Memories remain – Erinnerungen bleiben

Es war ein Dienstag. Marvin hatte Geburtstag. Es war sein siebter Geburtstag. Zusammen mit seiner Mutter, seiner vierjährigen Schwester Marie, seinem Vater, seinen Großeltern und seinen Geburtstagsgästen saß er am Wohnzimmertisch um die Torte herum. „Und nun puste alle Kerzen aus und wünsch‘ dir was“, sagte seine Mutter. Marvin pustete alle Kerzen aus, kniff die Augen zusammen und wünschte sich etwas… ganz für sich, im Stillen. Anschließend wurde die Torte angeschnitten. Jeder bekam ein Stück, dann wurde gespielt. Für Marvin einer der schönsten Tage seines Lebens.

Nur wenige Monate später, Marvin war gerade in seinem Zimmer mit dem Spielen fertig und wollte nun ins Wohnzimmer, belauschte er einen Streit. Seine Mutter und sein Vater schrien sich an. Marvin war froh, dass er längst nicht alle Wörter kannte, die dort fielen. Er wusste, dass es unschöne Worte waren. Noch während seine Eltern stritten, schlich er sich zurück in die obere Etage, öffnete leise die Zimmertür seiner Schwester und spähte hinein. Sie schlief. Marvin hörte, wie unten eine Tür geknallt wurde. Schnell verließ er das Zimmer, ging in sein eigenes und legte sich ins Bett. Es war still geworden. Die Decke bis zum Hals gezogen lauschte Marvin. Er hörte, wie jemand die Treppe hinauf kam. Wenige Sekunden später öffnete sich seine Zimmertür. Marvin schloss die Augen, tat so, als würde er schlafen. Er bemerkte, dass sich jemand auf die Bettkante setzte. Jemand schluchzte. Es war seine Mutter. „Marvin? Schläfst du?“, sie weinte. Er reagierte nicht darauf. „Papa und ich haben uns gestritten“, sie begann zu erzählen, „wir haben uns viel gesagt, was uns sehr wehgetan hat. Papa hat viele Sachen gesagt, die mich traurig machen. Er hat mich sogar am Arm gepackt und mir wehgetan.“ Sie weinte und schwieg eine Weile. Er spürte ihr Lippen auf seiner Stirn und eine Träne, die auf sein Gesicht fiel. Dann bemerkte er, dass seine Mutter aufstand und zur Tür ging. „Manchmal ist es schade, dass du nicht wirklich hörst, was ich sage, wenn du schläfst. Aber manchmal ist es besser. Gute Nacht, Marvin.“ Dann verließ sie den Raum.

Es vergingen Wochen. Marvin merkte, dass etwas anders war. Es blieb ruhig beim Frühstück, sein Vater verschwand am Vormittag, manchmal kam er den ganzen Tag nicht zurück nach Hause. Irgendwann blieb er Tage weg, doch weder Marvin noch seine Schwester trauten sich, nachzufragen. Nach und nach packte er sich immer mehr Sachen ein. Irgendwann kam er gar nicht mehr wieder. „Ist Papa ausgezogen?“, fragte Marvin seine Mutter mal. Sie nickte stumm und ging dann in einen anderen Raum, um „aufzuräumen“, wie sie es immer nannte. Aber Marvin wusste, dass sie heimlich weinte, sobald sie die Tür geschlossen hatte. Manchmal klopfte Marvin nach ein paar Minuten an der Tür, doch seine Mutter sagte immer: „Jetzt nicht rein kommen, ich räume gerade hinter der Tür auf.“ Deswegen ließ Marvin sie.

Ein paar Wochen vergingen, bevor ein Gerichtstermin anstand. Es wurde über das Sorge- und Umgangsrecht entschieden. Marvin und Marie kamen auch mit zum Gericht, blieben aber außerhalb des Verhandlungsraumes.

Es dauerte eine Weile, aber dann wurde verabredet, dass Marvin und Marie jedes zweite Wochenende zu ihrem Vater in seine neue Wohnung durften, das Sorgerecht erhielt jedoch die Mutter. Sichtlich enttäuscht von der Trennung von Marvins Eltern war seine Großmutter Erika, die Mutter von Marvins Vater. Erika war eine liebe alte Dame, quasi eine Bilderbuchoma, aber Marvin liebte alle seine Großeltern gleich doll. Oma Erika wohnte mehr als 100 Kilometer von Marvin und Marie entfernt, sodass sie sich zunächst nur selten sahen, doch nach der Trennung seiner Eltern kam sie Marvin und Marie häufiger besuchen, egal ob die beiden gerade bei ihrer Mutter oder an den vereinbarten Wochenenden bei ihrem Vater waren, sodass das Band zwischen ihr und ihren Enkelkindern größer wurde. Es funktionierte länger als ein Jahr so, dass sie jedes zweite Wochenende zu ihrem Vater fuhren und dass sie Oma Erika regelmäßig sahen und sogar zu Marvins 8. Geburtstag war sein Vater erschienen. Auch bei Maries Geburtstag waren beide anwesend.

Bald wendete sich das Blatt.

Es war ein Nachmittag am Wochenende, Oma Erika war gerade wieder nach Hause gefahren, als ihre Mutter Marvin und Marie ins Wohnzimmer rief. Sie setzten sich aufs Sofa. „Papa hat jetzt nicht mehr jedes zweite Wochenende Zeit“, erklärte die Mutter. Marie weinte, doch Marvin versuchte stark zu bleiben und nicht vor seiner Mutter und seiner Schwester zu weinen. Nachdem sie eine Weile im Wohnzimmer saßen, ging Marvin in sein Zimmer, legte sich mit seinem Stofftier ins Bett. Erst jetzt begann er zu weinen, jetzt wo es niemand mehr bemerkte.

Am nächsten Morgen wünschte sich Marvin, seinen Vater anzurufen und ihn persönlich zu fragen, warum er nicht mehr so viel Zeit hatte. Seine Mutter tippte die Nummer ein und gab das Telefon dann Marvin. Es klingelte eine Weile, doch dann ging die Mailbox ran. „Es geht niemand ran“, sagte Marvin und schmollte. Seine Mutter versuchte es die nächsten Tage immer wieder, doch sie erreichte ihn nie. „Lass uns Oma anrufen und mal nachfragen“, schlug seine Mutter vor. Marvin war einverstanden. Nach einem kurzen Telefonat brachte Marvins Mutter in Erfahrung, dass sein Vater eine neue Handynummer hat. Sein altes Handy sei ihm gestohlen wurden. Oma Erika hatte ihr die neue Nummer gegeben, sodass sie ihn anrufen konnte. In dem folgenden Gespräch klärte sich, dass sein Handy ihm abhanden gekommen ist und er sich deshalb ein neues kaufen musste. Außerdem versicherte er, dass er nicht mehr so viel Zeit für seine Kinder hätte, weil er nun wieder arbeiten geht. Marvin blieb nichts anderes übrig, als das hinzunehmen.

Nachdem sich sein Vater über zwei Wochen lang nicht mehr gemeldet hatte, wollte Marvin abermals mit ihm reden, doch auf die Anrufe zeigte er keine Reaktion. Marvins Mutter ruf abermals Oma Erika an. Wieder hätte er sein Handy verloren und eine neue Nummer, die Oma Erika ebenfalls gerne herausgab. Doch auch auf die Anrufe reagierte er nicht. Auch an Marvins nächstem Geburtstag rief er nicht an, um zu gratulieren.

Als wäre das noch nicht genug gewesen, kam einen Tag später eine weitere schlimme Nachricht. Oma Erika wurde ins Krankenhaus eingeliefert, man habe bei ihr Leukämie festgestellt und müsse sofort versuchen, dies zu behandeln. Seine Mutter hatte dies natürlich etwas freundlicher formuliert, als sie das ihren Kindern erklärte. „Und deswegen kann Oma Erika uns in nächstes Zeit nicht mehr so häufig besuchen kommen“, sagte sie. Der Kontakt zu Marvins Vater brach vollständig ab und da Oma Erika im Krankenhaus lag und viel zu weit weg wohnte, wurde es auch schwierig, sie zu sehen.

Man versprach ihr großartige Erfolgschancen, den Krebs zu besiegen. Zwar dauerte es eine Weile, aber bald konnten Marvin und Marie sie wiedersehen. Sie sah anders aus. Durch die Therapie hatte sie alle Haare verloren und war deutlich dünner geworden. Sie trug eine Perücke, ihre Augenbrauen waren aufgezeichnet, doch Marvin und Marie war das egal, sie freuten sich, dass sie ihre Oma wiedersehen konnten, doch der Kontakt zu ihrem Vater blieb abgebrochen. Oma Erika kam wieder öfters vorbei, fuhr mit Marvin und Marie mit einem Dampfer über den See, besuchte den Tierpark.

Marvin wurde neun Jahre alt. Oma Erika hatte einen großen Kuchen gebacken und sogar eine Hüpfburg ausgeliehen, die nun im Garten stand. Marvin strahlte über das ganze Gesicht und vergaß, dass sein Vater sich gar nicht bei ihm meldete. Es war der wohl schönste Geburtstag seiner Kindheit.

