Vertrauen und Kontrolle in der Medienerziehung

Ist Kontrolle in der Medienerziehung besser als Vertrauen? Was dürfen Eltern überwachen und was müssen Kinder selber lernen?

Bereits jeder zehnte Dreijährige kommt bereits regelmäßig in Kontakt mit Medien wie Smartphone und Tablet und ist damit online. Zehn Jahre später – mit 13 – haben bereits 92% der Jugendlichen ein eigenes Smartphone. Aus dem Leben der Kinder und Jugendlichen sind die Geräte nicht mehr wegzudenken. Gleichzeitig eröffnen Smartphone und Internet ein direktes Tor in die weite, weite Welt mit all ihren Gefahren. Gewaltverherrlichende Videos, „Ballerspiele“ und pornographische Inhalte sind bereits für Kinder und Jugendliche zum Greifen nah. Gleichzeitig sind sie nur einen Klick von Cybermobbing und Abofallen entfernt.

Deshalb ist es kein Wunder, wenn wie in der analogen Welt die elterlichen Alarmglocken schellen. Sie warnen vor dem aufgeschlagenen Knie bei den ersten Schritten, vor den Zecken beim Verstecken im Unterholz oder vor Albträumen nach einem Horrorfilm genauso wie vor den Gefahren des Internets. Kinder und Jugendliche wollen eigenständig Erfahrungen mit Medien sammeln, müssen aber gleichzeitig lernen, verantwortungsbewusst mit diesen umzugehen. Insbesondere Eltern stehen hierbei in der Verantwortung, Medienkompetenz zu vermitteln und einen verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit Medien zu gewährleisten. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Kontrolle.

Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen

Kinder und Jugendliche kommen immer früher und vor allem immer häufiger in den Kontakt mit digitalen Medien. Jedes zweite Kind zwischen sechs und elf Jahren besitzt bereits ein eigenes Smartphone, bei den Teenagern aber zwölf Jahren hat nahezu jeder ein eigenes Gerät.

Damit sind die Kinder und Jugendlichen nicht nur immer erreichbar, ihnen steht auch die große, weite Welt des Internets offen. YouTube, WhatsApp und Instagram gehören zu den am meisten genutzten Plattformen der Kinder und Jugendlichen.

Videospiele sind dabei gleichermaßen bei Kindern und Jugendlichen beliebt. 52% der Kinder bis einschließlich elf Jahren und 58% der zwölf bis 19-Jährigen spielen mehrmals pro Woche Videospiele.

Das Internet nutzen 97% der Jugendlichen mehrmals pro Woche, bei den Kindern sind es 41%. 

Das klassische Fernsehen wird inzwischen zunehmend Streaming und Co abgelöst. All diese Möglichkeiten nutzen 85% der Kinder und 73% der Jugendlichen mehrmals pro Woche.

Auch Musik findet sich im Alltag von 74% der Kinder und Jugendlichen wieder. So werden Spotify, Deezer und Co. von 95% der Jugendlichen und von 51% der Kinder mehrmals wöchentlich genutzt.

In den vergangen zehn Jahren hat die tägliche Nutzungsdauer signifikant zugenommen. Im Durchschnitt verzeichnen etwa Jugendliche eine tägliche Nutzungsdauer von bis zu 214 Minuten (~3 1/2 Stunden). Dies umfasst lediglich die Online-Nutzung, Zeit vor dem Fernseher ist nicht inbegriffen.

Welche Gefahren lauern auf Kinder und Jugendliche?

ungeeignete Inhalte

Das Internet ist voll von pornographischen, gewaltverherrlichenden, drogenverharmlosenden oder anderen für Kinder und Jugendliche ungeeigneten Inhalten. 36% der Kinder gaben demnach an, schon einmal in Kontakt mit derartigen Medien gekommen zu sein.

Sucht

Insbesondere Video-Spiele haben ein enormes Suchtpotenzial. Sie beschäftigen Jugendliche stundenlang und lenken sie damit nicht nur von der Schule ab. Doch auch das Smartphone kann aufgrund seiner vielseitigen Faktoren schnell zum Suchtmittel werden. In Deutschland gelten 465.000 Jugendliche als suchtgefährdet.

Cybermobbing

Mit Cybermobbing erreicht Mobbing eine neue Ebene, denn sichere Orte verschwinden aufgrund der maximalen Erreichbarkeit über das Internet. 34% der Jugendlichen haben schon einmal Cybermobbing erlebt.

Abo-Fallen

8% der Jugendlichen haben schon einmal versehentlich etwas gekauft oder ein Abo abgeschlossen. Das geht etwa über Käufe innerhalb von Apps, bei Erweiterungen in Videospielen oder ein Abonnement für eine App ohne Werbung oder ein Streaming-Portal.

Kontrolle: Was können Eltern tun?

Wie in der analogen Welt stehen Eltern in der Verantwortung, ihre Kinder vor den Gefahren des Internets zu schützen. Damit das gelingt, ist eine gewisse Medienkompetenz unumgänglich, die Kinder und Jugendliche jedoch erst erlernen müssen. Was können Eltern tun, um ihren Kindern den Zugang zu Medien zu ermöglichen, ohne sie gleichzeitig den Gefahren auszusetzen, die damit einhergehen?

  • Passwörter vor Online-Käufen festlegen. Vor  Online-Käufen ist es in der Regel nötig, ein Passwort einzugeben, um unautorisierte  Käufe zu verhindern. Das hierfür erforderliche Kennwort sollten Eltern auch für die Spielekonsole der Kinder festlegen.
  • Jugenschutzeinstellungen vornehmen. Bei den meisten Spielekonsolen gibt es als Extrapunkt in den Einstellungen die Jugendschutzeinstellungen. Dort kann etwa die maximale Spielzeit festgelegt werden oder das Alter der Kinder hinterlegt werden, um zu verhindern, dass Spiele gespielt werden, die nicht für das Kind geeignet sind. Derartige Einstellungen lassen sich auch bei Steam auf dem PC vornehmen.
  • Internet nachts ausschalten. Im WLAN-Menü des eigenen Routers lässt sich das Internet mit einer Zeitschaltuhr versehen, sodass es sich nachts automatisch abschaltet. So werden beispielsweise Seriennächte und Online-Games unterbrochen.
  • Webfilter installieren. Um zu verhindern, dass Kinder im Internet auf ungeeignete Inhalte stoßen, kann die Installation sogenannter Webfilter hilfreich sein. Mit einer sogenannten Whitelist kann man für Kinder beispielsweise Webseiten festlegen, die frei erreichbar sein sollen. Es können dabei nur Seiten erreicht werden, die auf der Whitelist stehen. Für Jugendliche bieten sich sogenannte Blacklists an. Damit können alle Websites erreicht werden, außer die, die auf der Blacklist stehen.
  • Nutzungszeit begrenzen. Kinder und Jugendliche sollten nicht den ganzen Tag auf den Bildschirm starren. Deshalb bietet es sich an, eine Nutzungszeit pro Tag festzulegen, die zwischen Wochentagen und dem Wochenende variieren kann. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für 5-Jährige nicht mehr als 60 Minuten Bildschirmzeit, weniger sei jedoch besser. Die Initiative SCHAU HIN! empfiehlt die Faustregel: 10 Minuten je Lebensjahr pro Tag oder eine Stunde pro Lebensjahr in der Woche.
  • Regeln für den Umgang im Netz klären. Wenn ein Kind ein Bild zugeschickt bekommt, muss es wissen, dass es dieses Bild aus rechtlichen Gründen nicht einfach weiterschicken darf. Der rechtskonforme und verantwortungsbewusste Umgang im Netz muss Kindern zunächst vermittelt werden.
  • Eingeschränkten Modus bei YouTube aktivieren. Wer sich bei YouTube einloggt, kann am unteren Ende den eingeschränkten Modus aktivieren, um so unangebrachte Inhalte zu verbergen. Einfach aktivieren und im Anschluss ausloggen, damit die Einstellung nicht einfach geändert werden kann.
  • Kindermodus auf Geräten installieren. Auf vielen Smartphones gibt es bereits einen Kindermodus, in dem nur zuvor festgelegte Apps und Optionen verfügbar sind und für dessen Deaktivierung eine PIN benötigt wird.
  • Kontrollapps installieren. Im Internet gibt es eine Menge Apps, mit denen Eltern ihre Kinder in unterschiedlichem Ausmaß kontrollieren können. Von regelmäßigen Updates über den Standort des Kindes bis hin zu einem gespiegelten Bildschirm und der Live-Ortung ist alles möglich – auch wenn es rechtlich nicht erlaubt ist.

Vertrauen: Denn Kontrolle untergräbt Handlungsfreiheit.

Die DDR und andere diktatorische Regime haben es bewiesen: Kontrolle untergräbt Handlungsfreiheit und Kreativität. Sie erschwert die freie Entfaltung und damit den Erwerb von Medienkompetenz im eigentlichen Sinne. Vertrauen ist die Basis für menschliche Beziehungen und fördert damit die Verbindung zwischen Eltern und Kindern. Das heißt jedoch nicht, dass man Kindern im Umgang mit Medien freie Hand lassen sollte. Kinder und Jugendliche müssen den verantwortungsbewussten Umgang mit den Medien erst noch erlernen. Eltern haben zudem eine Aufsichts- und Sorgepflicht. Doch insbesondere im Internet entstehen ständig neue Trends und Entwicklungen, sodass selbst medienerfahrene Eltern nicht immer auf dem aktuellsten Stand sein können.

Regeln sind wichtig, doch damit Eltern die digitale Lebenswelt ihrer Kinder auch verstehen, ist es wichtig, diese Regeln gemeinsam festzulegen. Sie sollten beispielsweise eine feste Nutzungszeit regeln und können diese an feste Bedingungen knüpfen (z.B. zunächst Hausaufgaben erledigen, aufräumen, im Haushalt helfen, …).

Eine absolute Kontrolle ist jedoch nicht ratsam. Eltern können ungeeignete Angebote zwar sperren, sie sollten jedoch nicht vergessen, dass es zum Erwachsenwerden gehört, auch einmal Fehler zu machen. Wer im Bezug zu Medien nur Verbote ausspricht, behindert nicht nur die kindliche Entwicklung, sondern stört auch die Beziehung untereinander.

Was Experten sagen

  • »Gewisse Kinder werden durch zu viel Kontrolle zu Tyrannen. Andere reagieren eher unsicher oder unselbstständig.«

    Allan Guggenbühl

    Psychotherapeut und Direktor des Instituts für Konfliktmanagement, Uni Zürich.
  • »Auf Grundlage des aktuellen Forschungsstands muss es insgesamt als problematisch angesehen werden, wenn Kinder in der Sozialisierung mit neuen Medien allein gelassen werden.«

    Martina Zemp

    Professorin für klinische Psychologie des Kinder- und Jugendalters, Universität Wien
  • »Der Mensch hält sich in einer Gemeinschaft nur dann an Regeln, wenn Verstöße auch sanktioniert werden. Das gilt für Erwachsene wie für Kinder. Eine straffreie Erziehung gibt es nicht.«

    Allan Guggenbühl

    Psychotherapeut und Direktor des Instituts für Konfliktmanagement, Uni Zürich.
  • »Schau hin, was dein Kind macht!«

    Dr. Hans Jürgen Tecklenburg

    Leiter der ambulanten und teilstationären Suchthilfe im Kreis Segeberg
  • »Die Pubertät ist in Sachen Medienerziehung sicher die anstrengendste Zeit. Es gibt viele Diskussionen, oft Streit – aber das muss man aushalten. Die Jugendlichen fordern Autonomie und sagen: ,Das geht dich nichts an.‘ Trotzdem ist es wichtig, dass die Eltern ihnen Grenzen setzen, auch wenn die immer wieder übertreten werden.«

    Klaus Lutz

    Medienpädagoge am Medienzentrum Nürnberg

Es handelt sich um meinen Beitrag zur Blogparade von SCHAU HIN! (externer Link).
Quellen: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest KIM-Studie 2018 sowie JIM-Studie 2018, tagesspiegel.de, klicksafe.de

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