2. Spiel gegen die Zeit (I – VIII)

2.1 Spiel gegen die Zeit

 

„Wir haben ihn!“, ertönte es aus meinem Funkgerät, „Arlington, Ecke Prescott Street.“ – „Verstanden“, erwiderte ich, bevor ich den Motor startete und mich mit meinem Team auf dem Weg machte. Es lief jedes Mal so, wenn wir einen Mörder suchten und obwohl alle in irgendeinem Sinne dasselbe getan haben, hatte jeder von ihnen einen ganz persönlichen Fingerabdruck. Der Mann, der diesmal ins Visier des FBI geraten war, hieß Jonathan Gane und hatte bereits drei Frauen und vier Kinder erschossen. Die Masche war dabei jedes Mal dieselbe. Er verschaffte sich Zugang zu einem Haus, in dem eine alleinstehende junge Mutter mit ihrem Kind lebte, vergnügte sich mit der Mutter und ließ das Kind dabei zusehen, bevor er beide erschoss. Immer wieder frage ich mich, was wohl im Kopf eines solchen Menschen vorgeht und was ihn dazu treibt, unschuldige Frauen und Kinder umzubringen. Doch ich werde nicht dafür bezahlt, diese Fragen zu beantworten.
Mein Name ist Sasha Walker, ich bin 27 Jahre alt und arbeite bei einer Spezialeinheit der Polizei von Californien. Meine Frau starb bei der Geburt meiner mittlerweile 5 Jahre alten Tochter Helen, die ich seitdem allein aufzog. Den Tag über, während ich arbeite, ist Helen bei einer Tagesmutter untergebracht. Ich bin noch nicht lange bei der Spezialeinheit und trotzdem gehöre ich zu den besten meines Berufs. Meine Aufgabe ist es, die Sicherheit anderer zu gewährleisten, indem ich Gefahrenobjekte ausschalte. Es handelt sich dabei zumeist um psychisch kranke Menschen, die wahllos töten würden, wenn es ihnen darum ging. Doch es war noch nie nur der Drang zu töten, der die Menschen antrieb, sondern auch die Gewissheit, in Kürze in ganz Californien Thema Nummer 1 in den Medien zu werden. Persönliche Motive stecken nur selten dahinter. Gane war wieder einer dieser Killer, denen es wichtig war, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erhalten, ohne dabei erwischt zu werden. Er spielte ein Spiel mit uns, also spielten wir mit.

 

Mit quietschenden Reifen hielt mein Wagen an der angegebenen Adresse und eine Agentin des FBI kam auf mich zu, als ich ausstieg. „Da sind Sie ja“, sagte sie, ohne mich zu begrüßen, „man sagt, sie seien der Beste in ihrer Branche.“ – „Worum geht es?“ Die Agentin holte ein Foto hervor. „Jonathan Gane, 39 Jahre alt, geboren in Baltimore. Hat sich mittlerweile sieben Morde zuschulden kommen lassen, vier davon an Minderjährigen, die zuvor dabei zusehen durfte, wie er ihre Mutter missbraucht. Unsere Aufmerksamkeit bekam er, weil er jede seiner Taten filmte und die Filme als Anhang an das FBI schickte. Er hinterließ dabei seinen Namen und sämtliche Daten, zeigte sein Gesicht, hinterließ absichtlich seine Fingerabdrücke und ließ uns dann zusehen.“ Sie wirkte etwas angespannt. Es handelte sich um eine junge Agentin, sie war vielleicht etwas älter als ich und trug ihr langes, blondes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Sie war eine hübsche und attraktive Frau, die man normalerweise – würde man ihr auf der Straße begegnen – nicht dem FBI zuordnen würde. „Mein Name ist übrigens Agent Sterling. Anna Sterling.“ – „Sasha Walker“, entgegnete ich, sie lächelte. „Eine Streife erkannte Gane vor einer halben Stunde vor dem Haus und beobachtete, wie er hinein ging, Schüsse sind keine gefallen. Mittlerweile wissen wir, dass Gane die Frau als Geisel genommen hat, ein Säugling befindet sich ebenfalls in der Wohnung.“ – „Irgendwelche Forderungen?“ – „Der Mann ist ein Psychopath, er stellt keine Forderungen.“ Ich zuckte mit den Schultern.

 

„Was soll ich tun?“ Sterling zeigte auf das gegenüberliegende Haus. „Vom vierten Stock sollten sie eine ideale Sicht auf besagte Wohnung haben. Es handelt sich um die beiden Fenster im 3. Stock!“ – „Wie lauten die Anweisungen?“ Sie begann zu lachen. „Ich kann ja verstehen, dass Sie nur Ihren Job machen wollen, aber wir wollen ihn nicht abknallen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Positionieren Sie sich und geben Sie mir dann Bescheid. Ich werde hinein gehen und mir ein genaues Bild von der Lage machen.“ Schlagartig wurde ihr Gesicht wieder todernst. „Der Kerl schreckt vor nichts zurück. Vier Kinder und drei Frauen waren ihm noch nicht genug. Eine weitere Frau und ein Säugling schweben in Gefahr. Ich verlass mich auf Sie. Wenn Ihre Hand ausrutscht oder sie zittern gefährden Sie das Leben der Frau, das des Säuglings und das meine. Wenn sie zögern, tun sie dasselbe. Ich verlass mich auf Sie!“ Sie ging zu einem Officer und legte dann eine kugelsichere Weste an.

 

Immer noch etwas eingeschüchtert von ihrer unerwartet strengen Ansage, nahm ich meinen Gewehrkoffer und positionierte mich im gegenüberliegenden Haus in der 4. Etage. „Der Sichtkontakt steht.“

 

Durch das Fenster beobachtete ich, wie Sterling das Haus betrat, das ich nun im Visier hatte. Obwohl sie selbstsicher und überzeugt wirkte, hatte sie ihre Waffe gezückt und betrat das Haus mit äußerster Vorsicht. „Hier Sterling, hören Sie mich?“, fragte sie über das Earpiece. „Klar und deutlich.“ Sie begann zu schildern, was sie sah, hörte und tat. „Ich gehe die Treppe hinauf, erster Stock. Ich glaube von oben kommen Schreie. Aus den anderen Wohnungen ist es ruhig. Vielleicht niemand zu Hause. Was sehen Sie, Walker?“ Ich schaute durch das Zielfernrohr. „Ich kann Gane sehen. Er steht neben einem Stuhl, trinkt ein Glas Wasser. Er trägt eine Waffe bei sich, 9 Millimeter, vielleicht eine P30. Er weiß, dass die Polizei vor Ort ist, aber es interessiert ihn nicht. Die Frau sitzt auf dem Stuhl, der Säugling sitzt in einem Kindersitz auf den Tisch.“ – „Es interessiert ihn nicht? Wir kommen Sie darauf?“ – „Er hat die Vorhänge nicht zugezogen, steht ruhig und gelassen da, ohne auch nur zu zucken und trinkt gemütlich ein Glas Wasser. Er hat keine Angst.“ – „Ich bin im zweiten Stock. Ebenfalls ruhig. Der Lärm kommt von oben. Dritte Treppe.“ – „Das Baby schreit, ich bin mir sicher, dass es merkt, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.“ – „Meinen Sie? Dafür ist es doch noch zu klein.“ – „Sie haben keine Kinder, Anna, oder?“ – „Nein, bei mir stand der Beruf immer vor dem Kinderwunsch. Wirkt er schießwütig?“ – „Nein, ruhig und gelassen.“ Ich konnte ihr Empfinden nachvollziehen. Ich fühle mich selbst manchmal schlecht, dass ich nicht für Helen da sein kann und sie immer zur Tagesmutter geben muss, aber anders funktioniert es nicht mehr.
„Wissen Sie, was ich mich frage, Walker? Wenn er wirklich ein Psychopath ist, warum hat er die beiden noch nicht erschossen?“ Ich grübelte etwas über diese Frage. „Ich bin jetzt oben, habe die Wohnungstür erreicht. Wie sieht es in der Wohnung aus, meinen Sie, er kriegt es mit, wenn ich eindringe?“ – „Zu riskant, Sterling“, warnte ich, „Zwar ist der Flur vom Wohnzimmer aus nicht zu sehen, aber wir wissen nicht wie er reagiert, wenn plötzlich ein FBI-Agent vor ihm steht.“ – „Wieso hat er nicht schon längst geschossen? Er hat seine vorherigen Opfer getötet und jetzt steht er dort rum und wartet?“ Plötzlich wird er mir klar: „Wir haben ihn gestört. Es geht ihm nicht nur ums Töten, das ist für ihn nicht genug. Er benötigt seine Zeit, um Genugtuung zu erfahren.“ – „Das leuchtet ein. Aber irgendwie passt das alles nicht. Ansonsten hat er sich immer ländliche Häuser ausgesucht, wo Nachbarn frühestens bei den Schüssen die Polizei alarmieren können. Nun ist er hier, mitten in der Stadt, in einem Haus, wo Nachbarn auch die Schreie der Frau und des Babys hören können.“ – „Er steigert sich, er sucht den Reiz.“ Stille.

 

 

„Ich muss da jetzt rein Walker, sonst kommen wir hier nicht voran. Ich öffne die Tür. Wenn er sich bewegt, sagen Sie mir umgehend Bescheid.“ – „Klopfen Sie doch einfach an, Sterling.“ Ich lachte. Sie nicht. „Ich bin drin“, hörte ich sie über Funk flüstern. „Gane hat sich keinen Zentimeter bewegt. Doch, warten Sie.“ Der Mann ging zu der Frau und zerrte sie an ihrem Arm hoch, sodass sie aufstand. „Sterling, Sie müssen wieder raus da, bleiben Sie in Deckung.“ – Keine Antwort. Er verschwand mit der Frau aus meinem Sichtfeld hinter die Wand. „Sichtkontakt verloren. Wiederhole: Sichtkontakt verloren. Gane ist mit der Frau von dem Fenster weg, hinter der Wand.“

 

Ich konnte nichts tun, außer abwarten und hoffen. „Ich hätte ihn schon längst abknallen sollen“, beschwerte ich mich. „Das ist nicht das primäre Ziel, vergessen Sie das nicht. Natürlich würden Sie die Opfer so außer Gefahr bringen, aber die Anweisung des Directors ist eindeutig. Schießen nur, wenn es sein muss“, Sterling flüsterte. Sie war noch immer in der Wohnung. „Ich glaube, ihm ist klar geworden, dass wir ihm so nah sind“, gab ich durchs Funkgerät durch. Seine Hand griff zum Autositz und er zog diesen ebenfalls aus meinem Sichtfeld. „Sterling, er weiß, dass wir dran sind. Er hat sich und die Geiseln aus meinem Sichtfeld entfernt.“ Es blieb nur abwarten und hoffen. Ein lautes Knallen zerstörte die Hoffnung. Ein Schuss.

 

„Ich geh rein“, sagte Sterling und im nächsten Moment erschien sie in meinem Sichtfeld, die Waffe auf die Ecke des Raumes gerichtet, in die Gane sich zurückgezogen hat. „Weg mit der Waffe!“, hörte ich sie durch das Funkgerät rufen. Was Gane sagte, konnte ich nicht verstehen. „Er hat die Frau erschossen, Walker“, gab die junge Agentin mir über das Funkgerät bekannt. Ich hörte Gane brüllen, im nächsten Moment nahm Sterling ihr Funkgerät aus dem Ohr, warf es zu Boden und trat rauf, um es zu zerstören. Nur wenige Sekunden später ließ sie die Waffe sinken, ließ sie schließlich fallen und legte sich mit erhobenen Händen auf den Bauch.

 

Gane kam wieder in mein Sichtfeld, ich konnte jedoch nur seinen Rücken sehen und weder seine Hände noch seine Waffe. Da der Funkkontakt zu Sterling abgebrochen war, handelte ich instinktiv. Ich nutze die Gelegenheit und drückte ab. Die Kugel verließ meinen Gewehrlauf, flog mit einer riesigen Geschwindigkeit über die Straße, zerschlug die Fensterscheibe und bohrte sich in Jonathan Gane’s Hinterkopf. Ruckartig sprang Agentin Sterling auf und machte einen Satz zu Gane. Erst Augenblicke später verstand ich den Grund. Ich sah eine Agentin in Gefahr, wehrlos am Boden liegend. Ich sah einen bewaffneten Psychopathen. Was ich nicht sah, war die andere Geisel, den Säugling, den Gane zu diesem Zeitpunkt in seinem Arm hielt und der hinunterfiel, als ich Gane erschoss. Sterling hielt den Säugling im Arm, schaute zu mir hinüber und teilte mir mit einem Schütteln des Kopfes mit: Das Kind war tot.
Ich ließ das Gewehr sinken, war fassungslos. Ist das gerade wirklich passiert? Du hast das Kind getötet. Ich packte mein Gewehr zusammen und ging nach unten auf die Straße, Agentin Sterling kam aus dem Haus auf mich zu, doch sie sagte nichts. Sie schaute mich einen Augenblick wortlos an und wurde dann von einem Officer zu sich gerufen.

 

 

Auf dem Weg nach Hause klingelte mein Handy. Ich meldete mich. Es war der Director. „Walker, Agent Sterling hat mir erzählt, was passiert ist. Dennoch würde ich mir gern ihre Version anhören. Kommen Sie umgehend in mein Büro. Ich erwarte Sie.“ Er ließ mir keine Zeit für Wiederworte und legte, ohne sich zu verabschieden, auf. Ich änderte meinen Kurs und fuhr zum FBI Hauptquartier.

 

Die Empfangsdame vor dem Büro des Directors bat mich, einen Moment Platz zu nehmen. Ich setzte mich hin und wartete. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Er lässt dich warten. Das macht er mit Absicht. Er will dich leiden lassen. Du bist schuldig. Endlich ging die Tür auf, es waren bloß 5 Minuten vergangen, und der Director bat mich herein.

 

Director Franklin war ein großer, durchtrainierter Mann. Er hätte Soldat oder Bodyguard werden können. Seine Haare trug er kurz. Er trug einen Anzug, der fein säuberlich gebügelt war. „Nehmen Sie Platz“, bat er mich. Ich bedankte mich und setzte mich auf den Stuhl an seinem Schreibtisch, er setzte sich in den seinen. „Hören Sie, Sir“, versuchte ich mich zu erklären. „Es ist schon in Ordnung“, fiel er mir ins Wort, „Agentin Sterling hat mir bereits alles berichtet. Sie konnten nichts dafür.“ – „Ich fühle mich schuldig, Sir.“ – „Es wirft Ihnen niemand etwas vor, Walker. Sie haben Ihre Arbeit getan, Sie konnten den Säugling nicht sehen, haben ihn in Sicherheit vermutet und wollten das Leben einer meiner Agenten retten. Sie haben instinktiv gehandelt und so Gott weiß was verhindert.“ Ich war etwas aufgebracht, doch seine Erklärung beruhigte mich.

 

 

Mittlerweile war ich zu Hause angekommen. Ich wollte mich hinlegen, aber ich bin nicht zur Ruhe gekommen. Es war falsch. Du hättest nicht schießen dürfen! Du hättest dich absichern müssen. Wie leichtsinnig von dir. Es klingelte an der Tür. Ich schreckte aus meinen Gedanken auf und ging zur Tür. Es war Helen, die von ihrer Tagesmutter nach Hause gebracht wurde. Sie verabschiedeten sich voneinander, dann ging Helen auf ihr Zimmer. „Hat sie irgendwelche Schwierigkeiten gemacht?“ – „Nein, sie war heute ganz ruhig. Es ging ihr wohl nicht so gut“, erläuterte mir die Tagesmutter. Ich bedankte mich, wir verabschiedeten uns und ich schloss die Tür, ging sofort zu Helen. „Was ist los meine Prinzessin? Wie geht’s dir?“ Helen hatte sich sofort mit Mr. Puffel ins Bett gelegt. Mr. Puffel ist ihr Stofftier, ein Plüschbär, den ihre Mutter schon vor der Geburt für sie gekauft hatte. „Mir geht’s schlecht“, schilderte sie. „Wie schlecht?“ – „Richtig schlecht.“

 

Einige Momente wurde geschwiegen. „Mir tut alles weh, ich bin müde. Es drückt in meinem Bauch, hier oben. Und mir ist richtig schlecht.“ Ich überlegte kurz. „Möchtest du vielleicht etwas essen, Prinzessin?“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Ich bin nicht hungrig.“ Ich drückte die Decke an sie heran, damit sie nicht fror. „Aua“, stieß sie auf, „das tut weh.“ – „Ruh dich aus, schlaf eine Runde und morgen geht es dir sicher besser.“ – „Versprochen?“ Sie schaute mich mit ihren Augen an. Sie hat die Augen von ihrer Mutter. Die selbe Freude und das selbe Strahlen stecken in ihren Augen. „Versprochen.“ Sie lächelte, dann verzog sie das Gesicht. „Aua.“ Etwas besorgt schaute ich sie an. „Morgen geht es mir besser. Mr. Puffel hat es mir versprochen.“ Ich lachte, sie unterdrückte es. „Gute Nacht Prinzessin.“ Ich gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „Schlaf gut.“ Ich stand von ihrem Bett auf und ging zur Tür. „Gute Nacht Daddy“, sagte sie und klang verschlafen. Ich schaltete das Licht aus und machte leise die Tür hinter mir zu. Zeit zu schlafen.

 

 

Du musst aufwachen. Es geht ihr nicht gut. Wach auf. Ihr geht es schlecht! Es war mitten in der Nacht als ich aus meinem Schlaf hochschreckte. Ich saß kerzengerade im Bett und starrte in die schwarze Nacht. Erst als ich wirklich wach war, schaltete ich das Licht auf meinem Nachttisch ein. Ich benötigte einen Augenblick, um mir alles in Erinnerung zu rufen. Dann sprang ich aus meinem Bett und eilte zu Helens Zimmer. Ich öffnete leise die Tür und steckte meinen Kopf hinein. Ich wollte die Tür wieder zuziehen, als eine Mädchenstimme nach mir rief. „Daddy?“ Ich machte die Tür auf. „Was ist denn los Prinzesschen?“ – „Mir geht es nicht gut, Daddy.“ Ich warnte Helen vor, dann schaltete ich das Licht ein. Sie sah blass aus. „Du siehst gar nicht gut aus.“ Ich fühlte ihre Stirn. „Du hast Fieber.“ Helen hatte immer Angst, krank zu sein. Sie fürchtete sich vor Arztbesuchen und wollte am liebsten immer gesund sein. Auch in dieser Sache ähnelte sie ihrer Mutter. „Wir sollten zum Arzt fahren Helen.“ – „Nein, kein Arzt. Die können doch sowieso nichts machen.“ – „Sie können dir zumindest sagen, was du hast.“ Helen wollte sich aufsetzen, kapitulierte doch sofort und hielt sich den Bauch. „Keine Widerrede, wir fahren zum Arzt.“ Unter Protest half ich Helen aus dem Bett und wir fuhren ins Krankenhaus.

 

 

Nachdem wir dem Arzt geschildert hatten, was Helen für Beschwerden hat,tastete er ihre Arme und Beine ab, überprüfte die Reflexe, schaute sich den Rachen an und horchte die Lunge ab. Als er Helen ein paar Fragen stellte, bekam diese urplötzlich Nasenbluten. Sofort hatte der Arzt ein Taschentuch zur Hand und versorgte Helen. Nachdem die Blutung gestillt war, bat er mich vor die Tür. „Haben Sie eine Ahnung was ihr fehlt?“ – „Mr. Walker, ich bin mir noch nicht sicher, was es genau ist. Wir werden morgen noch ein paar Untersuchungen durchführen und werden Helen bis dahin zur Beobachtung auf unsere Kinderstation aufnehmen. Sie können selbstverständlich bei ihr bleiben.“ – „Da wird sie sich freuen.“ Der Arzt lachte. Er verstand die Ironie nicht. Wir gingen wieder hinein. „Prinzessin? Daddy bleibt heute im Krankenhaus. Und du musst auch hier schlafen. Die wollen dich morgen weiter untersuchen.“ Helen begann zu heulen – wie erwartet. „Ich will nicht. Nein!“, schrie sie. Es dauerte eine Weile bis ich sie beruhigen konnte. Zuletzt gab sie nach. Zum Streiten war sie zu müde.