Oma Erika musste erneut ins Krankenhaus, sie hatte den Krebs nicht vollständig besiegt. Der Kontakt wurde wieder schlechter, brach schließlich eine Weile vollständig ab, da es ihr sehr schlecht ging. Es kam der Tag, an dem Oma Erika Geburtstag hatte. Da es schwer wurde, sie zu besuchen, wollte die Mutter von Marvin sie zumindest anrufen, auch Marvin und Marie wollten ihr zum Geburtstag gratulieren. Gespannt saßen die drei im Wohnzimmer, während seine Mutter die Nummer wählte. Es dauerte nicht lange, bis jemand das Telefon abhob. Marvin und Marie schauten ihre Mutter an, doch diese stand vom Sofa auf und eilte aus dem Raum, ließ Marvin und Marie unwissend zurück.

Es dauerte etwa eine viertel Stunde bis ihre Mutter ins Wohnzimmer zurückkam. Sie hatte bereits aufgelegt und schaute ihre beiden Kinder nun an. „Ich muss euch etwas sagen“, begann sie. Marvin fing sofort an zu weinen, er hatte bereits erahnt, worum es gehen könnte. Seine Mutter erklärte den beiden, was eben am Telefon passiert ist.

„Es war nur Opa zu erreichen.“ – Opa war eigentlich nicht ihr richtiger Opa, aber er und Oma Erika haben vor mehr als 15 Jahren geheiratet, also noch vor Marvins Geburt. – „Ihr wisst beide, dass Oma ganz doll krank war und dass sie schon einmal behandelt wurde. Die Behandlung hat nicht funktioniert und Oma ist wieder krank geworden. Dieses Mal war es noch doller und es ging ihr ganz schlecht. Opa hat gesagt, dass sie euch ganz doll liebt.“ – „Was ist mit Oma, Mama?“, fragte Marie. In vielen, langen Sätzen erklärte sie ihren Kindern, dass ihre Oma infolge ihrer Leukämie verstorben ist und dass dies nicht erst vor Kurzem passierte, sondern schon eine Weile her ist. „Euer Vater hatte eigentlich die Aufgabe, euch das zu sagen. Aber er hat es nicht getan.“ Mittlerweile weinte auch Marie und auch ihrer Mutter standen die Tränen in den Augen.

In den nächsten Wochen saß Marvin oft in seinem Zimmer auf dem Fußboden und schaute sich alte Fotos an. Sie zeigten ihn, seine Schwester, seine Mutter und Oma Erika. Die Fotos von seinem Vater hatte seine Mutter heimlich aussortiert. Oft weinte Marvin und auch Marie weinte immer wieder. Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass jemand aus der Familie verstarb, tat es jedes Mal wieder weh. Marvin wusste, dass der Schmerz nie weniger werden würde. Die Erinnerungen bleiben.

~ 8 Jahre später ~

Es war Ende Januar. Acht Jahre waren vergangen, ohne dass Marvin, Marie oder ihre Mutter Kontakt zu ihrem Vater hatten. Die beiden Kinder waren mittlerweile herangewachsen, Marvin ging aufs Gymnasium und auch Marie hatte die Grundschule schon längst beendet. Obwohl er inzwischen 17 Jahre alt war, dachte Marvin noch häufig an seine verstorbene Großmutter, manchmal verlor er auch noch ein paar Tränen. Da er nun älter war, hatte seine Mutter ihm die Geschichte von damals noch einmal genauer erzählt. Marvin erfuhr nun, dass sein Vater seine Mutter nicht nur geschlagen, sondern auch bedroht hatte. Während Marvin sich auf die Schule konzentrierte, war seine Schwester den ganzen Tag unterwegs, traf sich mit Freundinnen in der Stadt oder schaute Freunden beim Fußballtraining zu. Eines Abends kam sie nach Hause und lief sofort zu ihrer Mutter. „Mama, ich glaube, ich habe Papa heute gesehen. Er ist der Trainer in der Fußballmannschaft von Fabi.“ – Fabi war ihr großer Schwarm. Er ging in dieselbe Klasse und Marie fuhr immer mit zu seinem Fußballtraining. Es stimmt. Ihr Vater war schon damals Fußballtrainer, aber niemals hätte ihre Mutter gedacht, dass er das über all die Jahre durchhalten würde.

In den nächsten Wochen bestätigte sich der Verdacht – es war ihr Vater. Marie arbeitete daran, den Kontakt wieder aufzubauen. Sie war damals zu klein, um alles mitbekommen zu haben, was passiert ist, einige Sachen hatte sie vergessen, andere verdrängt. Während sie wieder Kontakt zu ihrem Vater hatte, geriet Marvin immer stärker ins Grübeln. Er konnte nicht verstehen, wie sie einfach so über das hinwegsehen konnte, was passiert war. Sie mag nicht wissen, was er ihrer Mutter angetan hat, sie mag verdrängt haben, dass es seine Aufgabe gewesen wäre, die beiden über den Tod ihrer Oma, seiner Mutter, zu informieren. Aber sie kann unmöglich vergessen haben, dass er neun Jahre lang nicht da war und neun Jahre lang nicht seine Aufgaben erfüllt hat. Marvin sah ihn nicht als seinen Vater. Er war nie da gewesen, als er ihn gebraucht hätte, hat nicht zu seiner Erziehung beigetragen, er wusste ja nicht einmal, dass Marvin aufs Gymnasium geht.

Nach einer Weile nahm auch seine Mutter wieder Kontakt zu seinem Vater auf, er selbst sträubte sich dagegen.

Mitte April versuchte sein Vater, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Er rief am Abend bei Marie auf dem Handy an, als sie jedoch an ihren Bruder weiterleiten wollte, lehnte Marvin ab. „Ich bin jetzt zu müde und gehe ins Bett“, sagte er, was er dann wirklich tat. Es vergingen wieder zwei Wochen, bevor Marvin einen Entschluss fasste. Er schrieb seinem Vater einen Brief.

Hey… 

es hat lange gedauert bis ich mich dazu überreden konnte, dir zu schreiben. Ich hoffe, dass du das irgendwie nachvollziehen kannst. Ich kann nicht behaupten, dass du nicht versucht hast, wieder Kontakt zu mir zu haben. Es ging nicht darum, dass ich nicht mit dir telefonieren wollte, aber ich war an dem Abend einfach zu müde. Ein Grund, warum ich erst jetzt schreibe, ist sicher, dass ich warten wollte, ob du dich nochmal bei mir meldest. Ich habe viel erzählt bekommen, habe viel nachgedacht und bin nun zu dem Ergebnis gekommen, dir doch zu schreiben. Ich will nicht sagen, dass ich nachtragend bin, aber ich habe nur die Sachen aus der Vergangenheit, um dich irgendwie zu „bewerten“. Was davon wahr ist und was nicht, ist mir vollkommen egal, weil ich mir mein Bild von dir gemacht habe. Ich will dich nicht als schlecht abstempeln. Ich denke du weißt ganz gut, wie meine Meinung zu dir ist/war. Noch vor ein paar Wochen habe ich mir gesagt, dass ich dich nicht mehr brauche, wenn ich meine ganze Jugend ohne dich verbracht habe. Ich war der festen Überzeugung, dass ich das halbe Jahr bis ich 18 bin auch noch ohne dich schaffe. Das hat sich aber jetzt erledigt, weil ich immer mehr gemerkt habe, dass ich nicht mehr klar komme. 

Uns beiden fehlt eine Zeit von, ich glaube, 9 Jahren. Irgendwann habe ich aufgehört, dich meinen „Vater“ zu nennen, weil du für mich kein Vater mehr warst. Du warst nie da. Ich will dafür keinen Schuldigen finden, dann hätte ich dich niemals angeschrieben. 9 Jahre ist eine lange Zeit. Ich bezweifle, dass man diese Zeit aufholen kann, aber man kann zumindest verhindern, dass daraus 10 Jahre werden. Ich weiß nicht viel von deiner Geschichte. Ich weiß nicht, was du in den letzten 9 Jahren gemacht hast. Ich weiß nicht, ob du mich zwischendurch vergessen hast. Das ist mir auch egal. Mama hat gesagt, du hast meinetwegen geweint.

Wenn du willst, können wir uns irgendwie absprechen. Am liebsten erst einmal am Telefon. Ich habe aber drei Bedingungen. 1. Versuche nichts an meiner Meinung zu ändern. Das Bild, was ich von dir habe, wird sich nicht mehr ändern. 2. Zwing mich nicht zu irgendetwas. 3. Ich bestimme das Tempo. Wenn ich mich nicht mit dir treffen will, lass mir die Zeit. Es hat mich viel Überwindung gekostet, dir überhaupt zu schreiben.

Marvin

 

Marvin gab den Brief seiner Schwester mit, damit sie ihn ihrem Vater geben konnte. Dann hieß es warten. Tage… Wochen…

Irgendwann telefonierte er mit seinem Vater, sie sprachen sich etwas aus. Marvin stellte klar, dass man die vergangenen neun Jahre nicht nachholen könnte, sein Vater stimmte zu. Der Kontakt zwischen Marvin und seinem Vater war zwar selten, aber er war vorhanden.

Einige Monate später. Es war Marvins 18. Geburtstag. Seine Mutter hatte seinen Vater als Überraschungsgast eingeladen und er kam tatsächlich! Marvin und er sprachen sich aus und erstmals hatte Marvin Hoffnung, dass der Kontakt wieder bestehen könnte. Anschließend wurde ordentlich gefeiert. Dieser Geburtstag war Marvins schönster Geburtstag in seiner Jugend.

Nach einigen Monaten nahm der Kontakt zwischen Marvin und seinem Vater wieder stark ab. Auch Marie verlor ihn langsam wieder aus den Augen. Marvin begann darüber nachzudenken, ob er etwas falsches gesagt hatte. Immer wieder weinte er deswegen, dachte darüber nach, verschloss sich gegenüber Freunden. Ein Schicksalsschlag riss ihn aus seinen Gedanken.

Es war ein ruhiger Freitagmorgen, Marvin war rechtzeitig aufgestanden, um sich für die Schule fertig zu machen. Als er aus der Dusche kam, war ihm plötzlich schwindelig. Er dachte sich nichts weiter dabei, schließlich hatte er das bereits öfters gehabt, trocknete sich in aller Ruhe ab und zog sich an. Als er das Bad verließ, wurde ihm plötzlich schwarz vor Augen. Er fiel zu Boden.

Seine Mutter hörte den Aufprall und eilte herbei. Sie reagierte sofort, rief einen Krankenwagen, der einige Minuten später vor der Tür hielt.

Marvin wurde ins Krankenhaus gebracht und umfangreich untersucht. Man stellte bei ihm einen Fehler im Herzen fest, der unter anderem zu Herzrhythmusstörungen führte. Der Arzt riet von einer medikamentösen Behandlung ab und wies darauf hin, dass ein medizinischer Eingriff notwendig wäre, um den Fehler zu beheben. In einem Aufklärungsgespräch wies er Marvin auf mögliche Risiken eines solchen Eingriffes hin. Marvin entschied sich schließlich dafür.

Währenddessen hatte seine Mutter seinen Vater über den Vorfall informiert. Nach dem Gespräch mit dem Arzt rief Marvin seinen Vater an. Er versprach seinem Vater, ihn über den Operationstermin zu informieren. Sein Vater versprach, dann ebenfalls ins Krankenhaus zu kommen.

Der Tag des Eingriffs war gekommen. Marvin hatte seinen Vater rechtzeitig vorher darüber informiert. Am Morgen saß er mit seiner Mutter und seiner Schwester im Krankenhaus. Sein Vater war noch nicht da. Marvin wurde von einem Pfleger abgeholt und auf den Eingriff vorbereitet. Er musste sich hinlegen und wurde dann in den OP gefahren. Seine Mutter begleitete ihn bis zur Tür. „Ist er schon da?“, fragte Marvin seine Mutter hoffnungsvoll. Sie schüttelte den Kopf. Dann ging die Tür zu.

Es dauerte eine Weile, seine Mutter und seine Schwester warteten ungeduldig vor dem OP-Raum. Irgendwann ging die Tür auf. „Sind Sie die Mutter?“, wollte der Arzt wissen, der aus dem Saal kam. Sie stand auf und stellte sich vor, dann fuhr der Arzt fort. „Es ist alles gut verlaufen und es gab keine Komplikationen. Ihr Sohn muss aber dennoch noch ein bisschen hier bleiben. Er wird nun auf sein Zimmer gebracht.“

Sie folgten dem Arzt in ein Zimmer des Krankenhauses und warteten, bis Marvin endlich aufwachte. Seine Schwester war die erste, die es bemerkte. Durch ihren Aufschrei wurde auch seine Mutter darauf aufmerksam. Es dauerte noch etwas, bis Marvin seine Augen richtig öffnen konnte und noch etwas länger, bis er sprechen konnte. „War er hier?“, war seine erste Frage, die er nach der Operation stellte. Seine Mutter nahm seine Hand, seine Schwester die andere. Schonend brachten sie ihm bei, dass sein Vater nicht vorbeigekommen war, dass seine Mutter mehrfach versucht hatte, ihn anzurufen, aber ihn nicht erreichen konnte und dass er sich nicht mehr gemeldet hat. Marvin war noch zu schwach, um sich aufzuregen. Nach einem Gespräch mit seiner Mutter und dem Arzt, schloss er die Augen und schlief wieder ein. Eine Träne rollte seine Wange herunter.

Marvin und Marie sahen ihren Vater niemals wieder.

                   

In tribute to my grandmother († 2006). Rest in Peace.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.