1. Die Jagd nach den Mächten (I – III)

1.1 Die Jagd nach den Mächten

Mit gezogener Waffe betrat ich das Haus, dessen Tür nur angelehnt war. Keine zehn Minuten zuvor hatte mich ein Funkspruch alarmiert, der mich genau hier her führte. Es seien Schreie aus dem Haus gekommen, hieß es. Die Tür war nur angelehnt, was es mir ungemein einfacher machte, das Haus zu betreten. Wie ich es von einem solchen Tatort gewohnt war, war es still. Keine quietschende Diele im Boden, kein Ticken irgendeiner Uhr. Kein tropfender Wasserhahn, kein laufendes Radio. Es war still. Vorsichtig und Schritt für Schritt durchquerte ich den Flur und schaute mich dabei etwas um. Auf der Kommode stand ein Foto, das eine Gruppe junger Frauen abbildete.
Es waren fünf, hatte ich nachgezählt. Daneben standen ein paar Kerzen. Die Tür zum Wohnzimmer war weit offen. Ich betrat es und schaute mich um. Es war schlicht und einfach eingerichtet. Ein runder Tisch, auf dem eine Blumenvase stand, zwei Sofas, ein Sessel, ein Fernseher, ein Regal und eine Vitrine. Auf dem Parkettboden unter dem Tisch lag ein kleiner Teppich. Ich verließ das Wohnzimmer und ging zu der Tür gegenüber. Sie war geschlossen. Meine linke Hand wich von meiner Waffe ab und legte sich geräuschlos auf die Türklinke. Etwas ängstlich, aber auch gespannt, was mich hinter der Tür erwarten würde, drückte ich langsam die Türklinke hinunter – die Tür war abgeschlossen. Im Raum dahinter fiel etwas zu Boden. Es war ein leiser, dumpfer Ton, jedoch gerade noch laut genug, dass ich ihn hören konnte. Ich trat einen Schritt zurück und trat mit aller Kraft gegen die Tür, die sofort nachgab und mir Zugang zu dem Raum gewährte. Das Erste, worauf mein Blick fiel, war das Bett, das strahlend-weiß bezogen war. Nicht ein einziges Haar schien auf dem Bett zu liegen. Ein stechendes Rot zog meinen Blick auf sich. Mir war sofort klar, was das war – Blut!
Auf dem Boden lag eine Frau, die ein Messer im Bauch stecken hatte. Sie rührte sich nicht und ich fühlte ihren Puls, um meine Vermutung zu bestätigen. Mit Blut war ein Pentagramm an die Wand gemalt. In der Mitte des Pentagramms, befanden sich zwei Punkte. Zwei kleine Punkte…
Vielleicht ein paar Flecken in dem Kunstwerk…Sicher unbeabsichtigt…, schoss es durch meinen Kopf. Außer mir und der Toten befand sich niemand im Raum. Sieht nach Selbstmord aus,dachte ich mir. Wie sonst könnte man eine Leiche in einem abgeschlossenen Raum begründen, oder aber…mir stockte der Atem. Nie hätte ich mehr daran denken wollen, doch vergessen konnte ich das ebenso wenig. Es begann alles damals, als ich noch klein war….

„Kommst du, Liz.“, sagte meine Mutter zu mir, als ich im Supermarkt stehen blieb. In einer der Regalreihen stand eine Frau, die meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Ich starrte sie an, doch sie bewegte sich kein bisschen. Als meine Mutter mich rief, schaute ich für eine Sekunde zu ihr. Als ich zurück in die Regalreihe sah, war die Frau verschwunden. Meine Mutter kam, nahm mich an die Hand und zog mich hinter sich her.

Wir verließen den Laden und wollten zu unserem Auto gehen. Als wir die Ladentür passierten, sah ich wieder diese Frau. Sie stand draußen auf dem Parkplatz, doch als wir um die Ecke auf den Parkplatz bogen, war sie verschwunden. „Mami, hast du die Frau gesehen. Die mit den langen schwarzen Haaren und dem weißen Kleid?“, fragte ich meine Mutter. „Ein Kleid? Im Winter? Hier? Wohl eher nicht, Schätzchen. Du solltest weniger fernsehen.“

Sie hielt mich damals für verrückt. Hätte sie mir besser zugehört, wäre sie vielleicht noch am Leben…

Denn schließlich hat sie immer gewusst, dass so etwas existiert, so wie ich es auch weiß, dass so etwas existiert. Früher waren es immer nur Gruselgeschichten… Auch für mich… Sie machten mir, nicht gerade selten, sogar Angst. Doch ich lernte schnell, dass das nicht nur Geschichten waren, und dass alle Ängste begründet sind. Ich lernte, dass die Albträume Realität sein können, und dass es begründet ist, sich vor ihnen zu fürchten. Ich lernte, dass es nicht falsch sein kann, bei einem Albtraum nachts schweißgebadet aufzuwachen und sich nervös im Zimmer umzuschauen. Denn vielleicht war der Traum eine Warnung und das Monster, von dem du gerade noch träumtest, steht bereits vor deiner Tür. All das lernte ich, als ich noch ein kleines Kind war. Auch meine Mutter hatte das einst gelernt, doch sie musste es mir genau so verheimlichen, wie ich es heute meiner Tochter verheimlichen muss.

Wir gingen zu unserem Auto. Die seltsame Frau ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Sie schien mich zu verfolgen. Mich zu beobachten. Und sie machte mir Angst. Doch meine Mutter, die mir eigentlich immer zur Seite stand, wollte mich nicht einmal anhören.

Heute weiß ich, dass sie das nur zu meinem Schutz getan hatte. Je weniger ich damals wusste, desto besser…

Die Autofahrt blieb ruhig. Nach 15 Minuten Fahrt waren wir zu Hause. Ich stieg aus und öffnete den Kofferraum, nahm einige Sachen heraus und ging zur Wohnungstür. Mit der Hand, die ich noch frei hatte, kramte ich meinen Wohnungsschlüssel aus der Hosentasche. Ich schloss die Tür auf und öffnete sie. Als sie offen war und ich ins Haus gehen wollte, stand vor mir plötzlich wieder diese Frau. Ich schrie, ließ die Sachen fallen und rannte zurück zum Auto. Meine Mutter starrte mich an, als sei ich verrückt. Kurz und knapp schilderte ich ihr alles. Diesmal hörte sie mir zu. Wir gingen gemeinsam zum Haus. Die Tür war noch offen, doch die Frau stand nicht mehr dort. Vorsichtig gingen wir hinein. „Warte hier.“, sagte meine Mutter und ließ mich alleine im Flur zurück. Sie entfernte sich… Ging zuerst ins Wohnzimmer. Nur wenige Augenblicke darauf kam sie wieder heraus und ging ins Schlafzimmer. Stille kehrte ein – unheimliche Stille. Ich zitterte, hatte Angst. Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Als würde irgendetwas schweres zu Boden fallen. Sekunden später war es wieder still. „Mami?“, rief ich, doch die Stille blieb ungebrochen. Ich ging langsam durch den Flur, bog um die Ecke zum Schlafzimmer und schrie… Dort lag meine Mutter auf dem Boden. Sie hatte ein Messer im Rücken stecken. Auf der Wand über ihr war mit Blut ein Stern gezeichnet, in dem ein einfacher Punkt war. Ich eilte ins Wohnzimmer und rief die Polizei.

Erst jetzt, beim genauen Nachdenken wurden mir die Zusammenhänge klar. Es war derselbe Mörder. Er hatte zwar eine lange Pause eingelegt, bevor er den zweiten Mord begangen hat, aber er hat ihn begangen. Damals, ich erinnerte mich zurück, schwor ich mir, mich an dem Mörder meiner Mutter zu rächen. Ihn aufzuspüren und ihm die meiner Meinung nach richtige Strafe zu erteilen. Sicherlich war das einer der Hauptsgründe, warum ich Polizistin wurde.

Nachdem die Polizei ihre Ermittlungen abgeschlossen hatte, ging ich wieder in unser altes Haus.

Ich durchsuchte Mamas Sachen, denn es war mir klar, dass sie Bescheid wusste. In ihrem Nachtschrank fand ich ihr Tagebuch. Ich nahm es mir heraus und öffnete es… Es war nur eine Seite beschrieben. Meine Blicke wanderten von Zeilenbeginn zum Zeilenende und in die nächste Zeile:Magie… Es gibt sie also doch. Heute haben 4 Freundinnen und ich Gläserrücken gemacht. Wir wollten wirklich mit Geistern reden. Und es hat geklappt. Nicht nur das. Sie sagten uns, wir seien die Auserwählten. 5 Frauen, die magische Fähigkeiten haben.
Fähigkeiten, die dazu ausreichen, die Welt zu verändern. Vereinzelt ist eine jede zwar wirkungsvoll, doch sie reicht noch lange nicht aus, um etwas derartig großes zu verändern. Besitzt man jedoch alle 5, und weiß mit ihnen umzugehen, so kann man alles verändern. Man kann alles erreichen, was man will. Wir 5 schworen uns, dass keiner der Versuchung der totalen Macht nachgeben darf, auch wenn es noch so verlockend ist.
Dort war der Eintrag beendet. Ich kombinierte schnell. Eine der 4 anderen muss meine Mum ermordet haben. Doch zur Polizei gehen, wollte ich nicht.

Nun ist die Zweite von ihnen Tod… Doch auf Grund der Tatsache, dass die beiden Morde so weit auseinander liegen – zeitlich gesehen – kann ich mir kaum vorstellen, dass einer der drei anderen die Mörderin ist. Ich ging wieder in den Flur, nahm das Foto von der Kommode und schaute es mir genauer an. Erst jetzt erkannte ich, dass auch meine Mutter auf dem Foto abgebildet war. Sie war ganz links zu sehen. Jetzt weiß ich auch wieder, woher du deine wunderschönen Augen hast, sagte mir meine Stimme in meinem Kopf. Die Frau neben ihr muss wohl die Tote aus dem Schlafzimmer gewesen sein. Ja, man erkennt eine gewisse Ähnlichkeit.

„Bleiben also noch drei.“, sagte ich meinem Teamkollegen, nachdem ich ihm alles am Telefon erzählt hatte, was hier passiert ist. Er war nicht einfach nur ein Teamkollege, er war gleichzeitig ein guter Freund von mir. Er war der Einzige, dem ich von meinen Vermutungen erzählen konnte und auch wollte, ohne dass er mich für verrückt erklärt. „Und wie finden wir die? Das Bild ist doch bestimmt 20 Jahre alt.“, sagte er und seine Aussage war berechtigt. „Ich werde mich hier noch etwas umsehen. Vielleicht finde ich ein Adressbuch oder ähnliches.“, antwortete ich nach kurzem Überlegen. „Hoffentlich.“, sagte er und beendete dann das Gespräch. Ich ging die Treppe hinauf. Oben hatte ich mich noch gar nicht umgesehen. Meine Waffe hatte ich wieder weggesteckt. Ich betrat das Arbeitszimmer, genau das wo ich nach einem Adressbuch suchen sollte. Ich setzte mich auf den Stuhl, der am Schreibtisch stand. Das Leder war kalt, aber dennoch war der Stuhl bequem.

Ich öffnete die erste Schublade und… Volltreffer. Ich fand das Adressbuch ganz oben auf.

Ich wusste nicht genau wonach ich suchen sollte. Das Adressbuch war, ich hätte es nicht anders erwartet, mit mindestens 50 Kontakten gefüllt. Es würde sicherlich Stunden dauern, sie alle durchzusehen und es würde wohl Monate dauern, bis ich die richtigen drei gefunden hätte.
Zuerst blätterte ich dennoch zum Buchstaben ‚M‘ wie ‚Matthew‘, mein Nachname. Natürlich stand meine Mutter dort, Caitline Matthew. Neben ihren Namen war ein Pentagramm gemalt.
Die Tote würde ich in diesem Adressbuch sicher nicht finden, schließlich ist es ihr eigenes.
Ich durchblätterte das Adressbuch und achtete darauf, ob bei noch mehreren Namen ein solches Pentagramm steht. Und tatsächlich! Ich fand auch die drei anderen Namen, die mit einem Pentagramm gekennzeichnet waren. Abigail Smith, Isabella Silverstone und Samantha Addison, versuchte ich mir die Namen zu merken. Dann verließ ich das Haus, ließ das Adressbuch zurück.
Als ich in der Zentrale ankam, setzte ich mich an meinen Computer und tippte die drei Namen, die ich mir gemerkt hatte, ein, um herauszufinden, wo die Frauen wohnen würden. Ich machte mich auf, um ihnen einen Besuch abzustatten und sie zu warnen. Am nächsten wohnte Mrs. Silverstone.

Ihr Haus war ein riesiges, altes Haus, das fast schon eine gruselige Wirkung hatte. Ein richtiges Hexenhaus, ich lachte. Ich klingelte an der Tür. Es dauerte eine Weile, bis mir geöffnet wurde.

„Ja, bitte?“, sagte die Frau, die mir öffnete mit ihrer auf Anhieb sympathischen Stimme.
„Sind Sie Isabella Silverstone?“, fragte ich, während ich nach meiner Polizeimarke suchte.
„Die bin ich. Und wer sind Sie?“, sie schaute sich meine Marke an. „Elizabeth Matthew. Ich bin von der Polizei.“, entgegnete ich. Sie bat mich herein und ich ging ins Wohnzimmer. „Möchten Sie etwas trinken?“, fragte mich die alte Dame, doch ich lehnte dankend ab. „Mrs. Silverstone, sie kennen doch sicherlich Caitline Matthew, Abigail Smith und Samantha Addison, oder?“

Sie überlegte kurz, wohl eher, um mich zu täuschen, als weil sie es wirklich nötig hatte. „Ah, natürlich kenne ich die drei. Es gab aber noch eine vierte im Bund, Alyssa Crown.“ So war ihr Name also. „Erzählen Sie mir, woher sie sich kannten.“ – „Nunja. Caitline, Abigail, Alyssa und ich gingen in eine Klasse auf der Highschool.“ – „Und Samantha?“ Ich schaute sie an. „Samantha, war früher meine Nachbarin. Unvermeidlich haben so auch die drei anderen sie kennengelernt. Stellen Sie sich mal vor, wir hätten uns nicht kennengelernt. Was dann alles anders gewesen wäre… Ich möchte gar nicht daran denken. Wir haben so viel erlebt. Bedauerlicherweise ist Caitline ja damals an einem … wie soll ich sagen … unglücklichen Zwischenfall gestorben. Viel zu früh, wenn Sie mich fragen.“ – „Gar keine Frage.“, stimmte ich ihr zu, „Und auch die Härte des Falles, wie sie gestorben ist…“ Weiter ließ sie mich nicht reden… „Sie hatte eine Tochter… Es muss schrecklich für das Kind gewesen sein.“ Ich nickte stumm… Sie schien mich nicht zu erkennen. Vielleicht auch besser so. „Mrs. Silverstone?“, ergriff ich das Wort, „Caitline hatte in ihrem Tagebuch etwas davon stehen, dass sie, Sie und die anderen 3 irgendwelche … ich nenne es mal… Kräfte, besitzen. Erzählen Sie mir doch etwas davon.“ Isabella Silverstone schaute mich etwas ratlos an. In ihren Augen spiegelten sich Verzweiflung und Hilflosigkeit wieder. „Nun gut.“ Das war alles, was sie dazu sagen konnte, bevor ich einen Funkspruch erhielt. „Nachbarn haben Schreie aus einem Haus gemeldet.“, dröhnte es aus meinem Funkgerät. Sie gaben mir eine Adresse durch. „Mrs. Silverstone, ich muss Sie leider vorzeitig verlassen. Sie müssen mir ein anderes Mal davon erzählen. Wenn Ihnen noch etwas einfällt,“, ich griff in meine Innentasche und zog eine Visitenkarte heraus, „melden Sie sich bei mir. Wenn irgendetwas ist, rufen Sie einfach meine Nummer an. Und tun Sie mir einen Gefallen. Öffnen Sie niemandem die Tür außer mir.“ Sie nickte und nahm meine Karte. Dann brachte sie mich zur Tür, ich lief zu meinem Auto und raste zu der Adresse, die mir der Funkspruch durchgegeben hatte.

Als ich in die Straße einbog, stand bereits ein Streifenwagen vor dem Haus. Die Kollegen waren schneller. Ich hielt neben dem Polizeiwagen, stieg aus und ging zu dem Haus. Dem Officer an der Absperrung zeigte ich meine Marke, damit er mich passieren ließ. „Wissen wir schon, wer das Opfer ist?“, fragte ich. Der Officer öffnete seinen Notizblock und antwortete dann: „Allerdings. Bei der Toten handelt es sich um eine gewisse Samantha Addison.“
Also doch. Ich wusste, dass ich die Adresse heute schon einmal gehört hatte.
„Darf ich raten? An der Wand über der Leiche befindet sich ein Pentagramm, in dem drei Punkte sind. Das Opfer wurde erstochen und liegt im Schlafzimmer?“ – „Agent Matthew, Sie machen mir Angst. Wollen Sie mir vielleicht etwas sagen?“, sagte der Officer und lachte. Als hätte ich die Frau umgebracht…, verspottete ich den Officer in meinen Gedanken. Ich wollte das Haus gerade betreten, als mein Handy klingelte. „Agent Matthew.“, meldete ich mich. „Hilfe!“, schrie mir eine aufgebrachte Frauenstimme ins Ohr. Ich schaltete sofort. „Mrs. Silverstone, was ist los?“ Ich eilte ohne nachzudenken zu meinem Wagen zurück. „Hier ist jemand. Eine Frau.“ Sie war so aufgeregt, dass man sie kaum verstehen konnte. „Nun bleiben Sie ruhig, bleiben Sie von der Tür fern und schließen Sie sich irgendwo ein. Bleiben Sie ruhig, ich bin gleich da.“
Mit quietschenden Reifen hielt mein Wagen vor Mrs. Silverstones Haus. Ich stieg aus, ließ die Wagentür offen und rannte zu der Haustür. Sie war noch immer verschlossen. Ich holte mein Spezialwerkzeug aus meiner Hosentasche und öffnete die Tür innerhalb von wenigen Sekunden. Meine Waffe hatte ich sicherheitshalber gezogen. „Mrs. Silverstone?“, rief ich, doch es regte sich nichts. Ich befürchtete das Schlimmste und ging gleich dorthin, wo ich das Schlafzimmer vermutete. Die Tür war abgeschlossen. Immerhin hatte sie auf mich gehört. „Mrs. Silverstone? Ich bin es. Agent Matthew. Sie hatten mich eben angerufen. Jetzt bin ich da.“ Es kam keine Antwort.
Wieder musste mir die Tür weichen, als ich sie eintrat, um das Zimmer betreten zu können. Ich kam zu spät. Mrs. Silverstone war tot. Sie wurde erstochen und an der Wand war ein Pentagramm mit vier Punkten in der Mitte. Wie ich es erwartet habe… Bleibt nur noch eine!
Ich informierte meine Kollegen, dass es auch hier noch einen Tatort geben würde, schloss die Haustür, rannte zum Wagen und fuhr zur Adresse der letzten noch lebenden von den fünf – Abigail Smith. Ich darf keine Zeit mehr verlieren. Es geht um Leben und Tod – um die ultimative Macht. Ich schuf mir durch diesen Gedankengang nur zusätzliche Sorgen.
Das Haus von Mrs. Smith lag mitten in der Stadt, einen Parkplatz hätte ich also sowieso nicht gefunden. So hätte ich, wenn man mich gefragt hätte, begründet, wieso ich mitten auf der Straße hielt. Die Tür öffnete ich wieder mit Hilfe meines Werkzeugs. Auch diesmal hatte ich meine Waffe gezogen. Das Haus war typisch eingerichtet. Ich konnte mir denken, wo das Schlafzimmer liegen musste. Schreie hallten durch das Haus. Ich eilte zu der Tür, hinter der ich das Schlafzimmer vermutete und öffnete sie ruckartig. Eine Frau mit langen schwarzen Haaren, die ein weißes Kleid trug, hatte ein Messer in der Hand und eine alte Dame, Abigail Smith, kauerte sich in der hintersten Ecke des Zimmers zusammen. „Hände hoch, Messer runter!“, brüllte ich und richtete meine Waffe auf die Frau mit dem Messer. Doch diese machte entschlossen einen Schritt auf die hilflose alte Frau zu und das Messer in ihrer Hand raste blitzschnell auf Mrs. Smith zu. „Nein!“, schrie ich und drückte ab. Einmal, zweimal und noch ein drittes Mal. Ich hätte es schon früher tun sollen.
Mrs. Smith verstummte. An der Wand erschien ein rotes Pentagramm mit fünf Punkten in der Mitte, ohne dass irgendjemand es anzeichnen musste. Weiße, funkelnde Sternchen kamen aus Mrs. Smiths leblosen Körper und traten in den der Frau ein. Angsterfüllt drückte ich noch einmal ab. Noch zwei weitere Schüsse folgten. Die Frau sackte zusammen, lag einen Moment auf dem Boden, stand dann jedoch wieder auf und drehte sich zu mir um. Die Wunden, die ich ihr mit den Schüssen zugefügt habe, verheilten. Ich weiß nicht, wie das geschah, aber es geschah.
„Für heute habe ich genug gemordet.“, sagte sie mit einer düsteren Stimme. Sie nickte mir zu und verschwand – einfach so. Ich schaute auf den Teppich, auf dem die Frau, wenn auch nur für einen kurzen Moment, gelegen hatte und fand einen kleinen Blutfleck. Ich nahm sofort eine Probe und informierte dann die Kollegen.
Während die mittlerweile fünffache Mörderin ihre Jagd nach den Mächten der fünf, ich nenne sie mal Hexen, nun beendet hatte, begann für mich jetzt erst die Jagd. Die Jagd nach einer fünffachen Mörderin. Und als wäre das nicht schlimm genug gewesen, war sie auch noch die Mörderin meiner Mutter. „Ich schwöre bei Gott, dass ich dich finden werde. Ich werde dich finden bevor du irgendetwas tun kannst und ich werde einen Weg finden, dich zu vernichten.“, sagte ich, obwohl ich wusste, dass sie mich nicht hören konnte, steckte meine Waffe in meinen Waffengurt und knallte die Tür laut hinter mir zu, als ich das Haus verließ…


1.2 Das Leben nach dem Tod

„Ich hab doch alles gesehen, Alan. Die seltsame Frau. Sie wollte zustechen. Ich habe geschossen. Mehrmals. Ich habe Mrs. Smith sterben sehen. Ich war im selben Raum. Doch die Mörderin…

Sie schien quasi unverletzt. Auch noch nach meinen sechs Schüssen. Sie sackte zwar kurz zu Boden, doch sie erhob sich wieder und die Wunden verheilten auf wundersame Weise. Einfach so.

Ich kann es nicht erklären. Ich kann nur sagen, was ich gesehen habe.“, erzählte ich Alan, so war der Name meines Teamkollegens und guten Freundes, der mir sonst immer geglaubt hatte, „Und dann ist sie einfach verschwunden. Sie hat sich in Luft aufgelöst, nachdem diese seltsamen Sternchen in ihren Körper gefahren waren.“ – „Meinst du nicht, dass das ein bisschen zu weit hergeholt ist, Liz?“, er glaubte mir nicht. Ich muss zugeben, hätte mir jemand diese Geschichte erzählt, ich würde auch am Verstand der Person zweifeln, aber nun war ich selbst dabei gewesen.
„Weißt du, Alan, was für ein Gefühl das ist? Vor dir steht eine fünffache Mörderin, eines ihrer Opfer war deine eigene Mutter. Du stehst dort und kannst nichts gegen die Mörderin ausrichten. Du hast zwar alles getan, was in deiner Macht steht, aber du hast dennoch nichts erreicht. Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt?“, ich schaute ihn fassungslos an. „Kann ich nicht.“, sagte er und verstummte. „Siehst du?“, sagte ich vorwurfsvoll. Für eine Polizistin ist es ein enormer Druck, wenn man eine fünffache Mörderin jagt. Und als wäre das noch nicht genug, ist eines der Opfer die eigene Mutter gewesen. Ich unterbrach die Stille in unserem Büro: „Und mit ihrer Aussage, sie habe für heute genug gemordet, sagt sie damit nicht aus, dass sie wieder morden wird?“ – „Ich weiß es nicht.“, dachte Alan nach, „Und was hat es mit dieser ‚ultimativen Macht‘ auf sich?“ Ich überlegte einen Augenblick. „Ehrlich gesagt… Ich habe keine Ahnung. Meine Mutter hatte ein Tagebuch, in das sie etwas darüber geschrieben hat.“ – „Denkst du, dass die anderen Frauen auch ein solchen Buch besaßen? Vielleicht finden wir die Bücher und in ihnen irgendwelche brauchbaren Informationen.“ Es war nicht das erste Mal, dass Alan einen Fall durch eine solche brillante Idee ins Rollen brachte.

Wir fuhren gemeinsam zum Haus von Mrs. Silverstone, welches nur wenige Minuten von unserer Zentrale entfernt war. Alan öffnete mit seinem Taschenmesser das Polizeisiegel, mit dem die Haustür zugeklebt war. „Da vorne ist das Schlafzimmer.“, sagte ich und Alan folgte mir. „Ich schau mich hier um, magst du dich im Arbeitszimmer umsehen, Alan?“ Er nickte zustimmend und ließ mich dann im Schlafzimmer allein. Zuerst widmete ich mich der Kommode, die links neben der Tür stand. Doch alles was ich in ihr fand, waren Pyjamas, Bettbezüge und ein paar DVD-Filme. Ihren Kleiderschrank ließ ich aus, um Zeit zu sparen, denn dort würde ich wohl nur Klamotten finden.

Blusen, Röcke, T-Shirts, Kleider, Hosen und Unterwäsche. Letztes Ziel in ihrem Schlafzimmer war nur der Nachttisch. Ich öffnete die obere Schublade. Sie enthielt ein paar Dosen Creme, nicht gerade die billigsten, einen kleinen Schminkspiegel und ein Buch. Sicherlich ihre Bettlektüre.
Am Abend kam sie immer hierher. Bevor sie ins Bett ging, schmierte sie sich ihr Gesicht mit einer der Cremes ein, legte sich hin, deckte sich zu, nahm ihre Lektüre und arbeitete ein Kapitel durch, vielleicht auch zwei.Dann schlief sie entspannt ein. Dies war der Ort, an dem sie einen jeden Tag begann und auch wieder beendete.
Ich öffnete die untere Schublade. In ihr lagen einige andere Bücher. Ein schwarzes Buch ohne Titel fiel mir sofort auf. Ich nahm es heraus und schlug die erste Seite auf. Das war es. „Alan, ich habe es gefunden!“, rief ich und Alan eilte aus dem Arbeitszimmer herbei. „Hör zu.“, befahl ich und begann zu lesen:
Magie… Ja es gibt sie. Jeder von uns 5 ist ein Teil der Magie. Jeder hat seine eigene Fähigkeit, die es zu spezialisieren gilt. Irgendwie verrückt. Die Geister haben uns gesagt, wir sollen damit Gutes tun und sie nicht gegen das Gute richten.
Die Geister konnten uns auch nicht erklären, wieso gerade wir diese Kräfte besitzen, aber wir besitzen sie und wir müssen lernen mit ihnen umzugehen. Uns wurde auch von einer alles verändernden Macht erzählt. Würde eine Person alle 5 Mächte besitzen, wäre er in der Lage die Welt zu verändern, ganz nach seinem Belieben. Doch um einer von uns die Mächte zu stehlen, müsste man sie töten. Wir haben uns geschworen der Versuchung zu widerstehen, auch wenn es noch so schwer zu sein scheint.

„So etwas Ähnliches stand auch bei Mama im Tagebuch.“, erklärte ich Alan bevor ich umblätterte, um den nächsten Eintrag zu lesen.
Wir haben zufällig herausgefunden, wer welche Kräfte hat. Wie wir genau dazu kamen, lässt sich jetzt schlecht erklären. Caitline kann Dinge verändern. So ließ sie heute zum Beispiel aus einer Teetasse eine Kerze werden. Ich bat sie anschließend mir mein Wohnzimmer zu streichen. Innerhalb weniger Sekunden war es wieder frisch gestrichen. Als Alyssa immer wieder spurlos verschwand, wurde uns klar, was ihre Kräfte waren. Natürlich haben wir auch das ausgenutzt und sie schnell in den Supermarkt geschickt. Nachdem Abigail die Kerze anzündete ohne auch nur ein Streichholz berührt zu haben, fing sie an mit dem Feuer zu spielen, verbrannte sie sich und bekam eine Brandblase an der Hand. Kein schöner Anblick. Ich spürte den Schmerz, den Abigail spürte. Ich spürte ihn, als hätte ich mich selbst verbrannt. Plötzlich nahm ich die Gedanken und Gefühle der anderen wahr. Es schien, als hätte Samantha ihre Kräfte bereits gekannt, denn sie nahm Abigails Hand und ließ die Blase einfach ohne Spur verschwinden.
„Nicht schlecht.“, staunte Alan und sah mich an, als ich kurz von dem Tagebuch aufblickte. „Das war alles. Mehr steht hier nicht.“, musste ich feststellen, legte das Buch wieder in die Schublade zurück und schaute Alan an. Er nickte mir zu und wir verließen das Haus. Als nächstes wollten wir in die Wohnung von Alyssa Crown. Alan fuhr und es dauerte auf Grund des Berufsverkehrs etwas, bis wir vor dem Haus ankamen, in dem ich damals alleine war und die Leiche gefunden hatte.

„Wir teilen uns wieder auf.“, schlug Alan vor, „Ich nehme mir diesmal das Schlafzimmer vor.“
Ich stimmte zu und fügte dann hinzu: „Ich schau im Arbeitszimmer nach. Ich weiß ja schon, wo das ist.“ Er nickte und wir betraten das Haus. Er bog zum Schlafzimmer ab und ich ging die Treppen hoch ins Arbeitszimmer. Das Leder des Schreibtischstuhls war kalt, wie ich es noch vom letzten Mal in Erinnerung gehabt habe. In der oberen Schublade des Schreibtisches lag das Adressbuch. Kenne ich schon, dachte ich und schaute desinteressiert weiter. In der zweiten Schublade befanden sich einige Ordner. Sie waren unbeschriftet und für mich auch nicht weiter interessant. Ich öffnete die dritte Schublade und fand all möglichen Kram, der einfach lose in der Schublade herumflog. Eine Armbanduhr, eine Halskette, ein paar Kugelschreiber, eine Rolle Klebeband, eine Digitalkamera und ein paar Klebenotizzettel. Bleibt noch eine Schublade nach. Ich öffnete die letzte Schublade. Sie klemmte ein bisschen, war aber leer. Ich warf einen prüfenden Blick in den Raum und fand nichts, wo man ein Tagebuch noch verstecken konnte. Hoffentlich hat Alan mehr Glück gehabt.
Ich ging wieder hinunter und schaute ins Schlafzimmer. Alan war nicht dort. „Alan?“, rief ich durchs Haus. Er antwortete aus dem Wohnzimmer und ich gesellte mich zu ihm. „Hast du was gefunden?“, wollte er von mir wissen. „Fehlanzeige. Und du?“ – „Auch nichts. Aber…“, er kramte etwas zwischen den Kissen des Sofas hervor, „Jetzt hab ich etwas.“ Ich lächelte.

Gläserrücken… So etwas habe ich immer nur für ein Märchen gehalten. Aber es ist wahr. Wir haben es heute ausprobiert. Und es hat funktioniert. Hätte ich nie geglaubt. Wir sollen angeblich magische Fähigkeiten besitzen. Sollen auserwählt sein.
Ich glaube eine der anderen 4 hat das Glas bewegt. Aber wer das war und wieso, weiß ich nicht.

„In der Kürze liegt die Würze.“, grinste Alan und blätterte zum nächsten Eintrag.
Verrückt…Wir haben tatsächlich seltsame Kräfte… Irgendwie unheimlich.
Ich will nicht wissen, wozu man im Stande wäre, wenn man alle fünf Kräfte kombinieren würde. Sicherlich eine ungeheure Macht… Klingt irgendwie verlockend…

Doch ich darf nicht nachgeben…
„Du hast Recht.“, stimmte ich ihm zu und bestätigte so seine Aussage, „Steht da noch etwas?“

Alan blätterte um und las auch den letzten Eintrag.

Scheiße…Caitline wurde ermordet. Für mich kommt jeder der drei anderen in Betracht. Vorsicht ist geboten. Einer von ihnen versucht, sich alle Mächte zu Eigen zu machen und so die ultimative Macht zu erlangen. Ich sollte mich zurück ziehen. Keine der anderen darf in meine Nähe kommen. Und sollte jemand versuchen, gewaltsam in mein Haus einzudringen, werde ich mich einfach wegbeamen. Wozu habe ich meine Kraft denn sonst bekommen?
„Das war’s.“, sagte Alan und legte das Buch auf den Wohnzimmertisch, „Was haben wir bis jetzt?“

Nichts, schoss es durch meinen Kopf, aber ich sagte es nicht laut. Um ihn zu täuschen, tat ich so, als würde ich überlegen. „Wir haben… fünf Frauen, die durch Gläserrücken von Geistern erfahren haben, dass sie Hexen sind. Wir haben fünf verschiedene Hexenkräfte, die als Einheit eine ultimative Macht ergeben. Wir haben fünf Morde, eine Mörderin. Wir haben…“, ich hielt kurz inne. „Nichts!“, beendete Alan meinen Satz. Ich nickte zustimmend. „Was schlägst du vor?“
Nachdenkend ging ich im Wohnzimmer auf und ab. Vor meinem geistigen Auge sah ich immer wieder die fünf Pentagramme. Alle fünf der Reihe nach. Jedes Mal sah ich, wie ein Punkt mehr dazu kam. Und jedes Mal spürte ich einen Schmerz, den ich nicht erklären konnte. Dann sprudelte es aus meinem Mund hervor: „Zwei Frauen haben wir noch vor uns. Vielleicht finden wir auch dort wieder Tagebücher.“ Alan schaute mich an und verdrehte die Augen. „Meinst du, das bringt irgendetwas, Liz?“ Ohne ihm zu antworten, verließ ich das Wohnzimmer. Er eilte mir im Laufschritt hinterher. „Vielen Dank, für das Gespräch.“, sagte er und war sichtlich eingeschnappt. „Gern geschehen.“, entgegnete ich, um ihn zu verärgern.

Die Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Während der gesamten Fahrt zu Mrs. Addisons Haus schwiegen wir uns an. Der beruhigt sich wieder, das wusste ich. Im Prinzip waren wir beide wie ein altes Ehepaar. Oft hatten wir Streit und schwiegen uns an. Ich erinnere mich noch daran, wie wir eine Woche lang, kein Wort miteinander geredet hatten, nur weil ich eine seiner Anrufe im Büro entgegengenommen habe. Wenn wir heute im Büro darüber reden, lachen wir gemeinsam darüber. Und so wird es diesmal auch sein. Schon morgen lachen wir darüber. Wir hielten vor dem Haus von Samantha Addison. „Viel Erfolg bei der Suche. Ich warte im Wagen.“, sagte Alan und drehte das Radio lauter. Ohne seinen Worten Beachtung zu schenken, stieg ich aus, stieß die Tür zu und ging zu dem Haus. Das Polizeisiegel war aufgeschnitten, die Tür nur angelehnt. Ich griff nach meiner Waffe, zog sie und ging vorsichtig in das Haus. Es war ruhig. Es war jene unheimliche Stille, die auch damals im Haus von Alyssa Crown geherrscht hatte. Der Flur, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer und die Küche waren menschenleer. Das gesamte Erdgeschoss war einsam. Möbel standen im Raum. Sinnlos. Hier wohnt eh keiner mehr. Es schienen teilweise richtig teure Stücke gewesen zu sein und ich hielt es für Verschwendung, dass sie noch hier waren.
Ich schlich die Treppe hinauf. Meine Waffe fest umklammert und immer dicht am Körper gehalten, erreichte ich den ersten Stock. Hier gab es noch 3 Türen, von denen zwei geschlossen waren. Ich schaute in den Raum, von dem die Tür offen war – das Badezimmer. Ein Klirren ließ mich aufschrecken. Es kam aus einem der Räume, von denen die Tür noch verschlossen war. Mit langsamen Schritten ging ich auf die Tür zu, hinter der sich der Raum verbarg, aus dem das Klirren kam. Meine rechte Hand löste sich von dem Griff meiner Waffe und wanderte langsam auf die Türklinke zu. Aus dem Raum hinter der Tür kamen weitere Geräusche, als würde jemand etwas durchwühlen. Meine Hand legte sich auf die Türklinke. Sofort durchfuhr ein Stoß meinen gesamten Körper und ich zuckte leicht zusammen, ohne jedoch ein bemerkbares Geräusch von mir zu geben.
Die Türklinke war eiskalt, obwohl die Temperatur im Haus angenehm mild war. Wieder kamen Geräusche aus dem Raum. Es klang, als würde jemand Holz zerschlagen. Ich konnte meinen eigenen Atem deutlich hören. Es war schon immer so, dass mein Atem deutlich lauter wurde, wenn ich Angst bekomme. Und die hatte ich wirklich in diesem Augenblick. Ich zögerte noch einen Moment, dann drückte ich schlagartig die Türklinke runter, stürzte in den Raum und richtete meine Waffe auf die Gestalt, die am Schreibtisch hockte und die Schubladen durchsuchte. „Keine Bewegung, Polizei.“ rief ich und zitterte leicht.
Erst als sich die Gestalt erhob, erkannte ich sie. Es war wieder jene Frau mit langem, schwarzem Haar und im weißen Kleid, die damals die fünf Frauen, darunter auch meine Mutter, ermordet hatte.
„Agent Matthew. Schön, dass sie hier sind.“, ertönte ihre dunkle Stimme. Sie wusste, wer ich war, ohne mich auch nur anzusehen. Langsam drehte sie sich zu mir um, um mir in die Augen sehen zu können. „Keine Bewegung.“, sagte ich drohend. „Ich habe keine Angst vor dir und deinem Schießeisen.“, sagte sie spottend, „Na komm. Schieß!“ Sie wollte es provozieren. „Nein? Traust du dich nicht? Du weißt schon, dass ich fünf Frauen umgebracht habe. Und den Tod einer dieser Frauen habe ich ganz besonders genossen. Wie war noch ihr Name?“, sie tat so, als müsste sie überlegen, „Caitline Matthew.“ Ich schrie hasserfüllt. Drückte ab. Einmal, zweimal und noch ein drittes Mal. Ich hörte nicht mehr auf zu schießen und sah zu, wie die Frau von meinen Kugeln durchlöchert wurde. Erst als mein Magazin leer war, hörte ich auf, wie wild auf dem Abzug rumzudrücken. Jede einzelne Kugel hatte getroffen. Jede hat ihr ein Loch in den Körper gebohrt. Ein paar Kugeln trafen auch ihren Kopf. Sie hatte ein rotes Einschussloch auf der Stirn. Game over, ich schmunzelte, doch die Frau fing an zu lachen. Als wäre nichts passiert, verheilten die Wunden. „Sehr unterhaltsam, Liz. Es macht mir Spaß, mit dir zu spielen. Es macht mir Spaß, dich leiden zu sehen.“, sagte sie und lächelte boshaft. „Ich werde dich weiter quälen. Du wirst leiden. Du wirst mein letztes Opfer, aber ich werde dir kein Haar krümmen. Ich werde dir alles nehmen was du hast, du sollst leiden und dann wirst du schon handeln, um den Qualen zu entgehen. Ich werde mit deiner Tochter anfangen. Zoey… Ein schöner Name, findest du nicht auch? Aber zuerst werde ich zu Abigail gehen. Die Addison hat ja kein Tagebuch. Ich muss noch das von Abigail lesen. Vielleicht steht dort drin, wie ich die ultimative Macht nutzen kann.“ Sie lachte und verschwand. Alan stürmte mit gezückter Waffe in den Raum. „Alles in Ordnung, Liz?“, sagte er und war ganz außer Atem. Ich wäre am liebsten heulend in seine Arme gefallen, aber dafür hatte ich keine Zeit.„Nichts ist okay. Sie will mich leiden lassen. Sie will Zoey!“
„Psycho!“, sagte Alan, nachdem ich ihm im Auto alles erzählt hatte. „Versuch Zoey telefonisch zu erreichen!“, ich drückte ihm mein Handy in die Hand. Mit Sirenen rasten wir mit unserem Wagen durch die Stadt, bis wir mit quietschenden Reifen vor meinem Haus hielten. Ich ließ den Wagen laufen, ließ auch die Wagentür offen stehen und rannte zur Haustür. Meinen Schlüssel hatte ich unterwegs aus meiner Tasche hervorgesucht und öffnete die Tür blitzschnell. „Zoey?“, rief ich durch das Haus. „In der Küche.“, kam die Antwort. Ich atmete erleichtert aus und eilte in die Küche.
„Komm mit!“, ich zog an ihrem Arm. Sie ließ alles stehen und liegen und folgte mir ins Auto.
„Was geht hier vor?“, fragte sie mich. „Erkläre ich dir später, Süße.“ – „Wo bringen wir sie hin?“, fragte Alan mich. „Sie bleibt bei uns.“, antwortete ich. Wir fuhren los in Richtung Büro. Im Rückspiegel sah ich, wie die seltsame Frau gerade auf der Straße aus dem Nichts auftauchte.
Der frühe Vogel fängt den Wurm, dachte ich mir und konzentrierte mich wieder auf den Verkehr.

Zoey saß auf meinen Schreibtisch, Alan lehnte sich auf meinem Schreibtischstuhl zurück und ich ging nervös vor der Tafel auf und ab. „Was hast du vor, Liz?“ Ich habe keine Ahnung.„Vielleicht sollten auch wir uns einmal mit den Geistern unterhalten.“, überlegte ich laut. „Klasse. Eine Geisterbeschwörung!“, Zoey jubelte, „Darf ich dabei sein? Darf ich? Bitte! Ich will es unbedingt.“

„Na gut.“, stimmte ich zu, „Aber nur, wenn du genau das tust, was Alan oder ich dir sagen.“ Sie nickte. Alan und ich holten alles, was man dafür brauchte und schafften die nötige Atmosphäre.

„Wir rufen den Geist von Caitline Matthew.“, sagte Alan, nachdem wir alle unsere Zeigefinger auf das Glas gelegt hatten. „Caitline? Bist du da?“ Ich starrte auf das Glas, das in der Mitte des Brettes stand. Anscheinend ist sie das nicht,wollte ich sagen, aber ich wusste, dass ich dadurch die Atmosphäre zerstört hätte. Plötzlich bewegte sich das Glas dem eingeritzten JA entgegen. Ich ergriff das Wort: „Mama. Wir brauchen deine Hilfe.“ Ich schaute Zoey an und atmete tief durch. „Zoey, was du nun hören wirst, musst du glauben. Du darfst es jetzt nicht hinterfragen. Ich erkläre dir alles später.“ Sie nickte. „Mama, ihr habt uns von euren Kräften erzählt. Ihr wurdet ermordet und nun hat eine Person all eure Kräfte. Sag uns, Mama, wie man die ultimative Kraft bezwingen kann. Sie hat nichts gutes vor. Wir müssen sie aufhalten.“

Das Glas setzte sich in Bewegung. „Ihr… müsst… sie… töten…“, las Alan laut vor. „Aber Mama. Ich habe sie erschossen. Sie hat sich geheilt.“ Wieder bewegte sich das Glas. „Gift.“, sagte Alan. „Warte. Das Glas bewegt sich noch.“, stellte Zoey fest. „Die ultimative Macht kann Toten das Leben wieder geben.“, las Alan von dem Brett ab, nachdem das Glas sich bewegt hat.
„Das reicht. Danke Mama.“ Ich stand auf. „Alan? Wissen wir, wer die seltsame Frau ist?“ – „Deine Blutanalyse hat ergeben, dass die Frau eine gewisse Penelope Smith ist. Sie ist die Schwester von Abigail Smith.“ Mein Unterkiefer klappte auf. „Sie hat ihre eigene Schwester getötet? Krass!“, entglitt es mir. „Wissen wir, wo sie wohnt?“ Alan schrieb die Adresse auf und nahm seinen Mantel. „Zoey, du gehst zu Agent Watson ins Büro. Er wird auf dich aufpassen. Zoey verließ den Raum. Ich ging zu dem Bild, das an der Wand hing, nahm es ab und öffnete den Safe, der sich dahinter befand.
„Was machst du da?“, wollte Alan wissen. „Giftpfeile. Mum meinte doch, wir müssten sie vergiften.“ Er lächelte verständnisvoll. Ich nahm ein paar Giftpfeile und die dazugehörige Waffe. „Lass uns gehen.“, forderte ich Alan auf und wir verließen das Büro.

„Da ist es.“, Alan deutete auf ein Haus und hielt am Straßenrand. Dunkle Gewitterwolken waren aufgezogen. Sie hatten ihr Zentrum über diesem Haus. „Bleib du lieber draußen, Alan. Wir haben nur eine Waffe mit Giftpfeilen.“ – „Nein. Ich komme mit!“, protestierte er. Ich gab ihm mit einem Brummen nach. Hatte Alan sich einmal etwas vorgenommen, war er nicht mehr so schnell davon abzubringen. Wir gingen den Weg zur Haustür entlang und schauten das Haus dabei misstrauisch von außen aus an. Der Himmel über dem Haus war pechschwarz und ein Gewitter begann, als Alan und ich die Treppe erreichten, die zur Tür hoch führte. „Meinst du, das ist sie? Die ultimative Macht?“, fragte Alan mich. Es war schwer ihn zu verstehen, weil es durch den tosenden Wind und die ständigen Donner und Blitze unerträglich laut geworden war. „Liz?“, Alan nahm meine Hand und schaute mich an. Ich blickte ihm in seine Augen. „Was denn? Das ist wirklich der falsche Zeitpunkt dafür, um mir einen Antrag zu machen.“ Ich musste lachen. „Aber der richtige Zeitpunkt für deine Späße, hmm?“ Er hatte Recht. Es war nicht die richtige Zeit, um Witze zu machen. „Was wolltest du mich denn nun fragen?“, griff ich das Wort wieder auf. „Hast du Angst?“, er schaute mich an und seine Augen blickten mich verständnisvoll an. „Ja.“, sagte ich und schluckte, „Ja, die habe ich. Mach uns die Tür auf.“ Es dauerte nur einige Sekunden, bis Alan die Tür geöffnet hatte.
„Also gut. Wir bleiben zusammen.“, sagte ich und holte die Waffe mit den Giftpfeilen raus. Alan holte seine Waffe raus. „So kann ich sie zumindest für eine Weile beschäftigen und ablenken.“, erklärte er. Wir öffneten die Tür und betraten das Haus. Es war stockfinster. Das Sonnenlicht, wurde von den dichten Wolken, die über dem Haus schwebten, abgehalten und außerdem waren die Vorhänge zugezogen. „Man sieht die eigene Hand vor Augen nicht mehr.“, stellte ich fest und tastete mich mit meinem Fuß vorsichtig vorwärts durch die Dunkelheit. Man hörte nur Alans und meine Schritte, die rhythmisch die Stille störten. „Ich könnte wetten, sie ist im Keller.“, behauptete Alan. Keller…logisch. „Und wo ist der Keller?“, fragte ich und verhöhnte ihn mit meinem Tonfall.

„Ich sehe nicht einmal irgendeine Tür oder Treppe. Woher soll ich wissen, wo der Keller ist?“ – „Hast du keine Taschenlampe mit, Alan?“ – „Nein.“ Männer… „Unmöglich. Wie kannst du nur ohne Taschenlampe losgehen?“, ich war leicht wütend. „Erstens…“, begann er, „haben wir besseres zu tun, als wieder wie ein altes Ehepaar zu streiten. Und zweitens…Wieso hast du denn keine Taschenlampe mitgenommen?“ Ich fuhr mir mit meiner linken Hand durch meine Haare, während ich mit der rechten meine Waffe fest umklammerte. „Ich habe eine Idee.“, kam mir der Geistesblitz und ich kramte in meiner Tasche nach meinem Handy. „Keine große Lichtquelle, aber besser als gar nichts.“, sagte Alan und wir gingen leise weiter. Ein dröhnender Ton erfüllte den Raum. Die Standuhr, die an der Wand stand, schlug 17:00 Uhr. Alan hatte sich genau so sehr erschrocken, wie ich es tat. „Ich denke…“, ich dachte laut nach, „diese Tür könnte es sein.“ Entschlossen ging ich auf eine der Türen zu, legte meine Hand auf die Türklinke und drückte sie langsam runter. „Sei bloß leise. Wir befinden uns hier sozusagen in der Höhle des Löwen.“, er ermahnte mich. „Jaja.“, ging ich darauf ein und zog langsam an der Tür. Immer wenn ich sie auch nur einen Zentimeter bewegte, quietschte sie so schrecklich laut, dass vermutlich auch die Nachbarn das Quietschen hörten. „Scheiße!“, fluchte ich leise, ließ mich aber nicht von dem Öffnen der Tür abhalten. Vor uns befand sich eine lange Treppe, die aus der Dunkelheit hier oben, in eine Finsternis führte, die noch dunkler aussah, als die, in der wir uns befanden. Es sah so aus, als würde uns die Finsternis verschlingen wollen. „Du geht’s vor!“, sagten er und ich gleichzeitig, was uns zum Lachen brachte. Doch im nächsten Moment verstummten wir und schauten uns ängstlich an. Meine Blicke sagten soviel wie: Wir dürfen nicht zu laut sein. Und er schien mir durch seinen Blick zuzustimmen. Ich packte all meinen Mut und ging zuerst.

Schritt für Schritt begab ich mich hinab in die Finsternis des Kellers, doch als ich unten war, schien es schon gar nicht mehr so finster zu sein. Am Ende des Keller befand sich ein Spalt, der leuchtete. „Siehst du? Eine Tür.“, flüsterte ich Alan zu. Ich begab mich zu der Tür und tastete vorsichtig nach der Türklinke. „Bereit?“, fragte ich leise. Er stimmte mit einem leisen „Mmmmh.“ zu. Ich hielt meine Waffe vor meine Brust und öffnete die Tür einen Spalt weit. Die Waffe voran betrat ich den Raum. Es waren eine Menge Apparaturen aufgebaut. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch, auf dem ein Buch lag. Auf dem Einband stand in goldener Schrift Tagebuch geschrieben. „Das ist bestimmt das Tagebuch von Abigail Smith.“, vermutete ich.
Plötzlich ging das Licht aus. „Alan?“, ich fuhr erschrocken herum. Plötzlich wurde ich zu Boden gestoßen. Reflexartig ließ ich meine Waffe los, um meinen Sturz mit beiden Händen abfangen zu können. „Alan?“, schrie ich in den Raum, doch es kam keine Reaktion. Plötzlich hörte ich eine gruselige Stimme sagen: „Du sollst leiden, Elizabeth.“ Sie wiederholte diesen Satz. Immer und immer wieder. Ich wollte aufstehen, doch ich wurde immer wieder zu Boden gestoßen. Ich schrie zornerfüllt und voller Angst. „Du sollst leiden, Elizabeth.“ Sie wiederholte diesen Satz. Immer und immer wieder, stieß mich immer wieder zu Boden. Es verging etwa eine viertel Stunde. Unheimlich wie die Zeit verging. Seit 15 Minuten hatte ich nun ununterbrochen diesen einen Satz gehört und wurde immer wieder zu Boden gestoßen. Ich fuhr mir durch die Haare und schrie. Man hätte meinen können, ich sei verrückt.Das Licht ging an. Der Tisch, der zuvor in der Mitte des Raumes stand, war verschwunden. Stattdessen stand die seltsame Frau dort. Sie hatte ihren Arm um Alans Hals gelegt und ihn so in den Schwitzkasten genommen. „Alan!“, schrie ich und rappelte mich auf, „Lass ihn los!“, befahl ich. „Nein, Elizabeth. Du sollst leiden!“ Ein Messer erschien in ihrer Hand und sie hielt die Klinge an Alans Kehle. „Oder soll ich mir lieber Zoey herholen?“ – „Das lässt du schon bleiben.“, sagte ich mahnend. Sie lachte boshaft. „Dann also doch zuerst Alan.“ Sie drückte das Messer fester an seine Kehle. Alan schrie voller Schmerz und es floß etwas Blut seinen Hals herunter. Seine Schreie waren wie tausend Messer, die in mich hinein fuhren. Ich konnte ihnen nicht entkommen. Sie stachen zu. Immer und immer wieder. Und auch ich musste schmerzerfüllt schreien, obwohl ich eigentlich unversehrt war. „Hör auf!“, schrie ich, doch sie machte weiter und schaute mich dabei amüsiert an. Nun drückte sie das Messer noch weiter und Alans Schreie verstummten allmählich. „Nein!“, ich schrie und brach wieder zusammen. „Wieso tust du das?“, sagte ich heulend. „Ich will dich leiden sehen. Und ich will Zeit gewinnen, bis sich die ultimative Macht vollständig entfaltet hat.“ Ich blickte sie an. Schade, dass meine Blicke nicht töten können, dachte ich mir. „Deine Blicken können nicht töten, Elizabeth.“, sprach sie meine Gedanken aus. „Hör auf damit!“, doch sie nahm keine Rücksicht. Ich hechtete zur Seite, wo meine Waffe lag. „Was nun, Elizabeth? Willst du mich wieder erschießen? Willst du wieder ein paar Kugeln verschwenden?“, sie lachte spöttisch. „Wer redet von Kugeln?“ Plötzlich schien mein ganzer Schmerz verschwunden zu sein. Ich freute mich schon jetzt über den Triumph, den ich gleich erlangen würde. Sie verzog das Gesicht. Ihr Lachen verschwand und sie blickte mir ratlos entgegen. „Game over!“, sagte ich und drückte ab. Blitzschnell raste der Pfeil auf sie zu und bohrte sie in ihren Hals. Sie zuckte kurz zusammen, als die Nadel ihre Hauch durchbohrte, doch dann lachte sie.
„War das alles?“ Sie zog den Pfeil heraus. „Sieh dir an, was ich kann.“ In ihrer Hand erschien eine Kugel, die aus Flammen zu sein schien, welche sie auf mich feuerte. Ich sprang zur Seite und wich dem Feuerball so aus. „Ich vergaß. An dir wollte ich mir die Finger nicht schmutzig machen. Als nächstes ist Zoey dran!“, sie wollte lachen, doch das Lachen verging ihr schlagartig. „Was ist denn los, Penelope? Wird dir schlecht?“, lachte ich schadenfroh. „Was… Was hast getan?“, sie stotterte.
„Schachmatt, Hexe!“ Sie blickte hilflos umher. „Nein! Ich kann mich heilen! Du kannst mich nicht töten!“ – „Kann ich nicht? Dann ist dir wohl etwas entgangen!“ Penelope Smith sackte zu Boden.

Sie atmete immer schwerer, bis ihr Atem irgendwann vollständig verstummte. Silberne Sternchen kamen aus ihrem Körper und fuhren in den meinen. Ich fühlte mich wie neugeboren. Es war ein tolles Gefühl. Ich hatte eine fünffache Mörderin erlegt und somit auch den Mord an meiner Mutter gerächt. Ich stürmte zu Alan. „Mama sagte, ich kann Toten das Leben zurück schenken. Bloß wie?“

Ich wusste nicht, was ich tun musste, um Alan zu retten. Ich versuchte alles, was mir in den Sinn kam. Hielt meine Hände über seine Wunde, küsste ihn sogar – Fehlanzeige. Vertraue auf dein Herz, sagte die Stimme in meinem Kopf. Ich legte meine Hand auf mein Herz und meine andere auf das seine. Das Blut an seinem Hals verschwand und er öffnete seine Augen. „Liz… Was ist passiert?“
„Sie ist tot.“ Er starrte mich an und umarmte mich dann. „Und die ultimative Macht?“, wollte er wissen. Ich schaut zu Boden und sagte nachdenklich: „Befindet sich in mir. Wie hätte ich dich sonst retten sollen?“ Er starrte mich fassungslos an. „Ich beame mich in die Pathologie. Ich werde auch die fünf Mordopfer wieder beleben.“ – „Ich fahre mit dem Wagen ins Büro und sage Zoey Bescheid, dass alles gut ist.“ Ich nickte und verschwand.

Die Pathologie und die Leichenhalle waren nur schwach beleuchtet. Es war eine kalte Atmosphäre. Man spürte die Anwesenheit des Todes. Könnte ich nicht theoretisch jeden Toten wieder zum Leben bringen? Ich dachte lange darüber nach. Nein. Der Tod hat seinen Sinn. Alles hat seinen Sinn. Ich kann unmöglich den Tod ausschalten. Der Aufseher des Leichenhauses führte mich zu meiner Mutter. „Das ist sie.“, sagte ich ihm, „Lassen Sie mich bitte alleine?“ Er schaute kurz an und verließ dann den Raum. Ich legte meine Hand auf meine Brust und die andere auf die Brust meiner Mutter. Die Wunde verheilte und sie öffnete ihre Augen. „Liz, du hast es geschafft. Ich wusste, dass du es schaffen wirst. Hol nun noch Abigail, Isabella, Samantha und Addison zurück.“ Ich tat, wie mir geheißen und belebte sie alle wieder. „So Kleines. Und jetzt gib uns unsere Kräfte wieder. Du musst es nur wollen, dann überträgst du sie wieder an uns.“, bat mich meine Mutter. „Gib sie uns wieder, bevor die ultimative Macht dich in ihren Bann reißt.“, fügte Alyssa hinzu. „Nein.“, meine Stimme hörte sich düsterer an als sonst. Sie hatte mich bereits in ihren Bann gerissen. Ich konnte ihr nicht mehr entkommen. „Ich kann noch so viel damit tun. Soviel mit ihr verändern.“ Nachdem ich dies gesagt hatte, verschwand ich spurlos und ließ die fünf Frauen allein in der Leichenhalle zurück.


1.3 Die unstillbare Gier

Es war abends und ich saß allein in meiner Wohnung auf dem Sofa. Seitdem ich die Leichenhalle verlassen hatte, quälten mich Kopfschmerzen und ich fühlte mich nicht wirklich in der Lage dazu, irgendwelche Fälle zu lösen. Ich hatte meine Augen geschlossen, um mich etwas auszuruhen, als mein Telefon klingelte. „Matthew.“, meldete ich mich. „Liz, hör mir zu.“, es war meine Mutter, „Du bist nicht stark genug, um alle fünf Mächte zu bändigen. Sie werden dich zerfetzen, glaube mir.“ Unglaubwürdig schüttelte ich den Kopf, auch wenn ich genau wusste, dass sie es nicht sehen konnte und legte auf. Ich griff nach der Fernbedienung, die auf dem Wohnzimmertisch lag und schaltete den Fernseher ein. Auf dem vierten Programm liefen gerade die Nachrichten. Die Stimme des Reporters dröhnte aus den Lautsprechern meines Fernsehgerätes und die Kamera zeigte ein brennendes Haus, aus dem riesige Flammen schossen. „In dem Haus befindet sich nach Angaben der Polizei noch ein kleineres Kind, die Eltern und die 13-jährige Tochter konnten noch rechtzeitig entkommen. Der Einsatzleiter der Feuerwehr sagte uns, dass der Zugang zum Haus durch einen brennenden Balken blockiert ist und man wohl keine große Hoffnung mehr haben solle, doch noch liegt alles im Bereich des möglichen.“ Ich hatte genug gehört und schaltete den Fernseher ab. Das wird meine erste gute Tat, ermutigte ich mich und verschwand gleich danach aus meinem Wohnzimmer.

Dort, wo ich auftauchte, schlugen die Flammen um sich. Dichter Rauch machte mir das Suchen nach dem Kind unmöglich und auch das Atmen fiel nicht mehr sonderlich leicht. Es herrschte eine beinah unerträgliche Hitze. Entschlossen hob ich meinen Arm und mit einer einzigen Handbewegung wich der Qualm und gewährte mir freie Sicht. Ich habe nicht mehr viel Zeit, wusste ich, lange hat sie nicht mehr. Ich betrat den nächsten Raum. In einer Ecke lag sie regungslos am Boden. Behutsam nahm ich sie auf den Arm, sie war höchstens sieben Jahre alt und erinnerte mich ein wenig an meine Zoey. „Jetzt bist du in Sicherheit.“, flüsterte ich ihr beruhigt zu und ging mit großen Schritten in Richtung Ausgang. Wie der Nachrichtensprecher gesagt hatte, versperrte ein Balken den Zugang. Während Feuerwehrmänner auf der anderen Seite vergeblich versuchten, den Weg zu räumen, kam ich auf der anderen Seite die Treppe hinunter.

„Ist da jemand?“, brüllte ein Feuerwehrmann mir entgegen. „Ja, ich bin hier. Mein Name ist Agent Elizabeth Matthew und ich habe das Kind bei mir, treten Sie zurück.“ Zuerst zögerten sie eine Weile, doch dann verließen sie das Haus. Wieder hob ich meine Hand und der Balken zerfiel zu Staub. Gerade hatte ich das Haus verlassen und mich ein wenig von ihm entfernt, stürzte es hinter mir mit einem lauten Knall in sich zusammen. Die Eltern des Kindes, die Feuerwehrmänner, ein paar Sanitäter und ein paar meiner Kollegen kamen mir entgegen. Nachdem ich das Kind an die Sanitäter überreicht hatte und ihnen versicherte, dass es mir gut ginge, bedankten sich auch die Eltern bei mir, bevor sich einer meiner Kollegen an mich wandte. „Agentin Matthew, sagen Sie mir, wie Sie in das Haus gekommen sind.“, fragte er und schaute mich fragen an. „Wenn ich Ihnen das sage, Officer, lassen Sie mich einweisen. Garantiert.“ Ich lachte und drehte mich dann weg. Der Officer blieb schweigend stehen und schaute verwirrt zum Boden. Die Kamerateams, die vor Ort waren, filmten mich, wie ich an den Trümmern vorbei ging, um hinter der nächsten Ecke zu verschwinden. Ich bin ein Held, meine innere Stimme feierte mich, so wie es auch die Passanten taten, die sich mittlerweile vor dem Haus eingefunden hatten. Ich beschleunigte meinen Gang, um die Verfolger abzuschütteln, die aus Kameraleuten und neugierigen Passanten bestanden. An der nächsten Kreuzung bog ich nach rechts ab und ehe auch meine Verfolger um die Ecke bogen, verschwand ich, wie ich gekommen war.

Das Erste, was ich tat, als ich zu Hause war, war, dass ich das Telefon nahm und meine Mutter auf dem Handy anrief. „Siehst du, Mama. Ich bin eine Heldin.“, sagte ich, noch bevor sie überhaupt zu Wort kam. Dann legte ich auf. Zufrieden mit deinen Kräften?, fragte mich die Stimme in meinem Kopf. „Ja.“, antwortete ich laut, „Ja, das bin ich.“ Ich lächelte und schaltete wieder den Fernseher ein. Man sah mein Gesicht auf jedem zweiten Sender. Ich genoss den Triumph und den Ruhm. Die nächste Meldung handelte von einer Geiselnahme. Ein Mann hatte seine Freundin als Geisel genommen, als sie sich von ihm trennen wollte. Nun riefe er schon seit 15 Minuten immer wieder Sachen aus dem Fenster wie: „Ich lass sie nicht gehen, sie soll für immer bei mir bleiben.“
Ich lachte. Wieder verschwand ich aus meinem Wohnzimmer. Diesmal tauchte ich jedoch auch in einem Wohnzimmer wieder auf. Ich blickte mich um. Die Balkontür stand offen und auf dem Balkon stand ein Mann, der eine Pistole an die Schläfe einer Frau hielt. Ich zog meine Waffe und richtete sie auf den Mann. „Legen Sie jetzt langsam die Waffe zu Boden.“, sagte ich deutlich. Der Mann fuhr umher, drehte sich erschrocken um und zerrte die Frau als Schutz vor sich. „Wie sind Sie hier rein gekommen?“, fragte er mich. „Ich habe meine Mittel. Eines davon wäre beispielsweise die Tür.“ Er verzog das Gesicht und schaute mich zornig an. Er war nervös, das sah man daran, dass er die Waffe immer wieder neu ansetzte. „Verschwinden Sie!“, er brüllte mich an. „Werde ich, sobald Sie mir die Frau mitgeben.“, ich machte klare Anweisungen. „Wenn Sie so weitermachen, können Sie meine Frau gleich in Einzelteilen mitnehmen.“, er versuchte mich mit Drohungen einzuschüchtern. Ich überlegte und ließ dann meine Waffe sinken. „Kluge Entscheidung. Und jetzt verschwinden Sie.“ Ich schmunzelte und hob dann meinen Arm. In meinen Gedanken gab ich den Befehl, dass seine Waffe verschwinden sollte, so wie ich es mit dem Balken im brennenden Haus und auch dem Qualm bereits getan hatte. Doch es passierte nichts. Ich konzentrierte mich stärker auf den Befehl. Stille war eingekehrt, sodass man meine gedanklichen Befehle fast hätte hören können. Ein lauter Knall brach die Ruhe und die Frau sank zu Boden. Der Mann ließ fassungslos die Waffe fallen und reflexartig drückte ich den Auslöser meiner Waffe, was zur Folge hatte, dass sich ein Schuss löste, der den Mann ins Bein traf. Er stürzte zu Boden und krümmte sich vor Schmerz. Blut lief aus der Wunde, die sich im Kopf der jungen Frau befand. Ich griff nach vorsichtshalber nach ihrem Handgelenk, um den Puls zu kontrollieren, doch sie hatte keinen mehr. „Sie sind verhaftet!“, sagte ich zu dem Mann, legte ihm Handschellen an, entfernte seine Waffe und verschwand, als ich hörte wie die Wohnungstür gewaltsam aufgebrochen wurde.

Es war inzwischen spät, weshalb ich beschloss ins Bett zu gehen. Es dauerte keine zwanzig Minuten, bevor ich einschlief und mich ins Reich der Träume fallen ließ.
„Liz?“, sagte eine Stimme zu mir, „Liz, kannst du mich hören?“ – „Ich kann.“, antwortete ich. Meine Stimme hörte sich dumpf und leer zugleich an. „Gut.“, antwortete die Stimme mir. „Erinnerst du dich an den heutigen Tag?“ – „Leide ich an Alzheimer?“, ich spottete. „Nein, tust du nicht. Definitiv nicht.“ – „Na also. Frage beantwortet?“ Einen Moment lang herrschte Stille, dann antwortete die Stimme wieder: „Die erste Frage… ja.“ – „Wie viele hast du denn?“ Wieder Stille. „Genug.“, mehr als dieses eine Wort kam nicht. „Leg los.“, forderte ich die Stimme auf. Ich wollte fragen, mit wem ich dort überhaupt redete, aber ich hatte keinerlei Kontrolle über meinen Körper.
„Du hast heute gute Taten vollbracht, richtig?“ Ich nickte zustimmend. „Du hast deine Mutter und die anderen vier Frauen wiederbelebt und hast ein junges Kind gerettet.“ – „Und ich habe mich an einem Mörder gerächt, der diese Frau als Geisel genommen und sie dann einfach so erschossen hat.“, fügte ich noch hinzu. „Zum ersten Teil stimme ich dir zu. Du hast dich an einem Geiselnehmer gerächt, doch der Mörder der Frau ist noch auf freiem Fuß. DU hast sie ermordet, Liz. Deine Kräfte haben sie ermordet.“ Ich nickte gleichgültig, obwohl ich etwas völlig anderes hätte sagen wollen. „Soll ich dir zeigen, was in Zukunft noch passieren wird, Liz?“ Ehrlich gesagt wollte ich es nicht wissen, aber dennoch nickte ich. Das Bild veränderte sich. Ich blickte von oben herab auf Zoey, die in ihrem Zimmer saß. Alan betrat den Raum und ging zu ihrem Schreibtisch, an dem sie ihre Schulaufgaben erledigte. Er packte ihre Hand und sie folgte ihm aus dem Raum. Das Bild wurde schwarz und man hörte einen Schrei. Wieder wechselte das Bild. Ich blickte von oben auf mich selbst. Ich saß im Wohnzimmer auf meinem Sofa und hatte meine Knie an meinen Körper angezogen. Tränen liefen mein Gesicht hinunter. In meinem Kopf legten sich ein Dutzend Schalter um, sodass ich schwören könnte, ich hätte es Klicken hören. Der Blick fiel auf die Wohnzimmertür, die zum Flur führte. Sie war weit geöffnet und man sah eine Blutlache, die sich über den gesamten Boden ausbreitete.

Schweißgebadet schreckte ich aus meinen Träumen. „Sie wird sterben. Und der Mörder wird auf freiem Fuß bleiben, Liz.“, sagte die Stimme aus meinem Traum und verblasste. Ich hatte Schmerzen. Es war nicht die Art von Schmerzen, die durch einen Stoß, einen Schlag oder etwas ähnliches verursacht wurde, es waren keine physischen Schmerzen, nein, es waren seelische Schmerzen und diese taten noch mehr weh, als irgendwelche physischen Schmerzen, hätten wehtun können. Zoey wird sterben und Alan wird ihr Mörder sein, folgerte ich aus meinem Traum. Es war 5:00 Uhr in der Früh. Die Sonne überschritt gerade den Horizont und die ersten Vögel fingen munter an, ihre Lieder zu singen. Mein Körper war durchströmt von Emotionen. Einerseits Fröhlichkeit, da ein so schöner Tag begann, andererseits spiegelten sich Schuldgefühle und Gewissensbisse, dass ich die Frau durch meine Kräfte getötet hatte, sowie ein gewaltiger Hass auf Alan in meiner Mine wieder. Ich stand auf und schlenderte in die Küche, um mir einen Kaffee zu gönnen.
Nachdem ich auch in der Dusche war und meine Haare gemacht habe, stieg ich ins Auto und furh ins Büro. Alan stürmte auf mich zu und ich tat so, als wäre alles wie immer. „Lass mich raten, du warst gestern auch bei der Geiselnahme.“, löcherte er mich. „Jopp.“ – „Und wie kommt es dann, dass es eine Tote gibt? Hast du den Verstand verloren?“, er schimpfte mit mir. „Alan, hör zu. Ich hatte die Wohnung noch nicht einmal betreten, als der erste Schuss fiel. Ich hatte geklingelt und dann fiel der erste Schuss, also bin ich rein und hab geschossen. Er hatte eine Waffe. Ich denke er hat sich erschrocken.“, belog ich ihn. „Und wieso erzählt er etwas vollkommen anderes?“ Ich hielt einen Moment inne. „Er ist verrückt. Er war besessen nach seiner Freundin und … joa. Ich denke so wird es gewesen sein.“ Er brummte und wendete sich von mir ab. „Ach Liz. Was ist mit den Kräften?“ – „Sie schlummern in mir. Hier sind sie sicher.“ Er ging, ohne noch ein Wort zu sagen. „Alan?“, rief ich ihm hinterher. Er blieb stehen und schaute über seine Schulter zu mir zurück. „Magst du heute mit mir zu Abend essen?“ Er überlegte kurz und stimmte dann zu.

Den ganzen Tag hatte ich Akten und Papierkram zu erledigen und ich blickte dem Tagesende entgegen.
Die Uhr auf meinem Bürotisch zeigte 19:20 Uhr, als ich die letzte Akte beiseite legte und mich in meinen Stuhl zurückfallen ließ. „Endlich fertig.“, stöhnte ich erleichtert. Ich nahm meinen Mantel, schaltete das Licht an meinem Schreibtisch aus und ging zu Alan hinüber. „Wie weit bist du?“, fragte ich ihn. „Gleich fertig.“, sagte er erschöpft und unterschrieb noch einige Papiere, bevor er seinen Kugelschreiber weglegte. Wir verließen zusammen das Gebäude, stiegen in unsere Wagen und fuhren zu mir nach Hause. Zoey hatte sich abgemeldet, sie wolle bei einer Freundin schlafen, sagte sie, sodass ich sie in Sicherheit wusste. Wir stellten uns gemeinsam in die Küche und fingen an, das Essen zuzubereiten. Als ich ein Messer in die Hand nahm, um das Fleisch zurecht zu schneiden, hörte ich wieder diese Stimme in meinem Kopf: „Er wird sie töten, wenn du nichts dagegen unternimmst. Liz, du musst deine Tochter retten, bevor ihr etwas zustößt.“ Meine Hand drückte mit einem gewaltigen, fast krampfhaften Druck auf den Messergriff und meine Laune verschlechterte sich schlagartig. „Alan, du Mörder!“, brüllte ich aufgebracht. Er drehte sich um, schaute mich an. Ich hatte die Hand mit dem Messer erhoben und trat an ihn heran. „Liz, was tust du?“ – „Meine Mächte zeigten mir, dass du Zoey töten wirst!“ – „Ich könnte Zoey niemals etwas antun!“, verteidigte er sich. „Du lügst!“, urteilte ich und stach zu. Die Spitze des Messers durchdrang sein Shirt und bohrte sich langsam in seinen Oberkörper. Blut lief das Messer entlang bis zu meinen Fingern, die den Messergriff fest umfassten. „Wie konntest du?“, stammelte Alan, bevor er zu Boden sackte. Ein Gefühl durchdrang meinen gesamten Körper. Es war das Gefühl von Zufriedenheit und das Gefühl von Sicherheit, für die ich gerade eben gesorgt hatte. „Du hast ihn ermordet, Liz.“, sprach die Stimme in meinem Kopf zu mir. „Nein, ich habe nur meine Tochter gerettet?“ – „Und wenn ich dich getäuscht habe? Was ist, wenn du dich geirrt hast?“ – „Ich habe mich nicht geirrt.“ Es blieb still. Mir war klar, dass die Leiche verschwinden musste, denn schließlich wohnte hier noch Zoey im Haus. Ich streckte meine Hand über Alans leblosen Körper aus. Innerhalb von Augenblicken zerfiel er vollständig zu Staub, welchen ich mit Handfeger und Schaufel im Mülleimer beseitigte.

Es klingelte an der Tür. Aufgewirbelt ging ich hin und öffnete sie einen Spalt, während ich meine Hand, die noch immer voller Blut war, versteckte ich hinter der Tür. „Hey Mama.“, es war Zoey. Ich schwieg sie an und blickte ein wenig entsetzt auf sie herab. „Geht es dir gut? Darf ich rein kommen? Ich kann doch nicht bei Sarah schlafen.“ – „Klar darfst du, schließlich wohnst du ja hier, nicht wahr?“ Sie lächelte und drängelte sich dann durch die Tür. Ich versteckte meine Hand weiterhin. Erst als Zoey in ihrem Zimmer verschwunden war, eilte ich ins Badezimmer, um meine Hände zu waschen. Dann putzte ich meine Zähne und ging ins Bett, da der gesamte Tag, mir sehr zu schaffen gemacht hat.

„Du hast ihn ermordet, Liz. Du hast deinen besten Freund getötet.“ die Stimme redete auf mich ein, doch diesmal konnte ich selbst bestimmen, was ich tat. „Du hast mir doch gezeigt, was passieren wird.“, ging ich darauf ein. „Denkst du.“, sagte die Stimme und verstummte. Ich bewegte mich in meiner Traumwelt umher. Alles war still, doch das, was ich sah, war wunderschön. „Ich liebe dich, Liz.“, ertönte die Stimme plötzlich. „Sagst du mir, wer du bist?“, fragte ich die mysteriöse Stimme.
„Ich bin die Macht in dir. Die ultimative Macht.“ Ich schwieg, überlegte eine Weile und sagte dann: „Ich liebe dich auch.“Das gesamte Bild wechselte. Ich träumte davon, wie ich damals mit Mama im Supermarkt war und die seltsame Frau sah. Ich träumte von meiner Kindheit, sah all die Szenen noch einmal, wo ich glücklich mit meiner Mutter war.

Zoey weckte mich. „Mama, es ist schon 12:00 Uhr. Ich habe schon gefrühstückt, aber da Alan ja gleich vorbeikommt, um mir bei meinen Mathematikaufgaben zu helfen, dachte ich dir, ich wecke dich am besten.“ Mir stockte der Atem, als sie seinen Namen sagte. Eine Träne lief mein Gesicht hinunter. „Mama? Ist alles in Ordnung?“, sie setzte sich zu mir ans Bett und nahm besorgt meine Hand. „Ich fürchte, Süße…“, für einen Moment überlegte ich, wie ich es ihr schonend beibringen könnte, doch dann übernahm die Macht in mir die Kontrolle über mich, „Ich habe ihn ermordet. Kaltblütig erstochen und dann eingeäschert! Mit meinen neuen Mächten.“ Geschockt ließ sie meine Hand los. Sie entfernte sich von mir, ich glaube sie hat Angst von mir bekommen. „Oma hatte mir davon erzählt. Sie sagte, ich solle ein Auge auf dich werfen. Das ist der wahre Grund, warum ich von Sarah zurück kam. Du hast… Du hast… wirklich?“, sie heulte. „Ja, ich habe wirklich.“, sagte ich und blieb emotionslos, auch wenn mir im Inneren nach Heulen zumute war. „Weißt du, was ich jetzt mache, Mama?“, schluchzte sie, „Ich rufe jetzt Oma an. Sie und die anderen vier sollen herkommen und du wirst deine Kräfte abgeben!“ – „Werde ich nicht. Sie gehören mir. Ich muss für Gerechtigkeit sorgen, und jeder der sich mir in den Weg stellt, stellt sich der Gerechtigkeit in den Weg.“, sagte ich, doch ich wusste, dass es nur die Macht war, die durch mich sprach.

Verängstigt stolperte sie aus dem Schlafzimmer in den Flur, um zum Telefon zu laufen. Ruckartig sprang ich aus dem Bett, griff nach meiner Dienstwaffe und folgte ihr in den Flur, während ich meine Waffe entsicherte. Im Flur angekommen, richtete ich sie auf Zoey. „Wenn du dich bewegst, muss ich dich erschießen.“ Sie blieb augenblicklich stehen und drehte sich um. „Du erschießt mich nicht, Elizabeth Matthew. Du erschießt nicht deine eigene Tochter. Das kannst du nicht! Hör auf dein Herz. Irgendwo im Inneren ist noch das Gute, das was du von Anfang an immer gehabt hast. Lass dich von der bösen Seite nicht in Versuchung bringen. Du musst dem Rausch widerstehen, hörst du? Das Gute schlummert noch in dir. Lass das Böse nicht von dir die Macht ergreifen. Du bist gut, Mama!“, sie redete ununterbrochen auf mich ein. „Ich liebe dich, Elizabeth. Ich liebe dich mehr als sie es je könnte.“,die Stimme in meinem Kopf hielt dagegen, „Sie verhöhnt dich. Sie sagt, dass du dich nicht traust. Aber du bist stark, Liz, und das wissen wir beide. Und sie sollte es auch wissen. Sie ist deine Tochter. Sie kennt dich lange genug. Sie sollte dich kennen, doch das tut sie nicht. Sie liebt dich nicht wirklich, siehst du es nicht?“, die Stimme verstummte. „Ich werde jetzt Oma anrufen.“, stellte Zoey klar und wollte sich gerade umdrehen, um weiterzugehen, als mein Finger auf den Abzug drückte und die Kugel mit einem lauten Knall dem Lauf meiner Waffe entwich. Die Zeit schien sich zu verlangsamen. Jede Bewegung wurde schwer, als würden wir uns in Wackelpudding bewegen. Während die Kugel verdammt langsam auf meine Tochter zuflog, lief vor meinen Augen noch einmal alles ab, was ich mit ihr erlebt hatte. Mein Traum, den ich heute Nacht mit mir und meiner Mutter hatte, lief nun vor meinen Augen noch einmal mit mir und meiner Tochter ab. Als sich die Rückblende wieder in die Gegenwart wandelte, sah ich nur noch wie meine Tochter zu Boden fiel und sich eine Blutlache über den Boden ergoss. Ich hatte sie getötet – mein eigen Fleisch und Blut.

Die Stimme in meinem Kopf durchbrach die Stille des Todes: „Du hast sie ermordet. Deine eigene Tochter. Einfach so, weil sie dir helfen wollte. Du sagst, du kämpfst für die Gerechtigkeit? Wo ist die Gerechtigkeit in deinen Taten? Weißt du, Liz, warum ich dich liebe? Weil du um einiges einfacher zu kontrollieren bist, als die alte Smith. Sie konnte mich kontrollieren, aber du warst nicht eine Sekunde lang dazu imstande. Du bist Schwach, Elizabeth. Du hättest auf deine Mutter hören sollen. Sie hat dich gewarnt, doch du warst zu besessen von der Macht. Du warst zu besessen von mir. Du warst gierig und die Gier ist, wie du sicher weißt, eine der sieben Todsünden. Du wolltest Macht und du wolltest Gerechtigkeit und du hast alles genommen und genutzt, was ich dir geboten habe. Ich bin ein Dämon, der sich tief in die Menschen hineinfrisst und Besitz von ihnen erlangt, weil das meine einzige Möglichkeit ist, zu überleben. Man war damals so schlau und hat mich in fünf Teile geteilt, damit ich kein Unheil mehr anrichten kann, doch irgendwo gab es jemanden, der von meiner Macht wusste. Sicherlich fragst du dich, warum ich dir das alles erzähle. Ich will es dir sagen…“, ich war inzwischen ins Wohnzimmer gegangen, hatte mich auf das Sofa gesetzt und meine Knie an meinen Körper angezogen, ohne mich auch nur um den toten Körper meiner Tochter im Flur zu kümmern. „Ich will, dass du dein Leben rettest, bevor ich dich zerstöre. Teile mich wieder in 5 Teile, gebe mich zurück, nur so besteht eine Chance, dass du weiterleben kannst.“

„Ich habe eine Frage an dich.“, unterbrach ich die Stimme, „Welches Ziel verfolgst du damit?“ Einen Moment lang herrschte Stille. „Ich habe friedliche Absichten. Ich weiß, dass es sich verrückt anhört, aber ich suche einen Menschen, der meine Macht richtig nutzt, um Utopia zu schaffen. Eine Welt, in der keine Todsünden mehr existieren, eine Welt, in der überhaupt gar keine Sünden mehr existieren. Eine Welt voller Frieden. In Abigail Smith habe ich eine potenzielle Schöpferin dieser neuen Welt gesehen. Doch du hast sie ermordet, weil sie Opfer bringen musste. Du hast sie ermordet, weil sie fünf Menschen umbringen musste, obwohl sie dadurch den Rest der Welt hätte retten können. Du musst nicht sterben. Denk diesmal nur an dich und teile mich, um dich zu retten.“

Ich überlegte und stand dann vom Sofa auf, ging ins Bad und öffnete den Medizinschrank. „Weißt du…“, fing ich an, „du hast dir gerade selbst widersprochen. Ich dachte, da du die ultimative Macht bist, wärst du halbwegs intelligent, aber da du dir selbst widersprichst, zweifle ich nun daran. Erst sagst du, du bist froh darüber, dass ich mich nicht so unter Kontrolle habe, wie die Smith und im nächsten Moment sagst du, dass die Smith besser dafür geeignet war, um Utopia zu schaffen. Ich denke, dass du mich belogen hast, dass du mich von vorne bis hinten belogen hast. Dein Ziel ist es, die Menschheit zu zerstören. Du solltest bedenken, dass wenn ich sterbe, auch du aus der Welt bist, aber genau daran hast du schon gedacht. Du weißt, dass mich in Zukunft meine Schuldgefühle zerfressen werden, weil ich meinen besten Freund und meine eigene Tochter umgelegt habe und deswegen willst du, dass ich dich wieder abgebe. Ich werde so oder so sterben, mit dir oder ohne dich und das wissen wir beide. Du sagst, ich soll diesmal nur an mich denken, aber du hast nicht bedacht, dass auch Selbstsucht eine Todsünde ist. Ich mag deinen Kräften unterlegen haben und ich mag dich deinem Ziel, die Menschheit auszurotten, ein Stück näher gebracht haben, aber ich bin nicht dumm und das unterscheidet mich von jeder Person, von der du bisher Besitz ergriffen hast. Ich habe am eigenen Leibe erfahren, dass du das Böse schlechthin bist und ich werde dich nicht nur, so wie es meine Mutter tat, teilen, sodass deine Macht nicht vereint ist.“

„Was hast du vor?“, auch wenn die Stimme nur irreal war, klang sie aufgebracht und verängstigt. „Ich werde mich opfern. Einerseits als Rache an mir selbst, dafür, dass ich meinen besten Freund und meine Tochter Zoey ermordet habe, ohne auch nur einen Hauch von Anstand zu haben und ihnen nach zu trauern, so kann ich zumindest wieder bei ihnen sein, andererseits um das Wohl der Menschheit zu bewahren und den Schatz aller Menschen vor dir zu versichern. Du bist ein Teil von mir, und ich weiß bereits, wie man dich tötet. Man tötet dich, indem man die Person tötet, in der du dein Unwesen treibst und das bin ich.“

Ich nahm die Schlaftabletten aus dem Schrank, öffnete die Dose und schluckte eine Tablette nach der anderen, bis die Packung leer war. Dann ging ich ins Wohnzimmer und machte eine einzige Handbewegung, die eine Nachricht aus roter Farbe an der Wand erschienen ließ:

Liebe Mama. Was ich getan habe, war nicht meine Schuld, das weißt du. Ich habe schlimme Sachen getan, weil ich zu gierig war. Ich wollte den Frieden schaffen und habe Menschen getötet. Ich war süchtig nach der neuen Macht und das bin ich auch jetzt noch, doch ich habe es für diesen Augenblick geschafft, klar zu denken. Wenn ich die Macht teile, so wie ihr es getan habt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das ganze Spektakel von vorn beginnt. Außerdem würde ich so für das verantwortlich gemacht werden, was ich getan habe. Was soll ich also machen? Was soll ich noch ändern? Der einzige Ausweg, um meiner Zukunft zu entgehen und um das weitere Verderben der Menschheit in Form der ultimativen Macht zu verhindern, ist mein Tod.
In Liebe, deine Tochter Elizabeth.

Noch während ich die Nachricht ein letztes Mal las, spürte ich, wie mein Körper immer schwerer und schwerer wurde, bevor sich meine Augen schlossen, und ich dem Tod in sein pechschwarzes Gesicht blickte.

~ Ende ~

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