3. Der Künstler (I – XIII)

Kapitel 1: Die Akademie

2041, Irgendwo im Süden Europas – „Los, dort entlang!“, scheuchte uns eine unfreundliche Gestalt einen dunklen Gang entlang. Wir waren eine Gruppe von 20 Personen, allesamt Kinder, die von einer Gestalt in einem langen Gewand aus der Wartehalle abgeholt wurden. „Ein bisschen schneller“, mahnte sie und stieß mich weiter nach vorn. Wir gingen durch einen langen, schwach beleuchteten Korridor, versetzt befanden sich Türen auf beiden Seiten, die jedoch alle geschlossen waren. „Halt!“ Das Wort wurde ewig in die Länge gezogen, wir blieben stehen und die Gestalt zog langsam an uns vorbei und öffnete eine Tür auf der linken Seite. Sie forderte uns auf, hineinzugehen und wir folgten ihren Anweisungen. Ich war die letzte auf dem Gang und schaute der Gestalt in ihr markantes Gesicht, das im schwachen Licht nur schwer zu erkennen war. Eine Narbe verlief über das komplette Gesicht, ihre Augen schienen leer zu sein. Ich erkannte, dass es eine Frau war. Sie schaute mir in die Augen und ich erschauderte. Ihre Hand griff nach meinem Arm und sie zerrte mich in den Raum, stieß mich zu Boden und sperrte die Tür von außen wieder ab. Es wurde still.

Aus der Dunkelheit ertönte eine ruhige Stimme: „Mit dem heutigen Tag … beginnt euer Leben. … Ihr hattet 14 Jahre Zeit, … um groß zu werden … und das Leben zu erlernen. … Ihr wisst nun, … was ihr zum Überleben benötigt … und auf was ihr verzichten könnt. … Irgendwann … liegt es in euren Händen … dafür zu sorgen, … dass wir Menschen … bestehen bleiben. … Doch … es liegt in seinem Ermessen … wem diese Aufgabe zugetragen wird … und wem ein vorheriges Ableben vorbestimmt ist. … Schon bald … wird euer Schicksal … auf seinem Papier geschrieben stehen.“

Ein schwaches Licht erhellte den Raum. Die anderen Kinder und ich richteten unsere Blicke zur Lichtquelle. Es war ein kleines, freischwebendes Stückchen Licht, das über einem Pult schwebte. Hinter dem Pult stand ein alter Mann. Durch seine Brille musterte er uns. „Nehmt Platz.“ Suchend schweiften unsere Blicke durch den Raum, bis wir ein paar Stühle fanden. Wir drängten uns zu den Stühlen, die anderen Kindern setzten sich hin. Ich fand als einzige keinen Platz. „Mädchen, … komm nach vorn und erzähle uns, wer du bist.“ Er sprach nun fließend. Vermutlich diente sein Ausdruck der Einprägsamkeit. Ich zögerte, blickte den Mann hinter dem Pult an und schaute zu Boden. „Hab keine Angst“, ermutigte er mich, „stell dich uns vor.“

Ich zögerte und trat dann vor die Gruppe. „Mein Name…“, begann ich zu stammeln, „Mein Name ist…“ – „Das genügt“, unterbrach mich der alte Mann, „Dort vorne steht ein Stuhl. Setze dich zu den anderen.“ Er wies mit seiner Hand in eine Ecke, in der ich einen Stuhl sah, der jedoch vorher noch nicht dort gestanden hatte. Ich gesellte mich zu den anderen, den Blick gebannt auf die Gestalt hinter dem Pult. „Willkommen… an der Academiae… ratio servandi… Der Akademie… zur Wahrung des Systems. … Lasst mich… erzählen.“, er atmete schwer, seufzte und begann dann zu erzählen.

„Einst… wurde die Welt… durch Krieg erschüttert…, die Menschheit… gegeneinander aufgebracht…, die Ordnung… zerstört… Dieser Krieg… war anders… anders als jeder Krieg zuvor… Um das Fortbestehen… der Menschheit gewährleisten zu können, wurde die Welt… in ein System geordnet… Der Krieg… war beendet. … Um fortan… den Frieden auf der Welt… zu erhalten… wurde ein Verantwortlicher… auserwählt… – Der Künstler… Seine Aufgabe ist es…, jegliche Form… von Aufstand,… Unruhen,… und Konflikten,… zu verhindern…“
Es wurde anstrengend, ihm zuzuhören. Ich schaute mich im Raum um und bemerkte, dass ich die einzige war, die ihre Blicke von ihm löste. Er räusperte sich und ich blickte ihn verlegen wieder an.

„In den 20 Jahren bis heute, überwachte er die Menschheit, überarbeitete und perfektionierte das System, um Krieg, Aufstand und Konflikte zu verhindern. Das kann allerdings nur funktionieren, wenn er bestimmen kann, was auf der Welt passiert. Mit Sicherheit hat jeder von euch schon einmal den großen Turm am Horizont gesehen. Dort lebt er – der Künstler. Nicht viele hatten bisher das Glück, ihn einmal vor sich zu sehen. Der Turm wird streng bewacht.

Der Künstler ist in der Lage, das Schicksal der Menschen zu verändern. Dafür schreibt er den Namen einer Person auf ein Stück Pergament und schreibt die gewünschte Veränderung hinzu.
Damit nur wenige einen voreiligen Tod erleiden müssen, besucht ihr diese Akademie. Hier lehren wir euch, im Sinne des Künstlers zu handeln. Nicht häufig, aber doch immer wieder, werden Menschen geboren, die immun gegen die Macht des Künstlers sind. Es gelingt manchmal, solche Menschen in das System einzugliedern, weshalb auch sie vorerst an dieser Akademie unterrichtet werden. Man nennt diese Personen ‚Outsider‘. Gelingt es nicht einen Outsider bis zu seinem 18. Geburtstag in das System einzugliedern, werden sie gewaltsam aus dem System entfernt. Im Laufe der Zeit gelang es jedoch immer mehr Outsidern zu fliehen, bevor sie aus dem System entfernt werden konnten. Sie flohen an einen weit entfernten Ort, an dem sie nicht länger unter dem Schutz des Künstlers stehen und sind auf sich allein gestellt. Um eine drohende Gefahr einzudämmen, werden immer wieder Friedenstruppen losgeschickt, um die Outsider zu bezwingen. Doch die Suchen verliefen erfolglos.

Das System, in dem wir leben, ist nicht mehr wie die Welt vor 20 Jahren. Die Anzahl der Erdenbewohner ist drastisch zurückgegangen, ganze Kontinente verkommen, sind unbewohnt. Der Künstler gibt sie der Natur zurück. Ihr habt das Glück den einzigen Kontinent zu besiedeln, auf dem es noch Menschen gibt. Unterteilt ist dieser Kontinent in verschiedene Wohlstandsgebiete, sogenannte Sektoren. Insgesamt sind es fünf Stück. Gefallt ihr dem Künstler und handelt ganz in seinem Interesse, steigt ihr womöglich auf und habt die Möglichkeit im Luxus und Wohlstand zu leben. Missfallt ihr ihm, werdet ihr womöglich bis auf das Nötigste beraubt und müsst um euer Überleben kämpfen, wenn ihr überhaupt überleben dürft.

Sicher haben eure Eltern euch von dieser Akademie erzählt. Sie ist die einzige Akademie in Sektor drei und eine von insgesamt fünf Akademien. Jeder Sektor hat eine Akademie, die sich zur Aufgabe setzt, euch zu lehren, im System zu leben, ohne ihm zu schaden. Damit ihr nach und nach über das System informiert werdet, gilt es, euch das gesamte Wissen des Systems nahezubringen. Es ist ausgesprochen wichtig, dass ihr den Unterricht besucht. Zunächst werden wir uns mit den Sektoren befassen. Da ihr in Sektor 2 lebt, werden wir morgen mit diesem Sektor anfangen. Bis dahin möchte ich, dass ihr rausgeht und euch diesen Sektor genau anseht. Sorgt dafür, dass ihr nicht nur eure eigene Siedlung seht.

Ich habe jedoch noch einen gut gemeinten Rat. Versucht nicht, den Sektor zu verlassen. Zwischen den einzelnen Sektoren liegt das Grenzland. Dort ist es gefährlich und ihr würdet keine zwei Stunden dort überleben, sollte es euch gelingen, die Grenze zu überqueren.
Ihr dürft nun gehen. Alle…“, sein Blick schweifte durch den Raum, „außer dir.“ Er schaute mich an. Aus der schwebenden Lichtkugel löste sich ein kleines Lichtlein, das die Tür beleuchtete. Die anderen Kinder verließen den Raum, der letzte schloss die Tür und die kleine Lichtkugel erlosch.

 

„Du brauchst keine Angst haben, ich will dir nichts Böses.“, beruhigte mich der alte Mann hinter dem Pult. Er trat einen Schritt zurück und kam zu mir. Wenn er nicht hinter dem Pult stand, wirkte er viel kleiner, was mir wieder ein wenig die Angst nahm. „Dein Name ist Beatrice, richtig?“ Ich nickte zustimmend. „Ich würde dir gern erklären, warum du anfangs keinen Stuhl hattest. Diese Akademie ist nicht einfach nur ein düsteres Gebäude. Nenne es Zauber oder Fluch, nenne es wie du möchtest. Die Akademie erkennt die Menschen. Du hast am Anfang keinen Stuhl erhalten, weil du ein Outsider bist. Der Künstler hat keinerlei Einfluss auf dich. Du bist an dieser Akademie, weil er Hoffnung hat, dies ändern zu können. Die anderen Personen an dieser Akademie sind nicht besonders freundlich zu Outsidern. Sie verachten sie und würden niemals ein freundliches Wort mit ihnen wechseln.“ – „Warum sind Sie anders?“, unterbrach ich ihn. Er atmete tief durch.

„Mein Name ist Deonthes. Wie du unschwer erkennen kannst, bin ich Professor an dieser Akademie. Und wie du ebenfalls sehen kannst, lebte ich schon lange bevor das System aufgebaut wurde.“ Ich musste mir mein Kichern verkneifen. Es gelang mir, ohne dass Deonthes etwas merkte. „Damals wurde ich von Gesandten des Künstlers gelehrt. Wir alle wurden gelehrt, wie ihr heute, obwohl wir viel älter waren. Deshalb war es umso schwerer, uns in das System einzugliedern. An meinem ersten Tag an der Akademie standen viele Personen ohne Stuhl im Klassenraum. Der Künstler erkannte die große Gefahr, die von diesen Menschen ausging, er wusste, dass es aufgrund ihres hohen Alters schwer werden würde, diese Menschen in das System einzugliedern. Viele von ihnen wurden sofort hingerichtet. Auch ich stand an diesem Tag ohne Stuhl in dem Raum. Ich war ein Outsider, doch ich war bereit, mich dem Willen des Künstlers bedingungslos zu beugen. Das ist der Grund, warum ich überlebt habe.

Eines Tages, kleines Mädchen, wirst du vor eine schwere Entscheidung gestellt. Bis dahin musst du an dieser Akademie belehrt werden, wie jeder andere. Es ist ausgesprochen wichtig, dass du den Unterricht besuchst. Du wirst viel lernen, was du für dein späteres Leben benötigst, egal, wie du dich entscheiden wirst. Du solltest nun gehen. Auch innerhalb der Akademie kann es gefährlich werden, wenn du allein herumläufst.“ Ich stand von meinem Stuhl auf. Erneut wurde die Tür beleuchtet und Deonthes ging wieder hinter das Pult. Ich öffnete die Tür, verließ den Raum und drehte mich noch einmal um. Deonthes schaute mich an. Selbst im schwachen Licht, konnte ich seine Augen gut erkennen. Das Licht im Raum ging aus, es wurde dunkel darin. Ich schloss die Tür, ging den langen düsteren Gang entlang und dachte über den Ausdruck in seinen Augen nach. Sicher war ich mir nicht, aber ich meine, in seinen Augen einen Schimmer von Hoffnung gesehen zu haben.

 

Kapitel 2: Die Welt, in der wir leben

Ich dachte noch lange über diesen Blick nach, versuchte ihn zu interpretieren. Die Versuche warfen neue Fragen auf. Weiß der Künstler von diesem Gespräch? Er muss es wissen, oder? Eigentlich müsste er doch veranlasst haben, dass Deonthes mir das erzählt. Wie funktioniert das alles? Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Fragen kamen auf. Ich nahm mir vor, zu Hause meine Eltern zu fragen. Ich benutzte Schleichwege, um von der Akademie nach Hause zu gelangen. Entlang der Hauptstraße fühlte ich mich nicht sicher. Manchmal patrouillieren Hubschrauber über dem Sektor. Ich habe nie verstanden warum. Ich schiebe einen Zaunpfahl beiseite und schlüpfe durch das Loch, um in unseren Innenhof zu gelangen und durch die Hintertür das Haus zu betreten. An der Vordertür wäre es zu gefährlich. „Mom, Dad, ich bin zu Hause“, rief ich. Meine Mutter stand am Herd, mein Vater saß am Tisch, ins Lesen seiner Zeitung vertieft. „Wie war dein erster Tag, Liebes?“, fragte meine Mutter. „Der Lehrer sagte, ich sei ein Outsider.“ Mein Vater ließ vor Schreck die Zeitung fallen, warf meiner Mutter einen raschen Blick zu. Diese nahm den Topf von der Kochplatte, schaute dann zur Tür heraus, schloss sie und ließ die Jalousien runter. „Komm mit, Bea!“ Mein Vater stand auf, nahm meinen Arm und zog mich hinter sich her, Mutter folgte uns.

Wir gingen in den Keller, Mom machte die Tür hinter uns zu und sperrte sie mit dem Schlüssel ab. „Was ist los? Ich bekomme Angst.“- „Setz dich, Bea“, entgegnete mein Vater. Ich setzte mich auf den Stuhl. Meine Eltern gingen aufgebracht im Raum auf und ab. „Erzähl uns alles, das ist wichtig, verstehst du? Du musst uns alles ganz genau erzählen und darfst nichts vergessen.“ Verwirrt schaute ich die beiden abwechselnd an, bevor ich anfing von meinem heutigen Tag zu erzählen.

„Zunächst wurden wir von einer seltsamen Gestalt einen langen, dunklen Gang entlang gescheucht.“ – „Was war das für eine Gestalt?“ – „Sie war seltsam gekleidet, ein Gewand oder so mit einer Kapuze. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, erst als wir in den Raum mussten. Sie hatte graue, ausdruckslose, beinahe leere Augen und eine riesige Narbe, die über das komplette Gesicht verlief. Offensichtlich war es eine Frau, obwohl sie einen festen Griff hatte.“ – „Sie hat dich berührt?“ – „Sie hat mich am Arm gepackt und in den Raum gestoßen. Ist das schlimm?“ – „Wohl eher normal“, scherzte mein Vater, doch Mom ermahnte ihn: „Gerrit, es ist ernst!“ Sie schauten mich wieder an. „Ich erschauderte, als ich der Gestalt in die Augen sah, dann sperrte sie uns in den Raum.“ – „Weiter, weiter!“ – „Was war das für eine Gestalt, Dad?“ Mein Vater hielt inne, warf meiner Mom einen Blick zu. „Mom?“, wendete ich mich an sie. „Bea, später ist genug Zeit für Fragen, wir müssen erst alles wissen.“
Ich erzählte den Rest der Geschichte, dass ich keinen Stuhl bekam, wie genervt ich anfangs von Deonthes Erzählweise war und dass Deonthes mich zum Schluss sprechen wollte. Sie unterbrachen mich ständig durch Fragen nach Details. Als ich fertig war, schauten sich die beiden an. „Schluss damit!“, sagte ich wütend und erhob mich von meinem Stuhl. „Denkt ihr, ich weiß nicht, was ihr hier treibt? Ihr könnt eure Gedanken lesen und redet so miteinander. Charly aus der Nachbarschaft hat mir das erzählt. Dass man bei der Hochzeit ein Ritual abhalten kann, um sich miteinander zu verbinden. So kann man miteinander reden, ohne dass andere es hören. Ohne dass ER es hört!“

Verdutzt schauten die beiden mich an. „Glaubst du eigentlich selbst, was du da sagst, Beatrice?“ – „Gerrit, lass es gut sein. Sie wird es sowieso erfahren.“ Mein Vater setzte sich. „Also stimmt es?“ Ich stämmte die Hände in meine Hüften. „Ich will wissen, wie das hier abläuft. Ich will wissen, wie dieses System funktioniert. Ich will wissen, warum ihr mich in den Keller gebracht habt. Ich habe so viele Fragen und ihr seid mir eine Erklärung schuldig. Ich habe 14 Jahre in dieser Welt gelebt, ohne zu wissen, was überhaupt los ist, dann kommt dieser Brief, ich werde von bewaffneten Männer zu Hause abgeholt, in die Akademie gebracht, von einer seltsamen Frau mit Narbe herumgeschubst und mir wird gesagt, dass ich ein Outsider bin, dass ich aus der Reihe tanze und sterben muss, wenn ich mich nicht eingliedere.“ Meine Eltern schwiegen. „Es ist eine lange Geschichte, Bea.“ – „Ich habe Zeit“, reagierte ich zickig. „Wenn ich mich nicht irre, hast du eine Aufgabe in der Akademie bekommen. Bitte erledige diese zuerst, schau dir den Sektor an, schaue dich um. Du brauchst die Hauptstraßen heute nicht zu meiden. Die Hubschrauber patrouillieren, es ist sicher draußen. Sieh dir alles in Ruhe an, aber rede am besten mit niemandem. Erzähle niemandem, dass du ein Outsider bist. Wenn du wieder da bist, werden wir dir all deine Fragen beantworten.“ Nach einiger Überlegung willigte ich ein.

Ich ging wieder hinaus, diesmal durch die Vordertür, und schaute mich um. Ich erinnerte mich an die Worte von Deonthes und überlegte, welches Ziel außerhalb der Siedlung ich suchen würde. Ich entschied, auf den Berg zu gehen, um mir von dort einen besseren Überblick zu verschaffen. Die Siedlungen waren nah beieinander und sahen sich sehr ähnlich. Einfache Häuser, nicht sonderlich auffällig. Überall, besonders am Fuße des Berges, waren Fabriken, Bergwerke, Baustellen. Das Stadtbild war durch Kräne gekennzeichnet, die weit über die Dächer der Häuser empor ragten. Am Horizont konnte man den Turm erkennen, indem der Künstler leben soll. Charly sagt, dass man den Turm aus jedem Sektor am Horizont sehe und ihn nur erreichen könnte, wenn man genau weiß, wo er zu finden ist. Unsere Stadt war relativ farblos. Grau, braun, schwarz. Immer wieder konnte ich Arbeiter in schmutzigen Klamotten das Bergwerk betreten sehen. Die Kräne bewegten sich nicht. Es wurde nicht gebaut. Der Sektor wurde durch einen meterhohen Zaun eingegrenzt, nur an wenigen Stellen wurde dieser durch Tore unterbrochen, vor denen jedoch bewaffnete Wachen standen. Ich beschloss, als nächstes an den Zaun zu gehen.

Ich hörte den Hochspannungsstrom durch den Zaun schießen. Es summte ununterbrochen. Ich blickte durch den Zaun, die triste Stadt im Rücken. Hinter dem Zaun lag eine weite Fläche, überwiegend grün. Zunächst nur Wiesen, dann Berge, die mit Wäldern bedeckt waren. Mich reizte der Gedanke, was hinter den Bergen liegen würde. Das Grün wirkte irgendwie beruhigend. Es war abwechslungsreich, etwas anderes im Vergleich zu unserer Stadt. Ich drehte mich wieder um, betrachtete die graubraunen Gebäude, den schwarzen Rauch, der aus den Schornsteinen der Fabrikgebäude stieg. Ist es wirklich erforderlich, dass ich durch die ganze Stadt gehe? Sieht doch eh alles gleich aus. Ich blieb dabei und machte mich auf den Heimweg. Ich ging an der größten Fabrik der Stadt vorbei und wagte einen Blick durch die riesigen Glasfenster. Arbeiter standen am Fließband, Maschinen gab es nur wenige in der Fabrik. Einige Aufseher gingen mit Schlagstöcken die Reihen entlang. Was ist das für eine Welt? Ich ging weiter, überquerte die Hauptstraße, auf der nur wenige Autor fuhren – farblose Autos.

Endlich kam ich zu Hause an. Mom und Dad saßen im Wohnzimmer. Sie schienen sich zu unterhalten, ohne zu reden – mal wieder. „Ich bin wieder da. Wollt ihr es mir jetzt sofort erzählen?“ Meine Mutter atmete durch, setzte sich aufs Sofa und bat mich zu ihr. Ich setzte mich dazu. „Stell mir deine Fragen, Süße.“ Ich überlegte kurz. „Die Hubschrauber, was machen die hier und warum sind die nicht immer da?“ – „Sie schützen euch. Sie kommen immer, wenn die Akademie ihren Schülern einen Auftrag im Sektor gibt, um zu gewährleisten, dass euch nichts passiert. Ihr seid die Zukunft des Sektors.“ – „Die Frau in der Akademie… Was ist sie?“ – „Eine Inanima. Sie ist nicht die einzige. Inanimae handeln ganz nach dem Willen des Künstlers, sie sind willenlos, seelenlos. Im Grunde leben sie nicht einmal mehr. Und doch bleiben sie auf der Erde, um den Künstler zu dienen, solange, bis er sie nicht mehr benötigt.“ – „Warum hat sie keine Seele mehr?“ – „Inanimae waren, so sagt man, einst Outsiders. Sie waren nicht bereit, sich dem Willen des Künstlers zu beugen, haben versucht zu fliehen, wurden aber erwischt. Man wollte sie hinrichten, doch einige von ihnen, erklärten sich bereit, dem Künstler zu dienen. Da man nach dem 18. Geburtstag sein Schicksal diesbezüglich nicht mehr ändern kann, wurden sie seelenlos gemacht. Sie haben keinen eigenen Willen mehr. Alles, was sie tun, steht im Buch des Künstlers. Da sie dich am Arm gepackt hat, stehst auch du nun in seinem Buch. So hat er bemerkt, dass du ein Outsider bist, was der Grund dafür ist, dass du keinen Stuhl bekommen hast.

Der Künstler hat dieses Buch. Er braucht nicht einmal selbst zu schreiben, das passiert von allein. Er kann jedoch, und das tut er immer wieder, eingreifen und beliebig weiterschreiben. Deshalb kann es sein, dass manche Personen für einige Zeit unter seinem Bann stehen und in seinem Ermessen handeln. Den Rest der Zeit sind diese Menschen frei. In der Regel greift er dann ein, wenn er das System in Gefahr sieht.“ – „Welchen Zweck verfolgt er?“ – „Er will den Frieden bewahren.“ – „Ist das alles?“ – „Bea, du musst verstehen, dass auch wir nicht alles sagen können. Der Künstler würde sonst eingreifen.“ – „Ich will Antworten! Was sind Outsider, warum gibt es sie?“ – „Warum es sie gibt? Keine Ahnung. Es gibt sie in jedem Sektor. Sie leben zunächst wie alle anderen auch, bis sie entdeckt werden. Bis zu ihrem 18. Geburtstag leben die Kinder frei. Erst dann müssen sie sich entscheiden. Dann werden sie ge…“ – „Linda, pass auf was du sagst!“, unterbrach mein Vater sie. Mom nickte. „Entscheiden sich die Kinder gegen das System, werden sie gewaltsam entfernt. Immer mehr fliehen deswegen aus ihren Sektoren. Man weiß nicht genau, wo sie sich aufhalten und was genau sie tun.“ – „Ihr seid also keine Outsider?“ – „Nein, Bea. Nicht mehr.“ – „Und was ist das für ein Ritual, das bei eurer Hochzeit vollzogen wurde?“ – „Es gibt keine genauen Details. Mit der Ehe wird es den Ehepartnern ermöglicht, in den Gedanken miteinander zu reden, ohne dass der Künstler davon Kenntnis erlangt. Er weiß davon, kann aber offensichtlich nichts dagegen tun.“ – „Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es Dinge, über die ihr nicht reden dürft.“ – „Richtig, Bea. Wir dürfen nichts sagen, was das System in irgendeiner Weise gefährden könnte.“ – „Also dürft ihr nicht über das System reden?“ – „Wir dürfen unsere Tochter aufklären, so wie dein Lehrer es auch darf. Wir dürfen deine Fragen beantworten, dürfen dich aber nicht unterstützen, was das Leben im System angeht. Entscheidest du dich gegen das System, entscheidest du dich in gewisser Weise gegen uns.“ – „Das System… Wie funktioniert es? Ich habe in den Fabriken Wachmänner gesehen, mit Schlagstöcken.Warum sind die Sektoren getrennt? Wieso gibt es einen Elektrozaun um unseren Sektor, wieso werden die Tore bewacht und was ist im Grenzland?“ – „Ich übernehme, Linda. Du hast genug gesagt, was dich in sein Buch bringen könnte. Lass erst einmal mich reden.“ Mein Vater setzte sich zu uns. Gespannt wartete ich, was er zu sagen hatte.

 

Kapitel 3: Das System

2016, Leipzig – Es herrschte Krieg. Schüsse, Explosionen, Bombenalarm. Es stürzten Häuser ein, es stürzten Flugzeuge ab, es explodierten Autos, es starben Menschen. Schon wieder eine Bombe. Man erkannte die Welt nicht mehr wieder. Man hatte keine Zeit, um über die Ursachen des Krieges nachzudenken. Es war ein schlimmer Krieg. Noch einige Jahre zuvor hatte man gesagt, man wäre dem Weltfrieden wieder einen Schritt näher. Alles leere Worte.

Wir versteckten uns im Keller, meine Freundin Linda, meine Mutter und ich. Mein Vater kämpfte draußen.
So richtig wusste niemand, warum man kämpfte. Es gab keinen Sinn dahinter, doch der Frieden war so instabil, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen war, bis ein winziger Funke eine gewaltige Explosion auslöste. Es gab einen lauten Knall, die Wände bebten und wir hielten uns die Ohren zu. Wir schrien und hatten panische Angst, doch meine Mutter beruhigte uns. Das Beben nahm kein Ende. Meine Mutter machte uns klar, dass wir das Haus verlassen müssten. Wir warteten einen ruhigen Moment ab, stürmten die Treppe hinauf, hinaus ins Freie.
Ein Großteil der Stadt lag in Trümmern. Linda hielt sich die Augen zu. Die Straße bot ein Bild des Schreckens. Fahrzeuge waren komplett ausgebrannt, Häuser eingestürzt oder schwer beschädigt, Menschen lagen überall, regungslos, tot.

Ein paar Soldaten unseres Landes liefen an uns vorbei und verschwanden an der nächsten Kreuzung. Wir liefen die Straße entlang, kletterten über die Trümmer, sprangen über die Krater, die die Bomben in die Straße gerissen hatten, wichen den Leichen aus. Und obwohl es ein so schrecklicher Anblick war, wurde jeder leblose Körper für eine Sekunde von uns gemustert, um zu prüfen, ob es ein Bekannter war. Man sah viele bekannte Gesichter, Menschen aus der Nachbarschaft, die fliehen wollten, es aber nicht geschafft hatten.
Die Bomber drehten ab, verschwanden vom Himmel über unserer Stadt. Wieder eine Explosion. Wir drückten uns an die Mauer einer Ruine, um in Deckung zu gehen, liefen wenige Sekunden später weiter.

Meine Mutter packte uns an den Armen. „Halt!“, sagte sie und drückte uns an die Wand. Vorsichtig schaute sie um die Ecke. Sie winkte uns und wir liefen weiter. Aus der Ferne kam ein Donnern immer näher. Am Horizont erschienen neue Bomber. „Nur noch ein Stückchen“, schrie sie uns an. Kampfjets zischten über unseren Köpfen hinweg, den Bombern entgegen. Endlich erreichten wir den Bunker. Er wurde von Soldaten unseres Landes bewacht. Sie ließen uns eintreten. Es waren nicht viele Menschen, die hier versammelt waren und ich konnte mich nicht entscheiden, ob das Bild im Inneren des Bunkers trauriger war als das der Stadt.
Kinder mit Kriegsverletzungen lagen auf Krankenbetten, waren voller Blut. Sie wurden versorgt, an ihren Betten standen, Eltern, Geschwister oder Freunde. An anderen Betten stand niemand. Uns ging es den Umständen entsprechend gut. Meine Mutter versuchte zu helfen, kümmerte sich um die Kinder, die niemanden mehr hatten. Linda und ich sanken weinend zu Boden.

 

 

Es vergingen Minuten, Stunden, Tage. Der Krieg forderte seine Opfer. Über Radio und Funk bekam man immer neue Informationen, neue Todeszahlen, Kapitulationen. Städte wurden dem Erdboden gleich gemacht, ganze Staaten ausgelöscht. Irgendwann wurden die Sender eingestellt. Wir waren hier drin, der Krieg war dort draußen.

Irgendwann kamen Soldaten in den Bunker, doch es waren nicht die unseren. Sie waren bewaffnet, doch sie schossen nicht auf uns. Wir alle hatten Angst. Während ein paar von ihnen die Leichen aus dem Bunker schafften – einige der verletzten Kinder waren ihren Verletzungen erlegen – bewachten uns die übrigen Soldaten. Wir saßen zusammengekauert an einer Wand, die Soldaten standen vor uns, niemand redete. Man hörte ein Schluchzen, daraufhin wieder Stille. Endlich trat ein Soldat hervor und begann uns zu erklären, dass der Krieg beendet sei. Er wäre ein Kämpfer für den Frieden, der in der neuen Welt für Sicherheit sorgen würde.
Ich verstand nicht. Was meinte er mit „neue Welt“? Er entfaltete ein Stück Papier und fing an, zu lesen. „Krieg, Gefahr, Angst und Zerstörung. Die Menschheit war dabei, sich selbst zu vernichten. Bomben, Salven, Nuklear-, Bio- und Chemiewaffen wurden eingesetzt, um Menschen zu vernichten. Um zu verhindern, dass sich die Menschheit auslöscht, wurde in der letzten Nacht ein neues System erschaffen. Menschen aller Altersklassen werden in den Süden gebracht, um dort in einer Welt zu leben, die dem Krieg trotzdem konnte. Ab dem morgigen Tag werden sie die Grundsätze des neuen Systems gelehrt, lernen die neue Welt kennen. Diese neue Welt ist in fünf sogenannte Sektoren unterteilt. Sie stehen für Luxus, Wohlstand, Sicherheit, Geborgenheit und Überleben. Wer sich im neuen System bewährt, wird all dies erhalten, wer nicht…“ Er knüllte das Papier in seiner Hand und warf es zu Boden. „Geht hinaus, nehmt Abschied von den Verstorbenen. Wir sehen uns in einer Stunde wieder, ihr werdet dann abgeholt. Wer nicht rechtzeitig ist, bleibt in dieser verlorenen Welt zurück.“

Die Soldaten traten beiseite. Von Angst erfüllt und nur mit großer Überwindung standen nach und nach immer mehr Menschen auf, gingen an den Soldaten vorbei, verließen den Bunker. Irgendwann konnten auch wir uns überwinden. Wir kamen ins Freie, mussten unsere Augen zukneifen, geblendet vom gleißenden Sonnenlicht. Die Toten, ein jeder für sich, lagen in einer Reihe am Straßenrand nebeneinander. Man hatte ihre Hände gefaltet, ihre Augen geschlossen. Es schien, als würden sie friedlich schlafen – für einen kleinen Moment. Die Menschen, die aus dem Bunker kamen, gingen zum Anfang der Reihe, gingen sie langsam und mit Bedacht entlang, weinend und voller Entsetzen. Von Zeit zu Zeit sah man eine Frau weinend vor einem toten Körper zu Boden sinken – vor dem Körper eines Bekannten. Voller Angst machten auch wir uns auf den Weg. Langsam, Schritt für Schritt, gingen wir die Reihe entlang. Und obwohl es ein so schrecklicher Anblick war, verspürte man Erleichterung, solange man niemanden sah, den man kannte. Wir kamen weit voran. Ich sah Frauen, die vor ihren verstorbenen Männern weinten. Ich sah Kinder, die vor ihrem verstorbenen Vater auf dem Boden kauerten. Plötzlich schrie meine Mutter auf, noch bevor ich aufschauen konnte, hielt sie mir die Augen zu. Sofort ahnte ich, was sie gesehen hatte. Eine Träne löste sich aus meinen Augen, ich griff nach der Hand meiner Freundin, packte sie ganz fest und dachte darüber nach, wann ich meinen Vater das letzte Mal lebendig gesehen hatte. Meine Mutter führte mich ein Stück weiter, bevor sie langsam ihre Hand von meinen Augen nahm. „Dreh dich nicht um, hörst du?“ Ich gehorchte. Wir gingen weiter, sahen Nachbarn, Bekannte und Kinder dort liegen. Als wir am Ende der Reihe angekommen waren, waren wir dankbar, dass wir überlebt hatten. Wir waren dankbar für das neue System, das uns den Frieden brachte.

Wir wurden anschließend in einen Bus gesetzt. Man war freundlich zu uns. Wir fuhren eine ganze Weile, vorbei an zerstörten Städten, mussten sogar die Route ändern, weil die Autobahn beschädigt war. Irgendwann schlossen wir zu einer Kolonne auf. Es wurden immer mehr Busse, die offensichtlich alle dasselbe Ziel hatten. Doch uns kamen auch Busse entgegen, fuhren in eine andere Richtung. Man erklärte uns, dass wir nun in den zweiten Sektor gefahren werden. Wir konnten mit der Bezeichnung nicht sonderlich viel anfangen. Man sagte uns nicht, in welche Stadt wir gefahren wurden, aber das war uns egal. Die Busse wurden langsamer. Wir passierten ein riesiges Tor, das hinter dem letzten Bus geschlossen wurde. Wir hielten an einem großen Platz, stiegen aus und wurden von den Leuten aus den anderen Bussen freundlich begrüßt.
Man erzählte uns, dass wir fortan hier leben, arbeiten und wohnen würden. Uns würde es nicht an Nahrung und nicht an Wasser mangeln, wir hätten Strom und sogar einen Fernseher. Gleichzeitig wurden wir gebeten, am morgigen Tag in der Akademie zu erscheinen. „Jedem von euch winkt ein vollkommen neues Schicksal!“, sagte einer der Soldaten lobend. Die Busse verschwanden. Die Soldaten gingen an das Tor, die Mauer, den Zaun, brachten uns in unsere Häuser, zeigten uns die Akademie. Es war zwar nicht wie in Leipzig, aber es war ohne Zweifel besser als der Tod.

 

2041 – „Wir erhielten dann einen Crashkurs über dieses System. Da wir die erste Generation waren, die dieses System belebte, musste alles sehr schnell gehen, um uns einzugliedern. Wir hatten die freie Wahl – Outsider oder das System. Die meisten entschieden sich für das System. Die wenigen, die sich dagegen entschieden, verschwanden plötzlich ohne jede Spur. Man wollte uns weismachen, sie seien geflohen, doch daran glauben wir bis heute nicht.“ Ich war entsetzt von der Geschichte, die mein Vater erzählt hatte. Sie fühlte sich so real an. Meine Eltern schauten mich an, Dad nahm mich in den Arm. „Ihr habt euch für das System entschieden?“ Sie nickten. Ich atmete tief durch und versuchte, das Gehörte zu verdauen. „Wie entstehen Outsider? Warum gibt es sie und was macht sie so besonders?“, wollte ich wissen. Ich wollte wissen, wer ich tatsächlich bin. Das beschäftigte mich.

„Wir wissen nichts darüber, wie und warum Outsider entstehen. Und wir können nur vermuten, was einen Outsider besonders macht. Outsider scheinen besonders frühreif und und gleichzeitig besonders einfühlsam zu sein. Ich verstehe selbst nicht genau, warum, aber irgendwie scheint diese Eigenschaft sie immun gegen den Willen des Künstlers zu machen. Diese Kinder haben ihr Schicksal selbst in der Hand. Entweder sie schließen sich dem System an, oder…“ Es klopfte. „Erwarten wir Besuch?“, ich war verwundert. Mein Vater schüttelte den Kopf und auch meine Mutter war ahnungslos. „Linda, nimm Bea. Ich öffne die Tür. Wenn nötig, flieht. Du kennst den Weg.“ Mum nahm mich an die Hand und ging mit mir zur Kellertür, während mein Vater die Tür öffnete. „Ahhh, Herr Nachbar.“, rief mein Vater – beinahe zu laut – und gab somit Entwarnung. Es war unser Nachbar, der sich nur ein wenig Zucker ausleihen wollte. Ein anstrengender Tag ging für mich zu Ende. Ich entschloss, ins Bett zu gehen. Als die Glocken der Kirche draußen Mitternacht schlugen, lag ich noch immer wach und versuchte, die vielen Informationen zu verarbeiten. Je länger ich nachdachte, desto mehr Fragen kamen auf. Fragen, die mir nur einer beantworten konnte – der Künstler.

 

Kapitel 4: Der Junge aus der Nachbarschaft

Es war noch nachts, als ich aufwachte. Draußen war es noch dunkel, nur das schwache Licht der wenigen Straßenlaternen schimmerte in mein Zimmer. Ich schaute auf meine Uhr – 3:42 Uhr. Ich schloss die Augen wieder, atmete tief durch.

Ein lautes Geräusch riss mich aus meinen Träumen. Ich schreckte auf, saß kerzengerade auf meinem Bett. Ein Poltern. Ich starrte zur Tür. Es wurde ruhig. Ich wartete noch einen Moment, dann schaute ich auf die Uhr – 4:23 Uhr. Die Sonne ging gerade auf, die ersten Sonnenstrahlen fielen in mein Zimmer und färbten die leeren Wände angenehm rötlich. Etwas zerschepperte außerhalb meines Zimmers. Ich wollte gerade aufstehen, um nachzusehen, als die Tür aufging. Zwei bewaffnete Männer, komplett in grau gekleidet, betraten mein Zimmer. Ich müsse mitkommen, sagten sie. Mir blieb keine andere Wahl. Sie führten mich die Treppe hinunter. An der Eingangstür standen meine Mutter und mein Vater – sie beide schauten mich an, Mama weinte. „Dir wird nichts passieren, Bea. Vertrau mir!“, ermunterte mich Dad. Auch ich weinte. Als ich an den beiden vorbeiging, nahm meine Mum meine Hand. Ich schaute zu ihr hinauf, ehe mich die Männer aus dem Haus führten. Vor unserer Tür stand ein Truck – grau, wie all die anderen Autos. Wir stiegen ein.

Während der Fahrt fuhren wir noch an vielen ähnlichen Trucks vorbei. Auch sie standen vor den Häusern, die Haustüren waren weit offen. Aus einigen kamen ebenfalls bewaffnete Männer mit Kindern in meinem Alter heraus. Wir fuhren nicht lange und kamen an einem großen Gebäude mitten in der Stadt an. Dort standen schon einige andere Kinder, sodass ich mich einfach hinzu stellte. Wir wurden in die große Eingangshalle geführt und man befahl uns, sich hinzusetzen, bis wir abgeholt werden. Die Männer dunkelten die Halle ab und verließen uns dann. Eine Gestalt in einem langen Gewand kam aus einer Tür auf uns zu. Ich erschauderte.

 

Meine Mum weckte mich. „Bea, du musst zur Akademie.“ Ich schaute sie an, warf dann einen Blick auf die Uhr. „Ich stehe gleich auf, Mum.“ – „Hast du gut geschlafen, mein Kind?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab von gestern geträumt.“ Meine Mum nahm mich in den Arm. „Ich denke, das ist vollkommen normal. Sowas erlebt man nicht jeden Tag, aber jeder muss da durch.“ Ich nickte. „Mach dich fertig, Dad macht gerade Frühstück.“ Mum lächelte und verließ mein Zimmer. Ihr Lächeln hatte eine beruhigende Wirkung.
Ich kam hinunter, setzte mich zu meinen Eltern an den Frühstückstisch. Wir aßen gemeinsam, ehe ich mich auf den Weg zur Akademie machte.

 

Ich war spät dran, die anderen Kinder saßen schon in der Wartehalle. Heute waren es mehr als gestern. Wir schienen die jüngsten zu sein. Es waren viele ältere Kinder dort. Ich ging zu meiner Klasse. Komischerweise war es mir unangenehm, an den anderen Kindern vorbeizugehen. Seit dem gestrigen Tag wollte ich nicht unnötig auffallen – seitdem ich weiß, dass ich anders bin. Ich bemerkte einen älteren Jungen. In Gedanken versunken saß er auf einer Bank und schien zu träumen. Meine Schritte wurden kleiner, ich wurde immer langsamer und blieb schließlich stehen, schaute ihn an. Er bemerkte mich nicht. Ich wurde unsanft gestoßen und drehte mich empört um. Ich blickte in das vernarbte Gesicht einer Inanima, die mich weiter schubste, bis ich bei den anderen Kindern meiner Klasse war. Sie führte uns – wie gestern auch – den langen, düsteren Gang entlang, bis wir unseren Unterrichtsraum erreichten. Sie öffnete die Tür und wir gingen nacheinander in den Raum. Ich war die letzte und ging ebenfalls an ihr vorbei. Sie seufzte und schloss hinter mir die Tür. Deonthes stand hinter dem Pult, wartete bis wir uns gesetzt hatten und begann dann zu reden.

„Willkommen! Willkommen zu eurem nunmehr zweiten Tag an dieser Akademie. Ich freue mich, dass wir noch immer vollzählig sind.“ Er warf mir einen freundlichen Blick zu, bevor er sich wieder der kompletten Gruppe zuwandte. „Ich hoffe, ihr habt die Chance genutzt, euch in diesem Sektor umzusehen. Wir befinden uns in Sektor 2. Dieser Sektor steht für Geborgenheit. Es mangelt uns an nichts. Wir haben Nahrung, Wasser und sogar Autos. Wir haben alles, was wir für das Überleben brauchen. Dieser Sektor steht außerdem für den Bergbau und die Industrie. Dinge, die wir brauchen, Dinge, die andere Sektoren brauchen, Dinge, die der Künstler braucht… All das wird hier produziert. Sektor 1 steht für das Überleben. Die Arbeit dort hat sich auf die Land- und Forstwirtschaft und die Fischerei spezialisiert. Doch die Ernte aus Sektor 1 steht nicht allein den Arbeitern dort zu. Die gesamte Nahrung, die im System Umlauf findet, stammt aus Sektor 1. Deshalb ist Sektor 1 der größte Sektor im System. Die Menschen dort leben bescheiden, aber sie leben! Sektor 3 ist kleiner als unser Sektor…“
Deonthes ging alle Sektoren durch, erzählte Geschichten, in denen er die verschiedenen Sektoren besuchte, beschrieb sie und zeigte uns sogar Fotos von seinen Reisen. Irgendwann beendete er den Unterricht. Während alle anderen Kinder den Raum verließen, rief er mich zu sich. „Keiner – auch nicht deine Mitschüler – scheinen etwas nach außen getragen zu haben. Es kursieren jedenfalls noch keine Geschichten über das Outsidermädchen aus meiner Klasse. Ich kann mir vorstellen, wie es dir geht, nachdem sich dein Leben umgekrempelt hat. Du hast sicherlich schlecht geträumt, oder?“ Ich nickte. Deonthes kramte in seiner Tasche und holte eine kleine Box hervor. Er öffnete sie und nahm ein paar grüne Blätter heraus. „Das sind Blätter der Passionsblume, eine Pflanze, die es in keinem Sektor gibt. Man findet sie im vereinzelt im Grenzland. Koch die Blätter abends mit heißem Wasser auf. Das nimmt die Angst und fördert einen guten Schlaf.“ Er drückte mir die Blätter in die Hand. „Ist das nicht…“ – „Verboten?“, vollendete er meinen Satz, „Ist es nicht. Du magst eine Outsiderin sein, aber in erster Linie bist du ein Kind des Systems, also darf ich dir helfen, wenn es dir nicht gut geht. Würde ich dich aktiv unterstützen, das System zu stürzen, wäre das etwas anderes. Letztendlich profitiere ich ja nur, wenn du ausgeschlafen in den Unterricht kommst.“ Er lächelte und verabschiedete sich dann von mir.

 

„Bea, hier ist ein Brief für dich“, sagte meine Mutter, als ich das Haus durch den Hintereingang betrat. „Ein Brief? Ich habe noch nie einen Brief bekommen!“ Ich freute mich und ging zu meiner Mutter, um ihr den Brief abzunehmen. Als ich auf meinem Zimmer war, öffnete ich den Umschlag und entnahm den Brief.

