kreatiker / pixabay.com

E-Learning: Schulen ohne Lehrer

E-Learning: Schulen ohne Lehrer.

Ein Blick auf unsere Schulen lässt viele von uns erschaudern. Nicht einmal jede zweite Schule in Deutschland verfügt über eine funktionierende WLAN-Verbindung. Die Digitalisierung, von der ständig gesprochen wird, hat die Schulen nicht erreicht. Doch nicht nur an digitaler Infrastruktur mangelt es in unseren Schulen: Der Lehrermangel scheint ein ebenso großes Problem zu sein. Gerade in der Pandemie wird deutlich: Sichere Bildungswege erfordern entweder das eine oder das andere: Geteilte Klassen können nur funktionieren, wenn es genug Personal gibt, und digitaler Unterricht ist ohne die technischen Voraussetzungen ebenfalls nicht denkbar. Doch was ist, wenn der Lehrermangel hausgemacht ist? Etwa weil in Zukunft keine Lehrer mehr benötigt werden?

Die Situation an Schulen jetzt

Tausende Lehrkräfte fehlen an deutschen Schulen – Tendenz steigend. Grund hierfür sind insbesondere die steigenden Geburtenzahlen der letzten Jahre sowie die Zuwanderung der vergangenen Jahre. Während jedoch mehr Schülerinnen und Schüler an die Schulen kommen, verlassen immer mehr Lehrkräfte die Schulen und gehen in den Ruhestand. Eine Möglichkeit, mit dem Mangel an Lehrkräften umzugehen, ist die Mehrarbeit vorhandener Lehrkräfte. Ein derartiger Ansatz ist zurzeit in Bayern im Gespräch. Lehrkräfte sollen hier – freiwillig – mehr arbeiten, um so die Stunden der fehlenden Lehrkräfte aufzufangen. 

Anderswo führt der Lehrermangel zu der vermehrten Einstellung von Quer- oder Seiteneinsteigern. Diese sind keine ausgebildeten Lehrkräfte, sie haben in der Regel nicht einmal pädagogische Erfahrungen. Dennoch wirkt das Gehalt attraktiv. Ein aktuelles Beispiel aus Berlin zeigt: Seiteneinsteiger in das Lehramt können bis zu 4.500€ brutto verdienen. Damit ist der Quereinstieg ins Lehramt beinahe attraktiver als die Lehramtsausbildung. Diese beinhaltet fünf Jahre Studium sowie ein 18-monatiges Referendariat. Das Studium wird nicht vergütet, im Referendariat liegt das Einkommen zwischen rund 1.200 und 1.500€.

Doch es ist nicht die Ausbildung, die Schuld daran ist, dass keine Lehrer mehr nachkommen, die den Lehrermangel auffangen. Lehramtsanwärter, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, gibt es an den Universitäten mehr als genug. Der Mangel an Lehrkräften an den Schulen führt jedoch auch dazu, dass die Kapazität für die Referendare nicht mehr gegeben ist. Wer soll neue Lehrkräfte an den Schulen ausbilden, wenn bereits jetzt nicht genug Lehrer vorhanden sind, um die Schülerinnen und Schüler zu unterrichten.

Grund genug, den Lehrermangel immer mal wieder zu bedauern. Die Nachrichten berichten über fehlende Lehrkräfte, ausfallenden Unterricht, wütende Eltern, schlechtere Schüler in der PISA-Studie und viele unbesetzte Stellen an deutschen Schulen. Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung könnten in Kürze in Deutschland mehr als 26.000 Grundschullehrer fehlen.

Verständlich erscheint dies nicht, denn „Lehrer“ ist doch ein echt wichtiger Beruf. Auffällig ist jedoch, dass es immer die sozialen Berufe sind, in denen es Arbeitskräftemangel gibt: Erzieher, Lehrer und Altenpfleger. Was ist, wenn der Lehrermangel hausgemacht ist? Wenn man keine Lehrkräfte mehr einstellen möchte, weil man sie in Zukunft schlichtweg nicht mehr benötigen wird?

Schule ohne Lehrer - kann das funktionieren?

Lehrkräfte gehören zur Schule wie der Sand zum Meer. Sie sind Experten für das Unterrichten, gestalten den Unterricht, sind Zuhörer, sollen erziehen und lehren – das war schon immer so und wird auch immer so sein. Oder?

Eine Schule in der kanadischen Provinz Ontario möchte nun beweisen, dass es an der Schule auch ohne Lehrer geht. Mitte Januar berichtete die dortige Tageszeitung, dass die Bezirksregierung vorhabe, das Budget für die Schulen rapide zu kürzen – indem Lehrer durch Computer ersetzt werden. Hierbei handelt es sich keinesfalls um ein Pilotprojekt, denn Ontario orientiere sich dabei an den US-Bundesstaaten Alabama und Arkansas. Ziel dieser Schulen ist der schrittweise Aufbau von Kompetenzen durch E-Learning-Kurse.

In Ontario spielt man darüber hinaus mit dem Gedanken, bis 2024 reine Online-Schulabschlüsse einzuführen. Lehrkräfte würden dadurch überflüssig. Eine Maßnahme, die bis zu 60 Milliarden Dollar im Jahr einsparen könnte. Lehrer werden durch Roboter, Tablets, Online-Plattformen und Videos ersetzt, die den Schülerinnen und Schülern beim Lernen helfen sollen.

Eine weitere Möglichkeit ist das sogenannte „Unschooling„, welches in vielen Kantonen der Schweiz bereits erlaubt ist und praktiziert wird. Gemeint ist der Hausunterricht, bei denen Schülerinnen und Schüler zu Freilernern werden. Kinder und Jugendliche werden dann nicht mehr in Schulen unterrichtet, sie lernen zuhause und ohne Stundenplan. Eltern stehen in der Aufgabe, die Kinder und Jugendlichen beim Lernen zu unterstützen, Fragen zu beantworten und zusätzliche Lerninhalte zu beschaffen. Die Schwerpunkte werden hierbei insbesondere auf das gelegt, was für den späteren Werdegang relevant sein könnte – bei Tierärzten könnte dies Biologie sein, während der Geschichtsunterricht eher verkürzt wird. 

Dieses System ist in Deutschland jedoch nicht ohne Weiteres möglich. Denn die Schulpflicht, die in Deutschland herrscht, erlaubt den Privatunterricht zuhause nicht. Zwar kann eine Bewilligung eingeholt werden, dies bleibt jedoch die Ausnahme. Deutlich häufiger seien laut Bildungswissenschaftlern jedoch Bildungsverweigerer, die unerlaubt der Schule fernbleiben. Gründe hierfür sind etwa Angst vor Manipulation durch den Staat oder Zweifel am Bildungssystem.

Hausgemachter Lehrermangel?

Bleibt also noch die Bewältigung nach nordamerikanischem Vorbild. Dem Lehrermangel durch Digitalisierung zu begegnen, könnte die Lösung für das Problem sein – wenn die digitale Infrastruktur an deutschen Schulen auch nur annähernd bereit dafür wäre. Schülerinnen und Schüler durch individuelle Lernarrangements mit digitalen Medien zu unterrichten, macht flächendeckendes Internet und die nötigen Ressourcen erforderlich.

Doch nicht nur die technischen und materiellen Grundlagen fehlen in Deutschland. Die Idee stößt auch auf menschlicher Seite an ihre Grenzen. In Ontario sorgt das Vorhaben bei den Lehrern für Unmut. Sie sagen, unter den Maßnahmen der Regierung, Geld einzusparen, würden insbesondere die Schülerinnen und Schüler leiden. Und auch die Schüler selber haben ihre Zweifel an dem Vorhaben.

94,5% der Schülerinnen und Schüler missbilligen die Regierungspläne, Lehrer durch E-Learning zu ersetzen95%
60% der Schülerinnen und Schüler finden, die bestehenden Online-Angebote würden sie nicht ausreichend unterstützen60%
35% der Schülerinnen und Schüler haben Probleme bei der Nutzung der Lernsoftware35%

Die Umfrage der studentischen Interessensgruppe OSTA-AECO zeigte auch, dass rund 94.000 Schüler in Ontario ihren Highschool-Abschluss nicht bestehen würden, wenn sie dazu verpflichtet wären, Online-Kurse zu belegen.

Dass der derzeitige Lehrermangel also die Einleitung eines digitalen Lehrerersatzes ist, sehe ich nicht. Diese wäre derzeit in Deutschland nicht nur nicht möglich, sie wäre vorallem nicht sinnvoll, weil sie zum derzeitigen Stand der Technik überhaupt nicht das ermöglicht, was in den Bildungswissenschaften derzeit relevant ist. Inklusion, Differenzierung und individuelle Hilfestellungen könnten zwar technisch umgesetzt werden, würden aber gleichzeitig mit dem Verlust sozialer Interaktionen einhergehen, die für den Lernerfolg enorm wichtig sind. Digitalisierung wird – meiner Meinung nach – das Problem des Lehrermangels nicht lösen. Sie wird nicht dafür sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler schlagartig wieder besser in der PISA-Studie abschneiden. E-Learning wird das Problem des Lehrermangels nicht lösen. Es ist Aufgabe der Regierung, dem Lehrermangel zu begegnen. Lehramtsanwärter wie ich sollten sich nicht verunsichern lassen und um ihren Job bangen. Denn dort, wo man meint, nicht auf steigende Geburtenzahlen in sechs Jahren, in denen die Neugeborenen bis ins Schulalter heranwachsen, reagieren zu können, dort, wo nicht absehbar war, dass mit der Zuwanderung tausender junger Flüchtlinge auch der Bedarf an Lehrkräften steigen würde, dort hat man noch nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, dass irgendwann irgendetwas Technisches Lehrkräfte ersetzen könnte.

Quellen: faz.net, beamten-infoportal.de, focus.de, kmk.org

Medien

Smartphones in der Schule

Bereits jeder zehnte Dreijährige kommt regelmäßig in den Kontakt mit digitalen Medien wie Smartphone oder Tablet-PC und ist damit online. Kann man das Smartphone auch in die Schule integrieren und vertreibt es Schulbuch und Co?

Blogs und Kooperationen

Smartwatch: Spione in der Schule

Beinahe jeder zweite Deutsche trägt eine Smartwatch – eine digitale Armbanduhr. Doch sind solche Uhren auch für Kinder und Jugendliche geeignet und welche Probleme bereiten sie in der Schule?

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *