Das gebrochene Herz der Narzissa Malfoy

Das gebrochene Herz der Narzissa Malfoy

„Harry!“ Hermine stürmte um die Ecke, geradewegs auf Harry zu, der vor einem Behandlungszimmer wartete. Sie befanden sich im St.-Mungo-Hospital für magische Krankheiten und Verletzungen. Harry hatte den reglosen Ron nach dem Duell mit Lucius Malfoy hierher gebracht. Er nahm Hermine in den Arm, drückte und beruhigte sie.

„Was ist passiert?“ – „Sprengfluch. Es scheint ihn ordentlich erwischt zu haben.“ – „Aber… Er wird doch… Er wird doch wieder?“, Hermine war aufgelöst, „Warum dürfen wir nicht zu ihm?“ Harry zuckte mit den Schultern. Die Tür zum Behandlungszimmer schwang auf und eine Heilerin trat heraus. Sofort machte Hermine einen Satz auf sie zu: „Wie geht es ihm? Wann kann ich zu ihm?“ Die Heilerin beruhigte Hermine und bat sie, sich zu setzen. Ausführlich erklärte sie Harry und Hermine, dass der Sprengfluch nicht nur äußerliche Verletzungen angerichtet hatte, weshalb das Problem nicht einfach mit Diptam-Essenz behoben werden konnte. „Es sind Knochen zersplittert und er hat innere Verletzungen durch die Splitter davongetragen. Wir müssen ihn vorerst hier behalten und er braucht absolute Ruhe. Er ist ohnehin nicht ansprechbar. Wir halten Sie auf dem Laufenden.“

Hermine war fassungslos. Harry legte seinen Arm um Hermine und tröstete sie. „Lass uns hoch gehen. Ich lade dich auf ein Goldlackwasser ein“, sagte Harry bemüht. Hermine wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und nickte stumm.

Das St.-Mungo-Hospital war ein fünfstöckiges Gebäude, das von außen einem renovierungsbedürftigen Kaufhaus glich. Während Ron im vierten Stockwerk, der Abteilung für Fluchschäden und Zauberunfälle, behandelt wurde, befand sich im fünften Stock die Besuchercafeteria. 

 

Während Hermine sich in der Cafeteria an einen abgelegenen Tisch zwischen zwei kleinen Bäumchen setzte, bestellte Harry ein Goldlackwasser für Hermine und ein Butterbier für sich. Als er zum Tisch zurückkehrte, starrte Hermine an ihm vorbei. Als Harry sich ebenfalls umdrehte, um Hermines Blicken zu folgen, sah er ihn: Gilderoy Lockhart. 

Er saß an einem langen Tisch in der Besuchercafeteria, vor ihm waren seine Bücher aufgestapelt. Er verteilte wohl Autogramme. „Ob er sich wohl an uns erinnert?“, scherzte Harry, doch Hermine reagierte nicht. „Weißt du, was mich anwidert, Harry? Dass er nun ausgerechnet in dem Krankenhaus behandelt wird, das Lucius Malfoy immer als großzügiger Spender unterstützt hat.“ Harry verschluckte sich an seinem Butterbier. Dieses Detail hatte er vergessen. „Ich versichere dir, er wird hier bestens behandelt werden.“ Sie blickte stumm auf ihr Goldlackwasser. „Versprich mir, dass du ihn findest, Harry. Wenn es sein muss, helfe ich dir dabei.“ – „Ich verspreche es. Aber da gibt es noch etwas, was du wissen solltest.“

