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Keine Angst, in der Schule gibt es kein Corona!

Keine Angst, in der Schule gibt es kein Corona!

Seit dem 02. November gilt der sogenannte Lockdown Light in Deutschland. Er soll dabei helfen, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, Infektionsketten zu unterbrechen und das Gesundheitssystem somit zu entlasten. Betroffen sind von dieser Maßnahme insbesondere Gastronomiebetriebe, Freizeiteinrichtungen und Veranstaltungen. Sie müssen mindestens den gesamten November auf Besucher verzichten. Nicht betroffen hingegen sind der Einzelhandel, Kitas und Schulen, dabei kommt man insbesondere dort mit vielen Menschen auf engstem Raum zusammen. Wie kann das sein?

Warum bleiben Schulen und Kitas geöffnet?

Die Schließung von Schulen und Kitas im Frühjahr 2020 war ein Armutszeugnis für Deutschland. Insbesondere die Schulschließungen haben uns vor Augen geführt, dass andere Länder uns in digitaler Hinsicht bereits um Längen voraus sind. Das große Problem: Kinder benötigten Betreuung, sie brauchten Unterstützung bei der Bearbeitung der Schulaufgaben, die ihnen als PDF-Dokument per Mail zugegangen waren und ihre Lehrkräfte waren oftmals überhaupt nicht erreichbar. Da auch viele Eltern – mehr oder weniger freiwillig – im Homeoffice arbeiteten, mussten diese die Betreuung ihrer Kinder während der Schulzeit übernehmen und somit einen Spagat zwischen eigener Arbeit und den Schulaufgaben ihrer Kinder leisten.

Nach einem milden Sommer, in dem sich viele bereits wieder an gelockerte Maßnahmen gewöhnt hatten, folgt nun jedoch die zweite Welle. Die Herbstferien galten als Schwelle der Entwicklung in Deutschland. Seit Wochen beraten Bund und Länder regelmäßig über neue Maßnahmen. Doch erneute Schulschließungen blieben auch nach den Herbstferien aus – trotz bundesweiter Risikogebiete und Inzidenzen, die mancherorts bereits die 300 überschreiten.

  • »Das Recht auf Bildung muss Priorität haben.«

    Stefanie Hubig, SPD

    Bildungsministerin Rheinland-Pfalz
  • »Das Prinzip muss sein: Unsere Kinder müssen betreut werden. […] Schule und Kita hat ja den Zweck auch, um die Wirtschaft laufen zu lassen.«

    Markus Söder, CSU

    Ministerpräsident Bayern
  • »Schule und Unterricht sind wesentlich sicherer als die Freizeit und das Zuhause.«

    Ties Rabe, SPD

    Senator für Schule und Berufsbildung Hamburg
  • »Kindergärten und Schulen müssen offen bleiben, werden offen bleiben. Die Pandemie muss dort bekämpft werden, wo sie auch wirklich stattfindet und das sind vor allem Veranstaltungen und Zusammentreffen, in denen kein Mindestabstand gilt, das ist oft der familiäre Kontext.«

    Michael Kretschmer, CDU

    Ministerpräsident Sachsen

Die Kultusministerkonferenz sieht offenbar das Recht auf Bildung bedroht, wenn Schülerinnen und Schüler zuhause blieben. Fakt ist: Die Ausstattung der Familien lässt uneingeschränkten Fernunterricht überhaupt nicht zu. Familien mit mehreren Kindern haben meist nicht für jedes Kind ein eigenes Gerät – zumal auch sie ein Endgerät benötigen, wenn sie aus dem Homeoffice arbeiten.

Die Kultusminister haben sich deshalb dazu entschieden, die Schulen offen zu halten. Sie seien ohnehin nicht Treiber der Pandemie und die AHA-Regel an weiterführenden Schulen sowie das regelmäßige Lüften seien offenbar eine gute Grundlage, um eine Ausbreitung des Coronavirus‘ an Schulen einzudämmen.

Infektionen und Quarantäne an Schulen nachgewiesen

Die Realität sieht jedoch anders aus. Lehrkräfte, Lernende und Eltern fordern immer häufiger, zum Distanzunterricht zurückzukehren. Und auch das Robert-Koch-Institut sieht eine erneute Teilung der Klassen und optionales Distanzlernen als notwendige Maßnahme ab einer Inzidenz von 50 Infektionen innerhalb von sieben Tagen auf 100.000 Einwohnern.

Die Umsetzung dieser Regelungen erfolgt jedoch in der Praxis nicht. Lediglich bei konkreten Fällen werden einzelne Lerngruppen vorübergehend isoliert, die übrigen Klassen bleiben bei voller Klassenstärke in regelmäßig gelüfteten Klassenzimmern zurück. Zwar sollen sie die Maske auch während des Unterrichts tragen, in den Pausen nehmen sie diese jedoch häufig ab oder nehmen in den Gängen das Essen und Trinken als Ausrede für das Nicht-Tragen der Masken.

Obwohl die Kultusministerkonferenz vehement bestritt, dass Schulen am Infektionsgeschehen beteiligt seien, sind inzwischen konkrete Fälle bekannt. RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler bestätigte, dass es in Schulen inzwischen erste Ausbrüche gäbe, „das müssen wir gut analysieren“. Auch Virologe Prof. Dr. Christian Drosten äußerte sich kritisch zu den uneingeschränkten Schulöffnungen:

»Auch in Deutschland gibt es inzwischen belegte Ausbrüche an Schulen. Da werden wieder einige sagen: Aber es ist doch noch nichts passiert. Klar, weil die Gesundheitsämter darauf achten. Noch haben die Behörden die Kraft, früh zu reagieren. Es gibt Schulklassenquarantänen im Moment, landesweit.«

Prof. Dr. Christian Drosten

-

Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin

Bundesweit sind pandemiebedingt bereits mehr als 165 Schulen in acht Bundesländern wieder geschlossen – 135 davon liegen allein in Bayern. Bereits vor den Herbstferien waren am letzten Schultag 15 Schulen in Baden-Württemberg geschlossen, Hessen zählt sechs geschlossene Schulen, Mecklenburg-Vorpommern vier und in Schleswig-Holstein sind zwei Schulen komplett geschlossen. In Rheinland-Pfalz, Sachsen und Brandenburg musste je eine Schule wegen infektionsbedingt geschlossen werden.

Das Schweigen der Kultusminister

Zu Zeiten als die Coronazahlen in Deutschland relativ niedrig waren, nämlich gerade einmal zwei Wochen nach den Sommerferien, verkündeten die Kultusminister der Länder nahezu wortgleich, dass Schulen keine Rolle am Infektionsgeschehen spielen würden. Sie reagierten damit auf die kritisierte Maskenpflicht, die vielerorts für zwei Wochen nach den Sommerferien eingeführt worden war – aufgrund möglicher Reiserückkehrer.

  • »Fast zwei Wochen nach Schuljahresstart können wir erkennen, dass die Schulen selbst kein Hotspot sind.«

    Sandra ScheeresHubig, SPD

    Bildungssenatorin Berlin
  • »Nach zwei Wochen Unterricht können wir sagen, dass sich Schulen bislang nicht als Hotspots erwiesen haben.«

    Alexander Lorz, CDU

    Kultusminister Hessen
  • »Bislang hat es in NRW an keiner Schule einen unkontrollierten Corona-Ausbruch oder gar einen «Hotspot» gegeben.«

    Yvonne Gebauer, FDP

    Schulministerin Nordrhein-Westfalen
  • »Keiner muss Angst haben, zur Schule zu gehen. […] Nach allem was wir wissen, sind unsere Schulen keine Corona-Hotspots.«

    Grant Hendrik Tonne, SPD

    Kultusminister Niedersachsen

Und so ist es nicht verwunderlich, dass nach mehr als 200 Tagen nach den Schulschließungen im Frühjahr jetzt nach den Herbstferien das Lüften zum Gebot der (Unterrichts-)Stunde wird. Beim Festhalten am „Corona-Regelbetrieb„, wie ihn etwa die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) nennt, geht es nicht mehr darum, den Kindern das Recht auf Bildung zu sichern. Einem Beschlussentwurf der SPD-geführten Länder, welcher etwa der SPIEGEL-Redaktion vorliegt, geht es viel mehr um die „Verhinderung weitreichender Folgen über die Pandemie hinaus“. Dagegen hält das offizielle Beschlusspapier (externer Link) der Bundesregierung, welches in der Sitzung der 16 Länder mit Kanzlerin Merkel erarbeitet wurde:

»Das Recht auf Bildung von Kindern und Jugendlichen kann am besten im Präsenzunterricht in der Schule verwirklicht werden.«

Studien beweisen: Auch Kinder haben Covid-19!

Schon seit Beginn der Pandemie im Frühjahr ist bekannt, dass Kinder und Jugendliche sich zwar ebenfalls mit dem Coronavirus infizieren können, dass sie jedoch seltener erkranken und somit keine Symptome zeigen. Der Epidemiologe Dr. Eric Feigl-Ding fand in einer Studie für das US-Gesundheitsministerium heraus, dass 53% der Probanden unter 12 Jahren positiv auf das Coronavirus getestet werden konnten, ohne dass sie Symptome zeigten. Bei den 12-17-Jährigen konnte bei 38% eine Infektion nachgewiesen werden (zur Studie, externer Link).

Weil die Kultusminister und Gesundheitsämter die Daten über positive Fälle nicht ausreichend aufschlüsseln, startete eine Lehrerin aus Hamburg über die sozialen Netzwerke eine Aktion, bei der Kolleginnen und Kollegen ihre Schule in einer Karte markieren konnten, wenn es einen bestätigten Corona-Fall an ihrer Schule gegeben hatte. Das Ergebnis: Allein im September gab es mehr als 1.900 Fälle an deutschen Schulen und mehr als 500 Fälle in Kitas. Dafür, dass es laut Kultusministern keine nennenswerten Fälle an Schulen gäbe, sind diese Zahlen erschreckend hoch.

Das Helmholtz-Zentrum in München hat darüber hinaus nun ebenfalls eine Studie veröffentlicht. Sie verglich das Vorhandensein von Antikörpern in bis zu 12.000 Blutproben von Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren mit den offiziellen Testergebnissen und fand heraus, dass tatsächlich etwa sechsmal so viele Kinder Corona gehabt haben wie von offiziellen Stellen bekannt. Außerdem fanden die Forscher heraus, dass etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, die in der Studie positiv auf Corona-Antikörper getestet worden sind, einen Verlauf ohne Symptome aufwiesen. Überraschend war auch, dass etwa zwei Drittel der Kinder ein negatives Testergebnis gehabt haben, obwohl es im näheren Familienumkreis eine Infektion gegeben hatte. Verwendet wurde ein zweistufiger Antikörpertest, der falsch-positive Ergebnisse ausschließt und weniger als fünf Prozent der positiven Ergebnisse nicht korrekt erkennt. Die Aussage, dass das Zuhause maßgeblich an Infektionen der Kinder beteiligt sei, konnte damit zumindest in 66,67% der Fälle widerlegt werden (zur Studie, externer Link).

Eine weitere US-Studie belegt, dass Kinder einen asymptomatischen Verlauf haben können. Hier zeigten 42% der Kinder keine Symptome oder waren zunächst asymptomatisch und zeigten erst im späteren Verlauf leichte Symptome. Die Studie, die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift JAMA Pediatrics veröffentlicht wurde, bewies außerdem, dass Kinder das Virus bis zu drei Wochen lang weitergeben könnten. Etwa die Hälfte der Kinder mit leichten Symptomen war noch nach drei Wochen infektiös, ohne von einer Erkrankung mit Covid-19 zu wissen (zur Studie, externer Link).

1 thought on “Keine Angst, in der Schule gibt es kein Corona!”

  1. Vielen Dank für diesen mutigen Artikel. Ich bin immer wieder entsetzt, wenn in den Medien kolportiert wird, es seien ja „nur“ 0,53% bei einer Testung von 100.000 Schülern. Gehen wir mal von rund 300.000 Infizierten bei einer Bevölkerung von 83 Millionen Einwohnern aus (Quelle Wikipedia). Das wären dann ~0,38% der Bevölkerung sind infiziert – wenn man diese Zahl gegen die „nur“ 0,53% hält ist das schon ein bisschen frech was da serviert wird.
    Natürlich sind wir als Gesellschaft nicht auf Distanzunterricht vorbereitet und natürlich kann ich von keiner Lehrkraft erwarten aus dem Stand digitales Material zu bearbeiten. Wohlgemerkt neben der Bearbeitung des Präsenzmaterials. Ohne Überstunden natürlich. Wie soll das gehen?
    Diese Pandemie hält uns den Spiegel vor. In der Oberstufe sollen die SchülerInnen auf ein universitäres Studium vorbereitet werden. An vielen Universitäten ist die Hybrid-Lehre gang und gäbe aber wir verzichten auf die nötigen Schritte, weil es ja „nur“ 0,53% sind – eine fatale und auch durchsichtige Verschleierung.
    Seien wir doch mal ehrlich: In den meisten Familien existieren die nötigen Bedingungen nicht um einen Distanzunterricht zu stemmen. Ob das nun an den Eltern, der Gesellschaft, den Kindern oder den Schulen liegt ist da erstmal unerheblich. Alle starren wie das Kaninchen auf die Schlange auf den Anfang des Jahres und wollen so etwas um jeden Preis verhindern. Ich finde das unfair gegenüber Lehrkräften, der Schülerschaft und den Familien mit schulpflichtigen Personen.
    Deutschland ist nicht digital und es wird noch einiges dauern, bis wir uns selber in einem verantwortungsvollen und bewussten Umfang digitalisieren. Das Verdrehen von Zahlen hilft da nicht weiter.

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