Liebe Bea,
ich habe dich schon häufiger in der Stadt getroffen, doch ich habe mich nie getraut, dich
tatsächlich anzusprechen. Mir ist aufgefallen, dass du mich heute in der Akademie bemerkt
hast. Tut mir Leid, dass dieses Wesen dich meinetwegen geschubst hat. Es ist auffällig, wie sie
mit dir umgeht. Inanimae waren noch nie sonderlich freundlich, aber derart unfreundlich sind
sie nur zu einer Gruppe von Menschen. Ich denke, du bist eine Outsiderin.
Wenn ich mich nicht irre, ist das dein erstes Jahr an der Akademie. Ich absolviere mittlerweile
mein viertes und somit letztes Jahr. Ich wohne auch in deiner Siedlung, daher
wundert es mich, dass du mich nicht früher schon bemerkt hast. Ich erinnere mich noch relativ
genau an meinen ersten Schultag. Mit mir sind die Inanimae damals ähnlich umgegangen, doch
für mich nimmt dieses Verhalten noch eine ganz andere Bedeutung ein. Wenn du mir antworten
willst, leg deinen Brief am Abend in die Zeitungsrolle an eurem Haus. Ich hole ihn mir dann ab.
Severin

 

Ich musste mir den Brief ein zweites Mal durchlesen, weil es mich sehr verwunderte, dass er wusste, was ich bin. Ich folgerte, dass er ebenfalls ein Outsider sein musste und machte mich sofort daran, eine Antwort zu schreiben.

Lieber Severin,
ich schließe aus deiner Erfahrung, dass du ebenfalls ein Outsider sein musst. Meine Eltern
haben mir davon erzählt, dass man sich nach seiner Zeit an der Akademie entscheiden muss,
aber es gibt etwas, was sie mir diesbezüglich verheimlichen. Ich würde mich deshalb gerne
mal mit dir unterhalten. Wäre es möglich, dass wir uns mal treffen? Ich habe eine Menge
Fragen und hoffe, dass du mir diese beantworten kannst. Außerdem kann es ja nicht falsch
sein, auch ältere Freunde in der Siedlung zu haben!
Bea

Ich legte den Brief in den Umschlag und ging dann hinunter in die Küche. „Mum? Deonthes hat mit Blätter der Passionsblume gegeben. Ich soll die in einem Tee trinken, damit ich besser schlafen kann.“ Meine Mum betrachtete die Blätter. „Schatz?“, rief sie durch das Haus und wenige Augenblicke später kam mein Vater in die Küche. „Sieh mal. Das letzte mal als ich die Blätter einer Passionsblume gesehen habe, war ich bei dir und deiner Mutter.“ – „Oma?“, fiel ich ihr ins Wort, „Ihr habt mir nie erzählt, was mit ihr passiert ist.“ Sie schauten sich an. „Ihr tut es schon wieder, oder?“ – „Geh doch bitte in dein Zimmer, Liebes. Deine Mutter und ich müssen das erst besprechen, bevor wir dir etwas erzählen. Du musst doch sicher Hausaufgaben machen.“ Ich war etwas sauer, doch dann ging ich wieder in mein Zimmer. Die Aufgabe lautete: Zeichne ein Bild, das die Welt, in der wir leben wiederspiegelt.

Ich fing an, legte zunächst eine Skizze an und begann dann zu malen. Ich malte einen endlosen Wald, malte die Schönheit der Natur, einen Sonnenuntergang. Doch dann malte ich einen Zaun, der den Betrachter einsperrte, ihm keine Möglichkeit gab, der Natur nahe zu sein und ich malte einen Turm, weit weg am Horizont, und doch klar und deutlich zu erkennen.
Es war spät geworden. Das Malen hatte eine Menge Zeit beansprucht. Ich nahm den Brief, legte ihn wie verabredet in die Zeitungsrolle und trank dann meinen Tee zum Abendessen, bevor ich mich bettfertig machte.

Ich hatte tatsächlich besser geschlafen, stellte ich fest, als ich am Morgen geweckt wurde. „Guten Morgen, Prinzessin“, weckte mich mein Vater, „hier ist ein Brief für dich.“ Sofort war ich hellwach, setzte mich auf und nahm meinem Vater den Brief aus der Hand. Er lachte und ging dann hinunter, um das Frühstück zu machen.

Liebe Bea,
wir sollten uns wirklich einmal treffen. Kennst du den Berg direkt am Zaun, von dem man den
Turm am Horizont erkennen kann? Wir treffen uns, wenn die Sonne den Horizont berührt.
Severin

Der Tag in der Akademie verging schnell. Wir waren wieder die einzigen Schüler in der Wartehalle, was neue Fragen aufbrachte, die mir Severin hoffentlich beantworten konnte. Deonthes erzählte uns etwas über die Aufteilung der Sektoren, warum welcher Sektor welche Aufgabe hatte, und über die Geschichte dieser Akademie. Er wich dabei häufiger vom eigentlichen Thema ab, brachte seine eigene Lebensgeschichte mit ein und sagte, dass er die Bilder erst morgen sehen wolle. Auch der Nachmittag verging schneller als erwartet, sodass ich mich bald zum vereinbarten Treffpunkt aufmachte.

Severin war schon dort und wartete geduldig auf mich. Er begrüßte mich, betrachtete mich kurz und lächelte dann. „Sicher hast du viele Fragen“, sagte er und sprach damit aus, was ich die ganze Zeit dachte. „Du bist auch ein Outsider, oder?“ Er nickte. „Wie alt bist du?“ – „Vor einigen Wochen 18 geworden.“ – „Das heißt, du musst dich bald entscheiden, oder?“ – „Das stimmt wohl. Ich weiß selbst nicht besonders viel darüber, wie das abläuft. Es kann jederzeit passieren.“ – „Wie wirst du dich entscheiden?“ – „Ich frage mich, was das für ein tolles System sein soll, indem die Menschen gezwungen werden, zu handeln. Die Menschen leben nach den Vorstellungen eines Mannes. Das hier ist kein Frieden, auch wenn es keinen Krieg gibt. Das hier ist eine Diktatur. Ich denke, jeder sollte die Möglichkeit haben, eigenständig über sein Leben zu entscheiden. Das ist der Grund, warum ich den Sektor verlassen werde, wenn ich vor die Wahl gestellt werde.“ – „Wir teilen diese Ansicht. Severin, bitte verzeih mir die vielen Fragen.“ Er lächelte. „Das ist vollkommen in Ordnung, Bea. Ich hatte damals auch viele Fragen.“ – „Warum waren heute nicht alle Schüler in der Akademie?“ – „Du musst nur in der ersten Woche jeden Tag zur Akademie. Anschließend findet der Unterricht nur noch wöchentlich statt.“ – „Eine Frage habe ich noch. Du hast in dem Brief geschrieben, dass das Verhalten der Inanimae damals eine ganz besondere Bedeutung für dich eingenommen hat. Wie meinst du das?“ Er holte tief Luft. Ihn schien diese Frage zu bedrücken. „Das tut mir Leid. Ich wollte dich nicht traurig machen“, entschuldigte ich mich. „Schon okay“, entgegnete er, „Meine Mutter entschloss sich als ich klein war, dem System den Rücken zu kehren. Sie wollte als eine der ersten Outsider ins Grenzland fliehen, schaffte es auch den Sektor zu verlassen, wurde dann aber wenig später erwischt. Ich lebe bei meinem Vater. Er erzählte mir die Geschichte und erwähnte einen Brief, den er wohl vom Künstler persönlich bekommen habe.“ Die Geschichte berührte mich und machte mich gleichzeitig neugierig. „Was stand in dem Brief?“ – „Aufgrund seiner grenzenlosen Großzügigkeit habe sich der Künstler bereit erklärt, ihr das Leben weiterhin zu gewähren. Sie müsse sich jedoch vollkommen seinem Willen unterordnen. Ich schließe daraus, dass sie nun eine Inanima ist – eine von vielen.“

 

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, bevor unser Gespräch unterbrochen wurde. „Severin? Wo bist du schon wieder, Severin?“ Eine weibliche Stimme erreichte uns vom Fuß des Berges. „Das ist meine Freundin Michelle. Wir sind seit meinem 18. Geburtstag ein Paar – lustiger Zufall, oder?“ Ich lächelte verlegen. „Ich schreibe dir wieder, ich muss nun erstmal los.“ Er machte sich auf den Weg bergab. „Severin?“, rief ich hinterher, „Der Künstler? Weiß er von diesem Gespräch?“ – „Wenn du weiter so schreist, weiß er zumindest, dass wir uns getroffen haben.“ Er lachte und auch ich musste lachen. Ich drehte mich um, schaute durch den Zaun. Ich sah Berge, bedeckt von Bäumen. Ich sah die Natur, endlos und schön. Ich sah den Sonnenuntergang, warm und anmutig zugleich. Und ich sah den Turm, weit weg und doch so klar. Das alles konnte ich durch den Zaun sehen. Ich schloss die Augen für einen Moment und träumte von der Freiheit, von der weiten Welt, die dort draußen wartete – vielleicht völlig unberührt. Orte, die seit Jahren niemand mehr erblickt hatte. Ich öffnete die Augen wieder, blickte erneut durch den Zaun in die Ferne. Mir kam dieses Bild bekannt und vertraut vor. Es gleichte dem Bild, das ich gestern gemalt hatte.

 

Kapitel 5: Die Geschichten der Grace Black

„Guten Morgen“, begrüßte Deonthes uns, „wie ihr sicherlich bemerkt habt, sind die Helikopter wieder unterwegs, um für Sicherheit zu sorgen. Nicht aber, weil ihr wieder durch Sektor 2 laufen sollt, sondern weil wir diesen Sektor heute verlassen werden und Kinder eines anderen Sektors diesen heute besuchen werden, so sieht es der Lehrplan vor. Wir werden mit einem Bus fahren und noch bevor die Sonne untergeht zurück sein. Darf ich euch für diesen Zweck meine Enkelin Grace vorstellen?“ – „Ich denke, ich stelle mich kurz selber vor“, übernahm sie das Wort. Grace war höchstens Anfang 20 und hatte langes, leicht welliges, schwarzes Haar. Ihre Haut schien blass, aber ich konnte nicht unterscheiden, ob sie es tatsächlich war, oder ob das nur durch das schwierige Licht so aussah. Sie war modern gekleidet und ihre Augen leuchteten im schwachen Licht. „Mein Name ist Grace, ich werde aufgrund meiner schwarzen Haare immer Grace Black genannt, es reicht aber, wenn ihr Grace sagt. Ich bin 22 Jahre alt und werde euch heute begleiten.“ Deonthes schmunzelte und schaute dann in die Gruppe. „Wir werden uns zuerst Sektor 1 ansehen. Jeder von euch erhält einen Lageplan mit wichtigen Informationen zu unterschiedlichen Stationen, die ihr in diesem Sektor ansteuern könnt. Wichtig ist, dass ihr stets mindestens zu zweit herumlauft. Leider ist Felicia heute krank, sodass ihr nur 19 Kinder seid, aber ich bin sicher, dass Grace auch bei jemandem mitgehen kann. Bildet bitte schnell Zweiergruppen, der Bus wartet schon vor der Akademie.“
Wie erwartet, war ich die einzige, die allein blieb, weshalb Grace sich zu mir gesellte, bevor wir zum Bus gingen. Ich setzte mich an Fenster, Grace setzte sich rechts neben mich. Als alle im Bus waren, wurden die Türen geschlossen und der Bus fuhr los. Ich schaute aus dem Fenster, während wir vom großen Platz rollten. An der Straße standen Severin und seine Freundin. Severin sah mich und winkte mir, seine Freundin lächelte, Deonthes Stimme erklang. „Wie ihr sicher wisst, ist Sektor 1 agrarisch geprägt. Er steht für das Überleben. Nicht nur für das Überleben innerhalb des Sektors, sondern auch für unser Überleben – die nötigsten Lebensmittel kommen aus Sektor 1. Um Sektor 1 erreichen zu können, müssen wir eine ganze Weile durch das Grenzland fahren, eine Fahrt, die nicht ganz ungefährlich ist. Deshalb wird am Tor unseres Sektors eine Wache zusteigen, die uns auf der Fahrt begleitet und beschützt.“ Der Bus wurde langsamer und wir hielten am Tor. Als die Tür aufging, stieg eine bewaffnete Wache ein. Sie ging einmal durch den Bus, schaute in jede Sitzreihe und ging dann wieder nach vorne. „In Ordnung, es kann losgehen“, gab er seinen Kollegen draußen zu wissen. Die Bustür wurde geschlossen und wenige Augenblicke später ging das Tor auf, sodass wir losfahren konnten.

„Wir durchqueren jetzt das Grenzland, um von unserem Sektor, Sektor 2, zu Sektor 1 zu gelangen. Das Grenzland wird von Tieren bewohnt und wurde vom Künstler der Natur wiedergegeben. Man sagt, dass die Outsider, die aus ihrem Sektor geflohen sind, irgendwo im Grenzland eine Siedlung errichtet haben und seitdem dort leben. Der Künstler hat schon häufiger Suchtrupps losgeschickt, doch wenn sie zurückkamen, dann ohne Ergebnisse. Im Grenzland ist die Macht des Künstlers im Vergleich zu den Sektoren sehr gering, sodass schwer für ihn ist, die Truppen zu verfolgen und so eventuell die Outsider zu lokalisieren. Das Grenzland birgt jedoch noch mehr Gefahren. Hier leben wilde Tiere, Tiere, die man wohl in keinem der Sektoren je gesehen hat. Es gibt steile Abhänge, alte Bäume, die umstürzen, reißende Ströme. Man ist dem Wetter ohne Schutz ausgeliefert, weshalb es nicht ratsam ist, seinen Sektor freiwillig zu verlassen. An vielen Stellen wurde mittlerweile mit Aufforstungsprogrammen angefangen, um der Natur auch die letzten verlassenen Städte zurückzugeben. Die Welt hier draußen ist nicht unberührt. Menschen haben vor dem großen Krieg überall gewohnt, doch mittlerweile ist es gelungen, weite Teile des Grenzlandes wieder der Natur anzuvertrauen.“

Ich beobachtete die anderen Kinder. Sie starrten gebannt aus dem Fenster. Grace schien zu schlafen, weshalb auch ich mich entschied, während der Fahrt aus dem Fenster zu schauen. Die Straße war von Bäumen umschlungen, die nur wenig Licht durchließen. Egal wo man hinsah, man schaute in einen endlosen Wald. Hin und wieder sah man einige Tiere zwischen den Bäumen entlang springen. Der Bus wurde langsamer. „Wenn ihr dort hinten nach rechts schaut, seht ihr einige Rehe. Sie leben hauptsächlich in Wäldern. Nur die männlichen Tiere tragen auf dem Kopf ein Geweih, mit dem sie zum einen ihr Revier markieren und verteidigen, zum anderen um ihr Weibchen kämpfen. Die kleineren Tiere, die dort vorn auf der rechten Seite kommen, sind Hasen. Man erkennt sie an ihren langen Ohren, die man Löffel nennt. Und auf der linken Seite, wenn wir an die Bäume schauen, sehen wir zwei Eichhörnchen, die fangen spielen. Dank ihrer Krallen können sie wunderbar an und auf den Bäumen klettern und ihr langer, buschiger Schwanz hilft ihnen, das Gewicht zu verlagern oder ihren Sprung zu lenken, wenn sie von einem Baum zum anderen springen.“

Wir fuhren noch eine ganze Weile, ehe der Bus wieder langsamen wurde. Wir hielten vor einem Tor, der Wachmann stand auf und verließ den Bus. Es dauerte etwa eine Minute, ehe das Tor aufgemacht wurde und der Bus passieren durfte. Wir hielten auf einem großen Platz und durften aussteigen, bekamen dabei jeder einen Lageplan und erhielten eine Zeit, wann wir uns wiedertreffen würden, um zurückzufahren. Grace kam zu mir und lächelte mich an. Die anderen strömten in alle möglichen Richtungen davon. „Wo möchtest du hingehen?“, wollte Grace von mir wissen. „Du warst schon öfters hier, oder?“ Sie nickte. „Zeigst du mir alles, was man hier gesehen haben muss?“ Sie stimmte zu und wir gingen los. „Wie du sicher weißt, ist Sektor 1 der flächenmäßig größte Sektor. Das liegt natürlich auch daran, dass zwischen den ganzen Häusern irgendwo Platz sein muss, um die Nahrungsmittel anzubauen. Du wirst im Laufe der Zeit merken, dass die unterschiedlichen Sektoren ganz unterschiedliche Klimaten angehören. Nur weil dieser Sektor agrarisch geprägt ist, heißt das übrigens nicht, dass nirgends anders Landwirtschaft betrieben wird. Zitrusfrüchte wie Orangen oder Zitronen werden nicht hier angebaut. Es gibt eine Menge zu entdecken und ich denke, wir sollten das Dorf hier auch verlassen, damit du alles siehst. Ich erinnere mich so gern daran. Als ich 6 Jahre alt war, lebte ich bei meinen Großeltern, weil mein Vater den ganzen Tag in der Fabrik arbeiten musste und meine Mutter uns relativ früh verlassen hat. Sie ist eine der wenigen Menschen, die es bisher geschafft haben, von Sektor 2 in Sektor 3 aufzusteigen. Opa war morgens immer in der Akademie unterrichten und Oma und ich haben uns immer einen schönen Tag zu Hause gemacht. Sektor 2 wurde damals noch direkt versorgt. Wir bekamen frische Milch in Glasflaschen. Oma erzählte mir, dass es das vor dem System auch nicht gab, sondern dass es lange her ist, dass man Milch noch in Glasflaschen bekommen hat. Jeden Tag kamen ein paar LKW, die frische Milch und frische Eier brachten, frisch gebackenes Brot, Kartoffeln und Äpfel – alles frisch. Mit der Zeit änderte sich das. Milch gab es nur noch in Kartons, um sie länger haltbar zu machen, das Brot gibt es abgepackt und wer weiß, was sie mittlerweile alles in die Äpfel spritzen. Der Künstler hat früher versucht, das Leben angenehm und natürlich zu machen, doch die wachsende Bevölkerung im System hat ein Umdenken erforderlich gemacht.“

Ich hörte ihr zu, speicherte die Informationen und machte mir dazu Gedanken. Wir gingen über einen gepflasterten Platz, in dessen Mitte ein Brunnen war. „Sektor 1 steht für Überleben. Es fehlt ihnen an nichts, sie haben Wasser – ich denke das sauberste Wasser im ganzen System –, sie haben Nahrung – wohl auch das frischste Obst, das beste Brot –, aber sie müssen dafür arbeiten. Wasser gibt es im Brunnen, das Essen wächst frisch, überall um sie herum, es gibt mehr als genug davon. Man lebt hier quasi im modernen Mittelalter.“ Ich schaute mich um. An einer Hauswand am Rand des Platzes saß eine Frau, die sich eine Decke übergeworfen hatte. „Grace, was ist mit der Frau dort vorn?“ Grace schaute zu ihr herüber. „Das ist die Kehrseite der Medaille. Der pure Drang und das alleinige Streben nach Überleben hat nicht ausgereicht, um die Menschen dazu zu bewegen, zu arbeiten. Es gibt noch ähnliche Stationen, Menschen die leiden, damit die anderen sich davor schützen wollen. Diese Menschen fungieren wie ein Denkmal, das all die anderen Menschen daran erinnern soll, zu arbeiten, um nicht so enden zu müssen. Es gibt jedoch Menschen, die es weitaus schlimmer erwischt hat.“ – „Die Dame dort vorn, Grace, was ist mit ihr passiert?“ Grace blieb stehen und schaute zuerst mich an, dann an mir vorbei zu der Dame, die immer noch da saß und sich kaum regte. „Ich glaube, es ist knapp sechs Jahre her. Sie kamen, im Winter und nahmen der Dame all das, was sie brauchte, alles, was sie besaß.“ – „Wer kam?“, musste ich sie unterbrechen, um zu verstehen. „Truppen des Künstlers. Die Dame hatte sich geweigert, den ganzen Tag zu arbeiten, wenn sie im Endeffekt eh sterben müsse. Deshalb schickte der Künstler im Winter vor sechs Jahren einige Wachen hierher, um ihr alles zu nehmen, all ihr Geld, ihre Möbel, all ihr Hab und Gut, Erinnerungen in Form von Fotos und Tagebüchern, Dokumente, Kleidung, ihre Werkzeuge, sogar ihre Wohnung. Sie nahmen ihr alles und setzten die Frau auf die Straße. Sie ist bis jetzt über die Runden gekommen. Immer hatte jemand Mitleid, hat sie irgendwo schlafen lassen – und wenn es nur der Keller war. Als ich die Dame zum ersten Mal sah, war das jedoch in einer anderen Siedlung des Sektors. Sie scheint zu wandern, um nicht immer denselben Menschen zur Last zu fallen.“ Ich schaute voller Mitleid zu ihr rüber. „Komm mit, Grace!“ Ich ging zu der Dame, kramte in meiner Tasche und hielt der Frau dann etwas Geld hin. Sie schaute zu mir hinauf, nahm das Geld und hielt dankend ihre Hände um meine. Sie hatte Tränen in den Augen – wohl Freudentränen – und es machte mich irgendwie glücklich, ihr zu helfen.

Wir gingen weiter. „Grace, was gibt es hier noch für Menschen, die als Denkmäler fungieren?“ Sie atmete tief ein und seufzte dann. „Es gibt Menschen wie sie, denen alles genommen wurde, es gibt Menschen, die wurden schwer verletzt, Menschen, die plötzlich erkrankten, Menschen, die ihren Verstand verloren und es gibt jährlich einen Kampf in der Arena von Sektor 5. Dort kämpfen zwei Männer aus Sektor 1, um die Menschen dort zu vergnügen. Nur einer dieser beiden Männer kommt lebendig zurück.“ – „Nach welchen Kriterien werden all diese Menschen ausgewählt?“ – „Opa hat sich damit beschäftigt. Er sagte, die Menschen, die sich am meisten gegen das Arbeiten und das System sträuben, werden ausgewählt, um als solche Denkmäler zu fungieren. Je nach der Schwere ihres Vergehens, fällt die Bestrafung aus.“ Ich hatte genug gehört und wechselte das Thema.
Grace zeigte mir noch eine ganze Menge interessanter Dinge, eine Windmühle, eine Wassermühle, einen Stall, in dem Tiere lebten, die Pferde hießen. Ich hatte solche Tiere noch nie gesehen. Kühe, die auch in dem Stall standen, kannte ich hingegen von den Milchverpackungen.

Die Zeit verging viel zu schnell und Grace führte mich zurück zum Bus. Die Rückfahrt lief ähnlich ab wie die Hinfahrt. Wir hielten an, eine Wache stieg hinzu, Deonthes erzählte ein paar Sachen über die Geschichte von Sektor 1 und 2. Er hatte nicht zu viel versprochen, denn ehe die Sonne unterging, hielt der Bus schon wieder auf dem Platz vor der Akademie. Wir stiegen aus dem Bus und durften dann gehen. Ich blieb noch etwas und wartete, bis auch Grace aus dem Bus stieg. „Danke, dass du mir alles gezeigt hast.“ – „Gar kein Problem. Wir werden uns sicher noch häufiger sehen. Schönen Abend noch.“ Grace lächelte und ging dann zusammen mit Deonthes. Der Bus fuhr los und ich machte mich ebenfalls auf den Heimweg. Da noch immer Hubschrauber über die Häuser hinwegflogen, entschied ich mich, an der Hauptstraße entlangzugehen.

„Ich bin wieder zu Hause!“, rief ich, als ich durch die Tür kam. „Das Abendessen ist gleich fertig, Bea“, hörte ich Mum aus der Küche sagen. „Ich geh solange hoch in mein Zimmer, ruft mich bitte, wenn das Essen fertig ist.“ Meine Mutter willigte ein und ich ging die Treppe hinauf. Auf halber Strecke, rief mein Vater plötzlich nach mir. Ich blieb stehen und drehte mich um. „Hier ist übrigens ein Brief für dich, Bea.“ Er kam an den Fuß der Treppe und reichte mir den Brief. Ich bedankte mich und verschwand in meinem Zimmer. Ich begutachtete den Umschlag und fand schnell heraus: Der Brief war von Severin.

 

Kapitel 6: Die Profilerin

Liebe Bea,
heute hast du dir Sektor 1 angesehen. Ich bin mir sicher, dass du langsam verstehen wirst, wieso man gegen das System vorgehen muss. Das Überleben, das einem in Sektor 1 versichert wird, ist eine Qual, ein reines Glücksspiel, eine Laune des Künstlers. Die Geborgenheit in Sektor 2 ist ein Schein, ein Mittel zum Zweck. Die Sicherheit in Sektor 3 ist eine Rückversicherung, ein weiterer Schachzug im Plan des Künstlers. Der Wohlstand in Sektor 4… eine nette Geste mit dem selben Ziel. Und all der Luxus in Sektor 5 ist reine Bestechung. Der Künstler bewertet nicht die Leistung, er handelt nicht gerecht, er spielt nicht fair. Es wird der Tag kommen, an dem ich verschwinde, Sektor 2 den Rücken kehre, die anderen suche.
Auch du wirst eines Tages verstehen, worauf es ankommt, und dass das Leben in diesem System nicht dem Leben entspricht, das ein jeder Mensch zu leben verdient hat. Doch bei dir wird diese Erkenntnis noch eine Weile dauern, egal, wie viel ich dir erzähle. Es sind und bleiben nur einmal Erzählungen. Ein argentinischer Autor sagte einmal, man erzähle Kindern Geschichten, damit sie einschliefen, und Erwachsenen erzähle man Geschichten, damit sie aufwachten. Eine Geschichte, egal ob ich sie dir erzähle oder deine engsten Freunde oder deine Eltern, wird immer eine Geschichte bleiben, bis du mit eigenen Augen siehst oder am eigenen Leib erfährst, was sie dir erzählte. Es gibt noch viel für dich zu sehen, viel zu entdecken und zu erleben, bis du merkst, wie falsch das alles ist. Nimm dir die Zeit, dann sehen wir uns eines Tages auch dort draußen wieder. Wir hören voneinander, Severin.

Ich schaute noch einen Augenblick auf das vollgeschriebene Papier, legte es dann beiseite und stürmte aus meinem Zimmer, die Treppe hinunter und zur Tür. „Wo möchtest du hin, junges Fräulein?“, mein Vater machte einen Satz und stand ebenfalls im Flur. „Ich muss noch einmal los. Zu Severin. Es ist wichtig. Er schätzt mich falsch ein“, schilderte ich empört. Mein Vater schaute mich mit skeptischem Blick über seine Brille hinweg an, willigte dann aber ein und ließ mich gehen. Die Sonne war bereits vom Himmel verschwunden, nur am Horizont ragten noch einige letzte Strahlen in den Himmel und färbten ihn orange-rot, während von der anderen Seite die Nacht einbrach. Ich lief die Straße entlang und erreichte schließlich das Haus, in dem Severin mit seinem Vater lebte. Ich klopfte an der Tür und wenige Augenblicke später wurde mir geöffnet. Es war Severins Vater. „Guten Abend. Mein Name ist Bea, ich bin eine Freundin von Severin. Ist er zu Hause?“ Severins Vater musterte mich mit seinem Blick, bevor er auf meine Frage reagierte. „Du scheinst ein nettes Mädchen zu sein, höflich bist du, obwohl du noch so jung bist.“ Er überlegte kurz, schaute mir ins Gesicht und fuhr dann fort: „Dein erstes Jahr an der Akademie, also bist du 14. Woher kennst du Severin?“ – „Wir haben uns in der Akademie gesehen und schreiben uns Briefe.“ Sein Blick änderte sich, er schaute zunächst verwundert, dann verschreckt. „Ich weiß, was du bist, kleines Mädchen.“ – „Hören Sie, ich möchte wirklich nicht unhöflich erscheinen, aber ich muss Severin sprechen. Ist er da?“ Der Mann schwieg erneut. „Er ist da. Doch er wollte schlafen. Er sagte, ihm sei einiges klar geworden, über das er sich den Kopf zerbrechen müsse.“ Ich wendete meinen Blick ab und überlegte. „Könnten Sie ihm morgen früh sagen, dass ich hier war, dass ich empört war, weil er mich unterschätzt und dass er sich dringend bei mir melden soll?“ Sein Vater nickte. „Gute Nacht, kleines Mädchen“, verabschiedete er sich und schloss die Tür, ehe ich etwas erwidern konnte. Ich drehte mich um und ging auf die Straße, schaute dann noch einmal zurück zum Haus und blieb stehen. Das Fenster im ersten Stock stand offen. Ich könnte ihn rufen, ihn aufwecken und dann mit ihm reden. Oder ich warte bis morgen und rede dann mit ihm. Ich entschied mich für Letzteres und ging wieder nach Hause, wo ich ins Bett fiel. Ich erinnerte mich an die tragische Geschichte mit Severins Mutter und überlegte mir, was ich ihm morgen sagen könnte. Und obwohl ich nicht müde war, dauerte es nicht lange, bis ich einschlief.

 

Ich lag wach im Bett, konnte nicht mehr schlafen. Es war dunkel, draußen und in meinem Zimmer. Obwohl mein Fenster geschlossen war, konnte ich einige Hunde in der Nachbarschaft bellen hören. Irgendetwas schien sie zu beunruhigen. Ich wollte aufstehen, um aus dem Fenster zu sehen, als mir auffiel, dass ich mich nicht bewegen konnte. Ich wollte um Hilfe rufen, doch ich brachte keinen Laut heraus. Ich richtete meinen Blick auf die Tür und bekam plötzlich Angst, dass wieder bewaffnete Männer hereinkamen. Es wurde ruhig, die Hunde beruhigten sich. Ich behielt die Tür dennoch im Auge. Unter der Tür blitzte es auf und warf für eine Sekunde einen hellen Schimmer in mein Zimmer. Ich zitterte. Ich wollte mir die Augen reiben, um sicherzugehen, dass ich mich nicht irrte, doch meine Arme schienen schwer wie Stahl zu sein, sodass ich sie nicht anheben konnte. Deshalb blinzelte ich ein paar Mal. Mir wurde bewusst: Ich täuschte mich nicht. Unter der Tür drang langsam immer mehr Rauch hindurch. Ich bekam Panik, hyperventilierte, während sich der Rauch wie ein Nebelschleier in meinem Zimmer verteilte und den kompletten Boden bedeckte. Ich wollte die Augen schließen, aus Angst vor dem, was als nächstes passierte, entschied mich dann jedoch dagegen, um nicht überrascht zu werden. Es blitzte abermals unter der Tür hindurch und die Tür öffnete sich langsam, Zentimeter um Zentimeter. Angstschweiß stand in meinem Gesicht und ich war mit Sicherheit so blass, dass man mich für tot gehalten hätte. Eine Gestalt befand sich in der Tür, sie berührte nicht den Boden, was mir noch mehr Angst machte. Zuerst hielt ich sie für eine Inanima, bis mir auffiel, dass sie kein schwarzes Gewand sondern ein weißes Kleid trug und der Kopf war nicht von einer dunklen Kapuze verhüllt, sondern trug langes, weißes Haar, das sich leicht bewegte, als würde es im Wind wehen. Schwebend kam sie in mein Zimmer, von Nebel umgeben, der sie zu tragen schien. Sie schaute mich an und ich konnte ihre blutunterlaufenen Augen erkennen, als es abermals aufblitzte. Sie befand sich nur wenige Meter von meinem Bett entfernt und starrte mich ebenso an, wie ich sie anstarrte. Plötzlich streckte sie die Arme zu den Seiten aus, ihre Haare stellten sich in alle Richtungen auf, als würden sie schwerelos im Raum schweben und die Gestalt riss ihren Mund auf, gab einen schrillen, ohrenbetäubenden Schrei von sich.

 

Der Schrei wandelte sich nahtlos in meinen Schrei um. Ich saß senkrecht im Bett, die Sonne ging gerade auf. Meine Eltern stürmten in mein Zimmer. „Was ist los? Warum schreist du? So beruhige dich doch.“ Sie redeten beide auf mich ein und beruhigten mich schließlich. „Ich muss sofort zu Severin.“

Zwar taten sich meine Eltern schwer, mich in diesem Zustand gehen zu lassen, doch sie erlaubten es und so eilte ich wieder zu Severins Haus. Das Fenster im ersten Stock stand noch immer offen, ich lief zur Tür und klopfte. Wieder öffnete sein Vater. Er weinte. „Ich habe mich gefragt, wann du wohl hier auftauchen wirst, kleines Mädchen“, schluchzte er, „komm rein!“ Ich betrat das Haus. „Setz‘ dich doch“, bat er mir an, als wir im Wohnzimmer ankamen und deutete aufs Sofa. „Was ist passiert? Warum weinen Sie?“ Er war ganz aufgewühlt, setzte sich hin, stand wieder auf, setzte sich woanders hin. „Severin… Mein Severin…“ – „Was ist mit Severin?“ Er schluchzte. Oh Gott, mein Junge… Er ist weg. Er hat mir schließlich auch noch das letzte geraubt, was mir blieb. Erst nimmt er meine Frau, macht sie zu einer solchen Kreatur und nun raubt er mir meinen Jungen. Als ich heute morgen in sein Zimmer kam, um ihn zu wecken, da war er fort. Er schläft nie so lange, niemals. Das kam mir seltsam vor, deswegen schaute ich nach. Er war weg. Das Fenster war offen und mein Junge war weg.“ Man merkte ihm an, dass er aufgebracht war. Ich versuchte ihn zu beruhigen. „Vielleicht ist er nur zu Michelle gegangen. Sie wissen schon. Michelle ist seine Freundin.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein, nein!“ Er ging aufgelöst im Wohnzimmer auf und ab, schien über irgendetwas nachzudenken. „Hübsches, junges Ding“, sagte er und blieb mitten im Raum stehen. Seine aufgewühlte Stimme klang plötzlich viel ernster und entschlossen. „Hübsches, junges, blondes Ding, diese Michelle. So unschuldig, so lieb. Und doch ein solches Ding. Ein Miststück, diese Michelle. Ein blondes, junges Miststück.“ Er begann zu fluchen, wirkte beinahe wahnsinnig. „Was haben Sie gegen Michelle? Sie ist doch ein netter Mensch, oder?“ Er überlegte, zweifelte für einen Moment wohl an sich selbst, doch ergriff dann entschlossen das Wort: „Nett, das war sie. Das ist sie. Doch ein Mensch… keinesfalls. Vielleicht…“ Er überlegte, rannte aus dem Zimmer, stolperte die Treppen hinauf. Ich folgte ihm und fand ihn in Severins Zimmer, den Schreibtisch durchsuchend, ehe er sich auf den Nachttisch stürzte. „Da! Hier! Ich wusste es! Dieser raffinierte Junge. Das hat er von mir. Mein Junge. Oh…“ Er drehte sich zu mir um, war plötzlich ganz ruhig. In seiner Hand hielt er einen Brief. „Adressiert an dich, junges Fräulein.“ Severins Vater reichte mir den Brief und zunächst etwas zögernd, nahm ich den Brief aus seiner Hand, um ihn zu entfalten.

 

Liebe Bea,
verzeih mir, dass es nicht anders zu lösen war und ich so abrupt verschwinden musste. Ich wünschte, die Situation wäre eine andere gewesen und wir hätten uns zumindest noch ein letztes Mal sprechen können, ehe ich aus dem Sektor verschwinde. Wenn du diese Zeilen liest, kann ich davon ausgehen, dass du meinen Vater bereits kennengelernt hast. Außerdem kann ich mir dann sicher sein, dass ich dich unterschätzt habe. Wie du eventuell erahnen kannst, wissen die Erwachsenen weitaus mehr, als sie uns erzählen. Es gibt Dinge, die sie uns nicht erzählen dürfen, um das System nicht zu gefährden, doch nichts spricht dagegen, dass du es von einem anderen Outsider erfährst. Michelle und ich kamen wie gesagt an meinem 18. Geburtstag zusammen. Zunächst glaubte ich an einen glücklichen Zufall, doch jetzt weiß ich, dass das keinesfalls ein Zufall war. Sie ist etwas, das man im System eine Profilerin nennt. Sie werden geschickt, um junge Outsider zu testen, ob sie sich dem System anpassen werden oder sich dagegen stellen. Mein Vater hat sicher noch einige Informationen dazu, frag ihn nur einmal. Ich hatte keine andere Wahl, als zu verschwinden, denn beugen wollte ich mich nicht. Wenn du diese Zeilen liest, bin ich wahrscheinlich nicht mehr im Sektor. Es ist bedauerlich, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, mich persönlich von dir zu verabschieden. Du musst mir einen Gefallen tun. Du musst das Leben im Sektor weiterleben, egal, was du noch erfahren wirst. Gehe weiterhin zur Akademie, nehme an den Ausflügen teil, rede mit niemandem darüber, dass du alles weißt.
Ich verspreche dir, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden. Ein Abschied ist also streng genommen nicht einmal nötig gewesen.
Severin.

 

Ich las den Brief, während Severins Vater mir über die Schultern guckte und mitlas. Als ich mich jedoch erwartungsvoll umdrehte, verzog er das Gesicht. „Sie kommen nicht drumherum, mir Rede und Antwort zu stehen.“ Er ließ sich auf Severins Bett sinken, seufzte und begann dann zu erzählen: „Weißt du, kleines Mädchen, Severin und ich leben seit Ewigkeiten allein. Seine Mutter versuchte damals ins Grenzland zu fliehen. Sie wurde kurze Zeit später gefasst. Nun ist mein Junge weg, auf dem Weg ins Grenzland. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich werde dir alles erzählen. Profiler haben die Aufgabe, Outsiders zu testen, um zu überprüfen, ob sie sich ins System eingliedern. Tun sie dies nicht, werden sie aus dem System entfernt. Michelle ist eine solche Profilerin. Profiler haben Fähigkeiten, die denen der Menschen überlegen sind. So ist es gewiss, dass sich der Outsider in den entsprechenden Profiler verliebt, selbst wenn er zu dem Zeitpunkt eine glückliche Beziehung führen sollte. Außerdem können sie bei möglichen Konkurrenten, aber auch beim entsprechenden Outsider für Wahnvorstellungen oder Albträume sorgen, um diese einzuschüchtern. Soweit ich weiß, machen diese Menschen das, um ewig zu leben. Der Künstler hält sie jung, sodass man sie wohl nicht mehr als Menschen bezeichnen kann. Auch du wirst eines Tages von einem Profiler getestet werden. Bis dahin musst du Severins Bitte nachgehen, weil du sonst den kompletten Sektor 2 gefährdest.“ Wir unterhielten uns noch eine Weile, ehe ich das Haus verließ. Ich hatte neues Wissen erlangt und so viele neue Fragen. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich zuerst nach Hause gehen sollte oder zu Deonthes und Grace, um mit ihnen zu reden. Ich entschied mich für die letztere Option. Als ich am Tor vorbeiging wurde dieses gerade geöffnet und ein Transporter verließ unseren Sektor, weshalb ich kurz stehen blieb. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkte ich, dass sich jemand unter dem Transporter festhielt. Ich zählte Eins und Eins zusammen und ging mit einem Lächeln im Gesicht weiter.

 

Kapitel 7: Bea sieht Rot

Mein Weg führte an der Akademie vorbei und ich schaute mir das Gebäude im Vorübergehen an. Meine Eltern erzählten mir oft, was sie damals gelernt hatten – nicht an der Akademie, sondern an der Schule, die sie vor dem Krieg besuchten. Die Akademie lehrte uns nichts von alledem. Wir lernten weder lesen noch schreiben, lernten das Rechnen nicht, das Zeichnen nicht, selbst die heimischen Tiere lernen wir nur kennen, wenn wir ihnen zufällig begegnen. Lesen und Schreiben mussten wir zu Hause lernen, auch das Rechnen brachte man sich in den Familien bei. Zu Hause lernte man für das Leben und in der Akademie lernte man, damit man dem System nicht widerspricht. „Das ist doch total bekloppt“, dachte ich, als ich die Akademie hinter mir ließ. Ich bog in eine kleine Seitenstraße ein und erreichte das Haus, in dem Grace und Deonthes lebten. Es stach etwas aus der Menge hervor, den Garten säumten Dekofiguren und Gartenzwerge, die etwas Farbe in das sonst so triste Bild der Stadt brachten, doch die Lackfarbe blätterte bereits an vielen Stellen ab.

Ich ging zur Tür, an der ein selbstgebastelter Traumfänger hing. Ich wollte gerade klingeln, als die Tür aufging und Grace mich begrüßte. „Ich hab dich bereits gehört, als du das Grundstück betreten hast. Du hast einen schleichenden aber entschlossenen Gang, das merke ich.“ Ich fand es wirklich seltsam, was Grace aus meiner Gangart interpretieren konnte, aber sie hatte Recht. Sie winkte mich rein, ich betrat das Haus und schloss die Tür hinter mir. Wir setzten uns ins Wohnzimmer. „Was treibt dich her?“, sie schaute mich neugierig an. „Du kennst doch Severin, oder? Er ist weg. Ins Grenzland geflohen. Seine Freundin war eine Profilerin.“ – „Moment. Du weißt von den Profilern?“ – „Ja, Severins Vater hat mir alles erzählt.“ – „Du bist 14, oder?“ – „Ja, aber was soll die Frage?“ – „Bea, was ich dir jetzt erzähle ist echt wichtig.“ Ich verstand nicht warum, aber es machte mich ängstlich, dass sie mich nicht zu Wort kommen ließ.

„Ich war auch einmal eine Outsiderin. Als ich mit 18 meinem Profiler begegnete, entschied ich mich für das System, weil ich Angst hatte, dass ich mein Leben verlieren könnte. Es ist eine harte Entscheidung, sich zwischen dem Leben und der Freiheit entscheiden zu müssen. Natürlich entscheidest du dich nicht wirklich, schließlich lebst du auch außerhalb der Mauern noch, zumindest wenn du es soweit schaffst. Mir war die Flucht zu riskant, ich hatte Angst um mein Leben und um das von Deonthes. Es ist schon häufiger vorgekommen, dass Familienangehörige gefangen genommen wurden, nachdem jemand ausgebrochen ist. Den Outsidern entgeht das nicht. Der Künstler erhofft sich, einen Outsider so zur Aufgabe zu bewegen, nicht selten mit Erfolg. Du verspürst gerade Angst, oder? Bevor ich fortfahre, darfst du mir all deine Fragen stellen.“

Ich musste lange überlegen. Nicht, weil mir keine Frage einfiel, sondern weil ich nicht wusste, mit welcher Frage ich anfangen sollte. Ich entschied mich. „Warum dürfen die Outsider zunächst nichts von den Profilern wissen?“ – „Sie sollen ihre Entscheidung unbeeinflusst treffen. Wissen sie von diesem Test, kann es sein, dass sie versuchen, zu täuschen, indem sie nur vorgeben, für das System zu sein.“ – „Welche Auswirkungen hat es, dass ich von den Profilern weiß?“ – „Im Moment keine, zumindest nicht für dich. Der Vater von Severin ist in Gefahr und das weiß er sicherlich auch. Bei dir läuft man erst in 4 Jahren die Gefahr, dass du den Test täuschst. Profiler besitzen die Fähigkeit, deine Träume zu manipulieren. Sie können dir Angst einjagen, deine Hoffnung zerstören, alles, um dich zum System zurückzuführen. Deshalb wirst du in Zukunft häufiger von Albträumen heimgesucht werden.“ – „So wie letzte Nacht“, fügte ich hinzu. Grace sah mich interessiert an und ich schilderte ihr meinen letzten Traum.
Nachdem ich ihr von dem Traum erzählt und die Gestalt beschrieben hatte, sagte sie zunächst nichts dazu und forderte mich auf, meine weiteren Fragen zu stellen. „Du warst doch schon in allen Sektoren. Erzähl mir davon.“ – „Weißt du Bea, eigentlich gibt es da nicht viel zu erzählen. Sektor 1 hast du bereits gesehen, Sektor 2 kennst du auch. Sektor 3 ist eine normale Stadt mit Parkanlagen. Es gibt mehrstöckige Mehrfamilienhäuser, größere Straßen. Der Sektor steht für Sicherheit. Umso schlimmer ist es, dass selbst kleinste Vergehen hart bestraft werden. Es gibt öffentliche Prügelstrafen, wo Menschen nackt in den Park geschleppt werden, mit dem Bauch an einen Pfahl gefesselt und mit einer Peitsche geschlagen werden – kein schöner Anblick. Sektor 4 steht für Wohlstand. Die Menschen verdienen ihr Geld durch uns. Wir arbeiten für ihr Geld und sind gleichzeitig von ihnen abhängig. Und obwohl die Menschen genug Geld haben, dürfen sie nicht geizig sein. Geiz ist in dem Sektor eine Todsünde, kleinste Verbrechen werden hart bestraft, selbst eine einzige Lüge, hat schwere Folgen. Den Luxus in Sektor 5 kann man nicht ewig genießen. Die Menschen, die dort leben, geben ihr Wort, dass sie nach 10 Jahren im Luxus ihr Leben aufgeben, um dem Künstler als Wache zu dienen. Widerwillige Menschen werden zu Inanimae.“ Ich schaute sie mit großen Augen an und hörte aufmerksam zu. In mir begann es zu kochen, ich verspürte eine gewaltige Wut gegen den Künstler. „Warum macht er das? Was ist denn das für ein System, das den Frieden auf Kosten der Freiheit sichert? Was sind das für Menschen, die nur denken, sie würden frei entscheiden. Nichts als Maschinen. Ferngesteuert. Mich würde echt einmal interessieren, was in seinem Kopf vorgeht, dass er das System so hart führt. Dass er Menschen bestraft, um andere zu lehren. Die Welt ist nicht sicher, weil die Menschen friedlich sind, sondern weil sie Angst haben und unterdrückt werden.“ Grace stand auf und ging unruhig im Wohnzimmer auf und ab. Ich folgte ihr mit meinen Blicken und seufzte.

 

Grace setzte sich wieder zu mir und nahm meine Hände. Ihre Augen funkelten, waren feucht, als würde sie gleich weinen. „Was ist denn los, Grace? Ist alles in Ordnung?“ Eine Träne lief ihre Wange entlang. „Du hast Recht, Bea. Mit allem, was du sagst. Ich habe oft mit dem Gedanken gespielt, ins Grenzland zu flüchten, raus aus dieser Welt, aus diesem System, doch die Angst war zu groß. Weißt du wie schlecht es mir dabei geht, zu sehen wie immer neue Kinder in die Akademie gehen, um zu lernen, wie man sich in diesem System zu verhalten hat? Es ist schrecklich, zu sehen, wie die Kinder nicht nur ihrer Kindheit sondern auch ihrer Freiheit beraubt werden, gleichzeitig aber nichts dagegen tun zu können. Bea, du musst mir nun ganz genau zuhören. Es gibt eine Prophezeiung, die besagt, dass eines Tages ein Mädchen geboren wird, das anders ist. Ein Mädchen, dass dem Künstler irgendwann gegenüberstehen wird, um all das Leid zu beenden. Ein Mädchen, dass sich im jüngsten Alter gegen das System zur Wehr setzen möchte, das schnell versteht, dass dieses System nicht das ist, was es vorgibt zu sein. Deonthes und ich haben die Hoffnung, dass du dieses Mädchen bist. Wir haben oft darüber gesprochen, Deonthes scheint das in eurem ersten Gespräch bemerkt zu haben und ich habe es in Sektor 1 gemerkt, als wir uns unterhalten haben. Wir kennen einige Outsider, nicht zuletzt Severin. Sie folgen zwar dem Freiheitsgedanken, doch keiner ist so wie du. Du hast etwas besonderes an dir. Ich habe nur darauf gewartet, dass es zu diesem Augenblick kommt. Bea, ich glaube, dass du das Mädchen aus der Prophezeiung bist, dass du dafür bestimmt bist, dem System ein Ende zu setzen. Deshalb stehe ich hinter dir. Ich werde dir helfen, aus dem Sektor zu entkommen und werde mit dir ins Grenzland gehen, sobald du dazu bereit bist. Das kann nächste Woche sein oder in vier Jahren, ich bin bereit dazu. Aber Bea, tu mir einen Gefallen. Du darfst deinen Eltern nichts davon erzählen, du würdest sie nur in Gefahr bringen. Außerdem erfordert es eine Menge Mut, zu fliehen. Wir müssen uns vorher Gedanken machen, wie wir aus dem Sektor verschwinden. Zu zweit ist es schwierig, sich unter einem Transporter zu verstecken.“ Sie wischte sich die Tränen weg und schaute entschlossen. Ich blickte unsicher zu Boden. „Grace, ich muss mir das zunächst einmal durch den Kopf gehen lassen.“ Sie nickte und stand auf. Auch ich erhob mich und sie führte mich zur Tür. Wir verabschiedeten uns und ich machte mich auf den Weg nach Hause, zerbrach mir den Kopf.

 

Sirenen rissen mich aus meinen Gedanken und ich blickte von der Straße auf. Dichter, schwarzer Rauch stieg auf. Ich rannte ein Stück und als ich sah, wo der Rauch herkam, klappte meine Kinnlade herunter, Tränen schossen mir in die Augen. Augenblicklich drehte ich mich um und rannte zurück. Die Straße entlang, in die kleine Seitenstraße, durch den Vorgarten mit den Gartenzwergen und hämmerte wie wild an der Tür. Grace öffnete und war sichtlich erschrocken, dass ich so aufgewühlt war. Ich war etwas aus der Puste und schrie beinahe, als ich zu ihr sagte: „Es reicht! Wir gehen. Sofort!“

 

Kapitel 8: Das Dorf

2045, Grenzland – Vier Jahre waren vergangen. Vier Jahre, in denen ich zittern musste, Angst hatte. Gestern war mein 18. Geburtstag, der Tag, an dem ich mich hätte entscheiden müssen. Doch ich hatte mich schon viel früher entschieden. Gegen das System und somit gegen meine Familie. Grace hatte mir bei der Flucht geholfen. Wir hatten damals nicht viel Zeit. Ich durfte meinen Eltern nichts verraten, durfte nicht nach Hause zurück, um mich zu verabschieden, durfte keine Sachen mitnehmen. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Flucht. Als wäre es erst gestern gewesen…

 

2041 – Es dauerte eine Weile, bis ich Grace überreden konnte, mir zu helfen. Sie ging in den Keller und kam wenige Augenblicke später mit einem Köcher, Pfeilen, einem Bogen und einem silbernen Dolch zurück. Die Mitte des Dolches zierte ein blauer, klarer Edelstein, ein Saphir. „Das wird nicht einfach, Bea. Jeder Outsider, der in deinem Alter versuchte, aus dem System zu entkommen, wurde gestellt und entfernt. Du weißt, was das bedeutet.“ Ich nickte. „Du darfst niemandem von deinem Vorhaben erzählen. Du darfst nicht mehr nach Hause zurückkehren. Du darfst nichts mitnehmen und wir müssen sofort los.“ Widerwillig nickte ich. Wir verließen das Haus, schlichen uns durch Innenhöfe bis zur Grenze. Das Surren des Zauns, durch den Strom floss, machte mich noch nervöser. Wir näherten uns dem Tor. „Wir haben nur diese eine Chance, Bea.“ Grace atmete entschlossen durch und schaute sich um. Ein Truck näherte sich von außerhalb des Sektors und kam zum Stehen. Nach einiger Zeit wurde das Tor geöffnet und Grace sprang aus dem Versteck vor. Sie verschoss einen Pfeil nach dem anderen und ich sah, wie die Wachen zu Boden fielen, ohne auch nur die Möglichkeit zu haben, sich zu wehren. Gekonnt arbeitete sie sich vorwärts und ich folgte ihr in sicherer Entfernung. Eine weitere Wache überwältigte sie im Nahkampf, bevor wir durch das Tor liefen. In dem Moment, in dem wir das Tor passierten, heulten Sirenen auf – Alarm. „Lauf, Bea!“, befahl mir Grace und ich lief die Straße entlang. Sie blieb immer weiter zurück und hielt mir den Rücken frei.

Irgendwann erreichte ich den Wald. Ich hatte mich nicht mehr umgedreht und beschloss, die Straße nun zu verlassen. Ich lief geradewegs in den Wald, versuchte möglichst viel Abstand zur Straße zu gewinnen. Erst jetzt legte ich eine Pause ein und stützte mich erschöpft an einen Baum. „Wir haben es geschafft, Grace. Wir sind entkommen.“ Als ich aufschaute, bemerkte ich, dass ich allein war. Grace war nirgends zu sehen. Meine Versuche, sie zu finden, blieben erfolglos, sodass ich das Suchen schnell aufgab.

 

2045 – Wenig später griffen andere Outsider mich auf, die mich hierher brachten. Severin beruhigte mich und sagte das Grace schon sehr gut auf sich aufpassen könne. Tatsächlich tauchte auch sie in der Nacht in dem kleinen Dorf auf, wo man mich hingebracht hatte.
Die Outsider hatten sich vor einer Ewigkeit ein kleines Dorf im Grenzland eingerichtet, um sich vor dem Künstler zu verstecken. Mit der Zeit wuchs das Dorf immer weiter, sodass es mich wunderte, dass noch niemand es zufällig entdeckt hatte. In den vergangenen vier Jahren brachte man mir alles bei, was ich können musste, um in der Wildnis zu überleben. Man lehrte mich das Jagen, das Angeln und das Häuten. Immer wieder gab es Mutproben zu bestehen, die mich gegen die Wildnis und sämtliche Gefahren abhärten sollten. Wer kein Blut sehen konnte, hatte hier draußen wirklich ein Problem. Grace und Severin brachten mir das Kämpfen bei, mit dem Schwert, dem Dolch, mit Pfeil und Bogen und unbewaffnet. Man zeigte mir, welche Früchte und Pilze ich essen konnte und welche giftig waren. Das Training dauerte vier Jahre, war anstrengend und ließ mich meine zurückgelassenen Eltern fast vergessen – fast.

Eines Abends saßen Severin und ich gemeinsam an einem Brunnen. „Es ist nicht einfach, alles zurückzulassen, oder? Mir fiel es auch nicht leicht, meinen Vater zurückzulassen, wo er doch der einzige ist, den ich noch hatte.“ Ich legte meinen Arm um ihn. „Severin…“, begann ich meinen Satz, „Der Grund, warum ich mich schon damals entschlossen habe, nicht länger in Sektor 2 zu bleiben, ist…“ Er schaute mich aufmerksam an, was es mir ungemein erschwerte, ihm zu sagen, was ich zu sagen versuchte. „Der Grund war dein Vater. Ich war nach deinem Verschwinden bei ihm, wir haben uns unterhalten, kurz bevor ich zu Grace gegangen bin. Auf dem Rückweg stand euer Haus in Flammen. Dein Vater hatte mir alles über die Profiler erzählt.“ Severin brach in Tränen aus. Ich tröstete ihn. „Siehst du, wie er über Leben und Tod bestimmt? Das ist eine Gabe, die einzig und allein Gott zustehen sollte. Das ist der Grund, warum wir kämpfen sollten. Doch bisher blieben alle Versuche der Outsider erfolglos. Noch nie hat es jemand geschafft, bis zum Künstler vorzudringen. Bisher fehlte der richtige Plan. Doch nun bist du hier, Bea. Das Mädchen aus der Prophezeiung.“ Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Wenn es darauf ankommt, werden wir kämpfen. Dafür trainieren wir dich.“ – „Wo ihr gerade davon redet… Es wird Zeit, zu trainieren“, unterbrach Grace uns.

Severin und ich standen auf und folgten Grace durch das Dorf, das überwiegend aus Holzhäusern gebaut wurde. Trainiert werden durfte nur außerhalb des Dorfes, sodass wir auch die Holzpalisaden passieren mussten. Auf dem Übungsplatz trainierten auch andere Outsider. Große, durchtrainierte Männer durchschlugen ganze Holzblöcke, warfen Baumstämme oder kletterten auf die höchsten Bäume und sportliche Frauen schossen Äpfel über mehrere Hundert Meter Entfernung, liefen um die Wette oder rangen auf einer kleinen Plattform. „Ich glaube, du hast lange genug trainiert, um dich ebenfalls im Ring zu beweisen. Du wirst gegen mich kämpfen“ Ich schaute ihn an, ehe ich begriff, dass er nicht scherzte. Wir stiegen in den Ring, Grace beobachtete unseren Kampf von außerhalb. Severin hielt sich nicht zurück und ich musste einige schmerzhafte Schläge einstecken, bevor ich ein Muster in seinen Angriffen entdeckte und diesen gekonnt auswich. Ich wehrte seine Schläge ab und konterte diese, ging nach und nach in die Offensive über. Es dauerte nicht lange, dann konnte ich Severin zu Boden werfen. Grace applaudierte mir. „Du hast viel gelernt, aber wir müssen noch ein wenig an deiner Deckung arbeiten. Aber für heute sind wir fertig. Komm, Bea.“ Gemeinsam mit Grace ging ich in das Dorf zurück. Es war das erste Mal seit vier Jahren, dass ich die Gelegenheit hatte, mich ungestört mit ihr zu unterhalten. „Was denken meine Eltern eigentlich? Wissen sie irgendetwas?“ – „Ich wusste, dass du sie nicht vergessen würdest. Deonthes hat ihnen erzählt, dass du an einem Austauschprogramm teilnimmst und für einige Zeit in einem anderen Sektor leben wirst. Zunächst haben Sie das geglaubt, aber vier Jahre sind eine lange Zeit. Ich war seitdem nicht mehr im Sektor. Ich weiß nicht, was deine Eltern mittlerweile denken“, erklärte sie. „Auf unserer Flucht warst du plötzlich verschwunden. Ich dachte, man hätte dich gefangen. Aber du bist so gut ausgebildet. Ich habe dich kämpfen sehen und nach all meinem Training erkenne ich deinen Kampfstil wieder. Es ist der Kampfstil der Outsider. Du bist nicht zum ersten Mal hier, oder?“ Grace seufzte.

„Du hast Recht. Ich bin nicht zum ersten Mal hier draußen. Auch Deonthes war schon einmal hier. Ich kann dir unmöglich die ganze Geschichte erzählen. Sagen wir so… Ich bezahle einen hohen Preis dafür.“

 

Kapitel 9: Die Heimreise

Grace wich allen weiteren Fragen aus. Sie wollte mir nicht erzählen, was sie damit gemeint hatte. Wir kamen an eine Feuerstelle und setzten uns auf einen Baumstamm ans Feuer. „Weißt du, Bea. Es ist kein Zufall, dass wir uns getroffen haben. Und es war sicher kein Zufall, dass du so leicht aus dem Sektor entkommen konntest. Ich hatte mit einem längeren Kampf gerechnet, aber es war überraschend einfach. Ich glaube, dass der Künstler wollte, dass du entkommst.“ Grace nahm einen Stock und begann im Feuer rumzustochern. Funken stiegen auf. „Wie kommst du darauf? Was soll das alles bedeuten?“ – „Ich weiß es nicht. Ich kann es dir nicht sagen.“ Ich stand von dem Baumstamm auf, in mir brodelte es, ich wurde plötzlich wütend. „Wieso machst du solche Andeutungen? Was weißt du? Wieso kannst du mir nichts sagen?“ Grace schmiss den Stock ins Feuer. „Wenn du dich nicht beruhigst, sage ich dir gar nichts.“ Ich entschuldigte mich. Solche Wutausbrüche waren nicht typisch für mich. Während ich Grace erwartungsvoll ansah, setzte ich mich wieder. „Ich muss dich enttäuschen, Beatrice. Ich weiß wirklich nicht mehr. Es sind alles nur Vermutungen. Aber ich denke, ich weiß, wer dir mehr sagen kann.“ In meinem Kopf schwirrten die unterschiedlichsten Personen umher. Meinte sie vielleicht Deonthes?
Ich lernte Deonthes an meinem ersten Schultag kennen. Bisher konnte er alle meine Fragen beantworten. Er schien ein weiser Mann zu sein, wusste wirklich viel über das System und hatte viel mit Grace zu tun, schließlich waren sie verwandt. Oder meinte sie eventuell Severin?

Severin war der erste Outsider, den ich kennenlernte. Er kam ebenfalls aus meinem Sektor und flüchtete relativ bald, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Durch Severin lernte ich auch die Profiler kennen. Grausame Gestalten, die mir Albträume bereiteten und letztlich war es Severins Vater, der mich dazu bewegte, schon vor meinem 18. Geburtstag das System zu verlassen. Severin ist ein freundlicher Junge. Weil er der erste andere Outsider war, den ich kennenlernte, wuchs er mir sehr schnell ans Herz. Er war wie ich und verstand mich. Die letzten vier Jahre saßen wir häufig beisamen. Grace hatte sich die Zeit nie für mich genommen. Ständig war sie unterwegs, entwickelte neue Trainingspläne und unterhielt sich mit Mike. Vielleicht war es Mike…Mike war einige Jahre älter als ich. Er kam wenige Tage nach Grace und mir im Dorf an. Da wir häufig miteinander trainierten, freundeten wir uns an. So erfuhr ich, dass er aus Sektor 5 kam und Grace schon von ihren Exkursionen kannte. Da die beiden jedoch nie die Zeit hatten, sich besser kennenzulernen, nutzten sie die Gelegenheit im Dorf. Die beiden verbrachten sehr viel Zeit miteinander. Ich lernte Mike als schüchternen Jungen kennen. Er schien verängstigt zu sein, eine Eigenschaft, die man sich im Training abgewöhnen musste. Erst letztens habe ich die beiden laut streiten hören. Ich meine sogar, meinen Namen gehört zu haben. Aber warum sollte Mike etwas über mich wissen? Wir haben uns erst im Dorf kennengelernt. „Wer ist es?“ – „Es wird dir nicht gefallen.“ Sie drehte sich zu mir und nahm meine Hände, schaute mir vertraut in die Augen, doch dann drehte sie sich wieder weg. „Ich kann das nicht.“ Meine Hände schlossen sich fest um die ihren, ich hatte beinahe Angst, ihr wehzutun. „Ich bitte dich, Grace. Wenn du etwas weißt, dann sag es mir doch bitte.“ Obwohl sie mir den Rücken zuwandte, sah ich, wie eine Träne sich ihren Weg über ihr Gesicht bahnte. Das Feuer reflektierte sich darin, ließ sie förmlich aufblinken. „Ich kann das nicht, Bea. Ich bringe das nicht übers Herz.“ – „Ist schon gut“, sagte eine dritte Stimme plötzlich. Es war Severin, der nun zu uns kam. „Beatrice, du wirst morgen jemanden kennenlernen, der dir eventuell helfen kann. Sein Name ist Kiro. Er ist zwar kein Outsider, aber er ist beruflich im Grenzland unterwegs. Er ist einer der Boten, die zwischen den Sektoren fahren und Waren liefern. Er wird an der Straße mit seinem Wagen warten und Grace und dich mit in den Sektor nehmen. Da wir im Grenzland sind, wird der Künstler davon nichts mitkriegen. Der Wagen wird bis zum Lagerhaus fahren. Kiro gibt euch dann ein Zeichen, dann könnt ihr aus eurem Versteck kommen. Das ist der Weg, wie Grace wieder in den Sektor kam, nachdem sie schon einmal hier war. Der Künstler reagiert nicht darauf. Deonthes sagte, im Buch werden nur Flecken stehen, sodass der Künstler zwar auf euch aufmerksam wird, jedoch nicht dagegen vorgehen kann, weil er nicht weiß, wer ihr seid.“ – „Ich soll zurück in meinen Sektor?“ Severin setzte sich zu uns. „Es ist nicht dauerhaft. Am selben Abend werdet ihr den Sektor auf den selben Weg wieder verlassen.“ Ich drehte mich zu Severin. „Was soll ich in Sektor 2?“ Ich bemerkte, dass Grace hinter mir aufstand. Severin schaute zu ihr und auch ich drehte mich zu ihr um. Sie ging am Feuer auf und ab und wischte sich einige Tränen aus dem Gesicht. „Du sollst nach Hause. Zu deinen Eltern“, entgegnete sie. Ich verstand nicht ganz und schaute mich fragend um. Grace wischte sich abermals durchs Gesicht und atmete tief ein. „Meine Eltern?!“ Ich sprang vom Baumstamm auf und lief auf Grace zu. Wieder war ich von Wut erfüllt. Ich wollte auf sie losgehen, holte zum Schlag aus, doch sie wehrte den Schlag ab und warf mich zu Boden. „Was sollte das denn?“, erkundigte Severin sich, als er zu mir kam und mir aufhalf. Ich antwortete nicht, ging sofort zu Grace und entschuldigte mich. Sie sagte nichts dazu. „Ich denke, ich gehe nun besser.“ Niemand sagte etwas dazu, sodass ich zurück ins Dorf ging. Doch ich wollte nicht in meine Hütte, stattdessen suchte ich Mike auf.

 

Ich klopfte an die Tür seiner Hütte. Da Licht brannte, nahm ich an, dass er zu Hause war. Als ich klopfte, dauert es nicht lange, bis die Tür geöffnet wurde. Es war Mike. Ich drückte ihn sofort wieder in die Hütte und stieß die Tür zu. „Was weißt du? Du hast mit Grace gestritten und ich habe meinen Namen in eurem Gespräch gehört. Worüber habt ihr geredet?“
Mike zeigte keine Angst. Für einen Moment erfreute mich das. Er hatte dazu gelernt. Stattdessen war ich nun verängstigt. Ich erkannte mich nicht wieder. Derartige Wutausbrüche passten nicht zu mir. „Es ging um eure Heimreise, die ihr morgen antreten werdet. Um Graces Heimreisen im Allgemeinen“, erklärte Mike, „Was weißt du davon?“ Er bat mich Platz zu nehmen, ehe ich antworten konnte. „Ich habe selber erst vor einigen Augenblicken davon erfahren. Irgendein Kiro soll uns helfen, wieder in den Sektor zu kommen. Das hat er wohl schon häufiger getan. Aber sie sagte, sie würde einen hohen Preis dafür bezahlen. Was sie damit meinte, hat sie mir aber nicht erzählt. Beantworte jetzt bitte meine Frage.“ Er zögerte. „Ich weiß es. Und es gefällt mir ganz und gar nicht. Wir haben uns gestritten, weil sie wieder in den Sektor zurückkehrt. Das letzte Mal als sie von hier weggefahren ist, ist sie dort geblieben, hat sie mir erzählt. Außerdem gefällt mir der Preis nicht, den sie dafür bezahlen muss. Weißt du…“ Mike atmete durch. „Ich habe mich in Grace verknallt. Der Preis, den sie bezahlen muss, gefällt mir nicht. Wenn du schon einmal verliebt warst, kennst du das Gefühl vielleicht, die Person, die du liebst, in den Armen einer anderen Person zu wissen.“ Er fing an zu weinen und ich nahm ihn in den Arm. Ich verstand.

 

Am nächsten Morgen riss mich das Klopfen an meiner Tür aus dem Schlaf. Verschlafen taumelte ich zur Tür und öffnete sie. „Guten Morgen!“ Severin stand vor meiner Tür und strahlte mich an. Die Sonne ging gerade erst auf, der Himmel war rötlich gefärbt, die Wolken schienen lila zu sein. Es war noch sehr früh. Zu früh. „Fertig machen und antreten. Ihr wollt gleich los.“ Ich nickte und ließ die Tür wieder zufallen. Dann ging ich zu meinem Schrank und suchte mir passende Sachen. Ich stellte mich auf einen Kampf ein. Nur für den Notfall. Ich ging in die Dusche. Das Wasser wurde zunächst nicht richtig warm, nach ein paar Schlägen gegen den Boiler plötzlich kochend heiß. Der Tag begann super.

Fertig angezogen verließ ich meine Hütte. Grace und Severin warteten schon auf mich und obwohl ich mit Mike gerechnet hatte, war er nirgends zu sehen, um sich von mir oder Grace zu verabschieden – vielleicht, weil wir ohnehin am Abend wiederkommen würden. Wir verließen das Dorf und gingen etwa eine halbe Stunde durch den Wald zur Straße, wo der Transporter bereits auf uns wartete. „Hallo, ich bin Kiro“, stellte er sich mir vor, während er Grace mit einem Küsschen auf die Wange begrüßte. Severin verabschiedete sich und kehrte ins Dorf zurück. Währenddessen öffnete Kiro die Ladefläche und Grace und ich kletterten in den Transporter Wir gingen bis zur hintersten Wand und Grace öffnete eine kleine Klappe. „Eine doppelte Wand. Raffiniert!“, bemerkte ich, bevor ich durch die Klappe in den kleinen Raum kletterte. Grace kam mir nach und verschloss die Klappe, dann schlug Kiro die Tür zum Frachtraum zu und wenig später wurde der Motor gestartet.

Wir fuhren nicht sehr lange, aber die Fahrt war unbequem und ich stieß mir häufiger den Kopf. Zunächst hielten wir an der Grenze. Der Laderaum wurde geöffnet. Grace und ich mussten nun ganz still sein. Nach einer Minute wurde die Tür wieder geschlossen und wir durften passieren. Innerhalb des Sektors fuhren wir noch eine Weile. Es schien viel Verkehr zu sein. In den vergangen vier Jahren muss sich einiges geändert haben. Der Wagen rollte aus, blieb stehen. Der Motor wurde ausgeschaltet und Kiro stieg aus. Es wurde still. Die Zeit verstrich. Ich hatte keine Uhr, aber es müssen mehr als 20 Minuten gewesen sein. Endlich klopfte jemand von außen an die Wagenwand. Grace öffnete die Klappe und wir krochen heraus. „Lauf zum Haus deiner Eltern. Verhalte dich möglichst unauffällig, die Hubschrauber fliegen über den Sektor“, belehrte Grace mich beim Aussteigen. Ich beherzigte ihren Rat und verhielt mich unauffällig. Mein Weg führte an der Akademie vorbei und ich begriff, warum die Hubschrauber wieder über den Sektor flogen. Ich durchquerte die Stadt und bog in unsere Straße ein.
Von außen hatte sich unser Haus nur geringfügig verändert. Es sah ein wenig älter aus, die Wände waren schmutziger. Mir fielen die neuen Gardinen auf, die mit ihren knalligen Farben ins Auge stachen. Etwas zögernd betrat ich das Grundstück und trat an die Tür. Ich klopfte, weil ich im ersten Augenblick gar nicht daran gedacht hatte, die Klingel zu benutzen. Die Hütten im Dorf hatten keine Klingeln. Als niemand öffnete, klingelte ich doch. Ich wollte mich gerade umdrehen, um wieder zu gehen, als die Tür geöffnet wurde. „Ja bitte?“ Ich wandte mich wieder der Tür zu. „Beatrice.“ Meine Mutter war sichtlich überrascht. Sie trat vor die Tür und sah sich prüfend um, dann bat sie mich herein. „Gerrit, kommst du mal bitte?“ Sie schloss die Tür hinter uns und lotste mich in den Keller. Kurze Zeit später kam auch mein Dad die Treppen hinunter. Er hatte wohl genau so wenig wie meine Mom damit gerechnet, dass ich noch einmal nach Hause komme. „Du dürftest nicht hier sein. Du bringst uns alle in Gefahr.“ – „Keine Angst. Der Künstler weiß nichts von unserem Gespräch.“ Meine Eltern sahen sich an. „Ihr könnt es nicht lassen, oder?“ Verlegen entschuldigte sich meine Mutter. „Lass dich ansehen. Gut siehst du aus. Du bist groß geworden und so stark.“ Meine Eltern erzählten mir, wie es ihnen die letzten vier Jahre ergangen war. Wie sehr sie sich um mich sorgten und dass sie wussten, wo ich war, obwohl Deonthes ihnen etwas anderes erzählt hatte. Durch ihre Ehe gelang es ihnen, sich über ihre Gedanken zu unterhalten. Der Künstler hatte keinen Einblick in diese Gedanken, sodass sie niemals verdacht erregt hatten. Sie erzählten mir, dass sie die Briefe von Severin gefunden hatten, und als sie von dem Ausbruch und den verletzten Wachen am Tor hörten, wussten sie sofort, was los war. Ich entschuldigte mich vielmals, fing sogar an zu weinen und nahm die beiden in den Arm. Sie wiesen all meine Entschuldigungen zurück, sie hätten wohl genauso reagiert, gaben sie mir zu wissen.

 

„Ich bin aus einem bestimmten Grund hierher gekommen. Nicht etwa, weil ich Sehnsucht habe, denn ich muss zugeben, dass ich die nicht hatte. Mir geht es gut dort draußen. Ich fühle mich wohl, solange ich unter Gleichgesinnten bin und ich habe viel gelernt. Ich kann mich verteidigen, ich kann kämpfen und jagen. Ich wuchs heran und obwohl ich euch nie vergessen konnte, habe ich doch gelernt, ohne euch zu leben. Das musste ich, auch wenn es mir nicht leicht fiel. Vor vier Jahren wurde ich an der Akademie unterrichtet. Heute ist der Tag, an dem neue Kinder zum ersten Mal in die Akademie müssen. Mir tun die Kinder Leid, die in diese Akademie kommen, ohne zu wissen, was sie erwartet. Sie verstehen nicht, dass das System nicht dem Schutz der Menschheit dient, sondern sie in ihrer Handlungsfreiheit eingrenzt. Die Menschen in diesem System leben nicht. Sie werden gesteuert, als wären sie Marionetten. Und all die Kinder sind hilflos, ahnungslos, traumlos. Sie haben keine Träume, sie haben keine Möglichkeiten, sie haben keine Freiheiten. Es tut mir weh, nichts dagegen tun zu können. Ich bin heute hier, um einen weiteren Schritt in die richtige Richtung zu machen. Grace hat mir von einer Prophezeiung erzählt und von einer Verschwörung, einem Plan. Sie hat den Verdacht geäußert, ihr könntet etwas davon wissen. Deshalb bin ich hier. Ich möchte wissen, was ihr wisst.“ Meine Eltern sahen sich erneut an. „Denkt nicht einmal dran.“ Ich stieß den Stuhl um, auf dem ich saß. „Ich möchte von euch die Wahrheit wissen.“ Mein Vater stand auf. „Du solltest nun gehen, Beatrice. Du hast uns mit deinem Besuch alle in Gefahr gebracht.“ – „Ich werde nicht gehen, solange ich keine Antworten habe. Ich möchte die Wahrheit kennen. Die Wahrheit über mein Leben. Als ich noch ein Kind war, Mom, kamst du immer an mein Bett, hast mir Geschichten erzählt. Du hast mir all deine Liebe gegeben. Möchtest du mir sagen, du wärst nicht bereit, mir dieses eine Mal aus Liebe die Wahrheit zu sagen? Und möchtest du behaupten, Dad, du wärst nicht in der Lage, mir meine Angst zu nehmen, wie du es damals immer getan hast, als ich Angst vor den Monstern in meinem Schrank hatte?“ – „Du verstehst das nicht, Bea. Wir wollen es dir ja sagen, bei aller Liebe, aber es geht nicht.“ Meine Mutter stand ebenfalls auf und nahm mich in den Arm. Für einen Moment beruhigte mich das. „Bitte…“, äußerte ich beinahe flehend. „Wir setzen damit unser Leben aufs Spiel“, versuchte mein Vater sich zu entziehen. „Ich habe mein Leben auch für euch riskiert, um wieder hierherzukommen. Und ich würde es jeder Zeit wieder tun, um das eure zu retten. Ich möchte eines Tages dem Künstler gegenübertreten. Ich möchte uns befreien.“ – „Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie die Welt dann sein wird? Vielleicht führen wir wieder Kriege. Vielleicht zerstören wir die Menschheit.“ Ich befreite mich aus den Armen meiner Mutter und drehte mich zu meinem Vater. „Aber dann tun wir es zumindest aus freien Stücken, indem wir eigene Entscheidungen treffen.“ Mein Vater nahm wieder Platz. Er schwieg, schien wohl darüber nachzudenken. „Wir wissen selbst nicht sehr viel.“

 

„Linda!“, mahnte mein Vater. Mom ließ sich nicht aufhalten. „Wir sind nur der Teil eines Planes. Uns wurde auch nicht viel erzählt. Es fällt mir nicht leicht, dir das zu erzählen, Beatrice. Uns wurde aufgetragen, dich aufzuziehen. Wir sollten dich großziehen und sollten dich auf deinem Weg begleiten. Wir sollten dafür sorgen, dass dir all deine Fragen beantwortet werden. Wir wussten schon als du noch ganz klein warst, dass du eines Tages anders sein wirst, dass du besonders sein wirst. Also nahmen wir dich. Wir zogen dich auf und als du Fragen hattest, beantworteten wir sie. Wir wussten, dass du eines Tages ins Grenzland flüchten würdest. All das wurde uns vorhergesagt. Wir kennen auch die Prophezeiung und wir wissen ganz genau, dass du das Mädchen aus der Prophezeiung bist.“ – „Woher wisst ihr das alles? Und wer hat euch beauftragt, mich auf diese Art und Weise großzuziehen?“ Ich verstand nicht ganz. Meine Mom schien das Gespräch sichtbar zu belasten. Sie setzte sich wieder, war beinahe schon kreidebleich. „Wir wissen nicht genau, wer das gewesen ist. Er brachte dich und…“ Schockiert hielt sie sich den Mund zu und erst, als ich über ihre Worte nachdachte, verstand ich, warum. „Soll das… Soll das heißen… Ihr seid gar nicht meine leiblichen Eltern?“ Die beiden sahen sich an. Sie taten es wieder. Schockiert, traurig und enttäuscht, aber immerhin etwas schlauer als zuvor, stand ich auf und lief davon. „Warte doch, Bea“, riefen die beiden mir nach, doch ich dachte nicht einmal daran.

 

Als ich am Lagerhaus ankam, wartete Grace bereits auf mich. Als sie gerade fragen wollte, warum ich weinte, kam Kiro dazu und sie verkniff sich die Frage. „Seid ihr soweit?“ Ich nickte und Grace stimmte ebenfalls zu, sodass wir kurz darauf wieder durch die Klappe in das kleine Versteck kletterten. Grace und ich nutzten die Gelegenheit, um miteinander zu sprechen. Mir war aufgefallen, dass auch sie etwas belastete, aber da ich wusste, was es war, sprach ich sie nicht drauf an. Ich erzählte ihr, was ich erfahren hatte, unterbrach das Gespräch kurz, als wir durch die Grenzkontrolle fuhren und war gerade fertig geworden, als der Wagen anhielt. Wir stiegen aus und ich bedankte mich bei Kiro, doch als er mir seine Hand geben wollte, wimmelte ich ihn ab. Grace schaute ihn nicht einmal an, als er an ihr vorbeiging, um wieder einzusteigen. Er startete den Motor und fuhr davon. Ich nahm Grace in den Arm. „Ich weiß Bescheid“, flüsterte ich und streichelte ihr beruhigend über den Rücken. „Ich fühle mich so schmutzig“, schluchzte sie, „ich möchte erst einmal duschen gehen.“ Ich konnte das nachvollziehen und dachte darüber nach, wie ich meinem Ziel einen Schritt näher kommen könnte, wie es mir gelingen könnte, dem Künstler endlich gegenüber zu treten. Grace befreite sich aus meiner Umarmung und wir entfernten uns langsam von der Straße. Es war sehr windig, der Himmel war von dunklen Wolken überzogen, die man im Sektor noch nicht gesehen hatte. Es begann zu donnern. „Wir sollten uns beeilen, Bea. Ein Sturm zieht auf.“

 

Kapitel 10: Der Plan

Grace behielt Recht. Noch auf unserem Weg zum Dorf fing es an, zu Gewittern, es wurde windig und Regen- und Hagelschauer setzten ein. Wir beeilten uns, doch kriegten die volle Breitseite des Sturmes zu spüren.Wir erreichten das Dorf völlig durchnässt und verabschiedeten uns im Laufen voneinander. „Da hast du deine Dusche!“, rief ich ihr noch nach und ich konnte gerade noch erkennen, wie sich ihre Mundwinkel nach oben zogen, ehe Grace aus meinem Sichtfeld verschwand. Ich schloss die Tür hinter mir, lehnte mich mit dem Rücken gegen selbige und sackte in mich zusammen. 18 Jahre meines Lebens wurde ich belogen. Belogen von den Menschen, die ich für meine Eltern gehalten hatte. Aufgewachsen in einem System, das die Menschen unterdrückt, in dem ich nur Teil eines Planes bin. Ich bin Teil eines Planes, von dem ich keine Ahnung habe, bin das Mädchen, um das sich eine Prophezeiung dreht, ein Mädchen, das seinen eigenen Weg geht.

Ohne Vorschriften… ohne Eltern. Es klopfte und ich schreckte aus meinen Gedanken auf. Ich war noch immer komplett durchnässt, denn weit war ich ja nicht gekommen. Ich stand auf, drehte mich zur Tür um und öffnete sie. Mitten im Regen stand Severin, ebenfalls durchnässt, seine Arme vor dem Körper verschränkt. Er fror offensichtlich und ich bat ihn herein. „Ich mach kurz den Kamin an, dann können wir uns aufwärmen, in Ordnung?“ Er zitterte und nickte. Ich warf etwas Holz in den Kamin und zündete es an. Es begann zu knacken, während die Flammen emporstiegen. „Ich bin sofort wieder bei dir“, stotterte ich und verschwand ins Badezimmer. Ich legte meine nassen Klamotten ab und nahm mir ein Handtuch, um mich abzutrocknen. Ich zog mir trockene Unterwäsche an und zog einen Bademantel über. Ich nahm noch zwei Handtücher und verließ das Bad wieder. „Hier, du solltest die nassen Klamotten ausziehen und dich abtrocknen.“ Ich warf ihm die Handtücher zu, die er auffing. „Möchtest du etwas trinken?“ Er wollte einen Tee. Ich verschwand in der Küche und setzte das Wasser auf, machte einen Tee für ihn und einen für mich. Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, hatte er seine nassen Klamotten abgelegt und sich die Handtücher umgebunden und sich in die Wolldecke von meinem Sofa gewickelt. Seine Haare standen in alle erdenklichen Richtungen ab und ich musste lachen. Er schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, seine Haare würden sich legen, aber es wurde nur noch schlimmer. Ich reichte ihm seinen Tee und setzte mich neben ihn auf den Boden, um mich am Kaminfeuer zu wärmen. Er trank den ersten Schluck und verbrannte sich die Zunge. Auch ich hatte gerade einen Schluck genommen, den ich lachend wieder ausspuckte. Nun musste auch er lachen. Wir lachten und vergaßen für einen Moment, dass draußen ein furchtbarer Sturm wütete. Das Feuer wärmte uns und wir fingen an, uns zu unterhalten. Er befragte mich zum heutigen Tag, was ich erfahren hatte. Ich fühlte mich geborgen und teilte die Geschichte gerne mit Severin. Er hörte mir aufmerksam zu und schenkte mir etwas Trost. Trotzdem berührte mich die Geschichte beim Erzählen wieder und ich konnte mir die Tränen nicht verkneifen. Severin rückte ein Stück zu mir herüber und streichelte mir über den Rücken, um mich zu trösten, wodurch ich seltsamerweise eine Gänsehaut bekam. „Ich weiß, wie es ist, seine Eltern zu verlieren, Bea. Mir wurde meine Mutter genommen und nun auch mein Vater. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, wie du dich nun fühlst, aber ich weiß dass du dich schlimm fühlen musst. Du hast deine Eltern nicht einfach nur verloren, du hast deine wahren Eltern nie gekannt.“ Seine Hand fuhr meinen Rücken hinauf und er streichelte durch mein Haar, über meinen Nacken bis zu meiner Wange. Ich gab mit meinem Kopf ein wenig nach, blickte verlegen zu Boden. „Du bist so wunderschön geworden, Beatrice.“ Das Kompliment machte mich verlegen und ich grinste, während ich zu ihm aufschaute. Er lächelte freundlich und streichelte mir sanft über meine Wange. Sein Daumen berührte meine Unterlippe und er näherte sich mir. Sein Kopf kam langsam auf mich zu und als ich sah, dass er die Augen schloss, tat ich das auch. Einen Atemzug später spürte ich seine Lippen auf meinen. Sie waren etwas wärmer und eher weich. Er küsste mich und es dauerte etwas, ehe ich den Kuss erwidern konnte. Ich legte meine Hand an seinen Hals. Je länger wir uns küssten, desto stärker begann ich zu zittern, weshalb er aufhörte. „Was ist los?“, wollte er wissen. Ich war noch etwas verlegen. „Das war mein erster Kuss“, gestand ich und ergänzte, „und mir ist ein wenig kalt.“ Severin lächelte, zog mich sanft zu sich hin und legte die Decke um mich, sodass wir sie uns teilten. Während uns von außen die Wärme des Feuers wärmte, spürte ich nun auch die Wärme seines Körpers. Er legte seinen Arm um mich, sodass ich seinem Körper ganz nah war. Nur die Handtücher und der Bademantel trennten seine Haut von meiner. Verträumt schaute ich in in seine Augen und er erwiderte meine Blicke.

 

Ein lauter Donner riss uns aus diesem Blick. Gleichzeitig ging das Licht aus. Stromausfall. Severin schaute zunächst etwas irritiert in den Raum, doch das lodernde Feuer gab genug Licht und sorgte für eine romantische Atmosphäre im Raum. Ich schaute wieder in seine Augen, die im schwachen Licht das Feuer reflektierten und daher funkelten. Ich verlor mich in diesen Blick, als sein Gesicht sich meinem wieder näherte. Unsere Augen schlossen sich beinahe zeitgleich und kurz darauf drückte er seine Lippen zärtlich auf meine. Ich spürte seine Hand an meiner Hüfte, die mich immer weiter zu sich zog. Meine Hand fuhr währenddessen langsam seinen Arm entlang und streifte dabei das Handtuch ab, das er sich über die Schultern gelegt hatte. Für einen kurzen Moment unterbrach er den Kuss, doch noch bevor ich meine Augen wieder öffnen konnte, küsste er mich wieder. Unsere Zungen bahnten sich langsam ihren Weg zueinander und die Küsse wurden wilder. Er drückte mich zu Boden, sodass ich mit dem Rücken auf dem Teppich lag, und beugte sich über mich. Die Decke hatte er über uns geworfen. Während wir uns küssten, fuhr seine Hand an der Außenseite meines Beines entlang nach oben und zog den Bademantel ein Stück mit sich. Er stützte sich mit dem einen Arm neben meinem Kopf ab und öffnete das Band meines Bademantels. Seine Hand fuhr durch die Öffnung und berührte meinen Bauch, während ich versuchte, seine Zunge mit meiner zu dominieren. Mit sanftem Druck glitt seine Hand weiter nach oben, er berührte meine Brust. Seine Küsse lösten sich langsam von meinem Mund und suchten sich einen Weg über meine Wange zu meinem Hals. Ich legte meinen Kopf in den Nacken, mein Atem wurde schwerer, während seine Lippen meinen Hals berührten. Als seine Zunge begann, meine Brustwarze zu stimulieren, löste sich ein Stöhnen von meinen Lippen.

 

Severin ließ sich neben mich auf den Teppich sinken und holte tief Luft. Auch ich atmete tief durch und schaute an die Decke. Das Feuer im Kamin war sehr klein geworden, der Raum entsprechend dunkel. Nur hin und wieder erleuchtete ein Blitz den Raum. Ich drehte mich zu Severin hin und legte meinen Arm auf seine Brust. Sie war etwas verschwitzt. Ich streichelte über seine Brust und bemerkte eine Erhebung, die jedoch nicht seine Brustwarze war. Es war etwas härter und länglich und zog sich über die komplette rechte Brust– eine Narbe. „Was ist dir denn da passiert?“, fragte ich mit ruhiger Stimme. Mir war die Narbe zuvor nicht aufgefallen. Severin legte seine Hand auf meine. Ich spürte seinen Herzschlag. Es schlug schnell und gleichmäßig. „Kurz nachdem ich aus dem Sektor geflohen und hier im Dorf gelandet war, wollte ich mich etwas umsehen. Leider bin ich dabei in eine Falle getreten und wurde gefangen. Wachen kamen, die mich in Gewahrsam nahmen. Sie wollten mich zum Turm des Künstlers bringen, um mich dort verhören zu lassen. Auf diese Weise wollten sie das Versteck der Outsider aufspüren Beim Versuch, mich zu befreien, verletzte einer der Wachen mich mit einem Messer“, erzählte er. „Aber dann wissen sie ja jetzt, wo sie nach uns suchen müssen“, stellte ich entsetzt fest, doch Severin konnte mich beruhigen: „Nein. Der Künstler hat hier draußen wenig Einfluss. Er weiß also nicht, wo die Wachen sich aufhielten und damit das so bleibt, haben wir sie ausgeschaltet.“

Der Hagel hatte nachgelassen, das Gewitter zog langsam weiter. Wir lagen eine ganze Weile auf dem Teppich, kuschelten uns aneinander und unterhielten uns über alles mögliche. Es wurde wirklich spät. Die Nacht war bereits angebrochen und Severin musste zurück. Die Sachen waren am Feuer etwas getrocknet, sodass er sich wieder anziehen konnte. Ich behielt den Bademantel an, machte ihn jedoch wieder zu, bevor ich ihn zur Tür brachte. „Danke für dieses schönen Abend, Bea.“ Ich lächelte. Er verabschiedete sich mit einem Kuss von mir, was mich abermals zum Lächeln brachte. Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, dachte ich über den heutigen Abend nach. Ich räumte die Tassen weg, in denen noch der meiste Tee war, als mir plötzlich eine Idee kam. Schnell stellte ich die Tassen auf die Spüle und lief zur Tür, die ich weit aufriss. „Severin! Ich habe einen Plan!“

 

Kapitel 11: Der Turm

„Da ist eine!“, rief eine Patrouille, die gerade die Straße zwischen den Sektoren entlang ging. Sie liefen los und nahmen die Verfolgung auf, während ich die Flucht ergriff. Es war ein sonniger Tag, der Himmel war wolkenlos und es war angenehm warm. Ich lief davon, doch die Wachen folgten mir, sodass ich nicht das Dorf ansteuern konnte. Mein Weg führte mich durch den Wald und wir gelangten bald an einen schmalen Fluss, der sich zwischen den Bäumen entlang einen Weg suchte. Ich folgte dem Fluss stromaufwärts, immer tiefer in den Wald, und achtete darauf, dass die Wachen mir folgten. Sie jagten mich. Als ich an der Quelle des Flusses angelangt war, erhöhte ich mein Tempo, sodass ich beinahe entkommen konnte, als plötzlich ein lauter Knall durch den Wald schallte. Vögel flogen panisch davon, Wildtiere verschwanden im nächstbesten Versteck. Ich blieb stehen und hob meine Hände. Der Warnschuss hatte sein Ziel erreicht. Einen Augenblick später erreichten die Wachen mich. „Haben wir dich, du Miststück.“ Sie waren außer Atem und ich feixte, machte mich darüber lustig. Ein Wachmann verpasste mir eine Ohrfeige. „Dir wird das Lachen schon bald vergehen“, drohte er mir und schlug mich mit der Faust zu Boden. Ich wehrte mich nicht. Mir wurden Hand- und Fußfesseln angelegt und die Wachmänner führten mich zurück zur Straße. Auf dem Weg forderte einer der Wachmänner über ein Funkgerät einen Wagen an, um mich abzutransportieren. „Roger“, dröhnte es aus dem Funkgerät. Ich bemerkte den Geschmack von Blut. Es war mein eigenes, das aus meiner Nase lief. „Hör zu, Mädchen. Wir bringen dich zum Turm des Künstlers. Besser du sagst uns schon jetzt, wo das Dorf der Outsider ist, sonst wird es sehr schmerzhaft für dich“, drohte man mir.

„Dort vorne ist die Straße. Mach jetzt ja keine Mätzchen, sonst verpass‘ ich dir noch eine. Klar?“ Ich nickte stumm und ließ mich zum Wagen führen. Eine der Wachen öffnete die Ladefläche und ich wurde hineingestoßen, wobei ich mir das Knie aufschlug. „Besser, du suchst dir etwas, um dich festzuhalten. Die Fahrt wird sehr ungemütlich“, lachte eine Wache. Still schaute ich mich um. Der Laderaum war leer. Die Tür wurde zugeschlagen und es wurde dunkel.

Auf der Fahrt wurde ich kräftig durchgeschüttelt. Ich konnte mich nirgends festhalten und jeder Versuch, mich irgendwie zu fixieren, scheiterte an der nächsten Erhebung. Nach einiger Zeit wurde die Fahrt angenehmer, die Straße schien nun befestigt zu sein und nach einer langen Fahrt kam der Wagen endlich zum Stillstand, der Motor wurde ausgeschaltet. Ich hörte das Knallen einer Tür, eine weitere Tür folgte. Dann wurde der Laderaum geöffnet. Zwei bewaffnete Wachen richteten ihre Waffen auf mich, wohl um sicherzugehen, dass ich nicht aus dem Laderaum springe und versuche, mich zu befreien. Ich stand auf und einer der Wachen reichte mir seinen Arm, um mir aus dem Wagen zu helfen. Als ich den Wagen verlassen hatte, musste ich mich übergeben. Erst dann fiel mir auf, wo ich gelandet war. Der Boden war ordentlich gepflastert, rundum zwitscherten Vögel. Der Wagen stand auf einem Parkplatz vor einer großen Mauer. Eine riesige Pforte ermöglichte den Durchgang. Ich schaute mich etwas weiter um. Das Licht der Sonne blendete mich stark, nachdem ich im Wagen nur im Dunkeln verbracht hatte. Einige hundert Meter hinter der Mauer ragte ein gigantischer Turm in die Höhe. Die Wachen begannen mich zu schubsen und führten mich zum Tor. Die Wachen klingelten und das Tor wurde einen Spalt geöffnet. „Ihren Ausweis und den Grund Ihres Besuchs, bitte“, forderte eine dunkle Männerstimme. Der Wachmann, der den Wagen gefahren hatte, reichte seinen Ausweis durch den Spalt und fügte flüsternd hinzu: „Lebendige Outsiderin zum Verhör gefangen genommen.“ Der Mann hinter dem Tor blickte auf und schielte suchend durch den Spalt, bis er mich sah. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen befahl er, das Tor zu öffnen.
Ein langer Weg führte zu dem Gebäude, aus dessen Mitte sich der Turm erstreckte. Links und rechts vom Weg befanden sich Grünflächen, ein Hindernisparcours, ein Schießstand – hier wurden die Wachen ausgebildet. Das Gebäude sah vornehm aus, der schwarze Turm, der daraus emporstieg, passte nicht dazu. „Geh, Mädchen!“, befahl der Wachmann und mit kleinen Schritten trat ich dem Gebäude entgegen.

„Halt!“ Das Brüllen der Wache ließ mich zusammenzucken und ich blieb augenblicklich stehen. Ich stand nun vor der Treppe, die zur Veranda des Gebäudes führte. Es waren nur drei Stufen, doch mit den Fußfesseln war es schwierig für mich, diese zu bewältigen. „Helft ihr“, befahl die Wache und zwei andere Wachmänner halfen mir die Stufen hinauf. Vor der Tür blieben wir abermals stehen. „Junges Fräulein, du hast drei Stunden.“ Er klopfte an die Tür, welche augenblicklich geöffnet wurde, dann trat er zurück. Eine Frau kam heraus. Sie trug eine lange, hellblaue Schwesterntracht mit einer weißen Schürze und hatte gelocktes, blondes Haar, das von einem Häubchen zurückgehalten wurde. Sie legte ihren Arm um mich und führte mich in das Haus. Eine Wache folgte uns, der Rest blieb draußen zurück. Die Dame führte mich in in einen hellen Raum. Die riesigen, deckenhohen Fenster ließen viel Sonnenlicht einfallen. Eine lange Tafel füllte den Raum, gedeckt mit den besten Speisen, den leckersten Getränken, dem schönsten Obst, das ich je gesehen hatte und dem wohl frischesten Gemüse, das es auf diesem Planeten gab. Zuvor führte sie mich jedoch zu einem Hocker und bat mich, Platz zu nehmen, was ich ohne Widerrede tat. „Nehmen Sie ihr die Fesseln ab, sie wird sich nicht wehren“, ordnete sie an und kniete sich dann vor mich, um hinzuzufügen: „In und um dieses Gebäude laufen mehr Wachen, als du in deinem bisherigen Leben gesehen hast. Jeder Versuch, auszubrechen oder zu entkommen, würde dir mehr Schaden zufügen, als es Gutes tut. Ich will dir nichts Böses, ich gebe dir mein Wort.“ Ich schaute der Dame tief in die Augen und erkannte, dass sie die Wahrheit sagte. Die Wache nahm mir die Fesseln ab, während die Dame eine große Schüssel mit Wasser füllte. „Wie heißt du?“, erkundigte sie sich, während sie mit einem Lappen und dem Wasser behutsam mein Gesicht säuberte. „Beatrice“, entgegnete ich zurückhaltend. „Das ist ein schöner Name“, schmeichelte sie mir, „Ich bin Paula, aber alle nennen mich Poppy.“ Ich lächelte freundlich. Nachdem sie mein Gesicht und auch mein Knie gesäubert hatte, führte sie mich durch den Raum, bis wir vor zwei Türen stehen blieben. „Hinter der linken Tür findest du Kleider für dich. Wenn du etwas männlichere Kleidung vorziehen solltest, wirst du hinter der rechten Tür sicher fündig.“ Etwas zögernd näherte ich mich der linken Tür. Als ich meine Hand auf die Türklinke legte, drehte ich mich verunsichert zu Poppy um. Sich lächelte besänftigend und ich öffnete die Tür. Dahinter versteckte sich ein riesiges Ankleidezimmer. Wie in einem Traum fand man hier die schönsten und anmutigsten Kleider, die elegantesten und modernsten Outfits und die schönsten Schuhe. Jedes andere Mädchen hätte Jahre gebraucht, um hier ein passendes Kleidungsstück zu finden, doch durch meinen Sektor und das Leben im Dorf war ich Bescheidenheit gewohnt. Ich entschied mich für eine Hose und ein lockeres Oberteil, zog mich um und kehrte dann in den Saal zurück. „Sehr schön siehst du aus. Wenn du jetzt noch lächelst, würde ich dich für einen Engel halten“, lobte Poppy. Dieses Kompliment brachte mich zum Lächeln. „Sehr schön“, wiederholte sie. „Sicherlich hast du Hunger oder zumindest Durst. Du darfst dich bedienen. Entenbrust, Hähnchen oder ein Steak, Kartoffeln, Nudeln oder Reis, Erbsen, Bohnen oder Möhren, Kuchen, Pudding oder ein Tiramisu – du hast freie Auswahl.“ Die Auswahl war tatsächlich gewaltig und überwältigte mich, sodass mir die Tränen kamen.
Noch nie zuvor hatte ich so gut gegessen. Ich bedankte mich bei Poppy, doch sie war bescheiden und wies meinen Dank zurück. Es sei selbstverständlich, nachdem ich so viel durchgemacht hatte, sagte sie immer wieder. Poppy fragte mich, ob sie mir das Haus zeigen sollte und ich willigte ein. Es gab ein riesiges Aquarium, in dem die verschiedensten Fische schwammen, gefolgt von einem Terrarium voller Reptilien und Amphibien – Tiere, die ich nie zuvor gesehen hatte. Wir kamen in eine Kunsthalle, voll von Bildern, die den Krieg überlebt hatten. Der Künstler habe angefangen, die alten Kunstwerke zusammenzustellen, erklärte Poppy mir. Ich war begeistert. Wir übersprangen einen Raum. Eine dunkle, alte Holztür, die nicht zum Rest der Einrichtung passte. „Wieso gehen wir nicht in diesen Raum?“, wollte ich wissen. Poppy ließ den Kopf sinken. „Diesen Raum betritt nur der Künstler und niemand ohne seine Begleitung. Ich kann dir nicht sagen, was hinter der Tür ist. Es ist mir immer verboten gewesen, hineinzusehen.“ Es begann in meinen Fingern zu kribbeln, Neugierde machte sich breit, doch ich beherrschte mich. Wir betraten ein Musikzimmer. Unterschiedliche Instrumente standen in dem großen Raum verteilt. Nachdem Poppy mir erklärt hatte, was man mit ihnen machen konnte, wollte ich von ihr wissen, ob sie eines von ihnen spielen könne. Sie nickte und nahm hinter dem schwarzen Flügel Platz. Ihre Hände glitten über die Tasten und erzeugten so Klänge, die mich zum Nachdenken bewegten, mich zum Weinen berührten und mich zum Lachen zwangen. Als sie das Stück beendete, applaudierte ich und sie bedankte sich freundlich bei mir, ehe wir unsere Besichtigung fortsetzen. Die Zeit verstrich, die Besichtigung näherte sich dem Ende. „Die Zeit ist um“, stellte der Wachmann fest, der uns die ganze Zeit begleitet hatte. „Was bedeutet das?“, erkundigte ich mich. Poppy nahm meine Hände und hockte sich vor mich. „Das bedeutet, dass sich unsere Wege vorerst trennen. Du wirst in Kürze dem Künstler begegnen. Ich kann dir bei dieser Begegnung nicht beistehen. Ich wünsche dir alles Gute, Beatrice.“ Sie ließ meine Hände los und ging ohne sich umzudrehen davon, während die Wache mich an der Schulter festhielt. „Hier entlang“, forderte er mich auf und führte mich zu letzten Tür der Besichtigung. Er öffnete die Tür, hinter der sich ein kleiner, kalter Raum verbarg. Es gab keine Möbel und nur schwaches Licht. Noch während ich mich im Raum umsah, wurde die Tür zugestoßen und der Wachmann sperrte von außen ab. Dann ging das Licht aus.

 

 

Am Abend zuvor – „Vergiss es, Bea“, erwiderte Severin, nachdem ich ihm meinen Plan erklärt hatte, „Das ist viel zu gefährlich.“ Er sorgte sich um mich. „Wenn du mir nicht helfen willst, frage ich eben Grace.“ Ich begann zu diskutieren. Zwar verstand ich, dass ihm mein Plan nicht gefiel, deswegen aufgeben, wollte ich jedoch nicht. Ich war davon überzeugt, dass mein Plan funktionieren würde. Severin war empört und lief mir nach, als ich mich zu Grace begab. „Du bist wirklich verrückt, Beatrice. Da kannst du dich direkt an die Grenze stellen und dich umbringen lassen.“ – „Das bringt mich meinem Ziel aber kein bisschen näher“, antwortete ich und klopfte an die Tür. Grace öffnete. „Man hört euch beiden im ganzen Dorf brüllen. Hängt der Haussegen schief?“ Ich erklärte Grace meinen Plan und sie hörte aufmerksam zu, dann überlegte sie. „Vielleicht könnte ich dir noch helfen. Ich hoffe nur, es ist nicht zu kurzfristig.“ Sie ging in die Wohnung und griff zum Telefon. Sie war eine der wenigen Outsider, die Zugang zu einem Telefon hatten. Severin beruhigte sich langsam wieder und ein Telefonat später bat Grace uns herein. „Wir machen es so…“

 

Kapitel 12: Die Vision

Mit meinen Fäusten hämmerte ich an die Tür. „Hallo? Hört mich jemand? Lasst mich raus!“ Doch niemand reagierte. Ich war gefangen. Eine dumpfes Summen ertönte, dass von einer Stimme abgelöst wurde und eine der Wände des Raumes begann plötzlich hell zu leuchten. „Mit dem heutigen Tag … beginnt euer Leben. … Ihr hattet 14 Jahre Zeit, … um groß zu werden … und das Leben zu erlernen. … Ihr wisst nun, … was ihr zum Überleben benötigt … und auf was ihr verzichten könnt. … Irgendwann … liegt es in euren Händen … dafür zu sorgen, … dass wir Menschen … bestehen bleiben. … Doch … es liegt in seinem Ermessen … wem diese Aufgabe zugetragen wird … und wem ein vorheriges Ableben vorbestimmt ist. … Schon bald … wird euer Schicksal … auf seinem Papier geschrieben stehen.“ Die Wand fungierte wie ein Bildschirm. Ich konnte Deonthes sehen, wie er hinter dem Pult stand, ich sah viele Kinder und ich sah… mich. Das Bild wechselte. Ich sah meine Mutter, zumindest die Frau, die ich immer dafür gehalten hatte, in der Küche unseres Hauses stehen. „Mom, Dad, ich bin zu Hause.“ hörte ich meine eigene Stimme sagen, während ich dabei zusah, wie ich unser Haus durch die Hintertür betrat. „Wie war dein erster Tag, Liebes?“, fragte meine Mutter. „Der Lehrer sagte, ich sei ein Outsider“, antwortete ich ihr. Das Bild wurde unklar, als würden sich Wolken davorschieben, während das letzte Wort sich wie ein Echo immer und immer wieder wiederholte. Dann wurde der Raum wieder dunkel und still. Ich erinnerte mich an jenen Tag. Jener Tag hat mein Leben bedeutend verändert. Jener Tag war der Anfang meiner Reise, der Grund warum ich nun hier war.

„Es wir Zeit, Beatrice.“, ertönte eine sanfte Stimme, die ich zuvor noch nie gehört hatte. Der Boden begann zu beben, ich fiel zu Boden und fühlte mich plötzlich schwer. Das Beben fand ein Ende und die Tür öffnete sich einen Spalt. Ich erhob mich vom Boden, ging dem einfallenden Licht entgegen und öffnete die Tür vorsichtig. Ich war nicht mehr im Haus, durch das ich den Raum betreten hatte. Stattdessen befand ich mich in einem beinahe runden Raum, der lichtdurchflutet und rundum verglast war, die Tür durch die ich gekommen war, bildete die Ausnahme. Der Raum, in den ich gesperrt wurde, schien ein Aufzug gewesen zu sein. Ich sah mich um. In der Mitte des Raumes stand ein runder Tisch, auf dem ein Buch, eine Feder und ein Messer lagen. Links und rechts von mir standen zwei Wachleuchte und am anderen Ende des Raumes stand ein Mann, der mir den Rücken zugekehrt hatte. War das der Künstler? Sollte ich die Wachen überwältigen und ihn angreifen? Ich riskierte es, schlug dem einen Wachmann meinen Ellenbogen ins Gesicht, während ich dem anderen in die Kniekehle trat, um ihn zu Boden zu bringen. Sie versuchten sich zu wehren, doch ich konnte sie gezielt entwaffnen und zu Boden schlagen. Innerhalb von Sekunden baute ich deren Maschinengewehre komplett auseinander und machte sie somit vorerst unbrauchbar. Dann lief ich mit vollem Tempo auf den Mann zu, fest entschlossen, ihn anzugreifen. Als ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, drehte er sich plötzlich um und richtete eine Pistole auf meinen Kopf. Ich blieb sofort stehen. „So dankst du mir also für meine Gastfreundschaft, Beatrice“, scherzte der Mann mit einem verschmitzten Lächeln. „Ich will dir wirklich nichts Böses und ich bin mir sicher, dass du bevor du mich töten willst, einige Fragen hast.“ Er lachte. „Das ist unfair, ich weiß ja, dass ich Recht habe. Bitte nimm Platz.“ Verwirrt schaute ich mich um und nahm dann auf dem Stuhl Platz, der plötzlich hinter mir stand. „Atemberaubende Aussicht, nicht wahr? Wir sind so weit von ihnen entfernt und doch kann ich alle fünf Sektoren sehen, jeden in einer anderen Richtung. Und obwohl der Turm in ihrer Mitte steht, wird es nie jemandem gelingen, diesen Turm zufällig zu finden. Wer versucht, den Turm am Horizont zu erreichen, wird ewig laufen, sich ihm aber niemals nähern. Siehst du die verglasten Wolkenkratzer von Sektor fünf? Oder hier…“ Er deutete in eine andere Richtung. „Die Hochhäuser von Sektor 4. Dort vorne sehen wir die dichten Straßen von Sektor 3. Oder auf der anderen Seite… die riesigen Felder von Sektor 1. Und hinter dir sieht man die Fabrikschornsteine von Sektor 2. Verwunderlich wie das alles funktioniert, oder? Sicher hat dir die Aussicht die Sprache verschlagen, aber bitte, stell deine Fragen.“ Ich schaute nach draußen. „Wie…“ wollte ich eine Frage beginnen. Der Mann zog einen Zettel und einen Stift aus seiner Hosentasche und und begann, etwas zu zeichnen. „Das hier hat nichts mit Magie zu tun, Beatrice. Trotzdem steht der Turm in der Mitte eines Pentagramms. Das hier ist das Zentrum jeglicher Macht. Von hier über ich den Einfluss auf das System aus.“ Er zeigte mir seine Skizze, in der er die fünf Sektoren zu einem Pentagramm verbunden hatte. Der Turm stand genau in der Mitte.

„Warum…“ Wieder ließ er mich meine Frage nicht beenden. Er entgegnete: „Menschen mordeten, Menschen stahlen, Menschen zerstörten und man ließ es geschehen, man sah einfach nur zu. Es blühten einst Blumen in tausenden Farben, die Luft war erfüllt vom Zwitschern der Vögel, doch nun ist alles dürr und still. Die Welt verkam. Der Mensch kam und nahm sich, was er gebrauchen konnte: Rohstoffe, Boden. Irgendwann kam es, wie es kommen musste… Es gab Streit, Krieg und das Ende der Menschheit stand bevor. Dieser Planet gehört nicht den Menschen, er gehörte ihnen nie, doch offensichtlich bin ich der einzige, der das versteht. Als man mir diese Aufgabe anvertraute, beschloss ich, der Natur das zurückzugeben, was der Mensch ihr einst genommen hatte. Ohne mich würde der Mensch allein über die Erde herrschen und sie und sich und alles Leben vernichten. Deshalb ist dieses System die einzige Möglichkeit, eine Notwendigkeit. Anders funktioniert es nicht.“ Er wurde zornig. „Begleite mich“, bat er mich und ging an mir vorbei. Seine Waffe hatte er weggesteckt, doch ich wollte zunächst Antworten, weshalb ich ihm ruhig folgte. Wir gingen zu der Tür, durch die ich hier reingekommen war und standen plötzlich wieder im Flur des Hauses. Ich fragte nicht weiter. Mit langsamen Schritten, die Hände hinter dem Rücken haltend, ging er den Flur entlang. Ich folgte ihm und bemerkte dabei die vielen kleinen Narben, die er an seiner Hand und dem Unterarm hatte. Wir blieben vor der alten Holztür stehen, die Poppy nicht hat öffnen dürfen. Er öffnete die Tür und wartete, bis ich an ihm vorbei ging. Eine Treppe führte unter das Haus. Etwas misstrauisch aber doch entschlossen ging ich Stufe für Stufe die Treppe hinab. Ein kleiner Raum bildete das erste Untergeschoss. Hier standen drei Kerzen vor einer Wand, an der drei Fotos hingen. Ich stellte mich davor und schaute die Bilder an. Das erste Bild zeigte eine junge Frau, die freundlich lächelte. Das zweite Bild zeigte einen gleichalten Mann in einer Uniform, die aber nicht aus der heutigen Zeit stammte. Das dritte Bild zeigte ein junges Mädchen neben einem Hund. Sie sah sympathisch aus und trug ein schönes Sommerkleid. „Das ist meine Familie. Meine Mutter, mein Vater und meine Schwester. Sie starben während des Krieges. Mein Vater war Soldat, kämpfte für die Armee. Als die feindlichen Truppen in unser Dorf einmaschierten, löste er sich von seiner Truppe, um meine Familie auf unserem Hof zu beschützen. Gib mir deine Hände. Ich möchte dir etwas zeigen.“ Der Mann hielt mir seine Hände entgegen und etwas verwundert legte ich meine Hände auf seine. Ich schloss meine Augen und fand mich plötzlich an einem vollkommen anderem Ort wieder.

 

2016 – „Kommt Kinder“, rief eine aufgebrachte Frau. Ich erkannte sie. Es war die Frau von dem Foto, das ich vor wenigen Augenblicken im Keller des Künstlers gesehen hatte. Ich versuchte auf sie zuzulaufen, doch meine Beine bewegten sich nicht. „Wo ist Papa?“, kam es aus meinem Mund. Es war die Stimme eines Jungen, der Worte sagte, die ich nicht sagen wollte. Ich rannte auf die Frau zu. Ich war nicht ich selbst. Ich war gefangen im Körper eines Jungen und hatte keine Kontrolle über ihn, als wäre ich Passagier, der in einem fremden Körper mitfährt. Wir liefen zur Scheune, ich hatte ein Mädchen an der Hand. Es war das Mädchen von dem dritten Foto. Auch der Hund folgte uns zur Scheune. Die Frau verschloss die Tür von innen. Ich spürte Angst. Es war ein komisches Gefühl, weil ich wusste, dass es nicht meine eigene Angst war. „Papa kommt gleich. Wir müssen durchhalten. Ich habe eben noch mit ihm telefoniert.“ Das Mädchen weinte und die Frau nahm mich und das Mädchen in den Arm, um uns zu beruhigen. Ich bemerkte, wie sie selbst immer wieder unsicher aus dem Fenster schaute.
„Papa kommt!“, rief die Frau und öffnete die Tür wieder. Das Mädchen und ich schauten durch den Spalt nach draußen und sahen einen Mann auf uns zu rennen. Ein Schuss ließ uns zusammenzucken. Der Mann brach augenblicklich zusammen. Er wurde getroffen. Die Frau schlug schreiend die Tür zu und auch das Mädchen und der Junge schrien. „Ihr müsst euch verstecken, Kinder. Ihr müsst leise sein. Versteckt euch.“ Die Frau gab uns einen Kuss. Dann versteckten wir uns in der Scheune. Ich sah nicht, wo das Mädchen hinlief. Der Junge und somit auch ich lief zu einer Leiter, kletterte sie hinauf und stieß sie dann um. Er krabbelte zwischen zwei Heuballen, die hier oben verstaut waren. Etwas zerschmetterte. Es war die Holztür der Scheune. Man hörte Männer in einer anderen Sprache rufen. Dann hörte ich die Mutter sprechen. „Nur ich bin hier“, sagte sie. Sie flehte um ihr Leben. Der Junge jammerte leise. Ein weiterer Schuss ließ das Flehen der Mutter verstummen. Es schien, als würden sie die Scheune absuchen. Der Hund bellte ununterbrochen. „Sieh an. Ein kleines Mädchen“, hörte ich die Männer mit ausländischem Akzent sprechen. Sie hatten das Mädchen gefunden. Es fielen zwei weitere Schüsse. Der Hund bellte und knurrte. Eine weitere Männerstimme erschien im Gespräch. „Ist hier noch jemand?“ – „Ich glaube nicht. Nur dieser Köter.“ – „Lass ihn laufen. Der tut nichts zur Sache.“ Sie scheuchten den Hund davon, dann entfernten sich die Stimmen. Der Junge blieb noch viele Stunden in seinem Versteck, weinte still und leise vor sich hin. Erst als die Sonne unterging, wagte er sich aus dem Versteck. Da er die Leiter umgestoßen hatte, musste er nun vom Heuboden springen. Er verletzte sich dabei den Knöchel. Im schwachen Licht des Sonnenuntergangs sah er seine Mutter und seine Schwester leblos auf dem Boden liegen.

 

2045 – Ich öffnete meine Augen. Tränen liefen meine Wangen entlang und auch der Mann weinte. Er deutete auf die Treppe, die noch ein Stockwerk tiefer führte. Wortlos ging ich hinunter. Der Raum war deutlich größer als der Raum zuvor, die Wände waren voller Bilder. „Weißt du… Bilder erinnern an Dinge, die nicht mehr sind. Sie erinnern mich an die guten und schönen Zeiten und sorgen so dafür, dass ich mein Ziel vor Augen behalte. Ich bin nicht der Böse. Die Menschheit ist es. Ich verhindere, dass die Welt ausstirbt, dass der Mensch ihr das nimmt, was sie so einzigartig macht – das Leben. Opfer sind notwendig, um die Menschen daran zu erinnern, wofür sie leben und wofür sie stehen. Der Tod ist notwendig, um überhaupt zu leben. Gäbe es den Tod nicht, so gäbe es auch kein Leben. Es gäbe nichts, für das es sich zu leben lohnt, nichts, das uns antreibt. Die Welt würde anfangen, stillzustehen. Die Welt wurde nicht in ein System gesteckt, sie ist das System. Alles auf diesem Planeten geschieht aus einem Grund. Wir müssen uns dem Schicksal fügen, ob wir wollen oder nicht. Ich habe mir nicht ausgesucht, die Welt zu verändern. Ich habe mir nicht ausgesucht, über Menschen zu bestimmen, über Leben und Tod. Es ist mein Schicksal. Es war nie anders. Immer gab es Menschen, die nicht in das System passten. Menschen, die Gefahr bedeuteten. Nehmen wir als Beispiel Hitler, der sich nicht in die Demokratie eingliederte sondern eine Diktatur schuf. Und nun sind da die Outsider, die sich gegen das System sträuben.“ Wir gingen durch die Galerie und blieben vor einem Bild stehen. Das Bild zeigte einen Mann und eine junge Frau, die ein Baby in ihren Armen trug. „Das, liebe Beatrice, bist du. Das sind nicht Linda und Gerrit sondern deine leiblichen Eltern kurz nach deiner Geburt. Wir werden uns noch über deine Eltern unterhalten, aber nicht hier unten.“

Wir verließen den Keller und gingen zurück in den Turm. „Kurz nach deiner Geburt wurdest du Linda und Gerrit anvertraut. Sie sollten dich großziehen, dir all deine Fragen beantworten… Das ganze war Teil eines Plans. Deine leiblichen Eltern leben in Sektor 5. Ich versprach ihnen, dort leben zu dürfen, bis du mir eines Tages gegenüberstehst. In diesem Augenblick werden sie zurück in Sektor 2 gebracht. Aber zuerst möchte ich, dass du sie kennenlernst.“ Der Mann ging zu dem Tisch in der Mitte des Raumes und nahm das Messer in die Hand. Er stach sich damit in die Hand, Blut lief seine Hand entlang. Er tauschte das Messer gegen die Feder, tauchte sie in das Blut und schrieb mit dem Blut in das Buch. „Sie werden bald hier sein“, sagte der Mann, während er sich ein Tuch auf die Schnittwunde drückte, „Hast du noch weitere Fragen an mich?“ Ich überlegte. Mittlerweile verstand ich, warum er das System so führte, wie er es tat. Zwar würde ich das niemals tun, doch ich verstand ihn, was Fragen diesbezüglich beantwortete. „Eine einzige Frage habe ich noch. Was ist das für ein Plan, dessen Teil ich bin?“ Ein heimtückisches Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Künstlers aus.

 

Kapitel 13: Der Künstler

„Bitte nimm wieder Platz“, sagte der Künstler. Ich wurde misstrauisch, setzte mich aber dennoch auf den Stuhl, der hinter mir erschienen war. „Weißt du, was das schöne an einer Geschichte ist, die man selbst schreibt, Beatrice?“ Er legte eine kurze Pause ein und ich schaute ihn erwartungsvoll an. „Das schöne daran ist, dass man sie selbst schreibt. Man kann sie nach Belieben verändern. Das hier ist meine Geschichte. Ich bin der Autor. Er drückte sich einige Tropfen Blut aus der Hand, tauchte die Feder ein, blätterte im Buch wenige Seiten zurück und begann etwas zu schreiben. Ich wurde neugierig, wollte aufstehen, doch so sehr ich mich bemühte, es gelang mir nicht. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. „Was haben Sie…“ Abermals wurde ich unterbrochen. „Ich habe die Geschichte geändert. Ich hoffe, das Essen hat dir geschmeckt.“ Ich verstand. Er hatte mich vergiftet. „Sie sind ein…“, begann ich zu brüllen und wurde wieder unterbrochen. „Wir wollen doch nicht ausfallend werden, junge Dame.“ Er lachte. „Deine leiblichen Eltern werden gleich hier sein. Schade nur, dass sie nicht lange bleiben werden.“ ich schaute ihn fragend an, doch ohne weiter darauf einzugehen, ging er zur Tür und verschwand aus meinem Blickfeld. Gefühlte fünf Minuten später hörte ich Schritte. „Beatrice, darf ich dir deine Eltern vorstellen? Das sind Genevieve und Dominic, deine leiblichen Eltern.“ Die Frau trat zuerst in mein Blickfeld. Sie sah mir sehr ähnlich. Sie kniete sich vor mich und legte ihre Hände auf meine Wangen. Ohne ein Wort zu sagen, schaute sie mir tief in die Augen, gab mir einen Kuss auf die Stirn und stand dann auf. „Wir haben so viel nachzuholen, mein Kind.“, sagte sie weinend. Jemand legte seine Hand auf meine Schulter. Ein warmes Gefühl machte sich in mir breit. „Leider werden Sie dazu keine Gelegenheit mehr haben.“, ertönte die Stimme des Künstlers hinter mir. Meine Mutter schaute erschrocken, dann hörte ich einen Knall. Ein Schuss löste sich und traf meine Mutter in den Bauch. Ein weiterer Schuss ertönte und neben mir fiel mein Vater zu Boden. Eine Träne lief über meine Wange. Sie kitzelte mich, doch ich konnte mich nicht regen. Mir gelang es auch nicht mehr, ein Wort zu sagen. Der Künstler schritt an mir vorbei. Er zog einen Stuhl hinter sich her, den er vor mich aufstellte. Dann setzte er sich.

 

Sein Blick musterte mich. Dann rollte er seinen Kopf, als würde er seinen Hals dehnen, und schaute mich wieder an. Aus seinen Augen waren jegliche Farben verschwunden. Sie waren komplett weiß. „Das System lebt, weil Menschen wie du es am Leben halten. Menschen, die Teil eines Plans sind. Menschen wie die bettelnde Dame in Sektor 1. Menschen wie Grace, Deonthes, Linda und Gerrit. Menschen wie Genevieve und Dominic. Manche Menschen müssen leiden. Manche Menschen müssen sich opfern, um das System am leben zu halten. Manche Menschen müssen sterben. Die gute Nachricht ist, dass du in die Geschichte eingehen wirst. Die schlechte Nachricht ist, dass all dein Streben umsonst war. Du wirst das System nicht brechen.“ Er erhob sich von dem Stuhl und ging zu dem kleinen Tisch und schnitt sich erneut in die Hand, um etwas ins Buch zu schreiben. Dann nahm er das Buch in die Hand und setzte sich wieder auf den Stuhl vor mich. Ich bemerkte, dass langsam das Gefühl in meinen Körper wiederkehrte. „Sie sind ein Mörder. Sie töten Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken“, versuchte ich mit meinen noch tauben Lippen zu sagen. „Ich töte nicht. Ich belebe dieses System. Du wirst nicht als Heldin gefeiert werden. Dein Tod wird nicht dafür sorgen, dass sich noch mehr Menschen entschließen, sich gegen mich zu stellen. Dein Tod wird nicht dafür sorgen, dass mehr Menschen das System hinterfragen.“ Er klang entschlossen und überzeugt. „Ich werde nicht sterben. Ich bin die Auserwählte. Mir ist es bestimmt, etwas zu ändern. Es ist mein Schicksal das System zu beenden. So sagt es die Prophezeiung“, rechtfertigte ich mich. Er lachte spöttisch. „Prophezeiungen gibt es seit Ewigkeiten. Sie sind ein Zeichen für Verzweiflung. Sie werden geschaffen, um Hoffnung zu schenken und haben keine weitere Bedeutung. Outsider haben sich die Prophezeiung ausgedacht. Sie brauchten Hoffnung. Sie brauchten etwas, was sie antreibt. Also schufen sie eine Prophezeiung, die ihnen zukünftig Hoffnung schenkte.“ – „Ich bin eine Outsiderin und wenn ich es bis hierher geschafft habe, werden auch andere Outsider das schaffen.“ Er rieb sich nachdenklich das Kinn., ehe er nachdrücklich erklärte: „Man hat dir erzählt, du seist etwas Besonderes. Man hat dir erzählt, du seist eine Outsiderin, du würdest nicht in das System passen. Man hat dir erzählt, du wärst anders, hättest die Möglichkeit, dich frei zu entfalten. Man hat dich ermuntert, dich gegen das System zu sträuben. Dir wurde erzählt, du seist die Auserwählte, die, die etwas ändern kann. Man sagte dir, du würdest mir eines Tages gegenüberstehen und da bist du. Doch du wirst nichts ändern. Das alles war eine Lüge. Du bist ein Lüge. Du bist Teil eines Plans.“ Fassungslos schaute ich ihn an, während er im Buch blätterte. Dann hielt er mir das Buch vor die Augen und ich begann zu lesen. Ich erinnerte mich an die Szene. Es war mein erster Tag in der Akademie, als die Inanima mich in den Raum stieß. Ich las und entdeckte meinen Namen – er stand im Buch. Der Künstler blätterte weiter und zeigte mir weitere Textstellen, in denen mein Name auftauchte, unter anderem auch die Textstellen, die ich in der Projektion im Aufzug gesehen hatte. „Wärst du eine Outsiderin, stünde hier nicht dein Name. Wärst du eine Outsiderin, wäre hier ein einfacher Fleck. Siehst du hier einen Fleck? Du bist keine Outsiderin. Du bist Teil eines Plans. Dein Opfer wird die Menschen verängstigen. Dein Tod wird die Menschen daran erinnern, wie wichtig es ist, dem System zu folgen. Linda, Gerrit, Deonthes, sie alle waren Teil des Plans. Im Grenzland hatte ich keinen Einfluss auf dich, nicht zuletzt, weil du unter den Outsidern lebtest.“ Der Künstler zeigte mir einige Seiten in seinem Buch, auf denen sehr viele Tintenflecke zu sehen waren. „Deshalb war es besonders wichtig, dass ich dir schon vorher die Sehnsucht einpflanzte. Du durftest Linda und Gerrit nicht vergessen. Du musstest Sehnsucht nach ihnen haben. Als du Sektor zwei erneut besuchtest, pflanzte ich dir den Plan ein. Denkst du ernsthaft, dass du selbstständig auf die leichtsinnige Idee gekommen wärst, dich von einer Patrouille einfangen zu lassen? Glaubst du ernsthaft, dass sie dich zu mir gebracht hätten, wenn ich es nicht von vornherein so gewollt hätte? Sie hätten dich sofort getötet, wenn du nicht meinen Plan verfolgt hättest. Du kannst nichts verändern. Ich gebe zu, du hast einen starken Charakter. Es war nicht immer einfach, dich zu lenken und ich konnte nicht unterbinden, dass du tatsächlich Hass auf das System bekamst. Umso erfreulicher finde ich es, dass du nichts daran ändern kannst.“

 

 

Ich war geschockt. Mein ganzes Leben war eine Lüge. Teil eines perfiden Plans. Ein Spiel, das er trieb, um sein System am Leben zu erhalten, um Macht auszuüben, Macht zu behalten. Ich entschloss mich, ihn anzugreifen, doch als ich von dem Stuhl aufstehen wollte, fiel ich zu Boden. „Sei nicht dumm, Beatrice. Denkst du, ich hätte damit nicht gerechnet?“ Er stand auf und trat mit seinem Fuß auf meine Hand. Schmerzerfüllt schrie ich auf. „Du bist keine Outsiderin. Du wirst nichts ändern. Du bist allein und hilflos.“ Ich begann, zu wimmern, weshalb er sich zu mir beugte. Leidend vor Schmerz flüsterte ich zu ihm: „Sie haben Recht. Ich werde nichts ändern. Und wenn sie es sagen, dann bin ich wohl auch keine Outsiderin. Aber dann bin ich genauso wenig dumm.“ Er schaute mich an und trotz des Schmerzes konnte ich lächeln. „Was soll das bedeuten?“ – „Wissen Sie das nicht? Steht das nicht in ihrem Buch?“ Er trat erschrocken einige Meter zurück und schaute in dem Buch nach. Einige Zeit verstrich, in der ich ihn beim Lesen beobachtete. Dann schlug er zornig das Buch zu und warf es auf den Tisch. „Was hat das zu bedeuten?“, brüllte er mich an. Ich grinste und schrie dann mit aller Kraft: „Ich bin nicht allein!“
Die Tür flog auf, einige der Fenster zersprangen, der Künstler schaute sich überrascht und erschrocken um, wollte fliehen, fand aber keinen Ausweg. Von allen Seiten stürmten Outsider in den Raum. Der Künstler griff in deine Tasche, in der er seine Waffe verstaut hatte. Noch bevor er die Waffe ziehen konnte, schnellte ein Pfeil auf den Mann zu und bohrte sich in seinen Bauch. Schlagartig führte er seine Hände zu dem Pfeil. Seine Augen wurden leer, sein Blick langsam starr und Blut lief aus seinem Mund. Er zog den Pfeil aus seinem Bauch, blickte auf den blutigen Pfeil, den er nun vor seiner Brust hielt, schaute dann zu Grace, die den Pfeil geschossen hatte und dann zu mir, ehe er leblos zu Boden fiel.

Grace eilte zu mir und kniete sich neben mir auf den Boden. Auch Severin kam zu uns und hob meinen Kopf an. Ich bündelte meine letzten Kräfte und zeigte auf das Buch, das auf dem Tisch lag. Grace lief zu dem Tisch, nahm Buch und Feder und ging dann zum Körper des Künstlers, um sein Blut benutzen zu können. Ich sah, wie sie etwas aus dem Buch ausstrich. Dann spürte ich meine Beine wieder, konnte mich wieder bewegen und spürte, wie ich wieder zu Kräften kam. Ich rappelte mich auf. Die Outsider im Raum standen um mich herum und jubelten. „Du hast dir ganz schön viel zeit gelassen, junges Fräulein“, schimpfte Grace spaßhaft. Ich schmunzelte und nahm ihr dann das Buch und die Feder ab. Ich ging langsam auf die Körper meiner leiblichen Eltern zu. Zunächst kniete ich mich neben meine Mutter. Sie sah mir so ähnlich. Ich trauerte einen Augenblick und schloss mit meiner Hand ihre Augen, in denen noch immer einige Tränen standen. Dann hockte ich mich zu meinem Vater, schloss seine Augen und schaute ihn noch eine Weile an. Grace und Severin setzen sich zu mir. „Was ist hier passiert, Bea?“
Ich erklärte ihnen alles, erzählte, dass ich keine Outsiderin war, erzählte von seinem Plan und dass dies meine leiblichen Eltern waren. Ich erzählte, dass es mir gelang, die anderen Outsider herzulocken, weil er im Grenzland keinen Einfluss darauf hatte, wie ich den Plan, den er mir eingepflanzt hatte, umsetze. Dann erzählte mir Grace, wie die anderen Outsider uns von der Quelle des Flusses im Wald verfolgt hatten, wie es geplant war, wie sie dem Wagen folgten und auf das gut gesicherte Grundstück des Künstlers gelangen und wie sehr sich eine Dame im Schwesternkleid über diese Befreiung gefreut hatte. Severin fügte noch hinzu, wie lange sie auf mein Signal gewartet hatten, wie lange einige Outsider auf dem Dach des Turmes darauf gewartet hatten, endlich durch die Fenster stürmen zu dürfen.

Ich umarmte die beiden und bedankte mich bei allen anwesenden Outsidern. Dann nahm ich das Buch und die Feder in die Hand und ging zum Körper des Künstlers. „Was hast du vor, Bea?“, wollte Grace wissen. Ich drehte mich zu ihr um. „Ich werde zum Ghostwriter und schreibe dieses Buch zu Ende. Aber vorher möchte noch etwas probieren.“ Mit der verletzten Hand öffnete ich das Buch, mit der anderen tauchte ich die Feder in das Blut des Künstlers. Zuerst strich ich den Tod meiner Eltern aus dem Buch, die beiden abgegebenen Schüsse und dass sie überhaupt zum Turm bestellt wurden. Als ich mich umschaute, waren die Körper meiner Eltern verschwunden. Dort wo sie gelegen hatten, sah ich nun zwei große Tintenflecke. Ich lächelte. Langsam schwanden auch meine Erinnerungen an die beiden. Zwar wusste ich noch, dass Linda und Gerrit nicht meine leiblichen Eltern waren und dass diese gerade auf dem Weg in meinen Heimatsektor waren, doch ich erinnerte mich nicht mehr an sie. Es war, als wären sie nie hier gewesen, als hätte ich sie nie gesehen. Erneut tauchte ich die Feder in das Blut, das aus dem Körper des Künstlers auf den Boden geflossen war. Ich setze die Feder an, schrieb ein einziges Wort, wartete dann einen Moment, damit das Wort trocknen konnte. „Lasst uns nach Hause gehen“, sagte ich zu meinen Freunden. Dann klappte ich das Buch zu.

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