Das Verhör

Hermine schaute ihn fragend an. „Malfoy hat mir gedroht. Er werde mir alles nehmen. Du bist also auch in Gefahr.“ Hermine seufzte. „Ich kann sehr gut auf mich aufpassen. Soll er kommen. Es gibt so viele Zauber, die ich an ihm ausprobieren möchte.“ Harry gluckste, verschluckte sein Lachen aber sofort. „Ich werde mich nicht verstecken, Harry.“ – „Pass aber dennoch auf dich auf, Hermine. Lucius Malfoy ist gefährlich.“ Hermine nickte stumm und nahm einen großen Schluck von ihrem Goldlackwasser. „Was ist mit seiner Frau, Harry?“ – „Die Auroren haben sie mitgenommen. Ich werde sie später verhören.“ – „Lass mich dabei sein.“ – „Du solltest bei Ron bleiben, falls er aufwacht.“ Sie nickte.
„Ich werde mich jetzt um Narzissa kümmern.“ Harry trank sein Butterbier aus, verabschiedete sich von Hermine und ging zum Aufzug. Auf dem Weg dorthin passierte er den Tisch, an dem Gilderoy Lockhart seine Bücher signierte. „Sir“, grüßte Harry ihn nickend. Lockhart blickte kurz auf und lächelte freundlich aber verwirrt. Er erkannte Harry nicht und räumte seine Bücher auf dem Tisch hin und her.

 

Narzissa Malfoy saß schweigend auf einem Stuhl in einem dunklen Raum im Keller des Ministeriums. Hier traf sich für gewöhnlich das Zaubergamot für Anhörungen und Befragungen. Heute war der Raum leer. Zwei Auroren bewachten die einzige Tür.
Während Narzissa Malfoy Löcher in die Luft starrte, ging Harry vor ihr auf und ab. „Mrs. Malfoy, ich könnte mit meiner Zeit durchaus sinnvollere Dinge anfangen als in diesem dunklen Kellerraum auf und ab zu gehen. Alles, was ich von Ihnen wissen möchte, ist, wo ihr Mann sich versteckt.“ Wie bei Verhören üblich, waren Dementoren anwesend, die durch einen Patronus an der Decke des Raumes gehalten werden. Harry Patronus, der die Form eines Hirsches annimmt, sprang anmutig in etwa vier Metern Höhe durch den Raum. Doch Narzissa beachtete ihn ebenso wenig wie sie Harrys Worten Beachtung schenkte.
Harry seufzte. Dann kam ihm eine Idee. „Was glauben Sie, was Draco davon halten würde, wenn sein Vater als gesuchter Schwerverbrecher und seine Mutter wegen Beihilfe nach Askaban kommen würden?“ Narzissa zuckte zusammen. „Draco“, murmelte sie, „Ich möchte mit Draco sprechen.“ – „Sagen Sie mir, was ich hören will, dann hole ich Draco her.“ Narzissa verlor eine Träne.

„Nachdem Sie mir im Wald die Gewissheit gegeben haben, dass es meinem Draco gut geht, habe ich Ihr Leben gerettet, Mr. Potter. Ich habe meinen Sohn und meinen Mann mitgenommen und wir haben ein neues Leben angefangen. Mein Mann versprach mir, den Kontakt zu allen Todessern abzubrechen“, Narzissa sprach leise und ruhig, „wir lebten glücklich und ruhig, Draco gründete seine eigene Familie und mit der Zeit schwächte der Kontakt ab. Seit einiger Zeit wirkte Lucius unglaublich beschäftigt. Das machte mich misstrauisch, war er doch inzwischen im Ruhestand…“

„Lucius?“, Narzissa rief aus der Küche nach ihrem Mann. Sie wartete mit dem Essen auf ihn. Doch ihre Rufe blieben unbeantwortet. Sie ging die Treppe hinauf. Die Tür zum Salon war nur angelehnt und es hallten Stimmen heraus. Narzissa näherte sich der Tür und lauschte. Lucius sprach mit einem anderen Mann: „Wir haben so lange darauf gewartet. Wir haben alles so gut geplant. Wir sollten die Gelegenheit nutzen und gleich tätig werden.“ Der andere Mann stimmte brummend zu. Narzissa klopfte an die Tür und öffnete sie. „Lucius, das Essen…“ – „Jetzt nicht!“, fuhr er sie an. Der andere Mann schaute sie grimmig an. „Ist das…“ – „Nicht jetzt!“, brüllte Lucius. Narzissa fuhr erschrocken zurück. Lucius schwang seinen Zauberstab und die Tür knallte Narzissa vor der Nase ins Schloss. Sogleich wollte sie sie wieder öffnen, doch ihr Mann hatte sie magisch verschlossen.

Eine Stunde später war das Essen bereits kalt geworden. Mit verschränkten Armen saß Narzissa am Küchentisch als ihr Mann in die Küche kam. Er setzte sich zu ihr an den Tisch ohne ein Wort zu sagen. „Das Essen ist kalt“, stellte er mit vollem Mund fest. Stumm wirbelte Narzissa mit ihrem Zauberstab umher und das Essen begann erneut zu dampfen. „Er war ein Todesser, oder?“ – „Du bist ja paranoid. Das war ein alter Freund von der Arbeit.“ – „Dass du es wagst, mir ohne ein Wimpernzucken ins Gesicht zu lügen.“ Lucius stöhnte genervt. „Sein Name ist Dowle, Crowle oder Rowle. Ich weiß es. Was ich jedoch nicht weiß, ist, warum du mich anlügst, Lucius. Du hast mir versprochen…“ – „Genug!“ Lucius sprang von dem Stuhl auf und fegte den Teller vom Tisch. „Dieses Leben kotzt mich so an.“ Dann stürmte er aus der Küche.

„Diesen Blick hatte ich zuvor noch nie in seinen Augen gesehen.“ Harry hatte sich auf die Stufen zum Podium gesetzt und ihr aufmerksam zugehört. „Er war wie besessen. Seine Liebe zur Macht war größer als die Liebe zu mir. An diesem Tag brach er mir das Herz.“ Sie weinte. Harry war aufgestanden und stand nun direkt vor ihr. „Mrs. Malfoy, wo ist Ihr Mann?“ – „Ich kann es nicht sagen.“ – „Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?“ – „Ich kann nicht.“ – „Warum können Sie nicht?“ – „Weil ich ihn liebe.“

Der unbrechbare Schwur

Am selben Abend saß Narzissa im Salon. Sie hatte es sich in einem Sessel gemütlich gemacht. Die Flasche Met, die auf dem Tisch vor ihr stand, hatte sie bereits zur Hälfte geleert. Im Kamin knisterte ein Feuer. Sie dachte nach. Sie dachte an den Tag, an dem sie sich im Verbotenen Wald gegen Lord Voldemort und für ihre Familie entschied. Sie war ohnehin nie ein Fan des Dunklen Lords gewesen und nur wegen Ihres Mannes mitgegangen.

Sie dachte an den Moment, als ihre Schwester Bellatrix starb, ein Opfer zu viel in einem Kampf, der nie hätte geschlagen werden müssen. Und an den Moment, als die Schlacht von Hogwarts gewonnen war. Als sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn von dem Ort des Geschehens verschwand und sich fortan nur noch auf ihre Familie konzentrieren wollte. Sie erinnerte sich an das Gefühl von Freude, eines persönlichen Triumphs, als sie endlich mit ihrem Mann und ihrem Sohn verschwinden konnte. Ein sanftes Lächeln erstrahlte in ihrem von Tränen übersäten Gesicht.

Doch dann erinnerte sie sich an den Tag, als der Brief des Ministeriums zu Hause eintraf: Eine Vorladung zur Anhörung. Ihre Familie war wegen Hochverrats angeklagt. Sofort entwich das Lächeln ihrem Gesicht. Sie erinnert sich an das verzweifelte Gesicht ihres Mannes. Sie konnte seinen Denkapparat quasi arbeiten sehen, denn er schien ganz offensichtlich einen Plan zu schmieden.

Narzissa saß auf dem Sessel und seufzte. Dann nahm sie einen weiteren, großen Schluck von ihrem Met.

„Sie waren doch bei der Anhörung, Mrs. Malfoy. Sie wurden freigesprochen“, unterbrach Harry ihre Erzählung. Sie hatte Tränen im Gesicht. „Wir wurden freigesprochen“, entgegnete sie mit zitternder Stimme, „weil mein Mann gelogen hat. Und ich habe ihn in Schutz genommen.“ Harry schaute sie fassungslos an. „Die Anhörung fand stand, ehe der neue Zaubereiminister im Ministerium aufgeräumt hatte. Lucius kannte die entsprechenden Leute und so wurde unser Veritaserum gegen Kürbissaft ausgetauscht.“ – „Erzählen Sie mir die Wahrheit, Mrs. Malfoy.“ – „Verstehen Sie doch. Das kann ich nicht.“ – „Warum nicht?“ – „Ich habe vor der Anhörung damals einen unbrechbaren Schwur geleistet. Ich schwor, dass ich meinen Mann niemals bezüglich seiner Zugehörigkeit zu den Todessern belasten werde. Dass ich niemals verraten werde, was er mit den anderen Todessern tut. Und da auch in diesem Fall offenbar dieser Rowle eine Rolle spielt, kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen, ohne dabei mein Leben zu verlieren.“ Harry wollte gerade eine weitere Frage stellen, als jemand an die Tür klopfte.

Entführt

„Mr. Potter, entschuldigen Sie die Störung. Es gibt wieder eine tote Muggelfamilie.“ Harry bedankte sich für die Informationen und bat den Auror, Narzissa im Auge zu behalten. Dann machte er sich auf den Weg zum Tatort.
Der Zaubereiminister Kingsley Shacklebolt wartete bereits auf ihn. „Herr Minister“, grüßte Harry im Vorbeigehen und Kingsley folgte ihm ins Haus. „Übliches Vorgehen“, bemerkte sein Assistent, „die Polizei überlässt uns den Tatort.“ – „Großartig“, fügte Harry hinzu, als er das Kinderzimmer im ersten Stock betrat. 

Als plötzlich ein silbernes Licht im Raum auftauchte, zog Harry blitzschnell seinen Zauberstab. Falscher Alarm. Das Licht formte sich zu einem kleinen Otter und Hermines Stimme ertönte: „Ron ist aufgewacht. Kannst du vorbeikommen? Er fragt nach dir.“ Harry ließ erleichtert seinen Zauberstab sinken. „Sie entschuldigen mich?“ – „Gehen Sie nur, Potter.“ Und sofort disapparierte Harry.

Im Krankenhaus angekommen, ging Harry sofort in das Zimmer, in dem Ron lag. Er lag im Bett, sah ziemlich blass aus und redete mit sehr leiser Stimme. Hermine saß an seinem Bett und hielt seine Hand. „Wie geht es dir?“, wollte Harry wissen. „Ziemlich beschissen“, antwortete dieser. „Kannst du dich erinnern, was passiert ist?“ – „Hermine hat es mir erzählt. Ich weiß nur, dass wir mit Malfoy sprechen wollten.“ Hermine meldete sich zu Wort: „Die Ärzte sagen, dass es eine ganz normale Reaktion ist, dass er sich an die letzten Augenblicke vor dem Treffer nicht erinnern kann. Er scheint soweit keine inneren Verletzungen mehr zu haben, muss sich aber auf jeden Fall weiter ausruhen, da er sehr schwach ist.“

In diesem Moment klopfte es an der Tür und der Kopf von Kingsleys Assistenten blickte durch den Türspalt. Er trat einen Schritt in den Raum und Harry ging zur Tür, um sich mit ihm auszutauschen. „Mr. Potter, nachdem Sie weg waren, haben wir einen Hinweis gefunden. Der Revelio-Zauber hat eine Zahlenfolge offenbart und der Minister meinte, sie können damit vielleicht etwas anfangen.“ Harry blickte auf den Zettel, den der andere Zauber in der Hand hielt. „Eins, Eins, Null, Acht, Eins, Neun, Acht, Eins“, murmelte Harry. „Elf, Null, Acht“, er zögerte, „11.08.1981.“ Entsetzt drehte er sich zu Ron und Hermine um: „Er hat Ginny.“

Fortsetzung folgt...