B_A / pixabay.com

Anonymität im Internet

Anonymität im Internet

Dieser Beitrag wurde recycelt!

Er erschien erstmals am 24. April 2018 auf meinem Blog und wurde nun aktualisiert!

Das Internet ist voll von Plattformen, die man ohne Angabe seiner Identität nutzen kann. Eine dieser Plattformen ist beispielsweise Tellonym, bei der Menschen anonym Fragen an einen registrierten Nutzer stellen können. Die Fragen können auch mit dem eigenen Namen veröffentlicht werden.

In einem Selbstversuch habe ich mich auf eben dieser Plattform registriert und den Link in den sozialen Netzwerken öffentlich geteilt. Nach einer Woche habe ich mir die eingesendeten Fragen durchgeschaut. Ein Großteil der gestellten Fragen beinhaltet sehr intime Dinge. All diese Fragen wurden anonym gestellt.

Die Fragen...

  • Bist du beschnitten?
  • Wie oft onanierst du?
  • Bist du bi?
  • Bist du gay?
  • Wann hattest du das letzte Mal Geschlechtsverkehr?
  • Hast du Sexspielzeug?
  • Wie erklärst du dein Sexleben?

Mir stellt sich nach dem Lesen dieser Fragen jedoch vorallem eine Frage: Was stimmt nicht mit denjenigen, die solche Fragen stellen?! Natürlich habe ich die Möglichkeit gegeben, anonym Fragen zu stellen, um mich besser kennenzulernen. Ich wüsste aber nicht, was die Beantwortung dieser Fragen bringen sollte, um mich besser kennenzulernen? Was bringt denjenigen das Wissen, das sie hier erfragen? Was fangen sie mit diesen Informationen an, wenn sie sie hätten? Und wenn es sie offenbar so sehr interessiert: Warum fragen sie dann anonym und nicht persönlich?

Wenn alle Hüllen fallen...

Erinnern wir uns kurz an den G20-Gipfel in Hamburg. Mitten in Deutschland brennen Autos, Großdemonstrationen werden mit Wasserwerfern der Polizei aufgelöst, maskierte werfen mit Steinen und Flaschen nach Polizisten und plündern Supermärkte. Ermöglicht wird all dies durch eine Maske, durch Vermummung. Das Versammlungsgesetz verbietet in §17a die Vermummung bei Demonstrationen:

»(2) Es ist auch verboten,

  1. an derartigen Veranstaltungen in einer Aufmachung, die geeignet und den Umständen nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identität zu verhindern, teilzunehmen oder den Weg zu derartigen Veranstaltungen in einer solchen Aufmachung zurückzulegen,
  2.        bei derartigen Veranstaltungen oder auf dem Weg dorthin Gegenstände mit sich zu führen, die geeignet und den                 Umständen nach dazu bestimmt sind, die Feststellung der Identität zu verhindern.«

§17a

-

Versammlungsgesetz

Die Feststellung der Identität ist meiner Meinung nach zu jedem Zeitpunkt zwingend erforderlich, weil nur durch die Möglichkeit der Strafverfolgung auch zweifelsfrei alle Regeln beachtet werden. Im Internet ist dies jedoch nicht immer gegeben. Insbesondere in sozialen Netzwerken erfolgt oftmals keine Verifizierung der eigenen Identität. Mitglieder operieren anonym, können sogar problemlos die Identität einer anderen Person einnehmen. Die Anonymität im Netz ermöglicht Cybermobbing, Beleidigung, Belästigung, Volksverhetzung und Straftaten. Denn letztendlich führt sie dazu, dass Menschen eine Maske tragen und dadurch alle Hemmungen fallen. Die oben gestellten Fragen beweisen genau das!

Anonymität nimmt uns die Identität, das Vertrauen und die Hemmungen.

Meinungsfreiheit hin oder her – wer sich hinter der Anonymität versteckt, legt keinen Wert darauf, seine Meinung zu äußern, sondern will meistens nur eins: Ärger machen. Während Facebook zwar großen Wert darauf legt, einen realen Namen anzugeben, dieser aber nicht stimmen muss, ist es bei Twitter ohne weiteres möglich, hinter anonymen Nicknamen zu verschwinden. Selbst größere Twitterer oder auch YouTuber sind unter ihrem Alias bekannt, von vielen kenne ich den richtigen Namen nicht einmal – obwohl sie beinahe eine kleine Berühmtheit im Netzwerk sind.

Dennoch: Wer nicht erkannt werden kann, hat weniger Hemmungen. Wer keine Angst vor negativen Konsequenzen haben muss – ganz gleich ob Strafverfolgung oder Schädigung des eigenen Ansehens -, traut sich mehr. Das kann durchaus positive Effekte haben. Wer nicht aufpassen muss, was er sagt, kann geradeaus sagen, was er denkt. Somit sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.
Gleichzeitig bedeutet das jedoch auch, keine Grenzen für geistigen Durchfall. Jeder äußert seine Meinung. Ob sie dabei konstruktiv zur Debatte beiträgt oder einfach nur Hass und Wut schüren soll, ist egal. Hauptsache raus damit. Was das mit Meinungsfreiheit zu tun haben soll, weiß ich nicht genau. Wer seine Meinung kundtun möchte, sollte dafür meiner Meinung nach auch mit seinem Namen geradestehen.

Denn Anonymität nimmt nicht nur die Hemmungen und die Identität der Nutzer. Anonymität nimmt auch die Ernsthaftigkeit, die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in andere Menschen und somit auch in die soziale Plattform. Wie vertrauenserweckend wäre bitte eine Person, deren Gesicht ihr nicht erkennen könnt, wenn diese euch nachts im Park entgegenkommt?

Wie anonym sind wir wirklich im Netz?

Erinnern wir uns an dieser Stelle einmal an die Amokfahrt von Münster am 7. April 2018. Es waren noch nicht einmal nähere Informationen bekannt, da fingen AfD-Politiker bereits an, einen Islamisten für die Tat zu verurteilen. Menschen, die dafür plädierten, zunächst bewiesene Erkenntnisse abzuwarten, wurden von anonymen Zwergen als „Gutmenschen“ abgetan. Wenig später wurde bekannt, dass der Fahrer ein psychisch kranker Deutscher war.

»Jetzt, wo sich herausstellt, dass der Fahrer in #Münster wohl keinen islamistischen Hintergrund hatte, sagt man halt einfach, dass der Islam schon so tief in uns sitzt, dass wir islamistische Taten nachahmen.

Manchen Leuten* sollte man Twitter wegnehmen.

*Nazis #NoAfD«

@DaydreamerKev

-

Kevin Ruser auf Twitter

Nachdem ich diesen Tweet (nebenbei bemerkt unter meinem vollständigen Namen) auf Twitter geschrieben hatte, erreichte mich wenig später eine anonyme E-Mail.

Sehen wir an dieser Stelle einmal von den Rechtschreibfehlern ab, ist es auch hier die Anonymität des Internets, die Menschen scheinbar dazu befähigt, Dinge zu sagen, die sich – meiner Meinung nach – nicht gehören. In diesem Fall wurde mir und meiner Familie der Tod gewünscht.

Die Anonymität im Netz schützt die Identität der Personen zwar vor „einfachen“ Nutzern, vorm Internetprovider und/oder Behörden jedoch nicht. Im Gegenteil: Das Internet ist der unanonymste Raum überhaupt. Zwar gibt es kein Gesetz, dass Klarnamen im Netz vorschreibt, über die IP-Adresse kann der Nutzer jedoch dennoch eindeutig identifiziert und ermittelt werden.

Zurück zu den Ausgangsfragen...

Es bleibt mir ein Rätsel, was es Menschen bringen soll, solch prägnante Informationen über mich zu haben. Ich bin bei Weitem kein Unschuldsengel, aber warum fragt man solche Dinge anonym? Ich verstehe den Sinn dahinter nicht. Verstehe nicht, warum man so etwas über mich wissen möchte und wäre wirklich interessiert daran, WER so etwas von mir wissen möchte.

Halten wir also abschließend fest: Anonymität kann Grundlage für Kreativität sein, nimmt aber gleichzeitig Vertrauen und löst Hemmungen. Doch anonymes Verhalten muss in sozialen Netzwerken nicht mehr ungestraft bleiben. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz soll die Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken deutlich erleichtern und somit auch anonymen Nutzern ein wenig Einhalt gebieten. So sollen insbesondere anonyme Hetze und die Verbreitung von Fake News im Internet eingeschränkt werden.

Ich denke, es gibt Gründe, im Internet möglichst anonym auftreten zu wollen. Wer allerdings Wert darauf legt, seine Meinung zu äußern und ernst genommen zu werden, sollte sich vielleicht überlegen, ob er sein Gesicht dabei wirklich unter der Maske der Anonymität verbergen will. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht mit solchen Fragen gerechnet hatte. Aber letztendlich war dies Experiment,das auch die Problematik der Anonymität im Internet und damit eine langumstrittene Debatte aufgezeigt hat.

1 thought on “Anonymität im Internet”

  1. Hallo Kevin,

    ich habe ja die Anfänge des „öffentlichen“ Internets miterlebt. Zu dieser Zeit hätte niemand im Traum daran gedacht, dort in den Chat-Räumen und Foren (in denen ich mich aufhielt) mit seinem echten Namen aufzutreten (im Usenet war das wohl anders). Und trotzdem lief immer alles mehr oder weniger gesittet ab. Ich empfand es als ein lockeres, entspanntes World Wide Web, in dem Erfahrungen ausgetauscht wurden und die Menschen anonym ihre Kreativität auslebten – und zwar ohne Probleme. Denn die Leute hielten sich an einen Verhaltens-Kodex namens „Netiquette“. Wenn sich jemand wider besseren Wissens nicht daran hielt, wurde er rasch gesperrt. Doch aus irgendeinem Grund ist die Netiquette in den letzten Jahren in Vergessenheit geraten.

    Das Problem liegt meiner Meinung nach nicht in der Anonymität. Ich bin prinzipiell noch heute gegen die Klarnamen-Pflicht in „Sozialen Netzwerken“ und ich find’s doof, auf der eigenen Website ein Impressum anzugeben. Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute haben nicht nur wir „Nerds“ sondern Hinz und Kunz (die noch nie von der Netiquette gehört haben) einen Zugang zum Internet. Und fast jeder Nutzer saugt die Infos darin unkritisch auf wie ein Schwamm, ob die nun richtig sind oder nicht – und verbreitet sie schamlos weiter.

    Manchmal wünsche ich mir das „alte Internet“ zurück, das Klarnamen und Vorratsdaten-Speicherung nicht nötig hatte. Sieh’s mal so: Dürftest Du selbst anonym sein, könnten Dir solche Droh-Mails am Allerwertesten vorbei gehen. Aber Du darfst es nicht, weil es das Gesetz vorgibt.

    Es stimmt übrigens nicht, dass die IP einen Nutzer eindeutig identifiziert. Denk nur mal an die VPN-Dienste oder das Tor-Netzwerk. Wenn der Troll, der Dir anonym droht, sowas nicht kennt oder nutzt, hast Du vielleicht Glück. Doch bis die Strafverfolgungsbehörden reagieren, sind die Daten oft längst nicht mehr auszuwerten.

    Beste Grüße
    Patrick

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *