Wer spickt, wird erschossen – Lehrer bewaffnen?

"Wer spickt, wird erschossen!" Sollte man Lehrkräfte bewaffnen?

Erst Anfang des Mai 2019 beschloss das Parlament des US-Bundesstaates Florida ein Gesetz, das es Lehrkräften künftig erlaubt, bewaffnet in den Unterricht zu gehen. Grund dafür sind Massaker wie jenes, das im Februar 2018 in Parkland 17 Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften das Leben kostete.

Florida führt damit als weiterer Bundesstaat neben Texas, Ohio, Missouri, South Dacota, Arkansas und Utah zu den Bundesstaaten, die ihre Waffenrechte nach einem Amoklauf an einer Schule eher gelockert haben anstatt diese anzuziehen. Tödliche Schulmassaker durch Schusswaffen verhindern, indem man noch mehr Schusswaffen in die Schule bringt? Können bewaffnete Lehrer im Ernstfall wirklich Leben retten?

Trump befürwortet Bewaffnung von Lehrkräften

Schulmassaker gab es in der Geschichte der USA viele. So stürmte beispielsweise im Dezember 2012 ein Bewaffneter die Sandy-Hook-Grundschule in Newtown, Connecticut. 27 Menschen verloren bei der Attacke ihr Leben, darunter 20 Schülerinnen und Schüler im Alter von sechs bis sieben Jahren. Infolge des Angriffs forderten viele Amerikaner schärfere Waffengesetze, für die sich auch Präsident Obama und Vize-Präsident Biden einsetzten. Beide scheiterten größtenteils mit ihrem Vorhaben, die Waffengesetze zu verschärfen. Seit Newtown gab es bereits mehr als 100 weitere Schulmassaker in den Vereinigten Staaten.

Die Waffenlobby Nationa Rifle Association (kurz: NRA) ist die größte Lobby der Vereinigten Staaten. Mit mehr als 4,3 Milliarden Mitgliedern ist es ihr ein Leichtes, sich meist erfolgreich gegen die Verschärfung der Waffengesetze in den Vereinigten Staaten zu stellen. Barack Obama scheiterte jedoch vorallem an den Republikanern im Kongress und einigen konservativen Demokraten, die seine Gesetzesvorschläge für strengere Waffengesetze schlichtweg blockten. Indem Obama die Waffenrechte in die Verantwortung der Gesetzgebung der Bundesstaaten abgab, ebnete er gleichzeitig den Weg für die Lockerung der Waffengesetze.

Seitdem flammt die Debatte um Waffenrechte immer wieder dann auf, wenn etwas passiert. Während die Stimmen der Kritiker meist von der Waffenlobby im Keim erstickt werden, führen die Stimmen für eine Lockerung der Waffengesetze zu eben dieser. Auch Präsident Donald Trump befürwortet eine Lockerung der Waffengesetze wie etwa durch die Bewaffnung der Lehrkräfte.

Lehrkräfte bewaffnen, Schülerinnen und Schüler schützen.

mehr als
100
Amerikaner sterben pro Jahr durch Kugeln

Schulmassaker wie das in Parkland führen zu der Überlegung, Lehrkräfte zu bewaffnen, um die Schülerinnen und Schüler besser schützen zu können. Lehrkräfte können so die Aufgabe von sogenannten „Schulschutzoffizieren“ einnehmen und dürfen die Waffen auch im Unterricht verdeckt tragen.

Die wichtigste Überlegung dieser Maßnahme ist die Annahme, dass bewaffnete Lehrkräfte bei einem Massaker bereits vor Ort wären und Angreifer schneller stoppen könnten als die Polizei es kann.

Um dieser Herausforderung gewachsen zu sein, müssten Lehrkräfte ein spezielles Training absolvieren, um den Umgang mit der Waffe zu lernen. In Florida sind demnach 144 Stunden für das Training vorgesehen, in denen die Lehrkräfte den Gebrauch, aber auch die Sicherung und Verwahrung der Waffe erlernen.

In Deutschland haben Lehrkräfte gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern eine sogenannte Fürsorgepflicht. Sie verpflichtet Lehrkräfte, für das körperliche und gesundheitliche Wohlergehen der Schülerinnen und Schüler einzustehen. Eine gesetzliche Pflicht, sich hierbei selbst in Gefahr bringen zu müssen, gibt es jedoch nicht.

Mehr Waffen führen nicht zu mehr Sicherheit

Die Annahme, dass mehr Waffen in der Schule gleichbedeutend mit mehr Sicherheit in der Schule seien, ist schlichtweg falsch. Jede Waffe ist eine potentielle Gefahrenquelle, denn das bloße Vorhandensein von Waffen bringt einige Veränderungen mit sich.

Der Umgang, die Sicherung und Verwahrung der Waffen soll gelernt sein. Mit einem Trainingsprogramm im Umfang von 144 Stunden sollen Lehrer in Florida nun fit für den Einsatz in der Schule gemacht werden. Das kostet jedoch vor allem Geld und Zeit.
Trotz Schulung und Erlaubnis muss das jedoch nicht mehr Sicherheit in die Schulen bringen. So schoss sich beispielsweise eine Grundschullehrerin in Utah 2014 versehentlich ins Bein.

Zwar müssen Lehrkräfte ihre Waffen verdeckt tragen, sodass Schülerinnen und Schüler nicht wissen, ob die jeweilige Lehrkraft bewaffnet ist, doch diese Unwissenheit kann auch bösartige Veränderungen mit sich bringen. Von Lehrkräften, die die Kontrolle über die Klasse und schließlich über sich verlieren, über die unbewusste Einschüchterung durch Unsicherheit der Schülerinnen und Schüler bis hin zu Auseinandersetzungen, bei denen die Lehrkräfte entwaffnet werden – Waffen sind eine Gefahrenquelle in der Schule und ermöglichen es beispielsweise, dass Täter gar keine eigene Waffe mehr mitbringen müssen.

Denken wir zudem an den Ernstfall: Eine unbekannte Person eröffnet in einer Schule das Feuer. Instinktiv stürmen 30 ausgebildete „Schulschutzoffiziere“ auf die Flure, um das Gegenfeuer zu eröffnen, während die Schülerinnen und Schüler friedlich und leise in ihren Klassenräumen verweilen. Beim Eintreffen der Polizei trifft diese auf 31 schießende Personen in den Fluren einer Schule – sollen die Lehrer dann anhand der Kreide in der anderen Hand identifiziert werden? Waffen in der Schule führen früher oder später in eine immer tiefere Eskalationsspirale, aus der letztendlich ein Blutbad resultiert.

Brauchen wir in Deutschland jetzt auch bewaffnete Lehrkräfte?

Auch Deutschland ist bisher nicht von Amokläufen an Schulen verschont geblieben. Der früheste dokumentierte schulbezogene Amoklauf fand 1871 in Saarbrücken statt. In neuerer Zeit stieg die Anzahl der Schulmassaker an: Eching und Freising sowie Erfurt im Jahr 2002, Emsdetten im Jahr 2006, und Winnenden und Ansbach im Jahr 2009. Einen Aufschrei nach bewaffneten Lehrkräften gab es hierzulande jedoch nicht. 

Stattdessen sucht man hierzulande nach den Ursachen, führt die Attacken auf „Killerspiele“, Mobbing, Kränkung und Verluste zurück. Diese führen aufgrund von Unzufriedenheit schließlich zu Rachegedanken und den tödlichen Attacken. In diesem Zusammenhang stellten Ermittler fest, dass Amokläufe in Schulen in aller Regel geplante Attacken waren, die sich jedoch in den seltensten Fällen gegen bestimmte Personen richteten. Sogenannte Todeslisten seien bei Schulmassakern eine Ausnahme, heißt es von Behörden. Derartige Attacken zielen meist wahllos auf Lehrkräfte oder Schülerinnen und Schüler oder beide Gruppen ab.

Echte Alternativen zu bewaffneten Lehrkräften wären zunächst strengere Waffengesetze wie das Verbot von kriegstauglichen Sturmgewehren. Da Sicherheitskontrollen vor allen Schulen nicht realisierbar sind, müssen an Schulen zwangsläufig interne Sicherheitsvorkehrungen getroffen und eingearbeitet werden: Alarmsignale und Reaktionspläne auf einer ersten Ebene könnten durch schnelle Türverriegelungen (etwa via Knopfdruck), Türknäufen statt Türgriffen ergänzt werden.

Desweiteren können Präventionsmaßnahmen ergriffen werden, die sich etwa von psychologischer und sozialpädagogischer Arbeit über die Vermittlung von Selbstwirksamkeits- und Erfolgserleben bis zum Abbau von Ängsten erstrecken. Hierbei sind Mobbing- und Gewaltprävention mit inbegriffen. Diese Form der Prävention kann beispielsweise über Online-Netzwerke wie NETWASS (Networks against school shootings) frei zugänglich gemacht werden. So können Risikofaktoren vermindert und verhindert werden. Bewaffnete Lehrer brauchen wir dafür nicht.

Quellen: welt.de, fokus.de, tagesschau.de, faz.net, Fein et al.: Handreichung zur Einschätzung bedrohlicher Situationen an Schulen.

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