 

 

Es war früh am Morgen als mein Handy klingelte und mich aus meinem Schlaf riss. Ich war bei Helen am Bett eingeschlafen. „Walker“, meldete ich mich. „Walker, Anna Sterling vom FBI.“ – „Agent Sterling, wie komme ich zu der Ehre von Ihnen geweckt zu werden?“ – „Sehr charmant, Walker. Hören Sie. Heute Nacht erhielten wie wieder ein Video. Dasselbe Prinzip, der selbe Täter.“ Meine Kinnlade klappte herunter. „Wie soll das möglich sein?“ – „Mit Hilfe der Fingerabdrücke haben wir die Identität des Mannes aus der Wohnung geklärt. Es handelte sich hierbei um Enrico Gane, Jonathan’s Zwillingsbruder. Die beiden machen anscheinend gemeinsame Sache.“ Ich war mittlerweile aus dem Krankenzimmer heraus gegangen. „Was zeigt das Video?“, erkundige ich mich. „Das ist der Knackpunkt. Kein Kind, keine Frau. Er hat Director Franklin. Er foltert ihn vor der Kamera. Er macht ihn für den Tod seines Bruders verantwortlich. Er hat ein stündliches Update versprochen. In 3 Minuten müsste demnach das nächste Video kommen.“, erklärte Sterling. Fassungslos hielt ich das Handy an mein Ohr. „Ich bin sofort bei Ihnen.“ Wir legten auf und ich suchte einen der Pfleger. Ein Mann in weiß kam aus dem Fahrstuhl. „Mein Name ist Walker. Meine Tochter liegt in Zimmer 16. Wenn meine Tochter aufwacht, sagen sie ihr, dass ich schnellstmöglich wieder da bin. Die Arbeit ruft.“ Der Pfleger versicherte mir, dass er sich darum kümmern würde.

 

„Wie konnte jemand Franklin überwältigen und gefangen nehmen? Er ist riesengroß und so breit wie ein Schrank. Außerdem ist er FBI-Director. Einen solchen Mann überwältigt man nicht mal eben so.“, überlegte ich laut. Ich verließ das Krankenhaus und ging zu meinem Wagen, gerade noch rechtzeitig, denn nur ein paar Autos weiter verteilte eine Polizistin Strafzettel, ein Mann pöbelte mit ihr. „Ich bin doch gerade erst gekommen, ich könnte den Wagen doch sofort wegfahren. Ist das wirklich nötig?“, beschwerte er sich. Ich beobachtete die Situation im Vorbeigehen, stockte kurz. In Gedanken war ich woanders. Ich stieg in meinen Wagen und steuerte das FBI-Büro an.

 

Ich parkte mein Auto in der Tiefgarage und nahm den Aufzug. Als ich den Fahrstuhl verließ, empfing Agentin Sterling mich bereits. „Wir haben soeben ein neues Video erhalten. Ich schlage vor, wir schauen uns zuerst gemeinsam das neue Video an, ich habe es auch noch nicht gesehen. Unsere IT-Experten versuchen bereits herauszubekommen, von wo das Video geschickt wurde, bisher jedoch ohne Erfolg.“ Wir nahmen an ihrem Schreibtisch Platz und mit ein paar Mausklicks startete sie das Video. Man sag Director Franklin gefesselt und geknebelt in einer Ecke des Raumes. Der Mann betrat das Bild. Er hatte eine Sturmhaube über den Kopf gezogen, sodass man sein Gesicht nicht erkennen konnte. „Das ist seltsam, das hat er zuvor noch nie getan.“, bemerkte die junge Agentin. Er begann zu reden. „Es war gar nicht mal so leicht, diesen Brocken zu kriegen. Es war so nicht geplant. Enrico sollte Ihnen nicht in die Arme laufen. Ich konnte für seinen Tod nur das FBI verantwortlich machen. Also musste ich den Hauptverantwortlichen holen. Es war schwierig, jedoch nicht unmöglich.“ Es folgte einige Sekunden Stille. Ich geriet ins Grübeln. „Dass der Director sich seine Hände nicht selbst schmutzig macht, war mir bewusst. Ich musste nur herausfinden, wer es dann gewesen ist.

 

Schließlich verriet er mir den Namen. Irgendwann wird selbst dem stärksten Mann der Schmerz zu viel. Ich habe schon oft von Ihnen gehört, Walker. So viele Menschen hätten sie schon gerettet, sagen die Medien. Diesmal haben sie etwas falsch gemacht. Der Director hat geplappert wie ein Wasserfall. Sie haben einen Säugling auf den Gewissen. Und sie haben mir mein Bruder genommen. Er war der einzige, der mit mir gespielt hat. Nun brauche ich jemanden, der wieder mit mir spielt. Franklin erzählte mir sehr viel über sie. Es ist Zeit für ein Spiel, Walker.“

 

Agent Sterling betätigte den Pause-Knopf und das Video hielt an. „Der Mann ist doch total geisteskrank. Ihm muss doch klar sein, dass wir ihn kriegen werden.“, überlegte sie laut, „Er legt sich mit dem FBI an.“ Ich war am Nachdenken. Irgendetwas störte mich. „Lassen Sie das Video weiterlaufen.“, bat ich. Mit einem Mausklick lief das Video weiter. „Director Franklin erzählte mir von Ihnen und Ihrer Tochter. Ich besuchte Sie zu Hause, doch es war niemand da. Ich fand das Telefonbuch auf dem Tisch, es war aufgeschlagen und die Telefonnummer des Krankenhauses war markiert. Wenn Sie dieses Video erhalten, bin ich bereits auf dem Weg. Aufhalten können Sie mich nicht. Es ist Zeit für ein Spiel, Walker. Und ich hoffe, Sie spielen mit mir.“ Der Mann zog seine Maske ab und ich sprang augenblicklich auf und stürmte aus dem Büro, Sterling folgte mir nach kurzem Verwundern. „Was ist los?“, fragte sie mich, als wir die Treppe in die Tiefgarage hinunterliefen. „Der Mann stritt vor dem Krankenhaus mit einer Politesse, als ich zu Ihnen fuhr. Ich wusste sofort, dass er mir bekannt vorkam. Gane will meine Tochter.“

 

 

2.2 Die Zeit läuft

Mit Sirenen und Verstärkung, die wir unterwegs angefordert hatten, hielten wir vor dem Krankenhaus. Ich beauftragte einen Agent damit, die Politesse ausfindig zu machen, während Sterling, ich und die anderen Agents mit gezogenen Waffen ins Krankenhaus eilten. Um keine Panik auszulösen, trugen wir die typischen FBI-Jacken, um uns direkt als Agents zu erkennen zu geben.Wir standen vor dem Zimmer, in dem Helen lag, die komplette Station war leer und ruhig. „Bereit?“, fragte Sterling und legte ihre Hand auf die Klinke. Wir nickten, die Tür wurde aufgeschmissen und wir stürmten herein. An der Wand saßen 2 Pfleger und ein Arzt, die Hände auf den Rücken gefesselt, die Beine zusammengebunden, der Mund mit einem Knebel gestopft. Das Bett war leer. Wir steckten unsere Waffen zurück ins Halfter, die anderen Agents befreiten das Krankenhauspersonal und begannen es zu befragen. „Verdammt“, ich fluchte, „ich hätte ihn doch erkennen müssen, ich hab das Bild gesehen, habe seinen Zwillingsbruder abgeknallt… Warum hab ich ihn nicht erkannt, als ich ihn vor dem Krankenhaus gesehen habe?“ Ich setze mich auf das Bett, in dem Helen heute morgen noch gelegen hatte. „Machen Sie sich keine Vorwürfe, Walker. Wir finden Helen, das verspreche ich Ihnen.“ Ich wurde auf ein Foto aufmerksam, das auf dem Nachttisch lag und nahm es in die Hand. Anna Sterling setzte sich zu mir und schaute ebenfalls auf das Bild. Das Bild zeigte mich und Sophie, Helens Mutter, im neunten Schwangerschaftsmonat. Es war das letzte gemeinsame Bild, das es von uns gab.
„Bitte lächeln!“, rief der Fotograf zu uns rüber und schnitt eine Grimasse, die sowohl Sophie als auch mich zum Lachen brachte. Ein Klicken und ein Blitz verriet uns, dass dieses Lachen nun für die Ewigkeit festgehalten wurde. Wir küssten uns, während der Fotograf die Bilder entwickelte. Er gab uns die Abzüge. Wir schauten das Foto an und lächelten. „Was machen wir nun?“, fragte Sophie. „Wozu hast du Lust, mein Schatz?“ – „Ich…“ Sophie verzog das Gesicht… „Ohhhh. Ich glaube…“ Sie stützte sich an mir ab. „Ihre Fruchtblase ist geplatzt“, rief der Fotograf, „Ich rufe einen Krankenwagen.“ Er eilte zum Telefon. „Nicht nötig“, rief ich ihm nach, „ich fahre selbst.“Wir fuhren ins Krankenhaus, mit quietschenden Reifen brachte ich den Wagen genau vor der Tür zum Stehen. Es dauerte nicht lange, bis die Ärzte und Schwestern mit einem Bett für meine Frau kamen… Es gab Komplikationen. Das Kind musste durch einen Kaiserschnitt geboren werden. Die Ärzte fuhren Sophie in den OP. Ich musste draußen bleiben.„Mister Walker?“, ein Arzt kam aus dem OP und kam auf mich zu, es war bereits über eine Stunde vergangen, „Sie haben eine gesunde Tochter.“ Mein Instinkt verriet mir, dass das nicht alles war, was der Arzt mir zu sagen hatte. Ich lag richtig. Leider. „Mister Walker… Wie Sie sicher mitbekommen haben, gab es bei der Geburt einige Komplikationen. Während der Operation bekam ihre Frau plötzlich Vorhofflimmern, ihr Zustand wurde kritisch, nachdem wir das Baby von der Nabelschnur entfernt haben.“ Er hielt einen Moment inne. „Wir haben alles versucht… Es tut mir Leid.“
„Sophie und ich haben immer von einer gemeinsamen Tochter geträumt.Und als dieser Traum endlich wahr wird, wird es uns nicht gegönnt, diesen Traum zu leben“, erzählte ich Anna. Sie legte ihren Arm um mich. „Wir schnappen uns Gane und retten Ihre Tochter und natürlich Director Franklin.“ Ihr Handy klingelte und sie stand vom Bett auf, um ein paar Meter Abstand zu nehmen. „Ja? Sterling“, meldete sie sich. Nach einem kurzen Dialog, den ich jedoch nicht wirklich mitbekam, legte sie auf. „Kommen Sie, Walker. Wir haben eine Spur!“ Wir verließen das Krankenhaus.Wir fuhren eine viertel Stunde über den Highway ans andere Ende der Stadt, ein Streifenwagen mit zwei Officern folgte uns. Wir bogen in eine Straße ein. Eine Sackgasse. Ich analysierte die Umgebung, ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Die Straße ist eine Sackgasse, umfasst neun große Häuser, jeweils mit Garten. Nur vor fünf von ihnen steht ein Fahrzeug, schicke Nobelkarossen, mehrere 100.000$ wert. Wir fuhren auf das Haus am Ende der Straße zu. „Fenster sind geschlossen, Vorhänge sind zugezogen, Garage ist zu, vor dem Haus steht kein Fahrzeug, vielleicht ist es in der Garage“, fasste ich zusammen. Wir hielten vor dem Haus, stiegen aus und liefen zusammen mit den Officern zur Tür.
Mit einem Handzeichen machte ich den Officern deutlich, dass sie um das Haus herum gehen sollten. Mit gezogener Waffe teilten sie sich auf. Sterling öffnete die Tür mit einem Dietrich, wir zogen unsere Waffen und gingen hinein.Wir gingen jeden Raum ab, sicherten uns gegenseitig. In dieser Etage war nichts.Wir gingen hintereinander die Treppe hinauf. In der oberen Etage waren alle Türen geschlossen. Ich deutete mit der Hand auf eine Tür, vor der wir uns anschließend beide postierten. Agent Sterling öffnete die Tür und wir stürmten hinein. Der Raum war leer. Die zweite der insgesamt vier Türen verbarg ebenfalls einen leeren Raum, sodass wir zur dritten Tür gingen. Wir öffneten sie und sicherten den Raum. Leer. Hier ist niemand. Ihr wurdet verarscht. Deine Tochter ist längst tot.Wir gingen zur letzten Tür. Ich legte meine Hand auf die Türklinke. Sie war ganz kalt.Ich drückte die Klinke hinunter und stieß sie auf, sodass wir den letzten Raum stürmen konnten.„FBI, keine Bewegung!“, riefen Sterling und ich beinahe gleichzeitig und stürmten in den Raum. Auch in diesem Raum war keine Spur von Gane, dafür lag ein Zettel auf dem Boden.„Ihr seid so berechenbar. Dies war der letzte Raum, den ihr durchsucht habt. An die Garage habt ihr sicherlich noch nicht gedacht. Der Director ist dort, aber euch bleibt nicht mehr viel Zeit, wenn es zur nächsten vollen Stunde schlägt… BOOM. Wie gefällt euch mein Spiel?“, Sterling las den Zettel vor. „Wie spät ist es?“, fragte ich. Anna Sterling schaute auf ihre Armbanduhr. „Noch zwei Minuten!“
Wir eilten aus dem Haus. Auch die beiden Kollegen hatten sich wieder vor dem Haus eingefunden, wir baten sie, mitzukommen. Wir liefen zur Garage. Sie war nicht verschlossen und wir öffneten sie. Die Officer hatten ihre Waffe gezogen, um für eine mögliche böse Überraschung vorbereitet zu sein. Die Überraschung blieb aus. Auf einem Stuhl in der Mitte der Garage saß Director Franclin. Er war gefesselt und geknebelt. Agent Sterling machte mich auf den Sprengsatz aufmerksam, der unter dem Stuhl lag. „30 Sekunden.“ Wir mussten uns beeilen. Ich befreite den Director mit meinem Messer und gemeinsam schleppten wir ihn aus der Garage. Ein Officer schloss das Garagentor und wir gingen auf Distanz.
Es dauerte nicht lange, bis eine Explosion uns zusammenzucken ließ. Die Garage war zwar nicht zersprungen, den Director hätte die Bombe aber allemal zerlegt. Einer der Officer rief einen Krankenwagen, um den Director behandeln zu lassen. Von Helen fehlte jede Spur. Der Krankenwagen ließ nicht lange auf sich warten. Sie nahmen den Director mit, er hatte eine Gehirnerschütterung und einen gebrochenen Arm und müsse zur Kontrolle ins Krankenhaus.Sterling und ich saßen wieder im Wagen. „Wir finden sie“, versicherte sie und nahm mir so die Angst, die mich für den Moment eingenommen hatte. Meine Handy klingelte. „Walker“, meldete ich mich. Es war ein kurzes Gespräch, dass ich mit einem „Danke“ beendete. „Es war das Krankenhaus“, erzählte ich Sterling. „Doch nicht wegen des Directors?“ – „Nein, mit dem ist alles in Ordnung.“ Ich hielt einen Moment inne. Sie schaute mich an. „Es geht um Helen.“ Ich musste tief durchatmen. „Ihre Blutergebnisse sind eingegangen… Sie hat Leukämie.“ Es wurde still. Anna schwieg einige Sekunden. „Krebs?“, Sterling war fassungslos. „Wir müssen sie finden. Die Ärzte sagen, es sei schon sehr fortgeschritten. Sie müsse unbedingt behandelt werden.“ Die Chancen sinken. Er nimmt dir alles, was du hast. Er wird sie demütigen, sie foltern und schließlich wird er sie eiskalt umbringen.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Vor meinen Augen spielte sich das Szenario ab, als ich seinen Bruder erschoss. Ich sah Sterlings Gesicht, als das Baby zu Boden fiel. Ich sah Gane vor dem Krankenhaus mit der Politesse streiten, sah ihn im Büro in dem Video, als er seinen Plan vorstellte. Ich sah sein schmutziges Lächeln. Du willst spielen, Gane? Jetzt bin ich am Zug. Ich startete den Wagen und fuhr los. „Wir finden sie“, wiederholte ich Sterlings Aussage.

2.3 Director Franklins Geschichte

Ich lag die ganze Nacht wach. Zwar war es ein Erfolg, dass wir Director Franklin lebend gefunden hatten, aber die Sorgen um Helen hielten mich wach. Ich suchte nach etwas, was ich übersehen haben könnte, ging alle Hinweise noch zwei weitere Male durch und hielt die Augen nach etwas offen, was mich weiterbringen könnte – ergebnislos. Ich versuchte einzuschlafen – ohne Erfolg. Die Ungewissheit, wie es Helen geht, was er mit ihr anstellt, während wir verzweifelt nach ihr suchen. Dass die Ärzte bei ihr Leukämie diagnostiziert haben, war ein schwerer Schlag für mich. Die Zeit läuft.Die Nacht wurde zum reinsten Horror. Je länger ich wach blieb – und schlafen konnte ich einfach nicht – desto schlechter fühlte ich mich. Meine Gedanken fingen an, mich zu verletzen. Was ist, wenn er sie vergewaltigt, wie er und sein Bruder es mit allen Frauen getan haben? Vielleicht foltert er sie, um dir Schmerzen zu bereiten. Vielleicht tötet er sie, um dir zu nehmen, was du liebst. Die Stille der Nacht machte diese Gedanken noch schrecklicher. „Schluss damit!“ Ich stand ruckartig auf und schmiss dabei meinen Schreibtischstuhl um. „Verdammt!“ Ich stützte mich mit den Händen auf der Schreibfläche meines Tisches ab und ließ den Kopf hängen, beinahe krampfhaft versuchte ich, mir die Tränen zu verkneifen, doch es gelang mir nicht. Tränen rollten über mein Gesicht und ich sank zu Boden.
Minuten oder Stunden, ich weiß nicht wie lange, saß ich auf dem Boden meines Arbeitszimmers und weinte, bevor ich mich aufrappeln konnte. Ich werde dich finden, Arschloch, und ich werde dich kalt machen, wenn du meiner Tochter auch nur ein einziges Haar krümmst. Mein Handy klingelte mich aus meinen Gedanken und ich nahm wutentbrannt den Anruf entgegen. „Was?!“ Es folgte ein bedrücktes Schweigen. „Ich wünsche Ihnen auch einen guten Morgen, Walker.“ Es war Anna Sterling. „Habe ich Sie geweckt?“ – „Ich habe nicht geschlafen“, entgegnete ich. „Bedauerlich“, sie klang beinahe etwas sarkastisch. „Wie spät ist es denn?“, fragte ich sie, noch bevor sie fortfahren konnte. „Viertel nach sechs. Sind Sie fit genug zum Arbeiten?“ – „Schon wieder arbeiten? Machen wir eigentlich nichts anderes zusammen?“, meine Laune lockerte sich etwas. Anna Sterling schwieg ein paar Sekunden, dann fuhr sie fort: „Machen Sie sich fertig, ich komme Sie abholen, wir fahren ins Krankenhaus. Director Franklin ist bereit für eine ‚Vernehmung‘, sofern man das so nennen kann. Schließlich ist er der FBI-Director.“ Ein paar weitere Sekunden vergingen, bevor sie hinzufügte: „Anschließend gehen wir dann zusammen Frühstücken, Sie und Ich.“ Ich schmunzelte, willigte ein und beendete das Telefonat.
Nachdem ich duschen war und mir etwas frisches angezogen hatte, klingelte es auch schon an der Tür. Ich öffnete, während ich die letzten Knöpfe meines Hemdes zuknöpfte. „Kann es losgehen?“ Agent Sterling verlor keine Zeit. Ich griff nach meiner Jacke und zog die Tür hinter mir zu. „Es kann losgehen!“
Wir fuhren zum Krankenhaus, fanden schnell einen Parkplatz und gingen hinein. Am Empfang sagte man uns, wo wir Director Franklin finden könnten. „Den Korridor entlang, das siebte Zimmer auf der linken Seite.“, wurde uns gesagt. Wir folgten der Beschreibung und klopften an die besagte Tür. Dann traten wir ein. Director Franklin saß auf einem Stuhl und trank einen Tee. „Guten Morgen, Sir“, eröffnete ich das Gespräch. „Wurde ja auch Zeit, dass Sie auftauchen“, er spottete. Auch Anna Sterling begrüßte ihn und setzte sich dann aufs Bett und zückte ihren Notizblock. Director Franklin hatte ein Einzelzimmer, sodass wir offen sprechen konnten. „Director, erzählen Sie uns bitte, was passiert ist.“ Director Franklin kratzte sich am Kopf und seufzte. Dann fing er an zu erzählen…
„Nachdem, was alles vorgefallen ist, war ich noch sehr lange im Büro, habe den üblichen Papierkram erledigt, Akten sortiert – sie kennen das ja. Irgendwann wurde es sehr spät, später als mir lieb war. Außer dem Nachtpersonal war niemand mehr da, die sonst so volle Tiefgarage war wie leergefegt. Ich bin ja schon etwas länger beim FBI, der Weg zum Parkplatz war immer derselbe. Die Gewohnheit hat mich unvorsichtig werden lassen.“Agent Sterling unterbrach ihn kurz: „Wie spät war es in etwa, als Sie die Tiefgarage betraten?“ Director Franklin dachte kurz nach… „Etwa 01:40 Uhr.“ Er fuhr fort…
„Ich ging also wie gewohnt in Richtung meines Parkplatzes, ohne mich daran zu stören, dass einige Lampen ausgefallen waren. Als ich gerade in einer dunklen Ecke des Parkhauses war, hörte ich plötzlich Schritte hinter mir. Ich wollte mich gerade umdrehen, da bekam ich einen schweren Schlag auf den Kopf.
Ich erinnere mich, dass ich irgendwann in dieser Garage aufwachte, ich war an den Stuhl gefesselt. Gane hatte meine Wunde medizinisch versorgt und fütterte mich sogar. Ich konnte mich nicht wehren. Irgendwann versuchte ich zu sprechen. Gane war freundlich mir gegenüber und unterhielt sich mit mir. Er sagte mir, dass ich nur ein Mittel zum Zweck sei und dass es nicht um mich ginge. Es wäre nicht sein primäres Ziel, mich zu töten. Er erzählte mir, dass es nicht der Einzelschaden sei, der ihm wichtig ist, sondern der Gesamtschaden und dass ich nur ein kleiner Teil eines Ganzen wäre. In erster Linie sollte ich ihm verraten, wer vom FBI seinen Bruder erschossen hatte. Er war freundlich zu mir, warum hätte ich es ihm also sagen sollen? Er meinte außerdem, dass es anschließend wichtig wäre, die Aufmerksamkeit des FBI auf sich zu ziehen. Was gäbe es da besseres, als den Director des FBI zu entführen. Wir unterhielten uns auch über die Art und Weise, wie er vorgegangen ist. Er hat sich entschuldigt, dass er mich so rabiat niedergeschlagen hat, aber er hatte Angst, dass ein Betäubungsmittel nicht lange genug halten würde. Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann kamen wir zu den vergangenen Geschehnissen, er fing an zu weinen, als wir vom Tod seines Bruders sprachen. Irgendwann fiel der Name Walker. Ihr Name.“Director Franklin machte eine Pause und schaute mich mit einem kritischen Blick an. Ich versuchte, mich zu rechtfertigen: „Sir, ich konnte den Säugling nicht…“ Er unterbrach mich…
„Zu keinem Zeitpunkt sprach Gane über den Tod des Säuglings, der wäre ihm egal gewesen, meinte er. Er bedauerte den Tod seines Bruders. Er müsse nun alleine spielen. Mit seinem Bruder hatte es so viel mehr Spaß gemacht. Er betonte immer wieder, dass es ein Spiel für die beiden war. Sie wollten sich steigern, mitten in die Stadt. Dass direkt etwas schief geht, war nicht geplant. Sie fühlten sich sicher. Gane selbst hatte es erst über die Nachrichten mitbekommen, dass sein Bruder erschossen wurde. Es wurde in den Nachrichten jedoch nur gesagt, dass das FBI mit der Sache zu tun hatte. Nach und nach wurde er unfreundlicher. Er fing an mich zu schlagen, baute eine Kamera auf und folterte mich vor laufender Kamera. Wie ich später erfuhr, erhielten Sie die Videos. Der Schmerz wurde irgendwann unerträglich, sodass ich ihm sagen musste, was er wissen wollte. Anschließend hörte er sofort auf, war wieder lieb zu mir. Er führte einige Telefonate durch und wollte dann los. Mir sagte er bloß, dass er noch etwas zu erledigen hätte.“„Er hat sich Helen geholt, meine Tochter.“ – „Das habe ich mir beinahe gedacht.“ Agent Sterling hatte sich Notizen gemacht und überflog ihre Aufzeichnungen noch einmal, bevor sie fragte: „Haben Sie irgendetwas aufgreifen können, was uns weiterbringt? Hat er Ihnen irgendetwas von seinen Plänen erzählt?“, Anna Sterling versuchte voranzukommen. „Nein, nichts.“
Wir unterhielten uns noch eine Weile, bevor wir das Krankenhaus verließen. „Wir haben nichts.“, fasste ich unser Wissen zusammen. Sterling schwieg, sie überlegte. „Mit den Überwachungsvideos aus der Tiefgarage können wir nichts anfangen, wo er Franklin gefangen hielt, wissen wir, somit auch woher das Video stammt. Alles, was wir tun könnten, ist uns das Haus, das zu der Garage gehört noch einmal anzusehen. Vielleicht werden wir ja fündig“, schlug sie vor. „Eine andere Möglichkeit sehe ich auch nicht“, ging ich darauf ein, bevor ich hinzufügte: „Aber zunächst fahren wir zu mir und frühstücken. Das haben Sie mir versprochen!“ Sie lächelte, als wir in den Wagen einstiegen.
Eine Stunde später – wir standen auf dem Rückweg im Stau – hielten wir vor meiner Tür und stiegen aus. Wir gingen gemeinsam zur Tür und unterhielten uns dabei etwas. „Wissen Sie, Walker. Wenn wir nun gemeinsam Frühstücken, können wir auch aufs ‚Du‘ umsteigen, denken Sie nicht auch?“ – „Du sprichst mir aus der Seele, Anna.“ Wir erreichten die Tür. Diese war nur angelehnt. „Ich hab die Tür doch zugezogen, oder?“ – „Ganz sicher!“, bestätigte Anna mich. Ich griff nach meiner Waffe, griff aber ins Leere. „Verdammt!“, fluchte ich, „Ich hab meine Waffe nicht dabei.“ – „Ist das dein Ernst, Sasha? Du verlässt das Haus und gehst ohne Waffe zur Arbeit? Als Spezialagent?“ Anna schüttelte den Kopf. „Im Handschuhfach im Wagen ist noch eine Waffe.“ Sie gab mir den Autoschlüssel und ich holte die Waffe aus dem Handschuhfach. Ich lud und entsicherte die Waffe und lief zurück zur Tür, wo auch Agent Sterling ihre Waffe bereits gezückt hatte. Gemeinsam stießen wir die Tür auf und gingen dann ins Haus.

2.4 Eine neue Spur

Mein eigenes Haus hatte plötzlich etwas kaltes an sich. Es fühlte sich nicht mehr vertraut an. Er war hier. Sterling bog die erste Tür nach links, ich sicherte die Treppe. „Leer“, sagte Sterling. Ich ging die Treppe hinauf, Anna folgte mir. Sie nahm wieder die erste Tür, ich ging zum nächste Zimmer. Es war Helens Zimmer. Ich öffnete die Tür und sicherte den Raum. Als ich mich vergewissert hatte, dass niemand dort ist, ließ ich die Waffe sinken. Das Zimmer war verwüstet. „Anna, hier drüben!“, rief ich, doch sie reagierte nicht. Ich schaute mich um. Im ganzen Zimmer herrschte Chaos. Der Schreibtisch fing meine Blicke. Die Tür, die sie immer abgeschlossen hatte, hatte starke Kratzer. Jemand hatte versucht, ihren Schreibtisch aufzubrechen. Zufällig wusste ich, wo sie den Schlüssel aufbewahrte. Ich nahm ihr Sparschwein von der Fensterbank und nahm den Schlüssel, der mit Klebeband unter die Spardose geklebt war. Ich öffnete den Schreibtisch. Das einzige, was sich in dem großen Fach befand, war Helens Tagebuch. Ob Gane das gesucht hat? Aber warum sollte er? Ich nahm das Buch und setzte mich auf ihr Bett. Helen bestand darauf, ein Tagebuch zu führen und ihre Tagesmutter bot ihr an, ihr beim Schreiben zu helfen. Ich hätte niemals Nein sagen können, also hatte ich ihr dieses Buch gekauft. Ich schlug die Seite auf, die durch das Lesezeichen markiert war und begann zu lesen.
Heute war ein toller Tag. Die Sonne schien und Papa hat mir Frühstück gemacht, weil er heute nicht zur Arbeit musste. Papa macht den allerbesten Kakao auf der ganzen Welt. Nachdem ich gegessen hatte, fuhren wir zum Rummel. Papa ging mit mir zu jedem Karussell und wartete, bis ich fertig war. Er hat sogar Fotos gemacht. Papa sagt, er mag es, wenn ich lache, weil ich ein schönes Lachen habe. Das habe ich von Mama. Wir kamen an einen Kasten aus Glas, in dem ein Stoffteddy saß. Papa hat gesagt, dass der Teddy darin wohnt, aber ich glaube, dass er darin gefangen ist. Ich habe andere Kinder gesehen, die einen Arm in dem Kasten lenken und den Teddy kneifen, aber Papa hat gesagt, dass die Kinder ihn damit nur streicheln. Dann gab Papa mir Geld, damit ich den Teddy auch streicheln konnte. Als ich den Teddy mit dem Arm streichelte, flog der Teddy plötzlich. Papa erklärte mir, dass er mich so gern hat, dass er jetzt mitkommen möchte. Dann machte Papa die Tür von dem Kasten auf und nahm den Teddy heraus. So habe ich einen neuen Freund kennengelernt. Ich bin sicher, dass Mr. Puffel ihn auch mögen wird.Ich erinnerte mich an diesen Tag, es war noch gar nicht lange her. Ich suchte mit meinen Blicken nach dem Teddy, er lag in der anderen Ecke des Raumes. Dann stand ich auf. „Anna?“ Sie hatte noch immer nichts gesagt und ich begann mir Gedanken zu machen. Ich griff wieder nach meiner Waffe und ging über den Flur in das Zimmer, in dem ich Agent Sterling vermutete. Doch sie war nicht dort. Ich sah mich im Raum um. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch. Noch bevor ich mich umdrehen konnte, bekam ich einen Schlag auf den Kopf. Ich fiel zu Boden.
Ich versuchte, die Augen zu öffnen, musste sie aber sofort wieder zusammenkneifen. Ein grelles Licht war auf mich gerichtet und blendete mich. Mein Kopf schmerzte. Ich wollte mit meiner Hand fühlen, ob ich irgendwo blutete, aber meine Hände waren an den Stuhl gebunden. Meine Augen gewöhnten sich an das Licht. Ein Mensch trat von der Wand hervor ins Licht. Ich konnte nur seine Silhouette sehen. „Mr. Walker… Endlich begegnen wir uns persönlich. Ich habe lange auf diesen Moment hingearbeitet, habe mir lange überlegt, was ich tue. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht erwartet hätte, Sie schon so bald kennenzulernen, als ich heute Ihr Haus aufsuchte. Leider kamen Sie früher zurück, als ich erwartet hätte. Eigentlich wollte ich das Tagebuch, Helen hat mir viel von ihrem Tagebuch erzählt.“ – „Wo ist sie, Gane? Wo ist Helen?“, unterbrach ich ihn. Er sprach mit derselben ruhigen Stimme wie zuvor weiter: „Hat man Ihnen denn nicht beigebracht, dass man andere nicht beim Sprechen unterbricht?“ Er spottete. „Muss ich Ihnen ernsthaft den Mund zukleben, damit Sie mich reden lassen? Dies ist mein Zug. Sie haben sich auf ein Spiel mit mir eingelassen. Jetzt bin ich dran!“ Nur ungern willigte ich ein. „Sie befinden sich ohnehin nicht in der Position, etwas tun zu können.“ Gane schwieg ein paar Sekunden. Sekunden, die mich unruhig machten. Wo ist Helen? Was hat er ihr angetan? Ich bringe ihn um. „Ich wollte Helens Tagebuch haben, weil ich mir gedacht habe, dass es viele Momente darin geben müsste, die ich Ihnen vor laufender Kamera erzählen könnte. All die Momente, die Sie ohne Helen nicht mehr tun können. Dass Sie mir direkt in die Arme laufen, hätte ich mir nicht gedacht. Als ich Sie hörte, wie Sie ins Haus kamen, musste ich umdenken. Es war einfacher, als ich gedacht hätte.“ – „Wo ist Helen? Was hast Du ihr getan, du Mistkerl?“
Gane schüttelte den Kopf. „Was habe ich Ihnen gesagt? Ich rede.“ Gane kam auf mich zu und klebte mir mit einem Streifen Klebeband den Mund zu. Ich versuchte mich zu wehren, doch er packte mich an den Haaren. „Ich versteckte mich also in Ihrem Haus“, fuhr er fort, „und wartete auf eine Gelegenheit, wo ich Sie überwältigen konnte. Nun sind Sie hier. Mein Spiel mit Ihnen nähert sich dem Ende. Vielen Dank, dass Sie mit mir gespielt haben und vielen Dank für Ihre reizende Tochter. Ich würde gerne noch länger mit Ihnen spielen, Mr. Walker. Ich würde Ihnen gerne noch weiter Schaden zufügen. Aber ich kann nicht weiter mit Ihnen spielen. Sie haben meinen Bruder getötet und dafür bezahlen Sie mit dem Leben. Game Over.“ Die Silhouette drehte sich weg, schaltete das Licht etwas dunkler, sodass ich normal sehen konnte. Dann drehte er sich zu mir und zog eine Waffe, die er auf mein Gesicht richtete.
Mit einem Knall flog die Tür auf und eine Gruppe von Agents stürmte den Raum, geführt von Anna Sterling. „Gane, nehmen Sie die Hände hoch. Das Spiel ist aus!“, forderte sie ihn auf, doch er richtete seine Waffe stur auf mein Gesicht. „Ich werde ihn töten. Er kommt nicht mit dem davon, was er getan hat.“ – „Weg mit der Waffe! Wir sind fünf Agents, wir jagen Ihnen innerhalb von Sekunden mehr als zehn Kugeln in ihren Körper. Runter mit der Waffe, sofort!“ Er zögerte einen Augenblick, dann nahm er seine Hände hoch und ließ die Waffe fallen. Zwei Agents legten ihm Handschellen an, während Sterling mich befreite. „Brauchst du einen Krankenwagen, Sasha?“ Ich grummelte nur. „Steh langsam auf.“ Sie stützte mich, als ich aufstand. Es war besser so, denn ich merkte, wie sich alles drehte. Als ich wieder klar sehen konnte, ging ich auf Gane zu und packte ihn am Kragen. „Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?“ Die Agents hielten mich zurück, sonst hätte ich ihn wahrscheinlich umgebracht. „Sasha, wir klären das, aber nicht hier. Führen Sie ihn ab.“ Die Agents nahmen ihn mit. Er schwieg nur und grinste. Ich blieb mit Anna in dem Raum zurück.
Wir schwiegen uns einige Sekunden an, bevor ich sie anfuhr: „Wo warst Du? Ich hab dich gesucht, bevor mir Gane eine übergezogen hat!“ Sie lächelte bloß. „Ich habe Gane in deinem Haus gesehen und erkannt, anstatt ihn aber sofort zu verhaften oder gar zu erschießen – und glaub mir, das hätte ich nur zu gern getan – dachte ich mir, ich verstecke mich und folge ihm schließlich. Ich dachte, er würde mich zu Helen führen. Dass er Dich gleich mitnimmt, hab ich nicht gedacht, aber das Opfer musste ich bringen.“ Es folgten erneute Sekunden des Schweigens, ehe ich mich beruhigte. „In Ordnung. Das war eine kluge und mutige Entscheidung, auch wenn sie mich beinahe das Leben gekostet hätte, wäret ihr auch nur eine Sekunde später gekommen. Hat man Helen schon gefunden?“ Meine Stimme klang schwach und besorgt. „Kollegen suchen gerade das komplette Gebäude ab. Ich kann verstehen, wenn du hier bleiben willst und bei der Suche helfen möchtest.“ Ich grinste. Es war ein bösartiges Grinsen, beinahe ein Fletschen der Zähne. „Nein… Was ich will, ist etwas ganz anderes.“
Noch am selben Nachmittag saß Gane im Verhörraum. Ich stand zusammen mit Anna hinter dem Spiegel. Wir beobachteten Gane, doch er konnte uns nicht sehen. Anna hatte mich überredet, nicht auszurasten und ihm den Hals umzudrehen, ansonsten wäre ich bereits in den Verhörraum gestürmt und hätte genau das gemacht. Die Tür hinter uns ging auf und Director Franklin kam zu uns. Er war gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden. „Schön, dass Sie wieder da…“ Anna wurde von ihm unterbrochen. „Walker, ich will Sie hier nicht sehen. Sie wissen, wie wir damit umgehen müssen, wenn ein Agent persönlich in einen Fall verstrickt ist.“ – „Director Franklin, ich kann Sie verstehen. Aber ich bin nicht persönlich in diesen Fall verwickelt. Ich stehe weder unter Verdacht, noch hätte ich irgendeinen Grund, Beweise zu verfälschen oder zu unterschlagen. Ich habe dasselbe Ziel, was jeder Agent dieser Behörde verfolgen würde. Ich möchte das entführte Kind finden. Ich bin nicht weniger dienstfähig, nur weil es sich hierbei um meine eigene Tochter handelt. Ich lasse mich davon nicht blenden!“, ich versuchte Director Franklin zu überzeugen, doch er zögerte und zweifelte. „Also schön. Agent Sterling, Sie haben die Leitung. Achten Sie auf ihn und wenn er Scheiße baut, schicken Sie ihn nach Hause.“ Anna nickte, dann verließ der Director den Raum. „Wie gehen wir vor? Guter Cop, böser Cop? Oder direkt ins Kreuzfeuer nehmen?“ – „Langsam Sasha. Du hast gehört, was der Director gesagt hat. Du glaubst nicht wirklich, dass ein Psychomörder wie Gane, der seine Taten als Spiel ansieht, weich wird, sobald zwei Agents auf ihn einreden. Außerdem wird er dir eh nicht antworten. Er spielt doch mit dir. Er will doch nur, dass du leidest. Ich halte es für besser, wenn du zunächst hier bleibst und ich alleine reingehe.“ Ich grummelte, aber dann ließ ich sie allein reingehen. Ich verfolgte das Verhör.
„Mr. Gane, mein Name ist Agent Sterling.“ – „Aha.“
„Ich nehme an, Sie wissen, warum Sie hier sind?“ – „Ich bin mir nicht sicher.“
„Sie sind hier, weil Sie und Ihr Bruder mehrere Frauen sexuell missbraucht haben. Sie sind hier wegen mehrfachen Mordes, Entführung in drei Fällen und in Tateinheit mit Körperverletzung, zwei Ihrer Entführungsopfer waren Agenten einer Bundesbehörde. Sie haben eine Sprengstoffexplosion verursacht und wollten einen Agenten erschießen.“ – „Es ist doch nur ein Spiel gewesen, Agent Sterling. Verstehen Sie das?“ Während Anna immer unruhiger wurde, behielt Gane eine Ruhe, die ihn beinahe abwesend erschienen ließ.
„Mir ist vollkommen egal, was Sie getrieben hat, dass sie die Frauen vergewaltigen und töten, von Ihren Spielen, die Sie mit ihrem Bruder getrieben haben, habe ich keine Ahnung. Ich würde es sowieso nicht nachvollziehen können und das möchte ich auch gar nicht. Ich verstehe, dass Sie verärgert sind, dass Ihr Bruder von einem Agent erschossen wurde, aber in dem Moment, in dem ein Agent in Gefahr ist – und diese Situation war gegeben – haben alle anderen Agents eine Schussfreigabe. Jeder Polizeibeamte hätte in dieser Situation auf Ihren Bruder geschossen. Agent Walker hat mir das Leben gerettet und er ist durch den Tod des Säuglings, den Ihr Bruder in dem Moment im Arm hatte, gestraft genug. Er hat zusätzlich erfahren, dass seine Tochter an Leukämie erkrankt ist und ohnehin sterben wird, wenn sie nicht demnächst behandelt wird. Sie haben zu Ende gespielt, Gane. Sagen Sie mir, wo das Kind ist!“ Er lachte. „Wirklich sehr rührend Ihre Geschichte. Aber ich habe kein Mitleid. Er hat meinen Bruder erschossen und dafür bezahlt er – wenn nicht mit seinem Leben, dann mit dem seiner Tochter.“
Ich musste mich beherrschen, um nicht vollständig auszurasten, aber ich blieb ruhig und beobachtete das Verhör weiter.
„Mr. Gane, ich will Ihnen mal was sagen. Auf Mord steht eine hohe Strafe, zusätzlich bekommen Sie die Entführung und alles weitere angehängt. Finden wir das Mädchen lebendig, kann sich das strafmildernd auswirken. Solange wir die Vergewaltigungen und Morde Ihnen nicht zweifelsfrei nachweisen können, steht das ganze in der Akte Ihres Bruders, der diese Verbrechen im Jenseits büßt. Sie würden sich dann nur wegen der Entführung verantworten müssen und wären in einigen Jahren wieder im Freien. Das kann ich Ihnen nur in Aussicht stellen.“ – „Sie bluffen doch. Ich erzähle Ihnen, wie das abläuft. Ich erzähle Ihnen, wo das Mädchen ist und Sie bringen mich hinter Gitter, was dann mit mir passiert, ist Ihnen egal. Entweder lande ich auf dem elektrischen Stuhl oder kriege eine Giftspritze. Eure kranken Verfahren sind doch längst keine Überraschung mehr. Und wenn es nicht die Todesstrafe ist, dann sitze ich für den Rest meines Lebens im Gefängnis, erhalte eine psychiatrische Behandlung und werde von meinen Mitinsassen verprügelt, weil ich unter anderem ein Sexualstraftäter bin.“ Man merkte, dass Gane langsam unruhig wurde.
„Wo ist das Mädchen?“, Anna griff die Frage wieder auf.
„Es ist ärgerlich, dass wir uns nicht vorher begegnet sind, Miss Sterling. Sie wären sicher eine interessante Spielfigur gewesen, so hübsch wie Sie sind.“ – „Wo ist das Mädchen?“, Anna hob ihre Stimme und wurde lauter. „Sie werden es nicht finden. Es ist bei einer Freundin. An einem Ort, wo das FBI niemals suchen würde. Sie war nicht begeistert, aber ich konnte sie dazu überreden. Überprüfen Sie meine Telefonverbindungen, durchsuchen Sie mein Haus, mein Auto. Sie werden nichts finden. Sie werden diese Person niemals finden. Genau so wenig wie das Mädchen.“
Es reichte mir. Ich verließ den Beobachtungsraum und stürmte in den Verhörraum. „Wo ist sie, Gane? Wo ist meine Tochter?“ Nur wegen Annas Anwesenheit und dem, was der Director zuvor zu uns gesagt hat, wurde ich nicht handgreiflich, jedoch brüllte ich ihn mit aller Kraft an. Schnell entwickelte sich ein Dialog, in dem ich Gane anbrüllte und er mit derselben psychotischen Ruhe wie zuvor antwortete.
„Mr. Walker. Schön, dass Sie hier sind. Ich befürchtete schon, wir würden uns nicht nochmal sehen. Zumindest nicht im Leben, wenn Sie verstehen.“ – „Halt die Fresse, Mistkerl. Sag mir wo meine Tochter ist, sonst können wir uns die Spritze und den elektrischen Stuhl sparen.“ – „Aber aber, Mr. Walker. Sie wollen mir doch nicht drohen?“ – „Ich werde noch viel mehr tun, wenn Du mir nicht auf der Stelle sagst, wo ich meine Tochter finde.“ Er lachte. Agent Sterling packte mich am Arm. „Auf ein Wort, Sasha!“ Sie zog mich vor die Tür.
„Merkst du nicht, dass er genau das will? Er will dich leiden lassen. Wir kommen hier nicht weiter.“
Sie steht auf seiner Seite. Sie nimmt ihn in Schutz. Sie will, dass deine Tochter stirbt. „Warum nimmst du ihn in Schutz?“, fuhr ich Anna an. „Also wirklich. Ich nehme ihn nicht in Schutz, sondern ich versuche dich zu schützen. Merkst du nicht, dass er dich kaputt machen will? Er will dein Leben zerstören. Genau deswegen wird er nichts sagen, egal wie lange wir auf ihn einreden. Wir haben in Erfahrung gebracht, dass deine Tochter noch lebt. Wir wissen, dass sie bei irgendeiner Bekannten von ihm ist. Weil wir hier nicht weiterkommen, ermitteln wir in eine andere Richtung. Wir suchen alles ab. Ganes Haus, seinen Keller, sein Auto, sämtliche Jackentaschen, seinen Computer, sein Handy, seine Post. Irgendwo müssen wir ja einen Anhaltspunkt finden, wer diese Bekannte sein könnte. Es klingt nicht so, als hätte er Helen irgendwas angetan und es klingt auch nicht so, als wollte er das überhaupt, ganz egal, wie krank seine Spiele auch waren. Ich denke, dass es ihm nur um dich ging, nicht darum, deine Tochter zu töten. Ich leite das Verhör, haben wir uns verstanden?“ Lass sie reden. Sie will dir im Weg stehen. Finde deine Tochter, bevor sie stirbt. Du musst dich beeilen. Sie steht dir im Weg. Sie kann dir nicht helfen. Sie will dir nicht helfen.Ich ignorierte die Stimmen und willigte mit einem flauen Gefühl im Magen ein. Wir gingen wieder in den Vehörraum.
„Haben Sie Ihr Schoßhündchen gezähmt, Agent Sterling?“, Gane spottete. „Klappe halten, ich stelle die Fragen!“, maulte Anna ihn an, „Lebt das Mädchen noch?“ – „Selbstverständlich.“ – „Wird Ihre Bekannte das Mädchen töten?“ – „Wenn es darauf ankommt, mit Sicherheit.“ – „Sie sagten, wir würden nichts finden. Wie haben Sie Kontakt zu Ihr aufgenommen?“ – „Ich habe mich mit ihr getroffen. In der Stadt, im Wald, bei ihr zu Hause. Immer woanders. Machen Sie Ihre Arbeit und finden Sie die Frau, wenn Sie das Mädchen finden wollen. Sie werden dafür bezahlt, ich muss dafür bezahlen, also finden Sie selbst heraus, wo das Mädchen ist. Ich helfe Ihnen nicht weiter.“ Anna Sterling schwieg einen Augenblick und nickte mir dann zu. „Also gut, Mr. Gane. Ein Kollege wird Sie gleich abholen. Wir sehen uns noch wieder“, verabschiedete sich Anna. „Selbstverständlich tun wir das, Zuckerschnäuzchen.“ Ich verließ den Raum, Anna folgte mir und machte die Tür hinter sich zu. „Zuckerschnäuzchen?“, fragte ich, „Der Kerl ist doch krank.“ Anna lachte. Ihr Lachen machte mich etwas glücklicher. Ich hatte eingesehen, dass es nichts bringt, auszurasten. Ich musste professionell arbeiten und ruhig bleiben, um Erfolg zu haben, wie beim Schießen.
„Wie gehen wir weiter vor?“, wollte ich von Anna Sterling wissen. Diese trug gerade einem anderen Agenten auf, Gane wieder in Gewahrsam zu nehmen, dann wendete sie sich mir zu.
„Ich kümmere mich um sein Handy, Kollegen durchsuchen immer noch sein Haus. Fahr bitte auch wieder dorthin und sag ihnen, sie sollen nach Anhaltspunkten nach dieser Frau suchen und kümmere dich dann um den Computer, vielleicht finden wir etwas. Wir finden Helen, da bin ich mir ganz sicher.“ Ich willigte ein und ging zum Fahrstuhl. „Noch etwas ganz anderes, Sasha!“, rief sie mir hinterher, als ich bereits im Fahrstuhl stand. Sie kam und blieb vor dem Fahrstuhl stehen. „Da unser Frühstück ausfiel, treffen wir uns heute Abend um 21:00 Uhr. Ich reserviere einen Tisch und lade dich ein. Und sag nicht Nein, das lasse ich nicht gelten.“ – „Dann habe ich wohl keine Wahl“, scherzte ich und lächelte ihr zu, bevor sich die Fahrstuhltür schloss.

2.5 Das Blatt wendet sich

Ich fuhr wieder zum Haus, wo Gane verhaftet wurde und begrüßte die Kollegen, die noch immer das Haus absuchten. Ein Inspector kam zu mir. „Sie müssen Agent Sasha Walker sein. Mein Name ist Inspector Williams, ich leite dieses Team hier. Wir haben alle Räume abgesucht, nach Bodenluken und versteckten Türen hinter Schränken. Wir haben die Nachbarwohnungen abgesucht und alle Kellerräume. Wir haben nichts gefunden. Nicht einmal Anhaltspunkte, dass das Mädchen hier gewesen ist.“ – „Vermutlich war sie das auch nie. Gane hat gestanden, dass er meine Tochter an eine Bekannte gegeben hat, damit wir sie nicht finden. Sag deinem Team, dass es nach Tagebüchern oder Briefen suchen soll. Wir suchen nach allem, was uns einen Hinweis darauf geben kann, wer diese Bekannte ist. Agent Sterling kümmert sich derzeit um Ganes Handy, ich werde seinen Computer untersuchen. An die Arbeit.“ Der Inspector nickte zustimmend und kehrte mir dann den Rücken zu, um mit seinem Team zu reden. Ich schaute mich um und griff in meine Jackentasche. Ich zog die Einmalhandschuhe aus der Tasche und zog sie mir an. Es war ein komisches Gefühl, da ich seit Ewigkeiten keine Gummihandschuhe mehr getragen hatte. Dann ging ich zum Computer und startete ihn. Es war ein neueres Modell, schnell, leistungsstark. Innerhalb von Sekunden war der Rechner hochgefahren und das Passwort wurde abgefragt. Ich schloss einen Speicherstick an den Rechner an, den ich aus dem Büro mitgenommen hatte. Ein Programm wurde gestartet und das Passwort ohne weiteres geknackt.
Auf dem Desktop waren nur wenige Symbole angebracht, überwiegend Ordner, die durchnummeriert waren. Ich suchte den Computer zunächst nach einem Adressbuch ab und wurde schnell fündig. Es waren verschiedene E-Mail-Adressen abgespeichert, die aber nicht weiter interessant waren. Ich durchstöberte seine E-Mails. Viele Spammails, Benachrichtigungen über getätigte Bestellungen, nur wenige private E-Mails. Ich notierte mir die E-Mail-Adressen und öffnete den Ordner mit der Nummer eins. Der Ordner enthielt weitere Ordner mit den Namen „Rezepte“, „Kontoauszüge“, „Verträge“, „Dokumente“. Ich klickte auf den Ordner mit den Dokumenten, dieser öffnete sich. Die einzelnen Dokumente hatten neutrale Namen. Ich öffnete einige stichprobenartig. Es waren Briefe. Ich begann zu lesen.
Hallo Jo,wir haben lange nichts mehr voneinander gehört. Ich habe es nicht anders erwartet, nachdem so viel passiert ist. Mir ist vieles klar geworden und ich habe viel zu ändern, um auch nur annähernd verkraften zu können, was passiert ist. Du kennst die komplette Geschichte, weil du immer bei mir warst. Damals waren wir jung und konnten nichts tun. Damals haben wir weggesehen. Mittlerweile sind wir groß. Wir haben gelernt, hinzuschauen, zu handeln. Damals haben wir gehofft, wir könnten vergessen. Heute wissen wir, dass wir das niemals können werden. Es hat sich viel geändert und dennoch ist so viel gleich geblieben. Du hast dich verpflichtet, etwas wie dies nie wieder zu dulden. Nun duldest du mich. Aus Liebe? Deine Motive sind mir egal. Es gibt etwas, was uns verbindet und das wird nie anders sein. Bitte melde dich bei mir. Es gibt viel zu besprechen.
Der erste Brief warf Fragen auf. Ich kopierte das Dokument auf meinen Speicherstick und notierte mir meine Fragen. Wer ist Jo? Worüber wird hier gesprochen? Noch während ich die Fragen notierte, kamen mir die ersten Lösungsvorschläge. Jo könnte für Jonathan stehen, dann wäre dieser Brief an Jonathan Gane gerichtet. Warum aber befindet er sich auf Ganes Rechner? Und warum nicht im E-Mail-Postfach? Ich schrieb auch meine Überlegung auf meinen Notizblock, dann schaute ich mir den Schreibtisch etwas genauer an. Neben dem Computer stand ein Drucker, der mit dem Rechner verbunden war. Gane schreibt seine Briefe auf dem Computer und druckt sie dann aus. Eine weitere Hypothese, die ich niederschrieb, bevor ich das nächste Dokument öffnete.
Enrico,ich habe Jo gefunden. Nachdem wir solange gesucht haben, ist es mir gelungen, Jo ausfindig zu machen! Außerdem habe ich endlich einen Verdacht. Vielleicht können wir unser Spiel bald beenden. Ich muss dir einiges dazu erzählen und ich hoffe, wir können uns bald treffen. Die Polizei darf auf gar keinen Fall mitbekommen, dass wir uns treffen. Achte darauf, dass dir niemand folgt. Ich werde mich Mittwochabend mit Jo treffen. Ich schlage vor, wir treffen uns nächste Woche Montag. Komm um 18:00 Uhr zu mir. Es ist zu gefährlich, wenn wir uns in der Öffentlichkeit treffen, nachdem man nach uns sucht. Pass auf dich auf, Bruder.
Jetzt war mir klar, das Jonathan Gane die Briefe von hier schrieb. Dieser war an seinen Bruder gerichtet. Ich kopierte ihn ebenfalls auf meinen Speicherstick, nahm dann meinen Stift und fügte meinen Notizen hinzu: Was hat das Spiel damit zu tun? Was ist das für ein Spiel?Was für ein Verdacht? Ich durchblätterte meine Gedanken nach weiteren Fragen, aber mir fiel spontan nichts weiteres ein, sodass ich das nächste Dokument öffnete.
Hallo Jo,wir müssen zusammenarbeiten. Ich habe einen Verdacht, wem wir unser Leid zu verdanken haben. Ich habe Enrico schon informiert. Wenn du möchtest, komm Montag um 18:00 Uhr zu mir, damit wir alles besprechen können, Rico kommt auch. Ich weiß, dass es nicht einfach für dich ist, weil es gegen deine Grundsätze ist, aber unser Leben war nie einfach. Wir sehen uns.
Ich kopierte alle Dokumente auf meinen Speicherstick und öffnete dann das letzte Dokument.
Hallo Jo,ich hätte das sicher auch anders klären können, aber ich dachte mir, dieses eine Mal verzichte ich auf deine Hilfe. Es war sicher nicht in Ordnung, aber nachdem dieser Agent Rico umgelegt hat, möchte ich meine Rache. Es ging schon immer um Rache, das weißt du am besten.
Obwohl ich mir gewünscht hätte, das ohne dich klären zu können, brauche ich nun deine Hilfe. Ich hab das Gör von diesem Agenten. Da man mir sehr bald auf die Spur kommen wird, möchte ich, dass du das Kind nimmst. Du sollst nur darauf aufpassen, damit ich immer ein Druckmittel habe. Du brauchst dem Kind nichts tun. Es geht mir nicht um das Kind. Es geht mir um den Kerl. Ich weiß, dass dir das nicht in den Kram passt, aber ich befürchte, dass wir unser Ziel anders nicht erreichen können. Ich habe eine Spur. Der, dem wir das alles zu verdanken haben, hat sich abgesetzt. Er wurde vermehrt im Oasis Club in Maracaibo gesehen. Ich werde bald dorthin fliegen. Ich hoffe auf deine Unterstützung.Ich notierte mir den Namen des Clubs als Stichwort auf meinem Notizblock. Dann öffnete ich den zweiten Ordner. Er enthielt die Videos von Director Franklin, die ich ohnehin schon kannte. Inspector Williams tippte mir auf die Schulter und ich erschrak. „Entschuldigen Sie, Agent Walker“, sprach er mich an, „An der Tür steht eine junge Frau, ich dachte, Sie würden sie selbst befragen wollen.“ – „Vielen Dank, Inspector. Ich bin sofort da.“ Ich zog noch die restlichen Ordner auf meinen Speicherstick, entfernte diesen vom Rechner und ging dann zur Tür, wo ein Kollege mit der jungen Frau bereits wartete.
Sie hat deine Tochter. Sie weiß, wo deine Tochter ist. Prügel es aus ihr raus. Sie weiß etwas. Trotz dieser Stimme blieb ich ruhig und ging auf die Frau zu. „Miss, mein Name ist Agent Sasha Walker. Wer sind Sie?“ Die Frau brauchte ein wenig, bevor sie antwortete. Sie sprach sehr unsicher und hatte einen ausländischen Akzent. „Ich bin Jolina Urbanow. Ich bin die Haushaltshilfe von Mr. Gane. Ich möchte hier nur putzen.“ Jolina… Jo… Sie ist es. Sie hat deine Tochter. „Mrs. Urbanow, Sie müssen mich bitte begleiten.“ – „Aber warum denn das? Ich will doch nur putzen“, sie war empört. „Mrs. Urbanow, Mr. Gane ist in Polizeigewahrsam, Sie brauchen hier nicht mehr zu putzen.“ – „Und warum soll ich Sie begleiten, Mr… wie war Ihr Name?“ Ich versuchte ruhig zu bleiben. Sie redet sich heraus. Lass sie bloß nicht gehen. Lass sie nicht entkommen. „Mrs. Urbanow, Sie stehen unter dem Verdacht, ein Entführungsopfer versteckt zu halten. Bitte kommen Sie mit mir.“ Sie verstand die Anschuldigung nicht und begann mich zu beschimpfen, folgte mir aber dennoch zu meinem Wagen.
Wir waren wieder im FBI-Gebäude und ich hatte Mrs. Urbanow gebeten, im Verhörraum Platz zu nehmen. Ich stellte einen Kollegen vor die Tür, weil ich Angst hatte, dass sie versuchen könnte, zu fliehen. Dann suchte ich Anna.
Ich fand Agent Sterling in ihrem Büro. Sie telefonierte gerade und legte auf, als sie mich sah. „Gibt es irgendwas Neues, Anna?“ Sie lächelte und wirkte etwas überrascht. „Ich habe uns für heute Abend den Tisch reserviert. Es bleibt doch bei unserem Treffen, oder?“ – „Selbstverständlich bleibt es dabei. Aber kommen wir zurück zu unserem Fall. Hast du dich um das Handy gekümmert?“ – „Habe ich.“ Sie schien abgelenkt zu sein. „Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Hast du etwas herausgefunden?“ – „Nein. Nichts.“ – „Keine Anrufe oder Textnachrichten?“ Ich schaute Anna an. „Zweifeln Sie etwa an meiner Glaubwürdigkeit, Mr. Walker?“ Anna blickte vom Schreibtisch auf, erhob sich von ihrem Stuhl und stämmte ihre Hände auf die Tischplatte. Sie verheimlicht etwas. Jetzt versucht sie dich zu verführen. Lass dich nicht drauf ein. Ich ließ mich darauf ein. „Du glaubst nicht, wie sehr ich mich auf heute Abend freue, Anna.“ Sie lächelte mir zu. „Hast du etwas gefunden?“, fragte sie mich, während sie sich wieder in den Stuhl fallen ließ. „In der Tat.“ Ich hatte die Briefe ausgedruckt und legte sie auf Annas Schreibtisch. Sie nahm die Seiten, überflog sie kurz und blickte dann in den Raum. „Ist alles in Ordnung?“, wollte ich wissen. „Aber natürlich“, lachte sie auf, „aber diese Briefe werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten bringen. Ich versuche nur die ganzen Fragen irgendwie zu formulieren.“ Ich reichte ihr meinen Notizblock. Sie warf einen Blick rauf und verzog das Gesicht. „Da warst du wohl schneller als ich, Sasha. Hast du noch etwas?“ – „Allerdings“, prahlte ich, „Im Verhörraum sitzt eine gewisse Jolina Urbanow. Ich vermute, dass sie die gesuchte Jo ist.“ Anna sah erleichtert aus. „Dann wollen wir sie mal verhören“, sagte ich und Anna erhob sich von ihrem Stuhl. Wir wollten gerade aus ihrem Büro gehen, als ihr Telefon klingelte. Wir blieben stehen und sie ging zurück zum Schreibtisch, um den Anruf entgegenzunehmen.
Es war ein kurzes Gespräch. Anna schaute geschockt als sie den Hörer auflegte. „Was ist los, Anna?“ Sie kam zu mir und nahm meine Hand. „Das waren die Kollegen. Etwas Schreckliches ist passiert!“

2.6 Das Rendezvous

„Was ist passiert, Anna?“ – „Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir müssen uns schnell mit dieser Jolina Urbanow unterhalten!“ Sie kam mit schnellen Schritten auf mich zu. „Halt, halt, halt!“, sagte ich und hielt sie an ihrem Arm fest. „Bevor wir diese Jo verhören, möchte ich wissen, wer das eben am Telefon gewesen ist und was so schreckliches passiert ist.“ Anna Sterling blieb stehen, sodass ich ihren Arm loslassen konnte, dann schaute sie mich an und nahm meine Hände. „Das war einer der Kollegen, die Jonathan Gane in die Haftanstalt bringen sollten. Sie wissen selbst nicht, wie er es geschafft hat, aber er hat sie überwältigt und ist entkommen. Sie haben seine Spur verloren.“
Fassungslos schaute ich in ihre Augen. Wie konnte das passieren? Wie kann das sein? „Ich will ehrlich sein, Sasha. Ich denke, dass deine Tochter nun in ernsthafter Gefahr ist. Gane weiß, dass wir ihm dichter auf den Fersen sind, als ihm lieb ist. Wir müssen schnell mit dieser Jolina sprechen!“ Ich erkannte, dass Anna recht hatte. Wir verließen ihr Büro und gingen den Flur entlang zum Verhörraum. Ein Agent bewachte die Tür, als er uns sah, ging er jedoch. Wir betraten das Zimmer. Jolina Urbanow saß auf dem Stuhl und hatte sich eine Zigarette angezündet. Der Aschenbecher und der Geruch nach Rauch verrieten, dass es nicht ihre erste Zigarette war, die sie rauchte, seitdem sie hier ist. Sie raucht eine Zigarette nach der anderen. Sie ist nervös. Sie weiß etwas. Sie hat deine Tochter. Anna nahm Platz und ich stellte mich hinter ihren Stuhl. Wir warteten einen Moment, bevor wir anfingen. „Mrs. Urbanow, machen Sie bitte die Zigarette aus.“, forderte ich sie freundlich auf. Die Frau nahm einen letzten Zug und drückte die Zigarette dann im Aschenbecher aus, ehe sie den Rauch langsam in den Raum pustete. „Mrs. Urbanow“, begann ich das Gespräch, wurde jedoch sofort unterbrochen. „Bitte“, warf sie mit ihrem russischen Akzent ein und ihre Stimme klang viel sicherer als noch vorhin vor der Haustür, „nennen Sie mich Jolina.“ Anna warf mir einen skeptischen Blick zu. „Also gut, Jolina. Wir haben Sie beim Haus von Mr. Jonathan Gane gefunden. Was haben Sie dort getan?“ Jolina Urbanow schlug ein Bein über das andere und lehnte sich läßig gegen die Stuhllehne. „Ich wollte dort putzen. Das tue ich jedes Mal wenn ich dort bin.“ Sie lügt. Sie weiß etwas. Sie hat deine Tochter. „Mrs. Urbanow“, fuhr Anna fort, wurde aber unterbrochen: „Sagen Sie Jolina zu mir. Mrs. Urbanow ist meine Großmutter gewesen.“ – „Mir wäre es lieber“, warf Anna ein, „wenn wir bei Mrs. Urbanow bleiben würden. Sehen Sie. Wir haben diese Briefe auf dem Rechner von Gane gefunden. Adressiert sind sie an eine gewisse Jo. Und kurze Zeit später treffen wir Sie an, Mrs. Urbanow. Komischerweise tragen Sie dieses ‚Jo‘ auch im Namen. Wenn Sie mich fragen, ist das kein Zufall.“ Anna Sterling öffnete eine Mappe und legte der Verdächtigen die ausgedruckten Briefe vor. Diese nahm völlig ruhig einen nach dem anderen in die Hand und las sie in aller Ruhe durch. Fein säuberlich legte sie die Briefe wieder auf den Tisch und lehnte sich erneut in den Stuhl.
„Und Sie wollen mir jetzt also erzählen, dass ich Jo bin? Hören Sie mal zu. Ich lese diese Briefe zum allerersten Mal. Soll ich Ihnen etwas Arbeit abnehmen? Diese Briefe beginnen mit ‚Hallo Jo‘, nicht mit ‚Liebe Jo‘. Woher wollen Sie wissen, dass damit eine Frau gemeint ist? Vielleicht ist ja auch ein Mann gemeint. John oder Jonathan. Denken Sie doch mal darüber nach. Und richten Sie dem Polizisten aus, dass mir das mit seiner Tochter Leid tut. Es ist eine tragische Geschichte, aber ich habe sie gerade zum ersten Mal gelesen oder davon gehört.“ Sie lügt. Sie will von sich ablenken. Sie hat deine Tochter. „Wenn Sie erlauben, würde ich nun gerne gehen“, Mrs. Urbanow stand auf und legte sich ihre Jacke über den Arm. „Setzen Sie sich“, forderte Anna auf, doch die Verdächtige reagierte nicht und ging langsam am Tisch vorbei. Ich ballte eine Faust und schlug auf den Tisch. Voller Wut brüllte ich sie an: „Sie sollen sich hinsetzen!“ Jolina Urbanow war sichtlich erschrocken und auch Anna schaute mich verwundert an. Die Frau stämmte ihre Hände auf den Tisch und sah mir tief in die Augen. „Sie befinden sich auf dem Holzweg. Ich bin mir sicher, dass der Polizist möchte, dass seine Tochter schnell gefunden wird. Mit mir verschwenden Sie Ihre Zeit.“ Sie nahm wieder Platz. „Mrs. Urbanow, mein Kollege meint es nicht so. Sie müssen wissen, dass es sich hierbei um seine Tochter handelt. Er ist der betroffene Agent und das geht ihm sehr nahe.“ Die Frau zeigte Verständnis und ich entschuldigte mich widerwillig bei ihr. „Sasha, kann ich dich kurz sprechen?“, Agent Sterling orderte mich nach draußen. Vor der Tür angekommen, fing sie an, auf mich einzureden. „Du musst dich wirklich zusammenreißen. Ich glaube der Frau auch nicht, aber sie wird uns nichts sagen, selbst wenn sie etwas weiß.“ – „Was schlägst du vor, Anna?“ Sie überlegte eine kurze Zeit und schien dann, eine Idee zu haben. „Wir observieren ihr Haus. Wenn Gane wirklich geflohen ist und etwas damit zu tun hat, wird Gane früher oder später bei ihr auftauchen. Sollte er es nicht tun, sondern untertauchen, werden wir ihr Haus durchsuchen. Mrs. Urbanow behalten wir hier, damit sie Gane nicht warnen kann.“ Ich nickte zustimmend und fügte dann hinzu: „Die Observation sollen aber Kollegen durchführen. Ich habe noch eine andere Idee und schließlich haben wir heute Abend ein Rendezvous.“ Anna lächelte und winkte dann einen Kollegen zu uns. „Passt du bitte auf sie auf? Sie muss hier bleiben und darf unter keinen Umständen telefonieren.“ Während der Agent sich auf den Stuhl vor dem Verhörraum postierte, gingen Anna und ich den Gang entlang zu Director Franklins Büro. Wir meldeten uns bei seiner Sekretärin an und mussten einen Moment Platz nehmen, bevor er uns hereinbat.
„Wie kann ich Ihnen helfen, Agents?“ – „Wie kommen Sie darauf, dass Sie uns helfen können?“, scherzte ich, doch er behielt sein ernstes Gesicht. „Sir, wir möchten eine Observation für das Haus unserer Verdächtigen anordnen.“ In kurzen Sätzen erzählten wir ihm von Jolina Urbanow. Als wir fertig waren, starrte er uns fragend an. „Warum wünschen Sie diese Observation? Ist Ihnen die Verdächtige aus dem Verhörraum entflohen?“ Hilfesuchend schaute ich Anna an und bemerkte, dass sie genau so hilfslos zurückblickte. „Nein, Sir.“ Wir zögerten, ehe ich die Initiative ergriff: „Mrs. Urbanow sitzt nach wie vor im Verhörraum. Dort wird sie auch bleiben. Jedoch ist Jonathan Gane entkommen. Er hat die Agents überwältigt und ist geflohen. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass Sie davon noch nicht in Kenntnis gesetzt wurden.“ Seine Mine wurde grimmig und er griff zum Telefon.
„Lydia? Rufen Sie die Agenten zusammen, die mit dem Gefangenentransport von Jonathan Gane beauftragt waren. Ich möchte sie allesamt in meinem Büro sehen.“ Lydia war seine Sekretärin, die im Vorzimmer die weniger wichtigen Aufträge des Directors durchführte und ihm tatkräftig unter die Arme griff. Im Kollegium munkelte man häufig, dass die beiden eine Affäre gehabt hätten, Beweise gibt es dafür jedoch nicht. „Fahren Sie fort, Walker!“, er schien schlechte Laune bekommen zu haben. „Wir haben den Verdacht, er könnte meine Tochter bei dieser Jolina untergebracht haben und hätte deshalb nun einen Grund, sie zu Hause aufusuchen.“ Director Franklin nickte verständnisvoll. „Das klingt plausibel. Agent Sterling wird Sie begleiten. Postieren Sie sich vor dem Haus.“ – „Es ist so, Sir…“, ich schluckte etwas verängstigt vor der schlechten Laune des Directors, „dass wir lieber andere Agenten vor dem Haus postieren würden. Ersteinmal würde Gane Agent Sterling und mich sofort erkennen und außerdem würde ich mit Agent Sterling lieber einer anderen Spur nachgehen.“ Seine grimmige Mine wandelte sich zu einem interessierten Blick und auch Anna schaute mich neugierig an, sodass ich guten Gewissens mein Ass aus dem Ärmel schütteln konnte. „Heute Vormittag wurde Enrico Gane auf dem West Village Friedhof begraben. Ich bin mir sicher, dass sein Bruder davon weiß und das Grab besuchen wird. Dort erwischen wir ihn.“ – „In Ordnung. Suchen Sie sich zwei Agenten, die die Observation des Hauses übernehmen und unterrichten Sie mich, sobald es neue Erkenntnisse gibt.“ – „Machen wir, Sir.“

Anna und ich saßen im Auto und fuhren nach West Village. „Ich wäre nie darauf gekommen, auf dem Friedhof zu suchen. Cleveres Kerlchen“, lobte Anna mich. „Ich denke in alle Richtungen. Es geht schließlich um meine Tochter.“ – „Hast du dann heute Abend überhaupt die Nerven, mit mir Essen zu gehen?“ – „Irgendwann müssen wir ja auch mal essen und schlafen. Währenddessen übernehmen andere Agents die Suche. Noch bin ich nicht so besessen, dass ich Tag und Nacht suchen muss. Ich habe da Vertrauen in unsere Agents.“ – „Abgesehen von denen, die Gane haben entkommen lassen.“ – „In meinen Augen trifft diese Männer keine Schuld, Anna. Gane hat sogar Director Franklin überwältigen können. Wir hätten es wissen müssen.“ – „Dort vorn müssen wir abfahren“, Anna deutete auf die Ausfahrt und ich setzte den Blinker.
Wir hielten auf dem Parkplatz vor dem Friedhof und schaltete den Motor aus. Ich war froh, dass es nur ein dienstlicher Besuch auf dem Friedhof war.

Es regnete. Das Wetter spiegelte meine Gefühle wieder. An diesem Tag waren viele Menschen gekommen. Freunde, Familie, aber auch Menschen, die ich nur flüchtig kannte, Menschen aus Sophies Leben. Unsere gemeinsame Tochter Helen hatte ich zu einer Pflegemutter gegeben. Sie sollte nicht dabei sein. Dafür war sie zu jung. Wir standen auf einer Rasenfläche, hatten die Regenschirme aufgespannt. Die Stimmung war gedrückt, das Prasseln des Regens auf den Schirmen untermalte die Worte des Pfarrers, der vor uns stand und redete. Ich hörte ihm zwar zu, war in Gedanken aber abwesend.

Es begann mit einer High-School-Liebe wie in typischen Teeniefilmen. Sie, das Mädchen von den Cheerleadern, und ich, der Sportler, den sie anfeurte, gingen miteinader aus, lernten einander kennen, verliebten uns ineinander. Wir unternahmen viel gemeinsam, lernten sogar gemeinsam für die Schule und machten unseren Abschluss. Unmittelbar nach unserem Schulabschluss, zogen wir in unsere erste gemeinsame Wohnung. Schon zwei Jahre später, entschieden wir uns, zu heiraten. Sophie und ich heirateten sehr früh. Wir hatten nie daran gezweifelt, dass wir füreinander bestimmt sind. Wir waren erst zwei Jahre verheiratet, als Gott uns eine gemeinsame Tochter schenkte – Helen. Viele Freunde beneideten uns um unser frühes Glück. Ich entschied mich, zum FBI zu gehen. Es war ungewöhnlich, bereits so früh in einer Bundesbehörde zu arbeiten, aber bei einem Praktikum war der Director auf mein Talent aufmerksam geworden und schickte mich in eine Spezialeinheit. Sophie kümmerte sich währenddessen um den Haushalt und ihren Babybauch. Immer wieder kamen Freunde zu Besuch, nur um uns Glück zu wünschen. Ich erinnere mich an Sophies Lachen, immer wenn jemand seine Hand auf ihren Babybauch legte, und an die vielen Glückwünsche unserer Freunde. Freunde, die auch an diesem Tag alle beisammen waren.
Tränen rollten über meine Wangen. Nichts ungewöhnliches, stellte ich fest, als ich mich umsah.
Sophie starb bei Helens Geburt. Die Ärzte hätten wirklich alles versucht, konnten sie aber nicht mehr retten. Unsere gemeinsame Tochter, von der wir vorher geträumt haben, konnte ihre Mutter nie kennenlernen.
Der Pfarrer hatte seine Trauerrede beendet und forderte mich auf vorzutreten. Auch Sophies Eltern traten vor. Wir stellten uns an den Sarg, ein jeder bekam eine Blume in die Hand und durfte Sophie diese in den Sarg legen. All die Verwandten, Freunde und Bekannten, traten nun an den Sarg, um mir und Sophies Familie ihr Beileid auszusprechen und sich in aller Ruhe von Sophie zu verabschieden. Nachdem alle wieder hinter mir standen, drehte ich mich zu ihnen um. „Sophie ist viel zu früh aus dem Leben geschieden“, sagte ich und weinte. Ich versuchte klare Gedanken zu fassen. „Wir träumten von einem großen Haus. Einem gemeinsamen Kind. Wir träumten vom Gemeinsam-alt-werden. Von den vielen Abenden, die wir gemeinsam an Helens Bett verbracht hätten, um ihr vorzulesen. Von den vielen Kindergeburtstagen, die wir mit ihr feiern würden. Wir träumten von dem Tag, an dem sie auf uns zukommt und sich ein Pony wünscht, seitdem das Ultraschallbild gezeigt hat, dass es ein Mädchen werden würde.Wir träumten von unserer großen Weltreise, ein Traum, den wir seit unserer Jugend hatten, von den ersten Zähnen bei Helen oder ihr strahlendes Lächeln, wenn ein Freund der Familie als Weihnachtsmann verkleidet am Weihnachtsabend in unser Wohnzimmer kommt. Ich werde nie verstehen, warum Gott uns eine Tochter schenkt und nur einen Augenblick später das Leben ihrer Mutter nimmt. Es gibt viele Dinge, die wohl keiner von uns je verstehen wird, Dinge, die wir hinterfragen müssen. Aber eines werde ich niemals in Frage stellen… Dass ich Sophie nie im Leben vergessen werde.“ Ich drehte mich zu Sophie um und legte noch eine letzte Blume in den Sarg.
Anschließend wurde der Sarg verschlossen. Ein letztes Mal sah ich ihr Gesicht, bevor der Deckel geschlossen wurde. Ich trat zurück, der Sarg wurde angehoben und in das Grab herabgelassen. Ein Moment der Trauer. Ein Abschied auf unbestimmte Zeit. Nicht nur mich berührte dieser Moment. Es war der schwerste Abschied, den man im Leben nehmen muss. Nicht wie der Abschied, wenn die Mutter am Abend nach Hause fährt, oder man seine Freunde für eine Weile nicht sieht, weil sie in den Urlaub fahren. Ein Abschied, für den Rest des Lebens, ohne auch nur die Möglichkeit offenzuhalten, sich wiederzusehen, weil man es sich so sehr wünscht. Ein Moment, den jeder irgendwann im Leben mindestens einmal durchleben muss und ein Moment, der selbst wenn man ihn fünf- oder zehnmal durchlebt, jedes Mal schmerzhaft und traurig sein wird. Ein Moment, den man niemals vergessen kann.„Sasha, du weinst ja.“, stellte Agent Sterling fest und riss mich aus meinen Gedanken. Sie war schon aus dem Wagen ausgestiegen und schaute nun verwundert durch die offene Tür, warum ich nicht ausstieg. „Tut mir Leid. Ich hab an Sophies Beerdigung gedacht.“ – „Das tut mir Leid, Sasha. Möchtest du im Wagen bleiben? Dann geh ich allein zum Grab“, bat sie mir entgegenkommend an. „Nein, ist schon in Ordnung. Ich komme mit.“ Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und stieg aus. Gemeinsam betraten wir den Friedhof, gerade als die Glockenuhr 18 Uhr schlug. Einige Menschen saßen vor den Gräbern. Sie weinten, legten Blumen auf das Grab und sprachen leise ihre Gebete. Ich versuchte, mich zu beherrschen, um nicht zu weinen. Am Grab von Enrico war niemand. „Meinst du, er kommt noch?“, fragte Anna mich. Ich warf einen Blick auf meine Uhr und entgegnete dann: „Wir haben noch ein bisschen. Wir halten uns hier in der Nähe auf. Wenn er kommt, schnappen wir ihn, wenn nicht, gehen wir.“ Sie nickte und wir trennten uns, gingen einige Grabreihen auseinander und behielten das besagte Grab im Auge.

Die Zeit verging schleppend. Irgendwann winkte ich Anna zu und brach die Aktion ab. „Wir haben keine Zeit mehr und es wird langsam dunkel. Ich denke nicht, dass er heute noch kommt. Lass uns gehen.“ Wir gingen zurück zum Auto und fuhren zurück in die Stadt, um dort wie versprochen gemeinsam zu essen.
Der Kellner nahm uns unsere Jacken ab und führte uns dann zu unserem Tisch. Auf dem Tisch stand eine Kerze, zwei Teller, neben denen Besteck lag, verschiedene Weingläser und eine Vase mit einer weißen Rose. Ich zog den Stuhl zurück, damit Anna Platz nehmen konnte und setzte mich dann ihr gegenüber. Man brachte uns die Karten und wir öffneten sie. Während ich mir relativ schnell sicher war, was ich essen würde, überlegte Anna eine ganze Weile, bevor sie die Karte zuklappte. Wir bestellten Getränke und unser Essen, bevor ich das Wort ergriff.
„Anna, du warst heute in deinem Büro irgendwie seltsam.“ – „Wundert dich das, nachdem ich erfahren habe, dass Gane entkommen ist?“ – „Nein, Nein. Noch vor dem Anruf. Was war da mit dir los? Du wirktest so nervös.“ Anna erinnerte sich zurück, ehe sie antwortete: „Weißt du Sasha… Ich will ehrlich zu dir sein. Ich war nervös. Mein letztes Rendezvous ist schon eine ganze Weile her. Ich habe seit Ewigkeiten kein Date mehr gehabt und die Tatsache, dass wir heute Abend ausgehen würden, hat mich einfach nervös gemacht.“ Ich schaute sie an. „Bist du dir sicher, dass das alles war? Du warst nur wegen unseres Treffens so nervös?“ – „Soll ich mich ernsthaft wiederholen?“ Ich schaute sie fragend an und sie erwiderte meinen Blick, bevor sie sagte: „Zweifeln Sie an meiner Glaubwürdigkeit, Mr. Walker?“ Wir lachten. Ein Kellner unterbrach unser Gespräch und schenkte uns einen Wein ein. „Weißt du, Anna, auch ich hatte seit Ewigkeiten kein Date mehr. Der Tod von Sophie hat mich so aus der Bahn geworfen, dass ich eine ganze Weile überhaupt gar keine Frauen mehr privat getroffen habe.“ Anna schaute mich an und ihr Blick verriet mir, dass sie mir nicht glaubte. „Sehr zum Ärgernis meiner Mutter“, fügte ich scherzend hinzu und brachte sie so zum lachen. Wir unterhielten uns eine Weile über Gott und die Welt, lachten viel gemeinsam, tranken den Wein und stellten die ein oder andere Gemeinsamkeit fest. Dann wurde das Essen serviert.

