein wichtiger Politiker, sondern er ist der wohl bekannteste Namenswechsler der deutschen Geschichte: Willy Brandt.
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