Auch während des Essens unterhielten wir uns ein wenig, achteten dabei aber stets darauf, nicht mit vollem Mund zu reden. „Wenn du einmal Urlaub machen könntest, wo du willst, wo würdest du hinfliegen?“, fragte ich sie irgendwann aus Interesse. „Ich habe nächste Woche Urlaub. Es ist zwar kein Traumziel, aber ich fliege nach Venezuela. Ich würde viel lieber Europa entdecken, London, Paris, Rom, aber dank eines Zufalls muss ich mit Venezuela vorlieb nehmen. Könnte ich wirklich frei entscheiden und es bezahlen, würde ich tatsächlich nach Europa fliegen. Eine Freundin von mir hat mir so viel aus Europa erzählt. Es soll wirklich schön gewesen sein. Seitdem träume ich davon, auch irgendwann einmal nach Europa zu fliegen.“ Sie lächelte.
Ich beantwortete ihr die selbe Frage und wir unterhielten uns weiter. Irgendwann war das Essen aufgegessen, der Wein war leergetrunken und der Abend klang langsam ab. Wir bezahlten die Rechnung und verließen das Restaurant. „Wir sind ja nur mit einem Wagen gekommen, also fahre ich dich nach Hause, in Ordnung?“, fragte ich Anna. Sie nahm meine Hände und lächelte mich an, dann küssten wir uns. Es war ein langer, leidenschaftlicher Kuss, der in einen langen Blick überging. „Ich fahre dich nun nach Hause.“

Ich hielt vor ihrem Haus an. „Soll ich dich nach drinnen begleiten?“ Ich schaute sie erwartungsvoll an. Vielleicht war es der männliche Trieb, der seit langer Zeit die Oberhand über mich ergriff. Abermals nahm Anna meine Hände und gab mir einen Kuss. „Weißt du, Sasha, es war wirklich ein schöner Abend und ich muss zugeben, dass ich dich echt gern habe. Aber ich möchte nicht, dass du mit rein kommst. Nächstes Mal nimmst du mich einfach mit zu dir, in Ordnung?“ Ich zeigte Verständnis und entschuldigte mich verlegen. Sie gab mir noch einen Kuss und ging dann in ihre Wohnung. Ich wartete noch, bis sie ihre Tür geschlossen hatte und in der Wohnung das Licht anging, dann fuhr ich los.

Es war schon wieder früher morgen. Nachdem ich Anna abgesetzt hatte, bin ich heimgefahren und habe mich ins Bett gelegt. Seit Stunden liege ich nun wach im Bett und denke nach, versuche, die Gedanken zu diesem Fall zu ordnen, als mein Handy einen Benachrichtigungston von sich gab – eine SMS. Ich rappelte mich vom Bett auf, um mein Handy zu holen, das auf dem Schreibtisch lag und las die SMS.

Es war zuckersüß, wie Sie mit Agent Sterling bei Tisch saßen. Ich hoffe Sie haben Ihr Essen genossen. Beinahe zeitgleich hat auch Ihre Tochter zu essen bekommen. Aber ich bin sicher, sie hatte nur halb so viel Spaß an diesem Abend, wie Sie, Agent Walker. Deshalb hat es auch viel mehr Spaß gemacht, Ihnen im Restaurant zuzusehen. Ich bin sicher, dass wir bald wieder voneinander hören. Ich wünsche Ihnen noch eine Gute Nacht. Jonathan Gane

Sofort wählte ich Annas Nummer, es dauerte jedoch eine Weile, bis sie den Anruf entgegennahm. „Anna? Gane. Er war im Restaurant. Er hat uns beobachtet!“

2.7 Die Lage spitzt sich zu

Da ich in dieser Nacht nicht mehr schlafen konnte, war ich bereits früher als üblich im Büro. Als Director Franklin am Morgen ins Büro kam, ging er zunächst mit einem verwunderten Blick an mir vorbei, drehte sich dann jedoch um und schaute mich an. „Okay Walker, was machen Sie hier? Gefällt Ihnen Ihr zu Hause nicht?“ Ungewöhnlicherweise schien der Director an diesem Morgen gute Laune zu haben, dennoch konnte ich über seinen Witz nicht lachen. „Hören Sie, Sir. Agent Sterling und ich waren gestern gemeinsam essen. Mitten in der Nacht erhielt ich eine Nachricht auf mein Handy. Sie war von Gane. Das Gute ist, dass meine Tochter noch lebt, denn er hat geschrieben, dass sie zur gleichen Zeit wie wir gegessen hat. Die schlechte Nachricht ist, dass Gane uns im Restaurant beobachtet hat. Er war dort und Anna und ich haben nichts bemerkt. Unmittelbar nach der Nachricht habe ich Anna aus dem Schlaf geklingelt.“ – „Habe ich meinen Namen gehört?“, Agent Sterling kam mit einem munteren Lächeln ins Büro. „Walker erzählte mir nur gerade von Ihrem Rendezvous und der Nachricht von Gane, der im selben Restaurant wie Sie unbemerkt speisen konnte. Möchten Sie die Geschichte weitererzählen, Sterling?“ – „Lieber nicht, Sir. Ich kann mich kaum noch an den Anruf von Sasha erinnern, schließlich hat er mich mitten in der Nacht geweckt“, entgegnete Anna. „Wenn Sie erlauben, fahre ich fort“, ergriff ich wieder das Wort, „Anna war sehr verschlafen und ging kaum auf meine Aussagen ein, sodass wir beschlossen, heute im Büro darüber zu reden.
Schlafen konnte ich nach dieser Nachricht jedenfalls nicht mehr, weshalb ich direkt ins Büro gefahren bin und versucht habe, das Handy zu orten.“ – „Hatten Sie Erfolg?“ – „Leider nicht, Sir. Das Handy wurde nach dieser Nachricht ausgeschaltet. Allerdings konnte ich den Standort des Handys zum Zeitpunkt der Nachricht zurückverfolgen. Sie wurde aus der Nähe des Restaurants versendet, was allerdings nur bestätigt, dass er wirklich in dem Restaurant war.“ – „Also kommen wir nicht weiter?“ Ich schüttelte den Kopf. „Wie gehen wir weiter vor?“ – „Ich denke, dass es einige Anlaufstellen gibt, die wir unbedingt überwachen sollten. Das Grab des Bruders, die Wohnung von dieser Jolina, sein eigenes Haus, vielleicht auch noch das Haus, in dem wir Sie gefunden haben, Director. Außerdem schrieb er in einem seiner Briefe, dass er etwas in Maracaibo gefunden habe, was er und diese Jo schon lange suchen würden. Wir sollten auf jeden Fall die Flughäfen in der Nähe kontrollieren, ob Gane sich nach Maracaibo absetzen möchte.“ – „Ihren Ehrgeiz in aller Ehre, aber wie stellen Sie sich das vor? Ich kann nicht das komplette FBI nur hinter diesen Fall hängen. Es gibt auch noch andere Fälle in dieser Stadt, die die Klärung durch das FBI bedürfen.“ Er stellt sich quer. Er will dir nicht helfen. Ihm ist das Leben deiner Tochter egal. Er will sie sterben lassen. Ihm sind die anderen Fälle wichtiger. Einfache Morde an einfachen Menschen. Menschen, die keiner kennt, die von keiner Wichtigkeit für das FBI sind.
Es folgte eine kurze Pause, bevor der Director fortfuhr und so einen Wutausbruch meinerseits unterband: „Verstehen Sie mich nicht falsch, Walker. Es ist von enormer Wichtigkeit, dass wir Ihre Tochter finden und Gane endlich festnehmen und ich bin bereit, Sie so gut es geht auch persönlich zu unterstützen, aber wir können nicht alle Agents hinter einen Fall stellen. Ich werde kurz in meinem Büro telefonieren, werde Ihnen Unterstützung für die Observationen beschaffen und Lydia damit beauftragen, Fotos von Gane an die Flughäfen und Bahnhöfe hinauszuschicken. Ich werde an andere Behörden die Dringlichkeit dieses Falles weitergeben, sodass die Fahndung wirklich oberste Priorität bei allen freien Einheiten der Stadt bekommen wird. Ich möchte, dass Sie, Agent Walker, die Hintergründe von Ganes Leben noch einmal durchforsten. Er beschreibt in seinen Briefen irgendein Ereignis, das ihn anscheinend sehr geprägt hat. Finden Sie alles hierüber heraus.“ Sofort zeigte Anna Sterling Einwände. „Sir, soll ich das nicht eher übernehmen? Ich meine… Agent Walker ist Agent einer Spezialeinheit und ist im Außeneinsatz sicher besser aufgehoben. Außerdem liegt es sicher in seinem Interesse, aktiv an der Suche nach Gane teilzunehmen.“ – „Ihre Argumente sind gerechtfertigt, Sterling. Aber ich möchte, dass Sie mich begleiten. Wir werden uns noch einmal mit Mrs. Urbanow unterhalten und ich möchte, dass es in diesem Gespräch auch eine Frau als Ansprechpartnerin gibt. Da Sie bereits bestens mit dem Fall vertraut sind und Mrs. Urbanow Sie bereits kennt, bietet sich dies hervorragend an.“ Murrend stimmte Anna Sterling ihm zu und ich kam endlich zu Wort: „Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden, was die Observationen und das Verhör angeht, Sir.“ – „Selbstverständlich. Und Sie informieren mich, sobald Sie etwas gefunden haben, Walker.“ Der Director ging in sein Büro und Anna blieb mit mir zurück. Sie schaute mich an. „Sasha, es war ein wirklich schöner Abend gestern. Mich ärgert es, dass wir Gane nicht bemerkt haben, obwohl er im selben Restaurant war. Ich bin mir sicher, dass dich das noch viel mehr ärgert, aber du solltest dir keine Vorwürfe machen.“

„Du solltest dir keine Vorwürfe machen, Schatz. Du kannst doch auch nichts dafür, dass der Konditor seinen Terminplan durcheinander gebracht hat. Natürlich wird es stressig, wenn wir die Hochzeitstorte erst kurz vor Eintreffen der Gäste abholen müssen, aber wir schaffen das.“ Sophie nahm meine Hände und lächelte mir ermutigend zu. „Du hast Recht. Wir schaffen das!“
Es war der Tag unserer Trauung und der Konditor hat seine Termine durcheinandergebracht, sodass wir unsere Hochzeitstorte nicht zum vereinbarten Zeitpunkt abholen konnten. „Weißt du, wie wir nun vorgehen? Wir rufen beim Floristen an, ob er den Strauß bereits vorher fertigstellen kann, sodass wir die entstandene Lücke einfach füllen.“ Dies war einer der Gründe, warum ich mir sicher war, dass ich mit Sophie die richtige Frau heiraten würde – ihre Spontaneität und ihren Optimismus, die Kraft aus allem immer das Beste zu machen. Sie nahm ihr Handy und wählte die Nummer des Floristen, bevor sie mir das Telefon in die Hand drückte. „Ich muss noch meine Haare waschen, bevor es losgeht“, entschuldigte sie sich und verschwand. „Guten Tag, hier ist Sasha Walker. Meine Frau Sophie hatte ihren Brautstrauß bei Ihnen in Auftrag gegeben und wir sollen den heute abholen. Durch einen doofen Zufall verschieben sich die Termine bei uns etwas und ich wollte Sie fragen, ob Sie es schaffen würden, den Strauß schon in einer Stunde fertiggestellt zu haben? – Wirklich? Das ist super! Dann holen wir den Strauß in einer Stunde bei Ihnen ab. Vielen Dank!“ Sophie kam mit einem Handtuch um den Kopf gewickelt aus dem Bad und schaute mich fragend an. Ich brauchte nur zu nicken, um ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ein wunderschönes Lächeln…

Anna lächelte mir zu und ging dann ebenfalls, sodass ich meiner Aufgabe nachgehen konnte. Ich setze mich an den Computer und begann nach dem Namen Jonathan Gane zu recherchieren. Ich fand viele Artikel über den aktuellen Fall, vom Serienkiller Jonathan Gane, vom Psychokiller Jonathan Gane, vom Vergewaltiger und Entführer Jonathan Gane. Artikel, die Jonathan Gane als einen Gamer darstellen, der mit den Bundesbehörden ein Spiel treibt. Ein Artikel stellte sogar die Frage, ob Jonathan Gane der „neue Staatsfeind Nummer 1“ werden könnte. Kann er nicht. Er ist es schon – zumindest für mich. Oft wurde auch mein Name genannt. Jedoch wurde ich immer als der gute Agent dargestellt, der seinen Bruder und Komplizen Enrico zur Strecke gebracht hat. Dass ich dabei ein Baby getötet habe, wird mit keinem Wort erwähnt. „Du sollst dir keine Vorwürfe machen“, hallte es durch meinen Kopf. Sophie hatte mich immer ermutigt. Sie war ein optimistischer Mensch, der nie die Hoffnung aufgab. Dass sie bei der Geburt unserer Tochter sterben würde, daran hat sie wahrscheinlich nicht einmal während der Geburt gedacht. Ich wünschte, ich hätte ihren Optimismus. Er würde mir die Kraft geben, nach vorne zu sehen, objektiv zu bleiben und die Hoffnung zu behalten, dass ich Helen irgendwann wiedersehen könnte.
Ich forschte weiter, suchte aus Interesse nach dem Namen Enrico Gane. Im Gegensatz zu seinem Bruder wurde ihm nur selten die Schuld an den Vergewaltigungen zugesprochen. Es schien als würde man die Schuld nach seinem Tod einfach seinem Bruder in die Schuhe schieben.
Ich verallgemeinerte meine Suche und suchte nach dem Namen Gane. Es waren viele Artikel über die Vergewaltigungen dabei, eine Website von einer Aktiengesellschaft und dem Leader einer Rockband. Beim Überfliegen der Artikelübersicht stieß ich plötzlich auf eine Patientenakte aus einem Krankenhaus, die jedoch schon mehrere Jahrzehnte alt ist. Sie weckte mein Interesse, weshalb ich sie öffnete und las.
Es war bereits später Nachmittag, der Tag war wie im Flug vergangen. Immer wieder hatte ich bei den Kollegen angerufen, um mir Ergebnisse über die Observationen zu holen, ohne Erfolg.
Director Franklin kam in mein Büro. „Walker, haben Sie etwas gefunden?“ Triumphierend verkündete ich ihm meine Ergebnisse:
„Etwa 90% aller Artikel, die ich durchblättert habe handeln von den aktuellen Geschehnisse, die in unmittelbare Verbindung mit dem Namen Gane gebracht werden. Artikel, die von mehr oder weniger seriösen Presse- und Websiteagenturen kommen und dementsprechend viel hinzuerfinden. Dass bei meinem finalen Schuss ein Säugling ums Leben gekommen ist, wird jedoch auf keiner Seite erwähnt.“ – „Wenn Sie erlauben, sage ich kurz etwas dazu. Sie haben das Kind nicht gesehen und konnten nichts dafür, was letztendlich passiert ist. Sie haben eine Kollegin in Gefahr gesehen und das einzig richtige getan. Zweifeln Sie nicht daran, das könnte schwere Auswirkungen auf Ihre Karriere haben. Ein Freund von mir, ehemaliger Agent, fing auch irgendwann an, an der Richtigkeit seiner Taten zu zweifeln. Irgendwann empfand er es als falsch, Menschen zu erschießen, selbst wenn es aus Notwehr war. Er nutzte seine Waffe nur noch als Druckmittel, um die Verbrecher zum Aufgeben zu zwingen, erschießen wollte er sie jedoch nicht mehr. Eines Tages kam es zu einem Feuergefecht, bei dem er absichtlich daneben schoss. Er wollte den Verbrecher einschüchtern, nicht etwa verletzen. Er hat mit diesem Vorgehen nicht nur sich selbst in Gefahr gebracht.“ – „Und anschließend wurde er suspendiert?“ – „Leider nicht. Er wurde in diesem Gefecht erschossen. Ich möchte nicht, dass sie irgendwann Probleme kriegen. Machen Sie sich keine Vorwürfe, Walker.“ Diese Worte ermutigten mich wieder und ich fuhr fort. „Zu diesen Artikeln kamen etwa 9% von Artikeln, die nichts mit unserem Gane zu tun hatte. Schließlich stieß ich auf eine Patientenakte. Sie ist schon etwas älter und dürfte somit aus Ganes Kindheit stammen. Es geht hier um Zwillinge mit dem Namen Gane. Sie wurden massiv vergewaltigt und dabei schwer verletzt. Ich habe mir die Fallakten von der Polizei besorgt. Wie es aussieht konnte der Täter nicht ermittelt werden. Es soll noch ein drittes Opfer gegeben haben, ein Mädchen, das aber weder in der Krankenakte noch in irgendeiner anderen Akte auftaucht. Man ging damals davon aus, dass das Mädchen dieses Verbrechen nicht überstanden hat, ihre Leiche konnte man jedoch auch nicht finden. Ich denke, dass man keine Leiche finden konnte, weil dieses Mädchen nicht tot ist. Die Gane-Zwillinge waren damals 15 Jahre alt, das vermisste Mädchen soll gerade einmal 6 Jahre alt gewesen sein. Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei um die in den Briefen genannte Jo handelt.“
– „Lassen Sie mich direkt anschließen. Die gesuchte Jo ist nicht die Jolina Urbanow, die in unserem Verhörraum sitzt. Wenn es stimmt, was sie vermuten, kann sie es gar nicht sein. Die Frau ist 25 Jahre alt. Wenn Gane vor 24 Jahren vergewaltigt worden ist, ist sie zu jung für das dritte Opfer. Außerdem erscheint sie mir viel zu selbstsicher, als dass sie irgendwann mal ein Vergewaltigungsopfer gewesen sein könnte. Außerdem ist sie erst vor wenigen Jahren in die Staaten gekommen und hat vorher in Osteuropa gelebt. Ich denke nicht, dass sie die gesuchte Jo sein kann. Tut mir Leid, Walker.“ Verzweiflung machte sich in mir breit. „Also sind wir wieder am Anfang?“ Ich schaute Director Franklin an und auch das letzte bisschen Hoffnung verschwand aus mir. „Ich rufe die Agents an, die Mrs. Urbanows Haus observieren. Die Observation kann abgebrochen werden. Das Grab und seine Häuser werden weiterhin überwacht. Gehen Sie nach Hause, Walker. Sie haben etwas Schlaf nachzuholen.“
Weil ich wusste, dass jeder Widerspruch zwecklos wäre, packte ich meine Sachen zusammen und fuhr nach Hause. Als ich mich aufs Bett legte, dauerte es nur Sekunden, bis ich einschlief.
Viel weiter kamen wir auch in den nächsten Tagen nicht. Pünktlicher Arbeitsbeginn und rechtzeitiger Feierabend waren nur noch Richtlinien, an die sich kaum noch einer hielt, weder Agent Sterling, noch Director Franklin und ich schon gar nicht. Trotzdem tappten wir im Dunkeln, hatten keine Spur. Die Flughäfen waren schon genervt, weil jeden Tag mindestens zweimal per Anruf gefragt wurde, ob es etwas Verdächtiges geben würde – Nichts. Seitdem wir unsere Verdächtige Jolina Urbanow gehen lassen mussten, waren vier Tage ohne neue Erkenntnisse vergangen, die Observationen wurden abgebrochen, uns fehlte eine Spur. Das typische Entführergespräch, bei dem der Entführer anrief und ein Lösegeld oder andere Forderungen stellte, blieb aus, Gane blieb verschwunden, obwohl wir alles versuchten. Während Anna Sterling mit jeder Überstunde etwas mehr ihrem Urlaub entgegenfieberte, plagten mich Schuldgefühle und auch an ein weiteres Rendezvous mit Agent Sterling war im Moment nicht zu denken.
Die Tage vergingen schneller als mir lieb war. Jeder Tag ohne Lebenszeichen von meiner Tochter, nahm mir die Hoffnung, dass sie überhaupt noch lebte. Director Franklin hatte mittlerweile auch die Polizei von Maracaibo informiert und ein Bild von Gane an das in den Briefen genannte Hotel geschickt. Mittlerweile suchte man auch öffentlich und mit Unterstützung der Medien nach Gane – ohne Erfolg. Ein weiterer langer Tag nahm sein Ende. Director Franklin ging mit seinem Mantel über seinen Arm gelegt an meiner offenen Bürotür vorbei. Nur im Schein meiner Schreibtischlampe schaute ich mir Bilder von Helen an. Ihr erster Tag im Kindergarten, ihr Kindergeburtstag, als wir im Zoo waren und sie einen Elefanten streichelte. Bilder, die sie mit ihrer Tagesmutter zeigten. „Ihre Tagesmutter“, schreckte ich aus meinen Gedanken. „Walker, machen Sie Feierabend, ich gehe nun auch. Wir können morgen weitermachen.“ Ich machte mir schnell eine Notiz und schaltete dann meine Schreibtischlampe aus, um das Büro zu verlassen. Auch Anna schloss gerade ihre Bürotür ab, sodass wir drei gemeinsam zum Fahrstuhl gehen konnten. Während der Fahrstuhl nach unten fuhr, redeten wir kein Wort, nur der Director summte leise vor sich hin. PLING. Wir waren in der Lobby angekommen und stiegen aus dem Fahrstuhl. Es war ruhig, die Empfangsdame am Tresen lag in ihren Stuhl gelehnt und las ein Buch, das Licht war gedimmt. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie kalt der Marmorboden in der Lobby wirkte. Unsere Schritte schienen durch die Stille der Empfangshalle zu schallen, die Empfangsdame schaute kurz zu uns und wünschte uns eine gute Nacht, bevor die Stille wiederkehrte. Als wir auf halber Strecke zum Ausgang waren, durchbrach ein Klirren die Stille. Eines der riesigen Fenster zersplitterte, es gab einen Knall, plötzlich war überall Rauch. Die Empfangsdame schrie, Director Franklin, Anna und ich gingen auf dem Boden in Deckung. Auf einmal fielen Schüsse aus einer Maschinenpistole. Man hörte sie in die Wand einschlagen, hörte, wie manche Querschläger an der Wand abprallten. Wir hatten uns hinter den Säulen in Sicherheit gebracht. Ein Schuss traf die Säule, hinter der ich mich versteckte. Ich hörte, wie etwas von der Säule abbröckelte. Ich tastete nach meiner Waffe und griff ins Leere. Sie lag noch im Büro. Director Franklin hatte das Gegenfeuer eröffnet. Patronen fielen auf den Boden. Der Feueralarm im Gebäude ging los. Der Rauch verdünnte sich langsam. Die Schüsse der Maschinenpistolen verschwanden aus der Geräuschkulisse. Director Frankling gab noch zwei Schüsse ab, dann hörte auch er auf zu feuern. Man hörte das Aufheulen eines Motors, quietschende Reifen. PLING. Die Fahrstuhltür ging auf und einige schwerbewaffnete Agents kamen aus dem Fahrstuhl und sicherten die Lobby. „Sind alle wohlauf?“, rief der Director, während er die Waffe zurücksteckte. Eine Frauenstimme erklang, doch es war nicht Annas: „Mir geht es den Umständen entsprechend gut.“ Es war die Dame vom Empfang, die sich vom Boden aufrappelte. „Ich bin auch okay“, ließ ich den Director wissen und wartete dann auf eine Antwort von Anna. „Und ich bin mit den Nerven am Ende“, ertönte ihre Stimme. Sie war unverletzt. „Sterling, Sie haben übermorgen ohnehin Urlaub, gönnen Sie sich diesen einen Tag noch etwas Ruhe. Walker, ich finde keine andere Erklärung für diesen kranken Anschlag. Ich denke, er galt Ihnen. Gane meint es ernst. Er will Ihr Leben. Ich möchte Ihnen die Mitarbeit an diesem Fall nicht nehmen, aber passen Sie gefälligst auf. Sie sehen, wozu der Kerl in der Lage ist. Morgen möchte ich Sie hier nicht sehen, verstanden?!“ Ich wollte mit Anna reden, doch als ich aufgestanden war, bemerkte ich, dass sie bereits verschwunden war.
Als ich zu Hause auf dem Bett lag, wählte ich Annas Nummer. Es war besetzt. Auch als ich es eine Stunde später versuchte, bekam ich kein Freizeichen. Ich zerbrach mir den Kopf über das, was der Director gesagt hatte. Ich stimmte zu, dass der Anschlag mir galt. Umso mehr beunruhigte es mich, dass er nicht versuchte zu verhandeln. Das Leben meiner Tochter gegen mein Leben zu tauschen. In diesem Moment zweifelte ich daran, dass sie noch leben würde. An diesem Abend weinte ich mich in den Schlaf.

Es war der nächste Morgen. Erst jetzt realisierte ich, was heute Nacht in der Empfangshalle des FBI passiert ist. Ich griff zu meinem Handy und wählte Annas Nummer, doch noch bevor ich anrief, legte ich das Handy zur Seite. Es fühlte sich falsch an, sie jetzt anzurufen, sodass ich entschloss, mich nicht von ihr zu verabschieden, bevor sie in den Urlaub flog. Plötzlich fiel mir wieder ein, was mir gestern im Büro noch eingefallen war. Ich nahm mein Handy wieder in die Hand und wählte die Nummer von Helens Tagesmutter. Auch nach mehreren Versuchen konnte ich niemanden erreichen.
Unerwartet klingelte mein Handy. Es war kein Anruf, nur eine Benachrichtigung. Ich empfing eine MMS, eine Nachricht, die ein Bild enthielt. Während das Bild heruntergeladen wurde, las ich den beistehenden Text.

Die Polizei hat auch schon mal bessere Arbeit geleistet. Die Herrschaften am Flughafen haben mich nur etwas doof angeschaut, fliegen durfte ich trotzdem. Was so ein gefälschter Pass und eine Verkleidung alles anrichten kann. Liebe Grüße aus Maracaibo, Jonas Gain alias Jonathan GaneDas Bild wurde angezeigt. Es zeigte den Oasis Club in Maracaibo. Fassungslos starrte ich auf das Display. Plötzlich kam noch eine Nachricht.

Heute Nacht sollte übrigens niemand sterben. Ich wollte nur ein wenig Ablenkung schaffen, damit ich am frühen Morgen in aller Ruhe fliegen konnte. Grüßen Sie Agent Sterling, falls Sie sie vor ihrem Urlaub noch sehen. Und um die Frage zu beantworten, ob es ihrer Tochter gut geht: Noch geht es ihr gut. Aber noch habe ich sie auch nicht wiedergesehen. Ich habe hier noch etwas zu erledigen. Ich möchte anschließend gern mit Ihnen verhandeln. Machen Sie also keine Dummheiten.

Gegen die Anweisungen des Directors zog ich mich an und fuhr doch ins Büro. Während etwa 20 Menschen in der Empfangshalle aufräumten und die Schäden reparierten, stand ich unruhig im Fahrstuhl. PLING. Die Tür ging auf und ich ging mit schnellen Schritten zum Büro des Directors. Im Warteraum saß Lydia am Schreibtisch und durchblätterte einige Akten. Als ich die Tür aufstieß schaute sie mich an. „Guten Morgen“, grüßte sie mich, doch als ich geradewegs auf die Tür zum Büro zu ging, sprang sie von ihrem Stuhl auf und versperrte mir den Weg. „Haben Sie einen Termin?“ – „Nein, aber neue Erkenntnisse.“ – „Ich melde Sie an, bitte nehmen Sie einen Moment Platz.“ Sie zeigte auf das Sofa, auf dem ich Platz nehmen sollte. Nur widerwillig tat ich, was sie sagte. Sie drückte die Kurzwahltaste auf dem Telefon und meldete mich beim Director an. Anschließend durfte ich hinein.
„Director Frankling, bevor sie auf mich einreden, weil ich nicht hier sein sollte, hören Sie mir bitte zu. Gane hat sich bei mir gemeldet. Er ist bereits in Maracaibo und wie es aussieht, ist auch diese Jo auf dem Weg zu ihm und mit ihr meine Tochter. Er hat sich eine falsche Identität zugelegt und ich denke, dass für Jo und meine Tochter dasselbe gilt. Ich habe mich in der Empfangshalle umgesehen. Die Schüsse waren viel zu hoch angesetzt. Selbst wenn wir nicht in Deckung gegangen wären, wären die Kugeln über unsere Köpfe hinweg gegangen. Man wollte uns nicht verletzen, nur beschäftigen.“ – „Sie verwundern mich immer wieder, Walker. Lassen Sie uns nicht lange schwafeln. Was haben Sie vor?“ – „Gane ist bereit zu verhandeln. Ich werde ebenfalls nach Maracaibo fliegen und mir dort ein Team von Agenten zusammenstellen. Ich möchte mich persönlich um die Sache kümmern. Zuvor möchte ich allerdings einer anderen Spur nachgehen. Es ist nur ein Verdacht und es mag etwas weit hergeholt sein, aber es beschäftigt mich, sodass ich der Spur gern nachgehen würde.“ – „Tun Sie, was immer nötig ist, Walker. Ich telefoniere mit den Kollegen in Maracaibo und kündige Sie an.“ Ich bedankte mich bei dem Director und verließ dann, mit einem Fünkchen neugewonnener Hoffnung sein Büro.

2.8 Das perfekte Verbrechen

Ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch und griff nach dem Telefon. Nach kurzem Überlegen wählte ich die Nummer von Helens Tagesmutter und wartete. „Hallo, Sasha hier. Gut, dass ich dich erreiche. Ich hatte es bereits öfters versucht, aber konnte dich nie erreichen. Weshalb ich eigentlich anrufe… Ich wollte dir mitteilen, dass ich weiß, wo Helen ist. Ich werde sie befreien, sodass sie bald wieder zu dir kann. … Ja, es freut mich auch. … Ich melde mich dann nochmal. Bis dann“, so beendete ich das Gespräch wieder und legte den Hörer auf. Dann griff ich zur Maus und ließ sie über den Desktop huschen. Mit einem Doppelklick auf ein Icon öffnete ich ein Programm. Es war ein Programm, mit dem man Anrufprotokolle und Handynutzungsdaten abfangen kann. Parallel dazu schaute ich auf mein Handy und tippte die Nummer ein, von der Gane mir die Nachrichten geschickt hatte. Da es sich um ein Prepaid-Handy handelte, konnte man keinen Käufernamen feststellen, da dieser nur beim Abschluss von Mobilfunkverträgen protokolliert werden muss. Ich überflog die Protokollliste und fand die Nachrichten an meine eigene Handynummer wieder. Ich suchte etwas weiter und stieß auf ein längeres Telefonat vom Vorabend. Ich klickte die angerufene Nummer an und ließ sie somit durch ein Suchprogramm laufen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich mein Verdacht bestätigte und ein Treffer gelandet wurde. Das Piepen, das den Treffer signalisierte trat in den Hintergrund, und obwohl ich diesen Verdacht bereits hatte, war ich vom Ergebnis überrascht. „Jetzt macht alles einen Sinn“, sagte ich mir. Fast alles. Ich führte ein weiteres Telefonat und erhielt wenig später eine E-Mail. Sie enthielt die Passagierlisten für alle Flüge nach Maracaibo. Es dauerte nicht lange, bis ich den Namen Jonas Gain auf der Passagierliste fand. Ich durchsuchte die Liste nach weiteren Namen und wurde bald fündig. Es tauchten zwei weibliche Passagiere auf, die ebenfalls den Nachnamen Gain trugen. Nun überprüfte ich auch Ganes bekannte Handynummer. Auch dort tauchte vermehrt die Nummer auf, die mich so stutzig machte. Du hast keine Zeit zu verlieren.
Aufgebracht stürmte ich in das Büro des Directors, Lydia hatte mich diesmal nicht zurückhalten können. „Sir, ich muss Sie bitten, mir kurzzeitig eine höhere Sicherheitseinstufung zu geben.“ – „Erklären Sie mir auch, wofür sie diese benötigen?“ – „Natürlich, Sir. Ich habe gerade die Anrufprotokolle des Handys überprüft, von dem die Nachrichten an mich kamen. Anschließend habe ich diese mit den Anrufprotokollen von Ganes bekanntem Handy verglichen. Eine Nummer taucht bei beiden Handys auffallend oft auf.“ – „Spannen Sie mich nicht auf die Folter? Wem gehört die Nummer und warum brauchen Sie eine höhere Sicherheitsfreigabe?“ – „Die Nummer wurde einem Mobilfunkhandy zugeordnet, das zu einem Beamten einer Bundesbehörde gehört. Ich brauche Akteneinsicht in die Dienstakte, um ein weiteres Indiz zu bestätigen.“ – „Sagen Sie mir, um wen es geht, ich besorge Ihnen die entsprechende Akte, das dauert keine zehn Minuten.“ – „Vielen Dank, Sir.“
Meine Erwartungen wurden übertroffen, nur zwei Minuten später lag die Akte vor mir, Director Franklin stand hinter mir und schaute mir über die Schulter. Nach einem tiefen Atemzug öffnete ich die Akte und blätterte die entscheidende Seite auf. Wie erwartet fand ich die Bestätigung. „Sir, wenn Sie erlauben, würde ich gerne umgehend nach Maracaibo aufbrechen.“ – „Das kann ich verstehen. Zwar ist mir nach dieser Erkenntnis etwas mulmig geworden, aber ich weiß, dass ich Sie niemals daran hindern könnte, zu fliegen. Ich muss Sie belehren, dass es auch Ihnen als Agent untersagt ist, Waffen jeglicher Art an Bord eines Flugzeuges zu bringen oder auf diesen Weg ins Ausland zu transportieren. In diesem kurzen Zeitraum war es nicht möglich, eine Sondergenehmigung zu erhalten, sodass Sie Ihre eigene Waffe in den Staaten lassen müssen. Die Kollegen in Maracaibo werden sie vollständig ausrüsten.“ – „In Ordnung, Sir.“ – „Walker, eine Bitte hätte ich noch. Abgesehen von der Schwere dieses Verbrechens denken Sie bitte daran, dass es sich um einen Polizeibeamten handelt, der Gane unterstützt. Auch wenn es um Ihre Tochter geht, möchte ich Sie bitten, in jeder Situation professionell zu handeln, vermeiden Sie Blutvergießen, wenn es sich vermeiden lässt und behalten Sie im Hinterkopf, dass Polizeibeamte bestens im Umgang einer Schusswaffe ausgebildet sind. Fordern Sie Ihr Glück nicht heraus, passen Sie auf sich auf und kommen Sie unversehrt zurück. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise, Walker, und viel Erfolg.“ Ich bedankte mich beim Director, ging dann in mein Büro, um meine Waffe in meinen Schreibtisch zu sperren und meine Sachen zu packen, bevor ich nach Hause fuhr, um mir eine Tasche zu packen. Ich nahm ein Taxi zum Flughafen, da ich keine Hoffnung auf einen freien Parkplatz hatte. Der nächste Flieger nach Maracaibo startete in 45 Minuten. Ich kriege euch.
Der Flug dauerte nicht sonderlich lange und verlief ohne bemerkenswerte Turbulenzen. Auch wenn die Landung eher unsanft war, war ich froh, endlich angekommen zu sein. Am Terminal wurde ich von den ausländischen Kollegen empfangen. Mit einem Fahrzeug, in das ich in den Staaten niemals einsteigen würde, gelangten wir zum Hauptquartier. Dort sollte ich die ausländischen Agenten in den Fall einweihen und die Aufgaben verteilen, bevor ich ausgerüstet wurde. Ein älterer Polizist saß an seinem Schreibtisch und beobachtete mich. Auch als ich ihn anschaute, wendete er seinen Blick nicht von mir ab, sodass wir ins Gespräch kamen. „Hallo, ich bin Sasha Walker aus den Vereinigten Staaten“, stellte ich mich vor. „Ich weiß“, entgegnete der Polizist, „Mein Name ist Vargas. Ihr Director und ich hatten telefoniert, aber ich bin schon vorher auf Ihren Fall aufmerksam geworden. Mir wurde ein Fall übertragen, der im unmittelbaren Zusammenhang mit Ihrem Fall zu stehen scheint. Ich bin mir sicher, dass Sie bereits von dem Missbrauch wissen, wo die Gane-Zwillinge und eine unbekannte dritte die Opfer waren. Wir haben einen Hinweis darauf bekommen, dass wir den Täter im Oasis Club finden können. Als wir erfuhren, dass einer Ihrer Straftäter sich ebenfalls an diesem Ort befindet, haben wir unsere Einheiten zurückgezogen, um auf Sie zu warten. Ich denke, wir sollten keine Zeit verlieren. Es hört sich so an, als würde dieser Gane die Sache ernst meinen. Ich spreche wohl für uns beide, wenn ich sage, dass er keine Sekunde zögern würde, den Verdächtigen zu erschießen. Wie skrupellos dieser Mann ist, hat er in der Vergangenheit oft genug gezeigt. Lassen Sie uns also unverzüglich losfahren.“ Ohne lange zu reden, stimmte ich zu und wir gingen mit unserem Team zum Wagen. Vargas setzte sich ans Steuer und wir fuhren los.
Der Oasis Club war gut und bunt beleuchtet und nicht zu übersehen. Wir parkten den Wagen etwas abseits in einer Seitenstraße und gingen die restlichen 100 Meter zu Fuß. Schon jetzt teilten wir uns auf, um möglichst jeden möglichen Fluchtweg im Auge zu haben. Vargas und ich betraten das Gebäude durch den Haupteingang. Sofort begann ich, die Location zu analysieren. „Eine Sitzecke mit drei Doppelsitz-Sofas, zwei Sesseln und zwei Glasteetischen auf der rechten Seite, Säulen und Pflanzen verzieren den Eingangsbereich, der Empfangstresen ist direkt vor uns, auf der linken Seite befindet sich eine riesige Halle, die durch Treppen über drei Etagen reichte und die verschiedenen, internationalen Restaurants beherbergt. Keine Spur von den Zielpersonen. Am Empfang stehen zwei Hotelangestellte, ein Mann und eine Frau, beide etwa 30 Jahre alt. Die Lobby ist überwiegend leer, die meisten Menschen scheinen derzeitig zu essen.“ Es gehörte zu meinem Job, genau zu beobachten und es war unvermeidlich, dass ich mir Szenarien für die schlimmsten Situationen ausmalte. Im Falle einer Schießerei könnte ich Deckung hinter den Säulen suchen. Der Weg durch die offene Halle zu den Fahrstühlen ist ungeschützt. Vargas und ich erreichten das Personal am Empfangstresen. „Entschuldigen Sie bitte? Wir sind von der Polizei und suchen einen Mr. Gain, der
hier ein Zimmer bewohnt.“ Unauffällig zeigte Vargas seine Polizeimarke vor, um uns auszuweisen. Die Rezeptionistin tippte den Namen im Computer ein. „Wir haben nur eine Familie Gain. Sie bewohnt die Family Suite im obersten Stockwerk. Soll ich Ihnen eine Schlüsselkarte aushändigen?“ – „Das wäre sehr freundlich von Ihnen“, sagte Vargas und raubte mir somit die letzte Möglichkeit, an der Rezeption zu Wort zu kommen. Wir erhielten eine Schlüsselkarte und gingen durch die Halle zu den Fahrstühlen.
Kurze Zeit später erreichten wir die oberste Etage und schauten uns um. Auf dem Gang war es ruhig und wir suchten nach der richtigen Tür. Relativ zügig fanden wir die Tür und lauschten. Stumme Hilferufe klangen leise durch die Tür, gefolgt von einem strengen „Sei still.“ Ich nickte Vargas zu, wir öffneten die Tür und stürmten herein. Wir traten nur ein paar Meter in den Raum ein, der die Form des Buchstaben T hatte. Die Vorhänge waren zugezogen und der Raum wurde nur durch die Deckenlampe beleuchtet, ein riesiger Kronleuchter, der in der Mitte des Raumes stand. Etwas dahinter stand Gane zwischen zwei Stühlen und hielt in jeder Hand eine Waffe. Eine Waffe richtete er auf Helen, die auf dem einen Stuhl saß. Auf dem anderen Stuhl saß ein älterer Herr. Gane lachte. „Ich habe Sie bereits erwartet, Mr. Walker. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie hier auftauchen würden. Ich wusste, dass es keine 24 Stunden dauern würde, bis Sie hier auftauchen, sobald sie wissen, dass Ihre Tochter hier ist. Da sind Sie nun und ich hatte Recht. Wie ich sehe, haben Sie Verstärkung mitgebracht. Wollen Sie uns nicht einander vorstellen?“ – „Mein Name ist Vargas, ich bin von der örtlichen Behörde und ermittle eigentlich in dem Fall, dem Sie gerade persönlich nachgehen. Mr. Gane, wir ermitteln in Ihrem Fall. Wir kümmern uns um den Mann“, erklärte Vargas. „Sie müssen sich nicht mehr um diesen Mann kümmern. Ich kümmere mich darum und um Sie, Mr. Walker, kümmere ich mich auch. Wir wollen doch nicht, dass Ihrem Mädchen etwas passiert, oder? Noch geht es ihr gut, aber damit das so bleibt, müssen Sie mir nun ein wenig entgegenkommen.“ – „Ich kann das ganze innerhalb von Sekunden beenden. Ich jage Ihnen drei, vier, fünf Schüsse in die Brust, wenn es sein muss das gesamte Magazin.“ Ich drohte ihm. „Überlegen Sie sich das gut, Walker. Sobald Sie schießen, tu ich es auch. Und wenn ich es nicht tue, tut es jemand anderes.“ – „Ihre Komplizin braucht sich nicht länger zu verstecken. Ich weiß doch längst, wer sie ist.“ – „Das überrascht mich etwas, Mr. Walker“, erwiderte Gane, „Ich wusste, dass Sie pfiffig sind, aber derart viel Grips, habe ich in Ihnen nicht vermutet. Verzeihen Sie mir, da habe ich mich wohl geirrt.“
Eine Stimmer ertönte: „Respekt. Und ich dachte, ich könnte heute noch jemanden überraschen. Um ehrlich zu sein, stehe ich aber hier, damit mich niemand treffen kann. Dass niemand sieht, wer ich bin, ist ein angenehmer Nebeneffekt.“ Ich ging darauf ein: „Das brauchen wir nicht zu sehen. Vargas, Ich und mein gesamtes Team weiß es bereits.“ Die Stimme unterbrach mich: „Ich würde gern wissen, was mich verraten hat.“ Ein Schmunzeln zog sich über mein Gesicht, dann begann ich zu erklären: „Anfangs habe ich in die falsche Richtung gedacht. Ich habe nach jemandem gesucht, zu dem der Name Jo passen würde. Diese Denkweise war auch der Grund dafür, dass ich die wesentlichen Indizien übersehen habe, die letztendlich dazu führten, dass ich wusste, mit wem ich zu rechnen habe. Zum Schluss bin ich darauf gestoßen, dass es wohl eine persönliche Bitte war, dass niemand den vollständigen Namen nennt. Es wird Zeit mit offenen Karten zu spielen. Du hast dich mir als Anna Sterling vorgestellt. Deiner Dienstakte konnte ich entnehmen, dass du eigentlich Joanna Sterling heißt. Warum du dich selbst nur Anna nennst, bleibt ein Rätsel, aber darum geht es hier auch nicht.“ Während ich erklärte waren meine Waffe und die von Vargas
ununterbrochen auf Gane gerichtet, da niemand Anna Sterling sehen konnte. Ich fuhr fort: „Beim Überprüfen der Telefonverbindung sagtest du, es gäbe nichts auffälliges, um zu vertuschen, dass du selbst ständig mit Gane telefoniert hast. Du sagtest, du hättest Gane in meinem Haus bemerkt und dich unauffällig an meine Versen gehängt. Ich vermute, dass es in Wahrheit ein Teil des Plans war. Gane sollte mich überwältigen und gefangen nehmen, in letzter Sekunde wurde ich gerettet, Gane wird verhaftet, wird von dir an die Kollegen übergeben und bricht auf mysteriöse Art und Weise aus. Vermutlich hast du ihm einen Schlüssel zugesteckt, der es ihm ermöglichte, sich zu befreien.
Das ganze geschah, um mich noch ein wenig mehr zu demütigen, mich zu foltern, während ich um das Leben meiner Tochter banne. Gane tauchte nicht am Grab seines Bruders auf, weil du ihn zuvor gewarnt hast, ebenfalls ergaben die Observationen deshalb nichts. Ich weiß nicht, ob Gane wirklich in dem Restaurant war, aber wissen, konnte er dieses Detail ebenfalls nur von dir. Als du mir von
deinem geplanten Urlaub in Venezuela erzählt hast, habe ich mir zunächst nichts gedacht, erst später ist mir bewusst geworden, dass auch Maracaibo in Venezuela liegt. Helen war die ganze Zeit bei dir und ich bezweifle nicht, dass du dich um sie gekümmert hast. Jedenfalls war das der Grund, warum ich nicht mit zu dir durfte. Ausschlaggebend war jedoch etwas ganz anderes.“ Ich legte eine Pause ein und wartete auf die erwartete Frage. „Was denn?“ Ich schmunzelte wieder. „Gane wusste in seiner Nachricht an mich von deinem Urlaub. Über den Anschlag in unserer Lobby warst du wahrscheinlich genau so überrascht wie jeder andere. Du dachtest, du hättest dabei umkommen können, weshalb du noch am selben Abend mit Gane telefoniert hast, um ihn zur Rede zu stellen. Wie habt ihr euch das ganze vorgestellt? Dachtet ihr, ihr fliegt mit meiner Tochter nach Venezuela, legt einen Mann um und verschwindet dann in der weiten Welt? Ihr wusstet doch, dass ich euch auf den Versen sein würde, warum dieses Risiko? Anna… Würdest du wirklich auf Helen schießen? Und welchen Grund hättest du, auf diesen Mann zu schießen? Was interessiert euch an diesem Mann so sehr?“ – „Passen Sie gut auf, Mr. Walker. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Passen Sie bitte wirklich gut auf. Ich werde diese Geschichte nur ein einziges Mal erzählen.“
„Ich war frische 14 Jahre alt. Meine Mutter hatte einen neuen Freund gefunden. ‚Die Liebe ihres Lebens‘ nannte sie ihn… wie jeden Kerl den sie fand. Mein erster Eindruck von diesem Mann war positiv, er schien freundlich zu sein, schenkte uns eine Menge Aufmerksamkeit. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich ein teuflischer Mensch, das Böse in Person. Er schlug uns und unsere Mutter saß daneben und schaute zu, ohne einzugreifen. Ein Leben, vergleichbar mit einem Leben in der Hölle begann. Dieser Mann hatte selbst eine Tochter. Ich konnte nie seine Motive nachvollziehen, aber er vergriff sich an seiner Tochter, die viel jünger war als Enrico und ich, vergriff sich schließlich auch an uns und vergewaltigte uns. Jedes Mal wenn er unser Zimmer betrat, wussten wir, was er vorhatte und jedes Mal wurde er brutaler. Er erzählte uns, es wäre seine Methode, um uns auf das Leben vorzubereiten, uns abzuhärten und unsere Mutter tat, als würde sie nichts von
alledem mitbekommen. Der Fall wurde publik, aber der Mann wurde nie geschnappt. Sicherlich interessiert es Sie, was in den Köpfen von Rico und mir vorging, warum wir die Frauen vergewaltigt und getötet haben. Ich möchte versuchen, es Ihnen zu erklären, auch wenn Sie es
vermutlich nicht verstehen werden. All diese Frauen waren alleinerziehend. Sie hatten keinen Mann an ihrer Seite und ein kleines Kind. Rico und ich hatten so einen Hass auf unsere Mutter. Es hat lange gedauert, bis wir uns entschlossen haben, für Gerechtigkeit zu sorgen. Wir wollten uns an unserer Mutter rächen. Doch da diese vor einigen Jahren verstarb, blieb uns nichts übrig, als uns an anderen alleinerziehenden Müttern zu rächen, die denselben Fehler machen könnten. Wir wollten den Kindern eine grausame Kindheit ersparen, wollten nicht, dass sie in den falschen Händen aufwachsen.“
„Was hat Anna damit zu tun?“, unterbrach ich ihn. „Ich wusste, dass Sie meine Geschichte nicht verstehen würden. Dieser Mann ist Michael Sterling. Er ist Joannas Vater.“ Mit offenem Mund stand ich in dem Zimmer und schaute Gane ungläubig an. „Jo konnte von uns am besten mit den Geschehnissen umgehen. Sie war damals noch sehr klein, verarbeitete das Geschehene relativ schnell und ohne Folgen. Dennoch war dies etwas, was uns für immer prägte und auch sie hatte einen Hass auf ihren Vater entwickelt. Wir schworen uns Rache.“ – „Bei dem Einsatz, bei dem Ihr Bruder ums Leben kam, war Anna anwesend. Warum war sie in diesem Fall beteiligt?“ – „Anna war diejenige, die gewährleisten sollte, dass mein Bruder entkommt, ohne verhaftet zu werden. Unser kleines Spiel, bei dem wir die Welt zu einem besseren Ort machen, sollte schließlich nicht jetzt schon beendet sein“, erklärte Gane. Um vollständig zu verstehen, fragte ich weiter: „Warum hat sich
Anna eingemischt, was Helens Entführung anbelangt?“ Gane lachte spöttisch. „Mr. Walker, verstehen Sie denn immer noch nicht? Sie hatte gar keine andere Wahl. Sie wollte ihren Vater ebenso finden wie Rico und ich. Da ich jedoch der einzige war, der eine Spur zu diesem Mann
hatte, blieb ihr keine andere Wahl, als mir zu helfen, da ich mir quer stellte. Ich wollte zusätzlich Rache an Ihnen, Mr. Walker. Und die will ich immer noch.“ Obwohl ich sie nicht sehen konnte, redete ich auf Anna ein: „Anna, würdest du wirklich auf Helen schießen? Wir hatten ein Date, du hast gesagt, du würdest mich mögen. Würdest du wirklich abdrücken?“ – „Fordere es nicht heraus, Sasha. Ich bin Agentin, du weißt, ich drücke ab, wenn ich es will.“ Ich überlegte kurz. „Anna, du hast hier die ultimative Gelegenheit. Du kannst Gane
dingfest machen, kannst dich an deinem Vater rächen und wir vergessen die Entführung von Helen.
Du kannst hier als Heldin rausgehen oder als zweifache Mörderin.“ Jonathan Gane warf ihr einen kurzen Blick zu, nickte dann und richtete seine Waffen auf Vargas und mich. „Denken Sie daran. Wenn Sie auf mich schießen“, er sprach mit lauter Stimme, „ schießt Sterling auf ihren Vater und die kleine Helen. Wollen Sie das?“ Erst jetzt wendete ich mich an Helen. „Geht es dir gut, Prinzessin? Hat er dir etwas getan?“ Da ihr Mund mit Klebeband zugeklebt war, blieb ihr nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln. „Mr… – wie war noch der Name – Vegas?“ – „Mein Name ist Vargas“ korrigierte er. „Achja. Mr. Vargas. Also dann, Mr. Vargas. Ich möchte Sie bitten, den Raum zu verlassen. Wir wollen doch nicht, dass hier ein Unglück geschieht? Und Mr. Walker, Sie wollten doch sicherlich gerade Ihre Waffe auf den Boden legen und Ihre Hände schön weit nach oben halten, habe ich nicht Recht?“ Er nutzte seine Position vollkommen aus und genoss die Macht,
die er ausüben konnte. „Ich hätte noch eine Bitte, Mr. Gane. Könnten Sie bitte die Vorhänge aufziehen, es ist doch recht dunkel hier.“ Ich warf Vargas einen unauffälligen Blick zu und sah ein dezentes Nicken. „Halten Sie mich für dumm? Ihre Scharfschützen warten doch sicher schon auf mich. Die Vorhänge bleiben…“ – „Jetzt!“, rief ich, Vargas feuerte ein paar Schüsse auf Gane, während ich meine Waffe etwas hochzog und auf den Kronleuchter zielte, welcher unter großem Lärm zu Boden fiel. Ich nutzte die Schreckenssekunde, sprintete vor und stieß die beiden Stühle um, als sich weitere Schüsse lösten. Dann wurde es ruhig.
Vargas holte eine Taschenlampe hervor und leuchtete auf Gane. Leblos lag er am Boden, er hatte 2 Einschusslöcher in der Herzgegend und ein weiteres Einschussloch in der Brust. Er leuchtete auf Anna Sterling. Sie hatte die Waffen fallengelassen und stand starr in der Ecke. Er fand eine Stehlampe, die er einschaltete und so das gesamte Zimmer erhellte. Ich schaute nach rechts und sah Mr. Sterling. Er rührte sich nicht und ich suchte nach seinem Puls. „Mach dir keine Hoffnung. Einschussloch genau zwischen den Augen“, Vargas deutete auf seinen Kopf. Von Angst erfüllt drehte ich zu Helen um. Tränen liefen aus ihren Augen. Vorsichtig entfernte ich das Klebeband von ihrem Mund und nahm sie in den Arm. Sie schluchzte. „Walker?“, Vargas machte mich auf die Wunde in Helens Bauch aufmerksam. Sie blutete stark. „Ruf einen Krankenwagen!“, brüllte ich Vargas an und er zückte sofort sein Handy, um Hilfe zu rufen. Währenddessen nahm ich eins Kissen, das ganz in der Nähe auf dem Sofa lag und drückte es auf die blutende Wunde. „Du musst ganz ruhig bleiben, Prinzessin. Papa ist bei dir. Ich passe auf dich auf. Es wird alles wieder gut.“ Sie legte ihre Hände auf meine, die das Kissen fest auf die Wunder pressten und schaute mich an. Auch ich weinte mittlerweile, doch sie begann mich anzulächeln. Dann sprach sie mit einer sehr schwach klingenden Stimme: „Weißt du, warum ich lache, Daddy?“ Sie wartete auf eine Antwort von mir. „Erzähl es mir…“ Sie zögerte eine Weile und fügte dann hinzu: „Du hast mal gesagt, du magst es, wenn Kinder lachen.“ Weitere Tränen lösten sich aus meinen Augen. „Gib nicht auf Prinzessin. Daddy ist bei dir. Es wird alles wieder gut.“ Ihr Lächeln ließ nach und weitere Tränen flossen über ihr Gesicht.
~ In der Gegenwart ~
Nun sitze ich hier. Ich sitze hier und streife durch die Vergangenheit. Ich erinnere mich an so viele Momente, die ich mit Sophie geteilt habe, an so viele Abenteuer, die ich mit Helen bereits erlebt hatte. Den Besuch im Zoo, auf dem Rummel, im Aquarium. Das erste Mal, dass sie am Strand war, wie sie sich gefreut hat, als sie ihre erste Sandburg gebaut hatte. Ich erinnere mich an den Tag, wo sie den kleinen Welpen ihrer Tagesmutter zum ersten Mal sah. Manchmal kam es mir so vor, als wären es weit mehr als nur fünf Jahre gewesen, denn obwohl ich durch meinen Beruf nur begrenzte Zeit für Helen hatte, haben wir bereits so viel erlebt.
Ich schwelge weiter in meinen Erinnerungen, folge ihnen, wohin sie mich führen und lande schließlich bei dem Gespräch mit Anna Sterling.
Aufgebracht stürmte ich in den Raum, in dem Anna Sterling mit Gewissensbissen saß. „Du hast es tatsächlich getan?! Du hast auf meine Tochter geschossen?!“, fuhr ich sie an, doch sie schwieg. Mehr gibt es dort nicht. Anna wurde verhaftet und vom Dienst suspendiert, eine richterliche Anhörung wird noch folgen. Ich gehe etwas weiter zurück, sehe Helen vor mir auf dem Boden liegen, meine Hände mit aller Kraft auf das Kissen gepresst. Es dauerte nicht lange, bis ein Sanitäterteam in das Zimmer stürmte und die Wunder behandelte. Helen habe eine Menge Blut verloren und man müsse sie umgehend ins Krankenhaus fahren. Ich begleitete die Sanitäter und warf Anna einen letzten bösen Blick zu.
Im Krankenhaus vergingen Stunden, ehe ich Helen wiedersehen konnte. Man sagte mir, dass sie ins Koma gefallen sei und teilte mir mit, dass es nicht gut sei, wenn ich rund um die Uhr bei ihr wäre. So fand ich Zeit, Anna zur Rede zu stellen, doch das Gespräch war nicht sonderlich ergiebig. Sie hüllte sich in Schweigen. In dem Moment, wo Anna von den Kollegen abgeführt wurde, um in die Staaten ausgeliefert zu werden, hoffte ich, dass ich sie nie wieder sehen würde – zu ihrer Sicherheit. Als ich zwei Tage später wieder ins Krankenhaus kam, um nach Helen zu sehen, verwehrte man mir den Zugang zu ihrem Zimmer. Es habe sich etwas getan, sodass sie untersucht werden müsste. Ich solle solange im Wartebereich Platz nehmen. Nun sitze ich hier. Ich sitze hier und streife durch die Vergangenheit. Ich erinnere mich an so viele Momente, die ich mit Sophie geteilt habe, an so viele Abenteuer, die ich mit Helen bereits erlebt hatte. Wir hatten bereits so viel erlebt. Das Klingeln meines Handys lässt mich aus meinen Gedanken schrecken. Es ist mir etwas peinlich, dass mein Handy im Krankenhaus klingelt, aber es lässt sich nun auch nicht mehr rückgängig machen – wie so vieles im Leben.
„Walker“, melde ich mich wie gewohnt und lauschte dem Anrufer. „Und da sind Sie sich sicher?“ Ich wartete eine Reaktion ab. „Halb so schlimm. Jeder macht mal Fehler und ich bin froh, dass es zumindest eine gute Nachricht heute gibt. Vielen Dank für Ihren Anruf. Auf Wiederhören.“ Mit einem kleinen Lächeln beende ich das Gespräch. „Gute Neuigkeiten?“, fragt eine vertraute Frauenstimme. Ich sehe mich um und mein Blick bleibt an der Frau hängen, die neben mir steht. „Du hier?“, freue ich mich. „Ich habe versucht, dich anzurufen, aber in deinem Büro hat niemand abgenommen, bis irgendwann der Director persönlich den Anruf entgegen nahm. Er erzählte mir, was sich ereignet hatte und ich beschloss, mich sofort auf den Weg zu machen. Nun ja, hier bin ich.“ Die vertraute Stimme gehört zu Elaina, Helens Tagesmutter. Sie nimmt neben mir Platz und wir unterhalten uns eine Weile, bis ich ihr schließlich die eben erhaltenen Neuigkeiten mitteile: „Das war der Arzt von Helen. Es muss einen Fehler gegeben haben, der aber erst jetzt bemerkt wurde. Die Annahme, dass Helen an Leukämie erkrankt ist, hat sich als falsch herausgestellt. Das plötzliche Nasenbluten und den Schwindelanfall schiebt der Arzt auf einen plötzlichen Wachstumsschub, den Helen ja tatsächlich durchlebt hatte, du erinnerst dich?“ Das Gespräch geht weiter. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt und vergessen, dass wir eigentlich traurig und besorgt sein sollten – zumindest für eine Sekunde. Ein Arzt unterbricht unser Gespräch: „Entschuldigen Sie, Mr. Walker? Ihre Tochter ist soeben aus dem Koma erwacht. Es geht ihr den
Umständen entsprechend gut, Sie können jetzt zu ihr.“
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Ein paar Tage später flogen Helen, Elaina und Sasha zurück nach New York City, wo Director Franklin sie bereits erwartete. Von da an führten sie wieder das gewohnte Leben, ohne Gane oder andere Fremde, die sich in ihr Familienleben einmischten. Nach nur einem Monat im Gefängnis, nahm Joanna Sterling sich das Leben. In einem Abschiedsbrief schrieb sie, dass sie die Schuldgefühle nicht mehr ertragen hätte. Es war das letzte Mal, dass ihr Name der Familie Walker zu Ohren kam. Elaina und Sasha lernten sich besser kennen und kamen sich langsam näher, bis Elaina schließlich bei Sasha und Helen einzog. Helen wuchs ohne weitere Beeinträchtigungen durch den Vorfall auf. Im Alter von 33 Jahren bekam Sasha mit Elaina ein zweites Kind. In Erinnerungen an Helens Mutter bekam das Mädchen den Namen Sophie.
*~* Ende *~*

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